Werk.

24.03.2020 - 30.04.2020 · Texte. Aller Art.

So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman. Series 1.

24.03.2020 - 30.04.2020

Im Stil der Wahlkampfromane erscheint jeden Donnerstag eine neue Episode des Covid19 Romans auf der Website. Die ersten Kapitel sind in gekürzter Form im STANDARD erschienen.

 

 

So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman.

Season 1 Episode 1.

                                                                        Wien, 20. März 2020.

„Was machst du jetzt?“ hatte sie sich gefragt. Betty Andover als Auskunftsperson?

Tagebuch. Tagebuch schreiben. Zur Coronakrise. Zum Coronalockdown.

Die Anfrage war vom Standard gekommen. Drei Tage ihrer Quarantäne sollte sie beschreiben. In 7000 Zeichen. „Frau Andover.“ hatte die Redakteurin gemailt. „ich will sie da dabei haben.“ Und sie hatte drei Tage zugewiesen bekommen.

Tagebuch simulieren? Oder wollte sie wieder Tagebuch schreiben? Sie hatte das nur in den schlimmsten Zeiten geschafft. Aber da hatte sie die Selbstmordgedanken vom Alltag trennen müssen. Da war so eine Tagebuchführerei eine Hilfe gewesen. Jetzt. In der Quarantäne. Sie war schon eine Woche vor allen anderen in die freiwillige Selbstisolation gegangen. Sie war in Südtirol gewesen. In Bozen. Sie hatte eine Lesung da gemacht. War also in der Öffentlichkeit gewesen. Der Saal war voll gewesen. Ein niedriger Saal. Eine neue Bibliothek. Aber genau deshalb. Weil es schon so lange dauerte. Was hätte sie in ein Tagebuch eintragen können? Wie die Kleinteiligkeit der durchwarteten Zeit schildern? Wie schildern, daß jeder Augenblick alles Warten war und sie dann aber mit einem Mal keine Ahnung hatte, wie die Zeit nun vergangen war? Und keine Erinnerung? Keine Erinnerung an diese Zeiten? Bewußtlosigkeit? War das nicht Bewußtlosigkeit? Und die Ungewißheiten? Rechnete sie nicht immer wieder und immer wieder durch, wann sie das letzte Mal Kontakt gehabt hatte? Wann das letzte Mal die Gelegenheit gewesen war, daß sie sich angesteckt haben hätte können? Waren es schon 14 Tage, die vergangen waren? Oder war es der Atem von diesem Mann in der Bäckerei? Hatte sie nur seinen Mundgeruch aufgenommen, als er sich von der Theke wegwendend an ihr vorbeigegangen war? Oder hatte er ihr auch ein Tröpfchen mit dem Geruch mitgeschickt. Trug sie schon längst eine dieser orange eingefärbten Stachelkugeln von Virus mit sich herum? Schnappten ihre weißen Blutkörperchen schon nach diesen Stachelkugeln? War der Ringkampf schon losgegangen und sie wußte noch nichts davon? Und hatte sie nicht immer ein kleines Defizit bei den weißen Blutkörperchen? Beim großen Blutbild. Machten sich die Stachelkugeln schon daran, ihre Lungen in vollgesoffene Badeschwämme zu verwandeln? War dieses kleine Hüsteln nach dem Aufstehen schon ein Zeichen? Und warum war der Virus jetzt manchmal auch grün eingefärbt?

Sie war wütend. „Betty ist böse.“ sagte sie zu ihrem Spiegelbild. Sie war das Leben allein gewohnt gewesen. Sie hatte sich für dieses Leben entschieden. Und jetzt mußte sie so leben. Und alle anderen auch. Sie alle mußten in die Quarantäne gestopft philosophisch leben lernen. Gleich gemacht. Sie fühlte sich gleich gemacht. Auf die perfideste Weise gleich gemacht. Gleichheit. Das war für sie etwas anderes. Gleichheit. Die sollte bunt auftreten. In Vielfalt. In Durcheinander. In Lärm und Aufregung. Chaotisch. Ein Tanz. Ein Abenteuer hätte das sein sollen. Die gleich Berechtigten in ihrer Verschiedenheit. Aber das war ins Spitalshemd zusammengeschrumpft worden. Hinter Beatmungsschläuchen und nur noch dunkle Profile. Und warum? Warum war Schutzkleidung so oft türkis?

Sie war wütend. Sollte Gleichheit nicht ein Beschluß sein? Ein Beschluß nach langem Überlegen und Bedenken? Was bedeutete denn Gleichheit als Folge der Gleichmacherei einer Ansteckung? War das Vernunft, wenn alle das befolgten? Und mußte sie hoffen? Mußte sie hoffen, daß doch etwas Gutes herauskommen konnte? Aber wie sollte es dieses Mal so sein? War nicht eine ihrer Ängste, daß sie so weggesperrt in einen reinen Gegenstand vewandelt werden konnte? War das ein Weg in die Verdinglichung? Und hatte sie nicht ihr ganzes Leben gegen diese Verwandlung angekämpft?

Tagebuch? Sie wußte nichts von diesen Tagen. Nichts von einem Tag. Und die Spiralen der Ereignislosigkeit mußten sich erst erlernen. Sie wußte vom Schlaf. Sie schlief immer mehr. Jeden Tag eine halbe Stunde mehr. Schön war das. Es war schön im Schlaf. Beim Einschlafen. Beim Aufwachen. Der Schlaf eine Umarmung und langsames Versinken und wieder Entwinden und der Tag weit weggehalten.

An diesem Abend. Freitagabend. Sonst. Sonst war sie an einem Freitagabend nie allein. Treffen. Essen gehen. Einladungen. Filmmuseum. Konzert. Am liebsten ging sie in ein Konzert. Während sie die Musik hörte, dehnte sich die Zeit des Wochenendes weit aus und keine Verpflichtungen und die Musik alles in Beschlag legen konnte. An diesem Abend beim Einschlafen. Sie hatte die Pressekonferenz des Bundeskanzlers angeschaut. Und bei dieser Pressekonferenz. Hatte der nicht wie Waldheim geredet? Hatte der nicht in diesem österreichischen Diplomatendeutsch geredet wie der Waldheim das getan hatte? Und hatte der Kanzler sich nicht auch wie Waldheim bewegt? Die Arme ausgebreitet und um Verständnis gerungen? Und wie konnte dieser Kanzler so fürsorglich für die Risikogruppe an alle appellieren und zur gleichen Zeit den Flüchtenden in Griechenland die Frontex an den Hals schicken? War es dieser Widerspruch gewesen, den den Waldheim im Sebastian Kurz zum Vorschein gebracht hatte?

Beim Einschlafen. Wie sollte dieser Widerspruch wieder ausgehalten werden?

Und warum hatte sie es einmal mehr nicht geschafft, den Küchenboden aufzuwaschen? Was sollten diese dummen Widerstände? War es nicht schlimm genug, daß sie die Knöpfe für die Bettwäsche nicht kaufen konnte? Hätte sie nicht geradezu Lust gehabt, ihre Bettwäsche in Ordnung zu bringen? Und wo war wieder diese eine dunkle Sportsocke geblieben? Wo war nun wieder dieses Sockenland, in dem sich alle diese verschwundenen Socken versammelten?

Und morgen. Sie mußte sich aus dieser angespannten Untätigkeit herausretten. Sie mußte.

 

 

So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman.

Season 1. Episode 2.

 

                                                                        Wien, 21. März 2020.

Gleich nach dem Aufwachen. Noch während des Aufwachens. Aufwachend. Den Tag vor sich. Den Tag vor sich liegend habend. Der Tag war eine Fläche. Ohne Richtungen. Der Tag war ein Irgendwie. Planlos und schon erschöpft. Fast schon vorbei. Einen Augenblick. Kurz. Sie ließ sich in dieses Irgendwie gleiten. Die Wärme der Tuchent um sich. Eingehüllt und geschützt. Aber es war nicht wohlig. In der Angstgrube im Bauch. Gleich über dem Nabel. Da war etwas gestaut. Angestaut. Staute sich an. Und nein. Sie konnte keine Depression mehr durchstehen. In ihrem Leben. Keine Krise. Es war ihr so vollkommen unvorstellbar, ein einziges Mal mehr die Zeit, wie schon vergangen doch noch durchleben zu müssen. Und nun. Sich nicht bewegen dürfen. Keine Reise. Nicht einmal ein kleiner Ausflug. Sie wäre gern nach Neuberg gefahren. Hätte sich in diese Hallenkirche gestellt und danach im Gasthaus Moser ein Schnitzel gegessen. Gegen alle Diätmoden war ein Schnitzel immer hilfreiches Wohlbefinden geblieben. Kindheitsgenuß. Und essen. Das war ja das, was im lockdown übrig geblieben war. Genuß. Das war sorgfältig gekochtes Risotto. Aber kein Alkohol. Nein. Kein Alkohol. Alkohol wirklich nicht.

Im Bett. Sie lag da. Sie sollte ihre Dehnungsübungen machen. Morgendliche Bravheit. Sie erließ sich die Dehnungsübungen und erfand sich eine Figur. Sie brauchte jemanden. Sie brauchte den Rat und das Vorbild einer klugen und gesetzten Person. Sie überlegte den Namen. Sollte sie einfach eine ihrer LieblingsautorInnen anrufen. Einen oder eine herbeiholen, deren Romane sie so gut kannte. Oder lieber eine Romanfigur. Aber dann hörte sie die Nachbarn über sich rumoren. Sie mußte aufstehen. Die begannen oft zu streiten nach dem Frühstück. Sie mußte dann ins Wohnzimmer ausweichen. Im Wohnzimmer die Schüttung zwischen den Stockwerken dick genug, von oben nichts hören zu müssen. Fiorentina Evelyn, dachte sie. Eine Fiorentina Evelyn sollte das sein. Klug und gesetzt. Diese Fiorentina sollte nicht wie sie diesen gedehnten Augenblicken so ausgesetzt sein wie sie das war. Fiorentina würde ihr raten, sich nicht darüber zu wundern, warum es auf einmal so lange dauerte, den Geschirrspüler auszuräumen, sondern es zu tun. Fiorentina Evelyn würde ihr freundlich vorschlagen, den Küchenboden gleich nach dem Frühstück in Angriff zu nehmen. „Hygiene.“ würde Fiorentina sagen. „Hygiene ist doch auch beruhigend. Das ist doch ein guter Grund.“ Noch vor dem Duschen würde sie dann den Küchenboden aufgewaschen haben. Noch im Liegen fühlte Betty die Befriedigung, die das einbringen würde. Sie würde sich richtig gut fühlen dann. Sie mußte das erst lernen. Sie hatte nie richtig gelernt, sich über den Haushalt zu freuen. Sie hatte nur kleine Fetischismen entwickelt. Bisher. Schön gestapeltes Bettzeug. Aber das war nie wichtig genug gewesen. Nie Zeit. Die Kinder. Dann die Arbeit wichtiger. Das Leben. Andere Personen. Nur für sich?

Betty sprang aus dem Bett. Fiorentina würde ihr auch helfen, nicht zu viel zu essen. Fiorentina war überschlank und perfekt frisiert. Eine zeitlos elegante Person. Eine Person, der die Socken nicht in der Wäsche einfach verschwinden konnten.

„Diese Rolle übernehme ich gern.“ sagte Fiorentina und lächelte freundlich. Sie setzte sich neben Betty aufs Bett. „Und fangen wir gleich an.“ setzte sie hinzu.

„Die Haare mußt du dir waschen, auch wenn dich niemand sieht. Und nein. Kein Trockenshampoo. Beim nächsten facetime Anruf wirst du mir danken.“ Fiona schüttelte freundlich den Kopf. „Das mit dem Küchenboden. Den machst du doch nur nicht, weil du dich nicht mit der Situation abfinden willst. Aber so ein Widerstand. Der kostet nur deine eigene Kraft. Du solltest dich selbst schonen und das machen. Bring das hinter dich und freu dich über die Ordnung.“

Fiorentina folgte Betty ins Badezimmer und setzte sich auf die Badewanne. Betty war doch geniert. Sollte eine unsichtbare Freundin nicht diskret draußen warten, wenn sie auf der Toilette saß. Fiorentina grinste sie an und verschränkte die Arme. „Du glaubst ja nur, daß du dich über die Situation so schrecklich aufregen mußt, damit du moralisch besser dastehst. Du hast doch nur diese riesige Ansgt, daß du als angepaßt angesehen werden könntest. Da paßt du ganz in deine Generation hinein. Aber. Was hast du für die Flüchtenden auf Lesbos denn getan. Bisher. Ja. richtig.“ Fiorentina rollte mit der Spitze ihres Schuhs die Badematte auf. „Gespendet hast du. Ja. Ja. Du kannst sagen, du hast einen Staat, der das erledigen soll. Dazu wäre der da. Aber da bist du hilflos wie alle. Du kannst allein nichts machen. Du hättest hinfahren müssen und jemanden herausholen. Das hast du nicht gemacht. Ich gebe zu, das wäre schwierig gewesen. Ja. Das wäre kriminell gewesen. Aber gemacht hast du es eben nicht. Und deshalb machst du deinen Küchenboden nicht, weil du dich überflüssig fühlst. Und das bist du ja auch. Risikogruppe. Diese Bezeichnung hast du dir nicht ausgesucht. Unter anderen Umständen wäre das schlichte Diskriminierung und du bist nicht gefragt worden. Und ja. Es ist ein Putsch. Das ist ein Putsch mehr in diesem Staat in den letzten Jahren. Aber jetzt. Du kannst nichts tun.“ Fiorentina stand auf und stellte sich hinter Betty. “ Ich werde nur noch in kleinen Geschäften einkaufen!“ rief Betty dem Spiegelbild von Fiorentina zu. „Ich werde den höheren Preis zahlen, damit die weitermachen können.“ Fiorentina lächelte maliziös und drückte Betty die Pinzette für das eine dunkle Haar am Kinn in die Hand. „Solidarität?“ kicherte sie. „Zusammenhalt?“

Fiorentina verschwand ins Schlafzimmer und kam mit Bettys Brille zurück. „Die brauchst du aber schon.“ sagte sie und lächelte herablassend freundlich. „Du wirst ja doch wieder bei H&M landen und wieder gerne das Blut übersehen, das aus diesen Einkaufstaschen tropft. Auch wenn die nicht mehr aus Plastik sind.“

„Ich habe noch nie bei H&M eingekauft.“ rief Betty empört. War sie nicht eine Demonstrationsgeherin von Anfang an? Kaufte sie nicht immer bewußt ein? Versuchte sie nicht, so nachhaltig wie möglich zu sein? Und hatte sie nicht ein schlechtes Gewissen wegen der Schnitzel? Fiorentina zuckte mit den Achseln. „Du bist nur eine von vielen. Das wirst du jetzt begreifen müssen. Du bist in diese Masse hineingedrückt und wirst dich selber bald nicht mehr erkennen können.“ Fiorentina ging in die Küche voraus. „Und wie willst das nun mit dem Küchenboden machen?“ fragte sie. „Es ist wie 9/11.“ sagte Betty zu ihrem Spiegelbild. „Nur umfassender.“ rief sie Fiorentina nach. „Der Küchenboden wird davon nicht aufgewaschen.“ rief Fiorentina aus der Küche zurück. Betty versuchte das eine lange Haar auf ihrem Kinn mit der Pinzette einzufangen. „Du willst mir sagen, der Küchenboden definiert mich jetzt? Das ist es, wohin ich gekommen bin. Willst du mir das sagen? Ja?“ Betty hatte es geschafft. Sie drehte den Vergrößerungsspiegel nach allen Seiten. Ihr Kinn war glatt. Sie ging in die Küche. Konnten unsichtbare Freundinnen Kaffee kochen?

 

Season 1. Episode 3.

22. März 2020. Wien.

Betty war früh aufgewacht. Es war eiskalt. Am Sonntag begann die Heizung erst um 8.00 Uhr. Dann erinnerte Betty sich, daß ja die Uhren um eine Stunde vorausgedreht worden waren. Was bedeutete das für die Heizung? Stellte die Uhr sich da auch automatisch um und sie bemerkte gar nichts? Blieb alles gleich und sie glitt mit? Wußte ihr Körper von der Umstellung und sie wurde sich selber wieder um eine Stufe fremder? Die Fragen fluteten auf sie ein und sie kroch tiefer unter die Decke. Das mit der Zeitumstellung. Sie mußte sich das genau vergegenwärtigen. Sie verstand es dann einen Augenblick und dann gleich wieder nicht. Sie wollte ja auch nicht. Sie konnte ohnehin nichts machen.

Betty legte sich zurecht, mit ihren Dehnungsübungen zu beginnen. Sie hörte Fiorentina hüsteln. Sie hatte gedacht. Sie hatte gehofft. Angenommen. Wenn sie brav ihre Dehnungsübungen machte, dann bliebe Fiorentina verschwunden. Aber Fiorentina war trotzdem da. Sie saß auf dem weißen Sessel und hatte die Zierpölster auf dem Schoß, die für die Nacht da hingelegt wurden.

Fiorentina lächelte. „Wird es uns heute gelingen, deine Ängste zu überwinden?

Normal werden? Du solltest das endlich beginnen! Das ist ein anstrengender Vorgang, aber notwendig. Verstehst du? Es ist zerstörerisch. Es ist selbstzerstörerisch, auf eine psychotische Situation neurotisch zu reagieren.“

„Du meinst den Küchenboden?“ Betty rutschte wieder unter die Tuchent. Fiorentina trug ein Pepitakostüm und dunkle Pumps, und ihre Frisur war makellos. Betty konnte so viel Perfektion nicht anschauen. „Ich will keine unsichtbare Freundin!“ rief Betty und tauchte aus der Tuchent wieder auf. Fiorentina lächelte und schüttelte den Kopf. „Ach!“ seufzte sie. „Alles Ausflüchte! Du mußt alles hinter dir lassen. Alles. Sonst wirst du es nicht aushalten.“

Fiorentina stand auf und legte die Zierpölster hinter sich auf den Sessel. Sie streckte die Arme in die Höhe und reckte sich. Dann lehnte sie sich an den Kleiderkasten. „Du bist doch gesund. Das ist jetzt das Grundkapital. Du bist reich. Verstehst du? Damit bist du in der Lage, dich anzupassen. Ja. Ich weiß! Du warst dein ganzes Leben stolz, nicht angepaßt zu sein. Aber genau das ist deine Stärke. Weil du es so genau genommen hast, wird dir die Anpassung ganz genau gelingen, und du wirst dich nicht verlieren dabei. Du wirst dich vorbereiten auf nachher. Nachher. Da werdet ihr euch alle anstrengen müssen, den Putsch zurückzubauen. Das wird richtig anstrengend. Also geh mit deinen Kräften vorsichtig um! Finde dich jetzt einmal ab! Ich weiß doch, daß du glaubst, wenn du die Rubbellose, die du auf der Post gekauft hast. Wenn du die nicht aufrubbelst, daß sich dann nichts verändert. Aber das ist magisches Denken, und du weißt, was das wieder heißt.“

Betty hatte sich im Bett aufgesetzt gehabt und hörte zu. Das war eine Predigt. Eine Sonntagspredigt. Sie hasste es, angepredigt zu werden. Sie hasste es, solche Gebrauchsanweisungen für sich selbst vorgetragen zu bekommen. Das war wie ihr erster Mann. Und ihr zweiter auch, wenn sie es genau überlegt. Diese ganze Beratungskultur war nichts anderes als eine einzige solche besserwisserische Predigerei. Frauenzeitschriftenanweisungen waren das. Überhaupt. Fiorentina war wie eine Person aus einer frühen Brigitte-Zeitschrift. Betty musterte Fiorentina. Wie konnte eine Person so früh am Morgen so perfekt frisiert sein. Und diese Schuhe. Solche Pumps hatte ihre Mutter getragen, weil ihr Vater das so gewollt hatte. Ihr Vater hatte das nie so gesagt. Nie so deutlich. Er hatte nur immer die Augen so zugekniffen und war drei Schritte zurückgetreten. Wenn die Mutter Pumps anhatte, hatte er gesagt, wie fesch die Mama wieder aussähe. Wenn sie die vernünftigen Schuhe anhatte, sagte er gar nichts und lächelte nur. Das war Schulung gewesen. Schulung im Tragen der von ihm gewünschten Schuhe. Natürlich hatte sie das damals auch nicht begriffen. Es war erst im Zusammenrinnen solcher Erinnerungen, daß so etwas sichtbar wurde. Aber.

Betty rutschte in den Pölstern hinunter. Sie zog die Tuchent über den Kopf. Ließ sich unter die Tuchent gleiten. War Fiorentina ein Trugbild ihrer Mutter? Die Kleidung? Die Frisur? Die Perfektion? Ihre Mutter? Betty hatte ihre Mutter nie schlampig angezogen gesehen. Nie ein Jogginganzug. Nie Jeans. Auch später nie. Betty war immer noch erstaunt, wenn sie eine ältere Frau in Jeans sah. Wenn Fiorentina aber eine Repräsentation ihrer Mutter war. Dann wollte sie sie nicht in ihrem Schlafzimmer haben. Betty setzte sich auf. Vielleicht wußte Fiorentina aber wirklich, wo die Socken hin verschwanden. Vielleicht konnte Fiorentina wenigstens dieses Geheimnis lüften. Fiorentina war mit ihrem Sermon fertig und war aufgestanden. Sie war ein wenig außer Atem vom vielen Reden. Vom Eindringlich-auf-sie-Einreden. Auch daran konnte Betty sich erinnern. Die Eltern waren immer erregt gewesen und hatten gekeucht, wenn sie ihre guten Ratschläge erteilt hatten. War das echte Sorge gewesen? Mußte sie ihre Eltern neu beurteilen? Mußte sie wegen des Coronavirus ihre Eltern besser verstehen? Plötzlich? Verständnis? Mußte sie Verständnis entwickeln?

Fiorentina war ins Wohnzimmer davongegangen. Betty wollte nicht über ihre Eltern nachdenken. Sie wollte gar nicht nachdenken. Sie wollte einen Tag vor sich haben, an dem sie ihrer Wege ging. Wie sie wollte. Und jetzt wollte sie schlafen. Nachschlafen. Sie wollte schlafen, wann sie wollte. Sie war kein Kind, und sie wollte nicht als Kind behandelt werden. Und das wurde sie. Das wurden sie alle. Gehschule. Laufställchen. Da saßen alle auf ihre Laufställchen verteilt. Und wie war das mit Infektionen. Wenn sie nun überhaupt keine Keime mehr antraf. Wie war das mit dem Immunsystem? Blieb das immer wachsam? Oder mußte das trainiert werden? Wie der Körper überhaupt? In Spannung gehalten? Sie mußte das recherchieren. Später. Im Internet. Oder Gritta fragen. Die war Anästhesistin. Würde die so etwas wissen? Wer wußte so etwas? Und war ein gesundes Leben nicht mit Herausforderungen verbunden? Die Existenzängste, die sie jetzt hatte. Die sie haben mußte. Wie alle andern auch. Die machten sie schwach. Wenn sie von diesen Ängsten überfallen wurde. Und es waren Überfälle. Aus den Zeitungsberichten. Aus den TV Nachrichten. Aus den Telefonaten. Aus den Zoomgesprächen. Aus den emails. Sie spürte dann, wie ihre Knie nachgaben. Auch wenn sie saß oder lag. Die Knie wurden glasig weich, und sie atmete zu flach.

Betty lag unter der Tuchent. Es war heiß. Dunkel. Sie wollte nicht. Sie ließ sich in die Verworrenheit des Aufwachens zurückfallen. Sie schlief dann bis spät in den Vormittag hinein. Es war schließlich Sonntag. Die Zeitumstellung hatte sowieso alles durcheinander gebracht. Betty beschloß dann, die Wochentage genau einzuhalten und den Küchenboden nicht aufzuwaschen. Das war Wochentagsarbeit.

 

Season 1. Episode 4.

1. April 2020. Wien.

Betty hatte eine Maske gefunden. In der Kiste mit den Werkzeugen lag eine Maske aus dem Baumarkt. Als der Kanzler Kurz sagte, daß es in unserer, der österreichischen, Kultur ungewohnt sein werde, mit Masken herumzugehen, da war es ihr eingefallen. Sie hatte doch diese Maske im Vorjahr gekauft. Der Kanzler Kurz hatte bei der Verkündigung der Maskenpflicht so zur Seite geschaut, daß Betty dachte, er müsse ein Grinsen verbergen. Es mußte total befriedigend sein, einer Nation das Tragen von Masken zu verbieten, 200 Euro für das Tragen einer Niqab zu kassieren, Vermummungsverbote zu erlassen und dann alle in die Vermummung zu zwingen. Das war ein Triumph an Führung. Oder war das die Vollendung von Verachtung? Hinter Fürsorge verborgene Verachtung des Führers für die Geführten? War das die Verwörtlichung von Verschleierung? Wurden sie mit solchen Maßnahmen versorgt, um sie alle in die Rebellion zu treiben? War das wie autoritäre Väter immer strenger wurden, die ödipale Reaktion endlich auszulösen und zu erledigen? Damit man sie endlich vollständig wegsperren konnte? Der Traum des Reaktionärs? Festungshaft für alle? War diese Zuspitzung eine Folge der Enttäuschung, wie brav die Maßnahmen eingehalten wurden? Oder der Versuch, es auszureizen? Herauszufinden, wann die Kinder zu weinen begannen? Endlich?

Aber das mit dem Weinen. Das erledigte sich auch ohne Maskenzwang.

Es war dann insgesamt ein Weintag geworden. Nachdem Betty 11 mal versucht hatte, ihren Antrag an den Härtefond der WKO zu senden und jedesmal ihre Angaben zu ihrem Einkommen und ihre Steuernummer als falsch zurückgeschickt worden waren. Und nachdem jedesmal erneut eine KUR Nummer und eine GLN Nummer von ihr verlangt worden war, die sie aber nicht hatte. Da hatte sie den ersten Anfall. Sie setzte sich auf ihren Lesefauteuil. Den hatte die Steuer nicht als Betriebsausgabe anerkannt. Sie fühlte sich deshalb ihrem Lesefeauteuil verschwörerisch verbunden. Sie saß da und schluchzte. Sie hatte gewußt, daß das irgendwann kommen würde. Das mit dem Weinen. Aber daß ein elektronisches Formular sie dahin bringen würde. Sie fühlte sich einsam und verloren. Wenn sie das mit diesem Formular nicht schaffte, dann hatte sie wirklich bald nichts mehr. Es war ohnehin kein Ersatz für die Absagen. In den Pressekonferenzen hatte das immer so fürsorglich geklungen. Härtefond. Millionen bereitgestellt. Milliarden sollten ausgeschüttet werden. Die 1000 Euro, um die sie da ansuchte. Das war keine Schüttung. Das war eine Tröpfelei. Dürr war das. Das waren nicht einmal 10 Prozent der ausgefallenen Einkünfte. Über den Sommer mußte sie mit dem leben, was sie bis dahin verdient hatte. Wie sollte das nun gehen. Die Steuer war gestundet. Aber wenn die Stundung aufgehoben wurde.

Sie saß da. Sie war verlassen. Sie konnte jemanden anrufen. Ja. Sie konnte auf facetime weinen. Sie konnte eine Zoom-Konferenz einberufen und vor ihrer Familie herumweinen. Aber alle diese Dimensionen waren falsch. Waren das falsche Format. Sie hätte nur jemanden treffen müssen. Im Kaffeehaus. Darüber reden. Die andere Person wirklich da. Dann wäre das ironisch gegangen. Mit Achselzucken hätten sie über dieses Formular hergezogen, und sie hätten gelacht.

Und natürlich. Fiorentina war nicht da. Fiorentina konnte doch wenigstens im Zimmer sein und sie stoppen. Fiorentina hätte nur irgendetwas über Selbstmitleid sagen müssen, und sie hätte sich wieder in den Griff bekommen. Aber sie konnte sich auch wiederum nicht dazu bringen, Fiorentina herbeizurufen. Fiorentina würde wie alle immer nur fragen, ob sie auch alles auf dem Formular ordnungsgemäß ausgefüllt hatte, und was sie anklicken hätte sollen. Sie würde zornig werden und Fiorentina anfahren, ob sie glaube, sie sei ein Trottel. Fiorentina würde die Schultern ein wenig hochziehen und zum Fenster hinausschauen. Nein. So etwas brauchte sie nicht. Sie schluchzte noch einmal. Ja. Sie konnte hier sterben, und niemand würde es bemerken. Nicht rechtzeitig. Solche Internetmauern. So gegen den Bildschirm geschleudert. Keine Telefonnummern. Nur Internetformulare. Einem „Wir melden uns sobald wie möglich“ ausgeliefert. Hilflos. Das machte wirklich nervös. Sonnengeflechtkrämpfe machte das. Und Sonne. Wenn das Wetter. Aber das Wetter war gleichgültig. Nach draußen. Das war mit schlechtem Gewissen verbunden. Alles war mit schlechtem Gewissen verbunden.

Sie ging wieder an den Laptop. Suchte nach diesen KUR und GLN-Nummern. Und in einer Anleitung stand es dann. Nebenbei stand es da. „Freie Dienstnehmer benötigen keinen KUR oder GLN.“ In ihrer Steuererklärung stand, daß ihre Einkünfte aus selbstständiger Arbeit als Einzelunternehmerin kämen. Deshalb hatte sie auf Einzelunternehmerin geklickt. Als freie Dienstnehmerin. Nach einer halben Stunde hatte sie die Bestätigung, daß ihr Antrag angenommen worden sei. Also war sie nun freie Dienstnehmerin. Was war das. Dienst nehmen und frei sein. Da konnte doch nur die Auswahl der Dienstgeber die Freiheit bedeuten. Waren nun alle, die einen Roman von ihr kauften. Waren die ihre Dienstgeber und Dienstgeberinnen. Waren ihre Lesungen Dienstgebungen. Sie war nicht erleichtert. Das war auf einmal sehr schnell gegangen. Rasend schnell. Wie unbemerkt. Betty konnte sich nicht darüber freuen, das Sesam-öffne-dich gefunden zu haben. Die Augen rot vom Weinen. Sie druckte die Bestätigung aus und heftete sie vorne in den Steuerordner ein. Der Steuerordner. Sie hatte nur einen dünnen Ordner gehabt, als sie mit dem Einheften der Belege begonnen hatte. Das stellte sich nun als richtig heraus. Weder Einnahmen noch Ausgaben. Wenn sie bis Juni in der Quarantäne bleiben mußte. Gleich waren die Existenzängste wieder da. Wie sollte das gehen. Sie wollte sich wieder auf ihren Lesefauteuil setzen. Aber da saß Edwin. Edwin. Das war der Mann, den sie vergessen hatte wollen. Was machte der da. Wie kam der da hin. Hatte der ihre Schwäche ausgenutzt. Hatte der ihr Unglück riechend sich zurück eingenistet. Sie hatte sich von ihm getrennt. Und würde der ihr nun von Neuem alles genau erklären. Was war das, was ihr Unbewußtes da produzierte. „Fiorentina!“ schrie sie. „Fiorentina. Wie kommt dieser Mann hierher. Ich will diesen Mann nicht hier haben.“

Fiorentina trat in die Tür des Arbeitszimmers. Sie schaute Edwin an. Sie verzog ihren Mundwinkel. Dann zuckte sie mit den Achseln. „Ich habe ihn nicht herbeigezaubert.“ Dann trat sie in das Zimmer. Fiorentina rauchte. Sie hatte eine Zigarette in der Hand. Fiorentina hatte ein Lodenkostüm an. Ein Landhauslodenkostüm. Trachtenpumps. Fiorentina hielt die Zigarette mit steifer Hand von sich weg. So hatte Betty geraucht. Als sie noch geraucht hatte, hatte sie die Zigaretten so steif von sich weg gehalten. Ungraziös war das gewesen, und ihr erster Mann hatte sich darüber immer lustig gemacht. Wenn sie schon rauche, dann solle sie die Zigarette bitte an sich halten, hatte er gesagt. Sie müsse nicht so deutlich zeigen, daß sie das Rauchen ablehne, aber dem Rauchen ausgeliefert sei. Schwache Charaktere zeigten sich in solchen Widersprüchen, hatte er gesagt.

Betty ging ins Schlafzimmer und warf die Tür hinter sich zu. Das war zu viel an Ansammlung. Und warum war ihr Edwin in den Sinn gekommen. Sie hatte ihn wirklich vergessen gehabt. Hatte das mit der Maske zu tun. Die hatte sie gekauft, weil sie die Gartensessel auf dem Balkon weiß ansprühen hatte wollen. Der Verkäufer im Baumarkt hatte ihr die Maske angeraten. Man wisse nie, hatte er gesagt. Der Balkon hätte für den Besuch von Edwin gut aussehen sollen. Aber Edwin war dann gar nicht mehr gekommen. Sie hatte sich per Telefon von ihm getrennt. Für ein Trennungsgespräch wäre die Reise zu weit gewesen, hatte sie gedacht.

 

Season 1. Episode 5.                                                                 

6. April 2020. Wien.

Betty mußte weinen. Betty mußte fast weinen. In der Repubblica. Sie las die Repubblica jeden Tag, um ihr Italienisch zu verbessern. Das Bild des Papsts mit einem künstlichen Palmwedel in der Hand. „Nella basilica deserta.“ stand darunter. Der Palmwedel war aus breiten, blonden Holzlocken gemacht, die auf einer langen Stange montiert waren. Solche Palmwedel aus hellen Holzspänen hatten sie gekauft. Wann war das gewesen. Sie hatte einen solchen Plamwedel noch in der Küche. Einen kleinen nur. Auf dem Regal mit den Erinnerungen steckte der in einer Vase aus Griechenland. Dumme, sentimentale, wunderbare Souvenire waren das. Wann waren sie zu Ostern in Italien gewesen? Wie lange war das her?

Auf dem Bild. Der Papst schaute sehr verloren drein. Er ist auch nur ein alter Mann, der sehr weit weg von zu Hause lebt, dachte sie. Es war aber das Wort „deserta“, das sie fast zum Weinen gebracht hätte. In diesem „verlassen“ war auch gleich die Wüste enthalten, in der die Verlassenheit gelebt werden mußte.

