16.03.2026 · Texte. Aller Art.
Wünschen und Wollen.
Programmtext für Frauenliebe und -sterben von Robert Schumann / Béla Bartók / Alexander Zemlinsky an der Hamburgischen Staatsoper.
Die Zeiten ändern sich, der Ort nicht. Schumanns Liederzyklus Frauenliebe und -leben – 1840: die Gefühle der namenlosen Frau kreisen um die Bedürfnisse eines Mannes. Ein Jahrhundert später bringt der jetzige Hausherr, Herzog Blaubart, eine neue Frau mit nach Hause – zwei mysteriöse Fremde, die sich magisch anziehen. Und wieder ein Zeitsprung: ins bürgerlich liberale Ehekonstrukt der Florentinischen Tragödie, wo eine ménage à trois eskaliert. Begehren wir in allen Zeiten gleich?
Wünschen und Wollen.
Frauen wurden und werden zum Wünschen erzogen. Männern wird Wollen beigebracht. Immer geht es um die Zukunft. Immer geht es darum, was und wie das Leben sein soll. Verlaufen soll. Was das Leben gewesen sein wird.
Wünschen und Wollen sind Denk- und Fühlbewegungen, für die es die grammatikalische Kategorie der Vorzukunft gibt. Vage Entwürfe von dem, was sein soll, werden uns in der Vorzukunft als fast schon vergangen vorgelegt. Entwürfe sind das, in denen das konstruiert wird, was wir dann soziales Geschlecht nennen. Und die Musik. Die Oper. Die Kunst überhaupt. Da werden diese Entwürfe aufgenommen und zur Erscheinung gebracht. Die so ungeheuer komplexe Wirklichkeit im Wünschen und Wollen wird in der Kunst, in der Literatur und der Musik ebenso komplex umgesetzt. Aber. Unser immer noch weitgehend religiös auktoriales Lesen all dieser Mitteilungen hindert uns oft am Begreifen. Damit wird uns das Betreten der Moderne schwierig gemacht. An den Konzertprogrammen können wir die Dauerhaftigkeit solcher Schwierigkeit ermessen, wenn die Musikstücke der Moderne vor die Pause gelegt werden müssen, und die große Symphonie erst nach der Pause aufgeführt werden wird. Die Rückführung auf die Person selbst. Wie das die Moderne und die Spätmoderne sich so wünschen. Diese Rückführung beträfe ja auch je das Geschlecht der wahrnehmenden Person.
Unlängst im Wiener Musikverein. Im Satz des Konzertbesuchers hinter einer, „Na. Den Zemlinksy brauch i ned.“ Und dann der tiefe Seufzer darüber, dieses Musikstück über sich ergehen lassen zu müssen, um an die Mahlersymphonie zu kommen. Alles Patriarchat ist in diesem Seufzer enthalten. Das Patriarchale. Dieses Patriarchale. Es geht auf die Romantik zurück und erfrischt sich da. Jedes Mal.
Und die Oper? Die ist eine veritable Kulturgeschichte der Geschlechterpolitik, die durch Dekonstruktion zu immer neuen Erkenntnissen führen kann. Oder könnte.
Nun. Wir können uns heute schwer vorstellen, wie das einmal gewesen sein muss. In feudalen Verhältnissen mit christlicher Moral zu leben. Wie Geschlecht da gelebt wurde. Wenn die Zukunftsentwürfe davon beherrscht waren, welchem Stand eine Person angehört. Welcher Religion diese Person folgte. Was die Familie von der Person erwartet, die ausschließlich durch den Vater repräsentiert war. Wir ahnen zwar wieder, wie sich das anfühlt, in einer ständischen Gesellschaft zu leben. Wie das ist, wenn Untertanenschaft den Grund für alles zu Entscheidende legt. Aber. Noch können wir das im Konjunktiv besprechen.
