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	<title>Marlene Streeruwitz &#187; Vorlesung/Vortrag</title>
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	<description>Autorin &#124; Regisseurin &#124; Wien &#124; Berlin &#124; London &#124; New York</description>
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		<title>Verachtung.</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Jun 2010 08:15:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Eröffnungsrede, Tagung zum weiblichen Part in Kunst und Kultur. 10. Juni 2010 in Graz Unlängst. In Wien. Es waren nur Frauen eingeladen. Juristinnen. Ärztinnen. Therapeutinnen. Managerinnen. Künstlerinnen. Ein Frauenabend also. Die Gästinnenliste selbst war schon eine wunderbare Bestätigung, was der, aus den Sozialreformen der 70er Jahre stammende, freie Zugang zu Bildung hergestellt hat. Zugleich muß [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eröffnungsrede, Tagung zum weiblichen Part in Kunst und Kultur.<br />
10. Juni 2010 in Graz</p>
<p>Unlängst.  In Wien. Es waren nur Frauen eingeladen. Juristinnen. Ärztinnen. Therapeutinnen. Managerinnen. Künstlerinnen. Ein Frauenabend also.</p>
<p>Die Gästinnenliste selbst war schon eine wunderbare Bestätigung, was der, aus den Sozialreformen der 70er Jahre stammende, freie Zugang zu Bildung hergestellt hat. Zugleich muß gesehen werden, daß soziale Techniken notwendig sind, die es ermöglichen, die Bildung dann auch in Karrieren umzumünzen. In der Gruppe dieser Frauen waren einige, die diese Techniken über ihre Familienzugehörigkeit mitbekamen. Aber. Es waren durchaus auch Personen darunter, die diese Techniken erwarben und so ihren Aufstieg noch um eines mehr sich selber zu verdanken haben. Der Abend war ganz absichtlich als networking Gelegenheit gedacht. Wir sollen – und wollten – einander kennenlernen und aus diesen Bekanntschaften Beziehungen entwickeln. Der weibliche Part daran war sicherlich, daß diese Beziehungen über Sympathie und Empathie hergestellt  und nicht einem rein ökonomischen Utilitarismus abgerungen werden sollten. Eine Verwendungsfähigkeit der anderen Person, bei der zuerst die Frage gestellt wird, ob diese Person in der eigenen Aufstiegsgeschichte von Nutzen sein kann oder nicht. Und erst wenn diese Frage positiv beantwortet werden kann, kommt die Möglichkeit des Beziehens auf. Weiblicherweise finden wir einander erst nett und fragen uns dann, ob das auch ökonomischen Sinn macht. Das ist am Ende dann nur eine andere Technik. Denn. Das Funktionieren in den ökonomisierten Zusammenhängen wird einfach abgefordert. Die weibliche Form des networking wird in der Personalentwicklung etwa durchaus theoretisch als die richtige Methode anerkannt. Deshalb sind aber eben trotzdem nicht alle Personalchefs Frauen. Vielleicht sind sie weiblich.</p>
<p>Zurück zum Frauenabend.</p>
<p>Es wurde geplaudert. Aperitive. Der Spargel lag zum Kochen bereit. Es wurde über das Essen und wieviel und wann und wie schafft es frau, sich gesund zu ernähren. Das Wetter. Dieser Abend lag noch in diesem unendlich verlängerten Winter dieses Jahres. Die Beziehungen. Und weil wir einander nich alle gekannt hatten, wurden die privaten Situationen kurz geschildert. Verliebt. Verlobt. Verheiratet. Vier Frauen lebten in Beziehungen. Vier Frauen lebten allein. Es wurde die Beziehung von Beruf und Lebensalltag besprochen und was sich verändert hatte. Die Bühnenbildnerin hatte eine neue Liebe gefunden. Nach einer Scheidung und über 50 ist das ein seltens Ereignis. Alle wandten sich ihr zu. Freundlich und bestätigend. Ja. Sie habe eine schreckliche Ehe hinter sich und habe die Scheidung 10 Jahre nicht wirklich bewältigt gehabt und nun dieses Glück. Und dann sagte sie. Ich zitiere wörtlich: „Die Ehe. Das war ja einmal Was. Das hat ja einmal etwas bedeutet und dann ist die Frauenbewegung gekommen und die jungen Leute haben jetzt überhaupt keine Werte mehr.“</p>
<p>Als Beobachterinnen unserer Kultur wissen Sie, daß es sich hier um eine Form der assoziativen Deklaration des zutiefst unsere Kultur bedingenden Reaktionären handelt. Diese Frau hat noch vor dieser Aussage ihre Ehe als Katastrophe der Unterdrückung beschrieben. Ihre eigene Erfahrung dient aber nicht als Bezug zu ihrer Weltbeschreibung. Sie selbst ist aus dieser Weltbeschreibung dann ausgeschlossen, wenn sie die Ehe als etwas beschreibt, was einmal etwas bedeutet hat, obwohl sie selbst und offenkundig am eigenen Leib diese Bedeutung kennengelernt hat. Sie kann sich offenkundig nicht als Teil der von ihr beschriebenen Welt begreifen. Die Dinge außerhalb sind nicht auf sie selbst beziehbar. Eine soziale Veränderung, wie sie die Frauenbewegung symbolisiert, muß bei einer solchen Abspaltung bedrohlich gesehen werden. Der Verlust der Norm bleibt als Angriff in Erinnerung, um damit die Norm in Erinnerung behalten zu können. Diese eine Veränderung. Die Auflösung der Ehe, die in ihren Augen stattfand, nachdem die Frauenbewegung „gekommen“ war, führt in eine Auflösung von Norm insgesamt. Die jungen Menschen haben keine Werte mehr. Die Unruhefaktoren Frau und junge Männer werden in einen einzigen Satz zusammengepfercht.</p>
<p>Nachdem die Bühnenbildnerin das gesagt hatte, schaute sie sich zustimmungheischend um. Es herrschte Schweigen. Dann vorsichtiges Gemurmel. Die Frauen hätten doch damals alle Gründe gehabt, sich zu wehren. Es wäre doch immer noch nicht sooo rosig. Dann sahen alle mich an.</p>
<p>Zu meinem Glück läutete mein handy. Der Computer hatte schneller gerechnet und ich konnte mit dem Schnitt an einem Videoessay für die 35 Jahresfeier der AUF Zeitung weiterschneiden. Ich entschuldigte mich und flüchtete. Ich halte den „Idiot’s guide to feminism“ oder Feminismus 1 nicht mehr.</p>
<p>Aber. Das ist das, was ist. Ich erzähle Ihnen diese Episode nicht, um mich über irgendeine Tussi lustig zu machen. Ich wiederhole diese Aussage, weil sie das ist, worin wir alle handeln. Und worin wir alle ganz besonderen Anforderungen der Vermittlung ausgesetzt werden. Als Künstlerinnen ebenso wie als Vermittlerinnen.</p>
<p>Beschäftigen wir uns einmal damit, was es bedeutet, daß die Formulierung lautet, „und dann ist die Frauenbewegung gekommen“. Es wird hier die Frauenbewegung zum Satzsubjekt gemacht, das sich selbst bewegt. Die Frauenbewegung wird zu einem Ding gedacht, das sich als Ganzes bewegt. Die Frauenbewegung wird von außen versiegelt. Sie wird „etwas“, das gekommen ist. Naturhaftigkeit wird da suggeriert. Die Bewegung selbst steht innerhalb dieses Temporalsatzes zur Disposition. Kommen beschreibt ja nur die Ankunft von woanders her. In den Zustand, in dem die Ehe einen hohen Wert darstellte, kommt die Frauenbewegung. Sie kommt aus einem anderen Bereich. Die Frauenbewegung wird hier so eingesetzt, wie über Migranten und Migrantinnen gesprochen wird, die von woanders her kommen und dann da sind und in diesem Da Sein schon die Störung begründet ist. Es muß nicht noch ein – von der Kronenzeitung vermutetes &#8211; Verbrechen begangen werden. Im Von Wo Anders Gekommen Sein ist das Verbrechen schon mitgedacht. Die Frauenbewegung stört also den Zustand, in dem die Ehe noch etwas wert war und nachdem die Frauenbewegung gekommen ist, haben die jungen Leute keine Werte mehr. Die Frauenbewegung saugt in dieser Satzkettte dem ersten Subjekt, der Ehe und im letzten Subjekt, den jungen Leuten den Wert auf. Die Frauenbewegung ist grammatikalisch so positioniert, daß vor ihr und nach ihr kein Wert mehr existiert. Der Vampirismus der Frauenbewegung ist in die Grammatik selbst eingesenkt. Die Frauenbewegung wird gleichzeitig im Temporalsatz zeitlich eingefrohren. Die Frauenbewegung wird zu einer einzigen, in der Zeit eingefangenen Bewegung, die zwar ihre Zerstörung in der Zeit ausübt, selbst aber in der Zeit eingeschlossen bleibt. Der Vampirismus in den Sarg gebannt, aber jederzeit eine Gefahr. Das wissen wir aus den Vampirfilmen der allerletzten Zeit.</p>
<p>Eine solche Satzkonstruktion kommt aus dem Predigt-Österreichisch, in dem wir alle unbewußt darin geschult werden, das Satzsubjekt zu substituieren und in diesem rein technisch grammatikalischen Akt die Sinnzusammenhänge herzustellen. In der Predigt ist die Gegenstellung Jesus/Nicht Jesus die Grenzziehung, der entlang über Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit entschieden wird. Die Kategorien, die diese Linie entlang einander gegenübergestellt werden, sind totale und unhintergehbare Setzung. Es gibt keine Verhandlung über diese Grenze hinweg. Damit wird Veränderung verunmöglicht. Alle Veränderung muß als Zerstörung aufgefaßt werden. Alles, was als grammatikalisches Subjekt nicht mit Jesus ersetzt werden kann, ist jene Gewalt, gegen die die Welt sich untertan zu machen ist. Die Bühnenbildnerin hat in diesem einen Satz der Frauenbewegung den Krieg erklären können, ohne es sagen zu müssen. Die Frauenbewegung wurde zur naturhaften Katastrophe, die alle hohen Werte gekostet hat. Die Frauenbewegung ist auch darin naturhafte Katastrophe wie etwa eine Überflutung oder ein Waldbrand, indem sie durch ihr Kommen den Raum des Werts besetzt hat. Der Gegner des Christlich-Katholischen muß immer in ein Territorium umgedacht werden, das es zu besetzen gilt. Das wird dann Mission genannt und speist den weiterhin aggressiven Arm der katholischen Weltkirche.</p>
<p>Hier. In unserer postkatholischen Kultur. Wir sehen, wie sich dieses Predigt-Österreichisch als Sprache der Macht in den Dienst der neoliberalen Umgestaltung der Spätmoderne stellt. Denn. Die Bühnenbildnerin lebt selbstverständlich das nette, fragmentierte Leben dieser Spätmoderne. Sie spricht kulturell katholisch, sie arbeitet selbstverständlich und gleichberechtigt ganz gegen dieses Sprechen, denn da müßte sie ja noch ihre eigene Ehe, die doch einmal etwas bedeutet hat, leben und eine künstlerische Arbeit steht diesem Ideal diametral entgegen. Die Frau der Ehe, die noch etwas bedeutet hat, die widmet sich dieser Ehe und stabilisiert dieses System. Das ist ihre Aufgabe. Dazu kommt. Und auch das halte ich für kulturell. Die Bühnenbildnerin hat Geld geerbt. Sie muß also nicht für ihr Leben sorgen. Sie kann in ihrem Leben dilettieren. Es wird nie jene Grenze erreicht werden, die die Bedrohung prekärer Arbeitsverhältnisse konstituiert. Und Künstlerinnen. Die leben da und ständig. Dieser Hintergrund illustriert nur die alte Koalition von Geld und Katholischem. In unserer Kultur war Geld immer eine kirchliche Tugend. In der spätmodernen Verfügbarkeit über alle diese Sinneinheiten verbirgt sich diese Koalition immer in neuen Konstellationen.</p>
<p>Aber. Diese Spaltung von Sprechen und Leben und Arbeiten ist die geltende Anordnung von Leben. Im Fall der Bühnenbildnerin läßt sich der Widerspruch leicht herausarbeiten. Eine solche Analyse muß aber auf alles Sprechen angewandt werden. Es muß aufgefunden werden, aus welchen Sprachen und den, durch sie gesprochenen Machtansprüchen, sich das Sprechen herleitet.</p>
<p>Das ist eine Aufgabe der Kunst. Der Künste. Den Weg in die Systeme voranzugehen. Expeditionen sind das, die aber nicht territorial gedacht werden dürfen. Es müssen Wege gefunden werden, die das räumliche Denken der Macht enthüllen, aber in diesem Nach-Denken schon eine nichträumliche Form der Betrachtung entwickeln und damit den Krieg nicht weiterführen, der in dem räumlichen Denken schon geführt worden ist.</p>
<p>Geführt worden ist.</p>
<p>Wir sind in diese Kriegsführung verstrickt. Wir sind in diese Kriegsführung verstrickt worden. Die neoliberalen Techniken des Umbaus des Gesellschaftlichen lassen keine andere Möglichkeit.  Unabhängigkeit ist ein Umstand des Materiellen.  Deshalb ist der Satz der Bühnenbildnerin auch nicht anders als die ewige Kriegserklärung der Reaktion zu interpretieren, weil sie ja die Möglichkeit hätte, aus einer materiellen Unabhängigkeit heraus, sich auch unabhängig zu verhalten. Das Geld nimmt die je zur Verfügung stehende Macht zur Symbiose. In unserer Kultur ist das das kulturell vermittelte Katholische, das ja dann zugleich auch das Österreichische ist in Ermangelung einer Nationenbeschreibung. Und statt diese Leerstelle als Freiraum zu benutzen, wird das Postkirchliche zur Stabilisierung eingesetzt. Stabilisiert wird heute die neoliberale Umverteilung „nach oben“.</p>
<p>Nun ist es eins, in Gesellschaft einem solchen Satz gegenüberzusitzen. Obwohl. Wir wissen, was das bedeutet. Wir müssen annehmen, daß in den weitesten Bereichen die Frau höchstens über die ökonomischen Überlegungen emanzipiert wurde. Daß also die Arbeitsteiligkeit von den 60er Jahren an die Benutzung der weiblichen Arbeitskraft benötigte und daß der Rückgang dieser intransitiven Emanzipation damit zu tun hat, daß der Anschub aus diesem Einbau dazu geführt hat, daß nun diese Arbeit weggedacht werden kann. Ich denke auch, daß wir uns darüber klar werden müssen, welcher Wert dieser Frauenarbeit gelassen wird und ob nicht dadurch, daß diese Emanzipation weitgehend intransitiv, also aufgetragen und nicht selbst erobert ist, der Beitrag einer Frau durch ihr Geschlecht entwertbar geblieben ist. Eine Entwertung ist das, die in dem Satz unserer Bühnenbildnerin in den Begriff Frauenbewegung aufgehoben in Mitwirkung gesetzt wird.</p>