Betty war mit heißem Kopf aufgewacht. Sofort hatte die Diskussion mit sich selber begonnen. War das Fieber. Oder war es nur einfach sehr heiß im Zimmer. Sie hatte sich sofort schlecht gefühlt. Sofort hatte sie sich gefragt, wo sie sich hätte anstecken sollen. Sie war nirgends gewesen. Am Freitag war sie einkaufen gewesen. Da hatte sie aber ihre Maske getragen. Und die Handschuhe. Sie hatte nichts direkt angegriffen. Die Hände gewaschen. Das ganze Ritual durchgespielt. Sofort. Alles war sofort. Nur dann war das Fieberthermometer nicht da, wo sie es suchte, und sie machte sich doch zuerst den Kaffee. Sie hatte versucht, über das „sofort“ zu lächeln und sich zu beruhigen. Aber die Wangen waren heiß gewesen? Oder waren die Hände kalt? Das Fieberthermometer war dann in der Kommode neben dem Bett und nicht im Badezimmer im Medizinschränkchen. Dann. Noch vor dem Kaffeetrinken setzte sie sich hin, ihr Fieber zu messen. Da war aber nichts zu messen. 35.3 stand auf dem winzigen Display. Aber. Das hatte sie nicht beruhigt, und deswegen hatte sie fast weinen müssen. Beim Anblick dieses verlorenen alten Manns mit dem absurden Palmwedelnachbau in Rom und die basilica deserta.

Beim Hinausschauen. Betty starrte durch das Fenster auf die Straße. Rutschte das Draußen nicht immer weiter weg? War dieser Sonnenschein da draußen überhaupt noch echt? Hatten die Bilder auf dem Bildschirm die Wirklichkeit übernommen? Manchmal. Beim Anschauen von irgendeiner alten Fernsehserie. Manchmal auch beim Lesen. Nach dem Ende. Das war wie beim Aufwachen aus einem Traum vom Fliegen. Als würde sie auf ihren Fauteuil zurückfallen. Herunterfallen. Hineinfallen. Und? Mußte sie hinaus? Heute? Überhaupt? Wollte sie überhaupt noch hinaus? Auf die Straße? Ins Freie?

Konnte sie sich überhaupt noch erinnern? Wollte sie sich erinnern? Der kleine Palmwedel in der Küche. Sie wollte sich gar nicht bemühen, sich zu erinnern, wann sie den gekauft hatten. Sie wollte gar nicht herausfinden, ob das in Vicenza gewesen war oder in Bologna. Wie weit das zurücklag? Oder wie nah?

Sie war schlaff. Erinnerungen. Die waren anstrengend geworden. Auch die nahen Erinnerungen. Sie hatte gedacht, sie würde den letzten Besuch in einem Restaurant vor dem lockdown nicht vergessen können. Nicht vergessen wollen. Dieses Bild aufbewahren. Hüten. Die Erinnerung in die Zukunft drehen. Aus der Erinnerung das Licht am Ende des Tunnels machen.

Das war nämlich wirklich ein Lichtblick gewesen. Ganz wörtlich so. Dieser letzte Restaurantbesuch vor der Quarantäne. Sie waren beim Gärtner gewesen. Noch schnell. Die Gartenfreundin und sie. Am 12. März. Da war noch nichts angeordnet gewesen, aber sie hatten schon nicht mehr geküßt oder Hände geschüttelt. Zum Gärtner war Betty gefahren, sich ein Rosenbäumchen zu holen. Das Rosenbäumchen sollte der Trost für die entgangene Leipziger Buchmesse sein. Der Trost für die entgangene Preisverleihung und all die Treffen und Bekanntschaften, die so etwas mit sich brachte. Das Rundherum und Gedrängel eines solchen Auftritts.

Im Restaurant. Wenn sie sich anstrengte. Sie konnte sich in dem Licht da sitzen sehen. Die Erinnerung ist dann lichtdurchflutet. Sonnenüberflutet. Es war ein strahlender Frühlingstag. Dieser 12. März. Sie saßen im vorderen Gastraum, und durch ein langgezogenes Fenster hoch oben unter der Decke im hinteren Gastraum kommt dieses Sonnenlicht herein. Weißhell macht das die Räume.

Im Gasthof Sodoma „Zur Sonne“. Sie war da früher oft hingefahren. Meist mit Freund M. Freund M. Das war schon lange her. Freund M. Soziologen würden sagen, die Sache mit Freund M. Das hätte eine Essensgemeinschaft dargestellt, würden die feststellen. Aber das war erst am Ende so. Zu Beginn. Für Betty war das Freundschaft gewesen. Freundliche, geschwisterlich intime Freundschaft. Vertrautheit. Im Suchen nach guten Lokalen rund um Wien waren sie auch nach Tulln in den Gasthof „Zur Sonne“ gekommen.

Da gab es perfekte österreichische Küche und einen großen Gastgarten mit einer schattenspendenden Kastanie. Betty fuhr dann auch mit den Kindern zum Sonntagmittagessen dorthin. Das waren Schnitzelwallfahrten gewesen. Die waren notwendig in den Zeiten, in denen das Wiener Schnitzel, in die Fritteuse verbannt, eine seltsam krakelige Panier als frühes Symptom neoliberaler Sparmaßnahmen aufzuweisen begann. Das frisch geklopfte, frisch panierte und dann frisch pfannengebratene klassische Wiener Schnitzel. Im Gasthof „Zur Sonne“ konnte man oder frau das bekommen.

Dann. Das Rechtsrutschen des Politischen hatte ja schon längst in den 80er Jahren begonnen. Die Denunziation des Sozialen als Ausbeutung der Fähigen. Die Ängste aus wiederum den Verdrängungen durch diese Denunziation als täglich zu beobachtende Kleinrassismen. Und weil Politik am Eßtisch gelebt werden muß. Es war immer schwieriger geworden, das Tischgespräch mit Freund M. ohne Zerwürfnis durchzubringen. Und dann. Eines Tages. Gleich nach der Jahrtausendwende. Freund M. fragte den Wirt des Gasthofs, ob der ihm erklären könne, woher der Name Sodoma käme. Betty fiel Freund M. wörtlich in den Arm und ins Wort. Das half aber nichts. Die Provokation mußte sein. Betty mußte das gegen sich gerichtet sehen. Gegen ihre linken Flausen. Und so hatte der Wirt es abbekommen und hatte sich eine Ableitung seines Namens anhören müssen, die höchst unwissenschaftlich Freund M.s Vorurteile gegen Schwule an den Tag brachte. Das hatte zur raschen Übergabe der Rechnung geführt und zum Bruch Bettys mit Freund M. Aber Betty hatte sich danach nie wieder in den Gasthof getraut. Es war zu peinlich, sich an diese Szene zu erinnern.

Am 12. März. Die Gartenfreundin hatte den „Sodoma“ empfohlen und schon den Tisch bestellt gehabt. Und da waren sie gesessen. Im hellen Licht des Frühlingstags. Auf der Karte war Reisfleisch gestanden. Das war eines von Bettys Lieblingsgerichten. Das war eines von diesen Gerichten, die alle Kocherfahrung brauchten. Da ging es um den richtigen Reis. Das richtige Kochgeschirr. Die Größe der Fleischwürfel. Den Anteil an Zwiebeln. Die Menge von Paprika. Wieviel Parmesan und Gulaschsaft oder nicht. Die Gartenfreundin hatte geschmorte Kalbswangerln gegessen. Es war ein wunderbares Essen gewesen. Und eine Wiedereroberung. Und ganz kurz. Das Wohlbehagen des gelungenen Restaurantbesuchs hatte sich eingestellt. Ein kleines Glas Zwettler Bier zum Reisfleisch. Ein Glas Weißburgunder nach der hausgemachten Cremeschnitte.

Rundum. Alle Tische waren besetzt. Das Wort Quarantäne fiel. Ein einziges Mal. Die Gruppe, die einen Geschäftsabschluß feierte. „Schauen wir.“ wurde gesagt und dann „Prost. Auf die Zukunft.“. Die Familie in der Ecke. Zwei Söhne, eine Tochter. Ein Sohn erklärte, was er tun werde. Er wolle nicht weitermachen. Er habe andere Pläne. Die Tochter schob ihre Sonnenbrille in die Haare hinauf und zog sie dann wieder auf die Nase herunter. Immer wieder. Der jüngere Sohn wippte mit dem Bein unter dem Tisch und sagte nichts. Dann ging der ältere Sohn hinaus und der jüngere beugte sich vor und sprach auf seine Eltern ein. Dringlich. Über den Tisch geworfen. Die Tochter behielt ihre Sonnenbrille auf und starrte auf die Decke hinauf. Dann beugte sie sich vor und sagte etwas. Als der ältere Sohn von der Toilette zurückkam, fand er die Köpfe seiner Familie über dem Tisch zusammengesteckt. Er sagte etwas und alle schreckten zurück. „Und was wirst du tun. Dann.“ fragte der älteste Sohn seinen Vater beim Hinsetzen. „Und du?“ Er wandte sich an seine Mutter. Der Vater legte schützend den Arm um die Schultern der Mutter. Dann beugten sich wieder alle über den Tisch, und es war nichts Genaues zu hören.

„Wir wollen noch einmal ordentlich essen.“ Ein Ehepaar. Die Frau sagte das zur Wirtin. Die lächelte freundlich und wies ihnen den Tisch an.

Der volle Gastraum. Das Stimmengewirr. Der Kellner, der die Speisen bringt. Die Wirtin, die fragt, ob alles in Ordnung ist. Und immer dieses Licht hoch drüber. Der strahlende Tag ins Zimmer geholt. Ja. Das war Ordnung. Das war Ordnung gewesen. Angenehme Geordnetheit im Gesellschaftsvertrag des Gastlichen.

Betty saß da. Das war ihr jetzt eingefallen, weil sie über die Pläne ihrer Regierung gelesen hatte. Sie sollten alle alle Freiheit verlieren. Sie sollten in Apps eingespeist, total überwacht, jederzeit eliminierbar sein. Die kalte Vernunft der frühen Aufklärung war das. Das war die Vorstellung, das schmutzige Volk in eine Waschanstalt einzuweisen und obrigkeitshalber auszumisten. Sie sah sich in einem Ställchen stehen und nach draußen starren. Und das war ja auch das Gefühl, das alle hatten, wenn sie einander so über den Rand der Maske anstarrten. Niemand lächelte mehr. Die Bürgermeister kleiner Gemeinden wollten die Zweitwohnsitzer nicht mehr in die Orte lassen. Und ja. Sie mußte fast lachen. Das war der Grund, warum sie sich an das Essen beim Sodoma erinnerte. Weil sie das auch an die Essen mit Freund M. erinnerte und daran, wie der die Kleinrassismen seiner kleinformatigen Zeitungslektüre so selbstverständlich weitergegeben hatte. Das kam jetzt heraus. Rassismus macht ja vor allem einmal den Rassisten Angst. Deshalb mußte es immer strenger zugehen.

Betty saß in ihrem Lesefauteuil. Bevor sie sich so „tracken“ ließ. Würde sie dann lieber allein bleiben. Würde sie dann so dastehen wie dieser Papst. In una basilica deserta. Und wo war Fiorentina heute. In der Müdigkeit vom Ansturm der Nachrichten und Spekulationen. Betty hätte sogar Edwin ertragen. Aber dann. Sie brauchte eine fröhliche Person. Sie brauchte keine Superegos oder die Fiktionen ihres Unbewußten. Denn Edwin war ja sicher aus ihrem Unbewußten herausgestiegen. Eine positive Person. Sie brauchte eine positive Person. Eine kluge und positive Person. Eine Irma. Betty beschloß, sich eine Irma zu bauen. Und dann mußte Betty doch lachen. War das richtig, fragte sie sich kichernd. Aber wahrscheinlich war es doch die einzige Möglichkeit. Sich erdachte Hilfstruppen zu holen. Was sollte sie sonst tun, als auf die psychotische Situation dieses lockdown selber psychotisch zu reagieren. Minus mal minus, sagte sie sich. Und schauen wir, sagte sie sich. Dann machte sie einen screenshot vom Bild des traurigen Papsts und legte das Bild ins Tagebuch.

 

Season 1. Episode 6.

7. April 2020. Wien.

Sie war doch eine gute Person. Betty schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht, daß Boris Johnson wirklich Schaden nehmen sollte. Die Bilder vom kranken britischen Premierminister hatten ihr noch Spaß gemacht. Das hast du davon, hatte sie sich gesagt. Boris Johnson hatte bis zuletzt nicht aufgeben wollen, Hände zu schütteln und vor den Fernsehkameras nahe an den anderen Männern da zu stehen. Und was eine selfisolation in Number 10 Downing Street bedeuten sollte, war auch schwer vorstellbar. Da gab es viele Angestellte, die den Haushalt führten, und Mitarbeiter, die die Staatsgeschäfte erledigten. Der Premierminister telefonierte sicher nicht in jeder Kleinigkeit selber. Hatte er dann doch eine Maske getragen? Er hatte das ja lange abgelehnt und von Herdendurchseuchung gesprochen. Und wenn er nun. Betty ging wieder einmal zum Fenster und schaute hinaus. Aber draußen gab es nur die anderen Häuser und die Fenster, die das Sonnenlicht spiegelten. Niemand ging auf der Straße. Niemand kam aus einem der Häuser auf die Straße heraus. Es standen nicht einmal Fenster offen. Verschlossen. Alles verschlossen. Betty fragte sich, ob hinter jedem der Fenster gegenüber auch alle so standen, wie sie dastand und auf die verödete Straße hinausstarrten.

Fiorentina saß auf dem Biedermeiersofa. Sie trug ein rosarotes Chanelkostüm. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und wippte mit dem oberen Bein. Ihre Pumps waren weiß mit Kitten Heels. Betty wußte, daß das Kitten Heels waren, weil sie für eine Kurzgeschichte in einer Frauenzeitschrift die Absatzformen für Damenschuhe recherchieren hatte müssen. Das war aber lange her.

„Du willst nur keine Schweinereien.“ Fiorentina begann, in ihrer weißen Korbhandtasche zu kramen. „Du willst dann keine Komplikationen. Es reicht dir, die Leute in der Politik nicht zu leiden. Das kommt dir schon politisch vor, wenn du jemanden ablehnen kannst. Aber ändern willst du nichts. Das ist dir wahrscheinlich zu schmutzig.“ Fiorentina kramte weiter in ihrer Tasche. „Hast du zu rauchen begonnen?“ fragte Betty. „So hat meine Mutter in ihrer Tasche herumgesucht, bis mein Vater ihr eine von seinen Zigaretten gegeben hat. Sie hat immer in ihrer Tasche nach Zigaretten gesucht, dabei hat sie nie selber Zigaretten gehabt. Aber sie hat immer nur so getan, als hätte sie welche.“

„Ist es das, was du immer machst?“ fragte Fiorentina. „Du tust so, als hättest du eine politische Einstellung, und suchst nach ihr, bis dir jemand eine gibt?“ Betty mußte lachen. Sie sah sich in einer ihrer großen Taschen kramen, bis von irgendwo jemand ihr eine politische Meinung hinhielt und sie in die einstimmen konnte. Aber war das nicht ein Teil liberaler Politik. Dieses Abstimmen auf ein gemeinsames Gutes, das dann gemeinsam verfolgt wurde. „Ich kann nicht immer gleich wissen, was das Richtige ist.“ sagte sie.

„Ich bin sicher, du weißt das immer.“ Irma war ins Zimmer gekommen. Irma war groß. Dunkelhaarig. Sie war weiß angezogen. Sportlich. Betty kam sich in ihrem Winterschwarz gleich ganz falsch vor. Irma hatte die modisch gerade vorgeschriebenen weißen Sneaker mit Plateausohlen an. Sie setzte sich in den Chintzfauteuil und wippte auch mit dem Fuß. Fiorentina verzog den Mund. „Warum tut sie dann nie etwas? Immer nur demonstrieren. Ist das genug?“ fragte sie. „Ich finde es nett, wenn sie nicht will, daß der jetzt stirbt.“ sagte Irma. „Das würde gerade noch einen Märtyrer aus diesem Holzkopf machen.“ rief Betty. „Und dann kommt dieser Michael Gove, und der hat schon die Schulen kaputt gemacht. Das war unter dieser Frau. Wie hieß die noch.“ Betty wedelte mit den Händen. „Na. Sagt mir doch. Mir fällt immer nur die Thatcher ein. Na die, die vor dem Johnson regiert hat.“

Fiorentina zuckte mit den Achseln. „Wenn du es nicht weißt.“ sagte sie. Irma stand auf. „Es geht doch um etwas ganz anderes.“ sagte sie. Betty mußte einen schmalen Mund machen. Sie nickte. Dann setzte sie sich. „Ah!“ Fiorentina lachte ahnungsvoll. „Deshalb der Widerwille, diesen englischen Premier umzubringen!“ Betty lehnte sich zurück. Stimmte das? „Aber das ist eine sehr umständliche Ableitung.“ sagte sie. „So weit ist das nicht hergeholt.“ meinte Irma und lächelte Betty freundlich zu. „Ich meine. Es hat mit deiner Tendenz zu tun, Männer schonen zu müssen.“ Betty schüttelte den Kopf. „Wir verstehen das.“ sagte Irma und schaute fragend zu Fiorentina. Die verzog nur den Mund.

„Das kommt von den Brüdern. Aber ich gebe zu Bedenken, daß das nicht die richtige Situation ist. Es ist doch alles verzogen und verkehrt. Jetzt gerade.“ Fiorentina machte wieder ihre Tasche auf.

„Kannst du das mit dieser Tasche lassen.“ Betty mußte aufspringen. Fiorentina schaute sie verwundert an. „Ja.“ rief Betty. „Es erinnert mich zu sehr. Insgesamt.“ Betty hielt ein. Sie hätte sagen wollen, daß Fiorentina sie zu sehr an ihre Eltern erinnerte. Aber wie sollte das nicht so sein. In der Isolation. Das war die fünfte Woche, in der sie niemanden gesehen hatte. In der sie nie mit jemandem richtig gesprochen hatte. Nicht in Augen geschaut. Nicht auf ein Gesicht reagiert. Da war es nur natürlich, auf die allerersten Gesichter zurückzufallen. Und auf Zoom. Da waren die Nasen so prominent und der Ausdruck der Augen nicht zu erkennen. Und Face Time. Bis die Person das Handy so hielt, daß sie erkennbar war, da war das Gespräch schon wieder zu Ende. Und auch da die Nasen das Bild beherrschende Ungetüme. Und sie hatte den Artikel in der New York Times nicht lesen wollen. „How to look nice on Face Time.“ Ihr fielen die vielen asiatischen Touristinnen auf dem Pont Neuf ein und wie lange die diese Handystangen balancierten, um ein gutes Selfie zustande zu bringen.

Irma lachte. „Jetzt warst du aber sehr weit weg?“ fragte sie. „Ausflüchte?“ stellte

Fiorentina fest. Betty seufzte. „Das ist alles nicht so leicht.“ sagte sie. „Wenn du ihn sehen willst, dann triffst du ihn. Lockdown oder kein lockdown.“ „Nein?“ rief Fiorentina. „Nein!“ rief sie noch einmal. „Doch!“ lächelte Irma. „Der alte Steinschneider hat sich wieder gemeldet.“

Fiorentina sprang auf. „Dieser schreckliche Kerl?“ Betty nickte. Irma grinste. „Die Frage ist, soll sie ihn treffen oder nicht. Er möchte mit ihr spazieren gehen und den Abstand einhalten. Aber er will sie sehen.“

Fiorentina begann, auf und ab zu gehen. Sie schüttelte immer wieder den Kopf.

„Der hat sich doch noch nie gut verhalten.“ sagte sie. „Aber er ist beständig.“ warf Irma ein. „Ich bin dafür, daß sie ihn trifft. Was soll denn schon sein. Sie hat es doch in der Hand, und wenn es ihr nicht paßt, dann geht sie einfach davon.“

Betty lächelte Irma zu. Irma war immer so herrlich positiv. Irma hatte offenkundig keine Angst. Kannte keine Angst. Und war das nicht richtig so. Eine ging auf ihr Schicksal zu und schaute erst einmal, was da möglich war.

„Ich frage mich ja, wie neue Beziehungen entstehen sollten. In dieser Situation.“ Betty sagte das entschuldigend. „Jetzt kann man eben niemanden Neuen kennenlernen. Basta!“ Fiorentina sagte das sehr bestimmt. „Das finde ich nicht.“ antwortete Irma. „Ich finde es eigentlich besonders aufregend. Du gehst in den Supermarkt und schaust so über den Maskenrand. Warum sollte dir da nicht jemand zulächeln?“ „Das wird dem Herrn Kurz gar nicht gefallen.“ murmelte Betty. „Vielleicht ist das ja seine Absicht.“ lachte Irma. „Vielleicht will der einfach nur die ganze Sache mit dem Sex verhindern.“ Fiorentina mußte lachen. „Eine große Abwehr der Urszene? Der wahre Grund, in die Politik zu gehen?“ Da mußten alle drei Frauen lachen. Edwin schaute ins Zimmer. „Aber wie wirst du dich entscheiden?“ fragte Irma. „Eine kleine anarchistische Unternehmung? Ein Treffen mit einem Mann, mit dem du nicht in einem Haushalt lebst?“ Fiorentina hatte wieder nach der Tasche gegriffen. Betty schaute sie an, und sie stellte sie gleich wieder weg. „Also?“ fragte sie. Edwin wollte etwas sagen. Betty nickte. „Also.“ sagte sie. „Chto delat?“ fragte sie. „Das ist zu viel.“ rief Edwin. „Für so eine Situation Lenin zitieren?“ Er ging aus dem Zimmer und warf die Tür zu.

 

Season 1. Episode 7.

 8. April 2020. Wien.

Sie war dann laufen gegangen. Am späten Vormittag. Bis dahin hatte sie die Zeitungen zwei Mal durchgesehen gehabt. Boris Johnson lag immer noch auf der Intensivstation und in der Frankfurter Allgemeinen hatte ein Lungenfacharzt gesagt, es werde zu viel und zu früh künstlich beatmet. Die Lunge sei ein kompliziertes Organ. In der New York Times gab es fast nur noch Anleitungen, wie eine oder einer sich die Zeit vertreiben sollte. Comedy dominiere die Internetunterhaltung, hieß es. Da hatte sie schon beim ersten Durchgang zu lesen aufgehört. Aber das war nur der Anlaß gewesen. Abgeschalten hatte sie bei Trumps Vorwurf, die WHO sei eigentlich schuld an allem. Da dominierten die Chinesen und deshalb der Virus, hatte dieser Präsident in seinen Weltbeherrschungsphantasien des 5-Jährigen Knaben gesagt. Er hatte auch wieder eine Pressedame mit langen blonden Haaren berufen. Der Schönheitskonkurrenzveranstalter in Aktion, hatte sie gedacht. So schaut das dann aus. Und alles verschoben und ungenau und angsterregend in dieser Ungenauigkeit.

Laufen. Schon beim Umziehen. Der Widerstand, der sonst nach den ersten 10 Minuten aus der Anstrengung entstand. Dieser Widerstand war schon bei der Überlegung da. Schon beim Überlegen, ob sie laufen gehen sollte, schnarrte der Widerstand hinter ihrem Brustbein, und im Oberbauch diese angespannte Leere. Sie hatte sich durchgesetzt. Sie hatte alles weggeschoben. Sie hatte alle Kräfte sammeln müssen, die Laufsachen aus der Lade zu nehmen und sich umzuziehen. Und die Anstrengung. Die Angst vor der Anstrengung. Die war ein Vorwand. Fiorentina hätte ihr das auch gesagt. Aber sie hatte das allein durchstehen wollen. Sie hatte keine Ratschläge von außen haben wollen. Sie wußte, sie mußte sich zwingen, auf die Straße zu gehen. Die Verführung war riesengroß, sich ganz zurückzuziehen und gar nicht mehr hinauszugehen. Beim Zusammendrehen der Haare zu einem Zopf und wie sie das Gummibändchen festmachte. Sie mußte sich genau vorstellen, wie sie durch die Wohnungstür auf den Gang und dann die Stiegen hinunter und dann auf die Straße hinaus gelangen würde. Sie hatte planen müssen, sich in die Außenwelt zu begeben. Wie war das geschehen? Sie war doch keine scheue Person? Sie hatte doch alles Recht, laufen zu gehen? Ja. Hatte sie nicht die Verpflichtung sich um sich selbst zu kümmern und sich fit zu erhalten?

Sie traf dann aber ohnehin kaum jemanden. Sie lief über den Gürtel in die Villengegend hinauf. Lief kreuz und quer die kleinen Gassen hinauf und dann wieder quer, sich vom steilen Aufstieg zu erholen. Sie fühlte sich plump. Ihr Körper hohl, aber schwer. Wie sollte das weitergehen? Wofür hielt sie sich fit?

Die Sonne schien. Die Hitze schon in der Luft.

In der Blaasstraße. Ein kleiner Tankwagen stand bei einem neugesetzten Bäumchen. Die Frau zerrte am Schlauch. Das Zerren half nichts. Betty lief am Tankwagen der Stadtgärtnerei vorbei. Sie wich auf die Straße aus, nicht zu nahe an der Frau vorbeizukommen. Die Frau bemerkte sie aber gar nicht. Die konnte den Schlauch nicht aus der Verankerung herausziehen. Betty hatte beim Vorbeilaufen sehen können, wie dieser Schlauch in sich verwickelt sich nicht aufrollen lassen konnte. Betty war schon an dem Tankwagen vorbei, da hörte sie die Frau „Scheiße.“ sagen. Betty wandte sich um. Die Frau hatte den Anfang des Schlauchs zu Boden geworfen und sagte wiederum „Scheiße.“. Betty lief weiter. Gleich darauf hörte sie den Tankwagen weiterfahren. Die Frau hatte den Baum nicht gegossen. Betty lief gleich wieder in Richtung Türkenschanzpark hinauf. Dieser neugesetzte Baum war also nicht gegossen worden. Vielleicht kam diese Frau ja wieder zurück? Vielleicht mußte sie nur diesen Schlauch irgendwie richten? Und vielleicht war sie zu gutgläubig? War dieser Baum nicht von dieser Frau abhängig? Brauchte so ein neu gesetzter Baum nicht noch dringlicher Wasser, um anwachsen zu können? Und sie? War sie nicht auch von dieser Frau abhängig? Wenn sie Bäume haben wollte, dann war sie auch von dieser Frau abhängig? Würde jemanden diesen Baum verteidigen und kontrollieren, ob der gegossen worden war? Und zeigte sich nicht schon wieder einmal, wie falsch die Ketten gewesen waren? Die eigentlichen Jobs so schlecht bezahlt? Die Personen in diesen Jobs so schlecht angesehen? Und war das nicht totaler Sozialkitsch, diesen Personen jetzt zu applaudieren? Den 24-Stunden- Betreuerinnen über das Regierungsmikrophon den Dank auszusprechen, aber die Bezahlung nicht zu erhöhen?

Sie lief dann doch ihre 7 Kilometer. Am Ende war die Anstrengung ganz richtig. Sie fühlte sich wieder richtig. Alle Ängste waren weggelaufen. Die Straße gehörte wieder ihr. Sie freute sich über sich. Über die Überwindung. Ach, dachte sie. Wie christlich du doch bist. Aber sie war amüsiert darüber. Sie lief auch noch die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf. Beim Hinaufhasten. Sie befahl sich, keine Nachrichten mehr anzuschauen. Sie sollte sich wirklich isolieren. Sich auf die Aussicht auf Ostern konzentrieren. Ihre Familie würde sie besuchen. Sie sollte wieder Personen sehen. Mit denen reden. Sie war isolationskrank. Sie mußte diese Diagnose ernst nehmen. Sie sollte nicht mehr dieses eine Buch immer und immer wieder lesen. Damit zementierte sie diesen Stillstand doch. Sie nahm sich vor, in die zweite Reihe ihrer Bücherregale zu schauen. Sollte sie nicht die hintere Reihe nach vorne holen. Oder sollte sie ihre Bücher ordnen. Warum hatte sie ihre Bücher nicht geordnet. Sie hätte ihre Bibliothek ordnen können in all dieser Zeit. Sie nestelte den Wohnungsschlüssel aus der Tasche hinten in ihrer Windstopperweste. Es war schon zu heiß für diese Weste. Sie mußte die Bauchtasche nehmen. Wo war die. Wieder fiel die Unzufriedenheit sie an. Einen Augenblick. Sie blieb an der Wohnungstür stehen. Die Tür schon aufgesperrt. Einen Augenblick. Sie wollte da nicht hinein. Sie wollte. Sie drehte sich um. Schaute in das Stiegenhaus hinunter. Sie wollte wieder hinaus. Sie wollte den Blick schweifen lassen können. Sie wollte unter dem Himmel stehen. Gehen. Sie hätte die Arme ausbreiten wollen und sich um sich selber drehen. Aber unter dem Himmel. Nicht in ihrem Wohnzimmer. Sie wollte die Endlosigkeit des Draußen haben.

Dann hörte sie das Ehepaar von ober ihr. Der Mann sagte etwas zu der Frau. Es klang normal. Sie hörte diese Szenen auch immer nur am Morgen. Das war dann eine Lautstärke der einen Stimme und ein gequältes Gemurmel der anderen Stimme. Sie hatte nie herausfinden können, wer da laut war und wer gequält. Auf dem Gang. Die beiden redeten wie jedes andere Ehepaar. Es gab nie ein Anzeichen von Gewalttätigkeit. Es war auch jetzt in der Isolation nicht anders. Waren die in ihrem sadomasochistischen Clinch besser vorbereitet gewesen? Waren die nur einfach da geblieben, wo sie immer schon gewesen waren? Sie hatte auch jetzt die ganze Zeit nur um 8 Uhr aus dem Schlafzimmer gehen müssen. Da begann das immer. War das deren Frühstücksgewohnheit? Aber eigentlich war das nur am Wochenende gewesen. Sonst. Während der Woche waren die längst an ihren Arbeitsplätzen um diese Zeit. Und war das wie beim Gießen des Bäumchens? Hätte sie die Behörden verständigen müssen? Aber wie konnte sie ein normales Ehepaar denunzieren? Und wegen des Bäumchens? Sollte sie das Stadtgartenamt anrufen? Oder sollte sie hingehen und nachschauen? Beobachten wie das Bäumchen sich entwickelte? Aber wenn das Bäumchen kaputtging? Dann war es zu spät. Und war das das Grundproblem? War das eine Beschränkung? Stellte es sich als Beschränkung heraus, nur die Wirklichkeit zu beurteilen? War das ganze 18. Jahrhundert wieder aufgehoben, das der Person ihr Leben in Aussicht gestellt hatte. Zur Selbstverwirklichung. Das 18. Jahrhundert, das die Person der eigenen Verantwortung überlassen hatte wollen und nur über das richten, was eine Person tat. Und nicht darüber richten, was eine Person war. Die Frau vom Stadtgartenamt. Die war eine Aushilfskraft. Warum sollte die sich für das Bäumchen verantwortlich fühlen. Sollten das nicht die Bewohner und Bewohnerinnen der Blaasstraße tun. Ging sich das mit der arbeitsteiligen Gesellschaft in Zukunft noch aus? War es nicht die Dienstleistungsgesellschaft, die so stillgestellt hatte werden müssen? Und würden nun die Maschinen endgültig übernehmen? Maschinen konnten steril gemacht werden. Personen nicht. Das Leben. Das Lebendige selbst. Das war die Schwachstelle.

Betty schlüpfte durch ihre Wohnungstür in die Wohnung. Sie wollte dieses Ehepaar nicht treffen. Man grüßte einander auf dem Gang. Aber Betty mußte immer an die Szenen denken und sich fragen, ob diese Personen wirklich annahmen, daß sie nichts hörte. Oder war sie in diese Szenen eingebaut? War sie Teil dieser Inszenierung? Sie schüttelte sich. Sie stand in ihrem Vorzimmer und seufzte. Draußen gingen diese beiden Personen an der Tür vorbei. Die Frau sagte etwas von Milch. Die gingen einkaufen, dachte Betty. Sie mußte das auch tun. Sie hatte ihre Vorräte fast aufgebraucht. Immerhin, sagte sie sich. Sie hatte noch nie so gut gewirtschaftet und immer auch die Reste aufgegessen. Wie ihre Großmutter das gemacht hatte. Kriegswirtschaft, dachte sie. Und dann lächelte sie sich im Spiegel gegenüber von der Wohnungstür zu. „Es ist Kriegswirtschaft, und verlang nicht von dir, dabei normal zu bleiben.“ sagte sie zu ihrem Spiegelbild. Immerhin hatte sie nichts zugenommen. Aber sie mußte Steinschneider absagen. Hatte sie eine Mailadresse? Der telefonierte immer nur. Also die Absage texten. Oder doch nicht absagen? Sie seufzte.

 

Season 1. Episode 8.

13. April 2020. Wien.

Zermürbt. Zermürbung. Zer. Das war eine von diesen wunderbaren Vorsilben. Wie ver-. Das waren Bedeutungszerstörer. Wilde bedeutungsverwirrende Vorsilben waren das. Den Sinn des Grundworts weit zerstreuend saßen die vor. Vorsitzend auflösend. Das Mürbe in Zermürbung. Das wurde ausgebreitet und zerrissen. Das Mürbe war zerstört. In der Zermürbung das schon kaputte Mürbe noch einmal kaputt gemacht. In Flocken zerrissen und ausgebreitet verendend. Und so fühlte sie sich. Zermürbt. Die Gedanken waren noch mehr verlangsamt und rissen in der Mitte ab. So ein schon mühselig gefaßter Gedanke. Der riß in der Mitte ab. Ließ sie absinken. Ließ sie in sich trudelnd davonsinken. Das Davonsinken. Sie konnte es sehen. Sie konnte sich zusehen. Dabei.

Aber dann. Sie konnte zu dem Gedanken nicht mehr zurückfinden. Sie mußte sich aufsetzen und sich zusammennehmen. So hatte das immer geheißen. „Nimm dich zusammen!“ Wenn sie wieder eingeschlafen war, statt zuzuhören. Wenn sie wieder fast eingeschlafen war in einem Vortrag. Sie war in diese Vorträge geschickt worden. In die Urania. „Am Nanga Parbat“ hatten diese Vorträge geheißen. Diashows waren das gewesen, mit denen die Bergsteiger das Geld für die nächste Expedition verdient hatten. Später waren dann die Anthropologen dazu gekommen. „Bei den Melanesiern auf Fidschi“. Wieder waren das immer Männer gewesen. Wortkarge Rauhbeine. Die Bergsteiger hatten die Bilder von schneebedeckten Berghängen vor wolkenlosem Himmel gezeigt und nur den Namen des Bergs gesagt. Bei den Anthropologen hatte es Meer und Kanus gegeben. „Nimm dich zusammen!“ war ihr ins Ohr gezischt worden, wenn sie einen dieser Lachanfälle gehabt hatte. Die wieder waren in der Kirche vorgekommen und waren eine andere Art von Einschlafen gewesen.

