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	<title>Marlene Streeruwitz &#187; Lieblingsrezensionen</title>
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	<description>Autorin &#124; Regisseurin &#124; Wien &#124; Berlin &#124; London &#124; New York</description>
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		<title>Rezension von Tim Niklas Christmann</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2009/04/01/rezension-tim-niklas-christmann/</link>
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		<pubDate>Wed, 01 Apr 2009 15:50:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lieblingsrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Der selbst gemachte Mann. Marlene Streeruwitz’ Kreuzungen. aus Kultur&#38;Geschlecht Spiegelungen Der Umschlag des Buches ist aus einem spiegelnden Material gefertigt. Die obere Hälfte der Coverseite ist frei gehalten. Auf der unteren Hälfte findet sich in blauen Druckbuchstaben der Autorinnenname, darunter etwas größer in roten Druckbuchstaben der Titel, darunter wieder in blauer Druckschrift die Gattungsbezeichnung und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Der selbst gemachte Mann.<br />
Marlene Streeruwitz’ Kreuzungen. </strong></h2>
<p><a href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/genderstudies/kulturundgeschlecht/" target="_blank">aus Kultur&amp;Geschlecht</a></p>
<h4>Spiegelungen</h4>
<p>Der Umschlag des Buches ist aus einem spiegelnden Material gefertigt. Die obere Hälfte der Coverseite ist frei gehalten. Auf der unteren Hälfte findet sich in blauen Druckbuchstaben der Autorinnenname, darunter etwas größer in roten Druckbuchstaben der Titel, darunter wieder in blauer Druckschrift die Gattungsbezeichnung und der Verlag.<br />
Nimmt man das Buch in die Hand, um es aufzuschlagen oder um den Titel zu lesen,verändert sich etwas. Es passiert etwas Irritierendes.</p>
<p><a href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/genderstudies/kulturundgeschlecht/pdf/Christmann_Kreuzungen.pdf" target="_blank">Zum PDF</a></p>
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		<title>Kleiner Mann, was nun?</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2008/10/14/kleiner-mann-was-nun/</link>
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		<pubDate>Tue, 14 Oct 2008 15:44:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lieblingsrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Besprechung des Romans &#8220;Kreuzungen.&#8221; in der Frankfurter Rundschau vom 14. Oktober 2008. Von Ina Hartwig Als der merkwürdige Gianni auftritt, hat Max einen Teil seiner Verwandlung schon vollzogen. Allerdings ist dieser Max kein Normalsterblicher, den im besten Mannesalter eine vulgäre Midlifecrisis ereilte, sondern ein hochrangiger Vertreter jener in diesen Tagen im Interesse der verängstigten Öffentlichkeit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="wysiwig-plain">
<p>Besprechung des Romans &#8220;Kreuzungen.&#8221; in der Frankfurter Rundschau vom 14. Oktober 2008.</p>
<p>Von Ina Hartwig<span id="more-212"></span></p>
<p>Als der merkwürdige Gianni auftritt, hat Max einen Teil seiner Verwandlung schon vollzogen. Allerdings ist dieser Max kein Normalsterblicher, den im besten Mannesalter eine vulgäre Midlifecrisis ereilte, sondern ein hochrangiger Vertreter jener in diesen Tagen im Interesse der verängstigten Öffentlichkeit stehenden Finanzkaste, die vor lauter Geld die Scheine nicht mehr sieht.</p>
<p>Eben hat Max sich, nach der unappetitlichen Scheidung von Lilli, das Gebiss neu richten lassen, in einer Luxusklinik in Basel. Er hat sich einquartiert in einem venezianischen Renaissance-Palast, und nachdem die blutende Mundhöhle verheilt ist, geht er nun das erste Mal wieder hinaus, sucht ein Restaurant auf. Die Wunde, die Heilung: Max, der in Wien nicht nur Lilli und die beiden Töchter zurücklässt, sondern sein ganzes früheres Leben, hat sich Venedig zum Ort seiner Metamorphose gewählt; wie Gustav von Aschenbach &#8211; doch anders als diesem ist Max die Lust auf andere Menschen erstorben.</p>
<p>Die köstlich duftende, zart gebratene Leber kühlt langsam auf dem Teller ab, und gerade als Max den richtigen Moment für den ersten Bissen für gekommen hält, taucht aus dem Nichts Gianni auf. Max, zuerst genervt, wird erwählt für ein höchst ungewöhnliches Experiment, bei dem er zum zahlenden Zuschauer wird. Schon bald lässt der von seiner OP Genesende Giannis Aktionen in seiner eigenen Wohnung mit wohligem Ennui über sich ergehen: Gianni, seines Zeichens Kotkünstler, versetzt den steinreichen Max in &#8220;philosophische Stimmung&#8221;. Den symbolischen Zusammenhang von Geld und Ausscheidung hat die Psychoanalyse hinreichend entlarvt, und in der Tat können wir die skurrile Szenerie durchaus als spielerischen Beleg der Freudschen Theorie lesen: Gianni kackt jedes Muster, das Max sich wünscht &#8211; dafür zahlt er alles, was Gianni fordert, vor allem: teures, exzellentes Essen.</p>
<p>In einer öffentlichen Diskussion sagte Marlene Streeruwitz, von deren neuem, aufregenden, ganz und gar außergewöhnlichen Roman &#8220;Kreuzungen&#8221; hier die Rede ist, Max und Gianni gründeten &#8220;eine Sekte&#8221;. Im Roman fällt das Wort nicht. Doch stimmt es, die beiden Männer sind, obwohl sie einander keinmal berühren, miteinander verschworen; so lange, bis Gianni &#8211; von dem wir erfahren, er habe als osteuropäischer Lyriker in einem kommunistischen Kerker gesessen &#8211; plötzlich wieder geht. So endet die Venedig-Episode der &#8220;Kreuzungen&#8221; nicht wie Thomas Manns Novelle mit dem Tod, sondern mit dem Verlassenwerden.</p>
<p>Was hat Marlene Streeruwitz, diese pessimistische Virtuosin der zeitgenössischen Condition féminine, sich nicht alles vorwerfen lassen müssen! Bei diesem Buch aber, in dessen Zentrum ein Mann &amp; Machtmensch steht &#8211; wenngleich der im Klappentext bemühte Vergleich mit dem französischen Präsidenten Sarkozy in die Irre führt -, gab es bereits einige auffallend positive Reaktionen. Das ist erfreulich und mehr als berechtigt, und doch fragt man sich: Warum ausgerechnet hier?</p>
<p>Augenscheinlich trifft die Autorin einen Nerv. Endlich hat das Thema des explodierenden Extremreichtums, der Streeruwitz zufolge unsere Gesellschaft refeudalisiert, es in die Gegenwartsliteratur geschafft. Der Stoff liegt schreiend da und will bearbeitet werden. Von Ernst-Wilhelm Händler abgesehen, der eine Fabrik leitet, kümmern sich nicht eben viele deutschsprachige Schriftsteller um das naheliegende Sujet. Gut, dass Händlers bewusst antipsychologischer Poetik nun ein anderes, wenn man so will &#8220;hitzigeres&#8221; Modell entgegensteht: Zwar ist auch Streeruwitz spezialisiert auf die glatten Oberflächen der Körperindustrie, deren betörende Wirkung sie keineswegs leugnet, auf Fetischismen und Perversionen, jene inszenierten Schlüsselreize &#8211; will ihnen aber nicht die Oberhand überlassen.</p>