<p>Damit sind wir auch schon beim Orchestralen unserer Lebensbedingungen. Dadurch, daß die Hegemonien selber die Entwertung der Norm vornehmen und dadurch den kritischen Bezug darauf verhindern. Dadurch, daß ein Leben als Kulturarbeiterin nicht mehr anders als prekär zu leben ist. Prekär leben heißt wiederum für sich selber die staatlichen Dinge persönlich zu regeln und als Unternehmerin im Selbst die Regierung zu vollziehen.  Prekär leben bedeutet also eine Verflechtung in die Macht. Prekär leben heißt die Unschuld der Machtlosigkeit durch erforderte Teilnahme zu verlieren. Gewonnen wird dadurch aber nur gerade wieder das Leben. Die Fragmentierung der Kulturarbeit in Projekte bedeutet nicht nur die Fragmentierung der Arbeit, sondern auch jeweils wechselnde Einbindungen in immer wieder andere Koalitionen und manchmal auch Komplizinnenschaften, die wiederum zurückführen in die Räume des Satzes der Bühnenbildnerin. Prozessuales Arbeiten wiederum läßt Erkenntnisse erst im Lauf der Arbeit erstehen und die kommen dann manchmal zu spät.</p>
<p>Und immer. Immer.</p>
<p>Eine Grundierung der Erfassung wird die unversöhnliche Linie von kulturell vermittelter metaphysischer Reaktion und dem Projekt der Aufklärung sein. Unsere Kunst sollte eigentlich längst nur der Kritik dieses Projekts gewidmet sein.</p>
<p>Aber. Wie aus dem Satz der Bühnenbildnerin geschlossen werden muß. Eine hegemoniale Sichtweise beruht darauf, die Vormoderne zu betreiben und in einer nostalgischen Wendung als die Zeit zu beschreiben, in der etwas richtiger gewesen war. Es ist das christliche Paradies, das immer schon gewesen ist und mit diesem Paradies wird der Gründungsmythos der Frau eingetragen. Die dann immer mitgedacht werden könnende Erschaffung der Frau aus diesem Rippchen des Manns. Der Sündenfall der neugierigen und geil zu denkenden Frau, der alles Übel in der Welt zu danken ist. Keine Aufklärung hat das in unserer Kultur je wirklich in Frage gestellt. Die Klosterschule war allen Schichten recht, der Frau diese Minderwertigkeit vor Augen zu führen. Und das muß nicht in täglichen Sadismen vorgeführt werden. Es genügt, die Unterscheidung in die Geschlechter, um auf dieser Ebene die Wertigkeiten zu beschreiben.</p>
<p>Das wiederum bedeutet, daß wir hier und heute immer auch noch mit einer ganz spezifischen Repräsentation beschäftigt werden, die auf dieser fundamentalistischen und universalistischen Sicht aufbauend mit genau dieser Repräsentation in den neoliberalen Diskurs eingreift.</p>
<p>Das neoliberale Streben färbt diese Fundamentalismen ironisch ein und kann so auf allen Ebenen dekonstruierend wirken. Der Effekt davon ist Verunsicherung und Angst auf der symbolischen Ebene. Auf der praktischen Ebene des prekären Lebens wird eine Einschränkung nach der anderen notwendig. Das nicht nur in Bezug auf die Lebenssicherung. Auch die Kunstarbeit muß in ironischen Griffen immer mehr Sinneinheiten unbearbeitet lassen, um überhaupt zur Erscheinung kommen zu können. Das Richtige kann immer nur das gerade Richtige sein. Die Arbeit der Kunstarbeitenden besteht in der Fassung eines eigenen und inneren Zusammenhangs, der den Werkbegriff ersetzend, eher in Farbtönen zu beschreiben ist und einer Wertung immer sofort entzogen bleibt. Go with the flow heißt das. Ernsthaftigkeit ist da eine Leistung, die das Leben kosten kann. Nie war es so schwer und so verzweifelt und einsam, Erkenntnis und Freiheit in eins zu bringen und dann auch noch ins Leben zu zerren.</p>
<p>Und natürlich. Angesichts der Riesigkeit dieses Unternehmens könnten wir den Satz der Bühnenbildnerin auch ganz einfach rechts liegen lassen. Die Frage ist dann aber, ob das, was von uns gesagt wird, eine Wirkung erzielen kann, mit der wir uns irgendwie einverstanden erklären können.</p>
<p>Die Spätmoderne läßt einen solchen Konflikt mit der Vormoderne ja recht lächerlich erscheinen. Das ist aber schon eine der Vorspiegelungen, die nur in diskursiven Innenräumen Bestand behalten. Wenn die Aufgabe der Kunst von Frauen die Kritik am Projekt der Aufklärung in der Form der Spätmoderne ist, weil dieses Projekt sich über den Ausschluß von Minderheiten definiert. Wenn die Kritikerin aus ihrer Kenntnis ihrer eigenen Situation der strukturellen Minderheit Frau die Konsequenzen für alle anderen Minderheiten mitbedenkt und mitkritisiert, dann muß es sicherlich darum gehen, darin verstanden zu werden. Um ein solches Verstehen herzustellen, wird gegen die vormoderne Nichtrepräsentation dieser Minderheiten in einer Wendung auch an der Repräsentation gearbeitet werden müssen. Immer ist auch noch die Sichtbarkeit und das Sehen Können der Minderheiten herzustellen. Das ist auch darin notwendig, eine Erinnerung an sich selbst zu konstruieren. Also das herzustellen, was die Macht an Minderheiten statuiert. Über die Nichtrepräsentation oder die Mißrepräsentation wird ja auch den Mitgliedern der Minderheit selbst die Geschichtslosigkeit aufgezwungen. Das bedeutet, als Mitglied einer Minderheit wird jeder Augenblick schon im Gelebt Werden dem Vergessen übergeben und eine Erinnerung an dieses Vergessen muß dann die eigene Geschichte konstruieren.</p>
<p>Diese Erinnerung ans Vergessen. Das kennt jede Frau. In dieser Erinnerung ist auch jede Frau die Verachtete. In dieser Erinnerung transportiert jede Frau die Verachtung durch die Macht und ist gezwungen, als ja auch Teil der Mehrheit, die Minderheit in sich zu verachten. Diese schwierige Innerlichkeit scheint mir eine Strategie zu sein, die Frauen dann untereinander auf sich richten.</p>
<p>Die Bühnenbildnerin hat es sich auch darin leicht gemacht.  Sie hat die Verachtung der Frauen in die Frauenbewegung gebündelt, von der sie im übrigen nichts weiß und darin das Sich Vergessen Müssen geradezu feiert. Indem sie die bösen oder schlimmer noch, die sexualisierten Frauen der Frauenbewegung für das Böse in der Welt verantwortlich macht, spaltet sie die bösen Frauen ab und bleibt für sich auf der guten Seite, die in der Ehe noch einen Wert sieht, weil sie sich da einem Mann unterwerfen kann.</p>
<p>Wir.  Ich. Queer-feministische kritische Kunstarbeit und deren Vermittlung. Denn. Alles, was sich dieser Kritik nicht verpflichtet fühlt, fällt in den Rahmen der Stabilisierung der Hegemonie. Das ist dann die Schaffung von scheinkritischen Selbsthilfegruppen der Eliten, die  wiederum in der neoliberalen Spätmoderne immer auch  ein wenig Kritik transportieren. In diesem Transport kann der weibliche Part aber dann auch von Männern erfüllt werden und kann durchaus die Erfüllung der Liebesarbeit sein. Getroffen habe ich einen solchen Zustand in unserer Kultur nicht. Im Gegenteil. Wir finden die Frauen in den bedrängten Situationen der Institutionen als Retterinnen, die fünfmal so viel arbeiten müssen, um an sich selbst mit den Sparprogrammen zu beginnen. Das ist notwendig. Das mag notwendig sein. Die Erfüllung solcher Anforderungen kommt aber aus den Möglichkeiten der Selbstverachtung und muß darin identifiziert werden. So festgestellt und benannt, kann diese Sinneinheit wiederum eingebaut werden. Das ist schmerzhaft. Die Feststellung, daß nicht die eigene Besonderheit oder Klugheit oder meinetwegen Schönheit dazu geführt hat, daß frau an eine bestimmte Stelle gelangt ist. Daß es die Bereitschaft war, diese Selbstverachtung und die daraus mögliche Selbstausbeutung zur Verfügung zu stellen und eine unmögliche Budgetsituation zu akzeptieren und das Unmögliche zu versuchen, eine Institution umzukrempeln und am Laufen zu halten. Dann ist das auch eine Stärke. Wenn diese Stärke wiederum zur Neoliberalisierung von Institutionen führt, dann sind wir wieder zurück auf Punkt Eins und müssen zur Kenntnis nehmen, daß die Handlungsspielräume sehr enge Gegenden geworden sind und ein Spiel nicht mehr möglich.</p>
<p>Für die Überwindung dieser Selbstverachtung, die kulturell so tief verankert ist, werden aber Spielräume gebraucht. Das wiederum heißt, daß eine Künstlerin in ihrer Arbeit die Repräsentation herstellen muß, um überhaupt den Gegenstand ihrer Kritik zur Erscheinung zu bringen. Sie muß in ihrer jeweiligen Sprache den Raum schaffen, dieses Spiel in Gang zu bringen, das das Sprechen in dieser Sprache ausprobiert und erobert. Sie muß sich gegen den Satz der Bühnenbildnerin auch als Person wappnen. Die Minderheit Intellektuelle/Künstlerin setzt in unserem Raum aggressive Reaktionen frei, die sich das Vergessen Machen dieser Arbeit zur Aufgabe machten. Vernichtung des Projekts der Aufklärung ist ein immer noch kulturell verankertes Ziel und wird gern an Frauen in der Öffentlichkeit vorgeführt. Kritikerinnen dieses Projekts fallen dann in eine doppelt notwendige Vernichtung und es wäre gut, sich der hierin vorhandenen Geschichte bewußt zu sein. Von Bachmann bis Jellinek ginge da ein Einführungskurs, wie die Frauengeschichte überhaupt selbstverständlicher Bestandteil jedes Bildungswegs sein sollte. Es ist abschreckend primitiv, die Formulierung „dann ist die Frauenbewegung gekommen“ zu hören und gleichzeitig wissen zu müssen, daß die Frauenbewegung als das So Andere da gemeint ist, daß es nicht einmal beschrieben werden muß.</p>
<p>Das ist auch ein Bildungsproblem, das von den Institutionen ernst genommen werden sollte und in Nachziehverfahren nachgereicht. Das wäre dann endlich zivilisiert. Und ich würde vorschlagen, in einem großen Projekt die Arbeit, die Sie hier in Graz ja ganz ohne Zweifel mit viel Erfolg bereits begonnen haben. Daß sie ein Projekt schaffen, in dem Sie sich aufeinander so beziehen, daß schon durch dieses Beziehen, die Verachtungsstrukturen nicht mehr erinnert werden können.</p>
<p>Achtungsvolle Zusammenarbeit an einem Projekt der Hebung auch der jüngsten Geschichte der Arbeit der Frauen in Kunst und Kultur hier. Es geht immer darum, das gelernte Vergessen. Das dringlich abgeforderte Training des Selbstvergessens. Und. In diesem selbst herzustellenden System eines Erinnerns daran, sich nicht erinnern zu sollen, wird nun noch eine ganz andere Anordnung von Geschlecht betrieben.</p>
<p>Es geht immer darum, das gelernte Vergessen aufzuheben und alle Formen von Umschreibungen dazu zu benutzen, zumindest die Sicht auf sich zu behalten. Das könnte frau Freiheit nennen. Vielleicht. Achtungsvolle Zusammenarbeit. Und bitte lassen Sie jetzt kein kitschiges Bild von Betulichkeiten aufsteigen. Achtung ist eine ziemlich harte Sache, die viel gibt, aber genauso viel verlangen muß. Also verlassen wir jetzt und hier gemeinsam die aufsteigenden Bilder einer Frauenbewegung, die so daher kommt und nach der Verwüstung der Werte wieder vergessen werden muß. Verschaffen wir uns die Wahrheiten. Und wie gesagt. Achtungsvoll einander gegenüber. In der Technik des Einfärbens, wie das die neoliberale Spätmoderne so macht. In der Technik des Einfärbens ließe sich dann ein neuer Farbton erfinden. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir diesen Ton dann benutzen, dann wird das ja auch zu Auswirkungen führen. Gelungen können wir das dann auch Ästhetik nennen.</p>
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		<title>Die lebenlange Kritik am lebenslangen Lernen.</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2009/11/05/eroffnungsrede-in-the-year-2525/</link>
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		<pubDate>Thu, 05 Nov 2009 19:32:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Eröffnungsrede In the year 2525 25 Jahre Weiterbildungsforschung – 25 Stunden Bildungsperspektiven. Symposion. Graz 5/6 November 2009]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4>Eröffnungsrede</h4>
<h4>In the year 2525</h4>
<h4>25 Jahre Weiterbildungsforschung – 25 Stunden Bildungsperspektiven.</h4>
<h4>Symposion. Graz 5/6 November 2009</h4>
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		</item>
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		<title>Revolution in Zeiten der Effizienzideologie</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2009/10/28/revolution-in-zeiten-der-effizienzideologie/</link>
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		<pubDate>Wed, 28 Oct 2009 16:30:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Rede am 28. Oktober im besetzten Audimax der Universität Wien. Lassen Sie mich mit dem Artikel 4 der Erklärung der Menschen-und Bürgerrechte vom 26. 8. 1789 beginnen. „Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. So haben die natürlichen Rechte jedes Menschen keine anderen Grenzen als die, die den anderen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rede am 28. Oktober im besetzten Audimax der Universität Wien.</p>
<p>Lassen Sie mich mit dem Artikel 4 der Erklärung der Menschen-und Bürgerrechte vom 26. 8. 1789 beginnen.</p>