Sie rief sich den Satz selber zu. Aber sie konnte sich nur als Ausruferin des Satzs aufrichten. Als Empfängerin sank sie wieder in sich zusammen und hatte alle Gelegenheiten davon in vager Erinnerung. Das war eine dunkel verwehte Galerie ihres Versagens im Sich-Zusammennehmen. Wieder eine Abrechnung, dachte sie. Sie ging durch ihre Wohnung. Ging an der Wohnungstür vorbei. Striff an der Wohnungstür entlang. Sie fühlte sich wie ein Tier. Eine Katze vor einer versperrten Tür. Ihre Tür war nicht versperrt, aber das Hinausgehen war auch nicht möglich. Die Quarantäneregeln arbeiteten in ihr. Sie konnte fühlen, wie Quarantäneregeln die Tür dämonisierten. Wie sie die Tür verschlossen hielten. Wie sie ihr das Draußen unwirtlich machten. Die Regeln machten sie klein und unbedeutend und das Hinausgehen war zu einer Anstrengung aufgebauscht worden. Die Anstrengung stand vor ihr. Stand um sie. Und gleichzeitig lag sie in Zermürbung zersprungen rund um sie.

Es war dann wieder die Wut. Die Wut nahm sie zusammen. Ihr hübsches, kleines, selbsterobertes Ego hatte wieder einmal begonnen, ihr zuzuflüstern, daß sie doch ohnehin privilegiert sei. Und da wandte sie sich gegen sich selbst und schrie. Sie schrie sich an. Laut und rücksichtslos. Sie war daran, sich in die Situation einzufinden und ihre schlechte Laune über die Welt aufzugeben. Sie war daran, sich in die Reihe der Immer-Glücklichen einzureihen. „Es kommt noch so weit, daß du doch auf facebook gehst und dein Geständnis der Anpassung postest.“ Sie schrie sich an dafür, in ihrer Zermürbung zu denen gehören haben zu wollen, die aus dieser Krise wieder etwas machen konnten. Kurz. Sie hatte zu den Immer-Fröhlichen gehören wollen, die alles richtig finden konnten und immer profitierten. Sie hatte der Versuchung nachgeben wollen, ihrer Lebensarbeit den Rücken zu kehren und sich im herrschenden lockdown-Faschismus zu verlieren. Nur weil es ein bißchen ungemütlich geworden war. Betty war empört über sich. Im Auf- und Abgehen. Sie mußte lachen. Sie schnaubte. Sie fand sich selbst schnaubend. Schnaubend vor Wut. Es war wie Schnarchen im Wachsein.

Aber? War es nicht trostlos? Verhungerte sie nicht gerade kulturell? Verhungerten sie nicht alle gerade kulturell?

Sie sah sich vor dem Kindergarten. In der Mariengasse. Die riesige Sandkiste und die Aushilfskindergärtnerin, die sie aus der Sandkiste holte, weil sie sich schmutzig gemacht hatte. Ja, sagte sie zu sich. Das ist schon die richtige Assoziation. Insgesamt war das die richtige Assoziation. Heute. Sie war zur schmutzigen Person erklärt worden, weil man nicht messen konnte, ob sie infektiös, immunisiert oder gar nicht berührt von diesem Virus war. Das war wie die Situation vor der Ersten Heiligen Kommunion. War sie sündig, unschuldig oder irgendwie dazwischen von der Sünde nur angekränkelt. Damals. Sie war von einer Hilfskraft gerügt worden. Die Klosterschwestern hatten das Abführen in den Waschraum an die Hilfskraft abgegeben. Jetzt. Der Kanzler handelte ja auch als Hilfskraft eines Metaphysischen, das die katholische Kirche nicht mehr durchsetzen konnte. Und war nun zu erwarten, daß es wie damals in einer ersten Beichte zur Klärung kommen würde. Ob sie sündig war. Oder rein. Es war immer um Schmutz gegangen. Beschmutzungen. Sich beschmutzen.

Da mußte sie aber wieder lachen. Sie hatte in einer der deutschen Zeitungen gelesen, daß in der Quarantäne der Verkauf von Sexspielzeug immens angestiegen sei. Da ging es doch um das, was der alte Priester damals bei der ersten Beichte mit Selbstbeschmutzung gemeint hatte? Konnte das die darniederliegende deutsche Wirtschaft wieder ankurbeln? Darniederliegend. So wurde die deutsche Wirtschaft in den Zeitungen benannt. In Österreich stand da immer leidend. Da wurde von leidender Wirtschaft geschrieben. Aber würde es genauso wie damals zugehen? Nur nun ganz auf den Körper bezogen? Würde ihr nun ihr ganzes Leben bisher abgesprochen und nur ihr Körper beurteilt werden? Aber? War sie damals nicht auch auf den Körper reduziert worden? War es nicht in allem darum gegangen, daß sie ein kleines Mädchen gewesen war? War es nicht das erste Mal so vollkommen gleichgültig gewesen, daß sie die Barbara Betty Andover gewesen war? War sie nicht einfach eines von diesen vielen kleinen Mädchen gewesen? War sie nicht in der Herde der kleinen Mädchen an den Altar geführt worden? Namenlos und das weiße Kleidchen die Uniform des Opfers? Die Buben hatten dunkle Anzüge an, und sie schon die Brautkleider? Die Buben lernten die dunklen Anzüge zu tragen. Die dunklen Anzüge, die sie ihr ganzes Leben tragen würden müssen. Ihre Uniform. Die weißen Kleidchen der Mädchen. Die waren nie wieder zu verwenden gewesen. Einmalig. Wie die Unschuld oder der Tod. Und wurden sie nicht jetzt wieder genauso an irgendeinen Altar geführt und alles Eigene ausgelöscht? Würde diesmal eine Blutabnahme noch wörtlicher an die Opferung heranführen? Und würde das Verdikt des Labors über ihre Zukunft entscheiden? Über ihre Bewegungsfreiheit? Und war es nicht total christlich, daß einer oder eine, die Krankheit überstanden haben hatte müssen, um rein zu sein? Gelitten haben zu müssen, um als sauber erklärt zu werden? Weiß und deshalb ermächtigt?

Sie ging in die Küche und machte sich einen Kaffee. Sie stand da und wartete auf das Röcheln in der Espressokanne. Filterkaffee am Morgen. Ein Espresso um 11.00 Uhr. Ein Espresso um 15.00 Uhr. Sie hatte Kaffee gehortet. Während die anderen sich um das Klopapier gestritten hatten, hatte sie 6 Packungen Lavazza Café Crema mitgenommen. Sie war also sicher. Kein Kaffeeentzug. Der drohte nicht. Jetzt einmal. Und sie durfte sich nicht ihr Leben so wegnehmen lassen. Wenn überall behauptet wurde, daß es nie wieder so sein werde wie vor dem Virus. Sie durfte sich durch solchen Alarm nicht um ihre eigene Geschichte bringen lassen. Sie durfte das nicht zulassen. „Reiß dich zusammen.“ sagte sie laut zu sich.

 

 

Season 1. Episode 9.

14. April 2020. Wien.

Der Tag hatte gut begonnen. Weil es so kalt geworden war, hatte die Heizung sich wieder eingeschalten. Im Heizkörper neben ihrem Lesefauteuil hatte es gegurgelt und gezischt. Das hatte sie schon lange gestört. Sie hatte aber gedacht, daß sie die Heizung ohnehin bald ausschalten würde, und hatte sich nicht um dieses Gegurgel kümmern wollen. An diesem Morgen. Sie hatte die kleine Flügelschraube geholt. Hatte Papier von der Küchenrolle abgewickelt. Sie hatte den Heizkörper entlüftet. Die kleine Wasserfontäne mit Küchenrolle abgefangen. Dann den zweiten Heizkörper. Sie hatte die kleine Flügelschraube an ihren Platz zurückgebracht und sich neben den heißen, aber stillen Heizkörper gesetzt. Beim Kaffeetrinken. Sie horchte. Sie hörte noch ein Glucksen und dann nichts mehr aus dem Heizkörper.

Betty war sehr zufrieden. In Repubblica war ganz am Anfang jeden Tag die Rubrik „La prima cosa bella“. Gabriele Romagnoli hatte für den 14. April die Universalität der Zeichensprache dafür ausgesucht. Wie schön es sei, daß die Übersetzung der Osteransprachen des Papsts oder eines anderen Staatsmanns. „Papi e presidenti“, schrieb er. Wie schön es sei, daß diese Übersetzung aus allen Sprachen in diese eine Sprache für alle verständlich sei. Das war eine schöne Vorstellung. Sie lernten alle die Zeichensprache und konnten alle miteinander sprechen. Das war auch nur vernünftig. Wenn alle Masken tragen würden in Zukunft, dann war das Sprechen mit den Händen deutlicher. Und die Augen reichten dann ja.

„Was wirst du mit dem Steinschneider machen?“ Irma lächelte spitzbübisch. Betty seufzte. „Lass mich doch meinen Kaffee einmal austrinken.“ sagte sie.

„Du überlegst doch nicht wirklich, ob du den treffen willst?“ Fiorentina schüttelte den Kopf. „Ach, lass sie doch.“ Irma zog die Schultern hoch und seufzte. „Lass sie doch überlegen.“ meinte sie. Fiorentina stand auf und setzte sich an den Eßtisch. „Es ist doch verboten.“ sagte sie und begann, Solitär zu spielen. Betty hatte das Spiel da liegen. Immer wieder setzte sie sich an den Tisch und spielte. Sie hatte es schon so weit gebracht, daß nur noch 2 Steine übrig geblieben waren. Fiorentina spielte zügig und legte einen Stein nach dem anderen ab. „Kannst du das Spiel lassen.“ sagte Betty zu Fiorentina. „Du bist immer die Beste. Das wissen wir jetzt schon.“ Fiorentina hörte auf und wandte sich Irma und Betty auf der Couch zu. „Die Frage ist doch, ob du ihn überhaupt sehen willst.“ fragte Irma und schaute Betty forschend an. Betty lehnte sich zurück. „Also. Die Geschichte mit dem. Die ist ewig her. Ich kann mich gerade noch erinnern.“ sagte sie. „Ist es nicht erstaunlich, daß eine so etwas vergessen kann?“ Fiorentina schaute Betty fragend an. „Ich weiß.“ sagte Betty. „Ich dachte, du vergißt keinen Liebhaber. Das kannst du nicht vergessen. Aber dann.“ Betty kicherte und Irma mußte auch lachen. „Wie ich das erste Mal den Namen von einem nicht mehr wußte. Da war ich sehr erstaunt.“ meinte Betty, und Irma antwortete, „dann war er eben nicht erinnerungswert.“ Irma mußte wieder lachen. „Aber dann macht es doch ohnehin keinen Sinn.“ sagte Fiorentina. „Vielleicht fällt es dir wieder ein, wenn du ihn siehst.“ sagte Irma und grinste. Sie sagte, „vielleicht überkommt es dich und du kannst dich an alles wieder erinnern. Ich würde das ausprobieren.“ Irma lehnte sich auch in die Pölster zurück. „Vielleicht ist das schön.“ sagte sie verträumt. „Das Interessante ist, daß wir uns nie getrennt haben.“ Betty setzte sich wieder auf. Fiorentina zog die Augenbrauen hinauf. „Nie?“ fragte sie. Betty verneinte. „Nie.“ „Dann war es wirklich keine wichtige Geschichte.“ sagte Irma. „Da muß ich zustimmen.“ sagte Fiorentina. „Das Schlußmachen. Das sagt doch alles darüber, was für eine Beziehung das war.“ Fiorentina hatte sich vorgebeugt. Betty blieb in die Pölster genestelt. „Na ja. Es war ja auch so nebenbei. Er war damals verheiratet und ich hatte die Kinder. Also Liebe war das sicher nicht. Aufregend. Das war aufregend gewesen. Eine Abwechslung. Kennt ihr das. Wenn das Leben so anstrengend ist. Und so durcheinander. Und dann kommt jemand mit den gleichen Problemen um die Ecke.“ Betty dachte nach. „Also mehr eine mariage der Umstände ?“ fragte Fiorentina, und Betty nickte. „Ja. Das waren die Umstände.“ „Also bitte.“ rief Irma. „Die Umstände gehen doch nicht miteinander ins Bett. Ihr wart doch im Bett. Oder?“ Betty zuckte mit den Achseln. Irma begann laut zu denken. „Na bitte. Sonst würdest du dich überhaupt nicht an ihn erinnern. Wieviele Leute trifft eine immer wieder und die Umstände passen. Aber deshalb erinnert man sich doch nicht an die. Oder geht mit denen unbedingt ins Bett. Da habt ihr doch. Also. Wenn man ins Bett geht. Miteinander. Da kommt man doch. Also wie soll ich das sagen. Da gelangt man doch an einen anderen Ort. Gemeinsam. Oder bin ich da zu romantisch?“ Irma sah sich fragend um. „Wenn du nicht immer dieses „man“ verwenden würdest.“ Fiorentina war irritiert. „Du verlängerst damit immer wieder diese männliche Dominanz.“ „Ich bitte dich.“ rief Irma. „Lass mich mein Argument zu Ende führen.“ bat sie. Fiorentina bestand aber auf ihrem Einwand. „Du kannst doch sagen: Wenn Leute miteinander ins Bett gehen. Oder, wenn man oder frau miteinander ins Bett gehen.“ „Sagen wir doch, „Wenn zwei Personen ein Verhältnis miteinander beginnen.“ warf Betty ein. „Dann gibt es keine Einschränkungen.“ „Jetzt hast du mich wieder vollkommen abgelenkt.“ wandte Irma sich an Fiorentina. „Betty. Erzähl weiter.“ Betty setzte sich zurecht. Sie hatte die Beine angezogen und hielt sie umarmt. Sie schaukelte ein wenig. „Es gibt eine gewisse Sympathie für ihn. Oder eher eine ungewisse Sympathie. Es war schon während der Affaire klar, daß es ihm nur um sich geht. Er hatte Probleme mit seiner Beförderung und hatte sich schlecht behandelt gefühlt. Seine Kinder waren ein bißchen jünger als meine und sicher genauso anstrengend. Seine Frau hatte wieder zu arbeiten begonnen, und es gab Schwierigkeiten mit den Au-Pair-Mädchen. Die waren da alle aus der Slowakei und konnten am Wochenende nach Hause fahren. Wenn die von weiter weg sind, dann müssen die auch am Wochenende da sein und können eingesetzt werden. Und wir haben einander auch gar nicht so oft getroffen. Immer sehr spät. Ich glaube, der kam dann vom Flughafen. Von den Spätflügen aus Frankfurt und Zürich. Damals gab es kein Flighttracking. Und die Frau wird, selbst erschöpft, sich gar nichts gedacht haben. Wie gesagt. Es war ein paar Mal. Über drei oder vier Monate. Oder war das ein halbes Jahr? Und ich habe ihn immer Steinschneider genannt. Nie seinen Vornamen benutzt. Irgendwie. Ich habe dieser Geschichte zugesehen. Ich war nie so richtig verliebt, und er war mir nie so perfekt sympathisch. Aber er war ein interessanter Mann. Einen fehlerlosen Mann. Das hat es nicht gegeben. Das hatte ich schon gelernt gehabt. Und eigentlich. Ich würde lieber die Frau treffen. Wir sollten uns über diese Zeit damals unterhalten. Aber die Frau ist schon gestorben. Und wenn ich mir das überlege. Dann. Ich weiß nicht.“ Betty schaute Irma an. Dann Fiorentina. Beide schauten skeptisch drein.

„Es wäre ein Zeitvertreib.“ sagte Irma. „Ein historischer Blödsinn wird als Wiederholung nicht heilsamer.“ meinte Fiorentina.

 

 

Season 1. Episode 10.

15. April 2020. Wien.

Gleich am Morgen. Beim Blick in den Spiegel. „La prima cosa bella.“ murmelte sie sich böse zu. Sie sah ihrem Vater mehr als sonst ähnlich. Dann beim Weg in die Küche. Im Wohnzimmer. Fiorentina saß schon da. Sie trug ein Courregeskleidchen und weiße Lacklederstiefel. Sie hatte die Haare mit einer Spange vom Gesicht weggebunden. Jelinekartig. Betty ging sehr schnell an ihr vorbei. Fiorentina machte das, um sie auf ihre Nachlässigkeit hinzuweisen. Dabei paßte Fiorentina diese Frisur gar nicht. Diese Frisur paßte keiner, die über 7 Jahre alt war.

Betty war verstört. Gereizt. Sie trank den ersten Kaffee noch im Stehen in der Küche. War sie verstört, weil es von oben so ruhig war. Sie hatte nun schon den zweiten Tag keinen Ton von oben gehört. Mußte sie hinaufgehen und anläuten? Mußte sich eine nun einmischen? Waren alle Regeln des Abstands in diesem Abstandhalten verkehrt worden? Oder war die Welt einmal mehr dorthin geraten, daß eine sich auf ihr Gefühl verlassen mußte? Aber Gefühle waren meistens unzivilisiert und sie wollte sich nicht in diese Geschichte da oben hineinziehen lassen. Was war dann nachher? Wenn alles wieder normal war? Da mußte sie sich den zweiten Kaffee einschenken und ins Wohnzimmer gehen.

„Normal wird nicht sein.“ sagte Fiorentina. „Damit kann ich mich nicht beschäftigen.“, sagte Betty und setzte sich an den Computer. „Ich muß arbeiten.“ fauchte sie. Fiorentina stand auf. „Arbeiten? Muß?“, fragte sei süffisant und ging aus dem Zimmer.

Betty beantwortete Mails. Ein Journalist hatte Interviewfragen geschickt. Er fragte sie, was sie mit ihrem letzten Roman sagen hatte wollen. Einen Augenblick. Betty starrte den Bildschirm an. Das war eine übliche Frage. Das war keine gute Frage, aber üblich. Es war der Bildungsmaschine Österreichs nicht gelungen, Kunst und Kultur als selbstverständliche Grundlage zu vermitteln. Und eigentlich. Betty lehnte sich gegen die Lehne ihres Bürosessels. Eigentlich hatten die das nie gewollt. Das wären ja dann rundherum gebildete Personen geworden. Personen, die nicht mehr auf Führung angewiesen wären. Personen, deren Zustimmung erworben werden hätte müssen. Und nicht nur deren Stimme. Das hatte sich der Herr von Sonnenfels so ausgedacht und dabei war es geblieben. Die Person immer nur ein Teil und nie ein Ganzes. Und nur die Musik hatte sich durchschmuggeln können. Gegen diese Kleinmacherei. Und ein Roman mußte deshalb einen erkennbaren Sinn ergeben und war nicht ein Modell der Welt und als solches begehbar. Betty saß da. Das ist mindestens das hunderttausendste Mal, daß du das denkst, sagte sie sich und die Versteinerung verwandelte sich in Gummi. Ihre Leibesmitte. Von den Rippen bis zu den Hüften. Heißer Gummi. Sie mußte aufstehen. Im Wohnzimmer auf und ab gehen. Sie setzte sich. Sprang auf. Wenn sie sich bewegte, war es nicht so schlimm. Lähmungserscheinungen, dachte sie sich. „Lähmungserscheinungen!“ rief sie. Aber keine der Freundinnen emanierte. Wieder half nur der Zorn. Sie schrieb eine Abhandlung über den Roman an den Journalisten. Daß der Roman an sich schon politisch sei und wenn er das nicht wäre, dann wäre das kein Roman. Aber dann löschte sie gleich wieder. Das hatte alles keinen Sinn. Sie waren rettungslos verloren. Niemand war vorbereitet. Niemand hatte sich vorbereiten können. Wenn sie gewußt hätte, was sie jetzt wußte. Sie hätte eine Kommune gegründet. Hätte sich mit anderen zusammengeschlossen. Dieses so vollkommene Alleinsein.

Sie stand einen Augenblick. Sie konnte es fühlen. Wenn das noch lange so blieb. Ihr Körper würde sich in gallertigen Gummi verwandeln. Sie würde vergummiieren. Das Gummigefühl würde die Brust ausfüllen. Die Hüften stilllegen. Den Hals erreichen. Man würde sie als Gummipuppe finden. Vielleicht sogar wieder zurückverwandelt in ein Baby. So wie ihre Babypuppe Ingeborg. Oder wie im „Stern der Ungeborenen“. Aber dann. Die Vorstellung, daß Franz Werfel recht haben hätte können. Die Verstörung davon war so groß. Sie mußte zum Spiegel zurück gehen und dem Gesicht ihres Vater in ihrem Gesicht sagen, daß das nicht stimmen konnte. Franz Werfel war ein Lieblingsdichter ihres Vaters gewesen. Wie alle diese Kitschonkels aus der Nachkriegszeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die hatten ja alle wirklich angenommen, ihre Romane würden Politik machen, und dann war es „Mein Kampf“ geworden. Weil diese Männer in ihrer Selbstüberschätzung nicht bemerkt hatten, daß „Mein Kampf“ wie eine dieser katholischen Kampfschriften geschrieben war und deshalb für alle verständlich. Das waren die erfolgreichen Autoren gewesen. Die Frauen damals hatten viel klüger geschrieben. Und witziger. Aber was half ihr jetzt Faschismuskritik.

Betty fuhr dann hinaus. Sie flüchtete in Richtung Flughafen. Fuhr in Fischamend von der Autobahn ab und suchte nach einem Feldweg. Sie ging dann die Bahnlinie entlang. Sie ging auf einer Schotterstraße. Bog in einen Schotterweg ein. Sie ging zwischen Feldern. Gepflügte Erde. Trocken bröselig. Hunderte Meter weit in jede Richtung. Weit in den Feldern. Sie blieb stehen. Maria Ellend nach links. Die Donau tief eingegraben hinter ihr. Vor ihr diese Felder und dann ein bewaldeter Hügel. Die Sonne glasig und heiß. Die Luft kühl. Inmitten dieser Felder. Die Weite. Betty drehte sich um sich selbst. Sie konnte weithin schauen. Sie konnte den Blick weit hinschicken. In den Himmel hinauf. Sie breitete die Arme aus. Drehte sich noch einmal. Die Weite in die Brust atmend.

Beim Zurückgehen. Betty hatte umgedreht. Ein weißer Pickup-Truck war vorne quer gefahren und hatte eine Staubwolke hinter sich hergezogen. Betty wollte nicht in diesen Staub geraten. Der Pickup. In Filmen fuhren Vigilantes damit herum. Die Gewehre hinten festgeschnallt und ein Hund stand bellend auf der Ladefläche. Sie ging eine Hecke entlang zum Auto zurück. Sie konnte sich noch an den Streit um die Hecken erinnern. In den 80er Jahren. Es hatte großen Widerstand gegeben, und die Ökologen hatten viele Seminare mit den Bauernvertretern abhalten müssen, daß die schmalen Streifen Boden für die Hecken freigemacht worden waren. Jetzt. Alles trocken. Ausgetrocknet. Unter dem glasigen Himmel. Betty seufzte. Sie war gerade die Enge losgeworden, da lud sich ihr die Trockenheit auf.

Zu Hause. Betty stürzte in die Wohnung. Sie lief an den Computer. Schaute nach. Dann rief sie Fiorentina und Irma herbei. Fiorentina hatte sich umgezogen. Sie trug ein graues Schella Kann Kleid aus den 80er Jahren und graue Wildlederpumps dazu. Betty hatte dieses Kleid kaufen wollen, war aber mit Größe 38 viel zu dick für dieses Kleid gewesen, und das Nähen hätte zu lang gedauert. Es wäre für eine Hochzeit in München gewesen. Das Paar von damals war längst geschieden. Irma war wie immer in Weiß. Weißer Hosenanzug und weiße Segelschuhe. „In welcher Jahreszeit seid ihr eigentlich?“ fragte Betty. Fiorentina und Irma schauten einander an. Betty winkte ab. „Ich brauche euch.“ sagte sie. „Wir müssen Regen herbeizaubern.“ „Wir machen einen Regentanz?“ Irma stellte sich gleich in Position. „Ja.“, nickte Betty. „Es ist ganz einfach. Regen in der Zeichensprache.“ „Gebärdensprache!“, fiel ihr Fiorentina ins Wort. „Gebärdensprache.“ wiederholte Betty und verdrehte die Augen. “ Also. Das schaut so aus. Es ist total logisch.“ Betty hob die Hände und ließ die Handflächen ausgebreitet, die Finger spielend die Hände wieder sinken. „Regen.“, sagte sie dazu. „Regen. Bitte. Bitte Regen.“ Fiorentina schaute Irma fragend an. Irma hatte sich neben Betty gestellt. „Regen. Bitte. Bitte Regen.“, sagte sie mit. Fiorentina verzog den Mund, stellte sich aber auch neben Betty.

Betty wandte sich dem Fenster zu. Fiorentina und Irma drehten sich mit. Sie standen dem Fenster zugewandt. „Regen. Bitte. Bitte Regen.“ Sie wiederholten das im Chor. Sie kamen in Fahrt und hoben die Hände immer höher und ließen es immer tiefer regnen. Sie reckten sich in die Höhe und ließen den Regen bis an den Boden fallen.

Bettys Handy läutete. Betty deutete Irma und Fiorentina weiterzumachen. Sie hob das Handy vom Couchtisch auf. Unbekannte Nummer. Sie zögerte. Fiorentina und Irma hörten mit dem Regengesang auf. Irma machte mit den Bewegungen weiter. Betty nahm den Anruf an. „Betty. Endlich.“ Es war Steinschneider. „Steinschneider!“ rief Betty. „Du bist doch gesperrt.“ „Neue Nummer.“ sagte Steinschneider. „Und du siehst ja. Es hat keinen Sinn. Ich finde dich.“ Betty wollte antworten, daß sie das hörte und nicht sah. Dann schaute sie Fiorentina und Irma fragend an. Irma deutete ja. Fiorentina zuckte mit den Achseln. „Ich will dich sehen. Ich werde am Samstag um 14 Uhr die Nußdorferstraße vom Gürtel stadteinwärts gehen und vielleicht kommst du mir einfach entgegen.“ Betty konnte nichts mehr sagen. Steinschneider hatte schon aufgelegt. Edwin stand plötzlich in der Tür. „Da müssen wir vorher noch unser Gespräch haben.“, sagte er. „Unfinished business.“ lachte Irma. Fiorentina seufzte tief. „Wirst du wirklich dahin gehen?“ fragte sie. Betty überlegte. „Wie könnten wir eine Revolution starten?“ fragte sie.

 

Season 1. Episode 11.

20. April 2020. Wien.

„Ruin.“ Betty wachte in dieses Wort auf. Sie wachte in die englische Version von Ruin auf. Betty konnte nur noch auf Englisch oder Italienisch lesen. Berührungsängste sind das, hatte sie sich gedacht. „Du willst es nicht wahrhaben.“ hatte Fiorentina gesagt und gleich wieder nach einer Zigarette gesucht. „Du glaubst, wenn du es nicht auf Deutsch hörst, dann ist das alles nicht so die wirkliche Wirklichkeit. Sprachmagie halt.“ Warum schaute Fiorentina nach einem dieser bissigen Sätze immer gleich wieder weg und begann diese Zigarettensucherei? Sollte sie mit aller Gewalt an ihre Mutter erinnert werden? Und war es nicht genug, daß Fiorentina wie ihre Mutter gekleidet war?

„Ruiniert.“ Sie sagte es laut vor sich hin. Dann rief sie es laut. So laut, daß es im Wohnzimmer zu hören sein mußte. Betty hatte Fiorentina dorthin verbannt. Sie blieb liegen. Ich liege in meinem Ruin, sinnierte sie, und mit Bitterkeit sah sie vor sich, wie perfekt der lockdown ihre Welt zerstört hatte. Wie sie alle nur noch Körper waren. Und sie hatte dagegen gearbeitet. Alle ihre Texte waren gegen diesen reaktionären Alarmismus gerichtet gewesen. Gegen diese Gestalten der Macht, die nun vor ihnen allen standen und die Kultur ans Armenrecht verwiesen hatten. Ihr Körper lag schwer auf das Bett gepreßt. Die Schwere machte sie erinnern. Das Schreien hatte nichts geholfen. Sie mußte gegen die Schwere aufstehen. Sie wußte, wenn sie liegen blieb. Ihr Blutdruck würde absinken. Sie würde im Liegen schwindlig werden, und gegen diesen Schwindel aufzustehen, das strengte noch mehr an.

„Mein kluges Kind.“ sagte sie zu sich. Sie ging zur Toilette. In ihrer Altbauwohnung gab es nur diese eine Toilette gleich neben der Wohnungstür. Im Vorzimmer. Die Vorstellung von all diesen Toiletten in all den Stockwerken übereinander gestapelt. Einen Augenblick. Einer von diesen Überfällen. „La prima cosa bella.“ flüsterte sie und mußte kichern. Sie ging auf die Toilette und freute sich, nicht ins Badezimmer gehen zu müssen. Sie wusch sich die Hände. Auf der Toilette gab es nur ein winziges Waschbecken und nur kaltes Wasser. Aber sie mußte nicht ins Badezimmer.

Mit dem ersten Kaffee setzte sie sich ins Wohnzimmer. Draußen schien die Sonne auf die gegenüberliegende Häuserwand. Strahlend hell war das. Es hatte nicht viel geregnet. Ihr Regenzauber hatte nichts bewirkt. Diese strahlende Sonne beschien also ihren Ruin. Unbarmherzig. Diese Sonne war unbarmherzig. Und das hatte eine für die Sonne über Wüsten gelesen. Daß eine unbarmherzige Sonne herniederbrannte, war zu lesen gewesen. „The sun beating down.“ stand das auf Englisch da. Die Sonne niederschlagend. Und auf Deutsch war der Niederschlag wiederum für das Gegenteil gedacht. Und das ist nun die Zukunft. Die Aufteilung in diese vielen Sprachen. Und alle Mißverständnisse davon als Politik. Sie hatten alle gedacht, es würde reichen, die Voraussetzungen zu verändern. Sie hatte gedacht, wenn alle die Bereitschaft gelernt hätten. Ja die Lust daran. Zu übersetzen. Einander zu verstehen. Dann wären die Verständigungsprobleme gelöst. Aber nicht einmal in den USA. Da sprachen sie alle immerhin Englisch und konnten sich nicht verständigen. Betty seufzte. Immer wieder. Sie kam immer wieder dahin, Madame Mao rechtgeben zu müssen. Und dann mußte sie wieder kichern. Ihr Kanzler machte gerade das, was die Madame Mao sich gewünscht hätte. Jede Person in ihrer eigenen Wabe, und der Staat ein Bienenstaat. Die Erntehelfer wurden eingeflogen und wieder ausgeflogen, und der Traum jedes Faschisten war erfüllt.

 

Betty saß da. Immerhin, dachte sie. Du sitzt wieder herum. Sie trank ihren Kaffee. „Du denkst doch nicht an diesen Steinschneider.“ Fiorentina saß im Lesefauteuil und kramte in der Handtasche. Fiorentina hatte ein Nadelstreifkostüm an. Dunkelbraun mit dünnen beigen Streifen. Beige Schuhe und Strümpfe. Die Handtasche war eine dunkelgrüne Clutch. Betty beugte sich vor. Das war doch Krokodil?

 

Betty seufzte. „Lass sie doch in Ruhe.“ Irma hatte sich neben Betty auf die Couch gesetzt. „Willst du nicht den Couchtisch wieder zurückschieben?“ fragte Fiorentina. „Das wird sie schon machen.“ Irma sagte das beruhigend. „Es ist ungesund, solche Provisorien einreißen zu lassen. Wenn sie ihre Gymnastik regelmäßig macht. Gut. Dann soll die Gymnastikmatte hier statt des Couchtischs liegen. Aber wenn keine Gymnastikmatte da liegt, warum ist dann der Couchtisch nicht da?“ Fiorentina hatte einen Spiegel aus ihrer Clutch geholt und schaute sich hinein. „Wo soll ich meine Tasche hinlegen?“ „Kein Härchen gekrümmt.“ murmelte Betty. Fiorentina schaute sie scharf an. „Ja.“ sagte Betty laut. „Die Frisur ist makellos.“ Fiorentina zuckte mit den Achseln. „Ich gebe halt nicht auf. Wirst du dich anziehen? Du bist noch im Pyjama, weil du meinst, du wirst deine Gymnastik machen. Aber die Matte hast du weggeräumt. Also?“ „Laß sie doch in Ruhe.“ Irma klang gequält. Irmas weißer Kenzo-Jogginganzug blendete Betty. Es war zu viel. Dieses makellose Weiß war zu viel. Betty beugte sich vor und war nahe daran zu weinen. Ihre Schultern sackten nach vorne, und ihr Kopf hing hinunter. Gerade als das Weinen anfangen wollte, setzte Betty sich wieder auf. Wohin rannen die Tränen, wenn eine den Kopf hängen ließ? Sie wollte es nicht wissen. Sie lehnte sich zurück.

„Also. Wenn du es genau wissen willst.“ sagte sie dann zu Fiorentina. Die steckte den Spiegel in die Handtasche zurück und setzte sich auf. „Ist dieser Spiegel zerbrochen?“ fragte Irma. Sie stand auf und ging zu Fiorentina. „Spiegel in Handtaschen sind immer zerbrochen.“ sagte Fiorentina. Irma ging zur Couch zurück. „Das ist aber kein gutes Omen. So ein zerbrochenes Glück mit sich herumzutragen.“ meinte sie. „Fiorentina will sicher, daß ich endlich alle Rubbellose aufrubble.“ sagte Betty resigniert. „Was soll denn das helfen?“ fragte Irma. „So ein unverhofftes Glück, und der Fluch des zerbrochenen Spiegels ist gebrochen.“ dozierte Betty. Fiorentina nickte. „Aber jetzt wissen wir immer noch nicht, wo die Gymnastikmatte ist und was mit dem Steinschneider war.“

Irma schaute Betty fragend ins Gesicht. „Hattest du einen Wutanfall und hast sie zerschnitten?“ fragte sie. „Das hätte ich gemacht.“ „Nein.“ antwortete Betty. „Aber du hast recht. Das hätte ich machen sollen. Es ist doch wirklich unglaublich, wie wir uns mit aller Mühe fit halten. In Fasson halten. Was bleibt uns auch anderes übrig. Es wäre Selbstzerstörung, sich nicht irgendwie in Form zu halten. Aber eigentlich. Wir sollten uns alle gehen lassen und als Fettknödel wieder auf der Straße erscheinen. Alle riesige, scheußliche Fettknödel, und social distancing wäre unsere Lebensform. Durch unser Fett wären wir meterweit voneinander getrennt. Und dann gehen wir vor das Kanzleramt und stellen uns dahin. Und dann bleiben wir da stehen. Und stehen. Im richtigen Abstand. In der richtigen Form. Wir wären die Kinder, die alles richtig gemacht haben und nun genau dafür bestraft werden müssen. Aber wir wären als diese Kinder der schwarzen Pädagogik sichtbar. Das Elend unserer Existenz in den Fettpölstern erzählt. Der lockdown ins Fett gefaßt. Diese Vorstellung, daß wir nur ein Körper sind, der sauber gehalten werden muß. Diese Vorstellung. Die wäre dann umgesetzt. Wir müßten alle vor diesem Kanzleramt stehen. Der Heldenplatz gefüllt mit den Lockdownverfetteten. Weithin nur diese fetten Leute, die nur noch Menschen sind und keine Personen. Weithin also die Menschenkörper. Die Leiber, über die das Urteil des Hygienestaats gefällt wurde. Der Heldenplatz wäre dann auch wieder seiner Bestimmung zugeführt. Aufmarschplatz der Objekte der Politik. Wie damals. Nur wir müssen stumm bleiben. Unsere Wahrheit ist nicht der Schrei „Heil Hitler“. Unser Schrei ist das Schweigen der Angeschrieenen. Es ist unser Heil und nicht das eines Führers. Wir sind in ein Heil verstrickt, das uns alles kostet. Wir sind zum Heil gemacht, das in Statistiken über uns verfügt. Ein statistisches Heil und der Kanzler der Vorzugsschüler Europas. Der Kaiserkronenträger der Hygienestatistiken. Und die stimmen alle nicht. Nie wird auf 100.000 Einwohner gerechnet. Immer auf die Nationen bezogen und die alten Stärken wieder wirksam. Wie vor dem Ersten Weltkrieg. Deutschland und Frankreich im Clinch mit den Zahlen der Toten. Wer hat weniger. England auf der Suche nach Bündnispartnern, aber draußen. Rußland isoliert, aber autoritär. Ungarn auf Einzelkurs und Polen auf Nachahmung des gehassten Rußland. Die Ukraine. Und so weiter und so weiter. Aber wir müßten wirklich fett werden. Wirklich wirklich fett und häßlich. Fette vorwurfsvolle Staatskinder müßten wir werden. Das wäre Revolution heute. Wir müßten Österreich in eine einzige Selbsthilfegruppe für fettsüchtige Kinder verwandeln und den Staat so ausschalten. Im Übrigen. Könnt ihr euch erinnern. Mein Vater ist an so einem Spitalskeim gestorben. Da sterben mindestens so viele Personen wie am Corona. Da hat noch niemand etwas unternommen. Das wurde als Einzelschicksal eingestuft. Irma! Fiorentina! Bitte! Ich will wieder ein Einzelschicksal sein. Ach! Ich kann nicht mehr!“ Betty beugte sich wieder vor.