<p>Es ist da ein gewisser Restwiderstand, eine Empörung, ein Ekel, der ihre rasante Prosa und teilweise faszinierende barocke Phantasie antreiben.</p>
<p>Dass Gianni, der Kotkünstler, plötzlich fort ist, quittiert Max, der sich wohl gern als Geldkünstler sähe, mit derselben Robustheit, mit der er seine langjährige Ehe mit der immer verzweifelteren und daher immer böswilligeren Lilli abschüttelt. Nicht einmal die Zuckung von Trauer lässt Streeruwitz bei ihrem sonderbaren Helden erkennen.</p>
<p>Und doch, und doch: Man kann darüber streiten, ob dieser Max, diese maskuline Festung, dessen Bereicherungsgier schon mal über Leichen geht, dessen Geschlechtsorgan konsequent als &#8220;Kleiner Mann&#8221; infantilisiert wird und stets grammatisch ungebeugt bleibt, der sich alles, inklusive Frauen, kaufen zu können glaubt von seinen 900 Millionen; man kann streiten, ob dieser Mensch wirklich keinen Mangel erleidet. Man kann streiten, ob sein Narzissmus total oder ob nicht doch eine Öffnung für Tränen in seiner Seele existiert.</p>
<p>In der Tat ist die Frage der Nähe oder Ferne zu ihrem jüngsten Anti-Helden spannend: Auch wenn Marlene Streeruwitz ihn offensichtlich nicht mag, so kriecht sie ihm doch ins Fleisch. Grandios ist gleich die Eingangsszene, in der sich Ego, Geld und Sex unauflöslich verbinden: &#8220;Sie mussten ihm den Rücken zukehren. Er hatte es gerne, diese kleinen Rücken arbeiten zu sehen. Er wollte nur noch sehen, wie sie auf- und abpumpten. Mit ihren Kinderkörperchen. Manchmal musste er sie festhalten und abbremsen. Die kleinen Asiatinnen dachten doch, sie könnten sich beeilen und ihn schnell fertig machen. Eilfertig sollten sie sein und nicht eilig und er brachte ihnen das bei. Jedes Mal neu brachte er ihnen das bei. Er hätte eine Schule aufmachen können, so geübt war er darin mittlerweile. Es war schon lachhaft.&#8221;</p>
<p>Scham? Mitnichten. Vielmehr: Recht und Gewohnheit, sich das ideale perverse Setting einzurichten, wobei noch zwei imaginäre &#8220;Spiegelungen&#8221; hinzukommen zu den sich abrackernden Asiatinnen. Max stellt sich das wutverzerrte Gesicht Lillis vor und auf der anderen Seite die beiden Töchterlein, unschuldig in ihr Spiel auf dem Teppich versunken: &#8220;Alle drei Bilder auf einmal und er hätte sterben können.&#8221;</p>
<p>So ist Max zugleich Freier, Ehemann und Vater in seinem pornographischen Traum. Und was hat er sonst noch für Träume? Als er nach der Trennung von Lilli, und nachdem er in Venedig seine &#8220;menstruierende&#8221; Mundhöhle kuriert hat, und nach Giannis Abgang, wieder allein ist, denkt sich dieses Machttier aus, dass es angenehm wäre, noch einmal Töchter zu zeugen.</p>
<p>Aber bitte mit einer statusgemäßen Frau (britischer Adel erscheint ihm passend) und mit einem wasserdichten Ehevertrag. Er heuert eine professionelle Heiratsvermittlerin an, doch geht die Vermittlung schief, nicht zuletzt, weil Francesca, das Heiratsobjekt, sich weigert, den Nachwuchs auf natürlichem Weg zu empfangen.</p>
<p>Man fragt sich, ob es realistisch ist, dass ein Fastmilliardär sich so sehr zurückziehen kann von seinen Geschäften, wie Max es tut. Oder ob so einer nicht ständig mit seinen weltweiten Büros kommunizieren müsste, um die Kontrolle über sein Vermögen zu behalten. Denn märchenhafterweise bleibt Max&#8217; Vermögen von den Finanz- und Aktienturbulenzen, die er in den Zeitungen zur Kenntnis nimmt, unberührt. Streeruwitz will zeigen, was es heißt, die Kontrolle über die Droge namens Ich zu behalten. Aber dieses Ich umgibt eben eine dicke Geldkruste. Die Konsequenz ist verblüffend: Max hat das sichere Gefühl, unsichtbar werden zu müssen. Alles andere scheint ihm zu gefährlich, wie ihm sein scheiternder Heiratsversuch mit Francesca klarmacht: Er wittert eine Verschwörung, ja Mordabsichten. Sein Geld macht ihn, den Verletzenden, verletzbar.</p>
<p>Aber nicht er stirbt, sondern eine Frau. Überhaupt, die Frauen. Es gibt ihrer einige markante Exemplare in diesem Roman, Lilli ohnehin, aber auch Dr. Erlacher, die Wiener Psychotherapeutin, die Max sich gönnt (ihre Aufmerksamkeit schmeichelt ihm), Madame Zapolska, die Heiratsvermittlerin, deren Professionalität ihm Respekt einflößt, die verwöhnte rätselhafte Francesca, die totgefahren wird, ein läppischer Unfall. Vor allem die schöne Unbekannte, das einzige echte Sehnsuchtsbild in diesem Roman: eine ärmlich wirkende Frau auf einem Boot in Venedig, deren stolze Ausstrahlung Max berührt, ohne dass er wagt, sie anzusprechen.</p>
<p>Das Schlusstableau schwelgt in Süße, in Luxus &#8211; und erhält das Gewicht eines Statements: Max sitzt ganz allein in seinem neuen Londoner Domizil und schleckt aus der bloßen Hand Patisserie von Fortnum&#8217;s: &#8220;Er aß langsam. Er sah hinaus. Morgen beginne ich ein ganz neues Leben, dachte er und biss das nächste Stück von der Schokoladenbombe ab. Das Glücksgefühl überschwemmte ihn wieder.&#8221;</p>
<p>Macht und Regression, Einsamkeit und Rausch sind eins geworden: Kleiner Mann, was nun? Der Geldmensch hat schmutzige Hände und ist doch nur ein gottverlassenes Kind. Marlene Streeruwitz&#8217; &#8220;Kreuzungen&#8221; sind ein Geniestreich.</p></div>
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		<title>Literatur im Schloss: Kreuzungen (2008)</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Oct 2008 15:46:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lieblingsrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Einleitung Markus Kreuzwieser Einleitende Worte von Markus Kreuzwieser zum Roman &#8220;Kreuzungen&#8221; anlässlich einer Lesung im Rahmen der Veranstaltung &#8220;Literatur im Schloss&#8221; in Gmunden, Schloss Traunsee, am Freitag, 10. Oktober 2008. Markus Kreuzwieser Gmunden, Schloss Traunsee, Freitag, 10. Oktober 2008 Marlene Streeruwitz: Kreuzungen (2008) 1. Global Player Aktueller, meine Damen und Herrn, wie der neue Roman [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://eliZZZa.net/mstr/wp-content/uploads/2009/05/einbegleitung_streeruwitz_kreuzungen.pdf">Einleitung Markus Kreuzwieser</a></p>