Wir heute. Hier. In der Mitte Europas. Wir leben fast unbehelligt von solchen Überlegungen. Freiheit ist das noch nicht. Aber es ist in der Auflösung der feudalen Institutionen und der Entwicklung unserer Staaten in liberale Demokratien doch gelungen, den Wunsch auf freie Liebeswahl zu erfüllen. Ein Wunsch war das, der jahrhundertelang die Sehnsucht nach Freiheit symbolisierte. Ein Mann, so dachte man im Sturm und Drang etwa. Ein Mann sollte das Objekt seiner Wahl frei wählen können. Keine ständischen Zwänge sollten sich mehr zwischen ihn und seine Liebe drängen.
„Die Leiden des Jungen Werther’s“ erschien 1774. In dem europaweiten Bestseller sah der Held damals keinen Ausweg aus der, ihn umschliessenden gesellschaftlichen Enge als das eigene Leben selbst zu beenden und aus diesem irdischen Leben in ein jenseitiges zu flüchten. Dann. Gleich 1798 fegte die französische Revolution zwar kurz alles Ständische hinweg. Aber. Die nun die Freiheit feiernden Männer und Frauen der Revolution. In der Verfassung von 1791 wurden die Frauen schon nicht als Bürgerinnen anerkannt. 1793 wurden die Revolutionärinnen dann verfolgt und hingerichtet. Und in der nachfolgenden reaktionären Politik. Im code civil wurde dem Bürger die Hausvaternschaft übertragen. In Nachstellung der Staatsordnung wurde der Bürger zum Souverän im eigenen Haus ernannt, damit er den Monarchen im Staat nicht in Frage stellen sollte. Die Frauen wurden zur Ruhigstellung des Bürgers benutzt. In der Habsburg Monarchie galt diese Hausvaternschaft von 1811 bis 1975. In Frankreich wurde der code civil 1804 eingeführt und gilt bis heute. 1970 ersetzte da die elterliche Gewalt die väterliche Gewalt. 1985 wurde in Frankreich die Klausel abgeschafft, nach der der Ehemann der alleinige Verwalter des ehelichen Vermögens war. Olymp de Gouge hatte alle diese Maßnahmen schon 1791 in ihrer „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ in der Revolution verlangt. Alle diese Daten beschreiben uns, wie lange es brauchte und immer noch brauchen kann, diese demokratische Person herzustellen, die sich auf alle Grundrechte berufen kann. Also auch ohne Rücksicht auf das Geschlecht am staatlich gesellschaftlichen Leben teilnimmt.
Und dann. Im 19.Jahrhundert und weit in das 20. Jahrhundert. Während die Männer um die Demokratie kämpften. Darum, als Person anerkannt zu sein und nicht als Mitglied eines Stands. Einer Zunft. Einer Sprachgruppe. Während also der Kampf um die Mitbestimmung im Staat tobte. Der Hausvater blieb uneingesprochen an der Macht in seinem Kosmos der Pflege. Während den Monarchen die Macht im Staat in winzigen Schritten abgerungen wurde und im Ersten Weltkrieg vollständig zu Fall gebracht wurde. Oder. Sich selbst zu Fall brachte. Die Monarchien wurden aufgelöst. Die neuen Republiken. In Österreich und Deutschland gab es das Frauenwahlrecht wohl gleich. Im Kosmos des Öffentlichen wurde die Frau so zur Erscheinung gebracht. Im Familienrecht. Wie beschrieben. Der code civil blieb bis 1975 erhalten. Der Hausvater blieb weiter alleiniger Herrscher im Kosmos der Pflege.