Betty saß da. Mit hängendem Kopf. Aus dem Augenwinkel sah sie aber, wie Fiorentina und Irma einander anschauten. Fiorentina zuckte mit den Achseln. Irma beugte sich zu Betty herüber. „War es das mit dem Steinschneider, was dich so verstört hat?“ Ihr verständnisvoller Ton. Betty wurde wütend. „Nein.“ rief sie. „Es war die Sache mit der Gymnastikmatte in der Badewanne!“

 

Season 1. Episode 12.

21. April 2020. Wien.

Der Kanzler spende ein Monatsgehalt, hatte Betty am Morgen gelesen gehabt. Sie hatte das in den Fernsehnachrichten schon gesehen gehabt. Den ganzen Vormittag lang hatte sie sich elend gefühlt. Deshalb. Spenden, dachte sie. Jetzt wird gespendet für dich. Sie mußte hinaus. Sie wollte aber nicht joggen gehen. Sie war nicht in der Lage, die Energie für die Konfrontation mit den Entgegenkommenden aufzubringen. Sie nahm ihre blauweißgetupfte Gesichtsmaske vor das Gesicht. Sie setzte eine Baseballkappe auf. „Niqab. Niqab.“ sagte sie laut. Sie sagte das noch während sie die Stiegen hinunterlief. Niemand benutzte den Lift mehr. Während sie so Niqab vor sich hin sagte, fiel ihr wieder auf, daß sie von dem Paar ober ihr nichts gehört hatte. Nichts hörte. Daß über ihr Stille herrschte. Waren die verreist? Die waren doch sonst nie verreist. Die fuhren im Sommer zwei Wochen nach Mallorca. Oder war das eine andere Insel im Mittelmeer gewesen?

Dann kaufte Betty beim Bäcker Ischler-Kekse und Roggenbrot. Sie hätte beides nicht gebraucht. Sie hatte das kurze Gespräch gebraucht. Die Augen der Verkäuferin über ihrer Maske und die fürsorgliche Erklärung, welches Brot mehr Roggen enthielt und welches gewürzt war und welches mit Molasse gemacht war. Betty stand mit der Bankomatkarte in der Hand. Sie folgte jeder Bewegung der Frau. Wie im Theater, dachte sie, und dieser Schluchzer der Betroffenheit stieg schon gleich auf. „Ich nehme noch ein Himbeertörtchen.“ sagte sie, und die Verkäuferin verfrachtete die Ischler-Kekse in eine größere Schachtel und legte das Himbeertörtchen dazu. Das dauerte lange. Vor der Tür draußen standen schon drei Personen an. Betty fragte die Verkäuferin, wie es ihr ginge. Da erzählte ihr die Verkäuferin, daß ihr Sohn heute Geburtstag habe. „Kein Geburtstagsfest.“ stellte Betty fest. Die Verkäuferin nickte. Sie lächelten einander an, und Betty ging. Auf der Straße. So ein Großkotz, dachte sie. Dieser Kanzler. Diese Politiker. Ein Monatsgehalt spenden, und der kleine Bub bekommt kein Geburtstagsfest. Die Herablassung davon. Aber das zeigte, wie die ihre Macht auffaßten. Spenden statt Solidarität. Einen feudalen Blick. Das erzählte so eine Spende. Gnädige Zurkenntnisnahme. Armenrecht. Betty ging sehr schnell. Mit der Maske auf. Sie stürmte dahin. Sie schaute gar nicht, wer ihr wie entgegenkam, und im Haus. Sie nahm den Lift. Sie hatte diese Backwaren nur eingekauft, um jemanden zu treffen. Um ein Wort von einer lebendigen Person an sich gerichtet zu hören. „Was darf ich Ihnen geben?“ Sie liebte diese Frau dafür, das so persönlich gesagt zu haben. Therapeutisch persönlich. Betty schüttelte den Kopf. Der Kanzler und der Innenminister hatten stolz gegrinst. Bei der Verkündigung der Spende. Dieses ganze Geld war nicht so viel Wert wie dieser kleine Satz und wie ihn diese Frau gesagt hatte. Im Lift. Betty schob die Maske auf den Hals hinunter. Dann setzte sie die Maske wieder auf und schaute in den alten, fleckigen Spiegel des alten, langsamen Lifts. Oben angekommen, schob sie die Scherengitter sorgfältig zu. Obwohl sie wußte, sie würde für den ganzen Tag die einzige gewesen sein, die den Lift benutzt hatte. Sie drückte trotzdem auf die Null, und schickte den Lift hinunter.

 

Betty wusch sich die Hände. Sie hatte die Lederhandschuhe angehabt, aber trotzdem. Die Hände rauh und am Daumen hatte sich trockene Haut gebildet. Sie konnte die Kaffeetasse nicht mehr mit einer Hand heben. Es tat weh, wenn der Henkel der Tasse diese trockene Haut gegen den Daumennagel drückte. Betty mußte die Tasse mit beiden Händen halten. „Das ist doch unpraktisch.“ sagte Fiorentina auch gleich. „Stell doch den Couchtisch zurück. Du kannst den Kuchenteller doch nicht auf den Boden stellen.“ Betty balancierte den Kuchenteller auf dem rechten Knie, während sie vom Kaffee trank. Sie hätte in der Küche bleiben können und sich an den Küchentisch setzen. Aber der Blick in den Hof auf die Linden da. Das erste zarte Grün. Sie hielt das nicht aus. Sie konnte das nicht aushalten. Der Frühling ging durchs Land, wie das so hieß. Und. Sie versäumte das alles. Keine langen Gänge durch das Sprießen und Blühen und wie das Grün immer dunkler wurde, und es so schwierig war, zu entscheiden, was schöner war. Das erste wolkig lichte Grün? Oder dieses mittlere Grün, wenn sich die Baumkronen ein wenig schlossen? Oder das dichte Grün, das den Schatten machte? Dieses Jahr nicht, dachte sie. „Ich würde den Couchtisch auch nicht zurückrücken.“ sagte Irma. „Aber sie macht doch die Gymnastik ohnehin nur so zwei Mal in der Woche.“ Fiorentina suchte schon wieder etwas in ihrer Tasche. Diese Tasche war himmelblau. Eine himmelblaue Doktortasche mit tausend Goldschließen und Goldschnallen. Die Tasche paßte perfekt zum Himmelblau des Dior-Kostüms. Fiorentina trug die beigen Schuhe und Strümpfe vonmVortag. Fiorentina hatte schöne Beine. Aber Betty war gleich erleichtert. Bis jetzt hatte Fiorentina noch nie etwas ein zweites Mal angehabt. Diese perfekte Vielfalt war beängstigend gewesen.

„Aber jetzt sag einmal. Wie ist das jetzt. Alles.“ Irma sagte das so nebenbei. „Jetzt sagt ihr mir am besten noch, daß ihr es ja gut mit mir meint.“ antwortete Betty. „Und, daß es zu meinem Besten wäre, wenn ich euch alles anvertraute.“

„So ähnlich hätten wir das gesagt. Ja und? Ist das nicht die Wahrheit?“ fragte Fiorentina und schaute wieder in ihre Tasche weg. Irma stand auf. Sie ging auf und ab. „Dir fehlt das Rauchen.“ stellte Betty fest. Sie schaute Irma zu. Sie schaute Fiorentina zu. Sie mußte tief Luft holen. Sie verstand Irma. Sie hätte jetzt auch gerne wieder geraucht. Sie sollte einfach wieder rauchen. Das war das Richtige. Rauchen. Gegen dieses Ansteigen der Verzweiflung. Gegen diese gleitenden Überfälle ihres Körpers gegen sie selbst. Ihr Bauch. Er wurde wieder fester Gummi. Kein Platz für die Luft. Ihre Rippen. Die Rippen ließen sich nicht bewegen. Betty stand auf. Im Stehen. Sie bekam besser Luft. Sie wollte lachen. Es war doch komisch, daß sie im Sitzen nicht mehr atmen hatte können. Mußte sie jetzt ihr ganzes Leben stehend verbringen. Ihr Vater hatte ein Stehpult gehabt. Wo war das geblieben. Das hätte sie jetzt brauchen können. Aber zum Essen. Sie sah sich am Stehpult stehend ihre Suppe löffeln. Sie mußte die gehorteten Suppendosen verbrauchen.

Und plötzlich. „Ich hasse euch.“ schrie sie. Es schrie aus ihr. Sie hätte gedacht, daß sie gar nicht genug Luft haben könnte. Für so eine Schreierei. „Ihr macht euch die ganze Zeit nur lustig über mich. Aber ich habe geglaubt, ich muß sterben. Und ja. Jetzt. Gleich nachher. Mir ist auch klar, daß das eine Panikattacke war. Aber währenddessen. Und niemand dürfte zu mir. Ich könnte niemanden herbeirufen. Niemand könnte mich in die Arme nehmen und mich beruhigen. Es gäbe nur Maskengesichter. Und das war ja auch der Grund. Das weiß ich schon. Aber das Herzrasen. Das war so. Das war so schrecklich. Ich war sicher, daß eine das nicht lange. Daß das Herz das nicht lange. Und das Zittern. Da zitterst du plötzlich am ganzen Leib. Die Angst. Die Angst. Das verschließt dich. Am Anfang ist der Kopf noch weit weg. Aber dann. Das Rasen steigt auch in den Kopf, und dann mußt du es glauben. Und ja.“ Betty schrie Fiorentina an. „Ja. Die Gymnastikmatte habe ich in die Badewanne gelegt. Ich habe nicht in der nackten Badewanne liegen wollen. Und ja. In der Badewanne wollte ich liegen, damit es nicht so eine Schweinerei geben soll, wenn ich. Wenn ich. Abkratze. Und nicht gefunden werde. Wer soll mich hier finden. Wenn ich am Telefon nicht antworte. Drei Tage, bis das jemandem auffällt. Nach drei Tagen. Ohne Kühlung. Und die ganze Schweinerei beim Sterben. Ich mag diese Matte nie wieder sehen. Versteht ihr? Ich brauche eine neue Gymnastikmatte. Und dann mache ich meine Gymnastik auch wieder regelmäßig.“

„Du solltest weinen.“ sagte Irma. Sie war stehengeblieben und hatte Betty zugehört. „Du solltest diese Verspannungen wegweinen.“ Da mußte Betty wieder lachen. „Irma!“,rief sie. „Du willst doch nur herausfinden, was mit dem Steinschneider war.“ „Ich bin eben eine Neugierige.“ sagte Irma. „Aber lieb.“ fügte sie hinzu. „Aber wirklich lieb. Ich meine es gut. Meine Liebe.“ Betty saß da. Das Weinen war eine Möglichkeit. Weinen war auch nur ein Instrument, dachte sie. „Weinen ist auch nur so eine Technik.“ sagte sie laut. „Ich will aus diesem technischen Leben hinauskommen. Ich will etwas erleben. Versteht ihr?“

„Aber dazu wäre der Steinschneider doch da gewesen.“ sagte Irma. Sie hielt den Kopf zurückgebeugt und musterte Betty. „Nein.“ Betty lehnte sich auf der Couch zurück. „Es ist schon gut. Ich erzähle ja. Ich erzähle ja. Ich hole mir nur noch einen Kaffee und dann gestehe ich alles.“ „Du warst zwei Stunden weg. Immerhin.“ rief Fiorentina ihr in die Küche nach. „Wirklich. So lange hat das gedauert?“ rief Betty zurück.

Betty füllte die kleine Espressokanne. Zündete die Gasflamme an. Stellte den Kaffee auf. Sie schaute zum Küchenfenster hinaus. Sie liebte diesen Blick. Vor dem Küchenfenster befand sich wie eine Veranda die Holzpawlatschen. Sie schaute durch zwei Fenster auf den Hof mit den drei Linden hinaus. Die Fensterscheiben der großen Pawlatschenfenster waren noch Nachkriegsglas. Das Glas blasig verzogen. Aber nur leicht. Der Ausblick auf die Bäume war verschwommen. Aber nur leicht. Wenn Betty sich bewegte, wurden die Äste und Blätter größer und kleiner. Näher und ferner. Aber angedeutet so. Betty schaukelte sich das hellleuchtende beginnende Grün auf und ab. Versank in dieses Schaukeln. Der Espresso stieg röchelnd in der Espressokanne auf. Betty mußte sich aus dem Schaukeln herausreißen. Sie schenkte den Espresso in eines der Zwiebelmustertässchen ein. Sie hatte eine echt Meißen und eine nicht echte Tasse. Es war die echte Tasse. Sie trug den Kaffee ins Wohnzimmer. Irma saß auf der Couch. Fiorentina hatte den Lesefauteuil besetzt. Betty setzte sich. Sollte sie wirklich alles erzählen, fragte sie sich. Da läutete es. Es war die Glocke an der Wohnungstür. Da wurde eine Art Schraube gedreht, und ein schnarrender Ton war zu hören. Die Glocke an der Haustür unten. Das machte einen elektronischen Ton. Betty hatte sich da einen hellen Glockenton ausgesucht. Es schnarrte wieder. Betty behielt den Espresso in der Hand. Der Couchtisch fehlte ja wirklich. Betty machte die Tür auf. Zwei Polizistinnen standen vor der Tür.

 

Season 1. Episode 13.

 22. April 2020. Wien.

Betty hatte nicht geschlafen. Gar nicht. Sie war aufgestanden und hatte sich Fencheltee gekocht. Sie hatte sich auf die schmale Bank in die Pawlatschen gesetzt und in den Hof gestarrt. Noch waren die gegenüberliegenden Häuser durch die Bäume hindurch zu sehen. Im Sommer verdeckte das dichte Laub diese Sicht. Es war niemand wach. Kein Licht in irgendeinem Fenster im Hof. Auch auf ihrer Seite nicht. Betty war auf den Gang hinausgeschlichen. Sie hatte sich aus dem Gangfenster hinausgebeugt und auf ihrer Seite der Hoffassade nachgeschaut.

Betty hatte dann das Licht in der Küche ausgeschalten. Sie hatte sich ins Wohnzimmer gesetzt. Sie saß da. Im Dunkeln. Sie grübelte. Sie war erstaunt. Die Panikattacke. Das war nur eine Nacht zuvor gewesen. Sie hatte keine Erinnerung mehr daran. In sich. Sie wußte, daß diese Attacke stattgefunden hatte. Aber es war eine andere Person gewesen. Sie selbst als eine andere Person. Aber es war kein angenehmes Gefühl, nichts mehr von sich zu wissen. Es war sogar ein schlechter Geschmack, und Betty ging, sich die Zähne zu putzen. Im Badezimmer erinnerte sie nicht einmal der Blick auf die Badewanne an diese entsetzliche Sterbensangst, die sie in die Badewanne getrieben hatte. Und wann würde sie wieder zu ihrer Zahnärztin gehen können. Oder zu ihrer Cantienica-Trainerin. Das waren die fürsorglichsten Personen, die sie in ihrem Leben hatte. In zwei Wochen, hatte es geheißen. Aber wenn die Statistik nicht stimmte. Es war schon einmal so eine Regelung wieder zurückgenommen worden. War irgendetwas sicher? Und wer hatte sie nun angezeigt? Wer hatte ihr die Polizei an den Hals geschickt? Und warum hatte sie sich nicht die Haare gewaschen gehabt?

Immerhin hatte sie einen der neuen Pyjamas angehabt. Und sie hatte die Tür gleich wieder zugemacht. Sie hatte gesagt, „Einen Augenblick. Bitte.“ und hatte die Wohnungstür wieder zugemacht. Sie hatte ihren Morgenmantel angezogen und dann erst wieder die Tür aufgemacht. Sie war in der Tür stehen geblieben. Einen Augenblick. Sie hatte den Impuls gehabt, die Polizistinnen hereinzubitten und die Wohnung absuchen zu lassen. Einen Augenblick hatte sie sich diesen Triumph gewünscht. Es war ja klar gewesen, daß es um eine Übertretung der lockdown-Verordnungen gegangen war. Fremder Besuch. Fremde Leute. Fremde Viren. Aber dann hatte ihr Bürgerinnensinn gesiegt. Der Polizei freiwillig eine Wohnungsdurchsuchung gestatten? Nein. Die Polizistinnen waren freundlich gewesen. Ruhig und freundlich. Es habe eine Anzeige gegeben. Eine Frau habe gschrien. Und gleichzeitig müsse festgestellt werden, daß nur sie allein in dieser Wohnung gemeldet sei. Daß also niemand außer ihr sich in dieser Wohnung befinden dürfe.

Es war dann schnell geklärt. Es sei niemand da. Und nein. Sie erlaube keinen Eintritt. Sie habe die Nerven verloren. Es tue ihr leid. Sie habe eine Panikattacke gehabt und laut geschrien. Und nein. Sie brauche keine Hilfe. Und vielleicht war es auch nur die Musik gewesen? Manchmal drehe sie die Musik zu laut auf. Aber normalerweise sei am Vormittag auch nie jemand im Haus, weil alle arbeiteten. Sie habe sich eben noch immer nicht daran gewöhnt, daß alle in ihren Wohnungen waren, aber trotzdem niemand zu hören sei. Aber bitte. Sie habe eine Frage. Wer sie denn nun angezeigt habe. Das könne sie nur erfahren, wenn es ein Verfahren gäbe, war die Antwort gewesen. Es hatte immer die Kleinere der beiden Polizistinnen gesprochen. Die große Blonde war breitbeinig daneben gestanden und hatte sich auf dem Gang umgesehen. Ob es immer zwei Wohnungen in jedem Stockwerk gäbe, hatte die gefragt. Dann hatte wieder die Kleinere weitergesprochen. Für dieses Mal gäbe es keine Folgen, hatte sie gesagt. Betty hatte schon fragen wollen, worauf diese Folgen denn folgen sollten, wenn es nichts gab, dem zu folgen gewesen wäre. Sie hatte sich aber rechtzeitig gefaßt. Sie hatte sich herzlich bedankt. Dann hatte sie wieder den Impuls niederkämpfen müssen, diese beiden Frauen zum Kaffee hereinzubitten. Eine Gier nach Reden war das gewesen. Der Schock über die Anzeige hatte sie aber schlaff gemacht, und sie hatte nichts mehr gesagt. Sie hatte die Tür zugemacht und war an die Tür gelehnt stehengeblieben. Sie hatte den Polizistinnen beim Weggehen zugehört. Sie hatte dann aber nicht sicher sein können, ob diese beiden Frauen aus dem Haus gegangen waren, oder ob sie bei der Nachbarin unten angeläutet hatten. Sie war zu lange an der Tür stehen geblieben.

Betty war sicher, daß es die Frau von unten gewesen war. Oder war es das Ehepaar oben? Hatten die sie angezeigt? Hatten die? Die Vorstellung machte Betty sprachlos. Sie ließ die in Ruhe? Sie ging denen aus dem Weg? Sie mischte sich nicht ein? Und die holten die Polizei? Die waren doch die Störenfriede. Die stritten so laut, daß sie es mitbekommen mußte. Das war asozial. Das war pervers.

Betty verbrachte die Nacht auf der Couch. Sie holte sich die Tuchent und legte sich auf die Couch. Sie wachte in das Gefühl der Unsicherheit wieder auf. Sie war verfolgt. Aber von wem. Noch vor dem ersten Kaffee ging Betty duschen. Wusch sich die Haare. Sie zog sich an. Sie zog den dunkelblauen Hosenanzug an und die beige Seidenbluse. Sie trank nur Wasser. Sie war zu nervös für Kaffee. Sie wartete bis es halb neun geworden war. Vor der Wohnungstür. Sie mußte tief Luft holen. Dann ging sie los. Sie ließ die Wohnungstür leise ins Schloß fallen und stieg ins nächste Stockwerk hinauf. Sie hielt ihren Schlüsselbund umklammert. Sie mußte den Kopf schütteln. Warum schlich sie so ängstlich da hinauf. Und sie hatte es gewußt. Sie hatte es immer gewußt. Diese Auseinandersetzung würde kommen. Diese Auseinandersetzung war unvermeidlich, und ohne zu zögern, klingelte sie.

Es war still. Keine Antwort. Betty klingelte ein zweites Mal. War das Big Ben, wie diese Glocke klang? Betty trat an das Geländer. Im Stiegenhaus. Sie hörte jemanden heraufsteigen. Betty blieb stehen. War das die Nachbarin von unten? Sie beugte sich über das Geländer. Sie hielt sich an dem hölzernen Handlauf fest und beugte sich weit vor. Die heraufsteigende Person ging aber knapp an der Mauer. Betty konnte niemanden erkennen. Dann ging die Person an ihrer Wohnungstür vorbei und stieg weiter herauf. Es war die Frau vom Ehepaar von oben. Es war die Ehefrau.

Die Frau hatte Betty gesehen. Sie stieg schneller. Eilte herauf. Betty schaute ihr entgegen. Die Frau deutete ihr zu warten. Betty blieb stehen. Dann ging sie einen weiten Schritt zurück. Abstand. Die Frau kam oben an. Sie war atemlos. Sie nickte Betty zu und keuchte. Sie stand vorgebeugt und sich räuspernd vor ihrer Wohnungstür. Sie nickte Betty zu. „Es ist alles gut.“ flüsterte sie Betty zu und winkte Betty gleichzeitig, den Abstand beizubehalten. „Nicht laut.“ sagte die Frau. „Das Haus!“ und sie deutete auf die andere Wohnungstür auf dem Stockwerk. Betty beugte sich vor. „Mir geht es gut. Verstehen Sie!“ Die Frau sagte das dringlich. „Uns geht es gut. Verstehen Sie?“ Betty schaute skeptisch. „Ja. Ja.“ Die Frau wurde gleich wieder leise. Flüsterte. „Der lockdown. Wir müssen uns nicht streiten. Verstehen Sie. Wir streiten nicht.“ Die Frau lächelte verschämt. „Wir streiten nicht.“ sagte sie noch einmal. Betty lächelte die Frau an. „Good news.“ sagte sie. Und dann fügte sie „Das freut mich sehr.“ hinzu. Und warum hatte sie das erst einmal auf Englisch sagen müssen. Sie schaute die Frau an. Dann lächelte sie die Frau an und ging hinunter. Sie hatte tausend Fragen im Kopf, aber dann war das eben so. Für dieses Paar war der lockdwon das Richtige. Was konnte sie dazu sagen? War das eine Heilung? Hatte der Zwang von außen die inneren Zwänglichkeiten aufgehoben? War es darum gegangen, elterliche Gewalt wiederholt sehen zu müssen? War die Gefangenschaft schon Gewalt genug? Oder war die Perversion im Kleinen nun im Großen Psychotischen befriedigend? Sie konnte sich das nicht vorstellen. Aber sie nahm sich vor, sollte die Streitereien von oben wieder zu hören sein. Sie würde das ansprechen. Es war Gewalt und wenn die das so haben wollten, dann mußten sie die Schüttung zwischen den Wohnungen verstärken. Zumindest. Leben und leben lassen. Das mußte nicht zu Lärmbelästigung führen.

Sie hörte die Glocke an ihrer Wohnungstür schnarren. Sie eilte die Stiegen hinunter. Der Mann von der anderen Wohnung im Stockwerk unten stand vor ihrer Tür. Er trug eine Maske und trat gleich einen Schritt zurück. Betty hatte keine Maske auf. Das hätte sie tun sollen. Wie hatte sie das vergessen können. Der Mann. Betty war nicht sicher, aber hieß der nicht Keller. Sie wußte nichts über ihn. Aber er grüßte sie immer, und sie grüßte zurück. Der Mann lächelte hinter seiner breiten grünen Gesichtsmaske. „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß die Polizei auch bei mir war. Ich glaube, es ist meine Nachbarin, die uns angezeigt hat. Was hat man Ihnen denn vorgeworfen?“

Betty war plötzlich müde. Was war denn das alles. Das verschämte Lächeln der Frau von oben fiel ihr ein. Die Nachbarin von unten, die alle anzeigte. Das war ein ruhiges Haus gewesen. Problemlos. Fast problemlos. Aber die Nachbarn von oben hatten meist erst um halb acht mit ihren Streitereien begonnen. Da war sie fast immer schon aus dem Bett gewesen. Und auf einmal. Polizei. Anzeigen. Wunderheilungen. Nachbarbesuche. Man war einander aus dem Weg gegangen. Bisher. Es hatten nicht einmal alle gegrüßt. Die Frau von unten war immer grußlos an ihr vorbeigegangen.

Der Mann stand da und musterte sie. Betty mußte lächeln. „Wissen Sie was.“ sagte sie. „Ich habe noch keinen Kaffee gehabt. Wollen Sie auch einen?“

Der Mann legte fragend den Kopf schief. „Wir machen das so.“ sagte Betty. Sie sperrte auf. Holte den Sessel aus dem Vorzimmer und stellte den auf den Gang. Dann holte sie einen zweiten Sessel vom Eßtisch und stellte ihn in ihr Vorzimmer. „Wie wollen Sie Ihren Kaffee?“ fragte sie durch die offene Wohnungstür. Der Mann hatte sich hingesetzt. „Schwarz.“ sagte er lächelnd. „Ich auch.“ nickte Betty zurück. „Aber Sie wissen schon.“ Der Mann war an die Wohnungstür getreten. „Die Maske muß ich ausziehen, wenn wir Kaffee trinken wollen.“ rief er Betty in die Küche nach.

 

Season 1. Episode 14. 

27. April 2020. Wien.

„Gefahr im Verzug!“ rief Betty und lief in die Küche. Die Espressokanne hatte zu röcheln begonnen. Irma lachte. Fiorentina hatte die Augenbrauen hochgezogen. „Kannst du gar nichts ernst nehmen?“ fragte sie.

Betty hatte sich den Espresso eingeschenkt und stand mit der Tasse in der Hand in der Tür. „Und kannst du nicht irgendetwas locker nehmen?“ fragte sie zurück. Fiorentina seufzte. Sie blieb aufrecht sitzen. Betty setzte sich. „Such ruhig in deiner Tasche nach nicht vorhandenen Zigaretten.“ sagte sie zu Fiorentina. „Kommt. Ihr beiden.“ Irma versuchte zu vermitteln. Fiorentina stand auf und stellte sich ans Fenster. Irma setzte sich in den Lesefauteuil und legte ihre Beine über die Armlehne. „Du mußt die Betty verstehen.“ sagte Irma zu Fiorentina gewandt und dann zu Betty. „Seit dem Anruf von deiner Verlegerin bist du…“ „Na was?“ lachte Betty. „Komisch?“ versuchte Irma. „Krampfhaft lustig.“ sagte Fiorentina zum Fenster hinaus. Betty lachte.

Fiorentina drehte sich um und kam zur Couch zurück. „Ich glaube.“ sagte sie nachdenklich. „Ich glaube, du solltest jetzt einen Bestseller schreiben und ganz viel Geld verdienen.“ Betty bekam einen Lachanfall. „Ja. wirklich.“ Fiorentina setzte sich neben sie. „Lach nicht.“ sagte sie. „Das ist jetzt deine Stunde.“ Betty konnte vor Lachen nichts sagen. Sie schüttelte den Kopf. Holte Luft. Sie mußte aber doch wieder lachen. „Jetzt sag schon, was die Verlegerin gesagt hat. Deshalb lachst du doch.“ Irma mußte mit Betty mitlachen. Betty nickte und versuchte sich zu beruhigen.

„Schreib einen Roman mit einem jungen Mann als Hauptfigur. Über einen von diesen aalglatten Typen, die gerade an der Macht sind.“ Fiorentina hatte sich zurückgelehnt und überlegte laut. „Du meinst so einen Felix-Krull-Typen?“ fragte Irma. Fiorentina nickte. Betty war wieder zu Atem gekommen. „Niemand will einen neuen Text haben.“ seufzte sie. „Es gibt sogar einen Lieferstopp für die Verlage. Ich mußte meine Verlegerin trösten, statt daß es umgekehrt war. Das war einmal umgekehrt gedacht. Der Verleger motiviert die Autoren und Autorinnen. Das hat sich umgedreht.“ Betty mußte wieder lachen. „Das ist jetzt so.“ sagte Irma. „Das ändert sich und ein Roman darüber, wie diese Krise instrumentalisiert wird. Das wird nicht aus der Mode kommen. Aber du mußt es leicht nehmen. Deine schwierige Prosa. Die will jetzt wahrscheinlich wirklich niemand lesen.“

„Na großartig.“ Betty stand auf. Sie nahm die Espressotasse und trug sie in die Küche. „Schön, daß ihr mich so toll unterstützt“ murmelte sie. „Wir hören dich.“ rief Irma.

Betty setze sich an den Küchentisch. Sie schaute hinaus. Sie trank zu viel Kaffee. Das machte sie nervös. Nervös. Das war einmal ein neues Wort gewesen. Ihr Vater hatte sich lustig darüber gemacht. Da war sie sehr klein gewesen. Nervös. Ihre Mutter hatte das zu ihr gesagt. Das Kind mache sie nervös, hatte ihre Mutter gesagt. War das die gleiche Unruhe gewesen, die sie jetzt verspürte. Wenn sie hinaussah. In das Grün der Linden. Vom Rippenbogen in den Bauch hinunter diese Unruhe. In sich gedreht zerrend. So war das. Und kein Gegenmittel. Sie hätte in die Innenstadt gehen wollen. Sie hätte sich über jeden Touristen und jede Touristin gefreut, die sie sonst zum Teufel gewünscht hatte. Sie wollte in einer Menge von Leuten untergehen. Über den Stephansplatz gehen und sich beeilen, die Massen hinter sich zu lassen. Betty mußte nicken. Ja, mußte sie sich sagen. Sie hatte keine Lust mehr hinauszugehen. Jetzt. Sie hatte die Lust verloren, sich in der Stadt herumzutreiben. War sie schon verwandelt? War sie schon umerzogen? Hatte sich die Stimme der Regierung schon in ihr eingenistet? Hatte sie ihre Selbstbestimmung bereits geopfert? Hatte sich ihre Selbstbestimmung selbst aufgegeben? War sie so schwach? War es gar nicht so weit her gewesen mit ihrer Autonomie?

Betty sprang auf. Sie stürzte ins Wohnzimmer, aber bevor sie etwas sagen konnte. Irma schaute sie vorwurfsvoll an. „Was?“ fragte Betty. Irma und Fiorentina schauten sie weiter an. „Leute.“ seufzte Betty. „Leute! Ihr könnt doch nicht so neugierig sein. Ihr seid ja schlimmer als jedes Tratschblatt!“ Betty stand an die Tür gelehnt. „Ihr seid doch sonst nicht so einig.“ stellte Betty fest. Irma und Fiorentina grinsten einander zu und nickten. „Doch!“ sagten sie im Chor.

„Also den Herrn Keller werde ich zu einem Kaffee treffen, wenn wir das wieder dürfen.“ Betty sagte das als bete sie eine Litanei herunter. Irma und Fiorentina schauten sie auffordernd an. „Ach. Der Steinschneider.“ „Ja und?“ fragte Irma. Sie hatte sich im Lesefauteuil aufgesetzt und erwartungsvoll vorgebeugt. „Das kann doch nicht wahr sein.“ sagte Betty. „Wir sind in der eigenartigsten Krise eingefangen! Wir sind in einem Krieg gegen einen unsichtbaren Feind! Wir sind unseren Regierungen hilflos ausgeliefert! Wir sind Geiseln in diesem Kampf! Unsere Wohnungen sind in Gefängnisse umgewandelt, und Pech, wenn du nicht schön wohnst! Alles, was falsch war, ist noch falscher! Das Verantwortungssubjekt des 18. Jahrhunderts ist in das Untertanenobjekt des 14. Jahrhunderts verwandelt! Wir sind vor die Reformation zurückgestoßen worden! Wir werden wieder an unserem Körper gemessen! Und der Körper wiederum wird einem neuen Reinlichkeitsideal unterworfen! Die gesamte Kultur des Individuums! Alle so schwer und grauenvoll erkämpfte Kultur des Rechts auf die eigene Person wird für ungültig erklärt! Ausradiert! Und ihr wollt wissen, ob ich den Steinschneider getroffen habe?“ Irma und Fiorentina nickten grinsend. „Ja!“ sagten sie wieder im Chor. „Und halt keine Predigten.“ murrte Fiorentina.

„Die hält doch schon dieser Kanzler.“ kicherte Irma. „Ja.“ mußte Betty nicken. „Man fragt sich, in welchem Priesterseminar der seine Rhetorikausbildung gemacht hat.“ „Also?“ fragten Fiorentina und Irma.

Betty holte tief Luft. „Das mit dem Herrn Keller stimmt nicht.“ sagte sie. „Wir telefonieren. Ich telefoniere. Mit dem Fritz. Der Keller heißt mit dem Vornamen Friedrich. Aber er wird Fritz gerufen. Und er ist nicht Lehrer. Ich habe gedacht, daß der ein Lehrer ist. Aber er ist Richter. Und mehr weiß ich selber nicht. Ach ja. Er hat gesagt, daß er mich in einem Konzert im Konzerthaus gesehen hat, und ob ich oft in Konzerte gehe. Er geht da auch hin. Wir könnten das gemeinsam tun, haben wir gesagt. Zufrieden?“ Betty schaute von Irma zu Fiorentina. Die zwinkerten einander zu und schüttelten den Kopf.