<p>Einleitende Worte von Markus Kreuzwieser zum Roman &#8220;Kreuzungen&#8221; anlässlich einer Lesung im Rahmen der Veranstaltung &#8220;Literatur im Schloss&#8221; in Gmunden, Schloss Traunsee, am Freitag, 10. Oktober 2008.<span id="more-215"></span></p>
<div class="wysiwig-plain">
<h2>Markus Kreuzwieser</h2>
<p>Gmunden, Schloss Traunsee, Freitag, 10. Oktober 2008</p>
<p>Marlene Streeruwitz: Kreuzungen (2008)</p>
<p>1. Global Player</p>
<p>Aktueller, meine Damen und Herrn, wie der neue Roman Kreuzungen unseres Gastes Marlene Streeruwitz, kann ein Buch kaum sein. Denn im Zentrum des Buches steht ein Investment-Banker, ein Global Player.</p>
<p>Dennoch lag meine erste Annährung an den Text nicht in der unmittelbaren Gegenwart und ich beginne nicht, so verlockend dies scheinen mag, mit Zitaten aus Finanz- oder Börsenberichten, die das Scheitern des neokapitalistischen Systems ja noch immer verschweigen oder kleinreden. Zudem geht es um Literatur, ein Sprachkunstwerk, und um ein solches handelt es sich allemal bei Kreuzungen, nicht um eine ökonomische Studie.</p>
<p>Darf ich Sie an eine der ersten literarische Darstellung eines Global Players erinnern? Der Berliner Germanist Michael Jaeger liest in seiner Studie Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart 2008 vor allem Faust II als eine Phänomenologie der anbrechenden Moderne, in die Goethe sein Unbehagen an dieser einschreibt. Faust wird zum Archetypus dieser Moderne, ein männlicher Macher, vielfältig gebrochen in seiner Psyche, der radikal mit der kulturellen, religiösen, philosophischen und politischen Tradition bricht und sein ganzes ungeduldiges Streben in den Dienst einer „zweiten Schöpfung“ stellt. Faust repräsentiert damit den unbedingten Willen des modernen prometheischen Menschen, der in Kenntnis der vermeintlichen Gesetze der Geschichte und der Natur als Arbeiter, Ingenieur und Erfinder, Unternehmer und Staatslenker eine ganz neue Welt konstruieren [will], womöglich auch einen neuen, stärkeren, gesünderen Menschen zu erschaffen […] sucht.1</p>
<p>Fausts Ausruf „Allein ich will!“ (V 1784) entspricht Goethes kritischem Verständnis der modernen Denkart. Faust selbst will Gott sein, […] der das Ganze selber macht, der unmittelbaren Zugriff auf das Ganze des Seins hat.2  Und bezeichnender Weise steht am Anfang von Fausts scheiternder Unternehmer Karriere die Schaffung von Papiergeld, eine alchemistisch-magische „Wertschöpfung aus dem Nichts“, wie dies Hans Christoph Binswanger in seiner ökonomischen Deutung von Goethes Faust nennt.3</p>
<p>2. Kreuzungen (2008)</p>
<p>Wer von Ihnen Faust noch im Kopf hat und Marlene Streeruwitz Roman bereits kennt, weiß, dass wir hier wie dort auf einen „Macher“ treffen. Fausts zitiertes „Allein ich will!“ (V 1784) scheint mir auch Streeruwitz’ Protagonisten in wesentlichen Facetten seiner Persönlichkeit zu charakterisieren. Und wie im Faust sind die Themen Reichtum, Macht und Sexualität entscheidend. In Kreuzungen befinden wir uns aufgrund eines äußerst kunstvollen und raffinierten inneren Monolog im Kopf des Mannes. Er ist offensichtlich exorbitant reich, will aber noch reicher werden, um so das System völlig zu beherrschen, um dann aus ihm auszusteigen, um es gleichsam zu transzendieren.</p>
<p>Ihm scheint durch und mit Geld praktisch alles möglich zu sein: „Allein ich will!“ – egal ob er das Geld lenkt: „Man musste auf dem Geld so sitzen, wie auf einem Pferd. Die Muskel strecken und zusammenballen. Und mit dem Zügel in der Trense musste man das Geld so führen wie ein guter Reiter. Aufrecht und die Steigbügel eher hoch und die Schenkel immer um den Körper des Tieres geschlossen.“ (K, 10)4 Oder ob er das Tempo der„Kinderkörperchen“ (K, 5) der asiatischen Sex-Sklavinen beim Geschlechtsakt bestimmt:</p>
<p>„Eilfertig sollten sie sein und nicht eilig und er brachte ihnen das bei.“ (K, 5) „Neben ihm wurde nur noch so geatmet, wie er es wollte. Die Asiatinnen. Die mussten keuchen, wie sein Kleiner Mann das bestimmte.“ (K, 78) Macht, Gewalt, Reichtum und Sexualität.</p>
<p>Marlene Streeruwitz formuliert, wie Sie an diesen kurzen Beispielen unschwer bemerken können, in ihrer kunstvollen literarischen Zugespitztheit – oft von der Kritik als Manieriertheit missdeutet – die unhintergehbare Wahrheit, dass im Zentrum der Welt das Geld stehe. Sie stellt sich, wie in allen ihren anderen, vielfach mit Preisen bedachten Arbeiten, sei es in der Prosa, auf dem Theater, sei es im kritischen Essay, ihrer Performancekunst oder ihrer Regiearbeit, der Machtfrage in der Moderne bzw. Postmoderne. Sie entwickelt in Kreuzungen vor der Leserin, dem Leser bittere Wahrheiten und Fragen. Wie ist ein Mensch beschaffen, der über diese Geld-Macht verfügt? Wie behandelt er die Welt, die Menschen, sich selber?</p>
<p>Max, wir erfahren seinen Namen erst gegen Ende des Romans und nicht von ungefähr beiläufig, steht – eine der vielen Bedeutungen des Titels – an einem Kreuzungspunkt seines Lebens. Ihn bestimmt grenzenlose Selbstbezogenheit, zu der ihm das Geld die Möglichkeit gibt. Um die Welt in den Griff zu bekommen, bedient er sich aller Mittel. Es geht in einem radikal umfassenden Sinne um den Versuch einer „zweiten Schöpfung“ seines Lebens, seiner Person. Zu dieser Neuschöpfung beschäftigt er die Psychotherapeutin Dr. Erlacher ebenso wie Zahnchirurgen, Anwälte, eine serbische Putzfrau, Künstler und Auktionshäuser oder Heiratsvermittlungen.5</p>
<p>Ein Heer von Anwälten etwa regelt mit ausgetüftelten Verträgen sein Verhältnis zur Außenwelt, selbstverständlich auch seine anstehende Scheidung von Lilli. Ihr, die er begehrte und nun auf verquere Weise bewundert und hasst, sind Kaufrausch und Wut geblieben.6  Für Max heißt das: „Sie hatte die Gegenwart mit ihm aufgegeben. […] In seine Pläne konnte sie nicht mehr eingebaut werden. Der Bruch mit Wien.“ (K, 69) Dies gilt in modifizierter Weise auch für seine Töchter Hetty und Netty, deren Älterwerden er nicht akzeptieren kann und die er so in ein Bild unschuldig spielender Mädchen zu seinen Füßen einfriert.</p>
<p>„Er wusste, dass er alles überwinden würde. […] Die Zügel fest und sicher und mit der Trense die Richtung. Eingraben. Mit der Trense ins Fleisch eingraben, wohin es gehen sollte. Wohin es gehen musste.“ (K, 77)</p>
<p>Max setzt den Neubeginn: „Süßes Leben. Es war herstellbar. Er würde es wieder haben. Er würde es sich machen.“ (K, 78) Er unterzieht sich einer schmerzhaften kosmetischen Zahnoperation und reist von Wien nach Venedig. Dort verliebt er sich in eine geheimnisvolle Frau, der er bis auf den Lido folgt. Ein Begehren, das von Marlene Streeruwitz durch grandiose literarische und cineastische Anspielungen an Thomas Mann und Lucino Visconti formuliert und gleichzeitig dekonstruiert wird. Er begegnet und bedient sich des Künstlers Gianni, und schließlich beauftragt er eine Heiratsagentur, die ihm für die Schöpfung seines neuen Lebens Francesca, „eine Engländerin aus einer alten Familie, in der die Töchter immer schon gegen Geld ausgetauscht worden waren“ (K, 153), vermittelt.</p>