Und so. Die Erinnerung daran, wie es war, unter einem Hausvater gelebt zu haben ist gerade noch aufrecht. Wir haben ein sich erinnerndes Wissen daran, wie es ist, wenn der Vater als Hausvater das Leben seiner Frau und der Kinder bestimmt. Wir wissen noch, wie es ist, wenn der über das Leben seiner Frau und der Kinder bestimmen kann. Wenn ihn diese Herrschaft in den Besitz der Familie versetzt. Wenn dieser Besitz dem Hausvater seine Macht symbolisieren muss, weil er sonst keine hat. Wenn in einer Kaskade der Macht, der einzelne Mann als Hausvater den Monarchen im Kosmos der Pflege immer noch nachstellen kann, während er im Kosmos des Öffentlichen auf seiner eigenen Gleichberechtigtheit bestehen kann. Die Arien der Männer Lulus in Alban Bergs Oper erzählen uns von der Verzweiflung, die Herrschaft über diese Frau nicht zu erlangen. Ex negativo wird uns von dieser Herrschaft berichtet. Und dann. Die Frau, die sich der Herrschaft der hausväterlichen Allgewalt über sie entzieht. Sie darf nicht ins Abendrot entschweben. Niemand Geringerer als Jack, the Ripper wird herbeigerufen, die Strafe für ihre Unbotmäßigkeit zu vollziehen. Lulu will ihre Wünsche verwirklicht sehen. Lulu will. Die Bestrafung dafür sind in der Musik extreme Dissonanzen und Lautstärken. Das Versinken in Elend und Gewalt als Folge weiblichen Wollens wird uns vorgeführt. Das ist ein Zustandsbericht der Geschlechterpolitik. Hier liegt auch noch der Rückgriff auf die Wedekindtexte vor. Die wurden um die Jahrhundertwende 1900 geschrieben. Alban Berg verwendet diese Texte in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wir sehen, solche Zustandsberichte sind höchst subjektiv und müssen in Beziehung gesetzt werden. Die Analyse der Ästhetik gibt da Auskunft über die Geschichtlichkeit.
Nun. Warum muss das Begehren von Lulu mit dem Tod bestraft werden? Nur weil sie will? Und ja. Doch. Dieses Wollen ist die Überschreitung des, einer Frau erlaubten Bezirks des Wünschens. Dieser Bezirk wird aus vielen Bestandteilen konstruiert. Da ist die überkommene Geschichte des Christentums. Im Christentum ist die Sexualität der Frau die Verdammung des Manns. Das beginnt mit der Vertreibung aus dem Paradies und wird darin auf die Spitze getrieben, dass die Ausübung von Sexualität selbst in der Ehe ausschließlich das Ziel der Zeugung haben darf. Lust ist eine Sünde. Augustinus schreibt ausführlich dazu.
Die Einführung der Hausvaternschaft etwa in Österreich im code civil 1811 wiederum wurde im Sinn der romantischen Philosophie gedacht. Friedrich Schlegel hat da als Legationsrat von Metternich viel zu verantworten. Die katholische Ehe sollte die romantische Forderung an die Ehe erfüllen. „Er atmet. Sie atmet in ihm.“ drückt das Friedrich Schelling aus. Und die katholische Ehe. Das war bis 1918 die einzige Möglichkeit der Eheschließung auch im Nachfolgestaat der Habsburg Monarchie und blieb bis 1939 gültig. Der Hausvater war also – wie der Monarch schon – göttlich beglaubigt. Erst im Anschluss Österreichs an Deutschland säkularisierten die Nationalsozialisten die Beziehung zwischen den Geschlechtern und machte erstmals die Ziviltrauung und die Scheidung möglich. Wir müssen immer mitdenken, dass etwa in einem Text von Grillparzer, Stifter oder Schnitzler, Hoffmannsthal, Rilke, Zweig und in gewisser Weise bis Thomas Bernhard die Unauflöslichkeit der Ehe den Hintergrund abgibt. Das ist in der Musik nicht anders.