Betty stand auf. „Ich werde meine Unterwäschelade aufräumen. Ich kann ja jetzt jederzeit ins Schlafzimmer gehen. Keine sadomasochistischen Dialoge von oben. Und ist das nicht eine Erholung?“ Betty reckte die Arme. Sie streckte sich. Dann ließ sie die Arme wieder fallen. Sie beugte sich vor und ließ ihre Hände bis zum Boden sinken. Sie streckte die Beine durch. Sie machte das jetzt so oft, daß sie den Boden ohne Mühe erreichte. Wieder aufgerichtet sagte sie zu Fiorentina, „Vielleicht hast du recht mit deinem Vorschlag. Und wißt ihr, an wem ich mich da rächen könnte.“ Fiorentina legte ihren Kopf fragend schief. Irma saß wieder quer auf dem Lesefauteuil und wippte mit den Beinen. Fiorentina hatte das Pepitakostüm und die schwarzen Pumps an. Irma trug ein viel zu kühles Sommerkleid in Weiß und die weißen Sneaker. Betty ging ans Fenster. „Wenn ich so einen Roman schriebe. Die Hauptfigur. Ich könnte mir Little Lord Fauntleroy als Hauptfigur vorstellen. Little Lord Fauntleroy. Ich habe diesen Kerl immer schon gehaßt. Schon wie ich das das erste Mal gelesen habe. Dieses sonnige, hübsche und in allem richtige Kerlchen, und wie der diesen Großvater herumkriegt. Wie Jesus. Im Tempel. Gott, habe ich den gehasst. Den habe ich auch gehasst. Damals. An denen. Ich könnte mich an denen rächen, indem ich sie mir zur Vorlage nehme. So ein Kerlchen, das es immer richtig macht und alle hereinlegt damit. Ja. Das wäre sehr erholsam. Wahrscheinlich. Da muß ich nachdenken.“ Betty ging ins Schlafzimmer davon. Sie kam aber gleich wieder. „Die Sache mit dem Steinschneider ist viel zu peinlich. Das wollt ihr gar nicht wissen.“ sagte sie schnell und verschwand wieder.

 

Season 1. Episode 15.

 28. April 2020. Wien.

Betty konnte dann nicht mehr schlafen. Sie war zu früh schlafen gegangen. Sie hatte in der Dämmerung noch einen Spaziergang gemacht. Sie war die Fliederblütenroute gegangen. Die Magnolienblütenroute hatte sie wegen des lockdowns versäumt gehabt. Sie wanderte die kleinen Parks und Gärten entlang. Die Sonne war schon fast untergegangen. Die Abendkühle hatte den Fliederduft herniedersinken lassen. Betty ging durch diese Duftnebel und atmete tief ein. Der Fliederduft. Sie war ruhig geworden. Ruhiger. Der Duft des Flieders. Der Zorn und die Enttäuschung des Tags. Betty war ruhig geworden. Ruhig und müde. Sie war nach Hause zurückgekehrt. Im Haus. Sie hatte den Lift genommen. Sie hatte nicht an Herrn Kellers Wohnungstür vorbeigehen wollen. Betty hatte Sorge, es könne aussehen als dränge sie sich auf. In der Wohnung war es vollkommen still. Nicht einmal der Eiskasten brummte. Auf der Straße draußen kaum Verkehr. Im ganzen Haus war es still. Die Nachbarin von unten war von ihrem Sohn abgeholt worden. Betty hatte diesen Auszug nur bemerkt, weil der Sohn auf dem Gang immer wieder sehr laut gezischt hatte, seine Mutter solle keinen Lärm machen. Betty war kurz an der Tür gestanden und hatte überlegt, ob sie hinausgehen sollte. Aber es war so schwierig, in aller Eile zu erklären, daß eine sicher nicht eine Meldung machen würde. Daß es ihr gleichgültig war, ob der Sohn seine Mutter besuchte. Die Nachbarin von unten war schließlich wirklich alt.

Im Bett. Im Liegen. Sie hatte ganz kurz geschlafen gehabt. Sie war ins Nachdenken weggesunken gewesen und hatte sich im Liegen wiedergefunden. Betty mußte aufstehen. Sie zog dann den Morgenmantel an. Die Wohnung kalt. Sollte sie die Heizung einschalten. Betty nahm die Tuchent ins Wohnzimmer mit und setzte sich auf die Couch. Es war ein neues Gefühl, das sie am Schlafen hinderte. Es war Wut. Aber es war eine melancholische Wut. Sie war in diese Wut resigniert. Sie mußte sich sagen, daß sie es ja gewußt hatte. Sie hatte gewußt, daß das Falsche sich zeigen würde. Sie hatte nur nicht erwartet, daß es sie so direkt treffen würde. Direkt und in den Bauch. Sie hatte erst gar nicht genau lesen können, was da gemeint gewesen war. „Website gändert“: Private Treffen „natürlich nicht verboten“ So war das in den ORF Nachrichten im Internet dagestanden. Und darüber „Angst erwünscht? Opposition kritisiert Regierung scharf.“

Betty saß da. Sie hatte kein Licht aufgedreht. Vom Hof nur der Widerschein der Stadt. Kein Fenster erleuchtet. Betty starrte in die Schatten ihrer Wohnung. Sollte sie sich einen Tee kochen. Oder sollte sie eine Flasche Wein aufmachen. Champagner am besten. Es war schließlich das 75-jährige Jubiläum der Zweiten Republik. Allein der Gedanke an das Elend. Damals. Und wie die Familien in ihren Wohnungen sitzen mußten. Hinauszugehen hatte sich da von selbst verboten. Die Nazis liefen noch herum und schossen. Die Russen. In den Erzählungen von damals torkelten die herum und waren fürchterlich betrunken. Alle, die in den Wohnungen saßen. Die waren schon wieder Österreicher. Die waren in Kollektivschuld zusammengepreßt und konnten ihre Frauen und Kinder nicht schützen deshalb. Aber wie seltsam doch. Es war damals doch Österreicher gegen Österreicher gewesen. Nazi gegen Nichtnazi, aber alle ehemalige Österreicher und da gerade noch Deutsche und ab diesem Datum dann wieder Österreicher. Am Ende. Die Rachemaßnahmen der Nazis. Das war eine Art Bürgerkrieg gewesen. Und die Folgen bis heute. Champagner also nicht.

Und die Website geändert. „Das Gesundheitsministerium hat heute auf APA-Anfrage mitgeteilt, daß private Treffen trotz der seit Mitte März geltenden Ausgangsbeschränkungen zulässig sind. Eine mißverständliche Formulierung auf der Website des Ministeriums, die ein Verbot von Besuchen bei Familienmitgliedern und Freunden nahelegt, wurde geändert.“

Sie war also ausgetrickst worden. Sie alle waren ausgetrickst worden. Und dieses Austricksen. Das paßte in die Berichte, daß der Bevölkerung Angst gemacht werden mußte. So sagte es jedenfalls das Protokoll der entscheidenden Regierungssitzung. Der Kanzler fand, er müsse der Bevölkerung durch Angst die Gefährlichkeit der Situation klarmachen. Auch ein Trick, dachte Betty. Es war bitter. Sie war von dieser Politik zum Kind gemacht. „Sonst kommt der Krampus.“ hatte die Großmutter gesagt. „Sonst kommt der Schwarze Mann. Der Wau Wau. Und der holt dich.“ Natürlich war das dieser gegenreformatorische Katholizismus, den die cisleithanische Politik in der Monarchie zur Erziehung des Volks einsetzte. Aber dennoch. Sie war Gegenstand einer solchen Politik geworden. Sie war zum Deppen gemacht worden. Sie hatte sich an die Regeln gehalten, um dann zu hören, daß es sich nur um eine mißverständliche Formulierung handle. Sie war also selber schuld.

Betty mußte auflachen. Sie kannte das. Sie kannte das aus ihren Beziehungen. Und besonders mit Edwin. Der hatte dann auch behauptet, sie habe ihn mißverstanden und er habe gemeint, sie solle einmal so probeweise zu ihm kommen. Gesagt hatte er aber, „Du weißt, wir müssen zusammenleben.“ Sie hatte diesen großen Koffer mitgehabt und war nach 3 Tagen wieder abgereist. Für so kurz wäre sie nicht nach Basel geflogen. Da hätte sie ihn lieber in Mailand getroffen. Oder irgendwo. Basel langweilig. Aber Edwin hatte es sicher ernst gemeint. Dann hatten sich seine Pläne geändert und die Frau aus Beirut war wieder aufgetaucht. Das wußte sie jetzt im Nachhinein. Und sie hatte gar nicht mehr diskutiert mit ihm. Sie war einfach abgefahren. Wenn einer sich selbst so anlügen konnte, dann machte gar nichts einen Sinn. Aber bei Edwin. Da konnte sie das als neurotisch ansehen. Vielleicht auch mehr. Aber in der Politik? Lachten die jetzt über sie alle? Kicherten die in den Sitzungen darüber, wie brav sich alle in ihre Wohnungen eingesperrt hatten und hätten es nicht müssen? Freuten die sich, wie sie alle betrügen hatten können? Eine mißverständliche Formulierung, die vom Verfassungsgerichtshof dann nicht mehr bewertet werden konnte? Eine Formulierung auf einer Website? Sie war von einer mißverständlichen Formulierung regiert worden und mußte die Folgen selbst verantworten? Hätte sie nicht diese Polizistinnen mit gutem Recht wegschicken können? Sie war verlegen gewesen. Vor denen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen gehabt, weil sie den Steinschneider ja doch getroffen hatte.

Betty lag auf der Couch. Sie kuschelte sich in die Tuchent. Sie wollte nicht ins Bett zurück. Im Wohnzimmer. Da war sie in der Mitte ihrer Wohnung. Das Schlafzimmer. Das war Rückzug und die Hilflosigkeit tiefen Schlafs. Sie wollte sich nicht in diese Hilflosigkeit fallen lassen.

Betty fühlte sich nicht sicher. Sie war nicht sicher. Man war nicht sicher in so einem Staat. Sie hätte weinen können. Sie hatte sich bemüht, nicht asozial zu sein und diese Maßnahmen mitzumachen. Sich einzuordnen. Und dann wäre es doch besser gewesen, sich an nichts zu halten. Nicht brav zu sein. Zu tun, was eine wollte, und dieser Politik nichts zu glauben. Wieder fielen ihr die letzten Tage des Deutschen Reichs und die ersten Tage der Zweiten Republik ein. Und wie die Rufe der von den russischen Soldaten vergewaltigten Frauen hilflos verhallten. Wie die politischen Häftlinge auf dem Weg von Stein nach Wien bei Hadersdorf massakriert worden waren. Die Geräusche. Betty mußte sich immer die Töne vorstellen. Wie Köpfe eingeschlagen wurden. Knochen zerschlagen. Leiber zerfetzt. Das Keuchen. Das Jammern. Schreien. Das obszöne Gelärme der selbsternannten Kommandeure der letzten Stunden der Nazi-Herrschaft. Die politischen Häftlinge. Sie waren erschlagen worden. Es hatte nicht mehr genug Munition gegeben.

Irgendwann dann. Es war noch dunkel. Betty war erschöpft. Sie war froh, sich die Rede des Kanzlers zu diesem Gedenktag nicht angeschaut zu haben. „Lüge. Lüge. Lüge.“ sagte sie laut vor sich hin. „Böse. Böse. Böse.“ Und. Wenn eine sie braucht, dann sind die Phantome auch nicht da, dachte sie noch. Aber wie hätten Irma und Fiorentina sie trösten mögen. Das war Geschichte. Trost gab es da nicht. Besser machen, das wäre das Richtige gewesen. „Mit kleinen Lügen beginnt es.“ hatte die Großmutter gesagt. Und die hatte recht. Die hatte das alles leben müssen. Aber warum hat der Keller mir das nicht gesagt, fiel Betty noch. ein. Als Richter. Der hätte doch wissen müssen, daß das mißverständlich formuliert war. Oder nicht? Und wen wollte sie als Erstes treffen? Wen als erste Person zu sich einladen. Betty überlegte. Der Steinschneider schien ganz allein zu sein.

 

Season 1. Episode 16.

29. April 2020. Wien.

„Ich finde, Betty hat recht.“ sagte Irma und setzte sich auf das Fensterbrett. Sie schaute in die Bäume im Hof hinaus. „Es sollte wirklich regnen.“ murmelte sie.

„Die liebe Betty.“ Fiorentina drehte sich zu Betty auf der Couch herüber. „Die liebe Betty hat zu viel Phantasie. Das ist doch so?“ Fiorentina hatte sich weit zu Betty vorgebeugt.

Fiorentina saß wieder in Bettys Lesefauteuil. Sie saß aufrecht und gerade da. Sie hatte die Beine elegant übereinandergeschlagen und die Unterschenkel aneinandergelegt. Fiorentina trug ein apfelgrünes Twinset zu einem dunkelgrünen Tweedrock mit orangem Faden. Dazu die beigen Pumps und hautfarbenene Strümpfe. Betty war noch im Pyjama. Sie schaute Fiorentina an und beschloß, sich überhaupt nicht anzuziehen. „Nein. Ich habe nicht zu viel Phantasie.“ sagte sie. „Ich habe Gefühle. Das ist alles. Und diese Gefühle werden mir seit ich auf der Welt bin vorgeworfen. Ich werde das nie verstehen. Wie soll ich keine Angstträume haben, wenn mir die Wirklichkeit als ein Schlachthaus beigebracht wurde. Allein daß ich lernen mußte, daß es die Shoa gegeben hat. Und was das war. Ich habe nicht ein Quäntchen Phantasie, meine Liebe. Ich habe nur meine Lektion gelernt und nicht vergessen. Das ist es. Ich hätte diese Bilder vergessen und damit eine normübliche Rassistin werden sollen.“ „Ach Betty.“ seufzte Irma vom Fenster her. „Fühl dich doch nicht immer so verfolgt.“ Betty schüttelte den Kopf. „Das ist nicht hilfreich.“ klagte sie.

„Schaust du dir deshalb diesen Cuomo immer an?“ fragte Fiorentina. „Du schaust doch immer die Pressekonferenzen von diesem Governor in New York an?“ „Sie findet so kühle, hässliche Männer eben interessant.“ stellte Irma fest. „Ja.“ meinte Fiorentina. „Dieser Keller schaut ja auch nicht so gut aus.“ Betty konnte nur lachen. „Ihr kommt wirklich nicht von diesem Thema ab.“ stellte sie fest. „Ich schaue mir diesem Cuomo an, weil ich finde, daß so regiert werden sollte. Ruhig. Besonnen. Fast ohne Gefühle, und dann doch. Ich liebe eben dieses US-amerikanische understatement.“ „Man könnte es auch Kitsch nennen.“ warf Fiorentina ein. „Finde ich nicht.“ sagte Irma. „Ich mag es auch. Ich glaube, es geht um Sicherheit. Oder?“ Irma schaute Betty fragend an. Betty nickte. „Gestern hat er diese Rede über die Werte gehalten, und ich habe ihm glauben können. Natürlich weiß ich, daß das alles im Einzelnen nicht so stimmt. Aber mit diesen Werten. Decency. Dignity. Pride in themselves. Ihr wißt schon. Da, wo er über die essential workers gesprochen hat. Im öffentlichen Verkehr. Feuerwehr. Polizei. Krankenwesen. Ich würde mich gerne als Person so zusammengefaßt sehen. Aber das Tolle ist halt, daß er auf Englisch immer alle meinen kann. Er muß nicht Ärzte und Ärztinnen sagen. Mit doctors hat er alle gemeint. Oder nurses. Und ich fühle mich mit einer solchen Rede direkt angesprochen. Ich bin als Person angesprochen. Direkt und ganz persönlich kann ich mich in diese Werte einreihen. Er erzählt mir, wie ich diesen Werten beitrete. Ich bleibe vollständig dabei. Ich werde vollständig gemacht als Person, die sich zu Werten bekennt. Hier. Wenn ich höre, daß es um Österreich geht. Daß es um ein Comeback für Österreich geht. Da geht eine doch unter. Mit diesem altmodischen Nationalismus. Da bist du doch nie als Person gemeint. Da geht es nur um deinen Beitrag und nicht um dich. Da sind wir von der Aufstellung des ersten Volksheers 1868 nicht weit weggekommen. Du lieber Himmel. Wir sind so in dieser Kultur gefangen.“ „Aber in die USA willst du doch auch nicht mehr?“ fragte Irma. „Die haben diesen Trump gewählt. Ich meine, der ist eine wandelnde narzisstische Persönlichkeitsstörung und das genaue Gegenteil von Bürgerwerten.“ Fiorentina lächelte süffisant. Betty zuckte mit den Achseln. „Ist es nicht seltsam, daß wir nirgendshin flüchten könnten. Reisebeschränkungen. Ist das nicht seltsam.“ „Das wissen wir nun hinlänglich.“ ätzte Fiorentina. „Ist dir das langweilig. Ja?“ fragte Betty aufgeregt. „Ist es dir langweilig, die Situation zu besprechen? Gehörst du zu den Leuten, die sich schon so angepaßt haben, daß sie sich gar nicht mehr erinnern, was für Personen sie vor dem Virus waren?“ Betty war empört. „Aber es ist auch vernünftig. Wir können doch nichts ändern an dieser Situation.“ sagte Irma begütigend. „Es ist, als hättest du die Realität verloren.“ fügte Fiorentina hinzu. „Wir würden dich gerne aus deinem Tief herausreißen.“ „Und das wollt ihr mit der Tratscherei über die Männer machen?“ rief Betty ungläubig.

„Ja.“ sagte Edwin. „Es wäre Zeit dafür.“ Edwin stand in der Tür zum Vorzimmer. Er lehnte sich an den Türrahmen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Warum schaut er so verdammt gut aus, dachte Betty. Laut sagte sie, „Du bist immer noch der Mann, den ich vergessen will.“ „Warum?“ fragte Edwin. „Du bist einfach abgefahren.“ Er wandte sich an Irma und Fiorentina. „Sie ist einfach abgefahren. Sie hat ein Paar Schuhe stehengelassen. Aber sie hat nicht angehalten, damit ich ihr diese Schuhe übergeben könnte. Nein. Sie ist davongesaust. Ohne Erklärung. Was soll ich damit anfangen?“

Irma kam vom Fenster und setzte sich neben Betty auf die Couch. „Stimmt das?“ wandte sie sich an Betty. Fiorentina deutete Edwin, sich auf den kleinen Fauteuil zu setzen. „Nein, danke.“ sagte der. „Aber die Tür kannst du zumachen.“ sagte Betty. Edwin verdrehte die Augen und schloß die Tür. Er blieb an den Türrahmen gelehnt stehen. „Betty?“ mahnte Fiorentina. Betty schüttelte den Kopf. „Na komm.“ lockte Irma. „Ihr wollt nur mein Bestes.“ rief Betty. Fiorentina und Irma zogen die Schultern hoch und beugten sich ihr zu. Betty beugte sich vor und verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Die Wahrheit? Ihr wollt die Wahrheit wissen? Wirklich die Wahrheit?“ Sie schaute auf. Alle Augen waren auf sie gerichtet. „Das ist ja ein Verhör!“ Betty setzte sich wieder auf. „Na gut.“ sagte sie. „Ich wollte es nie besprechen. Nie. Aber gut. Also.“ Betty überlegte. „Also?“ wollte Irma Betty weiterhelfen. „Also. Ich habe diese Papiere gefunden.“ Betty schaute Edwin ins Gesicht. „Du hast diese Papiere in der Lade mit dem Papier liegen gehabt. Ich vermute, du wolltest, daß ich das finde. Ich kenne das. Mein zweiter Mann hatte mir auch die Tickets nach Palermo in die Lade mit den Kuverts gelegt gehabt. Die Tickets waren für ihn und die Frau aus Berlin, und mir hat er gesagt, daß die Reise abgesagt sei, weil er arbeiten müsse. Und du hast dasselbe gemacht. Das waren die Papiere, die man braucht, um eine Ausländerin heiraten zu können. Und der Stempel auf den Papieren war der Tag, bevor ich das erste Mal zu dir nach Basel gekommen bin. Du erwartest doch nicht, daß ich übersehe, daß du eine andere Frau heiraten willst. Oder?“ Betty mußte Atem holen. Sie stand auf. Dann setzte sie sich wieder. „Kann ich bitte in Ruhe gelassen werden?“ fragte sie.

Fiorentina setzte zum Reden an. Irma kam ihr zuvor. „Das ist nicht dein Ernst!“ rief sie aus und schaute Edwin an. Der schaute auf seine Schuhe und zuckte mit den Achseln. Dann richtete er sich auf. „Ich kann das erklären. Du hättest mir die Gelegenheit geben müssen, das zu erklären.“ „Was gibt es denn zu erklären, wenn es Papiere gibt?“ fragte Fiorentina. „Es klingt schon sehr seltsam. Du holst dir die Papiere, um eine Frau aus Beirut zu heiraten, und erwartest eine Frau aus Wien, der du gesagt hast, du willst mit ihr zusammenleben?“ Irma war aufgestanden und hinter die Couch gegangen. Sie hatte sich hinter Betty gestellt. „Ja.“ murmelte Edwin. „Da hat sich etwas gekreuzt.“ sagte er und malte einen Kreis mit dem rechten Fuß auf den Teppich. „Es hätte sich alles geklärt. Ich habe das alles ernst gemeint, was ich dir gesagt habe. Ich bin kein Monster. Ich hätte alle Probleme gelöst. Das ist doch so im Leben, daß auf einmal alles passiert. Ich hätte da schon herausgefunden. Das ist doch zu verstehen!“

Betty saß da. Sie lehnte sich gegen die Pölster auf der Couch. „Wie oft muß eine sich von dir trennen, bis sie dich los ist?“ fragte sie. „Und hast du diese Frau wenigstens geheiratet. Die wird ja den Aufenthalt in der EU gebraucht haben. Hast du wenigstens dieser Frau das Wort gehalten?“ Betty hatte sich zurückgelehnt gehabt und zur Zimmerdecke hinauf geredet. Sie setzte sich wieder gerade auf. Edwin war nicht mehr da. Betty seufzte tief auf. „Hast du das nicht gegoogelt?“ fragte Irma. „Ich hätte das längst gegoogelt.“ Wie lange das dauert, bis so eine Geschichte abgetan ist, dachte Betty. „Es dauert genau halb so lang wie die Beziehung gedauert hat.“ stellte Fiorentina fest. „Aber kann das alles stimmen?“ fragte sie. „Das ist schon ein bißchen viel. Und du bist dir sicher, daß das alles so war?“ fragte sie Betty. „Ich glaube das schon.“ sagte Irma. „Erstens kenne ich solche Geschichten, und zweitens habe ich auch von Eva Illouz, „Warum Liebe weht tut“ gelesen. Da sind noch wildere Beispiele drinnen.“ Irma beugte sich zu Betty hinunter „Und jetzt überlegen wir, was du anziehen sollst.“ sagte sie. „Oder willst du lieber laufen gehen?“ fragte Fiorentina. Betty lächelte. Einen Augenblick. Sie lächelte Fiorentina und Irma an. „Ich werde mir ein Eis kaufen gehen.“ sagte sie. „Da Salvo hat wieder offen. Ich nehme Himbeere und dunkle Schokolade. Was soll ich uns mitbringen?“ fragte sie.

 

07.05.2020 - 20.05.2020 · Texte. Aller Art.

So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman. Series 2.

07.05.2020 - 20.05.2020

 

 

 

Season 2. Episode  1.

4. Mai 2020. Wien.

„Es sind Implosionen.“ sagte Betty. „Zuerst fühlt es sich an, als ob ich platzen müßte. Und dann. Ich falle über mir selbst zusammen. Die Schultern kippen direkt in den Bauch, und die Rippen sind wie verschwunden. Ich werde ein Ball, aus dem ich herausschaue. Und das Schlimmste. Ich muß die ganze Zeit weinen. Aber dann auch immer nur fast. Ich habe keinen Antrieb. Ich weiß gar nicht mehr, was das ist.“

„Ja.“ Fiorentina saß im Besuchersessel. Heute. Sie trug ein moosgrünes Kleid mit einem weitschwingenden Rock und moosgrüne Sneaker. Fiorentina war heutig gekleidet. Irma dagegen trug einen weißen Minirock und einen weißen langen Pullover. Die Welt steht auf dem Kopf, dachte Betty. Fiorentina trug weiter vor. „Du hast ja auch gar nichts geschafft. Kein Projekt ist fertig geworden. Es waren alles nur Pläne. Vielleicht mußt du diese Quarantänezeit als Ferien im Abstrakten nehmen. Verstehst du?“ Irma schüttelte den Kopf. „Immer bist du viel zu streng!“ wandte sie sich an Fiorentina. „Das ist der Schock.“ meinte sie und schaute Betty prüfend an. „Die kommen doch alle erst aus dem Schock heraus.“ Sie sprach wieder mit Fiorentina. „Bis jetzt hat der Schock gewirkt. Und der wirkt nach. Eigentlich müßte man euch alle in diese Silberdecken einwickeln und betreuen.“

Betty mußte gleich wieder gegen aufsteigende Tränen ankämpfen. Die Vorstellung, sie würde zugedeckt werden. Von einer anderen Person. Sie würde betreut werden. Von einer anderen Person. Es würde sich jemand sorgenvoll über sie beugen. Sie nach ihrem Befinden fragen. Ihre Hände nehmen und unter die Decke legen. Die Decke sorgfältig über ihren Händen glatt streichen. „Ich bin gleich wieder da.“ würde diese Person sagen. Leise und nur zu ihr. Betty mußte den Kopf schütteln. Die Vorstellung wegschütteln. Und die Erinnerung. Sie hatte mit 18 die Mandeln herausoperiert bekommen. Sie hatte sich an diese Operation erinnern müssen. Die Mandeln spielten eine große Rolle in der Abwehr von Krankheiten. Die Mandeln waren ein Teil des Immunsystems. In der Überinformation zum Coronavirus, die immer nur zu tieferem Unwissen geführt hatte. Sie hatte sich immer erinnern müssen, daß sie dieses Organ zum Kampf gegen den Virus nun nicht mehr zu Verfügung hatte. Sie mußte sich dann immer gleich auch fragen, was das für eine Medizin damals gewesen war, die alles gleich herausschneiden hatte müssen. Und. Die Operation war als einer dieser Albträume in Erinnerung geblieben. Ein Mordanschlag im Lachgasrausch. Und wieder eine dieser Gelegenheiten, in denen eine Person sich vollen Wissens der Verletzung stellte. Zu ihrem Besten, wie dann gesagt worden war. Und wie gesagt wurde. Sie war also zu ihrem Besten zu wenig betäubt gewesen und hatte diesen Arzt über sich, und wie sie erstickte in Erinnerung. Nachher. Damals war das in der Arztpraxis gemacht worden. Sie war auf einem Bett gelegen und hatte geweint. Sie hatte geheult. Sie hatte sich nicht beruhigen können. Jedesmal wenn ihre Mutter ihre Hand genommen hatte und beruhigend auf sie eingeredet hatte. Sie hatte erneut zu heulen begonnen. Immer wieder und immer wieder. Und das würde wieder so sein. Jetzt. Jetzt, in diesem Augenblick. Wenn jemand sie in die Arme nehmen würde. Oder nur ihre Hände. Sie würde zu weinen beginnen. Heute würden ihr nur die Tränen aus den Augen rinnen. Sie würde nicht dieses verzweifelte Schluchzen haben. Aber vielleicht dann doch.

Betty nahm einen Polster von der Couch und hielt ihn umarmt. Sie hatte nicht gewußt, wie sehr ihr diese Berührungen gefehlt hatten und wie sehr sie ihr weiter fehlen würden. Ein absurdes Bild stieg vor ihr auf. Der Fritzi Keller nähme ihre Hand, zöge sie zu seinem Mund und küßte sie. Ganz leicht und vorsichtig. Und er schaute ihr dabei bedeutungsvoll in die Augen. Und sie müßte in Tränen ausbrechen und sich schluchzend in seine Arme werfen oder sofort davonlaufen, weil die Nähe zu viel wäre.

„Ganz ruhig.“ sagte Fiorentina. „Noch habt ihr nicht einmal ein Treffen zusammengebracht.“ Betty zuckte mit den Achseln. „Das ist doch sehr schwierig.“ stimmte Irma ihr zu. „Wenn sie ihm ein Briefchen schreibt und in seinen Briefschlitz an seiner Tür steckt. Das ist doch aufdringlich. Oder? Und auf die SMS hat er noch nicht geantwortet.“ „Aber die hast du doch erst heute geschrieben?“ fragte Fiorentina. „Wenn du so lange nicht antwortest?“ Fiorentina seufzte. Betty lächelte erst. „Gib zu. Das macht dir Spaß!“ Irma stieß sie an. Betty nickte.

Ja. Es machte Spaß. Theoretisch machte es Spaß. Aber am Samstag. Das war der 2. Mai gewesen und das Betreten des öffentlichen Raums wieder möglich. Sie hatte die Küche aufgeräumt. Sie hatte Roberto Murolo aufgedreht gehabt. Sie konnte alle seine neapolitanischen Lieder mitsingen. Jedesmal fiel ihr ein, wie ihr Vater eine so ähnliche Tenorstimme gehabt hatte. Dann hatte sie sich wie immer gefragt, ob das der Grund war, warum sie diese Lieder anhörte. Dann war sie wieder da gelandet, daß sie diesen Sänger aus Neapel genauer recherchieren wollte. Daß sie seine Lebensgeschichte erkunden hatte wollen. Als nächstes Projekt. Sie hatte ein für alle Mal für sich das Michael Jackson Problem lösen wollen. Roberto Murolo war das, was heute ein sexoffender genannt wurde. Er war wegen Beziehungen zu minderjährigen Mädchen verurteilt worden. Das war in der Nachkriegszeit in Italien gewesen. Was stimmte da und was nicht. Und dieser Tatbestand fiel bei Edgar Allan Poe niemandem ein. Und in den „Wahlverwandtschaften“. Wie alt ist denn Ottilie eigentlich. Aber das war es ja gewesen. Die Musik hatte sie nicht erreicht. Ihr Lieblingslied. „Je te voglio bene assaie.“ Sie war stehengeblieben. Am Samstag hatte sie das Nudelsieb in der Hand gehalten. Am Sonntag hatte sie gerade eine Semmel aus dem Tiefkühler geholt. Sie hatte innegehalten. Bis das Piepsen des Tiefkühlschranks sie aus der Erstarrung herausgerissen hatte. Das Lied. Die Musik. Diese Stimme. Es hatte sie nichts erreicht. Ihre innere Erstarrung. Es war alles abgehalten gewesen. Alle Gefühle schon nur mehr eine Erinnerung. Kein Jetzt. Das Lied hatte sie aufgewühlt. Bis dahin. Die Musik hatte Italien bedeutet. Alle Italianitá. Alle Liebesgeschichten. Die Möglichkeiten von Liebesgeschichten. Was gewesen war. An Liebesgeschichten. Was sie sich wünschte. Von Liebesgeschichten. Bittersüß war das gewesen. Bittersüße Ahnungen von Vergangenheit und Zukunft. Bittersüßes Wissen von der Zeit war das gewesen. Leben. Lebendigkeit. Ihr Leben und ihre Lebendigkeit. Und das alles tot. Alles Asche. Sie sich selbst Asche.

„Ich kann es mir schon erklären.“ sagte Betty zu Fiorentina und Irma. „Aber ich muß es ja doch durchmachen.“ Alle schwiegen. Fiorentina und Irma starrten auf ihre Schuhe. „Ich habe mich darauf gefreut. Ich habe gedacht, daß das eine Befreiung sein wird, wenn wir wieder alles dürfen. Aber nein. Ich verfalle.“ Betty seufzte. Fiorentina räusperte sich und schaute Irma an. Irma holte tief Atem. Fiorentina sagte, „Es ist eben keine Befreiung.“ Fiorentina sagte das sanft und eindringlich. „Nein.“ fuhr Irma fort. „Es ist nur eine Lockerung. Verstehst du. Es ist eine gesunde Reaktion. Oder? Fiorentina. Du stimmst mir doch zu. Es ist eine gesunde Reaktion, nicht gleich in Jubel ausbrechen zu können.“ „Vor allem führt es zu Gesundheit, wenn du nicht gleich wieder alle umarmst.“ ergänzte Fiorentina. „Ihr seid so Obrigkeitshörig.“ murrte Betty. „Wir sind deine Stimme der Vernunft.“ sagte Irma grinsend.

Betty flüchtete. Sie nahm das Auto. Sie mußte noch tanken und fuhr gleich auch noch durch die Waschstraße. Die Schlangen da hatten sich aufgelöst. Am Samstag hatten die Autos die Kreuzung zur Obkirchergasse verstellt gehabt, so viele wollten die Waschstraße benutzen. Warum waren die Waschstraßen denn nun gesperrt gewesen. Betty wollte fragen, aber dann hatte sie die Maske aufsetzen müssen und hatte sich die Frage lieber erspart. Von der Waschstraße weg fuhr sie in die Donauauen. Da blühte der Bärlauch, und der Waldboden war weiß von den Blüten. Der Anblick. Betty hatte gefürchtet, das mache sie gleich wieder sentimental. Aber sie ging und ging durch diese weiße Waldlandschaft und freute sich. Sie freute sich über das weite Ausschreiten. Sie freute sich über das Knarren der Bäume im Wind. Sie freute sich über das Grün. Das Blau. Die Wolken. Die Sonne. Den Weg. Das Singen der Vögel. Das Rascheln des Laubs. Sie freute sich auch, allein zu sein. Bin ich nun endgültig zu einer Einsiedlerin geworden, fragte sie sich. „Zur Einsiedlerin gemacht worden.“ verbesserte sie sich und ging. Sie ging, bis sie an die Donau gekommen war und ihr Blick flußaufwärts und flußabwärts und ans andere Ufer schweifen konnte.

 

Season 2. Episode 2.