<p>Der Text schließt aber nicht so. Noch einmal Faust: Kann es im 21. Jahrhundert eine „Bergschluchtenszene“ geben, in der das „ewig Weibliche“ als rettendes Element, als Erlösungsmöglichkeit auftritt? Zunächst: Bis heute werden Goethes relativierende Textsignale der Szene übersehen.</p>
<p>Der Banker Max sieht Textarbeit aber gänzlich anders: „Er konnte zum unsichtbaren Lenker der Leben der Reichen werden und sich daraus Romane basteln. Er konnte Romane machen.</p>
<p>Er musste nicht schreiben. Er machte. Er tat.“ (K, 62)</p>
<p>Marlene Streeruwitz schreibt großartige Texte, in denen Leben und Welt zu Sprache gerinnt.</p>
<p>Freuen Sie sich mit mir auf die Lesung!</p>
<p class="discreet">1  Vgl. Michael Jaeger: Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart. Zur Aktualität Goethes Berlin: wjs Wolf Jobst Siedler jr. 2008. S. 14, 15. Eingehender in Michael Jaeger: Fausts Kolonie. Goethes kritische Phänomenologie der Moderne. Würzburg: Königshausen &amp; Neumann 2005.</p>
<p class="discreet">2  Jaeger, Global Player, S. 61.</p>
<p class="discreet">3  Hans Christoph Binswanger: Geld und Magie. Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust. Hamburg:Murmann 2005. S. 26.</p>
<p class="discreet">4  Marlene Streeruwitz: Kreuzungen. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2008. Zit. als K, Seite.</p>
<p class="discreet">5  Folgende Aussage von Marlene Streeruwitz stützt die Beobachtung und Lese-Assoziation der „zweiten Schöpfung“: „Ich gehe davon aus, dass eine neoliberale Persönlichkeit sich selber erfinden kann und sich gestaltet und dazu alle Techniken zur Verfügung nehmen kann. Und das ist ist diesem Fall so, der kommt ja von nirgendwo, ist ein Findelkind, der sich selbst herstellt, (…) […]“ NDR Kultur – Neue Bücher, 18.07.08. Zit.nach Presseinformation S. Fischer Verlag, Marlene Streeruwitz, Kreuzungen, Roman, 14. Juli 2008.</p>
<p class="discreet">6  Ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse letztlich und selbstverständlich auch sie: „Diese Grundmelancholie. Das war der Mord an den Frauen da. […] Die Frauen waren unterwiesen worden, den fehlenden Phallus der Mutter in Strapsen darzustellen. Aber so machten sie sich unsichtbar. So machten sie sich zum Fehlenden.“ (K, 79)</p>
<p class="discreet">
<p>© Dr. Markus Kreuzwieser</p>
<p>Springerstraße 5</p>
<p>A-4810 Gmunden</p>
<p>Tel. +43/(0)7612/72583</p></div>
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		<title>Ein vertracktes, faszinierendes Buch.</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Sep 2008 15:48:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lieblingsrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Persönliche Besprechung des Romans &#8220;Kreuzungen.&#8221; von Dagmar C.G. Lorenz, Professor of Germanic Studies an der University of Illinois at Chicago. Kreuzungen ist ein vertracktes, faszinierendes Buch. Ich lese daraus, dass es ja auch bei den Maennern nicht klappt. Die Wirklichkeit haelt nicht, was die Phantasie verspricht, siehe die Wange der Frau aus Venedig, die, wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Persönliche Besprechung des Romans &#8220;Kreuzungen.&#8221; von Dagmar C.G. Lorenz, Professor of Germanic Studies an der University of Illinois at Chicago.<span id="more-218"></span></p>
<p>Kreuzungen ist ein vertracktes, faszinierendes Buch. Ich lese daraus, dass es ja auch bei den Maennern nicht klappt. Die Wirklichkeit haelt nicht, was die Phantasie verspricht, siehe die Wange der Frau aus Venedig, die, wie ich meine, eine Art Laura oder Diotima darstellt. Es ist etwas Buddhistisches an dem Erzaehlten, das in die Sphaere des Koerpers, der Sexualitaet und der Welt der Reichen in die Immaterialitaet in weite leere Raeume fuehrt, aus der sich der Protagonist wohl kaum wieder herausbegeben kann. Die Gefahr des zur extremen Verwundbarkeit fuehrenden Reichtums ist wunderbar erfasst. Aber dann zeigt sich auch die Unmoeglichkeit, aus Samsara auszusteigen auf so herrlich humorvolle Weise daran, wie der Einsame nun seine Schokoladenbombe futtert.<br />
Der Roman ist reich an Satirischem. Mir hat der Kuenstler Gianni gefallen, ein Gourmet einerseits (ich denke an die unzaehligen Fernsehshows, in denen gekocht und gebrutzelt wird), und ein Produzent von Scheisse, wie die meisten Kuenstler, man denke nur an Art-Shows und Galerien. Dann auch das homosoziale Verhaeltnis von Maezen und Kunstproduzenten.<br />
Die Frauen schneiden erstaunlich gut ab, vielleicht nicht gerade die kleinen Asiatinnen, aber die geschiedene Frau (sie braucht diesen Heini sicher nicht), die Heiratsvermittlerin, Franscesca, letztlich bereichern sie sich an dem &#8220;Helden&#8221; und Letztere jagen ihm Todesschrecken ein. Besonders pikant ist die Entdeckung der deutschen Sprache an der neuen Ehekandidatin.<br />
Ich verstehe die Verbindung zu Sarkozy nicht, die der Klappentext ansetzt, vor allem nicht vor dessen problematischen sephardischen Hintergrund (Salonika usw.). Ich daechte eher an den unsichtbaren Howard Hughes, der freilich einer aelteren Generation angehoerte.</p>
<p>Dagmar C.G. Lorenz<br />
Professor of Germanic Studies (MC 189)<br />
Director of Jewish Studies<br />
University of Illinois at Chicago<br />
1500 University Hall<br />
Chicago, IL 60607-7115</p>
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		<item>
		<title>Beim Lesen von Kreuzungen.</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Sep 2008 15:52:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Persönliche Besprechung des Romans &#8220;Kreuzungen.&#8221; von Helga Kraft, Professor of Germanic Studies an der University of Illinois at Chicago. Also da ist Max (Max K.?) der längst seine gesellschaftlichen Zusammenhänge ausgenutzt hat, und schon als Multimillionär in die obersten Ränge der Mächtigen eingetreten ist, die der kleine Angestellte Josef K. in Kafkas Proceß umsonst versuchte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Persönliche Besprechung des Romans &#8220;Kreuzungen.&#8221; von Helga Kraft, Professor of Germanic Studies an der University of Illinois at Chicago. <span id="more-225"></span></p>
