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	<title>Marlene Streeruwitz &#187; Institute for Critical Studies of Austrianess</title>
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	<description>Autorin &#124; Regisseurin &#124; Wien &#124; Berlin &#124; London &#124; New York</description>
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		<title>Verachtung.</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Jun 2010 08:15:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Eröffnungsrede, Tagung zum weiblichen Part in Kunst und Kultur. 10. Juni 2010 in Graz Unlängst. In Wien. Es waren nur Frauen eingeladen. Juristinnen. Ärztinnen. Therapeutinnen. Managerinnen. Künstlerinnen. Ein Frauenabend also. Die Gästinnenliste selbst war schon eine wunderbare Bestätigung, was der, aus den Sozialreformen der 70er Jahre stammende, freie Zugang zu Bildung hergestellt hat. Zugleich muß [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eröffnungsrede, Tagung zum weiblichen Part in Kunst und Kultur.<br />
10. Juni 2010 in Graz</p>
<p>Unlängst.  In Wien. Es waren nur Frauen eingeladen. Juristinnen. Ärztinnen. Therapeutinnen. Managerinnen. Künstlerinnen. Ein Frauenabend also.</p>
<p>Die Gästinnenliste selbst war schon eine wunderbare Bestätigung, was der, aus den Sozialreformen der 70er Jahre stammende, freie Zugang zu Bildung hergestellt hat. Zugleich muß gesehen werden, daß soziale Techniken notwendig sind, die es ermöglichen, die Bildung dann auch in Karrieren umzumünzen. In der Gruppe dieser Frauen waren einige, die diese Techniken über ihre Familienzugehörigkeit mitbekamen. Aber. Es waren durchaus auch Personen darunter, die diese Techniken erwarben und so ihren Aufstieg noch um eines mehr sich selber zu verdanken haben. Der Abend war ganz absichtlich als networking Gelegenheit gedacht. Wir sollen – und wollten – einander kennenlernen und aus diesen Bekanntschaften Beziehungen entwickeln. Der weibliche Part daran war sicherlich, daß diese Beziehungen über Sympathie und Empathie hergestellt  und nicht einem rein ökonomischen Utilitarismus abgerungen werden sollten. Eine Verwendungsfähigkeit der anderen Person, bei der zuerst die Frage gestellt wird, ob diese Person in der eigenen Aufstiegsgeschichte von Nutzen sein kann oder nicht. Und erst wenn diese Frage positiv beantwortet werden kann, kommt die Möglichkeit des Beziehens auf. Weiblicherweise finden wir einander erst nett und fragen uns dann, ob das auch ökonomischen Sinn macht. Das ist am Ende dann nur eine andere Technik. Denn. Das Funktionieren in den ökonomisierten Zusammenhängen wird einfach abgefordert. Die weibliche Form des networking wird in der Personalentwicklung etwa durchaus theoretisch als die richtige Methode anerkannt. Deshalb sind aber eben trotzdem nicht alle Personalchefs Frauen. Vielleicht sind sie weiblich.</p>
<p>Zurück zum Frauenabend.</p>
<p>Es wurde geplaudert. Aperitive. Der Spargel lag zum Kochen bereit. Es wurde über das Essen und wieviel und wann und wie schafft es frau, sich gesund zu ernähren. Das Wetter. Dieser Abend lag noch in diesem unendlich verlängerten Winter dieses Jahres. Die Beziehungen. Und weil wir einander nich alle gekannt hatten, wurden die privaten Situationen kurz geschildert. Verliebt. Verlobt. Verheiratet. Vier Frauen lebten in Beziehungen. Vier Frauen lebten allein. Es wurde die Beziehung von Beruf und Lebensalltag besprochen und was sich verändert hatte. Die Bühnenbildnerin hatte eine neue Liebe gefunden. Nach einer Scheidung und über 50 ist das ein seltens Ereignis. Alle wandten sich ihr zu. Freundlich und bestätigend. Ja. Sie habe eine schreckliche Ehe hinter sich und habe die Scheidung 10 Jahre nicht wirklich bewältigt gehabt und nun dieses Glück. Und dann sagte sie. Ich zitiere wörtlich: „Die Ehe. Das war ja einmal Was. Das hat ja einmal etwas bedeutet und dann ist die Frauenbewegung gekommen und die jungen Leute haben jetzt überhaupt keine Werte mehr.“</p>
<p>Als Beobachterinnen unserer Kultur wissen Sie, daß es sich hier um eine Form der assoziativen Deklaration des zutiefst unsere Kultur bedingenden Reaktionären handelt. Diese Frau hat noch vor dieser Aussage ihre Ehe als Katastrophe der Unterdrückung beschrieben. Ihre eigene Erfahrung dient aber nicht als Bezug zu ihrer Weltbeschreibung. Sie selbst ist aus dieser Weltbeschreibung dann ausgeschlossen, wenn sie die Ehe als etwas beschreibt, was einmal etwas bedeutet hat, obwohl sie selbst und offenkundig am eigenen Leib diese Bedeutung kennengelernt hat. Sie kann sich offenkundig nicht als Teil der von ihr beschriebenen Welt begreifen. Die Dinge außerhalb sind nicht auf sie selbst beziehbar. Eine soziale Veränderung, wie sie die Frauenbewegung symbolisiert, muß bei einer solchen Abspaltung bedrohlich gesehen werden. Der Verlust der Norm bleibt als Angriff in Erinnerung, um damit die Norm in Erinnerung behalten zu können. Diese eine Veränderung. Die Auflösung der Ehe, die in ihren Augen stattfand, nachdem die Frauenbewegung „gekommen“ war, führt in eine Auflösung von Norm insgesamt. Die jungen Menschen haben keine Werte mehr. Die Unruhefaktoren Frau und junge Männer werden in einen einzigen Satz zusammengepfercht.</p>
<p>Nachdem die Bühnenbildnerin das gesagt hatte, schaute sie sich zustimmungheischend um. Es herrschte Schweigen. Dann vorsichtiges Gemurmel. Die Frauen hätten doch damals alle Gründe gehabt, sich zu wehren. Es wäre doch immer noch nicht sooo rosig. Dann sahen alle mich an.</p>
<p>Zu meinem Glück läutete mein handy. Der Computer hatte schneller gerechnet und ich konnte mit dem Schnitt an einem Videoessay für die 35 Jahresfeier der AUF Zeitung weiterschneiden. Ich entschuldigte mich und flüchtete. Ich halte den „Idiot’s guide to feminism“ oder Feminismus 1 nicht mehr.</p>
<p>Aber. Das ist das, was ist. Ich erzähle Ihnen diese Episode nicht, um mich über irgendeine Tussi lustig zu machen. Ich wiederhole diese Aussage, weil sie das ist, worin wir alle handeln. Und worin wir alle ganz besonderen Anforderungen der Vermittlung ausgesetzt werden. Als Künstlerinnen ebenso wie als Vermittlerinnen.</p>
<p>Beschäftigen wir uns einmal damit, was es bedeutet, daß die Formulierung lautet, „und dann ist die Frauenbewegung gekommen“. Es wird hier die Frauenbewegung zum Satzsubjekt gemacht, das sich selbst bewegt. Die Frauenbewegung wird zu einem Ding gedacht, das sich als Ganzes bewegt. Die Frauenbewegung wird von außen versiegelt. Sie wird „etwas“, das gekommen ist. Naturhaftigkeit wird da suggeriert. Die Bewegung selbst steht innerhalb dieses Temporalsatzes zur Disposition. Kommen beschreibt ja nur die Ankunft von woanders her. In den Zustand, in dem die Ehe einen hohen Wert darstellte, kommt die Frauenbewegung. Sie kommt aus einem anderen Bereich. Die Frauenbewegung wird hier so eingesetzt, wie über Migranten und Migrantinnen gesprochen wird, die von woanders her kommen und dann da sind und in diesem Da Sein schon die Störung begründet ist. Es muß nicht noch ein – von der Kronenzeitung vermutetes &#8211; Verbrechen begangen werden. Im Von Wo Anders Gekommen Sein ist das Verbrechen schon mitgedacht. Die Frauenbewegung stört also den Zustand, in dem die Ehe noch etwas wert war und nachdem die Frauenbewegung gekommen ist, haben die jungen Leute keine Werte mehr. Die Frauenbewegung saugt in dieser Satzkettte dem ersten Subjekt, der Ehe und im letzten Subjekt, den jungen Leuten den Wert auf. Die Frauenbewegung ist grammatikalisch so positioniert, daß vor ihr und nach ihr kein Wert mehr existiert. Der Vampirismus der Frauenbewegung ist in die Grammatik selbst eingesenkt. Die Frauenbewegung wird gleichzeitig im Temporalsatz zeitlich eingefrohren. Die Frauenbewegung wird zu einer einzigen, in der Zeit eingefangenen Bewegung, die zwar ihre Zerstörung in der Zeit ausübt, selbst aber in der Zeit eingeschlossen bleibt. Der Vampirismus in den Sarg gebannt, aber jederzeit eine Gefahr. Das wissen wir aus den Vampirfilmen der allerletzten Zeit.</p>
<p>Eine solche Satzkonstruktion kommt aus dem Predigt-Österreichisch, in dem wir alle unbewußt darin geschult werden, das Satzsubjekt zu substituieren und in diesem rein technisch grammatikalischen Akt die Sinnzusammenhänge herzustellen. In der Predigt ist die Gegenstellung Jesus/Nicht Jesus die Grenzziehung, der entlang über Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit entschieden wird. Die Kategorien, die diese Linie entlang einander gegenübergestellt werden, sind totale und unhintergehbare Setzung. Es gibt keine Verhandlung über diese Grenze hinweg. Damit wird Veränderung verunmöglicht. Alle Veränderung muß als Zerstörung aufgefaßt werden. Alles, was als grammatikalisches Subjekt nicht mit Jesus ersetzt werden kann, ist jene Gewalt, gegen die die Welt sich untertan zu machen ist. Die Bühnenbildnerin hat in diesem einen Satz der Frauenbewegung den Krieg erklären können, ohne es sagen zu müssen. Die Frauenbewegung wurde zur naturhaften Katastrophe, die alle hohen Werte gekostet hat. Die Frauenbewegung ist auch darin naturhafte Katastrophe wie etwa eine Überflutung oder ein Waldbrand, indem sie durch ihr Kommen den Raum des Werts besetzt hat. Der Gegner des Christlich-Katholischen muß immer in ein Territorium umgedacht werden, das es zu besetzen gilt. Das wird dann Mission genannt und speist den weiterhin aggressiven Arm der katholischen Weltkirche.</p>
<p>Hier. In unserer postkatholischen Kultur. Wir sehen, wie sich dieses Predigt-Österreichisch als Sprache der Macht in den Dienst der neoliberalen Umgestaltung der Spätmoderne stellt. Denn. Die Bühnenbildnerin lebt selbstverständlich das nette, fragmentierte Leben dieser Spätmoderne. Sie spricht kulturell katholisch, sie arbeitet selbstverständlich und gleichberechtigt ganz gegen dieses Sprechen, denn da müßte sie ja noch ihre eigene Ehe, die doch einmal etwas bedeutet hat, leben und eine künstlerische Arbeit steht diesem Ideal diametral entgegen. Die Frau der Ehe, die noch etwas bedeutet hat, die widmet sich dieser Ehe und stabilisiert dieses System. Das ist ihre Aufgabe. Dazu kommt. Und auch das halte ich für kulturell. Die Bühnenbildnerin hat Geld geerbt. Sie muß also nicht für ihr Leben sorgen. Sie kann in ihrem Leben dilettieren. Es wird nie jene Grenze erreicht werden, die die Bedrohung prekärer Arbeitsverhältnisse konstituiert. Und Künstlerinnen. Die leben da und ständig. Dieser Hintergrund illustriert nur die alte Koalition von Geld und Katholischem. In unserer Kultur war Geld immer eine kirchliche Tugend. In der spätmodernen Verfügbarkeit über alle diese Sinneinheiten verbirgt sich diese Koalition immer in neuen Konstellationen.</p>
<p>Aber. Diese Spaltung von Sprechen und Leben und Arbeiten ist die geltende Anordnung von Leben. Im Fall der Bühnenbildnerin läßt sich der Widerspruch leicht herausarbeiten. Eine solche Analyse muß aber auf alles Sprechen angewandt werden. Es muß aufgefunden werden, aus welchen Sprachen und den, durch sie gesprochenen Machtansprüchen, sich das Sprechen herleitet.</p>
<p>Das ist eine Aufgabe der Kunst. Der Künste. Den Weg in die Systeme voranzugehen. Expeditionen sind das, die aber nicht territorial gedacht werden dürfen. Es müssen Wege gefunden werden, die das räumliche Denken der Macht enthüllen, aber in diesem Nach-Denken schon eine nichträumliche Form der Betrachtung entwickeln und damit den Krieg nicht weiterführen, der in dem räumlichen Denken schon geführt worden ist.</p>
<p>Geführt worden ist.</p>