<p><em>„Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. So haben die natürlichen Rechte jedes Menschen keine anderen Grenzen als die, die den anderen Mitgliedern der Gesellschaft den Genuß der gleichen Rechte sichern. Diese Grenzen können nur durch das Gesetz bestimmt werden.“</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Was Sie in Ihrem vorläufigen Forderungskatalog vom 25. Oktober 2009 verlangen, ist 210 Jahren immer noch das Ringen um die Möglichkeit dieser Freiheit. Sie verlangen in Ihrer Forderung nach Bildung in der Ausbildung jene Sprachen erlernen zu können, die Ihnen die Kritik an eben jener Ausbildung und deren Sprachen ermöglicht. Freiheit ist ein Zustand geworden, der mit den verinnerlichten Institutionen ausgetragen werden muß. Es genügt nicht mehr, daß irgendjemand Ihnen einen Weg weist oder ein Instrument an die Hand gibt. Als postmodern fragmentierte Personenkonstruktionen müssen Sie – und haben die Gelegenheit – Ihre eigene Freiheit in sich selbst erkämpfen. Sie müssen sich selbst bilden, um ihre Selbstbestimmtheit herstellen, im Herstellen erkennen und in der Erkenntnis kritisieren zu können. Das ist ein das Leben herstellender Prozess und nur mehr persönlich zu leisten. Das, was an Gesellschaftlichkeit von der Effizienzideologie der alles durchdringenden Verwirtschaftlichung in der Folge des endgültigen Endes des Kalten Kriegs übrig gelassen wurde, wurde das, weil es dieser Effizienz dienlich ist. Dieser Rest an Gesellschaftlichkeit stellt mit Mühe noch die Sprachen zu Verfügung, in denen Effizienz gesprochen werden kann. Die in den Geist eingewanderte Effizienz. Erinnern wir uns. Sie gehören den Generationen an, denen schon im Kindergarten diese paar Brocken Englisch beigebracht wurden, weil man schon damals begann, Ihre drohende Arbeitslosigkeit zu bearbeiten. Ihre Biographien sind aufs Engste mit der Angst verwoben, keinen Arbeitsplatz finden zu können. Der Arbeitsplatz wird dabei kongruent mit Platz in der Welt gedacht. Der Arbeitsplatz muß stellvertretend für den Platz in der Welt gedacht werden, weil sich alles über diese Einordnung und Einordenbarkeit entscheidet. Die Sichtbarkeit einer Person und ihre Möglichkeit, einen Lebenslauf überhaupt zu denken, geschweige denn zu gestalten, ist auf diese Einordnung bezogen.</p>
<p>Mit der Forderung nach Bildung in der Ausbildung wollen Sie die Grenzen sprengen, die die derzeitigen Gesetze in einem politischen Nachvollzug der wirtschaftlichen Effizienzideologie gezogen haben. Wie an der Universität des 18. Jahrhunderts sollen Staatsdiener an den Universitäten herangebildet werden. Diese Staatsdiener sollen schon effizient ausgebildet sein und die Behinderungen, die Bildung und die, von ihr aufgeworfenen Fragestellungen, keine Zeit kosten. Und kein Geld. Im Gegensatz zum 18. Jahrhundert stellt sich nicht mehr die metaphysische Frage der Ewigkeit und das geistig-seelische Wohl der Studierenden muß nicht mehr in Fürsorge in dieser Frage bedacht werden. Die postmoderne Demokratie – aber besonders die seltsam passive Quasidemokratie in Österreich – begibt sich ängstlich jeder Frage der Ethik. Erinnern wir uns, daß unsere Demokratie mit einem gediegenen Anteil von nationalsozialistischen und austrofaschistischen „Wählern“ und „Wählerinnen“ 1949 begründet wurde. Damals wurde eine Zugehörigkeit zu einem Österreichischen, also eine nationalistische Geburtszugehörigkeit  als Grundmaß des Demokratischen zur Grundlage genommen. Unser Parlament ist demzufolge mehr eine Nationalversammlung, denn ein demokratisches Parlament, für das der oben zitierte Artikel 4 der Menschen-und Bürgerrechte aus dem Jahr 1789 damit noch gar nicht zur Anwendung kommt. Die Folgen davon werden uns im Parlamentsalltag vorgeführt. Eine der Folgen ist die ängstliche Vermeidung von ethischen Fragen. Die Antworten werden in Gesetzen wie der neuen Asylverordnung inhaltlich gegeben und wieder sehen wir, daß gegen den Artikel 4 der Menschen-und Bürgerrechte des Jahres 1789  verstoßen wird. Dies aber, ohne die dahinter liegenden Vernichtungswünsche der Anderen offen mitzuteilen, die von dieser Regelung betroffen sind.</p>
<p>Erinnern wir uns dann noch, daß die österreichische Politik seit dem Jahr 2000 keine Kommunikation mit der Öffentlichkeit mehr unterhält. Die pädagogische Haltung der Regierungen Schüssel 1 und Schüssel 2 zu Demonstrationen, bei denen die Polizei den Demonstranten in einer Art Kindergartenbetreuungsfunktion an die Seite gestellt wurde und sanfte Disziplinierung ausgeübt wurde. Disziplinierung aber doch. Wenn wir uns erinnern, daß diese Haltung – übrigens eine monarchische Übung, sich in die Gemächer zurückzuziehen und den Mob draußen ins Leere laufen lassen und im schlimmsten Fall eine Reise ins Ausland unternehmen und das Kinderzimmer zuzusperren. Diese Haltung läßt nicht viel an äußeren Reaktionen erwarten. Die Medienreaktionen, die Ihnen freundlich zureden, die Ihnen aber inhaltlich nicht einen Millimeter entgegenkämen, wenn Sie in diesem Medium ein Praktikum machen wollten. Diese Medienreaktionen sind nur die andere Seite einer herablassend anpädagogisierten Haltung. „Laßt die Jungen machen. Jugend muß toben und Gott sei Dank, sie bewegen sich noch.“</p>
<p>Das, was Sie in Ihrem Forderungskatalog verlangen war verwirklicht. Das UOG 1975 hatte die Drittelparität auf allen Ebenen durchgesetzt und Ihre Forderungen nach Didaktik und Arbeitsplatz und wirtschaftlicher Sicherheit waren zumindest als Notwendigkeiten erkannt. Das Firnberg UOG wurde in der Folge von Politikern der ÖVP zu einem gesetzlichen Rahmen zurückgebaut, in dem die spitze Hierarchie den Universitätsprofessor wieder in Allmacht installierte. Gleichzeitig wirken auf diesen Universitätsprofessor und die wenigen Universtiätsprofessorinnen dieselben Zensuren der Effizienz und das Ergebnis sind Überforderungen, die nicht mehr dargestellt werden können, weil sich alles auch da nur mehr im Inneren der Personen abspielt. Der Universitätsprofessor hat dann immer noch verschiedenen Instrumente einer Abfuhr zur Hand. Aber die digitalisierte Bürokratisierung, die die Effizienzideologie umsetzen muß, läßt selbst dafür wenig Spielraum. Der Verteilungskampf wird in die Unendlichkeit von Sitzungen getragen und die Entscheidung über Qualität unterliegt einer auf ein Innen beschränkten Gruppendynamik.</p>
<p>Für Sie heißt das, daß Sie kein Ergebnis haben dürfen. Sie müssen diese Forderungen, die Sie in Ihrem Forderungskatalog aufgestellt haben, in den Jahren Ihres Studiums in jedem Augenblick zur Prüfung Ihrer Wirklichkeit erhalten. Sie müssen eine Kultur entwickeln, die sich ohne großartige Ergebnisse mit einer nachhaltigen Veränderung beschäftigen kann. Das erste Anzeichen, daß das möglich sein wird, sehe ich in der Tatsache, daß Sie sich keinen Zeitplan gesetzt haben. Schließlich ist Ihr Studium Ihr Rahmen auf der Basis der Ihnen zustehenden Freiheit. Und. Sie haben mit Ihrem Einsatz hier etwas unternommen, was nun jahrzehntelang nicht der Fall war. Nicht möglich war. Wie auch immer. Sie verteilen die Sorge um sich und das eigene Studium auf alle Studierenden. Das ist im klassischen Sinn noch nicht revolutionär. Aber in einer Kultur, wie dem Österreichischen, das der französischen Revolution und deren Ergebnissen nach wie vor feindlichst gegenübersteht. In einer solchen Kultur ist ein so sanfter Anfang wirkungsvoller und ich wünsche Ihnen persönlich und Ihnen als Menge der Studenten und Studentinnen daß es gelingt, der Ausbildung Die Bildung abzuringen, die ein gutes Leben im Rahmen einer bewußten Freiheit erst möglich macht.  Sie haben den grammatikalischen Schritt von einer Berechtigung in eine Berechtigtheit gemacht, in der Sie diese Freiheit als Ihr Recht selbstverständlich in Anspruch nehmen und verteidigen und nicht darauf warten, daß sie eine Berechtigung zugeteilt bekommen. Ich wünsche allen Erfolg.</p>
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		<title>„Bei uns hat der größte Wert den kleinsten Preis“</title>
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		<pubDate>Sat, 11 Jul 2009 09:38:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>
		<category><![CDATA[Werkverzeichnis]]></category>
		<category><![CDATA[Jan Brady]]></category>
		<category><![CDATA[Keith Bennett]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<category><![CDATA[Todesstrafe]]></category>
		<category><![CDATA[Wertefrage]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Wertefrage. Vortrag im Rahmen des WerteWelten Kolloquiums 2009 11. Juli 2009 an der Universität Tübingen Vorige Woche wurde in England im Großraum von Manchester die Suche nach der Leiche von Keith Bennett eingestellt. Keith Bennett war 12 Jahre alt, als er von Jan Brady und Myra Hindley gefoltert und ermordet wurde. Jan Brady und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Wertefrage.</p>
<p>Vortrag im Rahmen des <a href="http://www.wertewelten.net/" target="_blank">WerteWelten Kolloquiums 2009</a><br />
11. Juli 2009 an der Universität Tübingen<br />
Vorige Woche wurde in England im Großraum von Manchester die Suche nach der Leiche von Keith Bennett eingestellt. Keith Bennett war 12 Jahre alt, als er von Jan Brady und Myra Hindley gefoltert und ermordet wurde. Jan Brady und Myra Hindley wurden am 6. Mai 1966 für die Morde an 5 Kindern und Jugendlichen zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Todesstrafe war 4 Wochen zuvor abgeschafft worden. Der Mord an Keith Bennett wurde beim Prozess nicht verhandelt. Jand Brady gestand diesen Mord sehr viel später einem Journalisten. Immer wieder war der Versuch gemacht worden, Jan Brady dazu zu bewegen, den Ort preiszugeben, an dem Keith Bennetts Leiche von ihm und Myra Hindley vergraben worden war. Myra Hindley verstarb 2002. Jan Brady schweigt bis heute. Eine Suchaktion 2005 war abermals fehlgeschlagen. Vorige Woche wurde die Suche offiziell eingestellt. Geldmangel wurde angegeben.<br />
Um ein glückliches Leben führen zu können, benötigen wir Kultur als ein Bündel von Konzepten, die den Mitgliedern dieser Kultur vermitteln, was gut und was böse ist. Was wahr und was nicht. Was wertvoll und was nicht. Die Konzepte insgesamt fügen sich zu einer Beschreibung des Werts des Lebens zusammen.</p>
<p>Eines dieser kulturbildenden Konzepte beschäftigt sich damit, wie mit den Toten umgegangen wird. Das herkömmliche Konzept der englischen Kultur scheint gewesen zu sein, jeden und jede Tote in einer Zeremonie der Kenntnisnahme des Tods in einem Grab zu beerdigen, dessen Ort eine besondere Bedeutung entwickelt.</p>
<p>Die Mutter von Keith Bennett ist mittlerweile 75 Jahre alt. Im Rahmen dieses kulturellen Konzepts wäre es für sie eine Erleichterung zu wissen, wo die Leiche ihres 12jährigen Sohns vergraben liegt. Sie hätte immerhin die symbolische Genugtuung, ihr Kind dem Zugriff des Täters entzogen zu haben. Der heute 71 Jahre alte Täter triumphiert ja in seinem Wissen vom Ort der Leiche noch einmal über das Opfer, für das er ja auch straffrei blieb. Im Triumph über das Opfer und seine Famillie ist aber auch der Verstoß gegen das kulturelle Konzept der Totenruhe insgesamt enthalten.</p>
<p>In den britischen Medien wird vom Recht der Mutter auf die Totenruhe ihres Sohns ausgehend, ein allgemeinerer Anspruch auf einer Ebene der nationalen Zugehörigkeit formuliert. „We never forget and we never give up&#8221; ist eine Formel, die diese Zugehörigkeit beschreibt und erstrebenswert macht. Das gesamte United Kingdom steht für einen von da ein. Ein solcher Satz kann als Garantie für jeden einzelnen angesehen werden, der  seinen Einsatz beim Aufbau des Empires mit diesem Satz zurückbezahlt bekommen sollte. Auf diese, aus dem nationalen Militarismus entspringende Solidarität wird in den Medien landesweit Bezug genommen. Keith Bennett wird so quasi zum Kriegsgefangenen erklärt, der aus dem Zugriff des Feinds befreit werden muß. Erinnern wir uns daran, wie bei Friedensverhandlungen zwischen kriegführenden Parteien die Rückführung der Toten ein langes Verhandeln erfordert und zu den Grundforderungen eines Friedensvertrags gehören. Die Suche nach Keith Bennetts Leiche darf nicht aufgegeben werden, vermitteln die Medien. Die Suche nach Keith Bennetts Leiche wurde zu einer nationalen Frage.<br />
Was wir vor uns sehen, ist ein Geflecht von Konzepten aus ganz verschiedenen historischen Schichten. Diese Konzeptverwebung wird mit der Einstellung der Suche nach der Leiche die Berechtigung entzogen. Eine Kette von Entwertungen wurde ausgelöst. Das Opfer. Dessen Familie. Die Gesellschaft. Es muß vergessen werden. Es muß aufgegeben werden. Das Budget diktiert die Aufgabe der Realisierung der Konzepte. Die Konzepte verlieren ihre Bedeutung für die Leben. Das, was zum Sinn des Leben gehörte, hat keine Bedeutung mehr. Eine Kultur ist zu Ende. Für die direkt betroffenen Leben wird dieses Ende am deutlichsten ausgeprägt sein. Für die direkt betroffenen Leben werden alle anderen vergessen. Die Nation hat aufgegeben und läßt dem Täter einen Sieg.<br />