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<p>Also da ist Max (Max K.?) der längst seine gesellschaftlichen Zusammenhänge ausgenutzt hat, und schon als Multimillionär in die obersten Ränge der Mächtigen eingetreten ist, die der kleine Angestellte Josef K. in Kafkas Proceß umsonst versuchte zu finden. Überlegen ist er, weil niemand ihn kennt, weil er nicht auf der Forbes-Liste der Superreichen steht. So kann er unbeobachtet handeln, kann nicht belangt werden. Max möchte aber noch der Oberste der Oberen werden.</p>
<p>Er kann – wohl aufgrund oder trotz seiner feministischen, von Freud geprägten Psychotherapeutin, Dr. Erlacher – einige Grundwahrheiten animalischer, psychischer und gesellschaftlicher Art erkennen aber nicht loswerden. Also das mit den Spiegeln. In der Tat, Max sieht sich von drei Spiegelbildern beherrscht, die ihn noch an die Gesellschaft ketten. Es sind nicht Spiegelbilder eines Ideal-Ichs wie bei Lacan, sondern wie sie einleuchtend feministisch gesehen als Folie des Mannes in der patriarchalischen Welt gebraucht werden: Die Frau als unschuldiges Kind (seine Töchter Hetty und Netty), die Frau als Sex-Objekt (die kleinen asiatischen Prostituierten), die Frau als romantisches Liebesobjekt (seine Frau Lily), alle notwendig, damit das Patriarchat funktioniert. Sein Ich und sein Trieb, immer mehr Money zu machen, fundiert auf dieser existentiellen Struktur. In seiner Neurotik des westlichen Mannes, in seinem Unbehagen erkennt er nur vage seine gesellschaftlich fixierten Position, kann aber einer Vorbestimmung nur entkommen, wenn ihn diese drei Spiegelbilder nicht mehr dominieren. Er ist deshalb seiner Frau Lily, die sein traditionelles Bedürfnis nach &#8216;Liebe&#8217; erfüllte, dankbar, ihn aus der damit verbundenen Abhängigkeit durch ihren Hass gegen ihn entbunden zu haben, weil er es selbst nicht konnte.</p>
<p>Sein Versuch, ein Spiegelbild bei Männern zu finden, wie zum Beispiel bei dem Lyriker Gianni, mit dem er eine Weile in Venedig zusammen haust, misslingt. Gianni erscheint als Chiffre des anal fixierten Künstlers im Patriarchat, der aufgrund des folterhaften Lebens in der Gesellschaft nur noch kunstvollen Stuhlgang produzieren kann und dabei ohne Skrupel Frauen fühllos sexuell ausbeutet. Die grotesk verkorkste Realität, die uns auch in Kafkas Künstler-Episode (Titorelli) im Proceß entgegentritt, sind in den Gianni-Kapiteln in der vollen Konsequenz verbildlicht: Gianni schenkt Max ein – durch kunstvoll eingenommene Speisen – Stück seiner artistisch verzierten Ausscheidung auf einem historisch kodierten Silberteller (Kunst als ästhetisierte Scheiße der Geschichte). Diese Spiegel-Möglichkeit für Max’s neues Leben verflüchtigt sich, als Gianni sang- und klanglos verschwindet.</p>
<p>Er will immer noch ein neues Leben nach altem Muster aufbauen, diesmal aber ganz ohne Luhmann&#8217;sche romantische Liebe, sondern als Simulacrum, wobei er Kontrolle behält. Dazu lässt er sich darauf ein, patriarchalisches Frausein auch körperlich zu erfahren. Die blutende Wunde im Mund, die ihn nach einer Zahnoperation wochenlang quält, soll ihm Schönheit und neuen Biss geben. Um sich blendend-weiße Zähne implantieren zu lassen, wird sein Mund quasi zur blutenden Vagina dentata, mit deren Hilfe er sein immanentes, selbst geschaffenes Reich absolut zu beherrschen hofft.</p>
<p>Eine andere Vita Nova erwägt er nur kurz, als er einige faszinierende Frauen erblickt und in Nostalgie zurückfällt. Bis zum Ende sinnt er über die verpassten Chancen einer neuen Liebesleidenschaft nach. Doch sie hätten ihn in Abhängigkeiten der romantischen &#8216;Liebe als Passion&#8217; zurückgeführt. Er will lediglich zur Zeugung neuer Töchter – Lily hat ihm die anderen entzogen – eine neue Ehe eingehen, diese aber vom traditionellen Liebesdiskurs trennen. Als er sich jedoch von der sorgfältig ausgesuchten neuen Frau, Franziska, bedroht fühlt, meint er am Ende, dass er gar keine Ehe benötigt, um in Zukunft Töchter zu zeugen. Es gibt ja Leihmütter. Keineswegs benötigt er Söhne, die ihn von seiner &#8216;Gottesposition&#8217; vertreiben oder nachfolgen könnten. Die Töchter würden durch ihre Verfügbarkeit seine Befriedigung in Zukunft garantieren, denn sie gehörten allein ihm. Ein neues Patriarchat ohne Anspruch an ihn, ohne Pflichten wäre garantiert. Es bleiben viele Widersprüche in seiner Planung. Was für eine Zukunft bringt dieser Größte aller Großen, dieser Maximissimo, der seine Töchter frei aufwachsen sehen wollte? Wie der monotheistische Gott taucht er am Ende voll ins Unsichtbare ab, ohne die Fleischlichkeit aufzugeben. Er genießt am Ende ungestört in der erst auszubauenden Wohnung seine exquisiten Törtchen. Und später in seinem Reich unter Konstruktion, seine exquisiten Töchter?</p>
<p><em>Kreuzungen.</em> entlarvt durch ein ernsthaftes sprachliches Spiel mit Karikaturen, Klischees, Stereotypen, ja Slapstick die bislang noch unbehelligt agierende privilegierte Männerwelt im Patriarchat, die Sarkozys, ein Stück mehr.</p>
<p>Helga Kraft<span><br />
</span><span> Professor of Germanic Studies<br />
</span><span> Department of Germanic Studies<br />
</span><span> University of Illinois at Chicago</span></div>
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		<title>Rezension von: Christine Schranz</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2008/08/18/rezension-von-christine-schranz/</link>
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		<pubDate>Mon, 18 Aug 2008 15:49:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Besprechung des Romans &#8220;Kreuzungen.&#8221; von Christine Schranz auf der Website des Literaturhauses. Aus: Literaturhaus.at, 18. August 2008 Von Christine Schranz In &#8220;Kreuzungen.&#8221; setzt sich Marlene Streeruwitz in gewohnt gesellschaftskritischer wie origineller Manier mit den Themen Reichtum, Macht und Sexualität auseinander. In der Welt des reichen Max ist alles käuflich und nichts unmöglich: &#8220;Man musste auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Besprechung des Romans &#8220;Kreuzungen.&#8221; von Christine Schranz auf der Website des Literaturhauses. <span id="more-220"></span></p>
<p>Aus: <span class="link-external"><a class="external-link" href="http://www.literaturhaus.at/buch/buch/rez/Streeruwitz_Kreuzungen/" target="_blank">Literaturhaus.at</a></span>, 18. August 2008</p>
<p>Von Christine Schranz</p>
<p>In &#8220;Kreuzungen.&#8221; setzt sich Marlene Streeruwitz in gewohnt gesellschaftskritischer wie origineller Manier mit den Themen Reichtum, Macht und Sexualität auseinander.</p>