<p>Wir sind in diese Kriegsführung verstrickt. Wir sind in diese Kriegsführung verstrickt worden. Die neoliberalen Techniken des Umbaus des Gesellschaftlichen lassen keine andere Möglichkeit.  Unabhängigkeit ist ein Umstand des Materiellen.  Deshalb ist der Satz der Bühnenbildnerin auch nicht anders als die ewige Kriegserklärung der Reaktion zu interpretieren, weil sie ja die Möglichkeit hätte, aus einer materiellen Unabhängigkeit heraus, sich auch unabhängig zu verhalten. Das Geld nimmt die je zur Verfügung stehende Macht zur Symbiose. In unserer Kultur ist das das kulturell vermittelte Katholische, das ja dann zugleich auch das Österreichische ist in Ermangelung einer Nationenbeschreibung. Und statt diese Leerstelle als Freiraum zu benutzen, wird das Postkirchliche zur Stabilisierung eingesetzt. Stabilisiert wird heute die neoliberale Umverteilung „nach oben“.</p>
<p>Nun ist es eins, in Gesellschaft einem solchen Satz gegenüberzusitzen. Obwohl. Wir wissen, was das bedeutet. Wir müssen annehmen, daß in den weitesten Bereichen die Frau höchstens über die ökonomischen Überlegungen emanzipiert wurde. Daß also die Arbeitsteiligkeit von den 60er Jahren an die Benutzung der weiblichen Arbeitskraft benötigte und daß der Rückgang dieser intransitiven Emanzipation damit zu tun hat, daß der Anschub aus diesem Einbau dazu geführt hat, daß nun diese Arbeit weggedacht werden kann. Ich denke auch, daß wir uns darüber klar werden müssen, welcher Wert dieser Frauenarbeit gelassen wird und ob nicht dadurch, daß diese Emanzipation weitgehend intransitiv, also aufgetragen und nicht selbst erobert ist, der Beitrag einer Frau durch ihr Geschlecht entwertbar geblieben ist. Eine Entwertung ist das, die in dem Satz unserer Bühnenbildnerin in den Begriff Frauenbewegung aufgehoben in Mitwirkung gesetzt wird.</p>
<p>Damit sind wir auch schon beim Orchestralen unserer Lebensbedingungen. Dadurch, daß die Hegemonien selber die Entwertung der Norm vornehmen und dadurch den kritischen Bezug darauf verhindern. Dadurch, daß ein Leben als Kulturarbeiterin nicht mehr anders als prekär zu leben ist. Prekär leben heißt wiederum für sich selber die staatlichen Dinge persönlich zu regeln und als Unternehmerin im Selbst die Regierung zu vollziehen.  Prekär leben bedeutet also eine Verflechtung in die Macht. Prekär leben heißt die Unschuld der Machtlosigkeit durch erforderte Teilnahme zu verlieren. Gewonnen wird dadurch aber nur gerade wieder das Leben. Die Fragmentierung der Kulturarbeit in Projekte bedeutet nicht nur die Fragmentierung der Arbeit, sondern auch jeweils wechselnde Einbindungen in immer wieder andere Koalitionen und manchmal auch Komplizinnenschaften, die wiederum zurückführen in die Räume des Satzes der Bühnenbildnerin. Prozessuales Arbeiten wiederum läßt Erkenntnisse erst im Lauf der Arbeit erstehen und die kommen dann manchmal zu spät.</p>
<p>Und immer. Immer.</p>
<p>Eine Grundierung der Erfassung wird die unversöhnliche Linie von kulturell vermittelter metaphysischer Reaktion und dem Projekt der Aufklärung sein. Unsere Kunst sollte eigentlich längst nur der Kritik dieses Projekts gewidmet sein.</p>
<p>Aber. Wie aus dem Satz der Bühnenbildnerin geschlossen werden muß. Eine hegemoniale Sichtweise beruht darauf, die Vormoderne zu betreiben und in einer nostalgischen Wendung als die Zeit zu beschreiben, in der etwas richtiger gewesen war. Es ist das christliche Paradies, das immer schon gewesen ist und mit diesem Paradies wird der Gründungsmythos der Frau eingetragen. Die dann immer mitgedacht werden könnende Erschaffung der Frau aus diesem Rippchen des Manns. Der Sündenfall der neugierigen und geil zu denkenden Frau, der alles Übel in der Welt zu danken ist. Keine Aufklärung hat das in unserer Kultur je wirklich in Frage gestellt. Die Klosterschule war allen Schichten recht, der Frau diese Minderwertigkeit vor Augen zu führen. Und das muß nicht in täglichen Sadismen vorgeführt werden. Es genügt, die Unterscheidung in die Geschlechter, um auf dieser Ebene die Wertigkeiten zu beschreiben.</p>
<p>Das wiederum bedeutet, daß wir hier und heute immer auch noch mit einer ganz spezifischen Repräsentation beschäftigt werden, die auf dieser fundamentalistischen und universalistischen Sicht aufbauend mit genau dieser Repräsentation in den neoliberalen Diskurs eingreift.</p>
<p>Das neoliberale Streben färbt diese Fundamentalismen ironisch ein und kann so auf allen Ebenen dekonstruierend wirken. Der Effekt davon ist Verunsicherung und Angst auf der symbolischen Ebene. Auf der praktischen Ebene des prekären Lebens wird eine Einschränkung nach der anderen notwendig. Das nicht nur in Bezug auf die Lebenssicherung. Auch die Kunstarbeit muß in ironischen Griffen immer mehr Sinneinheiten unbearbeitet lassen, um überhaupt zur Erscheinung kommen zu können. Das Richtige kann immer nur das gerade Richtige sein. Die Arbeit der Kunstarbeitenden besteht in der Fassung eines eigenen und inneren Zusammenhangs, der den Werkbegriff ersetzend, eher in Farbtönen zu beschreiben ist und einer Wertung immer sofort entzogen bleibt. Go with the flow heißt das. Ernsthaftigkeit ist da eine Leistung, die das Leben kosten kann. Nie war es so schwer und so verzweifelt und einsam, Erkenntnis und Freiheit in eins zu bringen und dann auch noch ins Leben zu zerren.</p>
<p>Und natürlich. Angesichts der Riesigkeit dieses Unternehmens könnten wir den Satz der Bühnenbildnerin auch ganz einfach rechts liegen lassen. Die Frage ist dann aber, ob das, was von uns gesagt wird, eine Wirkung erzielen kann, mit der wir uns irgendwie einverstanden erklären können.</p>
<p>Die Spätmoderne läßt einen solchen Konflikt mit der Vormoderne ja recht lächerlich erscheinen. Das ist aber schon eine der Vorspiegelungen, die nur in diskursiven Innenräumen Bestand behalten. Wenn die Aufgabe der Kunst von Frauen die Kritik am Projekt der Aufklärung in der Form der Spätmoderne ist, weil dieses Projekt sich über den Ausschluß von Minderheiten definiert. Wenn die Kritikerin aus ihrer Kenntnis ihrer eigenen Situation der strukturellen Minderheit Frau die Konsequenzen für alle anderen Minderheiten mitbedenkt und mitkritisiert, dann muß es sicherlich darum gehen, darin verstanden zu werden. Um ein solches Verstehen herzustellen, wird gegen die vormoderne Nichtrepräsentation dieser Minderheiten in einer Wendung auch an der Repräsentation gearbeitet werden müssen. Immer ist auch noch die Sichtbarkeit und das Sehen Können der Minderheiten herzustellen. Das ist auch darin notwendig, eine Erinnerung an sich selbst zu konstruieren. Also das herzustellen, was die Macht an Minderheiten statuiert. Über die Nichtrepräsentation oder die Mißrepräsentation wird ja auch den Mitgliedern der Minderheit selbst die Geschichtslosigkeit aufgezwungen. Das bedeutet, als Mitglied einer Minderheit wird jeder Augenblick schon im Gelebt Werden dem Vergessen übergeben und eine Erinnerung an dieses Vergessen muß dann die eigene Geschichte konstruieren.</p>
<p>Diese Erinnerung ans Vergessen. Das kennt jede Frau. In dieser Erinnerung ist auch jede Frau die Verachtete. In dieser Erinnerung transportiert jede Frau die Verachtung durch die Macht und ist gezwungen, als ja auch Teil der Mehrheit, die Minderheit in sich zu verachten. Diese schwierige Innerlichkeit scheint mir eine Strategie zu sein, die Frauen dann untereinander auf sich richten.</p>
<p>Die Bühnenbildnerin hat es sich auch darin leicht gemacht.  Sie hat die Verachtung der Frauen in die Frauenbewegung gebündelt, von der sie im übrigen nichts weiß und darin das Sich Vergessen Müssen geradezu feiert. Indem sie die bösen oder schlimmer noch, die sexualisierten Frauen der Frauenbewegung für das Böse in der Welt verantwortlich macht, spaltet sie die bösen Frauen ab und bleibt für sich auf der guten Seite, die in der Ehe noch einen Wert sieht, weil sie sich da einem Mann unterwerfen kann.</p>
<p>Wir.  Ich. Queer-feministische kritische Kunstarbeit und deren Vermittlung. Denn. Alles, was sich dieser Kritik nicht verpflichtet fühlt, fällt in den Rahmen der Stabilisierung der Hegemonie. Das ist dann die Schaffung von scheinkritischen Selbsthilfegruppen der Eliten, die  wiederum in der neoliberalen Spätmoderne immer auch  ein wenig Kritik transportieren. In diesem Transport kann der weibliche Part aber dann auch von Männern erfüllt werden und kann durchaus die Erfüllung der Liebesarbeit sein. Getroffen habe ich einen solchen Zustand in unserer Kultur nicht. Im Gegenteil. Wir finden die Frauen in den bedrängten Situationen der Institutionen als Retterinnen, die fünfmal so viel arbeiten müssen, um an sich selbst mit den Sparprogrammen zu beginnen. Das ist notwendig. Das mag notwendig sein. Die Erfüllung solcher Anforderungen kommt aber aus den Möglichkeiten der Selbstverachtung und muß darin identifiziert werden. So festgestellt und benannt, kann diese Sinneinheit wiederum eingebaut werden. Das ist schmerzhaft. Die Feststellung, daß nicht die eigene Besonderheit oder Klugheit oder meinetwegen Schönheit dazu geführt hat, daß frau an eine bestimmte Stelle gelangt ist. Daß es die Bereitschaft war, diese Selbstverachtung und die daraus mögliche Selbstausbeutung zur Verfügung zu stellen und eine unmögliche Budgetsituation zu akzeptieren und das Unmögliche zu versuchen, eine Institution umzukrempeln und am Laufen zu halten. Dann ist das auch eine Stärke. Wenn diese Stärke wiederum zur Neoliberalisierung von Institutionen führt, dann sind wir wieder zurück auf Punkt Eins und müssen zur Kenntnis nehmen, daß die Handlungsspielräume sehr enge Gegenden geworden sind und ein Spiel nicht mehr möglich.</p>
<p>Für die Überwindung dieser Selbstverachtung, die kulturell so tief verankert ist, werden aber Spielräume gebraucht. Das wiederum heißt, daß eine Künstlerin in ihrer Arbeit die Repräsentation herstellen muß, um überhaupt den Gegenstand ihrer Kritik zur Erscheinung zu bringen. Sie muß in ihrer jeweiligen Sprache den Raum schaffen, dieses Spiel in Gang zu bringen, das das Sprechen in dieser Sprache ausprobiert und erobert. Sie muß sich gegen den Satz der Bühnenbildnerin auch als Person wappnen. Die Minderheit Intellektuelle/Künstlerin setzt in unserem Raum aggressive Reaktionen frei, die sich das Vergessen Machen dieser Arbeit zur Aufgabe machten. Vernichtung des Projekts der Aufklärung ist ein immer noch kulturell verankertes Ziel und wird gern an Frauen in der Öffentlichkeit vorgeführt. Kritikerinnen dieses Projekts fallen dann in eine doppelt notwendige Vernichtung und es wäre gut, sich der hierin vorhandenen Geschichte bewußt zu sein. Von Bachmann bis Jellinek ginge da ein Einführungskurs, wie die Frauengeschichte überhaupt selbstverständlicher Bestandteil jedes Bildungswegs sein sollte. Es ist abschreckend primitiv, die Formulierung „dann ist die Frauenbewegung gekommen“ zu hören und gleichzeitig wissen zu müssen, daß die Frauenbewegung als das So Andere da gemeint ist, daß es nicht einmal beschrieben werden muß.</p>
<p>Das ist auch ein Bildungsproblem, das von den Institutionen ernst genommen werden sollte und in Nachziehverfahren nachgereicht. Das wäre dann endlich zivilisiert. Und ich würde vorschlagen, in einem großen Projekt die Arbeit, die Sie hier in Graz ja ganz ohne Zweifel mit viel Erfolg bereits begonnen haben. Daß sie ein Projekt schaffen, in dem Sie sich aufeinander so beziehen, daß schon durch dieses Beziehen, die Verachtungsstrukturen nicht mehr erinnert werden können.</p>