Die Lebensbeschreibungen lesen zu können. Zu entschlüsseln, was in den Texten der Musik, der Kunst, der Literatur so selbstverständlich herausgelesen werden kann. Dafür gibt es die Dekonstruktion. Zu dekonstruieren, was unbewußt an Stoff und Inhalt mitgeliefert wird und wie sich das in der Form des Erzählens niederschlägt. Das verschafft uns einen erweiterten Genuss an den jeweiligen Texten. Das vermittelt uns die Teilnahme an Wahrheiten und den Erkenntnisgewinn daraus. Hier. Wir finden heraus, was Frauen möglich war. Welche Verführungen wie mit den Wirklichkeiten kollidierten. Welche Verführungen nichts anderes waren als die Anleitung zur Selbstfesselung in Abhängigkeit. Das wurde dann Liebe genannt und blieb ewig der Wunsch. Als Wollen wurde das zum Besitz. Und die Musik weiß da noch so viel mehr. Auch als gender studies. Oder vor allem als gender studies und wie das Wünschen und Wollen einander im Duett finden. Oder eben nicht. Oder ob sich alles geändert hat und das Wünschen und Wollen nun allen zugänglich geworden ist, und keine Person in den Atem der anderen eingehen muss.
Nun. Alle Texte dieses Abends sind um 1900 verfasst worden. Von Männern. Es berichten also Männer davon, wie Frauen leben und lieben. Und da. Wollten wir nicht längst alles für die Frauen nachgeholt sehen. Aber. Wenn wir uns gerade in aller Intensität mit den Epstein Files beschäftigen müssen, und die Macht so selbstverständlich patriarchal gewalttätig geblieben ist. Dann ist ein solches Patriarchatsstudium der Schritt zurück, um endlich aus diesem Gefängnis in die zu lebende Gegenwart zu gelangen.
Auch als gender Studie. Die Musik wird dann zur eigentlichen Erzählung und wie dann die Wirklichkeiten und die Wünsche
In den uns vorliegenden Verhältnissen in der Welt. Immer geht es auch oder vor allem darum, wie Frauen leben sollen. Wie die jeweilige Macht das den Frauen vorschreiben will. Da ist ein Ausflug in historische Modelle
Und. Es dauert lange, bis Änderungen in der Geschlechterkultur in die Wahrnehmung der Wirklichkeit aufgenommen werden. Das liegt wohl auch daran, dass unsere frühkindlichen Prägungen zu allen Zeiten über uns regieren und wir damit automatisch in einem selbstreaktionären Zustand verbleiben. Auf diesem Zustand kann Ideologie aufbauen und tut das. Diesen Zustand kritisch zu heben und auf die Analyse der Gegenwart anzuwenden. Das wiederum verschafft uns einen Platz in der Spätmoderne und das Vergnügen, Licht in das gesellschaftliche Dunkel bringen zu können, dem wir sonst ausgeliefert blieben.
Aus all diesen gesellschaftlichen, kulturellen, geistesgeschichtlichen und persönlich familiären. Das Prinzessinnensyndrom ist die Notwendigkeit der Frau als Tochter vom Vater gesehen zu werden. Wahrgenommen zu sein. Und. Wenn nun der Vater über Jahrhunderte der König in der Familie war und das in kultureller Übernahme dieser Männlichkeitskonstruktion chauvinistischerweise weiterhin ist, dann werden Frauen in dem Wunsch festgehalten, dem Vater zu gefallen, um von ihm wahrgenommen zu werden. Die Wunscherfüllung wird damit zu einer Jagd nach Hinweisen, die immer nur indirekt die Bestätigung liefern. Am Ende ist es die Liebeserklärung. Die aber ist immer ein Versprechen. Und diese Versprechen im Kosmos der Pflege. So, wie wir leben müssen. Diese Versprechungen sind für die, die sie brechen, folgenlos. Ja. Nicht einmal die Bezeichnung „Verbrecher“ darf angewandt werden, obwohl dies die wörtliche Beschreibung des Vorgangs abgäbe. Die Auflösung des unauflöslichen Ehebands