<p>In der Welt des reichen Max ist alles käuflich und nichts unmöglich: &#8220;Man musste auf dem Geld so sitzen, wie auf einem Pferd. [...M]it dem Zügel in der Trense musste man das Geld so führen wie ein guter Reiter.&#8221; Als seine Beziehung zu Lilli (deren Name nach &#8220;Helene&#8221; und &#8220;Margarethe&#8221; eine weitere Anspielung auf Streeruwitz&#8217; eigenen Namen darstellt) zu Ende geht, erkennt Max: &#8220;Es war einsam, das Geld zu reiten.&#8221; Die Handlung nimmt ihren Verlauf: Max unterzieht sich erst einer kosmetischen Zahnoperation und reist von Wien nach Venedig, wo er dem Künstler Gianni begegnet. Danach engagiert er eine Heiratsagentur, die ihm Francesca, &#8220;eine Engländerin aus einer alten Familie, in der die Töchter immer schon gegen Geld ausgetauscht worden waren&#8221;, vermittelt. Als Max erkennt, dass er von der Hochzeitsvermittlerin und Francesca hintergangen wird, nimmt er in London eine neue Identität an und beschließt, fortan als Künstler zu leben.</p>
<p>Die Ebene der Handlung ist nicht die einzige, auf der sich das entfaltet, was Mario Scalla Streeruwitz&#8217; &#8220;nicht präzise bestimmte Dynamik&#8221; nennt: Die Dynamik reicht von der Handlungs- über die syntaktische zur intertextuellen Ebene. Damit setzt Streeruwitz ihr experimentelles literarisches Werk fort und entwirft einen gegenmodernen Dekadenzroman. Kultur und Gesellschaft werden erst als unentrinnbar dargestellt, um dann doch Möglichkeiten des Ausbruchs aufzuzeigen, indem immer wieder überraschend Anderes, seltsam Unerwartetes in Max&#8217; Welt eindringt.</p>
<p>Die beiden Pole, um die Max&#8217; Welt auf der Handlungsebene kreist, sind Geld und Sex. In seinem Denken sind sie untrennbar miteinander verwoben: &#8220;Und war er vom Sex abhängig und musste deshalb das Geld betreiben. Oder war er dem Geld verfallen und das Geld zog den Sex nach sich.&#8221; Max&#8217; Denken kreist um seinen &#8220;Kleiner Mann&#8221;; der Sex in seiner Vorstellung wird von drei Spiegeln symbolisiert. In einem sieht er Lilli im Zustand höchster Wut, im zweiten den Rücken einer Asiatin, die ihn befriedigt, und im dritten seine beiden Töchter beim selbstvergessenen Spielen auf dem Fußboden. Die kostspielige Zahnoperation, Ausdruck der Käuflichkeit von Schönheit, vereint die beiden Pole: Max sieht seine blutende Mundhöhle als Resultat einer &#8220;hermaphroditische[n] Maßnahme&#8221; und meint, Perfektion erreicht zu haben: &#8220;Er war sicher, sein Kleiner Mann immer gerade so dick, diese Höhle auszufüllen.&#8221;</p>
<p>Die erste Anderswelt, die in Max&#8217; Leben eindringt, ist die des Künstlers Gianni in Venedig. Gianni beobachtet Max in einem Restaurant, bezeichnet ihn als &#8220;Naturtalent&#8221; des Essens, als &#8220;awja·as&#8221;, folgt ihm anschließend nach Hause und erklärt ihn zu seinem Mäzen: &#8220;Du wirst mich nähren und kleiden und dafür wirst du mit mir über meine Kunst bestimmen.&#8221; Giannis Kunst besteht darin, nach Ess- und Duschritualen verschiedentlich gemusterte Kotwürste zu produzieren. Während Gianni, zumeist im nackten Zustand, Max&#8217; Wohnung besetzt hält, sieht jener – ein Gustav Aschenbach des 21. Jahrhunderts – zufrieden dabei zu.</p>
<p>Ein weiteres Eindringen des Anderen und Unerwarteten findet sich in London: Max findet Raj, einen ihm unbekannten jungen Mann, in seinem Hotelzimmer. Da ihm &#8220;die Ausdruckslosigkeit dieses jungen Mannes&#8221; gefällt, beschließt Max, ihm zu vertrauen – er gibt ihm seine Kreditkarte und schickt ihn einkaufen.</p>
<p>&#8220;Kreuzungen.&#8221; spielt in vier europäischen Städten – Wien, Venedig, Zürich und London. Während Wien und Zürich unentrinnbare Zentren einer kapitalistischen Gesellschaft darstellen, sind Venedig und London die Anderswelten, die zeigen, dass, wenn sich für Max letztlich auch nichts ändert, doch zumindest die Möglichkeit auf Veränderung besteht. Max selbst spricht immer wieder abfällig von &#8220;den Wienern&#8221;. Den ganzen Roman über versucht er, Wien zu entkommen, was ihm in seiner Vorstellung schließlich durch Lilli ermöglicht wird: &#8220;Sie hatte es geschafft, ihn von sich zu befreien. Die Spiegeltrias. Sie waren zerstoben.&#8221; Auch Zürich ist kein Ort für seine Einsamkeit: &#8220;In jedem [Zürcher] Restaurant war die Welt eingeteilt, in die, die dasaßen und die, die sich dazusetzten.&#8221; In London hingegen ist Max frei, ein neues Leben zu beginnen: &#8220;Da [in London] konnte man gar nicht wissen, was einem alles nicht zugestanden wurde. Und dann konnte man es immer nachkaufen.&#8221;</p>
<p>Wie sein neues Leben aussehen wird, bleibt offen, wenn auch angedeutet wird, dass ihn sein Reichtum doch wieder einholen wird: Im letzten Kapitel stellt Max sich vor, sein Künstlerleben damit zu beginnen, Damien Hirsts Skulptur &#8220;For the Love of God&#8221; unter dem Titel &#8220;For the Love of Gold&#8221; nachzubauen.</p>
<p>Wie in &#8220;Verführungen.&#8221;, &#8220;Partygirl.&#8221; oder &#8220;Majakowskiring.&#8221; findet Streeruwitz&#8217; Originalität auch in &#8220;Kreuzungen.&#8221; Ausdruck auf der syntaktischen Ebene. In ihren Tübinger Poetikvorlesungen sagte die Autorin: &#8220;Der vollständige Satz ist eine Lüge.&#8221; Für gewöhnlich dienen fragmentarische Sätze dazu, die Distanz zwischen Leser und Erzähler zu verringern – was weggelassen wird, ist das Selbstverständliche, die Teile des Satzes, die der Leser automatisch mitdenkt. Streeruwitz&#8217; elliptische Sätze dienen einem anderen Zweck. Sie verzichtet auf Prädikate, Präpositionen, Binde- und Einleitungsworte – eben jene Elemente, die nicht eindeutig sind. So denkt Max etwa: &#8220;Aber von ihm und er ihr Vater und ihre Mutter und fürsorglich und so. Ihre richtigen Eltern das nicht gewesen und er musste verreist sein.&#8221; Im Gegensatz zur traditionellen fragmentarischen Erzählweise, die sich natürlicher elliptischer Denkmuster bedient und damit das Lesetempo erhöht, schafft Streeruwitz eine Kunstsprache, die zum Innehalten und Nachdenken auffordert. In Scallas Worten: &#8220;[E]ine syntaktische [wird] zu einer semantischen oder gar pragmatischen Frage.&#8221; Fragmentarische und nicht-fragmentarische Passagen wechseln einander ab, wodurch sich das Lesetempo und die gefühlte Distanz zu Max ständig verändern. Das immer wieder aufgegriffene Motiv des Reitens und der Notwendigkeit, nicht nur auf dem Geld, sondern auch auf dem Text zu &#8220;sitzen wie auf einem Pferd&#8221;, wird im ständigen Wechsel von Ellipsen und vollständigen Sätzen, von interner und externer Fokalisierung auch auf der syntaktischen Ebene reflektiert.</p>