<p>Achtungsvolle Zusammenarbeit an einem Projekt der Hebung auch der jüngsten Geschichte der Arbeit der Frauen in Kunst und Kultur hier. Es geht immer darum, das gelernte Vergessen. Das dringlich abgeforderte Training des Selbstvergessens. Und. In diesem selbst herzustellenden System eines Erinnerns daran, sich nicht erinnern zu sollen, wird nun noch eine ganz andere Anordnung von Geschlecht betrieben.</p>
<p>Es geht immer darum, das gelernte Vergessen aufzuheben und alle Formen von Umschreibungen dazu zu benutzen, zumindest die Sicht auf sich zu behalten. Das könnte frau Freiheit nennen. Vielleicht. Achtungsvolle Zusammenarbeit. Und bitte lassen Sie jetzt kein kitschiges Bild von Betulichkeiten aufsteigen. Achtung ist eine ziemlich harte Sache, die viel gibt, aber genauso viel verlangen muß. Also verlassen wir jetzt und hier gemeinsam die aufsteigenden Bilder einer Frauenbewegung, die so daher kommt und nach der Verwüstung der Werte wieder vergessen werden muß. Verschaffen wir uns die Wahrheiten. Und wie gesagt. Achtungsvoll einander gegenüber. In der Technik des Einfärbens, wie das die neoliberale Spätmoderne so macht. In der Technik des Einfärbens ließe sich dann ein neuer Farbton erfinden. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir diesen Ton dann benutzen, dann wird das ja auch zu Auswirkungen führen. Gelungen können wir das dann auch Ästhetik nennen.</p>
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		<title>Revolution in Zeiten der Effizienzideologie</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2009/10/28/revolution-in-zeiten-der-effizienzideologie/</link>
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		<pubDate>Wed, 28 Oct 2009 16:30:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Rede am 28. Oktober im besetzten Audimax der Universität Wien. Lassen Sie mich mit dem Artikel 4 der Erklärung der Menschen-und Bürgerrechte vom 26. 8. 1789 beginnen. „Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. So haben die natürlichen Rechte jedes Menschen keine anderen Grenzen als die, die den anderen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rede am 28. Oktober im besetzten Audimax der Universität Wien.</p>
<p>Lassen Sie mich mit dem Artikel 4 der Erklärung der Menschen-und Bürgerrechte vom 26. 8. 1789 beginnen.</p>
<p><em>„Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. So haben die natürlichen Rechte jedes Menschen keine anderen Grenzen als die, die den anderen Mitgliedern der Gesellschaft den Genuß der gleichen Rechte sichern. Diese Grenzen können nur durch das Gesetz bestimmt werden.“</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Was Sie in Ihrem vorläufigen Forderungskatalog vom 25. Oktober 2009 verlangen, ist 210 Jahren immer noch das Ringen um die Möglichkeit dieser Freiheit. Sie verlangen in Ihrer Forderung nach Bildung in der Ausbildung jene Sprachen erlernen zu können, die Ihnen die Kritik an eben jener Ausbildung und deren Sprachen ermöglicht. Freiheit ist ein Zustand geworden, der mit den verinnerlichten Institutionen ausgetragen werden muß. Es genügt nicht mehr, daß irgendjemand Ihnen einen Weg weist oder ein Instrument an die Hand gibt. Als postmodern fragmentierte Personenkonstruktionen müssen Sie – und haben die Gelegenheit – Ihre eigene Freiheit in sich selbst erkämpfen. Sie müssen sich selbst bilden, um ihre Selbstbestimmtheit herstellen, im Herstellen erkennen und in der Erkenntnis kritisieren zu können. Das ist ein das Leben herstellender Prozess und nur mehr persönlich zu leisten. Das, was an Gesellschaftlichkeit von der Effizienzideologie der alles durchdringenden Verwirtschaftlichung in der Folge des endgültigen Endes des Kalten Kriegs übrig gelassen wurde, wurde das, weil es dieser Effizienz dienlich ist. Dieser Rest an Gesellschaftlichkeit stellt mit Mühe noch die Sprachen zu Verfügung, in denen Effizienz gesprochen werden kann. Die in den Geist eingewanderte Effizienz. Erinnern wir uns. Sie gehören den Generationen an, denen schon im Kindergarten diese paar Brocken Englisch beigebracht wurden, weil man schon damals begann, Ihre drohende Arbeitslosigkeit zu bearbeiten. Ihre Biographien sind aufs Engste mit der Angst verwoben, keinen Arbeitsplatz finden zu können. Der Arbeitsplatz wird dabei kongruent mit Platz in der Welt gedacht. Der Arbeitsplatz muß stellvertretend für den Platz in der Welt gedacht werden, weil sich alles über diese Einordnung und Einordenbarkeit entscheidet. Die Sichtbarkeit einer Person und ihre Möglichkeit, einen Lebenslauf überhaupt zu denken, geschweige denn zu gestalten, ist auf diese Einordnung bezogen.</p>
<p>Mit der Forderung nach Bildung in der Ausbildung wollen Sie die Grenzen sprengen, die die derzeitigen Gesetze in einem politischen Nachvollzug der wirtschaftlichen Effizienzideologie gezogen haben. Wie an der Universität des 18. Jahrhunderts sollen Staatsdiener an den Universitäten herangebildet werden. Diese Staatsdiener sollen schon effizient ausgebildet sein und die Behinderungen, die Bildung und die, von ihr aufgeworfenen Fragestellungen, keine Zeit kosten. Und kein Geld. Im Gegensatz zum 18. Jahrhundert stellt sich nicht mehr die metaphysische Frage der Ewigkeit und das geistig-seelische Wohl der Studierenden muß nicht mehr in Fürsorge in dieser Frage bedacht werden. Die postmoderne Demokratie – aber besonders die seltsam passive Quasidemokratie in Österreich – begibt sich ängstlich jeder Frage der Ethik. Erinnern wir uns, daß unsere Demokratie mit einem gediegenen Anteil von nationalsozialistischen und austrofaschistischen „Wählern“ und „Wählerinnen“ 1949 begründet wurde. Damals wurde eine Zugehörigkeit zu einem Österreichischen, also eine nationalistische Geburtszugehörigkeit  als Grundmaß des Demokratischen zur Grundlage genommen. Unser Parlament ist demzufolge mehr eine Nationalversammlung, denn ein demokratisches Parlament, für das der oben zitierte Artikel 4 der Menschen-und Bürgerrechte aus dem Jahr 1789 damit noch gar nicht zur Anwendung kommt. Die Folgen davon werden uns im Parlamentsalltag vorgeführt. Eine der Folgen ist die ängstliche Vermeidung von ethischen Fragen. Die Antworten werden in Gesetzen wie der neuen Asylverordnung inhaltlich gegeben und wieder sehen wir, daß gegen den Artikel 4 der Menschen-und Bürgerrechte des Jahres 1789  verstoßen wird. Dies aber, ohne die dahinter liegenden Vernichtungswünsche der Anderen offen mitzuteilen, die von dieser Regelung betroffen sind.</p>
<p>Erinnern wir uns dann noch, daß die österreichische Politik seit dem Jahr 2000 keine Kommunikation mit der Öffentlichkeit mehr unterhält. Die pädagogische Haltung der Regierungen Schüssel 1 und Schüssel 2 zu Demonstrationen, bei denen die Polizei den Demonstranten in einer Art Kindergartenbetreuungsfunktion an die Seite gestellt wurde und sanfte Disziplinierung ausgeübt wurde. Disziplinierung aber doch. Wenn wir uns erinnern, daß diese Haltung – übrigens eine monarchische Übung, sich in die Gemächer zurückzuziehen und den Mob draußen ins Leere laufen lassen und im schlimmsten Fall eine Reise ins Ausland unternehmen und das Kinderzimmer zuzusperren. Diese Haltung läßt nicht viel an äußeren Reaktionen erwarten. Die Medienreaktionen, die Ihnen freundlich zureden, die Ihnen aber inhaltlich nicht einen Millimeter entgegenkämen, wenn Sie in diesem Medium ein Praktikum machen wollten. Diese Medienreaktionen sind nur die andere Seite einer herablassend anpädagogisierten Haltung. „Laßt die Jungen machen. Jugend muß toben und Gott sei Dank, sie bewegen sich noch.“</p>
<p>Das, was Sie in Ihrem Forderungskatalog verlangen war verwirklicht. Das UOG 1975 hatte die Drittelparität auf allen Ebenen durchgesetzt und Ihre Forderungen nach Didaktik und Arbeitsplatz und wirtschaftlicher Sicherheit waren zumindest als Notwendigkeiten erkannt. Das Firnberg UOG wurde in der Folge von Politikern der ÖVP zu einem gesetzlichen Rahmen zurückgebaut, in dem die spitze Hierarchie den Universitätsprofessor wieder in Allmacht installierte. Gleichzeitig wirken auf diesen Universitätsprofessor und die wenigen Universtiätsprofessorinnen dieselben Zensuren der Effizienz und das Ergebnis sind Überforderungen, die nicht mehr dargestellt werden können, weil sich alles auch da nur mehr im Inneren der Personen abspielt. Der Universitätsprofessor hat dann immer noch verschiedenen Instrumente einer Abfuhr zur Hand. Aber die digitalisierte Bürokratisierung, die die Effizienzideologie umsetzen muß, läßt selbst dafür wenig Spielraum. Der Verteilungskampf wird in die Unendlichkeit von Sitzungen getragen und die Entscheidung über Qualität unterliegt einer auf ein Innen beschränkten Gruppendynamik.</p>
<p>Für Sie heißt das, daß Sie kein Ergebnis haben dürfen. Sie müssen diese Forderungen, die Sie in Ihrem Forderungskatalog aufgestellt haben, in den Jahren Ihres Studiums in jedem Augenblick zur Prüfung Ihrer Wirklichkeit erhalten. Sie müssen eine Kultur entwickeln, die sich ohne großartige Ergebnisse mit einer nachhaltigen Veränderung beschäftigen kann. Das erste Anzeichen, daß das möglich sein wird, sehe ich in der Tatsache, daß Sie sich keinen Zeitplan gesetzt haben. Schließlich ist Ihr Studium Ihr Rahmen auf der Basis der Ihnen zustehenden Freiheit. Und. Sie haben mit Ihrem Einsatz hier etwas unternommen, was nun jahrzehntelang nicht der Fall war. Nicht möglich war. Wie auch immer. Sie verteilen die Sorge um sich und das eigene Studium auf alle Studierenden. Das ist im klassischen Sinn noch nicht revolutionär. Aber in einer Kultur, wie dem Österreichischen, das der französischen Revolution und deren Ergebnissen nach wie vor feindlichst gegenübersteht. In einer solchen Kultur ist ein so sanfter Anfang wirkungsvoller und ich wünsche Ihnen persönlich und Ihnen als Menge der Studenten und Studentinnen daß es gelingt, der Ausbildung Die Bildung abzuringen, die ein gutes Leben im Rahmen einer bewußten Freiheit erst möglich macht.  Sie haben den grammatikalischen Schritt von einer Berechtigung in eine Berechtigtheit gemacht, in der Sie diese Freiheit als Ihr Recht selbstverständlich in Anspruch nehmen und verteidigen und nicht darauf warten, daß sie eine Berechtigung zugeteilt bekommen. Ich wünsche allen Erfolg.</p>
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		<item>
		<title>monday lectures: Oktober.</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2009/10/05/eroffnung-der-isop-weltnacht-am-30-september-in-graz/</link>
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		<pubDate>Mon, 05 Oct 2009 18:30:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Durcharbeitung der Gegenwart in Bruchstücken. An jedem ersten Montag im Monat. Eröffnung der ISOP Weltnacht am 30. September in Graz. Am vorigen Wochenende fand in Graz der Österreichische Soziologenkongress statt. Samstag waren die Filmemacherin Ruth Beckermann und ich eingeladen, über die Möglichkeiten der Darstellung des Jetzt zu diskutieren. Es ging um einen Methodenvergleich. Wer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<address>Die Durcharbeitung der Gegenwart in Bruchstücken.</address>
<address>An jedem ersten Montag im Monat.</address>
<h2>Eröffnung der ISOP Weltnacht am 30. September in Graz.</h2>
<p>Am vorigen Wochenende fand in Graz der Österreichische Soziologenkongress statt. Samstag waren die Filmemacherin Ruth Beckermann und ich eingeladen, über die Möglichkeiten der Darstellung des Jetzt zu diskutieren. Es ging um einen Methodenvergleich. Wer kann es besser. Die Soziologen oder Soziologinnen. Die Autoren oder Autorinnen/Filmemacherinnen. Diskutiert wurde mit einem Fachpublikum der Soziologie.</p>