6. Mai 2020. Wien.

„Nein. Es geht mir nicht gut.“ Betty saß vor dem Computer. In einer Email war sie gefragt worden, ob es ihr gut gehe. Betty seufzte. Es war der 6. Mai. Sonst. Da war sie auf Reisen. Da war sie herumgefahren. Vor einem Jahr war sie mit Studenten aus Deutschland auf der Hohen Wand gesessen und hatte über den Zustand der Welt diskutiert. Sie waren am Rand zu den Felswänden gesessen und hatten hinausgeschaut auf die Ebene. Danach waren sie rund um den Neusiedler See gefahren. In Ungarn waren sie kurz ausgestiegen und auf ungarischem Boden herumgehüpft. Im Gasthaus „Zur Dankbarkeit“ in Podersdorf hatten sie keinen Tisch bekommen. Sie bekam da jetzt nie mehr Platz. Der alte Wirt hatte sie gekannt. Der junge Wirt schaute sie so von oben nach unten an und sagte dann erst, daß es keinen Platz gäbe. Er mochte wohl nur junge Frauen und bedeutungsvoll wirkende ältere Männer. Sie waren ins Café Engländer nach Wien gefahren. Die hitzigen Diskussionen hatten alle diese Fahrten kurz erscheinen lassen. Und richtig.

Betty erinnerte sich. Die Erinnerung blieb aber vorne. Hinter den Augen. Im Körper. Keine Reaktion. Kein Wiederempfinden des Ausblicks. Der Weite. Der Wolken, die so knapp über ihnen dahingesegelt. Die Hitze in der Sonne. Der kalte Wind darunter. Das Lachen über den Entschluß. Nach Ungarn. Das Lachen beim Hinunterfahren. Die Fahrt von der Hohen Wand hinunter eng und steil und an einer Stelle so knapp am Abgrund, daß nur der Himmel zu sehen ist. Ungarn. Wie das gleich nach der Grenze zu sehen war. Die Ortsnamen. Die Werbeplakate. Die Werbeaufschriften der Schönheitsinstitute und Zahnarztpraxen gleich nach der Grenze. Die vielen Autos in den Parkplätzen da. Österreichische Nummernschilder die meisten. In Ungarn war auch der Wald anders. Die Häuser. Die Häuschen. Die Zäune. Nur die Kirchen wie im Burgenland. Betty konnte das überlegen. Sie konnte es nicht spüren. Erinnerung. Das war die Wiederholung des Gewesenen gewesen. Hohl. Das war hohl geworden. Leer. Gefühllos. Sie hatte die Kraft des Erinnerns verloren. Nein. Es ging ihr nicht gut. Sie war impotent gemacht worden. Ein Fallbeil war niedergegangen. Zwischen ihr jetzt und ihr früher. Katastrophen machen das, sagte sie sich. Aber die Frage war, würde sie ihre Erinnerungen wiederfinden können. Oder mußte sie ausziehen, sich ein neues Leben zu verschaffen. Betty hob die Hände. Abwehrend. Ja, sagte sie sich. Es wird ein Mittelweg sein. Aber sie haßte Mittelwege. Sie haßte es aber auch, in der Mitte durchgerissen zu sein und nicht zu sich finden zu können. Geduld. Sie brauchte Geduld. Woher sollte sie Geduld nehmen. Wo war die zu finden.

Sicher nicht auf der Straße. Da hatte ein Polizist sie gerade angeschrien. Betty war auf der Spittelauer Lände in Richtung Friedensbrücke gefahren. Sie hatte in ihre Buchhandlung fahren wollen. Zur Buchhandlung a.punkt. Zu Brigitte Salanda. Betty hatte die Polizisten schon gesehen gehabt. Es waren so viele gewesen. Sie hatten an der Kurve vor der Abfahrt zur Nordbergstraße die Geschwindigkeit gemessen. Vor der Gusenbauerstraße winkten die dortigen Kollegen die Schnellfahrer aus der Kolonne heraus. Betty war nicht schnell gefahren. Sie war vom Währinger Gürtel gekommen und hatte für Radfahrer stoppen müssen. Die Autos auf der Lände. Die kamen mit Schwung um die Kurve. Der Verkehr war noch nicht dicht. Aber die Zeiten der leeren Straßen vorbei. Betty hatte geseufzt. Die leeren Straßen waren einer der wenigen Vorteile des lockdowns gewesen. Und daß die Polizei die Schnellfahrerei wieder einschränkte. Es war ein Naturgesetz. Der Polizist vor der Gusenbauerstraße. Auch dort standen an die zehn Polizisten und Polizistinnen. Lernten die das gerade? Verkehrskontrolle? Ausweiskontrolle? Hatte sie alles mit?

Der Polizist vor der Gusenbauerstraße lief über die Fahrbahn und winkte einen silbergrauen Audi zur Seite. Dazu mußte der die drei Fahrbahnen queren. Alle mußten bremsen. Der Polizist zwischen den Autos. Betty war ganz rechts. Sie fuhr Schritttempo. Der Polizist lief neben ihrem Auto. Er schrie sie an. Sie solle anhalten. „Stehen! Stehen!“ keuchte er. Betty war unter 50 gefahren. Da war sie sicher. Sie schaute den Polizisten durch die Windschutzscheibe an. Deutete auf sich. Der Polizist. Er trug keine Maske. Er stellte sich vor ihre Motorhaube. Er schrie weiter. „Stehen. Stehen.“ Der graue Audi war mittlerweile am Straßenrand von Polizisten umringt. Der Polizist vor Betty. Jemand rief ihm etwas zu. Er drehte sich weg. Machte eine Handbewegung. Wegwerfend, mußte Betty sich sagen. Wegwerfend verächtlich. Nichtswürdig. Betty hatte schon nach ihrer Handtasche gegriffen gehabt. Die Papiere.

Betty fuhr weiter. Bei der Rossauer Kaserne bog sie nach rechts ab und fuhr nach Hause. Ihr war die Polizistin in diesem Billa im zweiten Bezirk eingefallen. Wie die mit einem Joghurt in der Hand dagestanden war. Die Frau war groß und schlank gewesen. Sie hatte über alle hinwegsehen können. Sie hatte sich umgesehen. „Ich sehe uns schon das alles hier managen.“ hatte sie gesagt. Sie hatte die Nase gerümpft und sich um sich gedreht dabei. „So redet Ihr über uns?“ hatte Betty diese Frau fragen wollen. Die Verachtung dieser Polizistin wie ein Sprühnebel um sie gestanden. Betty hatte nichts gesagt. Das war am Morgen der Verkündigung des lockdowns gewesen. Alle rundum. Es waren alle voller Sorgen gewesen. Die Einkaufswagen voll mit Nudeln und Tomaten in Dosen. Öl. Reis. Mehl. Eier hatte es schon nicht mehr gegeben. Haltbarmilch. Das war „das alles“ gewesen. Sorgenvolle Menschen, die, im Ungewissen gelassen, so gut wie möglich für ihre Familien sorgten. Alle waren gereizt gewesen. Viele Regale schon leer. Lange Schlangen vor der Kassa. Die Polizisten und die Polizistin mußten lange anstehen, bis sie ihre Joghurts bezahlen konnten. Wahrscheinlich war es sogar Angst gewesen, was die Polizistin sich so verächtlich prüfend umsehen hatte lassen. Aber der Polizist auf der Lände. Wie der die Nerven verloren hatte. Und Betty hätte ihn verstanden. Aber auch er verächtlich. Unprofessionell. Aber eben die Polizei. In Österreich war das eine große Macht. Eine einseitige Macht war das. Es gab keine Sicherheit gegen diese Macht. Man konnte in eine Auseinandersetzung geraten, in der zuerst die Polizei die Macht hatte. Der österreichischen Polizei werden regelmäßig vom UN-Antifolterkomittee Foltervorwürfe gemacht. In Österreich arbeitet die Polizei unkontrolliert. Es gibt keine unabhängige Kontrolle. Die konnten dich 48 Stunden festhalten, und du hast das Recht gerade auf zwei Telefonanrufe. In den 48 Stunden konnten die alles machen mit dir. Alles. Es war ja dann geschehen, und die hatten es gemacht. Verurteilung wegen Polizeibrutalität. Die gab es kaum. Die hatten nichts zu befürchten. Man war den Personen selbst ausgeliefert und nicht den Mitarbeitern eines Apparats, der demokratischer Kontrolle unterlag. Und jetzt. Die Polizei bestimmte, was social distancing sein sollte. Betty konnte sich das vorstellen. Dunkelhäutige Personen mußten sicherlich viel weiter von anderen entfernt sein, als weißhäutige Personen. Die Polizistin im Billa. Wie angewidert die geschaut hatte. Die Polizistinnen vor ihrer Wohnungstür. Wie froh sie war, nicht auf ihre eigene Freundlichkeit hereingefallen zu sein und denen den Eintritt in die Wohnung zu erlauben. Betty haßte sich selbst für ihre Mittelschichtfreundlichkeit. In der Lange Gasse dann. Betty hatte sich beruhigt. Aber sie fuhr nach Hause zurück. Keine neuen Bücher. Kein Gespräch. Keine Neugierde, was es an Neuerscheinungen gab.

Sie fuhr in die Garage. Sie mußte an der Ausfahrt warten. Ein dunkelgrüner Volvo fuhr aus der Garage heraus. Es war der Fritz Keller. Der fuhr also Volvo. Das hatte sie gar nicht gewußt. Sie winkte ihm zurück. Einen Augenblick. Sie hätten miteinander reden können. Die Autos standen ganz kurz nebeneinander. Betty lächelte und fuhr in die Garage hinunter. Fritz Keller hatte sein Telefon hochgehalten und sie hatte genickt. Ja, dachte sie. Zwei Telefonate stehen jedem zu. In der Wohnung versperrte sie die Wohnungstür sorgfältig hinter sich. „Leo.“ sagte sie laut. „Kirchenasyl. Meine Wohnung mein Altar.“

 

Season 2. Episode 3. 

7. Mai 2020. Wien.

„Aber das ist mir doch alles vollkommen gleichgültig.“ Betty verdrehte ihre Augen und warf ihre Hände in die Höhe. „Vollkommen wurscht!“ setzte sie nach. Irma rückte auf der Couch näher. „Das sagst du nur so.“ meinte sie. Betty schüttelte den Kopf. Fiorentina stand vom Lesefauteuil auf und ging ans Fenster.

„Es ist wichtig.“ sagte sie. „Warum bemühst du dich, es zu untersschätzen? Was ist da dahinter? Versuchst du immer noch keine Frau zu sein? Nicht weiblich? Das geht sich nicht aus. Das weißt du.“

Fiorentina hatte ein Kostüm an. Kurze Jacke mit dreiviertellangen Ärmeln und weitabstehendem Kragen á la Jackie Kennedy. Enger Rock mit Diorfalte. Das Kostüm war aus dunkelblauer Seide mit großen, weißen Tupfen. Weiße Pumps und die Lederhandtasche auch weiß. Irma trug weiße Leggins und einen weißen fast durchsichtigen Missoni Pullover. Betty hatte diesen Pullover bei 08/15 selbst anprobiert gehabt. „Ihr seid gut. Erstens bin ich pleite und Kleider sind das Letzte, was mir einfällt. Und zweitens fällt mir dauernd dieser schwarze Ami ein, den ein weißer Ami mit einem Tazer niederstreckt und sich dann auf seinen Kopf setzt. Irgendwo in Georgia.“ „Du hast wieder Democracy Now angeschaut?“ fragte Irma. „Aber du möchtest doch den richtigen Eindruck machen.“ stellte Fiorentina fest. Betty stand langsam vom Sofa auf. Dann sprang sie über den Teppich und besetzte ihren Lesefauteuil. In der letzten Zeit war da immer Fiorentina gesessen. Der Lesefauteuil stand an der hellsten Stelle des Wohnzimmers, damit Betty immer Tageslicht zum Lesen hatte. Gleichzeitig stand der Fauteuil so in der Ecke, daß Betty sich geborgen fühlen konnte.

„Wißt ihr.“ sagte sie. „Ihr seid halt doch altmodisch.“ Fiorentina wandte sich scharf um. Irma räusperte sich. „Ja. Altmodisch. Ihr glaubt, weil dieser Mann hierherkommen wird, wird irgendsoeine Geschichte anfangen.“ Fiorentina und Irma schauten einander an. Dann nickten sie. „Irgendsoeine doch sicher.“ sagte Irma. „Und du hast unter der Isolation sehr gelitten. Das mußt du zugeben.“ stellte Fiorentina fest. „Uns gäbe es gar nicht, wenn es nicht so gewesen wäre.“ setzte Irma nach. Betty mußte lachen. „Jetzt stellt euch vor. Ihr lungert hier herum und der arme Kerl sitzt auf der Couch. Wenn ich euch da hinter ihm stehen sehe, dann kann ich doch nicht anders als einen Lachkrampf nach dem anderen bekommen. Nein. Nein. Ich gehe mit ihm spazieren. Das ist auch diskreter.“ „Da hat sie vielleicht recht.“ Irma schaute fragend zu Fiorentina auf. „Ja.“ sagte Fiorentina. „Sie neigt ja zu vorschneller Vertraulichkeit.“ Irma nickte. „Das kommt von den Brüdern.“ sagte sie. „Sie glaubt immer gleich zu wissen, was der Mann meint.“ „Ja. Und dann ist sie deswegen viel zu vertrauensselig.“ Fiorentina nickte Irma zu. „Du solltest ihn hier treffen. Da können wir auf dich aufpassen. Damit es nicht wieder so ausgeht wie…“ sagte sie zu Betty. „Wie mit dem Edwin?“ rief Betty. Irma und Fiorentina nickten. „Ich glaube, der liebe Herr Keller ist weit von dem entfernt.“ überlegte Betty. „Warum machst du immer noch die Frau Hawelka nach?“ fragte Irma. Betty setzte sich auf. Es stimmte. Die Frau Hawelka hatte immer dieses „liebe“ vor die Namen gesetzt. Da war der liebe Herr Heller gewesen. Der liebe Herr Rainer. Und die liebe Dame und der liebe Herr. Das war zu allen gesagt worden, von denen die Frau Hawelka den Namen nicht gewußt hatte. Betty hatte die liebe Frau Hawelka nur noch ganz am Ende erlebt. Aber es war beeindruckend gewesen, wie diese Frau alle ihre Vorurteile beiseite schieben hatte können, weil sie jeden und jede in Kundschaft verwandelt konnte. Die Meinungen der lieben Frau Hawelka waren ganz aus den frühen 40er Jahren gekommen. Ihre Haltung ihren Gästen gegenüber war dagegen von vollkommener Toleranz gewesen. Eine perfekt kronenzeitungsgeleitete Existenz war sie gewesen. Das Epitheton ornans „liebe“ war ein Glättungsinstrument gewesen. Damit hatte die liebe Frau Hawelka alle und jeden in ihrem Café begrüßen können. Es war so gar nicht wienerisch gewesen und besonders deswegen. Und wie die liebe Frau Hawelka mit den Betrunkenen umgegangen war. Eine Bärenführerin war sie gewesen. „Wieso denkst du jetzt über die Frau Hawelka nach?“ fragte Irma. „Nostalgie hilft dir gar nichts.“ stellte Fiorentina fest. „Du wirst dich entscheiden müssen, was du anziehen willst, wenn der liebe Herr Keller an deiner Tür läuten wird. Oder willst du im Morgenmantel bleiben.?“

Betty hatte geschrieben und war noch nicht angezogen. Betty hatte das erste Mal in den vielen Jahren, in denen sie für das Theater geschrieben hatte, einen Auftrag vom Burgtheater erhalten. Betty hatte dem Dramaturgen genau erklärt, warum sie bisher mit dem Burgtheater nichts zu tun haben hatte wollen. Der Dramaturg hatte gelacht. Sie hatten beide gelacht. Die Corona-Krise ließ solche alten Konflikte spaßig erscheinen. Betty hatte trotzdem ein bitteres Gefühl. Hätte sie diesen kleinen Text geschrieben, wenn sie ihr normales Einkommen gehabt hätte und nicht in diese Existenzängste verfallen wäre. Dann aber wieder hatte der Dramaturg ganz richtig darauf hingewiesen, daß die Idee, solche Monologe aufführen und streamen zu wollen, direkt aus der Krise entstanden war. Betty seufzte. „Es wird dir kein Stein aus der Krone fallen.“ hatte Fiorentina gesagt. „Aber sie hat doch gar keine.“ hatte Irma gekichert.

In Wien gab es immer noch den Brauch, die ererbten Diademe bei Hochzeiten aufzusetzen. Betty hatte mit Freund K. am Telefon lange darüber gelacht, wie die lieben Damen einer bestimmten Schicht nach Gelegenheiten gierten, diese Juwelen auszuführen. Die inneren Gebote der Schicht bestimmten aber ganz genau die Gelegenheiten für das Tragen der Diademe und so mußten die Hochzeiten der jeweiligen Kinder dafür benutzt und diverse Schlösser dafür gemietet werden. Auf dieses Gespräch bezog sich Irmas Gekichere. Betty seufzte tief auf. Sie hatte gar keine Lust sich anzuziehen. Sie hätte dasitzen bleiben mögen und trotzdem alles erleben. „Ich könnte eine von euch schicken.“ sagte sie. Fiorentina drehte sich scharf zu Betty um. „Spinnst du?“ rief sie und beugte sich zu Betty herunter. „Du wirst schön deine Sachen weitermachen.“ „Du willst doch nicht, daß deine Depression siegt.“ sagte Irma empört. „Das war doch deine Kampfparole. Oder?“ Betty zuckte mit den Achseln. „Die werden mich nicht kriegen. Das hast du doch immer gesagt.“ Irma hatte sich auf die Armlehne des Lesefauteuils gesetzt. Betty stand auf. „Nur keine Panik.“ sagte sie. „Ich bin nur müde. Sonst nichts. Und jetzt gehe ich ja. Aber was soll ich wirklich anziehen?“

Betty ging ins Schlafzimmer. Von oben. Sie konnte Schritte hören. Das Ehepaar war also noch da. Betty hatte tagelang keinen Ton von oben gehört gehabt. Sie hatte gedacht, die wären in ihrem Wochenendhaus irgendwo im Weinviertel geblieben. Ob das wohl halten wird, fragte Betty und erinnerte sich an dieses sadistische Gezische von oben. Als würde sie darauf warten, dachte sie. Sie war erstaunt, wie wenig sie sich anders fühlte. Das wurde Lockerung genannt. Aber sie ging weiter nicht gerne hinaus und einkaufen war anstrengend. Die Masken begrenzten das Gesichtsfeld. Betty mußte Zettel schreiben, damit sie nichts vergaß. Sie wollte gleich wieder aus den Geschäften ins Freie zurück, um sich die Maske vom Gesicht zu reißen.

Betty kam ins Wohnzimmer zurück. Irma und Fiorentina seufzten. Betty hatte Jeans und ein weißes T-Shirt an. „Jennifer Aniston.“ rief Betty und drehte sich um sich selbst. Fiorentina schüttelte den Kopf. Irma seufzte gleich noch einmal. Betty ging in die Küche. Sollte sie Kaffee kochen? Sollte sie etwas vorbereiten? Sollte sie abwarten? Sollte sie doch etwas anderes anziehen? Es klingelte. Die Ratsche an der Wohnungstür. Betty lief zur Tür. Draußen. Es war die Frau Trileti. Betty wollte der Frau um den Hals fallen. Dann erinnerte sie sich und trat schnell einen Schritt zurück. Frau Trileti nickte und trat auch zurück. Sie schauten einander an. „Wo waren Sie denn?“ fragte Betty. Frau Trileti wollte zu reden beginnen. Da kam Fritz Keller die Stiegen herauf. Er blieb auf dem Stiegenabsatz stehen. Betty winkte ihm, heraufzukommen. Er verharrte. Frau Trileti drehte sich um und schaute auch zu ihm hinunter. „Ich melde mich.“ rief Herr Keller Betty zu und drehte sich wieder um. Betty lief ans Stiegengeländer, aber der Liftschacht verdeckte den Mann. Dann war er schon fast wieder in seinem Stockwerk angelangt. „Habe ich etwas unterbrochen?“ fragte Frau Trileti. „Da war nichts, was unterbrochen werden könnte.“ Betty mußte grinsen. Frau Trileti grinste zurück. „Also. Wo waren Sie denn? Und kommen Sie herein. Ich wollte gerade Kaffee machen.“

Betty ließ Frau Trileti in die Wohnung voraus gehen und kam dann nach. „Wenn Sie eine Maske aufbehalten wollen. Ich würde das verstehen.“ sagte sie zu Frau Trileti. „Ich denke, wir sind weit genug voneinander weg.“ antwortete Frau Trileti und schwenkte ihre hellgrüne Maske. Betty wies der Frau die Couch an. Sie setzte sich in den Lesefauteuil. „Was war los?“ fragte sie. Frau Trileti setzte sich zurecht. Betty hörte Fiorentina und Irma seufzen. Betty mußte lachen. Ihr seid doch richtig männernarrisch, dachte sie.

„Also.“ begann Frau Trileti. „Ich heiße nicht mehr Trileti. Ich habe auf Kreta geheiratet und heiße jetzt Vouvou und deshalb konnte ich bis jetzt nicht nach Österreich zurück. Mein Mann. Mein neuer Mann. Der kommt nach, sobald wir wieder reisen können. Ich muß meine Angelegenheiten ordnen.“

„Siehst du.“ flüsterte Fiorentina vorwurfsvoll. Sie stand immer noch am Fenster. „Andere haben eben Angelegenheiten.“ Betty lächelte Frau Trileti an. „Da gratuliere ich. Frau Vouvou.“ sagte sie strahlend. Sie hätte diese Frau jetzt gerne umarmt.

 

Season 2. Episode 4.

 11. Mai 2020. Wien.

Abgefedert, dachte Betty. Gleich beim Aufwachen war die Angst dagewesen. Eine dumpfe, weit entfernte Angst. Ein großer, durchlässiger Ball im Bauch. Und jederzeit. Jederzeit die Möglichkeit. Der lichte Ball sich zu einem scharfen Punkt zusammenzog und im Bauch zu kreisen begann. In alle Richtungen kreisend.

Etwas Schreckliches hatte sie in den Schlaf begleitet gehabt. Betty dachte, das war die Geschichte, wie der Polizist im Ruhestand mit seinem Sohn aufgebrochen war und den joggenden und unbewaffneten Ahmaud Arbery erschossen hat. Weil er dem Foto eines Verbrechers ähnlich sah, hatten Vater und Sohn ausgesagt. Nachdem sie Wochen später erst verhaftet worden waren. Nachdem ein Video von der Ermordung Ahmsud Arberys aufgetaucht war. Betty war im Bett gelegen und hatte überlegt, wie ein Video auftauchte. Wie so ein Video auf den Wellen der social media plötzlich da war und vor sich hin schaukelte. Wie die Wellen immer höher wurden. Wie die Wellen einen Fluß bildeten. Eine Richtung. In diesem Fall in Richtung eines Staatsanwalts, der sich des Falls annahm. Bis dahin hatten alle Staatsanwälte und Staatsanwältinnen keinen Fall gesehen. Bis dahin war es den weißen Vertretern des Gerichts in Georgia ganz normal vorgekommen, daß zwei weiße Männer ihre Waffen nahmen, sich in ein Auto setzten und den schwarzen Jogger niederstreckten. Hunting down hieß das auf Englisch. Niederstrecken auf Deutsch. Immer ging es um den toten Körper, der in die Reihe der Jagdtrophäen eingereiht wurde. Hasen. Rehe. Fasane. Betty war einmal in Heiligenkreuz auf so eine Strecke gestoßen. Nach Tierart eingeteilt waren lange Reihen von toten Tieren auf dem Boden des Hofs gelegen. Ein katholischer Priester hatte Weihwasser verspritzt. Wen hatte der gesegnet. Die toten Tiere oder die Jäger.

Dann fiel Betty der Anfang eines Romans über vier junge Männer ein, die sich in dieser Covid19-Situation an die Spitze schwindelten. Betty überlegte. Einer müßte ein Internetfachmann sein. Ein Hacker. Einer mußte sich mit Bankangelegenheiten auskennen. Einer mußte praktische Gewalt ausüben können. Und ein Visionär, der das Ganze zusammenhalten konnte. Ein Künstler. Sie hatte eine vage Vorstellung von einer Wohngemeinschaft im lockdown und wie die Idee entwickelt wurde. Bei Bier und Pizza. Wie da gelacht werden konnte. Welche Spannungen entstanden. Wie der Weg von der Idee zur ersten Tat aussah. Wie der Erfolg elektrisierte. Wie der Erfolg zu Spannungen führte. Wie aus den Spannungen Erpressung entsprang. Wie diese jungen Männer einander in Schach hielten. Wie das Mißtrauen regierte. Dann aber stand Betty auf. Das war langweilig. So eine Geschichte war besser ein Film. Was sollte sie heute tun? Es mußten viele kleine Fragen gelöst werden. Ein neuerlicher Antrag beim Hilfsfond der Wirtschaftskammer mußte gestellt werden. Mittlerweile hatte sie alle Nummern. Es sollte einfach sein. Und mußte sie die Steuer nun einzahlen? Die Miete. Sie mußte vom Sparbuch kommen. Auf dem Girokonto war nichts mehr. Würde sie sich die Zusatzversicherung weiter leisten können?

Betty wußte aber schon gleich beim Aufstehen, sie würde nichts davon erledigen. Die Zukunft war immer nur auf die nächste halbe Stunde beschränkt. Weiter voraus. Sie konnte es sich nicht vorstellen. Abgefedert, dachte sie. Und war mit diesem Federn die Füllung eines Polsters gemeint oder die Stahlfedern altmodischer Sitzmöbel und Autochassis?

Beim Kaffee. Betty hatte sich auf die Bank in der Pawlatschen gesetzt. Sie wollte nur den Kaffee trinken. Essen. Ein Frühstück. Sie hatte keine Lust. Der Mund war ihr versperrt. Die Wiederholung widerlich. Diese drei Mahlzeiten. In der Isolation waren diese drei Mahlzeiten die einzigen Taktstriche geworden. Betty fühlte sich in diesen Rhythmus gezwungen. Frühstück. Mittagessen. Abendessen. Sie war Pensionärin in der von ihr geführten Pension. Sie war die Gefangene ihres verstaatlichten Gewissens und Essensverweigerung Symptom von Gewöhnungsverweigerung. Das immerhin, dachte sie. Ihre Lieblingsfeministinnen von der AEP in Innsbruck hatten zu Bandenbildung aufgerufen. „Bildet Banden.“ hatten die geschrieben. Betty mußte lachen. In gewisser Weise war sie mit Fiorentina und Irma so eine Bande. Und war das der Grund, warum sie diese Phantasie von der Räuberbande am Morgen gehabt hatte? Von einer zeitgemäßen Räuberbande im Internet mit privater Sicherheitsfirma. Eine Räuberbande wie Silvercorp, die Polizisten und Militärs private Karrieren versprechen konnten. Private Gehälter und privatisierte Abenteuerpolitik. Es war also auch ein Tagesrest aus den Nachrichten gewesen, der sich in ihre Überlegungen hineingeschmuggelt hatte.

Dann aber mußte Betty lächeln. Frau Trileti war glücklich. Betty seufzte. Die Vorstellung, diese strahlend glückliche Person in der Nachbarwohnung zu wissen. Hinter der Wohnungstür auf der anderen Seite des Stiegenabsatzs eine selig lächelnde Person. Frau Trileti war immer freundlich gewesen. Zugewandt. Sie hatte Bettys Ersatzwohnungsschlüssel gehabt. Sie hatten einander nie besucht. Immer nur so kurze Gespräche auf dem Gang. Und dann war die Frau Trileti verschwunden gewesen. Betty hatte sich schon gefragt gehabt, was da los war. Aber sie waren beide so zurückhaltend gewesen. Frau Trileti war so oft nicht in ihrer Wohnung, daß Betty schon überlegt hatte, den Ersatzschlüssel an jemanden anderen zu übergeben. Der Herr Keller war ihr da als Möglichkeit vorgekommen. Aber nur kurz. Und dann diese Geschichte. Betty schüttelte den Kopf. Den Liebhaber auf Kreta heiraten. Einfach heiraten, weil ohnehin nichts mehr zu planen war. Nach Griechenland gehen. Und Griechenland. Von dem nur berichtet worden war, so lange es als Schuldner heruntergemacht werden konnte. Niemand hatte darüber berichtet, wie gut der Covid19-Virus in Schach gehalten worden war. Frau Trileti hatte gelacht und gesagt, daß es natürlich eine Hilfe wäre, wenn alle auf ihren Inseln auseinandergehalten worden waren. Daß aber die Isolation Möglichkeiten habe. In der Ferienanlage der Wienerin, in der Frau Trileti viele Monate im Jahr lebte und mithalf. In dieser Ferienanlage hätten sie Flüchtende aus Syrien aufnehmen können. Jetzt einmal. Strati und sie seien sich da einig. Strati. Ja. Der wohne gleich daneben. Auf Kreta seien das dann schon ein paar Kilometer. Aber Strati und sie. Jahrelang schon. Aber jetzt. Sie hätten keine Trennung mehr riskieren wollen. Die Krise. Der strenge lockdown. Die Verbannung auf die Inseln. In die Präfekturen. Man hatte den eigenen Bezirk nicht verlassen dürfen. Da hatte sie es aufgegeben, ihr Leben von seinem fernzuhalten. Frau Trileti, die jetzt Frau Vouvou genannt werden wollte. Frau Vouvou hatte da gelacht. Hell. Glockenhell hatte sie gelacht. Das Glück um sie sichtbar. Betty hatte fast weinen müssen. Das Glücklich-Sein dieser Frau hatte die ganze Wohnung ausgefüllt. Hinreißend, dachte Betty. Das war hinreißend gewesen. Wörtlich so. Und die Einreise ganz einfach. Frau Vouvou war nach Brüssel geflogen. Von Brüssel nach Wien. Billigfluglinien. Enge Sitze. Warum sie nach Wien wolle, war gefragt worden. Weil sie da wohne, hatte sie gesagt. Und sonst nichts. Betty hatte drei Mal gefragt. Frau Vouvou war nur gefragt worden, ob sie eine email-Adresse habe. Ja, hatte sie geantwortet, und das war es. Niemand hatte weiter nachgefragt. Keine Temperaturmessung. Keine Quarantäne. Betty dachte seither nach, wie sie sich davonmachen konnte. Irgendwohin. Aber es war ein Hazard. Immerhin. Sie hätte zu ihren Lieblingsfeministinnen nach Innsbruck fahren können. Mit dem Auto und über Mittersill. Das war beruhigend. Aber woher kam diese Abfederung, die alles so weit weg erscheinen ließ. Selbst ihre Fluchtgedanken waren so trüb und ohne Gegenwart. Und das war der Unterschied. Frau Vouvous Glück. Das war eine Gegenwart. Betty seufzte. Sie hatte keine. Und das ging nicht. Sie konnte nicht den Steinschneider heiraten, um eine Gegenwart zu bekommen. Das wäre lachhaft gewesen, und Betty mußte auch lachen. Das mit dem Steinschneider. Das war nie so eine Geschichte gewesen. So eine Geschichte. Das war Schicksal, und es mußte ein ganz normales Leben genauso gegenwärtig sein. Betty beschloß, zum Bäcker zu gehen und sich ein Briochekipferl zu holen. Sie mußte eine Bande mit sich selbst bilden. Räuberhauptfrau Betty Andover, dachte sie. Robina Hood. Tank Girl, fiel ihr noch ein.

 

Season 2. Episode 5.

12. Mai 2020. Wien.

„Kann man mir helfen?“ Betty hatte den Kopf auf die Rückenlehne der Couch gelehnt. „Kann man mir bitte helfen?“ sagte sie zur Decke hinauf. Dann fiel Betty ein, daß sie beschlossen hatte, das unpersönliche „man“ nicht mehr zu verwenden. „Kann mir bitte geholfen werden?“ fragte sie.

Fiorentina saß im Lesefauteuil. Es war früher Abend. Fiorentina trug ein kleines Schwarzes. Das Wickeloberteil war mit einem schwarzen Samtband abgesetzt. Fiorentina hatte hautfarbene Strümpfe an und die schwarzen Pumps mit dem kitten heels. Irma lehnte am Esstisch. Sie war in einem weißen, sehr kurzen Trapezkleid und mit bunten Sneakers. Kenzo, dachte Betty. Oder Prada? Betty seufzte. Diese Kombination ging wirklich nur mit den schlanksten Beinen, und Betty erinnerte sich, wie ihre Eltern sie in die Veranda vorgeladen und ihr geraten hatten, doch bitte den Sport aufzugeben. Ihre Beine würden zu muskulös. Weil es in dieser Besorgnis aber darum ging, daß sie, Betty, sich nicht die Chance auf eine gute Partie verderben solle, war Betty sofort wieder zum Basketballtraining gegangen. Und jetzt. Die Beine waren muskulös. „Du mußt dich endlich von solchen Vorstellungen trennen. Das ist schlichtes body shaming.“ sagte Irma und kam zur Couch herüber. „Bist du plötzlich mein feministisches Gewissen?“ fragte Betty patzig und deutete auf den anderen Fauteuil. Da saß Edwin.

Irma seufzte. Fiorentina seufzte. Betty schaute zur Decke hinauf. Edwin schlug die Beine in der anderen Richtung übereinander und wippte mit dem Fuß.

Fiorentina wollte zu sprechen beginnen. „Nein.“ rief Betty. „Das kann ich jetzt nicht auch noch. Bitte!“ Fiorentina holte wieder Luft. Aber Betty kam ihr zuvor. Betty setzte sich auf. „Du weißt, daß ihr einander ähnlich seid?“ fragte sie Edwin. Edwin zog die Schultern hoch und verdrehte die Augen. „Kommst du wieder mit einem dieser hanebüchenen Vergleiche?“ fragte Edwin gelangweilt. „Weißt du.“ sagte er. „Es war auch für mich Liebe. Wenn du nicht so radikal alles hingeschmissen hättest, dann hätte diese Liebe auch noch triumphieren können.“ Betty wollte aufstehen. Edwin hielt sie mit einer Handbewegung zurück. „Es kann nicht jeder deine übertriebenen Vorstellungen erfüllen. Ich habe getan, was ich konnte. Das möchte ich einmal zu Protokoll geben.“

Betty ließ sich auf die Couch zurücksinken. Sie legte den Kopf wieder auf die Rückenlehne zurück und sprach mit der Decke. „Ich will doch nur, daß dieser Trump endlich den Virus bekommt.“ sagte sie flehentlich. „Ah! Das hat Edwin hierhergebracht.“ staunte Irma. „Narzisstische Persönlichkeitsstörungen unterstützen einander eigentlich nicht.“ stellte Fiorentina fest. Sie beugte sich vor. „Du findest diesen Trump doch sicher nicht richtig. Oder?“ Edwin schüttelte den Kopf. „Wie könnt ihr auf diese Idee kommen. Ich bin. Also. Ich bin aus der SPD ausgetreten. Aber meine Sympathien sind auf der linken Seite.“

„Nein. Bitte.“ seufzte Betty. „Bitte nicht wieder diese Selbstidealisierung.“ sagte sie noch flehentlicher. „Du bist genauso wie Trump. Du magst keine Ausländer und tust so, als wärst du tolerant. Das ist der einzige Unterschied. Was hast du je für eine Person in Not getan?“ Betty setzte sich wieder auf. „Da sind die Leute von der Trileti anders. Die setzen sich ein und machen Sachen.“ „Was für Sachen?“ machte Edwin sich lustig. „Die verstecken Leute bei der Fehn da auf Kreta. Und die bringen Leute über die Grenze. Und die betreuen die auch noch, wenn die deportiert worden sind und schicken Geld. Und ja. Du hast recht. Ich habe niemanden unter dieser Couch liegen, aber ich spende. Und wenn es sein müßte.“ Edwin schnaufte verächtlich. „Der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.“ sagte er.