<p>Auf der intertextuellen Ebene werden die Themen des Romans aus einem dritten Blickwinkel beleuchtet. Von Thomas Mann über die Fernsehserie &#8220;Tatort&#8221;, Henry James über William M. Thackeray, Ingmar Bergman bis Elfriede Jelinek finden sich Reflexionen, Interpretationsansätze und Seitenhiebe auf Texte und Filme aus Vergangenheit und Gegenwart. Einerseits bringt die fragmentarische Erzählweise Max&#8217; Verzweiflung und die Unentrinnbarkeit des sinnentleerten Lebens zum Ausdruck, andererseits stellt die Intertextualität den Roman wie auch Max&#8217; Leben in eine literarischen Tradition und macht es damit zum Teil eines größeren Ganzen, das der Unentrinnbarkeit und Verzweiflung ihre Endgültigkeit nimmt und ihr neuen Sinn gibt. Die behandelten Themen verbinden &#8220;Kreuzungen.&#8221; mit Streeruwitz bisherigem Werk und führen ihre gewohnten Leitmotive – Geld, Ausweglosigkeit, Anderswelten – fort.</p>
<p>Und am Ende der Odyssee durch Text und Gegenwart? Wer weiß. Auf den letzten Seiten isst Max eine Schokoladenbombe und beschließt, am nächsten Tag sein neues Leben zu beginnen. Und: &#8220;Am Ende schleckte er seinen Handteller ab.&#8221;</p>
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		<title>Das Nirwana der Manager.</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jul 2008 15:53:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lieblingsrezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Besprechung des neuen Romans &#8220;Kreuzungen.&#8221; in der Neuen Zürcher Zeitung vom 22. Juli 2008. &#8220;Kreuzungen.&#8221; – Marlene Streeruwitz&#8217; Roman über eine Kaste ohne Bodenhaftung Aus: Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 2008 Andreas Breitenstein Es gibt sie immer weniger, die Unternehmer alter Schule, die mit festen Wertvorstellungen und Sinn fürs Gemeinwohl ihre Firma im Nahverhältnis zur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Besprechung des neuen Romans &#8220;Kreuzungen.&#8221; in der Neuen Zürcher Zeitung vom 22. Juli 2008.<span id="more-227"></span></p>
<p><span class="documentDescription">&#8220;Kreuzungen.&#8221; – Marlene Streeruwitz&#8217; Roman über eine Kaste ohne Bodenhaftung</span></p>
<div class="wysiwig-plain">
<p>Aus: Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 2008</p>
<p>Andreas Breitenstein</p>
<p>Es gibt sie immer weniger, die Unternehmer alter  Schule, die mit festen Wertvorstellungen und Sinn fürs Gemeinwohl ihre Firma im  Nahverhältnis zur kulturellen Umgebung führen. Stattdessen hat sich in Zeiten  des global entfesselten Börsenkapitalismus eine Kaste von Managern breitgemacht,  die sich von Geld und Status gern blenden lässt. Die Krise an den Finanzmärkten  verdankt sich nicht zuletzt dem Umstand, dass immer mehr Smartheit herrscht und  immer weniger Solidität, dass selbst namhafte Unternehmen zu Vehikeln  kurzfristiger Ambitionen und partikulärer Interessen werden. Wo höchste Risiken  eingegangen werden, weil im Endeffekt Gewinne privatisiert und Verluste  sozialisiert werden können, wächst zu Recht der allgemeine Unmut über  fragwürdige Vergütungspraktiken und exorbitante Abfindungen noch im Falle des  Versagens.</p>
<p><em>Auf der Höhe der Zeit</em></p>
<p>Wie aber lebt es sich auf  der Teppichetage, diesem schwarzen Loch zeitgenössischer Imagination? Zwar hat  sich die deutschsprachige Literatur immer schon mit Verve der sozialen  Aussteiger angenommen – freilich jener nach unten und kaum je derer nach oben.  Das höhere Wirtschaftsleben ist ihr weitgehend terra incognita geblieben, und  wenn es doch einmal Thema wird, dann oft nur im bequemen Rückgriff auf das  Einmaleins gängiger Kapitalismuskritik.</p>
<p>Politisch dezidiert links steht  (zumal als Feministin) Marlene Streeruwitz, doch hat die 1950 geborene Wienerin  die postmodernen Verschlingungen von Sein und Bewusstsein stets im Blick  behalten. Der Roman ist ihr nicht ideologisches Vehikel, sondern Sprach- und  Erkenntnisexperiment. Ob Streeruwitz über Frauenleben oder Geschlechterkampf,  Globalisierung oder Terrorismus schreibt – stets operiert sie auf der Höhe der  Zeit. Wenn sie sich in ihrem neuen Roman &#8220;Kreuzungen.&#8221; des CEO als Phänotyps  unserer Zeit annimmt, darf man nicht nur mit gnadenloser Analyse, sondern auch  mit ätzender Beobachtung und furioser Insistenz der Darstellung rechnen. Wobei  ihr Manager-Stück im Echoraum eines einzelnen Kopfes und nicht als Personendrama  in Chefsesseln und Sitzungszimmern, Designer-Lofts und Flughafen-Lounges  stattfindet.</p>
<p>Der Held des Buchs, ein Mann in den besten Jahren, dessen  inneren Monolog wir verfremdet in auktorialer Vergangenheitsform zu hören  bekommen, hat lange keinen Namen, und solches entspricht durchaus seiner  Intention – als Person zu verschwinden, sich all dessen zu entledigen, was ihn  fassbar und damit angreifbar macht. Ein Auf- und Übersteiger aus (unausgeführt  bleibenden) österreichischen Tiefen ist Max, alles hat er erreicht mit Risiko  und Energie. Noch ein paar grosse Deals, und dann er wird zu jenen gehören, die  über dem Getriebe stehen. Doch erst hat er sich an der Gegenwart abzuarbeiten,  sprich: an seiner Frau Lilli, der er alles verdankt, die jedoch mit seiner  Höherentwicklung nicht Schritt gehalten hat und daher zurückbleiben  muss.</p>
<p><em>Die Ohnmacht der Allmacht</em></p>
<p>Ohne seelische  Kollateralschäden ist Max die Karriereleiter nicht hinaufgestiegen. Vielfach  gespalten ist seine Persönlichkeit, und mit sichtlicher Lust charakterisiert ihn  Streeruwitz in den Kategorien der Freudschen Triebtheorie. So allmächtig Max  scheint, so hilflos ist er seinen frühkindlichen Trieben ausgeliefert. Mit  seinen totalitären Ausscheidungs- und Einverleibungswünschen scheint er über die  Anal- und Oralphase nicht hinausgekommen, während genital sein &#8220;kleiner Mann&#8221;  regiert, dem die Welt ein Hohlraum ist, der sich reibungssatt um ihn zu formen  hat. Lilli mit ihrem Fleisch und die Asiatinnen aus der &#8220;Blauen Pagode&#8221; mit  ihren &#8220;Kinderkörperchen&#8221; werden zu Erfüllungsgehilfen eines Narzissmus, der sich  seiner Obszönität sehr wohl bewusst ist. Max kann schlicht nicht anders: &#8220;Nur  wenn es mehr wurde, blieb etwas. Der Erhalt brauchte diese Steigerung. Diese  stete Steigerung. Und er wollte dableiben.&#8221; Als Imago der Reinheit wiederum  dienen die kleinen Töchter sowie die propere Psychoanalytikerin Frau Dr.  Erlacher.</p>