<p>Die Diskussion verlief wie immer bei Methodenvergleichen mit all den Mißverständnissen über Begriffe und Deutungen. Wie immer waren aber gerade diese Mißverständnisse erhellend und erklärend. Eine normale Diskussion. Nicht sehr konfrontativ. Es wurde eher klar, wie sehr die beiden Ausdrucksformen des Wissenschaftlichen und des Kreativen ineinander greifen und daß es eher schwierig wäre, genaue Grenzen zwischen den „Disziplinen“ zu ziehen.</p>
<p>Am Ende der Diskussion meldete sich eine Frau aus dem Publikum zu Wort und sagte, daß sie nun wirklich etwas sagen müsse. Mit verhaltener Wut, sagte diese Frau, daß sie mit einem Künstler verheiratet sei. Mit ihrem Mann spräche sie dauernd über das, was er macht und was sie mache und sie fände das, was er macht, also die Kunst, sehr viel komplizierter als das, was sie mache, nämlich die Soziologie. Deshalb dürfe sie das, was sie sagen wolle, auch wirklich sagen. „Ich darf das jetzt einfach.“ sagte sie. Das was sie sagen wollte, betraf dann uns die Filmemacherin und die Autorin. Die Künstlerinnen. „Bevor wir endgültig in der Anbetung der österreichischen Autorinnen versinken.“ lautete die Einleitung zur Aussage, daß es offenkundig notwendig wäre, so unsystematisch zu arbeiten, wie diese Künstlerinnen und dann hätte die Soziologie vielleicht auch mehr Erfolg, wenn sie ihre wissenschaftliche Systematik aufgäbe. Im übrigen wenn sie schon diese Begriffe höre wie wissenschaftliche Enthaltsamkeit oder die Suche nach Wahrheit. Da frage sie sich, was denn das alles solle. Die Frau war sehr agitiert. Während des Satzes „Ich darf das jetzt einfach.“ schaute sie wütend trotzig vor sich auf das Pult und schlug mit der flachen Hand den Takt zu diesen Worten.</p>
<p>Was bedeutet eine solche Wortmeldung, die sich in ihrer Emotionalität von der Umgebung der Diskussion unterschied. Ärger und Wut wurden da ausgedrückt. Was bedeutet eine solche Wortmeldung, die sich dann nur in der Umgebung von den üblichen Angriffen auf intellektuelle Frauen unterscheidet. Ich hätte einen solchen Angriff in einer Diskussion mit Soziologen und Soziologinnen am wenigsten erwartet. Solche Angriffe finden sich normalerweise in den postings zu  Presse-Artikeln oder Fernsehauftritten oder in den Antworten von Festspielintendanten auf Kritik an ihrem Festspiel. Solche Angriffe werden gegen intellektuelle Frauen gerichtet. Also Frauen, die in Denken und Äußern existieren und nicht in der Vernutzung ihres Körpers auf welche Art auch immer öffentlich in Erscheinung treten. Also Frauen, die öffentlich sprechen, ohne sich von einer hegemonialen Sprechmacht abzuleiten. Frauen, die sich ihre Situation in den Verhältnissen der Macht vergegenwärtigen. Frauen, die sich ihrer Zugehörigkeit zur strukturellen Minderheit Frauen bewußt machen und schon darin politisch auftreten. Frauen, die eine andere Ordnung der Welt wollen als die postpatriarchale Herrschaft einer Männlichkeitskonstruktion, die auch den demokratischen Mann ausschließt .  Und. Lassen Sie uns die Gruppe dieser intellektuellen Frauen stellvertretend für alle strukturellen und realen Minderheiten hier in die Formel des öffentlichen Umgangs mit diesen Gruppen einsetzen.</p>
<p>Lassen Sie uns untersuchen, welche Aussagen hinter einem so einfach erscheinenden Einwand gegen zwei intellektuelle Frauen angelagert sind und wie das im Gesamtbild des öffentlichen politischen Sprechens zu deuten ist. Denn darum geht es. Es geht darum, wie die Redeformen auf all den verschiedenen Ebenen in der Öffentlichkeit sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Im Grund geht es darum, was der aggressive Diskussionsbeitrag dieser Soziologin in Graz  mit den Wahlplakaten der FPÖ in Oberösterreich mit Aufschriften wie „Für einen starken Mittelstand im Heimatland“ zu tun hat. Denn. Die Frage muß doch lauten, was bedeutet es nun, daß die Landtagswahlergebnisse des Jahres 2009 den Landtagswahlergebnissen des Jahres 1949 gleichen.</p>
<p>Im Jahr 1949 hatte die ÖVP 23 Mandate, die SPÖ 15 und die WdU 10. Die WdU war die „Wahlpartei der Unabhängigen“. Die „Unabhängigen“ waren die „minderbelasteten“ Nationalsozialisten. In Oberösterreich waren das etwa 77.000 Personen. Fast nur Männer. Die WdU benannte sich 1961 dann endgültig zu FPÖ um. Die FPÖ muß also in direkter Linie zu diesen „unabhängigen Minderbelasteten“ abgeleitet werden. Und es muß weiterhin und wiederum die Frage gestellt werden, was es denn heißt, wenn Personen, deren politische Vorstellung antidemokratisch ist, zur Wahl gehen und damit die Gründung einer Demokratie mitbestimmen. Und was heißt es, wenn ein so hoher Anteil an Personen genau den Staat ablehnen, in dem sie zu dieser Wahl gehen. Selbst ein „minderbelasteter“ Nationalsozialist ist ein Nationalsozialist, der ein an Deutschland angeschlossenes Österreich haben will. Wir wissen von Jörg Haider von dem Stolz dieser Gruppe darauf, sich für die Verbrechen des Nationalsozialismus nie entschuldigt zu haben und darin dann ein „besseres und unschuldigeres“ Deutschtum für sich in Anspruch nehmen zu können als die Deutschen selber, die ja durch den Nürnberger Prozess in den Augen dieser Gruppe gedemütigt wurden und mit den Entschuldigungen bei den Opfern sich als „Deutsche“ diskreditierten.</p>
<p>Gleich ist nur, daß es Krisen sind, die diese Wahlergebnisse mitbestimmen. Im Jahr 1949 wollte die westliche Welt sich aber nicht weiter mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Der Kalte Krieg war ausgebrochen. Die Militarisierung der österreichischen Gesellschaft war bewußt benutzt worden. Ein Nationalsozialist ist in jedem Fall ein guter Antikommunist und darum ging es. Antikommunismus und die Amerikanisierung der Kultur war 1949 schon wieder wichtiger geworden als die Frage, wie Demokratie zustande kommen konnte und wie Antifaschismus verankert werden kann.</p>
<p>Wie aber kommt es, daß im Jahr 2009 ein so ähnliches Wahlergebnis zustande kommen kann. Welcher Bogen führt über die dazwischen liegenden 60 Jahre in diesen Rückbau der Verhältnisse.</p>
<p>Bleiben wir bei unserem Beispiel. Was wollte diese Frau in der Diskussion nun eigentlich sagen.  Mit dem Satz, sie wäre mit einem Künstler verheiratet, wird uns zunächst einmal mitgeteilt, daß diese Frau verheiratet ist. Weil sie uns sagt, daß sie mit einem Mann verheiratet ist, teilt sie uns mit, daß sie heterosexuell ist. Und. Sexuell aktiv.</p>
<p>Das ist ein unglaublich privates Statement in einer öffentlichen Diskussion. Die Tatsache, verheiratet zu sein, ist eine private Tatsache und sollte in einer Diskussion um die Frage der Methoden von Soziologie oder Literatur und Film keine Rolle spielen. Aber. Mit der Aussage „Ich bin mit einem Mann verheiratet.“ wird die Zugehörigkeit zur hegemonialen heterosexuellen Norm definiert. Die Norm wiederum wird dazu benutzt, die intellektuellen Frauen auf dem Podium herauszufordern.</p>
<p>Lassen Sie mich kurz untersuchen, wie diese Herausforderung funktioniert. Hier, wie in den Wahlslogans der FPÖ wird nicht ein Argument vorgelegt, auf das eingegangen werden kann. Etwa in dem Muster: „Wir wollen keine Ausländer im Land. Was sagen Sie dazu? “ Nein. Es wird die gelebte Ideologie so benutzt, wie im Mittelalter der Handschuh, der als Herausforderung des Gegners in den Ring geworfen wurde. Die gelebte Ideologie, das ist die gefühlte Erfahrung über faschistische Formeln ausgedrückt. Die gelebte Ideologie wird als Herausforderung veröffentlicht. Es gibt nur die Möglichkeit, sich dieser Ideologie anzuschließen. Oder sie vollkommen abzulehnen. Argumente sind nicht mehr möglich. Das verhindert die Verklebung von Leben und ideologischer Aussage. Sie kennen das. Das ist genau der Satz, der in der Diskussion am vorigen Samstag gefallen ist. „Jetzt muß ich aber wirklich die Wahrheit sagen“ sagt Ihnen jemand und überschüttet Sie mit Klagen darüber zu kurz gekommen zu sein. Nicht beachtet worden zu sein. Ich werde nie vergessen, wie die Gattin eines ehemals austrofaschistischen ÖVP Politikers empört zu mir sagte, „Es geht immer nur um die Juden. Immer geht es nur um die Juden.“ und darin in der Lage war, noch einen Neid auf die Shoa zu entwickeln. Wenn die Personen sich nicht von den Argumenten abtrennen können, dann sind sie dazu verurteilt, ihren Aufstieg und Fall mit diesen Argumenten denken zu müssen. Eine totale Einverleibung der Argumente findet statt. Die Person ist ihre Ideologie. Ein Angriff auf die Ideologie ist ein Angriff auf die Person. Der Aufstieg der Ideologie ist der Aufstieg der Person.</p>
<p>In unserem Beispiel vom vorigen Samstag. Das Verheiratet Sein dieser Frau wurde uns als Herausforderung vor die Füße geschleudert, gegen die es kein demokratisches Mittel gibt. Die Deklaration ja nun selber auch verheiratet zu sein, wäre nur die Einreihung in die Gruppe der heteronorm Fixierten. Das ist kein Argument sondern eben eine Einreihung. Mit dem Satz, sie selber wäre ja verheiratet, hat diese Frau die Operation vorgenommen, die allen Minderheiten gegenüber als Veranderung zu bezeichnen ist. Sie hat aus uns die Anderen gemacht, die nicht verheiratet sind. Das ist ein beliebter Sport intellektuellen Frauen gegenüber, ihr Frau Sein in Frage zu stellen und sie so zu entwerten zu  versuchen. Es ist ja immer zuallererst Sexualpolitik, die zur Beschreibung der Minderheit herhalten muß. Ich höre immer, daß ich wahrscheinlich als Frau versagt habe und deswegen kritisch sein muß. In genau dieser Herausforderung, die nur die Unterwerfung akzeptieren kann, wird eine Bedürftigkeit behauptet, gegen die es kein Argument gibt.</p>
<p>Die Frau beim Soziologenkongress ging aber noch weiter. Sie war zwar Akademikerin und hatte ihre eigene Karriere. Ihr Mann aber machte das Kompliziertere, nach ihrer Aussage. Statt dieser intellektuellen Frauen auf dem Podium sollte nämlich ihr Mann da sitzen. Was wollten diese depperten Weiber da, wenn es ihren großartigen Mann gab, der als Mann kompetenter da agieren konnte. Was übrigens ja der Fall sein mochte. Wir kennen ja den Mann einer Diskutantin nur durch ihre Aussage und wissen daher nichts über ihn. Aber.  Landesüblich neigen nun alle die Köpfe und sagen so von seitlich unten zu mir, daß ich es da nun zu weit getrieben habe. Das sei doch ganz einfach nur Liebe. Diese Frau liebte ihren Mann und wollte ihn eben erhöht sehen. Könnte ich das denn nicht verstehen?</p>
<p>Nein. Das ist keine Liebe. Hier geht es nämlich um die Beseitigung. Es geht um die Beseitigung der Da Sitzenden. Wir saßen ja da und wurden zuerst einmal sexualpolitisch entwertet und danach fachlich angegriffen. Es geht also um Vernichtung. Das kommt in so einem Zusammenhang so normal daher. Da kann jeder und jede alles übersehen. Das ist österreichische gesellschaftliche Konvention. Vernichtung ist eine normale gesellschaftliche Operation, in der sich das Nicht Gesellschaftliche dieser Gesellschaft zur Erscheinung bringt. Jeder Scherz. Jeder Grant. Jede Aussage, die damit beginnt, daß es nun unumgänglich notwendig würde, die Wahrheit zu sagen und der Kronen Zeitung recht zu geben. Immer geht es um Vernichtung. Um Vernichtung in genau der Weise, wie Canetti sie mit seiner Theorie der Befehlsstacheln beschrieb. Jede Vernichtung ist ein Stachel, der so schnell wie möglich weitergegeben werden muß, um den eigenen Schmerz zu verringern. Das betrifft jeden und jede. Unser Alltag ist von Vernichtung durchdrungen. Vernichtung ist konventionell und überhaupt nichts Besonderes. Deshalb ging sie der Soziologin vorigen Samstag auch so leicht von der Hand. Sie muß es ja selber gar nicht bemerken. So wie die Konvention abverlangt, daß die Vernichteten ihre Vernichtung mit Achselzucken übergehen.</p>