Es wird mit Scham reagiert. „We don&#8217;t do that&#8221; wird in Kommentaren geschrieben.</p>
<p>Es wird an ein Konzept nationaler Männlichkeit appeliert, das heldische Tugenden repräsentiert. Wenigstens der Mutter sollte beigesprungen werden, heißt es.</p>
<p>Wie die Fragmentierung einer Kultur vor sich geht, ist an diesem Beispiel zu sehen. Wie  Konzepten ihre gesellschaftliche Wirkung genommen wird, indem die Durchführung von der Vorstellung abgetrennt, das Konzept auf eine nostalgische Formel reduziert wird. Die Kontinuität von Vergangenheit und Gegenwart wird unterbrochen. Die Vergangenheit von der Gegenwart getrennt. Das gelebte Konzept bleibt in der Vergangenheit. Das Konzept wird in der Gegenwart nur noch beschworen. Das Konzept ist zur leeren Formel geworden. Die Deutung des Lebens kann nicht mehr auf das selbstverständlich gelebte Konzept zurückgreifen. Das Leben macht weniger Sinn. Das Konzept ohne die gelebte Bedeutung wird zu einem nostalgischen Territorium, das nun seinerseits zur Deutung offensteht. In der Logik einer territorialen Berechtigung rechter Ideologien invadiert die British National Party dieses Konzept und benutzt es zur Untermauerung der Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe.<br />
Der Fall von Jan Brady und Myra Hindley entwickelt sich vieler widersprüchlicher gesellschaftlicher Entwicklungen entlang und dehnt sich über mehrere Generationen aus. Die Gleichzeitigkeit der verschiedensten Konzepte hat in diesem Fall dazu geführt, daß mehrere sinnvermittelnde theatrale Inszenierungen nicht stattfanden.  Der Mord an Keith Bennett wurde vor Gericht nicht verhandelt. Schuldspruch und Urteilsspruch durch einen Stellvertreter der Gesellschaft  versprachlichten so nie die Tat und eine Beurteilung. Das Opfer bleibt so auch sprachlich im Besitz des Täters.</p>
<p>Vier Wochen vor dem Prozess gegen Jan Brady und Myra Hindley wurde die Todesstrafe aufgehoben. Sehr oft nehmen die Medienberichte diese Tatsache wieder auf und weisen so darauf hin, daß die Gesellschaft sich es ersparen hätte können, sich immer wieder mit diesen Tätern beschäftigen zu müssen. Gerade dadurch, daß Jan Brady noch lebt und den Ort bekannt geben könnte, ist die Gesellschaft ja herausgefordert. Myra Hindley zeichnete einen Ort auf dem Plan der Moore auf, in denen sie behauptete, Keith Bennett vergraben zu haben. Der Ort stimmte aber nicht. Myra Hindley ist tot und der Zorn der Massen richtet sich nun voll auf Jan Brady. In der vagen Erinnerung an Reinigungsopfer werden Reinlichkeitsmetaphern benutzt, anzudeuten, daß eine Hinrichtung dieser beiden Täter sinnvoll gewesen wäre. „It would make sense&#8221; heißt das dann. Das  Konzept der Todesstrafe zur Reinigung der Gesellschaft wird sinnstiftend eingesetzt. Die Todesstrafe als öffentliches Theater des Menschenopfers. Zwar hat die Sensibilisierung der viktorianischen Gesellschaft dazu geführt, die Durchführung der Todesstrafe hinter die geschlossenen Türen der Gefängnisse zu verbannen. Die öffentliche Phantasie ist bis heute damit befaßt. Die Memoiren von Henkern sind all time bestsellers und stehen in Spezialbuchhandlungen in den Regalen der true crime stories, was eine ironische Richtigkeit besitzt. Ein Teil der Gesellschaft würde die Durchführung der Todesstrafe ja in der Überwindung des Konzepts als Verbrechen beurteilen.<br />
Konzepte des Kulturellen verlieren ihre Bedeutung immer durch die Trennung von Text  und Ausführung. Im Fall der Todesstrafe wurde das Text außer Kraft gesetzt in der Transformation eines Strafrechts weg von den theatralen Inszenierungen. Dieser Wegbewegung von den mittelalterlichen Inszenierungen läßt sich auch an der Diskussion über die Perücken der Richter und Anwälte ablesen, die während des Prozesses getragen werden müssen. Immer wieder wird auf die Lächerlichkeit dieser Perücken hingewiesen. Noch aber hat die Verwirtschaftlichung aller Lebensbereiche diese Sitte einmal nur bei Zivilprozessen außer Kraft setzen können. Die Öffentlichkeit spricht sich bei Umfragen vehement für die Verwendung von Perücken bei Gericht aus. Die Perücken bedeuten Gericht. Gesellschaftliche Sicherheit beruft sich auf eine Gerichtsbarkeit, deren Bedeutung bekannt ist. Die Perücken sind dafür eine Requisite, die diese Bedeutung vermittelt. Wenn nun aus Geldmangel die Perücken insgesamt verschwinden würden, so wird der Text „Gericht&#8221; nicht mehr vollständig ausagiert. Das wird nicht zum Ausbruch von Anarchie führen. Aber. Eine Kultur wäre zu Ende. Der gleiche Prozess wie bei dem Glaubenssatz des Britisch Nationalen „We never forget and we never give up&#8221;  bliebe der Text des Konzepts abgetrennt zurück und kann, der gesellschaftlichen Bedeutung entkleidet, von jedem in Besitz genommen werden. Politisch nostalgische Umdeutung als Strategie postmodern rechter Parteien ist fast unvermeidlich, wobei die theatrale Umsetzung des Konzepts eingefordert wird. Der Öffentlichkeit wird so politisches Selbstverständnis der Kultur in Fürsorge weisgemacht. Volkstümlichkeit, heißt das dann. Volksnähe. Ein Wissen, um das, was richtig ist, weil man das, was war, nicht verdammt.</p>
<p>Die Moderne entwickelt sich einer ununterbrochenen Fragmentierung der Konzepte der Kulturen bis dahin entlang. Die Moderne fragmentiert die Konzepte in sich selbst. Die Fragmentierung ist die Moderne.  Fragmentierung muß gelesen werden können, die fragmentierten Konzeptsplitter zur Sinndeutung verwenden zu können. Denn. Es gibt keine neuen Konzepte. Denn. War nicht Revolution jener Akt, die Konzepte mit einem Handstreich außer Kraft zu setzen und neue Konzepte einzuführen. War nicht die Vorstellung, mit neuen Konzepten neue Menschen zu fabrizieren genau das, was nun im 20. Jahrhundert vielfach und auf allen politischen Seiten scheiterte. Wir leben heute nach dem Ende vieler Kulturen. Die kulturellen Konzepte daraus liegen zur Inbesitznahme herum, weil ihre Gelebtheit längst nicht einmal in Erinnerung geblieben ist. Der Weg rechter Politik. Und das auf allen Ebenen. Von der Wehrsportgruppe in verlassener Ländlichkeit bis zur Führungsetage der Finanzindustrie. Der Weg rechter Politik ist immer die Aneignung des Texts, in der Beibehaltung der Trennung von der Praxis. Der seines Sinns entfremdete Text des kulturellen Konzepts simuliert dann Sinnstiftung. Die Rückkehr zum so entfremdeten Text ergibt die Zustimmung in Wählerstimmen, die sich in diesem Text aufgehoben finden können und keine Frage an sich selbst mehr stellen müssen. Die fragmentierten Identitäten können in diesen eben postmodern entfremdeten Text des kulturellen Konzepts abgegeben werden und kommen in eine Vorstellung zusammengeschweißt zurück. Der  sinnentleerte und auf seine Wörtlichkeit reduzierte Text des kulturellen Konzepts kann zu einem Prozess des Einschweißens und Einschmelzens verwendet werden, der eine Scheinidentität herstellt, die keinerlei Bezug zu irgendeiner gelebten Erfahrung aufweist. Das Ende des Endes der Kultur ist damit erreicht. Dieses Ende des Endes findet im 20. Jahrhundert in unseren Kulturen statt. Faschismus erstrebt dieses Ende des Endes und stellt es bewußt her. Die vollkommene Trennung von nostalgisch entfremdetem kulturellem Text und gelebter Erfahrung.</p>
<p>Da leben wir. Danach leben wir. Wir alle. Wir selbst müssen diese Technik des Faschismus anwenden, uns unsere Leben zusammenzubasteln. Wir alle suchen aus den Trümmern der Konzepte Textstellen heraus, die uns helfen sollen, unsere Leben zu deuten. Wenigstens. Dieser Zugriff auf Trümmerbausteine ist dann das, was wir Freiheit nennen. Oder Selbstbestimmung.<br />
Welche Möglichkeiten könnte es geben, den entfremdeten Text nicht nur zu benutzen und damit der inneren Fragmentierung durch Fragmentierung Sinn zu verleihen. Diese innere Fragmentierung durch die Entfremdetheit des Texts zu bestätigen.<br />
Ich denke, es geht darum, wieder auf die Suche zu gehen. Ganz wie in den Mythen und Märchen auszuziehen und Abenteuer suchen, die die Anwendung des kulturellen Texts herausfordern und eine Bewährung abfordern.<br />
Das Theater als Erinnerung an die Theatralität des Lebens könnte ein Medium solcher Suchen gehen. Aber. Die Suche müßte den Wert darstellen. Die Suche müßte hochherzig und so unzersplittert wie möglich gedacht sein. Diese Suche müßte uns alle töricht sehen. Kindlich. Eine solche Suche müßte den Verlust der Kultur durcharbeiten und sich fragen, wie war das? Ernsthaft und das Mitgefühl die einzige Erkenntnismöglichkeit. Wie war das, wie das Theatrale im Leben gelebt wurde. Was hat das bedeutet, daß meine Großmutter immer zu Prozessionen gegangen ist. Zu Prozessionen gehen mußte.  Das ging so weit, daß die tief gläubige Katholikin bei den 1. Mai Umzügen der sozialistischen Partei dabei war. Warum wollte diese Frau an dieser Öffentlichkeit teilnehmen. Was bedeutete ihr die Sichtbarkeit, die das herstellte. Und. Es sind wahrscheinlich Kategorien des Aufgehobenen und Eingebundenen, die sich darin eröffnen. Die Fragen nach Freiheit, wie ich sie stellen würde, kam da gar nicht ins Spiel. Aber. Es ginge ja darum, die Begehren anderer herauszufinden und wie sie sich die Erfüllung dieser Begehren verschafften. Welche Konzepte in die Lebenserfahrung gezogen wurden und wie Wirkung entfalteten. Welche Handhabung der Sprechmächte welche gelebte Erfahrung nach sich zog und darin eine Wahrheit offen legt. Und. Welche Aufträge an die nächste Generation daraus abgeleitet wurden und welche Erbschaften den Nachkommen auferlegt. Eine solche Suche müßte sich jeder Unmittelbarkeit begeben und in einer ruhig gesammelten Schau der Vergangenheit die Frage stellen, welche Fragen es waren, die den Kosmos der Konzepte aufrufen konnten. Welche Fragmente übrig geblieben waren. Oder. Erinnern wir uns einmal nur an das Ende des 1. Weltkriegs, welche Konzeptfragmente übrig geblieben waren, einen Sinn des Lebens  wenigstens anzudeuten. Bei Siegern und Verlieren übrigens in vollkommen unterschiedlicher Weise. Die Frage, des Überlebens oder Weiterlebens von Kulturen wurde und wird gerade derzeit durch kriegerische Handlungen zur Entscheidung gebracht.</p>
<p>Alle gesellschaftlichen Dialogformen sind &#8211; jedenfalls in der Welt der deutschen Sprache des Deutschen und des Österreichischen &#8211; längst durch die beschriebene Entfremdung korrumpiert. Jedes Gericht, jedes Verhör.  Wir können die Geschichte dieser Insitutionen am Konzept etwa der 10 Gebote der christlichen Religionen messen und sehen, daß immer schon, aber im 20. Jahrhundert besonders, dieses Konzept von der Lebenswirklichkeit abgetrennt vermittelt wurde. Immer schon hat die Macht sich von den Konzepten ausgenommen und sie damit ihrer Bedeutung entleert. Es gibt auch für die kulturellen Konzepte kein goldenens Zeitalter einer umfassenden Wirksamkeit. Es gibt nur durch die wirtschaftlichen Umstände hergestellt, andere Personenkonstruktionen, die in einem anderen Zeitmaß ihr Leben verbrachten. Wir wissen wenig von denen, die das Trauma des Endes ihrer Kultur erlebten.</p>
<p>Keith Bennett und die anderen zumindest 6 Mordopfer von Jan Brady und Myra Hindley werden in der weltweitgespannten Gemeinde des Sadismus, die das Internet nun endgültig innig zusammengeführt hat, als dem Sadismus notwendige und wertvolle Opfer gefeiert. Nun.</p>
<p>Das Opfer ist die zentralste Handlung der meisten Religionen. Das Menschenopfer ist die höchste Form des Opfers. Leben und Lebenskraft werden im Opfer gebündelt an die Schöpfungsordnung zurückgegeben. Die Entstehung des immer männlichen Menschenopfers ist eine vieldiskutierte Grundfrage der Anthropologie. Die Theorien reichen von Gabe und Geschenk zur Versöhung der Geister über totemistische Opfermahle als magische Versöhnungspraxis bis zum Opfer als Sündenbock. Immer jedoch geht es um den Ausgleich zwischen sakralen und weltlichen Mächten. In der Weltlichkeit wäre dann das reale Leben der Menschen agesiedelt. Das Sakrale ist Repräsentation der Gesellschaft. Der sadistische Mord ist die verbrecherische Aneignung dieses Konzepts des Sakralen und löst auch darin jene Abscheu aus, der dann seinerseits die Todesstrafe wieder  argumentieren hilft. Und. Der uns so unangenehm berührt.</p>
<p>Die Heilige Messe des Christentum geht als fixierte und fixierender Text davon aus, daß im Selbstopfer Jesu als Sohn Gottes in menschlicher Gestalt das ultimative Opfer gebracht worden ist. Kein Menschenopfer danach kann diese sakrale Kraft mehr beanspruchen. Die Geopferten können nur noch Ergänzung der kultischen Wirkung dieses Gottesopfers werden und als Heilige in den Chor eintreten, der dieses Ereignis lobpreist. Eine Tat, wie die von Jan Brady und Myra Hindley führt vor diesen Text zurück und setzt nun ihrerseits das nachfolgende kulturelle Konzept außer Kraft, indem eine Lebensrealität hergestellt wird, zu der es kein gültiges kulturelles Konzept gibt. Die Entfremdung liegt in der gelebten Wirklichkeit, die sich nicht in den kulturellen Konzepten verorten läßt.<br />
„Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in der moralischen muß alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das Theater die Schule der moralischen Welt sein soll.&#8221;  So schrieb Gotthold Ephraim Lessing in der Hamburgischen Dramaturgie im 1. Band zum 2. Stück. 1767 schrieb Lessing diese Forderung für das Theater zum Trauerspiel „Olint und Sophronia&#8221; von J. Friedrich von Cronegk. 10 Jahre vorher fand Edmund Burke in seinem „Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful.&#8221; die Überlegenheit der Wirklichkeit des Sublimen gegenüber der theatralen Nachstellung des Sublimen heraus. Nach Burke beruht die Überlegenheit der Wirklichkeit darauf, daß die echte Exekution die theatralischere, die theatral ästhetischere Wirkung besitzt. Die echte Exekution. Der echte Mord. Sie werden als das ästhetisch überlegene Ereignis aufgefaßt. In beiden Fällen wird das Theater als gemeinsam zu lesender Text gesehen. In diesem „Gemeinsam&#8221; des Lesens wird das Publikum hergestellt, dessen Reaktion wiederum über die Existenz des Theaters entscheidet. Publikum ist so immer richtig. Es stellt ja Theater überhaupt her. Der Erwerb der Eintrittskarte und das Eintreten in die Stockmasse, der im Theater sitzenden Personen, bedeutet heute wie 1757 die Voraussetzung für die Theateraufführung. Das Theater ist der Dienstleistungsbetrieb, der die durch den Kartenerwerb ausgedrückten Erwartungen erfüllen soll. Es sollen ja wieder Eintrittskarten erworben werden. Zwar gibt es die Konkurrenz der echten Exekution auf dem Marktplatz nicht mehr. Jedenfalls nach den westlichen kulturellen Konzepten derzeit nicht. Der echte Mord jedoch ist Medienereignis und darin auf jeden und jede eindringender Alltag geworden. Gleich geblieben ist am Einsatz der Darstellung der Gewalt nur, daß die jeweiligen Konstruktionen des Nationalen daraus gespeist werden. Daß die Zuweisung der Körper der Gemordeten und die Zuordnung der Täter die Mythen des Nationalen füllen. Da ist die Welt der Medien bei der Sportreportage stehengeblieben, die jede Bewegung auf eine nationale Zuordnung zurückführen muß, um die Dramaturgie der Konkurrenz aufrechterhalten zu können. So gesehen, sind die Medien auf allen Ebenen dem Sublimen des wirklichen Lebens verfallen. Der wirkliche Mord hat in der Repräsentation des Sports den Sieg davongetragen. Die Exekution Lord Lovats 1747 in Cambridge hat den Sieg über die Schule der Moral in Hamburg davongetragen.<br />
Das war nicht schwierig. Denn alles, was das Theaterhafte am Theater sein hätte können, fand immer nur zufällig Erfüllung. Nie wurden Rahmenbedingungen entwickelt, die das Theaterhafte zur Grundlage des Theaters gemacht hätte. Da ist zum ersten und bedeutendsten als Hindernis die innere Hierarchie des Theaterbetriebs zu nennen, die dem Moralischen diametral zuwiderläuft. Das deutschsprachige Theater als subventionierte Institution ist in der Art der sentimentalen Familie organisiert, in der ein mächtiger Vater als Intendant und meist auch als Regisseur alle Entscheidungen und das bedeutendste Einkommen auf sich versammelt. Je nach Alter und Geschlecht verteilt Einkommen und Einfluß nach unten sich verringernd. Die Körper der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler sind Mittel der Durchsetzung in dieser patriarchalen Hierarchie und Kapital der Repräsentation geblieben. Daß sich familienähnlich organisierte Cliquen bilden, die sich um die mächtigen „Väter&#8221; versammeln, die manchmal auch Frauen sein können,  zeichnet die Einordnungs- und Unterwerfungsmechanismen genau nach.</p>
<p>Mit einem Drama ist es möglich, einen Diskurs in aller Widersprüchlichkeit zu führen. Anders als im Gerichtssaal ist die quasireale Gegenwart bei der Tat möglich.  Quasireale Situation und quasireale Rede ermöglichen die Einführung von Antagonismen, die sich in der theatralen Präsentation voll entfalten können. Das Drama wird so zur Forschungsmethode. Entlang der vorgeführten Diskursstränge wird die Selbstbefragung des Zusehers oder der Zuseherin ausgelöst. Im Nachgehen der theatralen Rede und Gegenrede auf der Basis des literarischen Sonderfalls „Theaterschauspiel&#8221; in der Theateraufführung wird die gesamte Person in das „Lesen&#8221; dieses Texts gezogen. Im realen Ablauf dieser theatralen Rede in der Zeit wird eine solche Reaktion abgerufen. Eine reichere Wahrheit über die Reaktionen auf den Text tritt zutage als dies etwa bei einer Diskussionsveranstaltung der Fall wäre. Die kulturellen Konzepte werden da untersucht, wo sie in Erscheinung treten.</p>
<p>Macht im Theater möchte sich genauso erhalten, wie sie das überall tut.  Das Programm muß die Publikumsanforderungen optimal erfüllen, um sich im Besuch die eigene Existenz zu bestätigen.  Was  bedeutet das für das literarische Kunstwerk „Theaterschauspiel&#8221;. Die Arbeit des Theaters am literarischen Kunstwerk „Theaterschauspiel&#8221; wäre die, diesen Text konstituierende intentionale Theateraufführung zu heben und in einer jeweils spezifischen Form zur Aufführung zu bringen. Jede Inszenierung wäre dann eine Hebung  der im Text eingeschlossenen unendlichen Möglichkeiten von Inszenierungen. Die Intention Theateraufführung findet sich im gesamten Text des Theaterschauspiels. Autortext und Sprechertext sind die Träger der Intention Theateraufführung und bilden darin eine Einheit. Sich dem literarischen Kunstwerk „Theaterschauspiel&#8221; zu verpflichten und die intentionale Aufführung in einer jeweils besonderen Form zu realisieren. Das wäre Kunst. Ein Ereignis fände statt, das sich dem Dienstleisten im Vorausahnen eines Publikumsgeschmacks entzieht. Fände die Herstellung dieses Ereignisses nun auch noch partnerschaftlich statt und wäre nicht nur die Erfüllung des einen Willens des Regisseurs der Fall. Und würde der Prozeß der Hebung der im Text eingelassenen Intention nicht mit der Premiere abgeschlossen und ginge weiter. Die Aufführung würde also jeden Abend von den Schauspielern und Schauspielerinnen gemeinsam weiterentwickelt. Und diese Weiterentwicklung fände nach der inneren Logik der literarischen Vorlage und nicht dem Publikum zuspielend statt. Und gingen dann noch Personen wiederholt in diese Aufführungen und nähmen so an dem Prozeß teil. Das Theater könnte Kunst gewesen sein. Kunst, in der sich Sprachen sichtbar machen, die alle Spieler, Spielerinnen, Zuschauer, Zuschauerinnen auf sich selbst zurückführen und sich selbst sichtbar werden lassen. In einem theatralen Rahmen, der den Schmerz schmerzlos erfahrbar machen kann. Und in Würde. Kritik würde so zulaßbar. Die Barrieren der Unterträglichkeit könnten im theatralen Raum kurz aufgehoben und die Sicht auf weitere Verstrickungen in die Macht und das eigene So Geworden Sein zugelassen werden. Diese Aufhebung müßte flüchtig bleiben. Der Ausblick auf das Noch Nicht Sagbare Unsagbare ist nur kurz erträglich und sollte unwiederbringlich versinken.</p>
<p>In einer auf exakte Wiederholbarkeit getrimmten Inszenierung, die dem Entwurf einer einzigen Person folgt. Das ist schon in der Machart Exerzierkunst. Das ist die Fortentwicklung körperlicher Disziplinierung zu Kriegskunst. Hier in der Darstellung von Emotionen. Die immer verzweifelter realistisch sein wollende Nachstellung des realen Mords als den ästhetischten theatralen Akt folgt konsequent der inneren Logik der Verteilung der Macht. Die dem einen Inszenierenden zugewiesene Macht drängt zu größtmöglichem Ausdruck. Macht stellt sich immer in der Ohnmacht der Nicht Mächtigen dar. Der Regisseur, der auf der Bühne des Burgtheaters einen von ihm inszenierten und aufgenommenen Pornovideo abspielen läßt, zeigt seine Macht über die Körper der für seinen Blick durch die Linse der Kamera kopulierenden Personen. In der Aufführung übergibt der Regisseur seinen die Körper bestimmenden Blick dem Publikum. Gibt diesen Blick frei. Das kommt dem echten Mord am nächsten. Der Pornovideo spielt mit dem Wunsch diesen echten Mord zu sehen. Ein Bedürfnis wird erfüllt und in der Erfüllung schon wieder geweckt. Das Gegenteil der moralischen Schule ist erreicht. Der sadistische Blick des Regisseurs erfüllt sich im braven Nachfolgen von diesem Blick. Die moralische Schule hat sich in ein Sadismustraining verwandelt. Kritisches Denken müßte sich hier auch gegen das umsitzende Publikum richten. Kritik wird durch das konsensuale gemeinsame Schauen des Publikums unmöglich gemacht. Gefühle müssen die Reaktionen auf dieses Schauen bewälten. Masse wird so nachträglich im Sitzenbleiben hergestellt. „Wenn alle sitzen bleiben&#8230;?&#8221; Jemand, der sich entziehen wollte, würde ja heute mit der Bezeichnung „bürgerlich&#8221; versehen und belächelt werden. Aber auch so hergestellte Affirmation ist Affirmation. Und Affirmation in Sadismus stellt in dieser Affirmation das Bedürfnis nach sich wieder her. Masochismus will auch befriedigt werden. Das Publikum ist für die nächste Aufführung einer sadistischen Theatervision zugerichtet. Es wird eine Steigerung erwarten. In seiner Bestrafung. Und eine seichte Kritik faßt das Theater ja auch als Strafe auf. Bestrafung durch Text und Aufführung und darin kritisch verstanden. Das Theater als sadomasochistischer Pakt mit dem Publikum.<br />
Die Schmerzen, die dieses Strafen hervorruft. Der Schock. Die Abwehr. Die Abscheu. Die Scham. Der Ekel. Diese Schmerzen sind das Vehikel der Vermassung des Publikums gegen „Die&#8221;. Eine quasikritische Haltung eines in diese Schmerzen beim Beisammen Sitzen in  der Theateraufführung vereingten Kollektivs entsteht so. Nach außen richtet sich diese Quasikritik, die doch nur die Schmerzbewältigung des Zusehens ist. Schmerzabwehr eines in diesen Schmerzen durch Erziehung angeleiteten Kollektivs. Nicht ohne Logik ist der Erfolg des auf seine katholischen Wurzeln anklagend verweisenden Regisseurs Schlingensief immer in katholischen Kulturen so erfolgreich. Wien oder das Rheinland. Die Form der katholischen Predigt ist da überall gelernt. Wird überall verstanden. Es ist da Grundlage der Kultur in hohem Ton vom Schmerz als Schuld des Angeredeten zu sprechen. Und wie in der Predigt gilt es diese Schuld an sich zu erkennen und dann an den Anderen zu ahnden. Es ist ja katholische Selbsterkenntnis, die die Schuld der anderen überhaupt erkennen läßt. Im selbst durch Verfehlung mitverschuldeten Schmerz macht sich dann die Schuld der Anderen sichtbar. Der eigene Schmerz ist der Nachweis der Schuld der anderen. Es bedarf deshalb auch dieses Schmerzs. Es bedarf dieser Bestrafung. Nur so kann die Schuld asl Verursacherin des Schmerzes erkannt und nach außen gewendet werden. Und so wird viel künstliches Blut und die Zurichtung von Schauspielern und Schauspielerinnen und sehr viel Zeit aufgewendet, etwa das Wiener Burgtheater mit einer abendlichen Gemeinde der Schmerzsüchtigen zu füllen, die dann ihre Schuld auf ein diffuses Anderes, ein Außen abwälzen kann. Gemeinsam. Im Schmerz vermasst.</p>
<p>Und wie jeder kapitalistische Dienstleistungsbetrieb muß das Bedürfnis nach der Dienstleistung immer neu geweckt und angestachelt werden. Der richtige Mord auf der Bühne. Als das alles überstrahlende ästhetische Ereignis, das alle Ansprüche an das Theater erfüllen kann. Der richtige Mord auf der Bühne ist unausweichlich.</p>
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		<title>Verleihung des Peter-Rosegger-Preises des Landes Steiermark &#8211; Dankesworte der Preisträgerin.</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Jun 2009 19:00:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Online lesen]]></category>
		<category><![CDATA[Text interdisz.]]></category>
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		<category><![CDATA[Werkverzeichnis]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Was ist Kultur. So schwierig eine theoretische Festlegung des Begriffs wäre. Ganz sicherlich ist das, was wir hier tun, Kultur. Eine unabhängige Jury trifft eine Auswahl aus kulturellen Leistungen. In unserem Fall ist das die Literatur. Die Politik übernimmt die Auswahl der Jury und verleiht dann den Preis, der aus den Steuern der Bevölkerung bezahlt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was ist Kultur.<br />
So schwierig eine theoretische Festlegung des Begriffs wäre. Ganz sicherlich ist das, was wir hier tun, Kultur. Eine unabhängige Jury trifft eine Auswahl aus kulturellen Leistungen. In unserem Fall ist das die Literatur. Die Politik übernimmt die Auswahl der Jury und verleiht dann den Preis, der aus den Steuern der Bevölkerung bezahlt wird. Die Geschichte von Preisen ist durch die Preisgeschichten von Thomas Bernhard wieder ins Gerede gekommen. Die Geschichte von Preisen in Österreich ist eine höchst politische Geschichte. An ihr lassen sich Aufgeschlossenheit und Enge des Kulturellen ablesen. Viele Reaktionen auf viele Preise haben uns die Reagierenden beschrieben.<br />
Wozu brauchen wir Kultur.<br />