Betty schaute Edwin an. Er sah gut aus. Aber er war eitel. Schon seine Kopfhaltung bemühte sich, die Ähnlichkeit mit diesem Schauspieler zu betonen. Betty fiel der Name nicht ein. Dieser Schauspieler war einmal bei ihren Eltern zu Besuch gewesen. Betty war die peinliche Szene vor der Toilette damals immer noch schrecklich. Es war einer dieser groben Scherze ihrer Brüder gewesen, das Clopapier zu entwenden. Wenn eine Person das nicht wußte und sich nicht eine Clopapierrolle aus dem Kasten im Vorzimmer mitnahm, dann fand sich diese Person ohne Toilettenpapier. Der alte Schauspieler hatte von den Machenschaften ihrer Brüder natürlich nichts gewußt. Betty. Sie war da 13 Jahre alt gewesen. Betty war mit drei Rollen Toilettenpapier vor der Tür zur Toilette gestanden. Aber sie hatte sich nicht getraut, dem Schauspieler zuzurufen, daß es das Toilettenpapier heraußen gäbe und daß sie es vor die Tür stelle. Sie war verlegen dagestanden. Lange. Der Schauspieler war nicht aus der Toilette herausgekommen. Lange. Die Brüder hatten sich hinter der Vorzimmertür vor Lachen gebogen. Sehr lange. Hatte der Schauspieler Schell geheißen? Jedenfalls gab es da eine Ähnlichkeit. Und vielleicht. Betty mußte kichern. Vielleicht war das keine gute Assoziationslandschaft. Diese Geschichte. Oder die richtige, dachte sie dann. „Es erzählt etwas von Mangel.“ stellte Fiorentina fest. Irma mußte ihr Grinsen verbergen und ging ans Fenster. Dann lachten sie alle drei. Edwin war gleich nicht mehr da.

Betty seufzte. „Wie lange noch?“ fragte sie. „Und ich mag diesen Virus noch weniger. Wenn der den Trump nicht angeht. Dann finde ich das sooo ungerecht. Aber es scheint ja doch gleichgültig zu sein. Dieser Johnson in England. Da geht es ja nur schief. Der hat nichts gelernt mit seiner schweren Erkrankung. Ich meine. Das Kind nach den behandelnden Ärzten nennen, aber das Land im Chaos versinken lassen. Das ist doch nicht akzeptabel. Und habt ihr bemerkt. Der Edwin. Der hat doch wirklich solche Worte wie triumphal und berühmt einflechten müssen. Das hat der immer getan. Das hätte mir früher auffallen müssen.“ „Das ist seine Art des Selbstlobs.“ kicherte Irma. „Er ist ja wenigstens nicht so offenkundig dumm in seiner Selbstbezogenheit wie Donald Trump.“ fügte Fiorentina hinzu. Betty schüttelte den Kopf. „Nein. Das nicht.“ sagte sie. „Er hat eine Analyse gemacht.“ Betty hielt inne. „Hat er gesagt.“ lachte sie. „Und das ist seine Art des Selbstlobs. Der Trump behauptet, Millionen Dollar zu haben und der Edwin behauptet, eine Analyse gemacht zu haben. Ich bin heute sicher, daß das nicht stimmt. Es ist schwierig, sich daran zu gewöhnen, daß eine Person mit jedem Satz lügt.“ „In dieser Schwierigkeit ist die ganze USA.“ überlegte Irma. „Kinder.“ sagte Betty. „Das hätte ich mir nicht gedacht, einmal so froh zu sein, nicht dorthin gegangen zu sein.“ Fiorentina und Irma nickten. Fiorentina seufzte. Irma seufzte. Bildet Banden, fiel Betty wieder ein. Sie grinste Fiorentina und Irma an. Das hatten sie gemacht. Sie drei. Fiorentina, Irma und sie. Sie drei. Das war ihre Bande. Jetzt einmal.

 

Season 2. Episode 6.

  13. Mai 2020. Wien. 

Plötzlich war das Berufliche wieder da. Zuerst war es die Frau Trileti gewesen und die Erinnerung an die Fehn und ihre Tochter, die nach Kreta geheiratet hatte. Frau Trileti hatte die Adresse von Sidi Fehns Ferienanlage von Betty. Betty hatte die Fehn gut gekannt. Im steten Nachdenken über das Sterben während der Quarantäne war ihr der rätselhafte Tod dieser Kollegin immer wieder eingefallen. Und die Frage, was aus dieser kleinen Nelia, der Tochter von der Fehn, geworden war. Sie mußte die Frau Trileti fragen. Nein. Die hieß jetzt Frau Vouvou, und dann mußte Betty lächeln. Wie das Glück diese Frau strahlen machte. Betty schüttelte den Kopf. Nein. Sie wollte so ein Glück nicht. Nicht jetzt gerade. So ein Glück. So ein strahlendes, alles ins hellste Licht tauchende Glück. Das war genauso schwierig wie ein Unglück und veränderte auch alles. Nein. Betty ging gleich in die Küche. Sie wollte mit niemandem darüber diskutieren.

Schwieriger war die Sache mit dem Interview. Betty hatte das Interview zurückgezogen. Es war eine blöde Herumtratscherei geworden und vollkommen uninteressant. Warum sollte jemand über ihre Situation etwas lesen, wenn sie doch diesen Covid19-Roman vorlegte? Als die Fotografin sie dann böse angezischt hatte. Sie, Betty Andover. Sie hätte es sich rechtzeitig überlegen sollen, ob sie sich auf ein Bild einlassen wolle. Oder nicht. Betty war dagestanden. Das Burgtheater vor sich. Den Eingang zum Volksgarten hinter sich. Die Fotografin war vor ihr gestanden. Und es war falsch, was die sagte. Das wußte Betty. Eine ließ sich nicht auf ein Bild ein. Eine mußte sich auf die Person einlassen, die das Bild machte. Da mußte Betty nur an ihre Fotos denken. Jeder Fotograf und jede Fotografin hatte etwas anderes aus ihr gemacht. Was würde diese plötzlich wütende Person mit ihrem Bild machen? Betty hatte die Frau angeschaut. Dann das Burgtheater. „Sie hätten nur freundlich sein müssen.“ hatte sie zu der Fotografin gesagt und war gegangen. Wenn sie an den Gang am Burgtheater vorbei zum Café Landtmann hin dachte, dann fiel ihr „hinter sich lassen“ ein. Und das war es. Es war eine ganze Welt, die sie zurückgelassen hatte. Sie hatte die Öffentlichkeit hinter sich gelassen. Das war die letzte Eitelkeit gewesen. Öffentlichkeit. Anerkennung.

Nach der Isolation. Es war seltsam, gleich so heftig mit Personen zusammenzustoßen. So gereizt. So aufgeladen. Betty hatte sich auf das Interview gefreut gehabt. Sie hatte gedacht, sie würden über das Schreiben reden. Über den Roman als Form. Über Wahrnehmung und Sprache. Die Journalistin hatte sie gefragt, ob sie Kinder habe. Und ob sie auch sicher sei, daß eine Revolution ausbrechen würde? Aufgrund der Regierungsmaßnahmen zum Coronavirus?

Betty war erstaunt gewesen. Eine Revolution? Die Revolution war doch, daß alle vernünftig gehandelt hatten. Und war das nicht die Autonomie aller, die in einer Demokratie vorausgesetzt werden mußte? Nun. Die Journalistin kam von einer konservativen Zeitung. Aber hegte man da die guten, alten und reaktionären Revolutionsängste, die Österreich seit dem 16. Jahrhundert in die Ketten der Zensur gelegt hatten? Saßen die in den Redaktionssitzungen und schrieben in ihrer Angst die Revolution herbei? Sprachen die da den Bürgerinnen und Bürgern die Vernunft ab? Schrieben die Einsicht in die Notwendigkeit der Maßnahmen als Gehorsam ab? Schlossen von dem herbeigeschriebenen Gehorsam auf Angst bei den Gehorsamen? Leiteten von der herbeigeschriebenen Angst die Befürchtung von Chaos und Revolution ab? Und schon! Es konnten polizeiliche Maßnahmen gegen diese herbeigeschriebene Sorge vor der Revolution gesetzt werden. Und am Ende, dachte Betty bitter. Am Ende ist so ein Polzeigesetz auch etwas Herbeigeschriebenes. Es muß dann nur gelebt werden und wird als einzige Realität in der Kette dieser Herbeischreibereien wirksam.

War das Hüttenkoller gewesen? Die Journalistin und die Fotografin? Posthüttenkoller? War ihre genervte Reaktion nicht auch so ein Posthüttenkoller? Sie hätte das Interview auch durchgehen lassen können, und ein schreckliches Foto mehr in der Bildergalerie im Internet wäre auch gleichgültig. Aber diesen Gleichmut. So einen Gleichmut. So ein Desinteresse. Das hatte sie nicht.

Betty suchte nach ihrer Maske und machte sich auf den Weg. Sie mußte Essen besorgen. Sie hatte alle Vorräte aufgebraucht. Das war ein gutes Gefühl. Kein Rest. Kein Überbleibsel. Kein Bröselchen. Betty hatte die Regale und Laden ausgewischt. Sie hatte sich vorgenommen, nichts an Lebensmitteln je wieder zu verschwenden. Sie hatte einen langen Einkaufszettel geschrieben. Vorräte. Frisches. Nie wieder sollte eine ungeöffnete Packung im Müll landen. Betty holte den Autoschlüssel vom Haken. Für den Großeinkauf mußte sie zu einem Supermarkt fahren. Betty nahm die Einkaufstaschen unter den Arm. Die Vorstellung, die Einkäufe in den Regale und Laden zu verstauen. Das war ein Anfang. Und im Supermarkt. Es trugen alle Masken. Die Launen von Personen waren verborgen so. Verborgener. Dieses Interview, dachte Betty. Das waren Auseinandersetzungen von vor der Corona-Krise gewesen. Sie. Sie war eine andere geworden. Sie wollte genau bleiben. So genau und streng wie sie in den langen Tagen mit sich selbst sein hatte müssen. Es gab keinen Grund vor diese Standards zurückzugehen. Die Krise war ein Prisma, und alle Farben anders gebrochen. Aber. Die Krise war eine Wahrheit gewesen und keine Prüfung.

 

Season 2. Episode 7.

17. Mai 2020. Wien.

Am Samstag. Es lag nur noch eine Rolle Toilettenpapier im Kasten. Betty konnte es nicht mehr hinauszögern. Sie hatte verschoben und verschoben, den längst nötigen Großeinkauf zu machen. Sie starrte auf die Rolle Toilettenpapier in der Ecke des Fachs. Betty mußte sich aus diesem Starren herausreißen. Es wird kein Toilettenpapier nachwachsen, meine Liebe, sagte sie zu sich selbst. Seufzend suchte sie alles zusammen. Einkaufstaschen. Geld. Bankkarten. Sie setzte sich an den Küchentisch, den Einkaufszettel zu schreiben. Dann setzte sie sich in den Lesefauteuil und starrte dort auf den Notizblock. Was brauchte sie denn alles? Alles, war die Antwort. Sie war mit allem am Ende. Shampoo. Waschgel. Handseife. Rasierklingen. Kaffee. Mehl. Bulgur. Nudeln. Mottenschutz. Ameisenfallen. Unter dem Fenster in der Pawlatschen wanderten winzige Ameisen zum Boden hinunter und verschwanden dort in einem Riß im Holz. Hieß das nicht Ameisenfrühstück, was sie kaufen mußte.

Ameisenfrühstück. Das klang widerlich. Betty blieb gleich noch länger sitzen. Frühstück. Das war ein schönes Wort. Es versprach einen vollen Mund. Das „St“ und das „Ü“ waren selbst schon wie ein Buffet. Buffets würde es nun lange nicht mehr geben. Und warum zögerte sie schon wieder. Betty mußte sehr tief seufzen und mit dem Ausstoßen des Seufzers aus dem Lesefauteuil aufspringen. Sie ging. Sie schleppte sich. Sie stand schon am Lift und wartete. Sie hatte etwas vergessen. Aber was. Es war ein ungenaues Unbehagen, das sie zur Wohnungstür zurückgehen ließ. Sie sperrte die Wohnungstür auf. Stand in ihrem Vorzimmer. Verwirrt. Sie war verwirrt. Sie wußte gar nicht genau, wo sie war. Nebelig war das. Rund um sie nebelig. Zuerst sah sie den Einkaufszettel. Das war es also gewesen, dachte sie. Oder hatte sie es laut gesagt. Und dann die Maske. Sie hatte keine Maske eingesteckt gehabt. Sie mußte sich einen Augenblick hinsetzen. Das wäre lustig gewesen, wenn sie nicht in den Supermarkt hineingehen hätte können, weil sie diese Maske nicht mitgebracht hatte. Es war längst nicht mehr damit zu rechnen, daß Masken an den Eingängen der Supermärkte angeboten wurden. Es wurden auch die Griffe der Einkaufswagen nicht mehr desinfiziert. Es war alles den Kunden zugeschoben. Aber es half nichts. Betty mußte einkaufen.

Betty fuhr weit hinaus. Sie fuhr in das Industriegebiet an der Donau in Klosterneuburg. Zum Merkur da. Da gab es immer genug Parkplätze. Und Betty fühlte sich dort genügend anonym. Sie verstand es selber nicht, warum sie sich in dieser Anonymität verstecken wollte, wenn sie doch ohnehin hinter ihrer Maske verborgen war. Betty begriff sich nicht mehr. Sie konnte sich nur selber nachgeben und machen, was sich ihr befahl. Irgendwo weiter draußen. Es drohte ein Zusammenbruch. Nein. Kein Bruch. Eine Art Zusammenfalten schien möglich. Betty konnte sich selbst als Origamipapier sehen und wie dieses Zusammenfalten sie zu einem kleinen Fetzchen Papier auf dem Boden machte. Dem Wind ausgeliefert und davongeweht. Von schweren Schritten niedergetreten und in den Boden gedrückt. Das war das Gefühl, das sich ausbreitete, wenn sie die Nachrichten las. New York Times. Guardian. La Repubblica. Der Spiegel. Die Süddeutsche. Totenzahlen. Trump-Wahnsinn. Die Welt geeinigt in die Tragödie der Pandemie. Aber nicht einig. Alles aufgerissen. Alles in Frage. Keine Sicherheit. Nicht einmal in den eigenen vier Wänden, die Betty aber dann auch nicht mehr verlassen hatte wollen.

Das Einkaufen ging dann schnell. An den Kassen waren keine Schlangen. Betty hatte den Einkaufswagen mit Toilettenpapier gefüllt. Küchenrolle. Tissues. Taschentücher. Vorrat für lange Zeit, hoffte sie. Der Mann an der Kassa. War das mit den Jobs so schlimm, daß jetzt die Männer sich an die Supermarktkassen setzten. Aber wahrscheinlich waren alle Frauen, die das sonst machten, mit dem homeschooling und der Aufsicht der Kinder beschäftigt. „Und die Burschen besetzen das dann gleich wieder.“ Betty hatte das vor sich hingemurmelt. Der Mann an der Kasse schaute sie fragend an. Er hatte eine schwarze Maske vor Mund und Nase. Das sah nach Werbung für einen Gewaltporno aus. Betty sagte nichts. Sie räumte ihre Einkäufe in den Wagen zurück und hielt ihre Karte an die Maschine. Es war ja klar, daß es so kommen mußte. Die Frauen würden in dieser Krise noch mehr von dem verlieren, von dem sie ohnehin nichts gehabt hatten. Aber der Gedanke erreichte Betty nicht. Sie war schon zu müde, irgendeine Regung dazu aufbringen zu können.

Im Auto. Betty fuhr gerade an. Sie hatte Labello kaufen wollen. Sie hatte den Auftrag, Labello nach London zu schicken. In London gab es kein Labello, und ihre Nichte wollte nur Labello verwenden. Aber Betty blieb nicht stehen. Stieg nicht aus. Ging nicht zurück. Montag. Sie mußte das am Montag besorgen. Betty fuhr dann aber nicht nach Wien zurück. Sie fuhr nach Weidling. Betty fuhr dahin als wären es die Straßen, die entschieden. Die Straße nach Weidling hatte sich ihr entgegengeschoben. Dann Weidlingbach. Die Sophienhöhe. Betty saß und schaltete und lenkte. Sie funktionierte. Perfekt so. Das konnte sie aus der Verzweiflung heraus sehen. Sich selbst beobachten in ihrer perfekten Teilnahme am Straßenverkehr. Die Verzweiflung. Es war eine sanfte Lähmung. Weinerlich. Betty hätte über jeden Gedanken zu weinen beginnen können. Über jedes Bild, das ihr ins Gedächtnis kam. Das Neugeborene, dem die Schußwunden versorgt werden mußten. Dessen Mutter von einem Gunman in Kabul erschossen worden war. Mit vielen anderen Müttern und Neugeborenen. Der Mann war in die Geburtsstation gegangen und hatte herumgeschossen. Frauen und Kinder während der Geburt erschossen. Im Augenblick des Gebärens und Geborenwerdens. Und warum hatte Trump den Virus nicht.

Die Verzweiflung war warm und drückte nur in den Autositz. Aber sie hätte nicht aussteigen können. War sie nun in diesen Autositz verdammt? Mußte sie in diesem Autositz hocken bleiben? Betty fuhr. Sie überlegte, umzudrehen und über Tulbing ins Tullner Feld zu fahren. Es gab da Ausblicke über die Ebene in den Westen hin. Manchmal halfen solche Ausblicke. Dann war das nicht möglich. Betty hätte abbiegen müssen. Das Umdrehen. Das wäre ein Manöver gewesen. Das hätte das Dahinfahren unterbrochen. Betty saß im Auto. Die Verzweiflung eine warme Unruhe im Bauch. Die Verzweiflung über die Verzweiflung nur im Kopf. Der Körper weich und willfährig. Was sollte sie tun. Beim Hinunterfahren. Gleich nach der Sophienalpe. In den Serpentinenkurven da. Das Lenkrad nicht drehen. Weiterfahren. Hinunter. Fallen. Stürzen. Betty hatte tonlose Filmbilder im Kopf. Sah sich Hänge hinunter überschlagende Autos. Ohne Geräusche. Nur das Überschlagen. Das Drehen in der Luft. Das erste Aufschlagen und wieder in die Luft geschleudert. Es gab aber nur eine einzige Stelle, an der das möglich gewesen wäre. Sonst waren die Kurven und Hänge von Bäumen verstellt. Und dann war sie an dieser Stelle schon vorbei. Aber was sollte sie tun. Betty hatte keine Vorstellung, wie die nächste Minute verbracht werden konnte. Oder sollte.

Betty war dann schon fast in Neustift. Sie brauchte ein Schnitzel. Sie brauchte die Schnitzeltherapie. Kindheitsessen. Kindheitsberuhigung. Sie brauchte die gesamte Aufgehobenheit, die so ein Schnitzel für sie war. Die Sonntagsessen. Der Sonntagstisch. Alle versammelt. Ein bißchen feierlich. Die Kinder bekamen ihre Nahrung. Wurden ernährt. Waren sicher darin. Nachdrücklich war das im feierlichen Essen nachgewiesen worden. Und gleich wieder diese Rührung. Das hatten ihre Eltern ihr mitgegeben. Sie sollte wachsen. Groß werden. Gesund sein. Groß und stark sollte sie sein. Und jetzt. Sie saß in einen Autositz verdammt, und niemand trug Sorge für sie. Kurz alles Selbstmitleid. Aber wollte sie sich so besiegen lassen. Von den Umständen. Nein. Sie war groß und stark geworden. Sie mußte nicht versorgt werden. Betty mußte lächeln. Sie mußte sich das Schnitzel eben selbst besorgen.

Betty fuhr über den Gürtel zum Volkstheater. Betty fuhr ins Gasthaus Lechner. Zur Frau Lechner und ihrem Sohn. Betty parkte. Das giftgrüne Licht über dem Eingang war an. Das Gasthaus Lechner war wieder offen. Der zweite Tag der offenen Restaurants. Betty fischte ihre Maske aus der Tasche. „Bekomme ich hier etwas zu essen?“ fragte sie die Frau Lechner. Die hatte ihre Haare noch heller purpurn gefärbt als vor der Coronakrise. Betty mußte lachen. „Ja.“ rief die Frau Lechner, und ihr Sohn grinste. „Es gibt wieder etwas zu essen bei uns. Roman! Die Frau Andover ist wieder da.“ sagte sie zu ihrem Sohn. Der zuckte mit den Achseln. „Das seh ich.“ murmelte er. Sie standen voreinander, und Betty hätte diese Frau gerne umarmt. Aber es gab nur das Anlächeln als Ausdruck der Freude. Betty lachte während sie bestellte. „Gebackener Schweinslungenbraten und Erdäpfelsalat und eine Portion Reis.“ Das war das Kinderessen gewesen.

Betty saß ohne Maske da. Sie schaute zu, wie die Frau Lechner das Plastiktischtuch und die Holzbank desinfizierte, von der Gäste gerade aufgestanden waren. „Wie lang das Holz das aushalten soll, weiß ich nicht.“ sagte die Frau Lechner hinter ihrem Plexiglasschutz. Sie hätten kein Geld bekommen, aus der Coronahilfe, sagte sie dann. Keinen Groschen, und sie lachten beide über die Groschen. Ach, der Schilling. Was das für Zeiten gewesen wären. Und die Leute. Frau Lechner zog die Schultern hoch. „Die Leute sind schrecklich.“ sagte sie. „Und was die gleich glauben. Wir. Gell. Wir haben kein so ein braunes Halsband um.“ sagte sie verschwörerisch. „Aber wir schaffen das.“ rief sie dann. „Und wenn Sie ein Salz brauchen, dann sagen sie es mir zuerst. Ich muß das Salzfasserl desinfizieren, wenn sie es in die Hand genommen haben. Wissen Sie. Und auch die Zeitung. Ich geb sie Ihnen gern. Aber ich muß sie dann wegschmeißen oder desinfizieren.“

Betty saß in der schattigen Gaststube. Hinter den bunten Fensterscheiben die Sonne draußen. Im Hinterzimmer eine Familie. Sonst niemand da. In der Schank wurde geredet. Gehen. Wasser. Gläser. Schankgeräusche. Betty war wieder gesund. Fühlte sich ganz. Was war das. Eine Heimkehr. Eine Rückkehr. Nein. Der Ort war es nicht. Daß jemand sie mit Namen angesprochen hatte. Sie erkannt hatte. „Aber wir schaffen das.“ Das war es, und Betty wußte einen Augenblick ganz genau, was gemeint gewesen war, wenn in der New York Times ein Leitartikel gelautet hatte „Loneliness can kill“.

 

Season 2. Episode 8.

18. Mai 2020. Wien.

„Eisenmangel.“ sagte Fiorentina. Sie hatte sich auf die Couch setzen müssen. Betty saß im Türkensitz auf ihrem Lesefauteuil. Sie hielt ihren Lesefauteuil besetzt. Fiorentina trug ein khakifarbenes Reisekostüm und dunkelbraune Halbschuhe. Es fehlte nur das Hütchen, und Fiorentina hätte wie Soraya auf den Fotos ausgesehen, auf denen sie mit dem Schah zusammen in Sicherheit gebracht worden war. Der Schah war in Uniform. Sein Kampfanzug war dunkleres Khaki und nur am Kragen Distinktionen. Soraya schien verschämt amüsiert den Anweisungen der Soldaten zu folgen. Betty hatte sich immer gefragt, wie es kommen hatte können, daß diese Frau ein so elegantes Reisekostüm angehabt hatte. Die Jacke des Kostüms hatte viele kleine Taschen, und auf dem schmal geschnittenen Rock waren Taschen aufgenäht gewesen. Der Umsturzversuch gegen die Schahregierung war in der Nacht begonnen worden. Betty hätte vermutet, daß alle aus dem Schlaf gerissen worden waren und in Nachthemd und Morgenmantel flüchten hatten müssen. Auf den Fotos. Soraya war auch perfekt frisiert. Wie Fiorentina immer. Die vernünftigen Schuhe waren die einzige Konzession an die Situation gewesen. Die Kampfanzüge und Waffen der Männer rund um Soraya. Es hätte eine Filmszene sein können, wenn der Lauf der Geschichte eine solche Flucht nicht Jahrzehnte später am Ende doch notwendig gemacht hätte. Da war dann aber die fruchtbare Frau die Begleiterin. Die Tragödie der Soraya als die Frau, die keine Kinder gebären konnte. Diese Tragödie hatte die Illustrierten der 60er und 70er Jahre gefüllt. „Die Rolle der Illustrierten in der Konstruktion von Weiblichkeit darf nicht einen Millimeter unterschätzt werden.“ sagte Betty und legte ihre Beine über die rechte Armlehne des Lesefauteuils.

Fiorentina zog ihre Augenbrauchen hoch. Irma hatte gleich verstanden und nickte. „Es ist schon grandios.“ sagte sie. „Es wird die Angst jeder Frau, als Frau nicht funktionieren zu können, an diesem Beispiel ins Unendliche vergrößert.“ „Und jede Frau glaubt dann, diese Angst gebannt zu haben. Es ist ja die Soraya, die unfruchtbar ist. Diese schöne Frau. Eine sooo schöne Frau. Und jede Frau kann sich ihr überlegen fühlen.“ fügte Betty hinzu. „Und jede kriegt gleich noch ein Kind.“ lächelte Fiorentina überlegen. „Jedenfalls denkt keine mehr nach.“ grummelte Betty. „Wie kommen wir eigentlich von Eisenmangel auf die Soraya?“ fragte Fiorentina. Irma stand auf und ging ans Fenster. „Das ist wegen deines Khakikostüms.“ sagte sie. „Das schaut so aus wie das von der Soraya in den 50er Jahren.“ „Es könnte auch aus „Out of Africa“ stammen. Dieses Kostüm. Das könnte eine reiche Frau seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts bis heute tragen. Ist das nicht erstaunlich? Eine solche Zeitlosigkeit?“ Irma schüttelte verwundert den Kopf.

Irma trug ein weißes Hängekleidchen und silberne Ballerinas. Irma war für den heißen Sommertag gerüstet. Fiorentinas Kostüm paßte mehr für den kühlen Morgen. Betty war im Morgenmantel. Betty mußte nicht aus dem Haus. Sie hatte ja eingekauft. Es gab keinen Grund hinauszugehen. Betty lehnte sich zurück. Sie wollte diese Fensterscheiben zwischen sich und der Welt haben. Sie schaute durch die Wohnzimmerfenster auf die Bäume hinaus. Sie wollte in diesem erzwungenen Stillstand nicht gestört werden. Sie konnte sich keine Aktion vorstellen. Das Foto von Soraya im Reisekostüm mit dem Schah und den Soldaten. Es kam keine Reaktion auf. Kein Nachempfinden der Situation. Kein Versuch, sich die Situation vorzustellen. Das war normal gewesen. Mitleben. Nachleben der Bilder. Der Situationen. Sich hineinversetzen. In die Bilder gezogen werden. Stellung nehmen. Partei ergreifen. Jetzt. Es blieb alles in den Bildern, und sie weit entfernt von den Bildern. Teilnahmslos. Sie war teilnahmslos geworden. Teilnahmslos gemacht. Regungslos sah sie auf die Welt hinaus, und sie hätte weinen wollen. Aber sie war sich selbst gegenüber genauso entfernt, und keine Träne zu Verfügung. Ihre Tränen interniert. Sie dachte, ihre Tränen waren gefangengenommen. Ihre Tränen waren Geiseln dieser Regierung geworden. Geiseln dieser Maßnahmen. Kurz wallte Angst auf. Panik. Dann ließ Betty sich gegen die Rückenlehne zurückfallen. „Du meinst, diese Krise am Samstag war nur von Eisenmangel ausgelöst?“ fragte sie Fiorentina.

Irma winkte ab. „So einfach läßt sich das nicht feststellen.“ sagte sie. Sie verschränkte ihre Arme. „Ich jedenfalls könnte das nicht so sagen. Solche Krisen. Die sind vielleicht ausgelöst von einem solchen Mangel. Aber wie die Krise dann aussieht. Das ist schon die Person selber.“ Irma schaute fragend zu Fiorentina hinüber. Fiorentina seufzte. „Ich finde halt den Eisenmangel wichtiger.“ meinte sie. „Du meinst also, daß wir nur die richtigen Spurenelemente bekommen müssen, und dann sind wir glücklich?“ fragte Betty. „Das Leben der Pantoffeltierchen ist das.“ stellte sie fest.

Das Klappern des Briefschlitzs an der Wohnungstür unterbrach sie. Die drei Frauen hielten inne. Es raschelte. Etwas schlug auf. Betty beugte sich vor. Jemand hatte einen Brief eingeworfen. Das mußte jemand aus dem Haus sein. Die Briefe per Post wurden im Gang zum Haustor in die Brieffächer deponiert. Betty schaute Fiorentina und Irma fragend an. Irma grinste gleich. Betty vermutete, Irma dachte an ein Briefchen vom Fritz Keller. Fiorentina lächelte süffisant. Fiorentina wünschte sich eine Nachricht vom Ehepaar vom Stock über Bettys Wohnung. Fiorentina hätte alles über dieses Ehepaar wissen wollen. Fiorentina war unzufrieden mit Bettys Desinteresse. Aber was hätten diese Personen Betty schreiben sollen. Wir sind wieder zurück in unserem sadistischen Universum und froh darüber. Wir sind dorthin zurückgekehrt, wo diese Krise begonnen hat. Wir haben es geschafft, uns unsere alte Normalität zurückzuerobern. Ätsch! Ihr alle nicht.

Nein. Es war wahrscheinlich Werbung. Eine von diesen gehetzten Ausländerpersonen hatte es geschafft, ins Haus zu gelangen und war die Stiegen hinaufgehastet und hatte in jeden Briefschlitz an jeder Wohnungstür eine Werbebroschüre vom Hofer oder Lidl gesteckt. Damit alle wissen mußten, daß man bei Hofer oder Lidl oder Merkur oder Spar oder Billa einkaufen konnte. In den Nachrichten war beklagt worden, daß der Konsum nicht den Erwartungen entsprochen hatte. Daß zögerlich eingekauft wurde. Der Konsum mußte angekurbelt werden, hatte der Mann von der Wirtschaftskammer gesagt. „Vielleicht ist das die Kurbel.“ meinte Betty, und Fiorentina lachte. „Blöde Sache.“ meinte sie. „Einen Konsum ankurbeln. Wo setzt eine da die Kurbel an?“

Betty ging dann nachschauen. Es war ein Briefchen. Ihr Name handgeschrieben. Betty trug das Briefchen ins Wohnzimmer. Hatte der Fritz Keller ihr dieses Briefchen geschrieben? Schau einmal an, dachte Betty.

Der Brief war von der Frau Trileti, die jetzt Frau Vouvou hieß. „Liebe Frau Andover.“ stand da. „In meiner Wohnung wird in den nächsten Wochen ein lieber Freund aus Aachen wohnen, der mit seiner Familie schon vor 20 Jahren aus Syrien geflüchtet war. Seien Sie doch so freundlich und zeigen Sie ihm Wien. Wir hatten ein so herzliches Gespräch miteinander, daß ich mich berechtigt fühle, diesen kleinen Dienst von Ihnen zu verlangen. Ich melde mich, sobald ich wieder nach Wien kommen werde. Ich fahre mit dem Auto nach Griechenland zu meinem Mann. Halten Sie mir die Daumen, daß ich durchkomme. Sehr herzlich Ihre Valerie Vouvou. P.S.“ war noch dagestanden. „Der Name unseres Freunds ist Elvedin. Das heißt Geschenk Gottes.“

Betty las den Brief laut vor. Sie freute sich über die Vertraulichkeit der Valerie Vouvou.

 

Season 2. Episode 9. *

20. Mai 2020. Wien.

„Brüchige Nägel.“ sagte Fiorentina. Heute hatte sie ein dunkelblaues Kostümchen an. Der Kragen so weit weg vom Hals. Ein Rahmen für das Gesicht. Sehr gut sah das aus. Krägen. Die waren der Billigherstellung zum Opfer gefallen. Das Jäckchen des Kostüms kurz. Jackie Kennedy. Es fehlte nur das Pillbox-Hütchen. Die Schuhe waren wieder einmal mit Kitten Heels in Apfelgrün. Das war kühn. Jackie Kennedy hatte sicherlich dunkelblaue Pumps angehabt. Samtiges Rauhleder. Die Frau sollte weich wirken. Sanft. Samtig und doch sexy. Da war so ein Sämischlederschühchen wie ein Hauspantoffelchen in der Öffentlichkeit. Der Mann, der die Hauspantoffelchen aus dem Schlafzimmer kannte. Dieser Mann war vor allen anderen Männern der Kenner dieser samtig sexy Hauspantoffelchen. Das war ein Teil der Macht eines solchen Manns. Das Paradieren von Hauspantoffelchen oder Reisekostümen inmitten der versammelten anderen Männer. Bei den Kennedys waren es dann die Sicherheitsbeamten gewesen, die dieses Paar umstanden hatten. Der Neid auf die Hauspantoffelchenvorführung. Ihren Teil zum Neid auf ihren Mann hatte Jackie Kennedy beigetragen. Melania machte das nicht. Obwohl. Es gab sicher auch Männer, die Trump um Melania beneideten.

„Ich habe es satt, nur von diesem Trump zu lesen.“ maulte Betty. Sie ging im Wohnzimmer auf und ab. Trug den zweiten Morgenkaffee spazieren. „Kann man diesen Mann nicht einfach verlassen?“ fragte sie. „Das ganze ist doch sowieso eine private Geschichte geworden. Das liberale „Beste für Alle.“ Das ist doch in diesem Glaubenskrieg zwischen den Populisten und den Gebildeten verloren gegangen. Man müßte. Und frau müßte. Wir müßten nur diesen Trump verlassen.“ Betty blieb stehen. Sie schaute sich um. Sie drehte sich schnell um sich. „Du erwartest, daß dein Edwin auf so einen Satz reagiert?“ fragte Irma. Irma war nicht ganz in Weiß. Sie trug sehr enge dunkelblaue Jeans und ein reinweißes T-Shirt mit aufgerollten kurzen Ärmeln. Jennifer Aniston, dachte Betty. Auch schon nostalgisch. Laut sagte sie, „Ja. Die Befürchtung habe ich. Und Fiorentina. Ich habe kein Problem mit diesem Anfall von Fleischhunger. Ich habe überhaupt kein Problem mit mir. Ich habe nur Probleme mit der Außenwelt. Ich bin phobisch geworden. Das heißt natürlich, ich bin phobisch gemacht worden. Und das meine ich doch. Schauergeschichten. Nichts als Schauergeschichten. Die Wissenschaft präsentiert sich uns als eine einzige gothic story. „Das Schloß von Otranto.“ Und wir sitzen unter dem Helm gefangen und finden nicht einmal den unterirdischen Gang, der aus dem Schloß hinausführt.“ „Findet die Heldin da nicht dann den Helden?“ Fiorentina lächelte anzüglich. Betty schüttelte den Kopf. „Wenn wir schon in Nostalgie schwelgen, dann darf ich ganz altmodisch sagen, daß ihr männernarrisch seid. Das kann doch nicht euer Ernst sein!“ rief Betty verzweifelt.

