02.10.2026 · Rede.
Es geht nicht um Siegen. II.
Rede gehalten am EU-Symposium EPESEP & Literaturfestival „störfeuer“.
Als der Literaturkritiker der Berliner Zeitung als Moderator bei einer Lesung in Heidelberg sagte, „Diese Frau ist doch gestört.“ und damit die Figur meines Romans „Auflösungen.“ meinte. Er sagte das so nebenhin. Spontan. Sich selbst bestätigend. Er schaute dabei auf seine Notizen. Dass Nina Wagner, die Lyrikerin aus Wien, die in New York ein Semester an NYU unterrichten soll, eine gestörte Person sei. Das war für ihn eine unbestreitbare Tatsache, die so selbstverständlich für ihn war, dass er nicht einmal aufschauen musste, sich der Zustimmung zu versichern.
Dieser Augenblick. Diese Diagnose. Das war ein Schock.
„Gestört?“ Eine gestörte Frau? Störung? Das ist eine erhebliche Abweichung in Erleben und Verhalten. Störung? Das ist eine Minderung oder Behinderung der gewohnten Ordnung. Und psychische Gestörtheit? Das erfordert Maßnahmen zur Behandlung oder Behebung.
Noch in den 80er Jahren des 20.Jahrhunderts war es eine Übung von Ehemännern ihre Ehefrauen in die Psychiatrie zu bringe und da abzugeben, um diese „gestörten Frauen“ wieder in Ordnung gebracht, für neuerliche Verstörungen zurückzubekommen. Die Geschichte der Psychiatrie ist die Erzählung davon, wie Macht sich in psychischen und psychosomatischen Störungen darstellt und wie dieselbe Macht in die Ordnung zurückführt. Und weil Frauen die Aggression aberzogen war und ist, richtet sich die Unordnung dieses GestörtSeins gegen sich selbst. Nun. Alle diese Störungen könnten aus der Asymmetrie der Machtverhältnisse erklärt werden. Und. Derzeit. Alle Behebungen dieser Störungen sind Einordnungen in diese Asymmetrie. Heilung nicht. Dazu müssten ja die Verhältnisse verändert werden. Verändert worden sein. Und das sind sie nicht. Ganz offenkundig so, wenn ein relativ progressiver Mann.
Aber. Wie nennen wir einen Mann, der das Geschriebene einer Frau immerhin liest und dann die Moderation dieses Geschriebenen unternimmt? Wenn also eine Annäherung an den Text vorliegt. die auf literaturkritischem Lesen beruht? Progressiv ist so eine Person dann immerhin darin, den Text über diese Kriterien des normativ Literaturkritischen laufen zu lassen und dem Text so eine Existenz in einem Literarischen zuzugestehen. Es ist so die formale Ebene bestätigt. Aber gleichzeitig findet durch die offenkundig persönliche Auslegung der Figur eine Verneinung des kanonisch Literarischen statt. Denn. Die von ihm angenommene Gestörtheit dieser literarischen Figur erlaubt ihm den Text an die Peripherie zu schieben. „Die ist ja gestört.“ Das löscht die textimmanente Realität. Mit einem diagnostischen Blick wird die Textimmanenz aufgehoben und der Text in unzusammenhängende Einzelteile zerfallen gelassen, indem der erzählten Erzählfigur jedes Vermögen genommen wird, als Subjekt zu funktionieren. Es ist ein moralisierendes Urteil, das in diesem so nebenbei hingeworfenen Satz der Figur die Existenz verweigert.
Nun ist es eine literarische Figur, der eine solche Diagnose verordnet wird. Die Vermutung ist angebracht, dass dieser Satz aus der gelebten Erfahrung des Sprechers stammt. Ein persönliches Urteil? Nun. In gewisser Weise. Es ist eine Bestätigung der Wirkung eines Texts, wenn mit einem Affekt reagiert werden muss. Wenn also Affekte eine unvermittelte, kurz anhaltende Reaktion auf äußere Ereignisse sind. Dann lässt uns in diesem Fall die Reaktion des Kritikers auf seine Sicht auf Frauen schließen. Wenn Nina Wagner für ihn gestört ist. Wenn Nina Wagner aber von mir als eine Person gedacht ist, die ihr Frauenleben selbstmächtig lebt. Dann ergibt sich, dass ein solches Frauenleben in seiner Gesamtheit. Dass ein Frauenleben immer noch als Störung angesehen werden kann. Gesehen wird.
Dieser kleine, und so selbstverständlich nebenbei hingeworfene Satz war also ein Urteil über uns alle.
Natürlich. Und wahrscheinlich. Für diesen Mann war das eine von diesen Nebenbemerkungen, die ihm entkommen ist. Eben spontan. Und in der Absicht, alle in diesem Saal hinter dieser Bemerkung zu versammeln. „Die ist gestört.“ sagen und alle zustimmend nicken haben. Darum ging es. Sich in einem zustimmend herablassenden Lächeln des Publikums gespiegelt sehen. Das war der rhetorische Kniff dahinter. „Wir wissen alle, wie das ist.“ sollte sich ausdrücken. Gemeinschaftsbildung über Ausschluss sollte das sein. Aber der Ausschluss nur so nebenbei. So ein bisschen. „Du meine Güte. Halt gestört.“ sollte der Ausruf sein. Und ob wir das nicht ohnehin alle seien, als liberale Abfederung dieser groben Bürgerlichkeit mitgemeint.