Eigentlich müssen wir sagen, wozu wurde diese Kultur gebraucht. Ein Preis in dieser Form ist schon die Erinnerung an eine Kultur, die längst zu Ende ist. Ein Preis in dieser Form ist ein Ergebnis des Ringens um die Wahrheit. In der launischen und mittlerweile folkloristischen Rezeption der bernhardschen Preisgeschichten wird gerne vergessen, daß es um die Frage ging, wer wie vergangenheitsbelastet Preise von wem zugesprochen bekam. Es war die Frage, welche Interpretation der Geschichte die gesellschaftliche Erzählung bestreiten durfte. Erst in den 70er Jahren begann die kritische Wegbewegung und es wurde nicht mehr ganz einfach selbstverständlich, daß Autoren &#8211; es waren doch immer Männer und eine Gertrud Fussenegger &#8211; im Austrofaschismus ausgezeichnet wurden. Dann im Nationalsozialismus. Und dann in  der Zweiten Republik. Die kritische Diskussion und die Widerstände in den 70er Jahren führten zu den unabhängigen Jurys, die der offiziellen Kulturpolitik die Entscheidung über die Sprechmacht entziehen sollten. Die österreichische Literatur in ihrer Vielfalt und Qualität beruht auf diesem Rückzug der Politik. Wenn nun auch die Benennung von Preisen nicht verändert wurde, die Form der Vergabe wurde das. Und. Das war eine kulturelle Leistung. Bewegung und Risiko wurden dadurch eine geförderte Qualität der Literatur. Eine Distanz zur Politik war geschaffen worden, die der Literatur die Arbeit abnahm, sich ununterbrochen und unmittelbar mit den Eingriffen von Politik durch eine rein politische Preisvergabe auseinandersetzen zu müssen. Die Spannung zwischen Politik und deren Beobachtung in der literarischen Versprachlichung steht dem Autor und der Autorin zur Verfügung, zwingt sich aber nicht auf.<br />
Seit dem Jahr 2000 ist diese Spannung zwischen Politik und Literatur neu verdichtet. Die Politik benutzt die neoliberale Globalisierung, die Rahmenbedingungen von Kunstschaffen in Österreich ganz allgemein so zu verändern, daß die Kunstschaffenden selber zu Selbstfürsorge und Selbstvorsorge  gezwungen, ihre Arbeitsweise verändern mußten. Das bedeutet, daß die Personen selber verändert wurden. Das wiederum wird bedeuten, daß die Kunst verändert werden wird. Nun muß die Kunst, sonst wäre sie es nicht, auf die allgemeinen Veränderungen reagieren. Dadurch, daß die reagieren Sollenden selbst sich an die Verhältnisse anpassen müssen, um überhaupt überleben zu können, entsteht eine Überlagerung der Ansprüche, die zu einer Verminderung führen muß. Das aber wiederum bedeutet, daß die Gesellschaft nicht mehr erfahren kann, was ihr Jetzt bestimmt. Die Wahrheit der Gegenwart bleibt ungehoben.<br />
Am Ende einer Kultur. Und wir sind am Ende einer Kultur. Am Ende einer Kultur steht eine Gesellschaft vor ungeheuren Aufgaben. Wenn  wir bedenken, daß im September diesen Jahres die Arbeitslosenzahl nur wenig unter der des Jahres 1929 liegen wird. Wenn wir bedenken, daß wir ein Parlament haben, in dem nicht einmal ein Konsens über die Geschichte danach erreichbar ist. Wenn wir zugeben müssen, daß wir keine gesellschaftsstiftenden Sinneinheiten entwickeln konnten und uns zufriedengeben müssen, daß keine gesellschaftsaufhebenden Sinneinheiten offen dominant sein dürfen. Es ist zu sehen, daß wir eine Parallelzeit erleben zu damals. Es wird zu sehen sein, ob wir die Prüfung bestehen können und einen anderen Weg gehen können als damals. Eine Hilfe in Zeiten nach dem Ende einer Kultur ist die Erinnerung. Es ist die Frage zu stellen, wie das war, als es die Kultur noch gab. Die Erinnerung wird dann zur Grundlinie, von der aus der Neuentwurf versucht werden kann. Ohne eine solche Grundlinie wird das nicht möglich sein. Ein solcher Preis, wie der Peter Rosegger Preis. Daß es so etwas gegeben haben wird, wird eine kleine Möglichkeit schaffen, sich Kultur vorzustellen. Wir müssen mittlerweile eigentlich falsche Sinneinheiten erhalten, um überhaupt eine Erinnerung an Kultur bewahren zu können. Die Literatur. Sie könnte nach dem schwedischen Modell etwa gesichert werden. Da das aber nicht zu erwarten ist, müssen wenigstens die Preise erhalten bleiben.<br />
Wenn wir uns aber nun an die Preise schon jetzt als etwas erinnern, das eine ganz andere Zeit und ganz andere und hohe Absichten beschreibt, in denen die Suche nach der Wahrheit etwas selbstverständlicher genommen wurde, weil die Wirtschaftsbedingungen gerade einmal ganz gut waren . Dann sollten die Preise so lange es irgend geht ernst genommen werden, als eine Rettung dieser Wahrheitssuche. Und dann bitte ich, an die Erinnerung zu denken und wie sie aussehen soll. Die gesellschaftliche Arbeit, die im Rahmen eines solchen Preises geleistet wird, muß in postneoliberalen Zusammenhängen abgegolten werden. Und zwar so, daß die Steuer nicht gleich alles wegfrißt. Spesen können heute nicht mehr selbst getragen werden. Dafür hat seit dem Jahr 2000 eine stete Verwandlung aller Kulturschaffenden in armselige Unternehmer und Unternehmerinnen mit Zwangseinweisung in die Wirtschaftskammer gesorgt. Und wenn einer oder eine eine solche Leistung erbringt, dann sollte nicht erwartet werden, daß die eigene Jause ausgepackt werden soll. Es handelt sich bei der Fahrt zu einer Jurysitzung nach Graz nicht um einen Schulausflug, obwohl die von allen Jurymitgliedern geschilderte Behandlung darauf schließen ließe.<br />
Kultur. Das sind auch die allgemein bekannten Bedingungen. Gastfreundschaft als Grundlage von Kommunikation und Zusammenarbeit gehört da immer noch dazu. Wenn es aber darum ging, Juroren und Jurorinnen dazu zu bringen, sicher nie wieder einer Jury anzugehören, weil das dann eine negative Erfahrung ist und die postneoliberale Person negative Erfahrungen allein zu bearbeiten hat. Dann wäre das ein Handeln gegen jene Kultur, an die wir uns erinnern müssen. Es gibt ja keine andere. Zensur hat viele Erscheinungsweisen und ist in den letzten 10 Jahren sehr persönlich geworden. Wenn das so gemeint war, dann nehme ich diesen Preis als Letzte einer kritischen Tradition. Kultur kann doch zum Gesellschaftlichen nur beitragen, wenn der Widerspruch abgelöst wird und darin im Wert anerkannt wird. Auch ganz praktisch. Und mit Geld. Vielen Dank.</p>
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		<title>Rechts und die Sprache</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Jun 2009 08:27:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie Rechte die Sprache instrumentalisieren &#8211; Marlene Streeruwitz über den Zusammenhang von Rassismus, Antisemitismus und Frauenverachtung. »Luxemburg Lecture« , Instituts für Gesellschaftsanalyse Kulturforums der Rosa-Luxemburg-Stiftung. am 15.Juni 2009 in Berlin Ausschnitt des Vortrages, der gesamte Text wird bei der Rosa Luxemburg Stiftung veröffentlicht. Rechts, das ist eine Männlichkeitskonstruktion, die ihre Überlegenheit aus einem wahnhaften, meist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie Rechte die Sprache instrumentalisieren &#8211; Marlene Streeruwitz über den Zusammenhang von Rassismus, Antisemitismus und Frauenverachtung.<br />
<a href="http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=19104" target="_blank">»Luxemburg Lecture«</a> , Instituts für Gesellschaftsanalyse Kulturforums der Rosa-Luxemburg-Stiftung. am 15.Juni 2009 in Berlin<br />
Ausschnitt des Vortrages, der gesamte Text wird bei der Rosa Luxemburg Stiftung veröffentlicht.</p>
<p>Rechts, das ist eine Männlichkeitskonstruktion, die ihre Überlegenheit aus einem wahnhaften, meist territorialen Gründungsmythos herleitet. Es ist die Abstammung, die Herkunft, die die Grundlage der so hergestellten Männlichkeit ist. Das Abstammen legt die Grundlage für die Organisation des Rechten in Form von Familienstrukturen. Der Vater als Führer und die Verbindung verschiedener Herkünfte über Brüderlichkeit zu einem größeren Verband des Rechten. Die Führungshierarchie formiert sich entlang der Vorstellung der Brüder des Vaters. Die Kommandokette kann dieser familialen Begründung entsprechend keinen bestimmten Kriterien folgen und sich jeweils auf Verdienst oder Laune des Führers berufen. Die Rotte der Söhne wird über Gewalt gebändigt und diszipliniert. Die Zuneigung des Führers, der auch eine Stellvertreterfigur sein kann, muß über Heldentaten verdient werden. Stammeskrieg wird gegen die Anderen geführt. Die Überfälle werden aus der eigenen Überlegenheit argumentiert. Sie dienen gleichzeitig zur weiteren Festigung dieser Überlegenheit. In der Form der Veteranenerzählung tradiert sich der Mythos der Überlegenheit wiederum aus Herkunft und Überlegenheit.<br />
„Blood and Honour&#8221; nennt sich die Gruppe, aus deren Umgebung in Thüringen die Naziaufmärsche organisiert werden. Blut, das beschreibt den Abstammungsmythos. Ehre bezieht sich auf die Notwendigkeit, die Überlegenheit zu demonstrieren. Die Verwendung der englischen Sprache wird einerseits eine Tarnung sein, die sich das Deutsche  „Blut und Ehre&#8221; der SS Parole überzieht. Gleichzeitig kann sich die Gruppe so in die internationale rechte Szene einklinken.<br />
Sprachlich stellt sich diese rechte Männlichkeitskonstruktion in einem Zirkelschluß dar, der sich in eine Wiederholung rammt und darin seine Irrationalität beschreibt. Sprachlich geht das so.<br />
Blut und Ehre, das kann nur Männer von da, von diesem Ort da, beschreiben, deshalb sind diese Männer von da im Besitz des Anspruchs auf Macht. Macht haben dann diese Männer, weil sie Männer von da sind.  Männer von da sind also die Männer von da. Männer sind nur Männer, wenn sie die Männer von da sind.<br />
Grammatikalisch ist das Subjekt „Männer&#8221; durch das Gleichsetzungsglied „Männer&#8221;  beschrieben, wobei das „nur&#8221; den Bedingungssatz auslöst, der durch das Ortsadverb wieder die Bedingung für „Männer Sein&#8221; zu erkennen gibt. Das Subjekt und das Gleichsetzungsglied und das Subjekt des Bedingungssatzes addieren sich in der Repräsentanz  eines einzigen Substantivs, Männer. Einschränkung und Emotionalität werden durch das „nur&#8221; eingeführt. Das Adverb schränkt auf einen einzigen Ort ein. Es ist ein grammatikalischer Vorgang, mit dem in diesem Ersten Hauptsatz des „Rechten&#8221; der Anspruch auf Vorherrschaft angemeldet wird. Das Ergebnis ist eine Aufhebung der Bedeutung durch das Einsetzen dieses einzigen Substantivs. Das bedeutet aber wiederum, daß die Sprache, so wie wir sie zur Kommunikation und damit zur Herstellung eines Gesellschaftlichen benutzen. Daß diese Sprache in sich implodiert wird. Es wird keine Bedeutung vermittelt, sondern reine Struktur. Der Herrschaftsanspruch wird in der Reduktion der Versprachlichung  auf die Grammatik mit der Grammatik angemeldet. Wie die Bedeutungen formuliert werden, das behält sich diese Herrschaft vor. Diese Informationen sind im Besitz der Herrschaft und werden nur in den inneren Zirkeln der rechten Gruppen als Geheimwissen verkündet.<br />
In diesen Bedeutungen offenbart sich der Rückgriff auf wahnhaft Esoterisches. Ob eine Ableitung aus dem Germanischen, dem Arischen, dem Britischen, dem Gallischen. Von einem Motorrad. Einer Marke. Einer Hautfarbe. Einer Religion. Einem Beruf. Einer Sprache. Einer Firma. Immer geht es darum, die eigene Seinsberechtigung aus dem Recht&#8230;. (Der gesamte Text wird von der <a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=1" target="_blank">Rosa Luxemburg Stiftung veröffentlicht</a>)</p>
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		<title>Das Erbe der Vergangenheit &#8211; Die geistige Armut in Österreich</title>
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		<pubDate>Thu, 28 May 2009 06:13:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>
		<category><![CDATA[Werkverzeichnis]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Katholizismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kreuz]]></category>

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		<description><![CDATA[Vortrag Bühne im Hof, St. Pölten, 28. Mai 2009]]></description>
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<p><!--[if gte mso 10]><br />
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<p><!--[endif]--><span style="font-size: 12pt; font-family: Arial;">Vortrag<br />
Bühne im Hof, St. Pölten, 28. Mai 2009<br />
</span></p>
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		<title>Verleihung des Droste Preises der Stadt Meersburg &#8211; Dankesrede</title>
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		<pubDate>Sun, 24 May 2009 15:55:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>
		<category><![CDATA[Werkverzeichnis]]></category>
		<category><![CDATA[Droste-Hülshoff preis]]></category>
		<category><![CDATA[halbmütterliche Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Projekt Gutenberg]]></category>

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		<description><![CDATA[Dankesrede von Marlene Streeruwitz zur Verleihung des Droste Preises der Stadt Meersburg am 24.Mai 2009. Zur Entscheidung der Jury, mir den Droste-Hülshoff Preis zuzuerkennen, wurde ich in einem Interview gefragt, ob ich mich mit der Autorin Annette von Droste-Hülshoff identifizieren könnte. Das kann ich nicht. Eine solche Identifikation müßte einem sehr allgemeinen Essentialismus entspringen, dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!--[if gte mso 10]><br />