Betty hatte nicht schlafen können und hatte sich an den Computer gesetzt. Da hatte sie alles darüber lesen müssen, was dazu gesagt worden war und gesagt wurde, daß Präsident Trump dieses Hydroxychloroquine einnahm. Daß er dieses Malariamedikament schon seit 14 Tagen eingenommen habe. Daß vor diesem Medikament gewarnt wurde. Daß andere wieder dieses Medikament gefördert sehen hatten wollen. Daß Trump Mitbesitzer an der Herstellungsfirma war. Daß mit der Einnahme des Medikaments Geld zu verdienen war. Daß Trump aber nach seinem Bodymass-Index klinisch obese einzustufen wäre und er deshalb in eine Risikogruppe fiele und das Medikament nicht nehmen sollte. Daß Trump aufgrund seines Bodymass-Indexs ohnehin schon in die Coronavirus Risikogruppe zu zählen sei. Betty war wieder ins Bett gegangen und hatte gehofft, einer dieser Faktoren würde seine Arbeit erledigen. Und nein. Betty war keine gute Person. Sie hatte zu lange diesen Pressekonferenzen im Rosegarden des Weißen Hauses zugesehen. Sie hatte zu oft zuschauen müssen, wie dieser Mann Journalistinnen gedemütigt hatte. Sie hatte keine Geduld für diese Situation mehr. Sie wünschte sich diesen Mann weg. Mit diesem Mann wollte sie sich nicht mehr auseinandersetzen müssen. Diesen Mann hätte sie vergessen wollen. Wie jeden anderen Mann, der sich als unwürdig erwiesen hatte.

„Aber du hast brüchige Fingernägel.“ wiederholte Fiorentina. Betty nickte. „Schon immer.“ sagte sie. „Meine Mutter hatte das genauso. Und die ist uralt geworden.“ Betty hielt inne. Sie trank vom Kaffee. Stand in der Mitte des Wohnzimmers. Gleich neben der Gymnastikmatte. Die lag immer noch da, obwohl Betty längst keine Gymnastik mehr machte.

Betty hatte Realitätsstörungen. Ganz plötzlich konnte es so sein, daß sie von einem Augenblick auf den anderen nichts hörte. Der Ton der Welt. Die ganz normalen Geräusche. Sie rissen ab. Das war aber kein glatter Riß. Die einzelnen Töne endeten nicht ganz zur selben Zeit. Es war ein lautes Schnarren. Ein Kreischen. Vor der Stille. Diese Stille. Die war vollkommen. Kurz. Dann setzte das Hören wieder ein. Schockreaktion, sagte Betty sich. Verlangsamte Schockreaktion. Nichts, sich Sorgen zu machen.

Im Wohnzimmer. Fiorentina und Irma starrten sie an. Betty saß auf der Couch. Sie lachte. „Du weißt jetzt nicht, wie du auf die Couch gekommen bist.“ stellte Irma fest. Irma sagte das sanft. Beruhigend. „Das sind alles Symptome, die nur beweisen, daß du normal bist. Richtig. Daß du richtig reagierst. In dieser beängstigenden Situation reagierst du mit Fluchtreaktionen. Das ist toll. Du solltest zufrieden mit dir sein.“ Fiorentina sprach, als läse sie einen wissenschaftlichen Report vor. Betty seufzte. „Wenn die Wissenschaft die Romane schreibt, bringt das auch keine Freiheit.“ murrte sie.

„Aber was viel wichtiger ist.“ sagte Irma. „Was wirst du mit diesem Elvedin machen?“ „Wie wirst du ihm Wien zeigen? Unter diesen Umständen?“ fragte Fiorentina. „Ich habe keine Ahnung.“ sagte Betty. „Die Geschenke Gottes, die ich bisher getroffen habe, die waren nicht so vielversprechend.“ Und dann sah Betty sich wieder in der Sorge um, ob dieser Edwin sich abermals angesprochen fühlte und sich zu ihr auf die Couch gesetzt hatte. „Geschenke Gottes!“ murmelte sie. „Ich frage euch.“ sagte sie laut. „Sollten jetzt nicht alle Freier eine Abgabe zahlen, damit die Prostituierten, die im social distancing gefangen sind. Damit diese Frauen die Krise überdauern können. Das wäre doch das mindeste?“ Fiorentina und Irma nickten zustimmend.

* Mit Unterstützung eines Arbeitsstipendiums der Stadt Wien Kultur.

 

26.05.2020 · Texte. Aller Art.

So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman. Series 3.

26.05.2020

Season 3. Episode 1.

26. Mai 2020. Wien.

„Das bin ich. Das bin ich. Das bin ich.“ Betty lief die Stiegen hinunter. Sie rief sich diesen Satz selber zu. Nicht laut. Aber jemand anderer auf der Stiege hätte wahrnehmen können, daß sie mit sich selber sprach. Betty lachte.

Auf der Straße. Betty lächelte alle Personen an, die eine Maske auch auf der Straße trugen. Sie verstand diese Personen. Die schützten sich. Die trennten sich ab. Aber das war eine Veröffentlichung. Ein Geständnis war das. In den USA war das zu einem politischen Geständnis geworden. Die Freiheit, sich selbst und andere zu schützen, war gegen die Freiheit, was einer oder eine wollte, gestellt worden. Ein Kampf war das geworden und alle Toleranz verloren. Betty dachte, sie sollte das auch tun. Die Maske immer tragen. In New York würde sie das. Weil es da ein Statement geworden war. In Wien. Sie ging nur um die Ecke. Aber dann holte sie die Maske aus der Tasche und schlang sich die Gummibänder hinter die Ohren. Immerwährend. Die Maske immerwährend tragen. Nicht nur in den Innenräumen. Immerwährend. Dieser Virus sollte nun immerwährend dieses Maskentragen verlangen. Immerwährend. Das war eines dieser Worte aus der Kirche. Betty seufzte. Ihr Innen. Ihre Innenwelt. In der Leere der Außenwelt. Ohne jede Anregung. Es drehte sich alles. Es wurde alles umgeschichtet. Aufgewühlt. Herumgeworfen. Zentrifugiert. Und solche Worte tauchten auf.

Betty seuftze. In Zukunft. Immer die Maske? Betty dachte an die ersten Augenblicke der Epidemie. An diesen Augenblick des Zusammenstehens. Und wie aus diesem Augenblick heraus. Es hätte alles richtig werden können. Alles anders. Friedlich geordnet. Freundlich versorgt. Jeder und jede einen Platz. Jeder und jede wichtig. Gleich wichtig. Sie hatten alle zusammengehalten. Fast alle. In der Quarantäne. Betty mußte wieder seufzen. Die Maske blähte sich auf und fiel heiß und feucht gegen den Mund beim Einatmen. Während all dieser Überlegungen. Sie atmete dann nicht richtig. Sie atmete wieder nur so obenhin. Das war schon besser gewesen.

„Das bin ich. Das bin ich. Das bin ich.“ Sie murmelte es sich in die Maske vor. Betty stand vor der Bäckerei. Sie mußte warten. Es waren drei Personen in dem Geschäft. Betty stand vor der Tür. Seitlich. Sie mußte ruhig stehen. Bei der kleinsten Bewegung glitt die Tür zur Seite, und es schauten alle im Geschäft auf.

„Das bin ich. Das bin ich. Das bin ich.“ Betty hatte sich von der Tür abgewandt. Auf der anderen Straßenseite. Gegenüber. Eine Boutique. Es lagen Handtaschen in der Auslage. Betty starrte hinüber. Sie hatte einmal Taschen gekauft. Sie war einmal taschensüchtig gewesen. Sie hatte viel zu viel Geld für Taschen ausgegeben. Es war unverzichtbar gewesen, die richtige Tasche zu haben. Betty schaute, ob sie schon in die Bäckerei hineindurfte. Die drei Personen waren aber noch immer drinnen. Betty schaute wieder über die Straße auf die Taschen. Nein. Sie hatte keine Lust. Sie hatte keine Lust, Taschen zu kaufen. Keine Lust, etwas zu essen. Keine Lust, den Steinschneider auf dem Kahlenberg zu treffen. Keine Lust, diesen Syrer in Wien herumzuführen. Sie fand keine Lust in sich, hinauszufahren. Es gab keine Lust, in Laxenburg eine Runde zu gehen. Betty überlegte, zu diesem neugefundenen Weg hinter Klosterneuburg zu fahren. Aber es fielen ihr nur Gründe ein, nicht dorthin zu fahren. Nicht zu gehen. Nichts zu kaufen. Nichts zu essen. Gar nichts zu essen und schon gar kein Schnitzel. Es gab nur die Wut. In ihr. Betty war ausgefüllt mit Wut. Sie war zornig. Sie war böse. Sie zog die Maskengummis hinter den Ohren zurecht. Ein Mann war aus der Bäckerei herausgekommen. Sie durfte eintreten. Betty blieb aber gleich beim Eingang drinnen wieder stehen. Sie mußte warten. „Das bin ich. Das bin ich. Das bin ich.“ sagte sie in die Maske. Sie hatte den Kopf vorgebeugt. So konnte es niemand sehen. Hinter der Maske. Sie konnte ungestört vor sich hin murmeln.

Betty war am Morgen aufgewacht und hatte sich von ihrem Körper getrennt gefunden. Weiter getrennt als sonst. Diesmal war es der Körper, der so vorweg preschte. So voran lief. Es war ihr Körper, der so wütend war. Im Stehen. In der Bäckerei. Jede Zelle an ihr tobte. Zitternd vor Wut. Das verstand sie jetzt. Betty stand da und wartete und versuchte, ihren Kopf auf ihren Körper zurückzubekommen. Es war, als müsse sie sich selbst nachlaufen. Als stünde sie vor dem Geschäft, während ihr Körper schon wutzitternd im Geschäft wartete. Schnaubend vor Wut. Betty seufzte. Das war also Hilflosigkeit angesichts des Schicksals. So fühlte sich das an. So mußte sich das angefühlt haben, wenn über eine das Urteil gefällt worden war. Einen Augenblick. Betty konnte sich das vorstellen, wie das sein mußte. In einer Zelle. Festungshaft. Die Wirkung von Verdammnis. Flucht. Und Exil.

Und das war sie. Im Exil. Alles, was ihr Leben ausgemacht hatte. Es war ihr genommen. Öffentlichkeit. Da, wo sie ihre Lesungen gehalten hatte. Da, wohin sie ihre Texte gerichtet hatte. Es war immer um diese Ansammlungen von Personen gegangen, die, ohne einander zu kennen, etwas gemeinsam machen hatten wollen. Lesungen. Konzerte. Theater. Diskussionen. Stadtleben. Und die Freiheit davon. Dieser Kanzler hatte sie ins 14. Jahrhundert zurückgeworfen. Und. Der dachte nicht daran, das Urbane wieder herzustellen. Im Gegenteil. Der hatte den Nazikampf gegen Wien wieder aufgenommen und stänkerte gegen die einzige Großstadt. Gegen die Freiheit da, die er Anonymität nennen würde. Lieblosigkeit. Vormoderne war das. Und sie. Sie Betty Andover. Sie hatte die Rechnung präsentiert bekommen. Die Abrechnung für ihre selbstverständliche Urbanität. Sie war den Versprechungen des Kanzlers aufgesessen. Das wußte sie nun. Sie war in die Aufgabe ihres Widerstands hinein gedemütigt. Jetzt. Im Nachhinein. Es stellte sich als Dummheit heraus, sich an die Regeln gehalten zu haben. Und nein. Sie mußte sich das vorsagen. Sie hielt sich an die Regeln, weil das an sich richtig war. Aber das mußte sie sich vorsagen. Ihr Körper. Ihre Wut. Ihr Zorn. Ihre Enttäuschung. Die hätten sofort eine Demo angezettelt und geschrien, wie diese Regierung die Würde der Regierten mißachtete. Wie die beleidigten. Betrogen. Und ihr Körper wußte das alles besser als sie. Ihr Körper war dazu bereit, hinauszugehen und sich selbst zu mißachten. Ihr Körper wollte Revolution.

Die Frau vor Betty fragte noch nach den Inhaltsstoffen auch der Himbeertörtchen. Sie hatte schon nach den Inhaltsstoffen der Heidelbeertörtchen und des Cheesecakes gefragt. Ob die Himbeertörtchen vielleicht lactosefrei seien. Betty versuchte, ganz ruhig zu stehen. Auch von innen ging die Tür bei jeder Bewegung wieder auf. Nach dem Seuchengesetz wäre ihr mehr zugestanden als sie nun erhalten hatte. Es wäre allen mehr zugestanden. Kurz hatte mit der Umgehung des Seuchengesetzs allen geschadet und sich die absolute Macht gesichert. Kurz hatte einen Staatsstreich mehr gemacht. Das Seuchengesetz außer Kraft. Die Verfassung umgangen. Aber. Dieser Kurz. Der hatte so begonnen. Der war ein Staatsstreicher. Warum hatte man ihm als Kind nicht eine Geige in die Hand gedrückt. Der war sicher ein sehr begabtes Kind gewesen. Von Schüssel dann aufgelesen und in die Politik sozialisiert. Das war Hospitalisierung. Er war zu einer dieser Personen geworden, die Betty oft getroffen hatte. Journalisten. Politiker. Gastgewerbe. Publizistik. Verlage. Festwochen. Musikbranche. Theater. Vor allem im ORF. Rundfunk und Fernsehen. Diese Personen. Immer Männer. Die hatten mit kleinen Jobs in der jeweiligen Institution begonnen. Die hatten dann ihr Studium verlassen, wie sie ihre Frauen verließen. Das waren unerfüllte Liebesgeschichten mit dem Studium und mit den Frauen, und das wurde spät nachts beim vorgeschriebenen Alkoholkonsum aus so gestanden. Er beneide Betty, hatte der Chefredakteur gesagt. Oder war das dieser Intendant gewesen. Er beneide Betty für ihre Konsequenz in ihrer Arbeit und für das abgeschlossene Studium davor. Er sei in diese Arbeit hineingescheitert, wie man in Ehen hineinschlittert. Er könne das vergleichen. Er sei drei Mal geschieden. Er klang wie der Ehemann und das süße Mädel bei Schnitzler. Wenn sie daran dachte, wie diese Männer es sich in den Regeln zurechtrichteten. Wie sie sich in ihrer Macht gemütlich eingerichtet hatten und sich alles herargumentieren konnten. Ohne jede Scham. Und wie sie dieser Verführung aber wieder aufgesessen war in ihrer Einordnung in die Quarantäne und ja eigentlich gewußt hatte, wie es enden würde. Sie hätte ins Bundeskanzleramt gehen sollen und sich an diesen goldverzierten Schreibtisch setzen und sagen, daß sie das jetzt übernähme. Und basta.

Die Frau vor Betty hatte sich für Profiteroles entschieden. Die Verkäuferin mußte in die Küche, eine Schachtel zu holen. Die Frau seufzte. Sie wandte sich an Betty. Dann drehte sie sich wieder weg. Mit den Masken auf. Bemerkungen waren da zu schwierig. Betty war froh. Was immer die Frau gesagt hätte, sie hätte aggressiv reagiert. Sie wurde nicht gerettet. Das war es. Der Staat tat das einfach nicht. Auch nicht, wenn sie sich einreihte.

Was sie wolle, fragte die Verkäuferin. Betty kaufte zwei Semmeln und zwei Schokocroissants. Kohlenhydrate zur Beruhigung. Süßes und Schokolade. Beruhigung. Beim Hinausgehen. Betty mußte grinsen. Beruhigung. Ja. Jetzt einmal. Sie ging zu ihrer Wohnung zurück. Hüpfend. Zufrieden. Fast zufrieden. Sie hatte diesen einen revolutionären Augenblick versäumt. Gleich am Anfang. Ja. Aber jetzt. Es ging darum, den revolutionären Augenblick auszudehnen. Eine revolutionäre Dauer aus dem Augenblick machen. Und das hatte sie gelernt. Aus dem Allem. Immerhin. Und eigentlich immer schon. Betty lief die Stiegen hinauf. Was bedeutete das in der Praxis? Die revolutionäre Dauer. Jetzt?

 

Season 3. Episode 2.

 27. Mai 2020. Wien.

Das Gezische von oben hatte wieder begonnen. Betty war im Bett gelegen und erstarrt. Es war nur kurz. Die Männerstimme knapp. Die Frauenstimme langgezogen. Es hatte nicht so lang wie früher gedauert. Es war nur so ein Aufflackern. Dann gleich wieder Ruhe. Betty blieb im Bett liegen, bis sie die Wohnungstür oben hörte. Sie wußte, die Frau ging wieder ins Büro. Was machte der Mann? Das wußte sie nicht.

Betty mußte aufstehen. Es war an kein Weiterschlafen zu denken. Na, das paßt, dachte Betty. Es war eben alles beim schlimmeren Alten. Betty trank ihren Kaffee in der Küche stehend. Sie zog sich eilig an. Sie wollte hinaus. Sie holte das Auto aus der Garage und fuhr auf den Kahlenberg. Auf dem Weg dahin rief sie den Steinschneider an. Sie gehe jetzt zum Agnesbründl. Wenn er sie sehen wolle, dann könne er ja dahin kommen.

Beim Sirbu oben. Betty schaute auf Wien hinunter. Lange. Dann ging sie in den Wald und stieg zum Agnesbründl hinauf. Es war kalt. Der viele Regen der letzten Tage hatte den Weg matschig gemacht. Aber das war wunderbar. Es hatte richtig viel geregnet. Strömender Regen war das gewesen. Für die Bäume war das gut. Es war ein sehr heißer Sommer prognostiziert. Die Fichte würde aus den Wäldern verschwinden und nur in hohen Höhen noch weiterleben können. Betty schaute sich um. Fichten gab es in Wien nur in den Gärten als Erinnerung an die 60er und70er Jahre. Diese Gartenfichten waren alle riesengroß geworden. Sie mußten alle gefällt werden. Die Stürme des Klimawandels entwurzelten diese Riesenbäume und ließen sie auf die kleinen Siedlerhäuschen stürzen, die sie überragt hatten. Einer Freundin war das passiert, und Betty hatte alles über die Verwicklungen der Versicherungsfragen in so einem Fall gehört.

Betty war nicht gern auf dem Kahlenberg. Die Hipstergeneration hatte den Kahlenberg entdeckt. Die Sommerheurigen da. Die Hipster brachten ihre Kinder mit. Ließen die Kinder in den Sandkisten toben. Die Hipster legten sich in die Liegestühle. Tranken den gemischten Satz. Kümmerten sich nicht um die Kinder. Waren mit ihren Handys beschäftigt. Den Wiener gemischten Satz mochte Betty aber schon.

So früh am Vormittag war niemand auf dem Weg. Kein Auto parkte entlang der Straße vor dem Sirbu. Was war ihr denn da eingefallen? Den Steinschneider hier zu treffen? Aber es war schon richtig. Abstand. Und vielleicht. Vielleicht sah sie alles von der falschen Seite. Sie hatte social distancing schon lange eingeführt gehabt. In ihrem täglichen Leben. Längst war niemand mehr uneingeladen vor der Tür gestanden. Manchmal ging ihr das ab. Bei den Eltern. Die Glocke hatte geläutet, und als Kinder waren sie auf den Gang hinausgelaufen zu schauen, wer da kam. Aber das war Kleinstadtleben. Und dann. Betty arbeitete zu Hause. Sie hatte immer schon homeoffice gemacht. Ein unangemeldeter Besuch. Das wäre in die Arbeitszeit gefallen. Oder auch nicht. Aber Betty wäre nicht hergerichtet gewesen, wie ihre Mutter das genannt hatte. Betty saß im Pyjama vor dem Computer und zog sich erst nach dem Schreiben an. Wie würde das in Zukunft vor sich gehen. Betty seufzte. Ausbeutung. Es würde in der totalen Ausbeutung enden. Sie hatte gelesen, daß ein Viertel der Jobs nach der Coronakrise im homeoffice gelassen würden. Die Arbeit im homeoffice. Sie hatte das so machen müssen. Sie arbeitete zu jeder Zeit. Sie trennte nicht zwischen Arbeit und Leben. Sie dachte immerwährend an den Text, den sie gerade schrieb. Aber jemand, der normale Büroarbeit machte. Wie würde die Trennung da aussehen. Wie würde eine life-work-balance abgegolten werden. Würden die homeoffice-Arbeitenden so wie sie nur noch am Ergebnis gemessen werden. Würde der Begriff Arbeitszeit nicht mehr gelten. Wie sollte dann so ein normaler Bürojob bezahlt werden. Das konnte doch nur gegen diese Personen ausgehen. Das war zurück in der Schule. Die Hausübungen gemacht. Gleichgültig wie lange gebraucht. Nur das Ergebnis benotet. Betty ging schneller.

Der Wald war beruhigend. Betty dachte, die Baumkronen waren vom Regen gleich dichter. Grüner. Lebendiger. Bitte, jetzt kein Gleichnis, sagte sie sich. Sie setzte sich auf eine Bank. Hörte dem Agnesbründl beim Plätschern zu. Gerade als sie aufstehen wollte, stürmte der Steinschneider herbei. Er kam keuchend an. Er stellte sich vor sie. Er wollte etwas sagen. Dann zog er seine Maske aus der Tasche seiner Barbourjacke und setzte die auf. Ach Steinschneider, dachte Betty. Aber Steinschneider war ein Snob und die Babourjacke schnöselig abgetragen.

Betty lächelte Steinschneider an. Steinschneider setzte sich ans andere Ende der Bank. Er zog entschuldigend die Schultern hoch. Betty lachte. Es war wie immer mit Steinschneider. Alle Möglichkeiten und keine Wirklichkeit. „Du bist sicher nur gekommen, um mir zu sagen, daß du in dein Haus in Kärnten fährst. Oder?“ Betty hatte sich zurückgelehnt und sprach in den Baumwipfel über ihr hinauf. Steinschneider seufzte. „Und in Kärnten hast du sicher eine Freundin, die schon auf dich wartet. Oder?“ Steinschneider beugte sich vor. „Und kannst ihr das nicht antun, weil die Geschichte schon so lange dauert. Oder?“ Steinschneider setzte sich wieder auf. „Die Wahrheit ist aber, daß du nichts ändern willst, weil ohnehin alles so bequem ist. Oder?“ Steinschneider lehnte sich zurück. „Nein.“ sagte er. „Nein. Ich wollte. Also. Wie ich dich da wieder gesehen habe. Da ist mir alles eingefallen. Alles von uns. Damals. Und ich möchte das wiederhaben. Es ist. Ich weiß nicht. Wenn ich dich sehe. Da kann ich mir gar nichts anderes vorstellen. Da erscheint mir das alles ganz leicht. Ohne dich. Wenn ich wieder zu Hause bin. Bei mir. Die Kinder. Das alles. Dann kann ich es nicht. Ich kann es nicht. Verstehst du.“ Betty schaute ihn an. Er hatte die Maske abgenommen und sah vor sich hin. Einen Augenblick. Betty war traurig. Tieftraurig. In Trauer verloren. Dann mußte sie lachen. Sie hatte es doch gewußt. Sie hatte es gesagt. Er hatte seins gesagt. „Betty. Ich will dich aber nicht verlieren.“ Steinschneider war näher gerückt und hielt ihre Hand. Betty ließ sich zu ihm hinübersinken. Sie küßte ihn. Lange. Dann stand sie auf. „Das war aber jetzt sehr forsch von dir.“ sagte sie. „Ohne Maske und ein Zungenkuß.“ „Du machst dich doch wieder nur lustig über mich.“ sagte Steinschneider. „Manchmal glaube ich, daß du dich sowieso nur lustig über mich machst.“ Betty grinste. Sie zuckte mit den Achseln. „Komm.“ sagte sie. „Geh mit mir bis zum Auto.“

Sie gingen den Weg bergab. Immer wieder mußten sie den matschigen Stellen ausweichen. Sie konnten nicht nebeneinander gehen. Bei ihrem Auto. Steinschneider wollte sie umarmen. Betty machte die Autotür so auf, daß sie zwischen ihm und ihr zu stehen kam. Über die Autotür. „Ruf mich an, wenn du wieder in Wien bist.“ sagte sie. „Und der Roman, in dem du schon beschrieben bist, der heißt „Die Front des Lebens“ und ist von Gina Kaus.“ „Da komme ich vor?“ fragte Steinschneider. „Ja“, antwortete Betty. „Ja. Das war ein Fortsetzungsroman in der Arbeiter-Zeitung. 1928 hat diese Frau schon gewußt, wie du 2020 sein wirst.“ Betty lächelte. Sie stieg ein und fuhr weg. Sie mußte reversieren. Steinschneider war aber nicht stehengeblieben, und sie konnte ihm nicht zuwinken.

 

Season 3. Episode 3.

 28. Mai 2020. Wien.

Betty war sehr früh aufgestanden. Sie hatte sich ins Wohnzimmer gesetzt und ihren Morgenkaffee getrunken. Was sollte sie tun? Wenn das Ehepaar von oben zu ihren Morgensadomasochismen zurückgekehrt war? Beide Stimmen hatten am Vortag danach geklungen. Gut eingeübte Rollen waren das. Waren das wieder. Fast schon wie vor der Krise. Sie hatte sich daran gewöhnt gehabt. Ja. Sie war daran gewöhnt gewesen. Vor der Krise. Ja. Sie war oft deshalb aus dem Bett geflüchtet. Aber das Gezische fing nie früher als halb acht am Morgen an. „Otto e mezzo“. War das nicht ein Film von Fellini? Aber das hieß halb neun. Und war das nicht der Film über einen Filmregisseur? Und war das nicht der Film, über den die Kulturwissenschaftlerinnen in Streit geraten waren? Hatten die Kulturwissenschaftlerinnen damals nicht ganz einfach den Boten für die Botschaft bestraft? Fellini? Hatte der nicht immer die Wahrheit berichtet? Wie oft war sie an Snàporaz und Katzone erinnert worden? Und wie perfekt waren die Kulturwissenschaftlerinnen in „La Città delle Donne“ schon dargestellt gewesen? Und warum war das am Morgen? Rüsteten diese beiden Personen sich mit dem Gift der Abhängigkeit für den Tag? War das ihre Art, sich der Zusammengehörigkeit zu versichern? Und hatte der lockdown diese Versicherungen unnötig gemacht? Oder hatte die Kraft für dieses Zischen in der Krise nicht gereicht? Hatte die Krise nichts an Perversion erlaubt? Betty holte sich die zweite Tasse Kaffee. Sie würde sich nicht mehr daran gewöhnen. Sie konnte das nicht länger. Tolerieren? War das das richtige Wort. Aushalten? Sie konnte das nicht mehr aushalten. Duldung. Das war früher gewesen. Duldung. Das war Faulheit gewesen. Vermeidung. Das war Schwäche, die sich als Großzügigkeit verkleidet hatte.

Betty fuhr dann nach Graz. Betty hatte eine Freundin angerufen und sich mit der verabredet. Betty brauchte eine lange Autofahrt. Sie mußte nachdenken. Dafür mußte sie aus der Wohnung hinaus. Aus der Stadt hinaus. Bewegen. Fahren. Davonfahren. An einem anderen Ort sein. Die Reiselust so in Erinnerung behalten. Wenigstens. Betty brauchte Kleider. Sie hatte keine Lust zum Einkaufen gehabt. Aber das half nichts. Für sehr heiße Tage hatte sie nichts anzuziehen. Bettys Großmutter war aus der Oststeiermark gewesen. Nach Graz fahren. Das war ein unglaublich wichtiges Ereignis gewesen. Die Großmutter war nach Graz hinunter gefahren. Oder nach Graz hinein. Während der Fahrt. Betty dachte über diese Großmutter nach. Verstand sie diese Person nun besser? Die Arbeitslosigkeit jedenfalls lernten sie alle gerade kennen.

In Graz. Sie gingen zu Kastner & Öhler. Das war auch so ein Zauberwort gewesen. In diesem Kaufhaus war immer schon eingekauft worden. Betty ging deshalb hin. Und weil es dieses Kaufhaus wie alle diese Kaufhäuser bald nicht mehr geben würde. Amazon würde schon dafür sorgen.

Betty liebte Kaufhäuser. Aber sie kam immer gerade dahin, wenn die Schließung bevorstand. Das war mit dem Walnut Room von Marshall Field’s in Chicago so gewesen. Dann das Bistro von John Lewis Oxford Street in London. Dann war das Restaurant von Macy’s 5th Avenue ein Burger King geworden. Eigentlich, dachte Betty. Es ginge, eine Kulturgeschichte des Abstiegs der Mittelschicht anhand dieser Restaurants zu schreiben. Eine Kulturgeschichte wäre das dann, wie der Abstieg der Männer nicht mit einem Aufstieg der Frauen beantwortet worden war. Wie die Frauen auch im Abstieg immer noch auf die Männer bezogen geblieben waren. Und die Verluste davon.

Im Kaufhaus. Die Maske aufgesetzt. Im zweiten Stock. Eine Verkäuferin fragte Betty, was sie suche. Betty sagte, „Ich suche ein Kleid.“ Das war gar nicht ihr Vorhaben gewesen. Aber die Frau brachte sofort zwei Kleider und ging, nach weiteren zu suchen. Betty ging erst herum. Ihre Freundin B. kam mit. Die Maske machte Betty nervös. Sie mußte die Brille aufsetzen, um die Preise lesen zu können. Die Brille beschlug sich. Betty fand nichts. Sie gingen zur Verkäuferin zurück. Die hatte Berge von Kleidern und Jumpsuits zusammengetragen. Freundin B. setzte sich auf das weiße Sofa. Da saßen wohl sonst die begutachtenden Männer. Betty probierte. Das Licht in der Umkleidekabine war blaustichig. Jede Delle in der Haut war in diesem Licht zu sehen. Betty wollte gleich wieder gehen. Wenn sie so schrecklich aussah, dann hatte nichts einen Sinn. Dann schlüpfte sie in das erste Kleid. Mattes Silbergold. Ein Fünfzigerjahre-Schnitt. Eng anliegendes Oberteil. Weiter Rock. Betty ging hinaus. Hier war der Spiegel schmeichelnd. Dieser Spiegel machte auch schlanker. Aber das Kleid sah gut aus. Freundin B. nickte. Betty probierte 7 Kleidungsstücke. Das war ein Rekord. Betty hasste es, Kleider zu probieren. Mit der Maske auf war das noch anstrengender. Am Ende und mit Freundin Bs. Zustimmung. Betty kaufte 4 Kleider. Und sie war weit unter dem Budgetrahmen geblieben. Betty lief aus dem Kaufhaus hinaus, damit das so bliebe.

Am Abend. Im Zoom-Plausch. Freundin A. aus Nürnberg wunderte sich über Bettys Kleiderkauf. Sie habe sie noch nie in Kleidern gesehen. Betty kicherte. Sie erzählte Freundin A., was sie schon Fiorentina und Irma erklärt hatte. „Das ist der Beginn der Seidenfadenrevolution. Ich kümmere mich nicht mehr, was andere von mir halten. Ich lasse mich nicht mehr einschränken. Durch eine solche Rücksicht. Das habe ich schon oft beschlossen. Aber diesmal soll das sichtbar sein. Ich werde in Fünfzigerjahre-Kleidern herumspazieren, weil mir das Spaß macht. Aber. Ich werde nie wieder eine Minderung meiner Würde zulassen. Ich werde keine Entwertung von Frauen durchgehen lassen. Und wenn jede andere Frau nur immer darauf besteht, daß sie genannt wird. Daß sie und damit alle Frauen in allen Texten vorkommt. Und das hat seinen Grund. In den Diskussionen gerade im Internet. Die Männer gendern schon nicht mehr. Vor allem die linken Männer benutzen schon wieder das Archilexem. Wenn wir damit beginnen, das nicht zu akzeptieren. Wenn wir auf unserer Würde bestehen. Dann ist das halt wieder einmal ein Anfang. Verstehst du. Wir müssen jetzt neu auf unseren Rechten bestehen. Die Pflichten. Die haben die Frauen doch erfüllt. Wenn ich durchrechne, daß 48% der Männer von sich sagen, das homeschooling zu machen und nur 3 % der Frauen ihnen zustimmen. Dann ist eine neue Frauenbewegung notwendig. Die Seidenfadenrevolution. Das ist die Revolution der Frauen gegen die tägliche Beleidigung für ihre Sorgearbeit und die Abwertung dafür. Die Seidenfadenrevolution ist der revolutionäre Augenblick auf die Lebenszeit ausgedehnt. Wenn das jede Frau macht, wird aus den Fäden ein Gewebe und daraus machen wir den Teppich, auf dem wir friedlich und in Achtung leben können.“ Was neue Kleider damit zu tun haben, fragte Freundin A. „Weißt du.“ sagte Betty. „Es ist sicher das siebenunddreißigste Mal, daß ich mich zu so einem Wiederanfang aufraffen muß. Nie ist es gelungen, den Errungenschaften für Frauen politischen Bestand zu verschaffen. Wenn ich das überlege, dann macht mich das so traurig, daß ich alle Hilfsmittel dagegen brauche. Und vielleicht. Es könnte eine Aussöhnung mit meiner Mutter bedeuten, wenn ich diese Art von Kleidern tragen will, die ich an ihr als sehr kleines Kind in Erinnerung habe. Das wäre nicht das Schlimmste. Diese Dämonen gebannt zu haben. Und außerdem. Was wäre die richtige Kleidung?“ Freundin A. in Nürnberg hob ihren Wodkacocktail. Betty prostete ihr mit Prosecco zu. Sie tranken auf das unlösbare Problem des Aussehens von Frauen. Dann berieten sie bis fast Mitternacht, ob die Männer nicht doch Kleider tragen sollten. Ob die Männer, in Kleider gesteckt, Gleichberechtigung nicht doch besser verstehen würden. Sie kamen am Ende zu dem Schluß, daß die Sportmode das erledigen könnte. Freundin A. wollte selbst unter keinen Umständen ein Kleid anziehen.