Das antwortende Lächeln? Nun. Das gab es nicht. Das gibt es nicht mehr. Die Zuhörerinnen. Die setzten sich gerader hin. Die beugten sich vor. Die seufzten auf. Das Verbrechen war offenkundig. Alle Frauen im Raum. Das gesamte Publikum widersprach. Der Chauvinismus war als Chauvinismus entlarvt. Aber.
Diesem Mann war es wiederum gelungen, den Text einer Frau in Frage zu stellen und Verteidigung abzuzwingen. Die NichtAnerkennung der Gleichwertigkeit im Geschlecht als Zwang, die NichtAnerkannten um ihre Anerkennung kämpfen lassen. Das ist doch die Beschäftigungstherapie, mit der ich nun ein Leben verbracht habe. Es war immer die Vorenthaltung des Grundrechts der Gleichwertigkeit, die den Kampf darum abverlangte. Und. Aber mittlerweile. In gewisser Weise war dieser hingeworfene Satz die Herausforderung zu diesem Kampf. Wiederum. Zu diesem, aber nun altmodischen Kampf. Und der Kampf wurde auch nicht aufgenommen. Ich sagte, „Das sagen Sie. Wir sagen etwas anderes.“ Danach sprach ich nur noch mit dem Publikum und die Sache war ausgestanden.
Aber. Die Lehre aus diesem Vorfall. Und einen Augenblick. Ich war total erstarrt darüber, meinen Text so grundlegend in Frage gestellt zu finden. Denn. Hätte ich eine Störung beschreiben wollen, dann hätte ich das getan. Die Schlussfolgerung aus diesem Vorgang ist doch, dass dieser Mann nicht las, was ich geschrieben hatte. Der las, was er lesen konnte und das führte zur Diagnose Störung. Imgrund ist das die Wiederholung der Ehemänner, die ihre Frauen in die Psychiatrie einliefern. Dieser Kritiker ist mit seiner Deutungsmacht beteiligt daran, wie das Literarische möglich gemacht wird und liefert ihm Unbehagliches eben auch ein, indem er die Frauenfigur abwertet. Indem er sie aus jener Welt hinaus abwertet, die er mitgestaltet hat, indem er normativ beurteilt. Privat normativ übrigens. Es gibt kein literaturwissenschaftliches Kriterium, das uns erlauben würde, die psychische Verfasstheit einer Person einzustufen. Dass dieser Roman in einer Verquickung von Körperlichkeit und Bewusstsein in den Ablauf der Zeit gebunden normative Erzählformen nicht erfüllt? Vielleicht beruht die Gestörtheit der Figur in der Einschätzung des Kritikers auf dieser formalen Lösung. Aber dann geht umso mehr um die Frage, wie sehr das privat Persönliche dieses Manns mit dem privat Persönlichen der sich erzählenden literarischen Figur kollidiert. Aber. Mein Wunsch wäre ohnehin, dass Kritikerpersonen jeden Geschlechts einmal sieben Jahre Psychoanalyse absolvierten, um eben diese Trennung von sich und dem Text überhaupt vornehmen zu können. Das würde auch zu jener IchStärkung führen, die es diesen Personen dann ermöglichte, sich in nicht normativer Weise auf den literarischen Text einzulassen und mit einer werkimmanenten Kritik die Literaturhaftigkeit eines Texts herauszuarbeiten. Oder nicht.
Aber. Jeder literarische Text ist in Lebenswirklichkeiten eingehängt. Immer wird es darum gehen, in der Wiedererkennung solcher Lebenswirklichkeiten auf sich selbst in der Welt zurückzukommen. Diese Rückführung auf das jeweilige Selbst ist die Grundbewegung der Moderne. Es wäre schön, wenn diese Grundbewegung, der wir Schreibende in einer transformierenden Spiralform mit jedem Buchstaben folgen, im Lesen nachvollzogen in diesem Lesen zur phantasierten Existenz im Text führte. Wenn also etwa die Figur der Nina Wagner in voller Anerkennung der Gleichberechtigtheit und der Würde jedes Frauenlebens daraus vorstellbar wird. Werden würde.
Aber eben. Nina Wagner ist eine Frau. Ich bin eine Frau. Und mit aller Bitterkeit nahm und nehme ich zur Kenntnis, dass deshalb die Informationsübertragung nicht funktionierte. Nicht in diesem Fall. Und nicht in vielen Fällen. Es liegt keine gleichwertige Phantasie von Frauenleben vor. Nicht selbstverständlich jedenfalls. Frauentexte bleiben unlesbar ungelesen so lange die Frauen in der kulturell wirtschaftlichen Asymmetrie des Frauendaseins stecken. Stecken geblieben werden.