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<p><!--[endif]--></p>
<p class="MsoNormal">
<p><strong>Dankesrede von Marlene Streeruwitz zur Verleihung des Droste Preises der Stadt Meersburg am 24.Mai 2009.</strong></p>
<p><!--[if gte mso 9]><xml> <w:WordDocument> <w:View>Normal</w:View> <w:Zoom>0</w:Zoom> <w:HyphenationZone>21</w:HyphenationZone> <w:Compatibility> <w:BreakWrappedTables /> <w:SnapToGridInCell /> <w:WrapTextWithPunct /> <w:UseAsianBreakRules /> </w:Compatibility> <w:BrowserLevel>MicrosoftInternetExplorer4</w:BrowserLevel> </w:WordDocument> </xml><![endif]--> <!--[if gte mso 10]><br />
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<p><!--[endif]--><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Zur Entscheidung der Jury, mir den Droste-Hülshoff Preis zuzuerkennen, wurde ich in einem Interview gefragt, ob ich mich mit der Autorin Annette von Droste-Hülshoff identifizieren könnte. Das kann ich nicht. Eine solche Identifikation müßte einem sehr allgemeinen Essentialismus entspringen, dem vage Ähnlichkeiten der Bezeichnungen reichten. Geschlecht und Tätigkeit. Über Jahrhunderte getrennt. Und. Bedenken wir, daß zwischen jeder künstlerischen Äußerung vor uns, die Shoa liegt, die uns jede Kulturleistung in Frage stellen lassen muß. Wir müssen jedes Wort davor darauf untersuchen, welche Rolle es eingenommen, keinen Einspruch formuliert haben zu können. Unsere beiden deutschsprechenden Kulturen müssen dieser Untersuchung unterzogen werden und im Heute einer solchen Prüfung selbstverständlich Stand halten. Es ginge um eine darin politische Ästhetik und ich hätte gerne an zwei Verszeilen von Annette von Droste-Hülshoff aus dem Gedicht Carpe diem! dazu einen Versuch unternommen. Es wäre um die letzten beiden Verse gegangen.</span></p>
<p><a href="http://www.garten-literatur.de/Leselaube/droste_carpe_diem.html" target="_blank">„Vor uns die Hoffnung, hinter uns das Glück,<br />
Und unsre Morgen morden unsre Heute.“<br />
</a><br />
Aber. Da fiel mir bei der Recherche im Internet die Kurzbiographie von Annette von Droste-Hülshoff auf den Bildschirm. Und statt mich nun der Frage zuzuwenden, was es bedeutet, wenn die Hoffnung als Mordkomplizin aus der Zukunt das Heute mordefnd vom Glück in der Zeit abgetrennt auftritt. Statt diese Leerstelle zu untersuchen, die durch das Komma zwischen den beiden Ortsbeschreibungen aufreißt. Statt nachzudenken, wie produktiv es ist, die Zeit in die Lokaladverbien „vor“ und „hinter“ einzusperren und damit die Leerstelle überhaupt herzustellen. Statt all dem, möchte ich die Kurzbiographie des Projekts Gutenberg.de von SPIEGEL ONLINE kultur besprechen. Da heißt es. Zitat. „Seit 1841 lebte sie meist am Bodensee. Dort erfuhr sie eine halbmütterliche Liebe zum 17 Jahre jüngeren Schücking. Sie starb am 24. Mai 1848 in Meersburg am Bodensee.“ Zuvor waren nur ihre Bekanntschaften angeführt, bei denen die Männernamen fett gedruckt vorgefunden werden und die einzige Frau, Adele Schopenhauer, in Normaldruck angeführt wird. Also. Die halbmütterliche Liebe wird erfahren. Diese halbmütterliche Liebe wird zuerst an den Ort geknüpft. „Dort“ am Bodensee erfährt sie die. Die Landschaft wird durch diese Verknüpfung zur Mitbedingung dieser Liebe gemacht. Die Landschaft wird auf diese Weise mit gefühlsstiftender Bedeutung aufgeladen. Die Landschaft wird Miturheberin der Liebe. Das ist ein Vorgang des Nationalistischen, der die handelnde Person als Figur von der Landschaft abhängig macht und über diese Gefühle der Landschaft gegenüber als eine zu verteidigende etabliert. „Dort erfuhr sie“. Im Personalpronomen 3. Person weiblich wird vom Namen weggegangen und die Frau zum Vorschein gebracht. Die Frau, die eine Liebe erfährt. Das relative Verbum „erfahren“ beschreibt im Akkusativobjekt das, was erfahren wird. Hier ist es eine Liebe. Die Liebe dringt als Erfahrung über das Verbum selbst auf das Subjekt ein. Die Liebe ist der bedeutungsaktive Anteil des Satzes, der auf das Subjekt zielt. Das Subjekt ist das Bedeutungsobjekt des grammatikalischen Objekts. In dieser Verdrehung wird die Entmächtigung des Subjekts vorgenommen. Die Liebe wird vom Subjekt erfahren. Diese Liebe ist dann auch noch eine halbmütterliche. Mütterlichkeit wird halbiert und wir sind angehalten, die andere Hälfte dieser Liebe zu substituieren. Dadurch, daß diese Liebe nur halb mütterlich ist, wird uns vorgeschlagen, die andere Hälfte als überhaupt nicht mütterlich zu sehen. Als gegenmütterlich. Liebe wird so in Kategorien eingeteilt und hierarchisch abgestuft. Eine so beschriebene Person wird auf diese halbe Liebe in der Landschaft zertrümmert. Zertrümmerte Weiblichkeit entsteht aus einer solchen Beschreibung. In der durch die Grammatik und die Bedeutung der gewählten Sinneinheiten erzwungenen Vorstellung eine Darstellung, die vollkommen von außen bestimmt ist. Die Landschaft. Die Liebe. Die Halbmütterlichkeit. Der 17 Jahre jüngere Mann und dann gleich der Tod. So wird über Beschreibung eine Person über Zuschreibungen vollkommen ihres Werks beraubt. Sie wird in minderwertige Kategorien des Geschlechts und der Lebensführung eingeschrieben. Über diese Einschreibung wird die kulturelle Vermittlung all dieser Minderwertigkeit weitergeschrieben und so weitervermittelt. Über diesen heutigen Text kann ich mich dann sehr wohl mit Annette von Droste-Hülshoff identifizieren. Wir unterliegen ausschließlich aufgrund unseres Geschlechts dieser Weiterschreibung, die die Männernamen fett druckt und die Frauennamen ins allgemeine zurückfallen läßt und darin die Wertung höchst selbstverständlich vorführt. Ich bitte also die Droste Gesellschaft sich dieses Texts anzunehmen. Denn. Neben der himmelschreienden Beraubung der Leistungen einer Person handelt es sich um einen Vorgang <!--[if gte mso 9]><xml> <w:WordDocument> <w:View>Normal</w:View> <w:Zoom>0</w:Zoom> <w:HyphenationZone>21</w:HyphenationZone> <w:Compatibility> <w:BreakWrappedTables /> <w:SnapToGridInCell /> <w:WrapTextWithPunct /> <w:UseAsianBreakRules /> </w:Compatibility> <w:BrowserLevel>MicrosoftInternetExplorer4</w:BrowserLevel> </w:WordDocument> </xml><![endif]--> des Antidemokratischen. Vielen Dank.</p>
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		<title>Ware Frau. Laudatio Concordia Preis für Menschenrechte an Mary Kreutzer und Corinna Milborn.</title>
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		<pubDate>Tue, 05 May 2009 06:36:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>
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		<category><![CDATA[Concordia]]></category>
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		<description><![CDATA[Rede zur Verleihung des Concordiapreises in der Kategorie Menschenrechte an Mary Kreuzer und Corinna Milborn am 5. Mai 2009]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!--[if gte mso 10]><br />
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<p><!--[endif]--><!--[if gte mso 9]><xml> <w:WordDocument> <w:View>Normal</w:View> <w:Zoom>0</w:Zoom> <w:HyphenationZone>21</w:HyphenationZone> <w:Compatibility> <w:BreakWrappedTables /> <w:SnapToGridInCell /> <w:WrapTextWithPunct /> <w:UseAsianBreakRules /> </w:Compatibility> <w:BrowserLevel>MicrosoftInternetExplorer4</w:BrowserLevel> </w:WordDocument> </xml><![endif]--></p>
<p><!--[if gte mso 10]><br />
<mce:style><!   /* Style Definitions */  table.MsoNormalTable 	{mso-style-name:"Normale Tabelle"; 	mso-tstyle-rowband-size:0; 	mso-tstyle-colband-size:0; 	mso-style-noshow:yes; 	mso-style-parent:""; 	mso-padding-alt:0cm 5.4pt 0cm 5.4pt; 	mso-para-margin:0cm; 	mso-para-margin-bottom:.0001pt; 	mso-pagination:widow-orphan; 	font-size:10.0pt; 	font-family:"Times New Roman";} --></p>
<p><!--[endif]--></p>
<h2 class="MsoNormal"><strong> </strong></h2>
<div class="MsoNormal" style="text-align: center;"><span style="font-family: &quot;Times New Roman&quot;;"></p>
<p style="text-align: left;">Rede zur Verleihung des Concordiapreises in der Kategorie Menschenrechte an Mary Kreuzer und Corinna Milborn am 5. Mai 2009</p>
<hr size="2" /></span></div>
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		<title>Alles. Walzer.</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2009/01/16/alles-walzer/</link>
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		<pubDate>Fri, 16 Jan 2009 17:07:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>
		<category><![CDATA[Werkverzeichnis]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://elizzza.net/mstr/?p=332</guid>
		<description><![CDATA[Katholizismus als patriarchale Machtstruktur. Vorgesehen für Ritual.Macht.Blasphemie, Kunst und Katholizismus in Österreich seit 1945. Interdisziplinäres Symposium veranstaltet vom Elfriede Jelinek-Forschungszentrum. Zurückgezogen wegen Interpretationsdifferenzen. „Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie sich am 16.1. am Nachmittag im Volkstheater in Form einer Rede mit dem Katholizismus in Österreich als patriarchale Machtstruktur befassen könnten, also wie der Katholizismus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="wysiwig-plain">
<p>Katholizismus als patriarchale Machtstruktur.</p>
<p><em>Vorgesehen für Ritual.Macht.Blasphemie, Kunst und Katholizismus in Österreich seit 1945. Interdisziplinäres Symposium veranstaltet vom Elfriede Jelinek-Forschungszentrum.<br />
Zurückgezogen wegen Interpretationsdifferenzen.</em></p>
<p><em><span id="more-332"></span><br />
</em></p>
<p>„Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie sich am 16.1. am Nachmittag im Volkstheater in Form einer Rede mit dem Katholizismus in Österreich als patriarchale Machtstruktur befassen könnten, also wie der Katholizismus in Österreich die gesellschaftliche und sexuelle Unterdrückung der Frau mitbestimmt.“</p>
<p>Als im Mai des vergangenen Jahres diese Einladung ankam, dachte ich, „Das machst du mit links.“ Aber. In Österreich macht natürlich niemand etwas „mit links“. Österreich war die Gegenposition zur französischen Revolution. „Links“. Das heißt deshalb Pöbelherrschaft, Chaos, Rechtlosigkeit. Unmännlich und jüdisch gehört da auch dazu. Assimilation ist seit damals verdächtig. Assimilation wird als ein Wegbewegen aus dem, von der göttlichen Ordnung zugewiesenen Platz gesehen. Selbst die treueste Anpassung an das, was man hierzulande will, wurde und wird noch als Unruhefaktor beurteilt.</p>
<p>Das, was man hier will. Das ist diese göttliche Ordnung, die einen unerklärten Gott in die Mitte setzt und von diesem her jede andere Hierarchie männlich in der Nachfolge dieses Gotts denken muß. Keine andere Ableitung kann neben dieser gedacht werden. Jeder und jede kann nur in dieser Ableitung gedacht werden. Jeder und jede kann sich selbst nur in dieser Ableitung denken. Es gibt keinen Gedanken außerhalb. Außerhalb gibt es nur Angst.</p>
<p>Die Geschichte der Literatur ist eine Geschichte der Sprechfindung für diese Angst. Diese Angst ist ja namenlos. Sie darf keine Sprache finden. Das Außerhalb der katholischen Ableitung ist ja das Chaos und die Anarchie. Die Hölle, das sind die, die unerlaubt sprechen. Literatur hat das immer unternommen. Aber. Im Außerhalb der katholischen Hierarchie sind zuerst einmal alle Geschlechter unerhört. Und weil die männlich-göttliche Hierarchie immer auch den Mann außerhalb privilegiert, schon um ihn zur Rückkehr zu verführen. Deshalb kann ein Mann die männlich-göttliche Sprache verwenden, sich persönliches Gehör zu verschaffen. Das führt zu literarischer Berühmtheit und nachhaltigem Vergessen. Ja. Dieses Sprechen erlaubt Erholung von der männlich-göttlichen Einseitigkeit, die ja der Moderne in jedem Augenblick widerstehen muß. Die Hegemonie des Katholischen erfrischt sich an diesem männlichen Widerstand.</p>
<p>Frauen müssen sich dieser erlaubten Sprache bedienen und können das ja auch. Die Qualität unserer derzeitigen Innenministerin wird an ihrem Sprechen bewertet, das ja ganz so ist wie so ein ganz scharfer Kerl. Ihre Assimilation an dieses Sprechen wird nur darum positiv bewertet, weil sie sich so ganz den Vorstellungen dieser Ordnung gibt. Eine abstrakte Ordnung ist das, in die eigentlich niemand hineinpaßt. Aber das macht es ja erst richtig möglich zu bestimmen, wer zugelassen wird. Die göttliche Ordnung wurde und wird in Österreich immer von der gerade herrschenden Macht zu ihren Gunsten interpretiert. Man hat sich hier nie einem gesellschaftlichen Prinzip verpflichtet gefühlt. Immer schon war dieser faschistische Handgriff der esoterisch abstrakten Interpretation geläufig. Aber. Ohnehin ist niemand zugelassen. Längst sind alle Personen in Minderheiten zusammengefaßt, die ihren Ausschluß stets bereithalten.</p>