<p>&#8220;Der Lilli&#8221;, deren Hitze ihn &#8220;einst ins Geld zwang&#8221;, ist nur  die Wut geblieben. Statt mit ihm die Mühsal des Alltags zu transzendieren und  zur &#8220;Priesterin&#8221; seines Daseins zu werden, will sie alles. Max verabscheut sie  und vergöttert sie – für ihr &#8220;grandiose Härte&#8221;, die ihn einst erregte und zähmte  und die sie nun gegen ihn richtet. Den Töchtern pflanzt Lilli den Hass auf den  Vater ein, im Pelzschrank versteckt sie eine Flinte, und zusammen mit ihrem  neuen &#8220;Kümmerer&#8221;, dem Scheidungsanwalt Dr. Mannlicher, nimmt sie schon mal  Inventar auf. &#8220;Kaputt&#8221; hat Max sie bekommen von einem Vater niederen Adels, der  ihr Höschen beschnüffelte und sie schlug. Und doch ist Lilli das Gedächtnis  seines Jungseins, der &#8220;Zeit des Aufstiegs, des Rasens und Keuchens, der  Wettläufe und Kämpfe, Rückfälle und Siege&#8221;. Vergeblich beschwört Max die  &#8220;Entscheidungsschlacht&#8221; der Trennung, bis Lilli ihm ein Polizeikommando und  einen Tag Gefängnis beschert – als demütigendes &#8220;Abschiedsgeschenk&#8221;. – Der Leser  vermag nicht über Max&#8217; Schultern hinauszublicken. Die Autorin zurrt ihn fest an  dessen Subjektivität und treibt ihn durch einen parataktischen Parcours aus  Stummelsätzen, Ellipsen und Punkten, dessen Nähe zum Ungrammatischen nicht nur  die seelische Not, sondern die Grenzen klaren Denkens offenbaren. Geradezu  selbstzerstörerisch ist die Virtuosität von Maxens Selbstwahrnehmung. Die  Neurose von Macht und Geld, die Manie des Sich-einwühlen- und Anhäufen-Müssens  durchschaut er in den Kategorien der Psychologie, der Sexualität und der  Ästhetik.</p>
<p>Er ist Gefangener seiner selbst (was das Spiegel-Cover  aufnimmt). Die Komplizenschaft mit dem Erfolg, das Kalkül der Abhängigkeiten,  die Einfühlung ins allgemeine Begehren beherrscht er ebenso wie das Jonglieren  mit den Spiegelbildern und den Abspaltungen seiner selbst. Das Geld ist sein  Gott und er das Medium des Marktes: &#8220;Das Geld musste gelenkt werden wie ein  Pferd. Man musste auf dem Geld sitzen wie auf einem Pferd. Das Geld fühlen, wie  das Pferd unter sich.&#8221;</p>
<p><em>Macher auf  Menschenflucht</em></p>
<p>&#8220;Kreuzungen.&#8221; ist ein beklemmendes Porträt des  Managers als Machtmensch und Melancholiker, Asozialer und Aussteiger. Bietet der  erste Teil eine Zustandsbeschreibung von polemischer Härte und atemloser Dichte,  flacht der zweite, mehr handlungsorientierte Teil etwas ab. Die Erholung von  einer Totalrenovation der Zähne gerät Max in Venedig auf den Spuren Gustav  Aschenbachs zur Abtrennung von Lilli und zur Epiphanie des Kunstschönen – im Sex  und im Kot des exzentrischen Lyrikers Gianni, der sich wie eine Katze in der  Palazzo-Wohnung über dem Canal Grande einhaust. Eine neue, jüngere Frau soll das  weitere Glück (obligat mit Kindern, doch aus dem Reagenzglas?) richten – wobei  die Ekstase arrangiert wird von der noblen Zürcher Heiratsvermittlerin Zapolska.  Als sich die dargebotene englische Zuchtadelige Francesca als Teil einer  Verschwörung entpuppt, findet Max aus der Gefahr zu sich selbst – und aus dem  &#8220;Humanismus&#8221;, in den er sich verfangen hatte, zurück zur  Tat.</p>
<p>&#8220;Kreuzungen.&#8221; ist Karikatur, doch die Autorin hat es sich mit ihrer  Kritik nicht leichtgemacht, bewegt sie sich doch gleichermassen virtuos auf der  Ebene der Ideologie- und der Sprachkritik. Auch ist es durchaus nicht so, dass  das &#8220;Böse&#8221; an den Männern hängenbleibt. Man mag Max als pathologischen Fall  abtun, doch Marlene Streeruwitz&#8217; Vision der unberührbaren Kaste bleibt düster:  die Macher als Getriebene, mit einer Haltung, in der sich Herrenmenschentum mit  Unterwerfung, Härte mit Infantilität, Kontrollmanie mit Sentimentalität paaren.  Ein Albtraum ist die schwermütige Menschenflucht ausgerechnet jener, die Romane  nicht schreiben müssen, weil sie sie machen können. Es sind die Anderen, die ihr  Nirwana auszubaden haben: &#8220;Die Fehler waren dann eben auch  Wirklichkeit.&#8221;</p>
<p>Marlene Streeruwitz: Kreuzungen. Roman. Verlag S.  Fischer, Frankfurt am Main 2008. 251 S., Fr. 33.80</p></div>
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		<title>&#8220;Was hilft mir das am Morgen beim ersten Blick in den Spiegel.&#8221;</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2008/06/05/was-hilft-mir-das-am-morgen-beim-ersten-blick-in-den-spiegel/</link>
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		<pubDate>Thu, 05 Jun 2008 15:54:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Besprechung im Onlinejournal kultur &#38; geschlecht von Juni 2008. Das Politische in Marlene Streeruwitz’ Wunschzeit Aus: Kultur&#38;Geschlecht Tim Niklas Christmann In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit Marlene Streeruwitz’ Hörstück aus dem Jahr 2005. Auf inhaltlicher und technisch-formaler Ebene ist Wunschzeit. ein überraschendes, unkonventionelles, ein ungewohntes Hörspiel. Es unternimmt den Versuch, sich einem anderen Sprechen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Besprechung im Onlinejournal kultur &amp; geschlecht von Juni 2008.<span id="more-229"></span></p>
<p><span class="documentDescription">Das Politische in Marlene Streeruwitz’ Wunschzeit</span></p>
<div class="wysiwig-plain">
<p><span class="Stil24">Aus: <span class="link-external"><a class="external-link" href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/genderstudies/kulturundgeschlecht/archiv2.html#christmann" target="_blank">Kultur&amp;Geschlecht</a><br />
<a class="external-link"></a></span></span></p>
<p><a class="external-link"><span class="Stil24"><br />
</span></p>
<p><span class="Stil24">Tim Niklas Christmann</span></p>
<p></a>In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit Marlene Streeruwitz’ Hörstück aus dem Jahr 2005. Auf inhaltlicher und technisch-formaler Ebene ist Wunschzeit. ein überraschendes, unkonventionelles, ein ungewohntes Hörspiel. Es unternimmt den Versuch, sich einem anderen Sprechen zu öffnen, einem weiblichen Sprechen, und sich von patriarchalen Strukturen frei zu machen. In diesem Versuch arbeitet ein genuin politischer Gestus. Es geht in ihrer Arbeit um Wahrnehmung und Wahrnehmbarkeit. Es geht um Freiheit und Befreiung. Es geht um Handeln. Veränderung. Selbst-Erkenntnis. Selbst-Verantwortung. Selbst-Bewusst-Sein.  <a href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/genderstudies/kulturundgeschlecht/pdf/Christmann.pdf" target="_blank">zur PDF Datei</a><br />
<a class="external-link"></a></p>
<p><a class="external-link"></a></div>
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