<p>Wie kann es aber nun kommen, daß wir als Bewohner und Bewohnerinnen eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder der Welt, die rundherum beneidet werden, in einer wüsten Nicht Gesellschaft der täglichen Beleidigung und Vernichtung leben. Wie kann es sein, daß die Entwicklung eines Sozialstaats, der wirtschaftlich leistungsfähig ist, keine Sicherheit in den einzelnen Leben verleiht.</p>
<p>Angst. Es ist Angst. Die Person, die ganz ihre einverleibte Ideologie ist, besteht dann auch nur aus dieser Ideologie. Diese Ideologie läßt keinen Platz für die Person. Es ist ein Unterwerfungsprozess, der in immer radikaleren Bögen, die Einverleibung der Einverleibung abverlangt. Wir kennen das als diese Unbeirrbarkeit in der Verfolgung der rechten Standpunkte. Die Person liefert sich an die Ideologie aus und wird von dieser Ideologie dann gehalten. Die Ideologie aber hat das Ziel, Angst herzustellen. Die Ausgegrenzten. Die Anderen. Sie sollen durch Angst stillgestellt werden. Für die Person in der Ideologie heißt das, daß sie sicher ist, so lange sie in der Ideologie verbleibt. Weil das Leben aber nun nicht so einfach und fraglos verläuft, entstehen immer wieder Lücken und das Ausgrenzen der Anderen muß verstärkt werden. Das wiederum bedeutet, daß die, die im faschistischen Inneren. Also in dem, was da in Oberösterreich Heimat genannt wurde. Oder wie die Frau in der Diskussion vorige Woche ihren Ehemann für den richtigeren Vertreter eines symbolischen Territoriums ansah, das sie gegen diese intellektuellen Frauen verteidigen wollte. Die Verstärkung der Ausgrenzung bindet die Ausgrenzer je enger in ihren ausgegrenzten Raum.</p>
<p>Wir leben alle in dieser Angst. Unsere Kultur beruht auf dieser Angst. Wir leben in einer Kultur, die sich über Neid dieser Angst entledigt. Das tun wir alle. Ich auch. Ich muß auch sagen, daß solche Interventionen, wie die Diskutantin vorige Woche. Daß solche Interventionen mir selbst aus der Welt meiner Kindheit und Jugend in allernächster Nähe bekannt und durchaus selbstverständlich waren. Ja. Aus solchen konventionellen Abwertungen bildete sich ein Alltagsumgang, der Familie und Schule und Freundeskreise umfaßte. Es hätte damals auch mir eine solche Wortmeldung passieren können. Und. Als sehr junge Person hätte ich damals erwartet, es richtig gemacht zu haben. Ich denke, diese Äußerungen passieren. Das ist das Schlimme an ihnen. Es ist ja nie gefragt worden, was diese Sätze der selbstverständlichen Vernichtung anrichten. Wir wurden ja nur angeleitet, diese Vernichtung so rasch wie möglich weiterzugeben. Die Techniken dafür in Tratscherei, Scherz und bösen Gerüchten wurde von Anfang an gelehrt. Ein tief verankertes Denkverbot hilft die Folgen dieser Vernichtung als Selbstverständlichkeit ertragen zu können.  In vielen Bereichen unserer Gesellschaft erhält sich dieses Vernichtungssprechen als Humor. Wenn im ORF comedy vorgeführt wird, dann zeigt sich das in aller Klarheit und wird trotzdem nicht gesehen. Selbstachtung ist passenderweise keine Tugend.  Und. Die Schwachen werden preisgegeben. Wer das nicht ertragen kann, der wird brutal den Folgen ausgesetzt.</p>
<p>Es geht also um die Bewältigung der Angst. Angstverdrängung führt in die gefühlte Ideologie, die nie unterbrochen in unserer Kultur gehütet werden durfte. Oder mußte.</p>
<p>Jetzt einmal aber. Hier. Heute Abend. Hier sind wir alle sicher und im Richtigen. Ich wollte, die ganze Welt könnte in ein ISOP Projekt verwandelt werden. Mit dem Feiern. Mit der Musik. Wir befinden uns hier in einem Raum, der sich nicht mit Grenzen bewehren muß. Was für ein Vergnügen und was für ein freies Atmen.  Und wie schön, daß hier in einer Wendung gegen das Funktionieren der Welt die höchsten Werte hochgehalten werden können. Ich wünsche einen besonders schönen Abend.</p>
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		<title>„Bei uns hat der größte Wert den kleinsten Preis“</title>
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		<pubDate>Sat, 11 Jul 2009 09:38:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>
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		<category><![CDATA[Jan Brady]]></category>
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		<category><![CDATA[Wertefrage]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Wertefrage. Vortrag im Rahmen des WerteWelten Kolloquiums 2009 11. Juli 2009 an der Universität Tübingen Vorige Woche wurde in England im Großraum von Manchester die Suche nach der Leiche von Keith Bennett eingestellt. Keith Bennett war 12 Jahre alt, als er von Jan Brady und Myra Hindley gefoltert und ermordet wurde. Jan Brady und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Wertefrage.</p>
<p>Vortrag im Rahmen des <a href="http://www.wertewelten.net/" target="_blank">WerteWelten Kolloquiums 2009</a><br />
11. Juli 2009 an der Universität Tübingen<br />
Vorige Woche wurde in England im Großraum von Manchester die Suche nach der Leiche von Keith Bennett eingestellt. Keith Bennett war 12 Jahre alt, als er von Jan Brady und Myra Hindley gefoltert und ermordet wurde. Jan Brady und Myra Hindley wurden am 6. Mai 1966 für die Morde an 5 Kindern und Jugendlichen zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Todesstrafe war 4 Wochen zuvor abgeschafft worden. Der Mord an Keith Bennett wurde beim Prozess nicht verhandelt. Jand Brady gestand diesen Mord sehr viel später einem Journalisten. Immer wieder war der Versuch gemacht worden, Jan Brady dazu zu bewegen, den Ort preiszugeben, an dem Keith Bennetts Leiche von ihm und Myra Hindley vergraben worden war. Myra Hindley verstarb 2002. Jan Brady schweigt bis heute. Eine Suchaktion 2005 war abermals fehlgeschlagen. Vorige Woche wurde die Suche offiziell eingestellt. Geldmangel wurde angegeben.<br />
Um ein glückliches Leben führen zu können, benötigen wir Kultur als ein Bündel von Konzepten, die den Mitgliedern dieser Kultur vermitteln, was gut und was böse ist. Was wahr und was nicht. Was wertvoll und was nicht. Die Konzepte insgesamt fügen sich zu einer Beschreibung des Werts des Lebens zusammen.</p>
<p>Eines dieser kulturbildenden Konzepte beschäftigt sich damit, wie mit den Toten umgegangen wird. Das herkömmliche Konzept der englischen Kultur scheint gewesen zu sein, jeden und jede Tote in einer Zeremonie der Kenntnisnahme des Tods in einem Grab zu beerdigen, dessen Ort eine besondere Bedeutung entwickelt.</p>
<p>Die Mutter von Keith Bennett ist mittlerweile 75 Jahre alt. Im Rahmen dieses kulturellen Konzepts wäre es für sie eine Erleichterung zu wissen, wo die Leiche ihres 12jährigen Sohns vergraben liegt. Sie hätte immerhin die symbolische Genugtuung, ihr Kind dem Zugriff des Täters entzogen zu haben. Der heute 71 Jahre alte Täter triumphiert ja in seinem Wissen vom Ort der Leiche noch einmal über das Opfer, für das er ja auch straffrei blieb. Im Triumph über das Opfer und seine Famillie ist aber auch der Verstoß gegen das kulturelle Konzept der Totenruhe insgesamt enthalten.</p>
<p>In den britischen Medien wird vom Recht der Mutter auf die Totenruhe ihres Sohns ausgehend, ein allgemeinerer Anspruch auf einer Ebene der nationalen Zugehörigkeit formuliert. „We never forget and we never give up&#8221; ist eine Formel, die diese Zugehörigkeit beschreibt und erstrebenswert macht. Das gesamte United Kingdom steht für einen von da ein. Ein solcher Satz kann als Garantie für jeden einzelnen angesehen werden, der  seinen Einsatz beim Aufbau des Empires mit diesem Satz zurückbezahlt bekommen sollte. Auf diese, aus dem nationalen Militarismus entspringende Solidarität wird in den Medien landesweit Bezug genommen. Keith Bennett wird so quasi zum Kriegsgefangenen erklärt, der aus dem Zugriff des Feinds befreit werden muß. Erinnern wir uns daran, wie bei Friedensverhandlungen zwischen kriegführenden Parteien die Rückführung der Toten ein langes Verhandeln erfordert und zu den Grundforderungen eines Friedensvertrags gehören. Die Suche nach Keith Bennetts Leiche darf nicht aufgegeben werden, vermitteln die Medien. Die Suche nach Keith Bennetts Leiche wurde zu einer nationalen Frage.<br />
Was wir vor uns sehen, ist ein Geflecht von Konzepten aus ganz verschiedenen historischen Schichten. Diese Konzeptverwebung wird mit der Einstellung der Suche nach der Leiche die Berechtigung entzogen. Eine Kette von Entwertungen wurde ausgelöst. Das Opfer. Dessen Familie. Die Gesellschaft. Es muß vergessen werden. Es muß aufgegeben werden. Das Budget diktiert die Aufgabe der Realisierung der Konzepte. Die Konzepte verlieren ihre Bedeutung für die Leben. Das, was zum Sinn des Leben gehörte, hat keine Bedeutung mehr. Eine Kultur ist zu Ende. Für die direkt betroffenen Leben wird dieses Ende am deutlichsten ausgeprägt sein. Für die direkt betroffenen Leben werden alle anderen vergessen. Die Nation hat aufgegeben und läßt dem Täter einen Sieg.<br />
Es wird mit Scham reagiert. „We don&#8217;t do that&#8221; wird in Kommentaren geschrieben.</p>
<p>Es wird an ein Konzept nationaler Männlichkeit appeliert, das heldische Tugenden repräsentiert. Wenigstens der Mutter sollte beigesprungen werden, heißt es.</p>
<p>Wie die Fragmentierung einer Kultur vor sich geht, ist an diesem Beispiel zu sehen. Wie  Konzepten ihre gesellschaftliche Wirkung genommen wird, indem die Durchführung von der Vorstellung abgetrennt, das Konzept auf eine nostalgische Formel reduziert wird. Die Kontinuität von Vergangenheit und Gegenwart wird unterbrochen. Die Vergangenheit von der Gegenwart getrennt. Das gelebte Konzept bleibt in der Vergangenheit. Das Konzept wird in der Gegenwart nur noch beschworen. Das Konzept ist zur leeren Formel geworden. Die Deutung des Lebens kann nicht mehr auf das selbstverständlich gelebte Konzept zurückgreifen. Das Leben macht weniger Sinn. Das Konzept ohne die gelebte Bedeutung wird zu einem nostalgischen Territorium, das nun seinerseits zur Deutung offensteht. In der Logik einer territorialen Berechtigung rechter Ideologien invadiert die British National Party dieses Konzept und benutzt es zur Untermauerung der Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe.<br />
Der Fall von Jan Brady und Myra Hindley entwickelt sich vieler widersprüchlicher gesellschaftlicher Entwicklungen entlang und dehnt sich über mehrere Generationen aus. Die Gleichzeitigkeit der verschiedensten Konzepte hat in diesem Fall dazu geführt, daß mehrere sinnvermittelnde theatrale Inszenierungen nicht stattfanden.  Der Mord an Keith Bennett wurde vor Gericht nicht verhandelt. Schuldspruch und Urteilsspruch durch einen Stellvertreter der Gesellschaft  versprachlichten so nie die Tat und eine Beurteilung. Das Opfer bleibt so auch sprachlich im Besitz des Täters.</p>