Das Erfreuliche an dem Vorfall in Heidelberg war aber nun das Publikum, das Chauvinismen nicht mehr hinnimmt. Und da deutet sich auch ein Ausweg an. Und ja. Wieder ist eine Emanzipation notwendig. Wieder eine der so vielen KleinEmanzipationen, bis wir endlich irgendwann einmal uns aus dem Patriarchalen herausgewurschtelt haben und auch alle neuen Formen dieses Patriarchalen davon wieder abgewehrt sind. Aber das Erfreuliche weist auch darauf hin, dass wir noch deutlicher und noch emanzipierter und noch differenzierter schreiben sollen. Schreiben wollen. Schreiben müssen.
Das sollte uns gelingen. Wir sind privilegiert. Und ich verwende absichtlich das Wort „Privileg.“ Wir haben uns dieses Sonderrecht selbst verschafft. Wir. Die Frauen. Seit jeher und besonders seit den 50er Jahren des 20.Jahrhunderts. Wir haben uns jenen Raum verschafft, in den hinauszutreten ein Blick auf sich selbst möglich ist. Wir. Und da besonders seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wir haben genau diese Transformation hergestellt. Wir haben ein Ich entwickelt, das uns instand setzt, nicht nur selbstrechtsfähig zu leben, sondern dieses Leben auch zu reflektieren. Wir haben die Aufklärung nachgeholt und darin überholt. Und das ist das, was wir tun, wenn wir schreiben. Wir verwandeln unsere Erfahrungen in die Suche nach Gerechtigkeit. Wir haben damit alles und mehr der Forderungen der Aufklärung erfüllt. Es ist im Charakter des Patriarchalen begründet, dass wir während wir noch die alten, altmodischen Angriffe abwehren, mit den neuen und ungeheuerlichen Forderung der Rückführung der Geschlechterpolitik vor das Langhaus noch der Eisenzeitkonfrontiert werden.
Und ja. Die Bemerkung des Kritikers könnte den Kreis schließen und unsere Belagerung von allen Seiten vollenden. Und ja. Wir leben in dieser Belagerung. In den Weltläufen sowieso. In unserer näheren Umgebung immer bemerkbarer. Und deshalb. Es kann nur noch um uns selbst gehen. Die Eroberung des Kanons, zu der ich noch auszog. Die lassen wir einfach bleiben. Wir sollten diskutieren, wie wir die Texte voneinander archivieren wollen und damit dem Vergessen Einhalt gebieten. Nobelpreise und andere Anerkennung müssen als die falsche Utopie zur Seite geschoben werden und die einzig wertvolle Kenntnisnahme wird gegenseitig sein müssen. So lange der Satz von Ingeborg Bachmann „Alle Männer sind krank. Wissen Sie das nicht?“ anwendbar bleibt. So lange sind wir auf uns selbst gestellt. Unsere Anpassungen haben uns nur an den Rand der Subalternitäten gebracht und das Zurückkippen oder das Zurückgestoßenwerden dahin zurück ist jederzeit möglich.
In diesem Augenblick in Heidelberg hatte ich genau dieses Gefühl. An den Rand eines Abgrunds gestoßen zu werden. Die Zustimmung des Publikums hat mich vor dem Fall in den Abgrund bewahrt.
Nun wäre es ein Fehler, die Strukturen nachstellen zu wollen, die es einer Person wie dieser Kritiker eine ist, ermöglichen, solche Gewalt so nebenbei auslöschend anzuwenden. Ich möchte eine andere Welt, in der solch asymmetrische Anordnungen nicht mehr existieren. Hier. Wir. Wir sind auf dem Weg in dieses Andere und wir sollten uns nicht beirren lassen. Im offenkundig beschlossenen Untergang des Westens möchte ich das Ideal der freien Rede in Form der Literatur für uns ganz besonders in Anspruch nehmen und erhalten. Es wird auf interessante Art schwierig werden, wie dieses Ideal einer Freiheit in einer Belagerungssituation der Bedrohung eines allgemeinen Untergangs zur Erscheinung kommen kann. Und wird.
Da aber nun jede von uns dazu beiträgt. Was soll uns geschehen, wenn wir in einem innigen Zusammenhalt unseren Texten je zu einer ruhigen, nicht verdrängenwollenden Erscheinung verhelfen und am Ende die Vielzahl, die Vielfalt und die Lust daran feiern, aber nicht mehr Gericht über die geschrieben habenden Personen sitzen. Am Ende geht es um das Austreiben von Schande. Die Schande, nicht gut genug zu sein. Den Text nicht gut genug verfasst zu haben. Eine Figur entworfen zu haben, die als gestört abqualifiziert werden kann. Ganz am Ende, die Schande eine Frau zu sein. Immer noch schimmert dieses Verdikt des Christlichen in der Sicht auf Frauen durch. Jeder Text einer Frau ist ein Beitrag zur Ablehnung dieser Erbschaft. Feiern wir diese Ablehnung und schreiben tausende Texte der Nichtannahme.