<p>Frauen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, zumindest ihr Schicksal zu besprechen. Diese Frauen müssen scheitern. Die magere Ausbeute feministischen Denkens hierzulande liegt ganz einfach daran, daß es eine derart riesige und alles gefährdende Unternehmung ist, das eigene Schicksal zu denken. Nach dieser Arbeit noch die Kraft und die Zeit zu finden, diese Sprecherfahrung an sich selber auch noch in eine Sprache zu führen. Für diese Arbeit ist sehr oft das Leben einfach zu kurz. Die zu findende Sprache wäre ja erst auch nur dieser einen Person verständlich und müßte dann wiederum in mühseliger Arbeit übersetzt werden. So wird dann lieber aus anderen Soziologien berichtet und das Eigene links liegen gelassen. Da kann es dann in Ruhe vermodern. Links. Das gibt es ja gar nicht.</p>
<p>Und. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß in der Tschechei oder weiß der Teufel wo wieder hat, der kann weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p>
<p><em>Die zweite Drehung</em></p>
<p>Im Katholischen ist die Frau in ihrer Bedeutung sekundär abgeleitet. Es hilft kein Marienkult und keine Beteuerung, man schätze die Frauen doch ohnehin. Die Frau ist prinzipiell schlecht. Das wird im katholischen Gründungsmythos in Eva personifiziert. Wir leben hier also in einer Dualität der Weltbeschreibungen. Wenn ich in liberalen Zeitungen dann die US-amerikanische Situation mit creation und evolution so nett flippig herablassend kommentiert finde. Dann finde ich das sehr verwunderlich. Es ist töricht anzunehmen, österreichisch kulturelle Vorstellungen befänden sich auf der Seite eines Postpositivismus und wären wissenschaftlich begründet.</p>
<p>Der Geschlechtsvorstellung jeder einzelnen Person liegt unbearbeitet der katholische Gründungsmythos des Geschlechts zugrunde. Das ist kulturell vermittelt. Dazu muß hierzulande niemand in der Kirche gewesen sein. Diese Hierarchie vermittelt sich hier jedem Mann einmal in der Hebung seines Selbstgefühls. Deshalb findet sich dieses Gefühl auch bei Sozialdemokraten oder liberalen Vordenkern, deren Denken dann ja eher als ein Herumdenken anzusehen ist, das solche Leerstellen umkreist, statt sie zu erhellen. Die politische Linke und die Herumdenker sind durch die, wiederum kulturell vermittelten Benachteiligungen gegenüber der Macht, die historischerweise nur katholisch denkbar ist, und die sie nun manchmal selber in die Hand bekommen, derart verstört, daß sie gerne die kleine Überlegenheit des Männlichen ausüben, die in dieser Kultur den Männern „zusteht“. Natürlich wissen sie davon nichts. Das Schöne an diesem kulturell vermittelt Katholischen ist ja, daß es durch die lange Geschichtswirkung als natürlich empfunden werden kann. Die Natur des Menschen wird hierzulande in der „natürlichen“ Ordnung des Katholischen gesucht. Nur Atomkraftwerke werden nach den Regeln der Wissenschaft gebaut.</p>
<p>Frauen dürfen deshalb im Familienrecht zwangsemanzipiert werden.  Im Eherecht ist die rationale Überlegung, daß Frauen gleichberechtigt sein müssen, in der Regelung der Gütertrennung voll erfüllt. Gleichzeitig gilt die kulturelle Hierarchisierung von Frauen als die Anderen. Frauen wurden im Katholischen immer zur Erhebung der Männer verandert. Die Frauen bilden die schlechte Grundlinie, von der aus die Männer sich so viel besser fühlen können. Im Eherecht. Da hat sich der so leicht durchzuführende Handgriff des Faschistischen endgültig erfüllt.</p>
<p>Diese Form des Eherechts war das Ziel der Nationalsozialisten. Sie wollten die Befreiung des arischen Manns von den gesellschaftlichen Fesseln bürgerlicher Werte und damit gesellschaftlicher Verantwortung. Im Österreich der 70er und der 90er Jahre waren sich die ÖVP Männer in der Politik dann selbst so viel Wert wie damals ein arischer Mann. Der Unterschied ist nur, daß in der Nazi-Zeit die Verantwortung an die Volksgemeinschaft zurückgegeben wurde. So ein ÖVP Politiker und seine jeweiligen Koalitionspartner. Der ist sich das gleich nur selber wert. Gesellschaft, das könnte ja wiederum etwas Linkes bedeuten. Da sorgt einer doch besser einmal für sich und gibt Verantwortung einfach überhaupt auf. So ein ÖVP-Politiker und seine jeweiligen Koalitionspartner können sich ja jederzeit in der Kirche der „natürlichen“ Ordnung vergewissern und sich von da mitverantworten lassen. Und weil es kulturell vermittelt wird, muß keiner auch nur einen Schritt in die Kirche machen. Es genügt, Ö1 aufzudrehen und sich in der Ankündigung einer Beethoven Symphonie dieser göttlichen Ordnung versichern zu lassen. Es ist ja ein Ton, der diese Sprache bestimmt. Es genügt, diesen Ton zu benutzen.</p>
<p>Und. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß in der Tschechei oder weiß der Kuckuck wo wieder hat, der kann weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p>
<p><em>Die dritte Drehung.</em></p>
<p>Weil die „natürliche“ Ordnung der Geschlechter gar nicht außerhalb der göttlichen Ordnung gedacht werden kann. Deshalb ist die Bändigung des Unruhefaktors Weiblichkeit in der Herstellung dieser Ordnung die Grundlage kulturellen Handelns. In der Erziehung bedeutet das, daß die Mädchenerziehung im Mittelpunkt aller Vorstellungen steht.</p>
<p>Die heutigen Eliten geben ihre kleinen Mädchen in katholische Schulen, so wie sie das vor hundert Jahren oder fünfhundert Jahren machten. Daß die Eliten heute liberal und kapitalistisch sind und sich darin ja nun in keiner Weise auf eine göttliche Ordnung berufen. Eine solche Inkongruenz hat die Eliten schon des Feudalen nicht gehindert.</p>
<p>Das kleine Mädchen wird dem Katholischen übergeben. Im Alter von etwa 6 Jahren wird das kleine Mädchen in der Ersten Heiligen Kommunion endgültig von seinem eigenen Vater getrennt und dem göttlichen Vater zugeeignet. In einer Zeit, in der das kleine Mädchen den eigenen Vater am meisten liebt und lieben muß, in dieser Zeit übergibt ebendieser so geliebte Vater das kleine Mädchen dem Blick des Beichtvaters in die Seele des kleinen Mädchens. Das kleine Mädchen muß diese grausame Trennung überleben. Dafür muß es sich selber die Schuld an diesem Vorgang geben. Das bedeutet, es muß die negative und schuldhafte Ableitung des weiblichen Geschlechts an sich nachvollziehen. Denn. Den Vater kann das kleine Mädchen nicht verantwortlich machen. Der weltliche Vater ist ja der Garant des Überlebens. Um sich selbst das Überleben sichern zu können, muß also der weltliche Vater freigesprochen werden und die Überantwortung an den göttlichen Vater als die eigene Schuld auf sich genommen werden. Im Beichtstuhl wird dann gleich auch noch im 6. Gebot das Onanieverbot ausgesprochen. Das kleine Mädchen wird von seiner eigenen Sexualität abgetrennt. Sexualität wird schuldhaft und sündig. Natur wird denaturiert und in diesem Zustand als natürlich vermittelt.</p>
<p>In diesen Vorgängen wird dem kleinen Mädchen die Sprache genommen, indem ihm das Selbst entzogen wird und an dessen Stelle die göttlichen Gesetze eingepflanzt werden. Das kleine Mädchen kann von da an nur noch in Geständnissen sprechen oder sich der Sprache der Macht bedienen. Immer aber wird das zu Verdächtigungen führen. Es handelt sich ja um den verachteten Vorgang der Assimilation. Wie wir das bei der Innenministerin gesehen haben. Dem kleinen Mädchen ist der Raum des Selbst und des Privaten genommen worden.</p>
<p>Und. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß in der Tschechei oder weiß der Himmel wo wieder hat, der kann weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p>
<p><em>Die nächste Drehung.</em></p>
<p>In Österreich hat das Katholische viele kulturelle Funktionen übernehmen müssen. Eines hat es nie. Das Katholische hat nie zur Stiftung von Gesellschaft gedient. Das kann es gar nicht. Die Zugehörigkeit organisiert sich durch die Anerkennung des grundlosen Gottes. Gesellschaft ist ein Versuch, Sinn aus dem Leben in der Welt zu schöpfen. Die Vorstellung eines Gemeinsamen bildet dafür die Verhandlungsgrundlage. Der Sinn muß je neu verhandelt werden.</p>
<p>Die göttliche Ordnung des Katholischen kennt kein Verhandeln. Das können wir an unserer Sprache heute deutlich nachprüfen. Wenn unsere Politik sich vor allem in Verweigerung ausdrückt, dann hat das damit zu tun, daß unsere Sprache die Verhandlung nicht kennt. Unsere Sprache kennt vor allem kein überpersönliches gemeinsames gesellschaftliches Ziel. Unsere Sprache kennt nur die Verdammung oder die Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen. Unsere Sprache ist auf der zivilen Ebene damit eine Polizeisprache, die sich nur in Verhör und Geständnis ausdrücken kann. Wer Macht hat, kann dann eine Predigt halten. In der Predigt werden die Regeln niedergelegt, die das Verhör leiten und das Geständnis möglich machen.</p>
<p>Unsere Literatur bewegt sich denn auch genau in diesem Spannungsfeld. Verhör des Lesers oder der Leserin, die dann eigentlich ein Leser sein muß, sonst könnte sie den Text nicht entschlüsseln. Geständnisse, in die der Leser oder die Leserin einstimmen und für die das Geschlecht eher in die andere Richtung zu wechseln wäre. Männer müssen ja Frauen werden in dieser Kultur, wenn sie ihre Teilnahme an der göttlichen Ordnung nicht aufrecht erhalten können. Oder wollen. Deshalb sind Männer in der Krise in unserer Kultur noch einmal ein anderes Geschlecht. Aber wie das in einer rigiden Hierarchie eben so ist. Die Männer müssen ihre Krisen wieder vergessen und dürfen nichts gelernt haben, sonst wären sie dann keine Männer mehr. Oder Frauen erfolgreiche Frauen.</p>
<p>Und. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß wieder hat, der kann weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p>
<p><em>Die schnellen Drehungen kurz vor dem Ende des Walzers.</em></p>
<p>Weiblichkeit wird in unserer Kultur als Schuld aufgefaßt. Da es nun keine Gesellschaft gibt, in der Weiblichkeit zur Erscheinung kommen könnte und damit Geschlecht einer Besprechung zugeführt werden kann. Weiblichkeit bleibt dann etwas Unöffentliches.</p>
<p>Das ist dann so, als gäbe es Frauen nicht. Und so ist es ja auch. Und so wird es ja auch empfunden. Die Diagnose davon heißt Depression und wird über 40 % der Frauen auch von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin ausgesprochen. Der Rest der Frauen muß sich mit depressiven Episoden oder Angstproblematik herumschlagen.</p>
<p>Wenn es die Frauen aber in ihrer Weiblichkeit gar nicht gibt, wo können sie dann ihre Existenz zur Sprache bringen. Nun. Sie können es nicht. Die Literatur von Frauen ist in unserer Kultur der verzweifelte Versuch, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Sicherlich ist das zweite Kapitel aus „Malina“ das dringlichste Dokument dafür. Aber. Es kann nicht gelesen werden. Die Wörtlichkeit selbst ist aufgesagt. Alle Zensuren dieser Kultur dringen auf so einen Text ein. Die „natürliche“ Minderwertigkeit der Weiblichkeit. Das verachtete Assimilationsbegehren in der Sprache. Die unbotmäßige Beanspruchung der Form der Predigt im Sprechen des Texts. Das Geständnis, das dann immerhin den Anspruch der Wahrheit aufwirft, die Gestehende aber verurteilt.</p>
<p>Ein österreichischer Literaturtext kann in Österreich nicht gelesen werden. Er kann nicht ertragen werden. Ein Literaturtext des Österreichischen bringt jenes Chaos zur Erscheinung, das in der göttlichen Ordnung von der Gegenreformation bis zum Absolutismus und dessen Verinnerlichungen in Faschismus und Nationalsozialismus  niedergehalten werden sollte. Das Weibliche ist als Metapher dieses Chaos vollends unerträglich.</p>
<p>Und. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß und alles andere wieder hat, der kann weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p>
<p><em>Noch dieser vollends schnelle Wirbel am Ende des Walzers.</em></p>
<p>Nach der Einladung zu dieser Veranstaltung schrieb ich einen Text. Ich untersuchte die Wirkung der katholischen Mädchenerziehung. Ich bin selbst katholisch sozialisiert. Ich habe eine eigene Sprache. Ich konnte aus diesem unerhörten Raum berichten. Der Text dann. Er könnte in das zweite Kapitel von „Malina“ gehören. Aus meinen bisherigen Erfahrungen muß ich schließen, daß ein solcher Text wiederum genau so rezipiert werden würde, wie das mit „Malina“ der Fall war. Der Text würde hermetisch in sich abgeriegelt der Autorin zurückgeschoben werden. Die Offenbarung einer literarischen Wahrheit würde so gegen die persönliche Wahrheit abgerechnet werden. Das würde in jedem Fall ein Minus ergeben. Es läge ja an dem Leser, der dann einmal eine Leserin sein könnte. Es läge ja an der Lesung selbst, wie viel an Wahrheit da beinhaltet werden kann. Ich lege also diesen Text nicht vor. Ich denke, man oder frau könnte einen solchen Text besprechen und in dieser Besprechung einen Raum schaffen, in dem in der Kommunikation selbst die strukturell wirksame Vernichtung eines solchen Texts kurz aufgehoben werden kann.</p>
<p>Denn. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß in der Tschechei wieder hat, der wird weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p></div>
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