<p>Vier Wochen vor dem Prozess gegen Jan Brady und Myra Hindley wurde die Todesstrafe aufgehoben. Sehr oft nehmen die Medienberichte diese Tatsache wieder auf und weisen so darauf hin, daß die Gesellschaft sich es ersparen hätte können, sich immer wieder mit diesen Tätern beschäftigen zu müssen. Gerade dadurch, daß Jan Brady noch lebt und den Ort bekannt geben könnte, ist die Gesellschaft ja herausgefordert. Myra Hindley zeichnete einen Ort auf dem Plan der Moore auf, in denen sie behauptete, Keith Bennett vergraben zu haben. Der Ort stimmte aber nicht. Myra Hindley ist tot und der Zorn der Massen richtet sich nun voll auf Jan Brady. In der vagen Erinnerung an Reinigungsopfer werden Reinlichkeitsmetaphern benutzt, anzudeuten, daß eine Hinrichtung dieser beiden Täter sinnvoll gewesen wäre. „It would make sense&#8221; heißt das dann. Das  Konzept der Todesstrafe zur Reinigung der Gesellschaft wird sinnstiftend eingesetzt. Die Todesstrafe als öffentliches Theater des Menschenopfers. Zwar hat die Sensibilisierung der viktorianischen Gesellschaft dazu geführt, die Durchführung der Todesstrafe hinter die geschlossenen Türen der Gefängnisse zu verbannen. Die öffentliche Phantasie ist bis heute damit befaßt. Die Memoiren von Henkern sind all time bestsellers und stehen in Spezialbuchhandlungen in den Regalen der true crime stories, was eine ironische Richtigkeit besitzt. Ein Teil der Gesellschaft würde die Durchführung der Todesstrafe ja in der Überwindung des Konzepts als Verbrechen beurteilen.<br />
Konzepte des Kulturellen verlieren ihre Bedeutung immer durch die Trennung von Text  und Ausführung. Im Fall der Todesstrafe wurde das Text außer Kraft gesetzt in der Transformation eines Strafrechts weg von den theatralen Inszenierungen. Dieser Wegbewegung von den mittelalterlichen Inszenierungen läßt sich auch an der Diskussion über die Perücken der Richter und Anwälte ablesen, die während des Prozesses getragen werden müssen. Immer wieder wird auf die Lächerlichkeit dieser Perücken hingewiesen. Noch aber hat die Verwirtschaftlichung aller Lebensbereiche diese Sitte einmal nur bei Zivilprozessen außer Kraft setzen können. Die Öffentlichkeit spricht sich bei Umfragen vehement für die Verwendung von Perücken bei Gericht aus. Die Perücken bedeuten Gericht. Gesellschaftliche Sicherheit beruft sich auf eine Gerichtsbarkeit, deren Bedeutung bekannt ist. Die Perücken sind dafür eine Requisite, die diese Bedeutung vermittelt. Wenn nun aus Geldmangel die Perücken insgesamt verschwinden würden, so wird der Text „Gericht&#8221; nicht mehr vollständig ausagiert. Das wird nicht zum Ausbruch von Anarchie führen. Aber. Eine Kultur wäre zu Ende. Der gleiche Prozess wie bei dem Glaubenssatz des Britisch Nationalen „We never forget and we never give up&#8221;  bliebe der Text des Konzepts abgetrennt zurück und kann, der gesellschaftlichen Bedeutung entkleidet, von jedem in Besitz genommen werden. Politisch nostalgische Umdeutung als Strategie postmodern rechter Parteien ist fast unvermeidlich, wobei die theatrale Umsetzung des Konzepts eingefordert wird. Der Öffentlichkeit wird so politisches Selbstverständnis der Kultur in Fürsorge weisgemacht. Volkstümlichkeit, heißt das dann. Volksnähe. Ein Wissen, um das, was richtig ist, weil man das, was war, nicht verdammt.</p>
<p>Die Moderne entwickelt sich einer ununterbrochenen Fragmentierung der Konzepte der Kulturen bis dahin entlang. Die Moderne fragmentiert die Konzepte in sich selbst. Die Fragmentierung ist die Moderne.  Fragmentierung muß gelesen werden können, die fragmentierten Konzeptsplitter zur Sinndeutung verwenden zu können. Denn. Es gibt keine neuen Konzepte. Denn. War nicht Revolution jener Akt, die Konzepte mit einem Handstreich außer Kraft zu setzen und neue Konzepte einzuführen. War nicht die Vorstellung, mit neuen Konzepten neue Menschen zu fabrizieren genau das, was nun im 20. Jahrhundert vielfach und auf allen politischen Seiten scheiterte. Wir leben heute nach dem Ende vieler Kulturen. Die kulturellen Konzepte daraus liegen zur Inbesitznahme herum, weil ihre Gelebtheit längst nicht einmal in Erinnerung geblieben ist. Der Weg rechter Politik. Und das auf allen Ebenen. Von der Wehrsportgruppe in verlassener Ländlichkeit bis zur Führungsetage der Finanzindustrie. Der Weg rechter Politik ist immer die Aneignung des Texts, in der Beibehaltung der Trennung von der Praxis. Der seines Sinns entfremdete Text des kulturellen Konzepts simuliert dann Sinnstiftung. Die Rückkehr zum so entfremdeten Text ergibt die Zustimmung in Wählerstimmen, die sich in diesem Text aufgehoben finden können und keine Frage an sich selbst mehr stellen müssen. Die fragmentierten Identitäten können in diesen eben postmodern entfremdeten Text des kulturellen Konzepts abgegeben werden und kommen in eine Vorstellung zusammengeschweißt zurück. Der  sinnentleerte und auf seine Wörtlichkeit reduzierte Text des kulturellen Konzepts kann zu einem Prozess des Einschweißens und Einschmelzens verwendet werden, der eine Scheinidentität herstellt, die keinerlei Bezug zu irgendeiner gelebten Erfahrung aufweist. Das Ende des Endes der Kultur ist damit erreicht. Dieses Ende des Endes findet im 20. Jahrhundert in unseren Kulturen statt. Faschismus erstrebt dieses Ende des Endes und stellt es bewußt her. Die vollkommene Trennung von nostalgisch entfremdetem kulturellem Text und gelebter Erfahrung.</p>
<p>Da leben wir. Danach leben wir. Wir alle. Wir selbst müssen diese Technik des Faschismus anwenden, uns unsere Leben zusammenzubasteln. Wir alle suchen aus den Trümmern der Konzepte Textstellen heraus, die uns helfen sollen, unsere Leben zu deuten. Wenigstens. Dieser Zugriff auf Trümmerbausteine ist dann das, was wir Freiheit nennen. Oder Selbstbestimmung.<br />
Welche Möglichkeiten könnte es geben, den entfremdeten Text nicht nur zu benutzen und damit der inneren Fragmentierung durch Fragmentierung Sinn zu verleihen. Diese innere Fragmentierung durch die Entfremdetheit des Texts zu bestätigen.<br />
Ich denke, es geht darum, wieder auf die Suche zu gehen. Ganz wie in den Mythen und Märchen auszuziehen und Abenteuer suchen, die die Anwendung des kulturellen Texts herausfordern und eine Bewährung abfordern.<br />
Das Theater als Erinnerung an die Theatralität des Lebens könnte ein Medium solcher Suchen gehen. Aber. Die Suche müßte den Wert darstellen. Die Suche müßte hochherzig und so unzersplittert wie möglich gedacht sein. Diese Suche müßte uns alle töricht sehen. Kindlich. Eine solche Suche müßte den Verlust der Kultur durcharbeiten und sich fragen, wie war das? Ernsthaft und das Mitgefühl die einzige Erkenntnismöglichkeit. Wie war das, wie das Theatrale im Leben gelebt wurde. Was hat das bedeutet, daß meine Großmutter immer zu Prozessionen gegangen ist. Zu Prozessionen gehen mußte.  Das ging so weit, daß die tief gläubige Katholikin bei den 1. Mai Umzügen der sozialistischen Partei dabei war. Warum wollte diese Frau an dieser Öffentlichkeit teilnehmen. Was bedeutete ihr die Sichtbarkeit, die das herstellte. Und. Es sind wahrscheinlich Kategorien des Aufgehobenen und Eingebundenen, die sich darin eröffnen. Die Fragen nach Freiheit, wie ich sie stellen würde, kam da gar nicht ins Spiel. Aber. Es ginge ja darum, die Begehren anderer herauszufinden und wie sie sich die Erfüllung dieser Begehren verschafften. Welche Konzepte in die Lebenserfahrung gezogen wurden und wie Wirkung entfalteten. Welche Handhabung der Sprechmächte welche gelebte Erfahrung nach sich zog und darin eine Wahrheit offen legt. Und. Welche Aufträge an die nächste Generation daraus abgeleitet wurden und welche Erbschaften den Nachkommen auferlegt. Eine solche Suche müßte sich jeder Unmittelbarkeit begeben und in einer ruhig gesammelten Schau der Vergangenheit die Frage stellen, welche Fragen es waren, die den Kosmos der Konzepte aufrufen konnten. Welche Fragmente übrig geblieben waren. Oder. Erinnern wir uns einmal nur an das Ende des 1. Weltkriegs, welche Konzeptfragmente übrig geblieben waren, einen Sinn des Lebens  wenigstens anzudeuten. Bei Siegern und Verlieren übrigens in vollkommen unterschiedlicher Weise. Die Frage, des Überlebens oder Weiterlebens von Kulturen wurde und wird gerade derzeit durch kriegerische Handlungen zur Entscheidung gebracht.</p>
<p>Alle gesellschaftlichen Dialogformen sind &#8211; jedenfalls in der Welt der deutschen Sprache des Deutschen und des Österreichischen &#8211; längst durch die beschriebene Entfremdung korrumpiert. Jedes Gericht, jedes Verhör.  Wir können die Geschichte dieser Insitutionen am Konzept etwa der 10 Gebote der christlichen Religionen messen und sehen, daß immer schon, aber im 20. Jahrhundert besonders, dieses Konzept von der Lebenswirklichkeit abgetrennt vermittelt wurde. Immer schon hat die Macht sich von den Konzepten ausgenommen und sie damit ihrer Bedeutung entleert. Es gibt auch für die kulturellen Konzepte kein goldenens Zeitalter einer umfassenden Wirksamkeit. Es gibt nur durch die wirtschaftlichen Umstände hergestellt, andere Personenkonstruktionen, die in einem anderen Zeitmaß ihr Leben verbrachten. Wir wissen wenig von denen, die das Trauma des Endes ihrer Kultur erlebten.</p>
<p>Keith Bennett und die anderen zumindest 6 Mordopfer von Jan Brady und Myra Hindley werden in der weltweitgespannten Gemeinde des Sadismus, die das Internet nun endgültig innig zusammengeführt hat, als dem Sadismus notwendige und wertvolle Opfer gefeiert. Nun.</p>
<p>Das Opfer ist die zentralste Handlung der meisten Religionen. Das Menschenopfer ist die höchste Form des Opfers. Leben und Lebenskraft werden im Opfer gebündelt an die Schöpfungsordnung zurückgegeben. Die Entstehung des immer männlichen Menschenopfers ist eine vieldiskutierte Grundfrage der Anthropologie. Die Theorien reichen von Gabe und Geschenk zur Versöhung der Geister über totemistische Opfermahle als magische Versöhnungspraxis bis zum Opfer als Sündenbock. Immer jedoch geht es um den Ausgleich zwischen sakralen und weltlichen Mächten. In der Weltlichkeit wäre dann das reale Leben der Menschen agesiedelt. Das Sakrale ist Repräsentation der Gesellschaft. Der sadistische Mord ist die verbrecherische Aneignung dieses Konzepts des Sakralen und löst auch darin jene Abscheu aus, der dann seinerseits die Todesstrafe wieder  argumentieren hilft. Und. Der uns so unangenehm berührt.</p>
<p>Die Heilige Messe des Christentum geht als fixierte und fixierender Text davon aus, daß im Selbstopfer Jesu als Sohn Gottes in menschlicher Gestalt das ultimative Opfer gebracht worden ist. Kein Menschenopfer danach kann diese sakrale Kraft mehr beanspruchen. Die Geopferten können nur noch Ergänzung der kultischen Wirkung dieses Gottesopfers werden und als Heilige in den Chor eintreten, der dieses Ereignis lobpreist. Eine Tat, wie die von Jan Brady und Myra Hindley führt vor diesen Text zurück und setzt nun ihrerseits das nachfolgende kulturelle Konzept außer Kraft, indem eine Lebensrealität hergestellt wird, zu der es kein gültiges kulturelles Konzept gibt. Die Entfremdung liegt in der gelebten Wirklichkeit, die sich nicht in den kulturellen Konzepten verorten läßt.<br />
„Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in der moralischen muß alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das Theater die Schule der moralischen Welt sein soll.&#8221;  So schrieb Gotthold Ephraim Lessing in der Hamburgischen Dramaturgie im 1. Band zum 2. Stück. 1767 schrieb Lessing diese Forderung für das Theater zum Trauerspiel „Olint und Sophronia&#8221; von J. Friedrich von Cronegk. 10 Jahre vorher fand Edmund Burke in seinem „Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful.&#8221; die Überlegenheit der Wirklichkeit des Sublimen gegenüber der theatralen Nachstellung des Sublimen heraus. Nach Burke beruht die Überlegenheit der Wirklichkeit darauf, daß die echte Exekution die theatralischere, die theatral ästhetischere Wirkung besitzt. Die echte Exekution. Der echte Mord. Sie werden als das ästhetisch überlegene Ereignis aufgefaßt. In beiden Fällen wird das Theater als gemeinsam zu lesender Text gesehen. In diesem „Gemeinsam&#8221; des Lesens wird das Publikum hergestellt, dessen Reaktion wiederum über die Existenz des Theaters entscheidet. Publikum ist so immer richtig. Es stellt ja Theater überhaupt her. Der Erwerb der Eintrittskarte und das Eintreten in die Stockmasse, der im Theater sitzenden Personen, bedeutet heute wie 1757 die Voraussetzung für die Theateraufführung. Das Theater ist der Dienstleistungsbetrieb, der die durch den Kartenerwerb ausgedrückten Erwartungen erfüllen soll. Es sollen ja wieder Eintrittskarten erworben werden. Zwar gibt es die Konkurrenz der echten Exekution auf dem Marktplatz nicht mehr. Jedenfalls nach den westlichen kulturellen Konzepten derzeit nicht. Der echte Mord jedoch ist Medienereignis und darin auf jeden und jede eindringender Alltag geworden. Gleich geblieben ist am Einsatz der Darstellung der Gewalt nur, daß die jeweiligen Konstruktionen des Nationalen daraus gespeist werden. Daß die Zuweisung der Körper der Gemordeten und die Zuordnung der Täter die Mythen des Nationalen füllen. Da ist die Welt der Medien bei der Sportreportage stehengeblieben, die jede Bewegung auf eine nationale Zuordnung zurückführen muß, um die Dramaturgie der Konkurrenz aufrechterhalten zu können. So gesehen, sind die Medien auf allen Ebenen dem Sublimen des wirklichen Lebens verfallen. Der wirkliche Mord hat in der Repräsentation des Sports den Sieg davongetragen. Die Exekution Lord Lovats 1747 in Cambridge hat den Sieg über die Schule der Moral in Hamburg davongetragen.<br />
Das war nicht schwierig. Denn alles, was das Theaterhafte am Theater sein hätte können, fand immer nur zufällig Erfüllung. Nie wurden Rahmenbedingungen entwickelt, die das Theaterhafte zur Grundlage des Theaters gemacht hätte. Da ist zum ersten und bedeutendsten als Hindernis die innere Hierarchie des Theaterbetriebs zu nennen, die dem Moralischen diametral zuwiderläuft. Das deutschsprachige Theater als subventionierte Institution ist in der Art der sentimentalen Familie organisiert, in der ein mächtiger Vater als Intendant und meist auch als Regisseur alle Entscheidungen und das bedeutendste Einkommen auf sich versammelt. Je nach Alter und Geschlecht verteilt Einkommen und Einfluß nach unten sich verringernd. Die Körper der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler sind Mittel der Durchsetzung in dieser patriarchalen Hierarchie und Kapital der Repräsentation geblieben. Daß sich familienähnlich organisierte Cliquen bilden, die sich um die mächtigen „Väter&#8221; versammeln, die manchmal auch Frauen sein können,  zeichnet die Einordnungs- und Unterwerfungsmechanismen genau nach.</p>
<p>Mit einem Drama ist es möglich, einen Diskurs in aller Widersprüchlichkeit zu führen. Anders als im Gerichtssaal ist die quasireale Gegenwart bei der Tat möglich.  Quasireale Situation und quasireale Rede ermöglichen die Einführung von Antagonismen, die sich in der theatralen Präsentation voll entfalten können. Das Drama wird so zur Forschungsmethode. Entlang der vorgeführten Diskursstränge wird die Selbstbefragung des Zusehers oder der Zuseherin ausgelöst. Im Nachgehen der theatralen Rede und Gegenrede auf der Basis des literarischen Sonderfalls „Theaterschauspiel&#8221; in der Theateraufführung wird die gesamte Person in das „Lesen&#8221; dieses Texts gezogen. Im realen Ablauf dieser theatralen Rede in der Zeit wird eine solche Reaktion abgerufen. Eine reichere Wahrheit über die Reaktionen auf den Text tritt zutage als dies etwa bei einer Diskussionsveranstaltung der Fall wäre. Die kulturellen Konzepte werden da untersucht, wo sie in Erscheinung treten.</p>
<p>Macht im Theater möchte sich genauso erhalten, wie sie das überall tut.  Das Programm muß die Publikumsanforderungen optimal erfüllen, um sich im Besuch die eigene Existenz zu bestätigen.  Was  bedeutet das für das literarische Kunstwerk „Theaterschauspiel&#8221;. Die Arbeit des Theaters am literarischen Kunstwerk „Theaterschauspiel&#8221; wäre die, diesen Text konstituierende intentionale Theateraufführung zu heben und in einer jeweils spezifischen Form zur Aufführung zu bringen. Jede Inszenierung wäre dann eine Hebung  der im Text eingeschlossenen unendlichen Möglichkeiten von Inszenierungen. Die Intention Theateraufführung findet sich im gesamten Text des Theaterschauspiels. Autortext und Sprechertext sind die Träger der Intention Theateraufführung und bilden darin eine Einheit. Sich dem literarischen Kunstwerk „Theaterschauspiel&#8221; zu verpflichten und die intentionale Aufführung in einer jeweils besonderen Form zu realisieren. Das wäre Kunst. Ein Ereignis fände statt, das sich dem Dienstleisten im Vorausahnen eines Publikumsgeschmacks entzieht. Fände die Herstellung dieses Ereignisses nun auch noch partnerschaftlich statt und wäre nicht nur die Erfüllung des einen Willens des Regisseurs der Fall. Und würde der Prozeß der Hebung der im Text eingelassenen Intention nicht mit der Premiere abgeschlossen und ginge weiter. Die Aufführung würde also jeden Abend von den Schauspielern und Schauspielerinnen gemeinsam weiterentwickelt. Und diese Weiterentwicklung fände nach der inneren Logik der literarischen Vorlage und nicht dem Publikum zuspielend statt. Und gingen dann noch Personen wiederholt in diese Aufführungen und nähmen so an dem Prozeß teil. Das Theater könnte Kunst gewesen sein. Kunst, in der sich Sprachen sichtbar machen, die alle Spieler, Spielerinnen, Zuschauer, Zuschauerinnen auf sich selbst zurückführen und sich selbst sichtbar werden lassen. In einem theatralen Rahmen, der den Schmerz schmerzlos erfahrbar machen kann. Und in Würde. Kritik würde so zulaßbar. Die Barrieren der Unterträglichkeit könnten im theatralen Raum kurz aufgehoben und die Sicht auf weitere Verstrickungen in die Macht und das eigene So Geworden Sein zugelassen werden. Diese Aufhebung müßte flüchtig bleiben. Der Ausblick auf das Noch Nicht Sagbare Unsagbare ist nur kurz erträglich und sollte unwiederbringlich versinken.</p>
<p>In einer auf exakte Wiederholbarkeit getrimmten Inszenierung, die dem Entwurf einer einzigen Person folgt. Das ist schon in der Machart Exerzierkunst. Das ist die Fortentwicklung körperlicher Disziplinierung zu Kriegskunst. Hier in der Darstellung von Emotionen. Die immer verzweifelter realistisch sein wollende Nachstellung des realen Mords als den ästhetischten theatralen Akt folgt konsequent der inneren Logik der Verteilung der Macht. Die dem einen Inszenierenden zugewiesene Macht drängt zu größtmöglichem Ausdruck. Macht stellt sich immer in der Ohnmacht der Nicht Mächtigen dar. Der Regisseur, der auf der Bühne des Burgtheaters einen von ihm inszenierten und aufgenommenen Pornovideo abspielen läßt, zeigt seine Macht über die Körper der für seinen Blick durch die Linse der Kamera kopulierenden Personen. In der Aufführung übergibt der Regisseur seinen die Körper bestimmenden Blick dem Publikum. Gibt diesen Blick frei. Das kommt dem echten Mord am nächsten. Der Pornovideo spielt mit dem Wunsch diesen echten Mord zu sehen. Ein Bedürfnis wird erfüllt und in der Erfüllung schon wieder geweckt. Das Gegenteil der moralischen Schule ist erreicht. Der sadistische Blick des Regisseurs erfüllt sich im braven Nachfolgen von diesem Blick. Die moralische Schule hat sich in ein Sadismustraining verwandelt. Kritisches Denken müßte sich hier auch gegen das umsitzende Publikum richten. Kritik wird durch das konsensuale gemeinsame Schauen des Publikums unmöglich gemacht. Gefühle müssen die Reaktionen auf dieses Schauen bewälten. Masse wird so nachträglich im Sitzenbleiben hergestellt. „Wenn alle sitzen bleiben&#8230;?&#8221; Jemand, der sich entziehen wollte, würde ja heute mit der Bezeichnung „bürgerlich&#8221; versehen und belächelt werden. Aber auch so hergestellte Affirmation ist Affirmation. Und Affirmation in Sadismus stellt in dieser Affirmation das Bedürfnis nach sich wieder her. Masochismus will auch befriedigt werden. Das Publikum ist für die nächste Aufführung einer sadistischen Theatervision zugerichtet. Es wird eine Steigerung erwarten. In seiner Bestrafung. Und eine seichte Kritik faßt das Theater ja auch als Strafe auf. Bestrafung durch Text und Aufführung und darin kritisch verstanden. Das Theater als sadomasochistischer Pakt mit dem Publikum.<br />
Die Schmerzen, die dieses Strafen hervorruft. Der Schock. Die Abwehr. Die Abscheu. Die Scham. Der Ekel. Diese Schmerzen sind das Vehikel der Vermassung des Publikums gegen „Die&#8221;. Eine quasikritische Haltung eines in diese Schmerzen beim Beisammen Sitzen in  der Theateraufführung vereingten Kollektivs entsteht so. Nach außen richtet sich diese Quasikritik, die doch nur die Schmerzbewältigung des Zusehens ist. Schmerzabwehr eines in diesen Schmerzen durch Erziehung angeleiteten Kollektivs. Nicht ohne Logik ist der Erfolg des auf seine katholischen Wurzeln anklagend verweisenden Regisseurs Schlingensief immer in katholischen Kulturen so erfolgreich. Wien oder das Rheinland. Die Form der katholischen Predigt ist da überall gelernt. Wird überall verstanden. Es ist da Grundlage der Kultur in hohem Ton vom Schmerz als Schuld des Angeredeten zu sprechen. Und wie in der Predigt gilt es diese Schuld an sich zu erkennen und dann an den Anderen zu ahnden. Es ist ja katholische Selbsterkenntnis, die die Schuld der anderen überhaupt erkennen läßt. Im selbst durch Verfehlung mitverschuldeten Schmerz macht sich dann die Schuld der Anderen sichtbar. Der eigene Schmerz ist der Nachweis der Schuld der anderen. Es bedarf deshalb auch dieses Schmerzs. Es bedarf dieser Bestrafung. Nur so kann die Schuld asl Verursacherin des Schmerzes erkannt und nach außen gewendet werden. Und so wird viel künstliches Blut und die Zurichtung von Schauspielern und Schauspielerinnen und sehr viel Zeit aufgewendet, etwa das Wiener Burgtheater mit einer abendlichen Gemeinde der Schmerzsüchtigen zu füllen, die dann ihre Schuld auf ein diffuses Anderes, ein Außen abwälzen kann. Gemeinsam. Im Schmerz vermasst.</p>
<p>Und wie jeder kapitalistische Dienstleistungsbetrieb muß das Bedürfnis nach der Dienstleistung immer neu geweckt und angestachelt werden. Der richtige Mord auf der Bühne. Als das alles überstrahlende ästhetische Ereignis, das alle Ansprüche an das Theater erfüllen kann. Der richtige Mord auf der Bühne ist unausweichlich.</p>
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		<title>Rechts und die Sprache</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Jun 2009 08:27:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie Rechte die Sprache instrumentalisieren &#8211; Marlene Streeruwitz über den Zusammenhang von Rassismus, Antisemitismus und Frauenverachtung. »Luxemburg Lecture« , Instituts für Gesellschaftsanalyse Kulturforums der Rosa-Luxemburg-Stiftung. am 15.Juni 2009 in Berlin Ausschnitt des Vortrages, der gesamte Text wird bei der Rosa Luxemburg Stiftung veröffentlicht. Rechts, das ist eine Männlichkeitskonstruktion, die ihre Überlegenheit aus einem wahnhaften, meist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie Rechte die Sprache instrumentalisieren &#8211; Marlene Streeruwitz über den Zusammenhang von Rassismus, Antisemitismus und Frauenverachtung.<br />
<a href="http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=19104" target="_blank">»Luxemburg Lecture«</a> , Instituts für Gesellschaftsanalyse Kulturforums der Rosa-Luxemburg-Stiftung. am 15.Juni 2009 in Berlin<br />
Ausschnitt des Vortrages, der gesamte Text wird bei der Rosa Luxemburg Stiftung veröffentlicht.</p>
<p>Rechts, das ist eine Männlichkeitskonstruktion, die ihre Überlegenheit aus einem wahnhaften, meist territorialen Gründungsmythos herleitet. Es ist die Abstammung, die Herkunft, die die Grundlage der so hergestellten Männlichkeit ist. Das Abstammen legt die Grundlage für die Organisation des Rechten in Form von Familienstrukturen. Der Vater als Führer und die Verbindung verschiedener Herkünfte über Brüderlichkeit zu einem größeren Verband des Rechten. Die Führungshierarchie formiert sich entlang der Vorstellung der Brüder des Vaters. Die Kommandokette kann dieser familialen Begründung entsprechend keinen bestimmten Kriterien folgen und sich jeweils auf Verdienst oder Laune des Führers berufen. Die Rotte der Söhne wird über Gewalt gebändigt und diszipliniert. Die Zuneigung des Führers, der auch eine Stellvertreterfigur sein kann, muß über Heldentaten verdient werden. Stammeskrieg wird gegen die Anderen geführt. Die Überfälle werden aus der eigenen Überlegenheit argumentiert. Sie dienen gleichzeitig zur weiteren Festigung dieser Überlegenheit. In der Form der Veteranenerzählung tradiert sich der Mythos der Überlegenheit wiederum aus Herkunft und Überlegenheit.<br />
„Blood and Honour&#8221; nennt sich die Gruppe, aus deren Umgebung in Thüringen die Naziaufmärsche organisiert werden. Blut, das beschreibt den Abstammungsmythos. Ehre bezieht sich auf die Notwendigkeit, die Überlegenheit zu demonstrieren. Die Verwendung der englischen Sprache wird einerseits eine Tarnung sein, die sich das Deutsche  „Blut und Ehre&#8221; der SS Parole überzieht. Gleichzeitig kann sich die Gruppe so in die internationale rechte Szene einklinken.<br />
Sprachlich stellt sich diese rechte Männlichkeitskonstruktion in einem Zirkelschluß dar, der sich in eine Wiederholung rammt und darin seine Irrationalität beschreibt. Sprachlich geht das so.<br />
Blut und Ehre, das kann nur Männer von da, von diesem Ort da, beschreiben, deshalb sind diese Männer von da im Besitz des Anspruchs auf Macht. Macht haben dann diese Männer, weil sie Männer von da sind.  Männer von da sind also die Männer von da. Männer sind nur Männer, wenn sie die Männer von da sind.<br />
Grammatikalisch ist das Subjekt „Männer&#8221; durch das Gleichsetzungsglied „Männer&#8221;  beschrieben, wobei das „nur&#8221; den Bedingungssatz auslöst, der durch das Ortsadverb wieder die Bedingung für „Männer Sein&#8221; zu erkennen gibt. Das Subjekt und das Gleichsetzungsglied und das Subjekt des Bedingungssatzes addieren sich in der Repräsentanz  eines einzigen Substantivs, Männer. Einschränkung und Emotionalität werden durch das „nur&#8221; eingeführt. Das Adverb schränkt auf einen einzigen Ort ein. Es ist ein grammatikalischer Vorgang, mit dem in diesem Ersten Hauptsatz des „Rechten&#8221; der Anspruch auf Vorherrschaft angemeldet wird. Das Ergebnis ist eine Aufhebung der Bedeutung durch das Einsetzen dieses einzigen Substantivs. Das bedeutet aber wiederum, daß die Sprache, so wie wir sie zur Kommunikation und damit zur Herstellung eines Gesellschaftlichen benutzen. Daß diese Sprache in sich implodiert wird. Es wird keine Bedeutung vermittelt, sondern reine Struktur. Der Herrschaftsanspruch wird in der Reduktion der Versprachlichung  auf die Grammatik mit der Grammatik angemeldet. Wie die Bedeutungen formuliert werden, das behält sich diese Herrschaft vor. Diese Informationen sind im Besitz der Herrschaft und werden nur in den inneren Zirkeln der rechten Gruppen als Geheimwissen verkündet.<br />
In diesen Bedeutungen offenbart sich der Rückgriff auf wahnhaft Esoterisches. Ob eine Ableitung aus dem Germanischen, dem Arischen, dem Britischen, dem Gallischen. Von einem Motorrad. Einer Marke. Einer Hautfarbe. Einer Religion. Einem Beruf. Einer Sprache. Einer Firma. Immer geht es darum, die eigene Seinsberechtigung aus dem Recht&#8230;. (Der gesamte Text wird von der <a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=1" target="_blank">Rosa Luxemburg Stiftung veröffentlicht</a>)</p>
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		<title>Kreuz.Kultur.Kalkül.</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 07:17:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Katholizismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kreuz]]></category>

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		<description><![CDATA[Was bedeutet es, wenn ein Politiker ein Kreuz nimmt und dem Publikum entgegenhält? Die Presse, 6. Juni 2009]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was bedeutet es, wenn ein Politiker ein Kreuz nimmt und dem Publikum entgegenhält?</p>
<p>Die Presse, 6. Juni 2009</p>
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		<title>Alles. Walzer.</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2009/01/16/alles-walzer/</link>
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		<pubDate>Fri, 16 Jan 2009 17:07:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>
		<category><![CDATA[Werkverzeichnis]]></category>

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		<description><![CDATA[Katholizismus als patriarchale Machtstruktur. Vorgesehen für Ritual.Macht.Blasphemie, Kunst und Katholizismus in Österreich seit 1945. Interdisziplinäres Symposium veranstaltet vom Elfriede Jelinek-Forschungszentrum. Zurückgezogen wegen Interpretationsdifferenzen. „Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie sich am 16.1. am Nachmittag im Volkstheater in Form einer Rede mit dem Katholizismus in Österreich als patriarchale Machtstruktur befassen könnten, also wie der Katholizismus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="wysiwig-plain">
<p>Katholizismus als patriarchale Machtstruktur.</p>
<p><em>Vorgesehen für Ritual.Macht.Blasphemie, Kunst und Katholizismus in Österreich seit 1945. Interdisziplinäres Symposium veranstaltet vom Elfriede Jelinek-Forschungszentrum.<br />
Zurückgezogen wegen Interpretationsdifferenzen.</em></p>
<p><em><span id="more-332"></span><br />
</em></p>
<p>„Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie sich am 16.1. am Nachmittag im Volkstheater in Form einer Rede mit dem Katholizismus in Österreich als patriarchale Machtstruktur befassen könnten, also wie der Katholizismus in Österreich die gesellschaftliche und sexuelle Unterdrückung der Frau mitbestimmt.“</p>
<p>Als im Mai des vergangenen Jahres diese Einladung ankam, dachte ich, „Das machst du mit links.“ Aber. In Österreich macht natürlich niemand etwas „mit links“. Österreich war die Gegenposition zur französischen Revolution. „Links“. Das heißt deshalb Pöbelherrschaft, Chaos, Rechtlosigkeit. Unmännlich und jüdisch gehört da auch dazu. Assimilation ist seit damals verdächtig. Assimilation wird als ein Wegbewegen aus dem, von der göttlichen Ordnung zugewiesenen Platz gesehen. Selbst die treueste Anpassung an das, was man hierzulande will, wurde und wird noch als Unruhefaktor beurteilt.</p>
<p>Das, was man hier will. Das ist diese göttliche Ordnung, die einen unerklärten Gott in die Mitte setzt und von diesem her jede andere Hierarchie männlich in der Nachfolge dieses Gotts denken muß. Keine andere Ableitung kann neben dieser gedacht werden. Jeder und jede kann nur in dieser Ableitung gedacht werden. Jeder und jede kann sich selbst nur in dieser Ableitung denken. Es gibt keinen Gedanken außerhalb. Außerhalb gibt es nur Angst.</p>
<p>Die Geschichte der Literatur ist eine Geschichte der Sprechfindung für diese Angst. Diese Angst ist ja namenlos. Sie darf keine Sprache finden. Das Außerhalb der katholischen Ableitung ist ja das Chaos und die Anarchie. Die Hölle, das sind die, die unerlaubt sprechen. Literatur hat das immer unternommen. Aber. Im Außerhalb der katholischen Hierarchie sind zuerst einmal alle Geschlechter unerhört. Und weil die männlich-göttliche Hierarchie immer auch den Mann außerhalb privilegiert, schon um ihn zur Rückkehr zu verführen. Deshalb kann ein Mann die männlich-göttliche Sprache verwenden, sich persönliches Gehör zu verschaffen. Das führt zu literarischer Berühmtheit und nachhaltigem Vergessen. Ja. Dieses Sprechen erlaubt Erholung von der männlich-göttlichen Einseitigkeit, die ja der Moderne in jedem Augenblick widerstehen muß. Die Hegemonie des Katholischen erfrischt sich an diesem männlichen Widerstand.</p>
<p>Frauen müssen sich dieser erlaubten Sprache bedienen und können das ja auch. Die Qualität unserer derzeitigen Innenministerin wird an ihrem Sprechen bewertet, das ja ganz so ist wie so ein ganz scharfer Kerl. Ihre Assimilation an dieses Sprechen wird nur darum positiv bewertet, weil sie sich so ganz den Vorstellungen dieser Ordnung gibt. Eine abstrakte Ordnung ist das, in die eigentlich niemand hineinpaßt. Aber das macht es ja erst richtig möglich zu bestimmen, wer zugelassen wird. Die göttliche Ordnung wurde und wird in Österreich immer von der gerade herrschenden Macht zu ihren Gunsten interpretiert. Man hat sich hier nie einem gesellschaftlichen Prinzip verpflichtet gefühlt. Immer schon war dieser faschistische Handgriff der esoterisch abstrakten Interpretation geläufig. Aber. Ohnehin ist niemand zugelassen. Längst sind alle Personen in Minderheiten zusammengefaßt, die ihren Ausschluß stets bereithalten.</p>
<p>Frauen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, zumindest ihr Schicksal zu besprechen. Diese Frauen müssen scheitern. Die magere Ausbeute feministischen Denkens hierzulande liegt ganz einfach daran, daß es eine derart riesige und alles gefährdende Unternehmung ist, das eigene Schicksal zu denken. Nach dieser Arbeit noch die Kraft und die Zeit zu finden, diese Sprecherfahrung an sich selber auch noch in eine Sprache zu führen. Für diese Arbeit ist sehr oft das Leben einfach zu kurz. Die zu findende Sprache wäre ja erst auch nur dieser einen Person verständlich und müßte dann wiederum in mühseliger Arbeit übersetzt werden. So wird dann lieber aus anderen Soziologien berichtet und das Eigene links liegen gelassen. Da kann es dann in Ruhe vermodern. Links. Das gibt es ja gar nicht.</p>
<p>Und. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß in der Tschechei oder weiß der Teufel wo wieder hat, der kann weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p>
<p><em>Die zweite Drehung</em></p>
<p>Im Katholischen ist die Frau in ihrer Bedeutung sekundär abgeleitet. Es hilft kein Marienkult und keine Beteuerung, man schätze die Frauen doch ohnehin. Die Frau ist prinzipiell schlecht. Das wird im katholischen Gründungsmythos in Eva personifiziert. Wir leben hier also in einer Dualität der Weltbeschreibungen. Wenn ich in liberalen Zeitungen dann die US-amerikanische Situation mit creation und evolution so nett flippig herablassend kommentiert finde. Dann finde ich das sehr verwunderlich. Es ist töricht anzunehmen, österreichisch kulturelle Vorstellungen befänden sich auf der Seite eines Postpositivismus und wären wissenschaftlich begründet.</p>
<p>Der Geschlechtsvorstellung jeder einzelnen Person liegt unbearbeitet der katholische Gründungsmythos des Geschlechts zugrunde. Das ist kulturell vermittelt. Dazu muß hierzulande niemand in der Kirche gewesen sein. Diese Hierarchie vermittelt sich hier jedem Mann einmal in der Hebung seines Selbstgefühls. Deshalb findet sich dieses Gefühl auch bei Sozialdemokraten oder liberalen Vordenkern, deren Denken dann ja eher als ein Herumdenken anzusehen ist, das solche Leerstellen umkreist, statt sie zu erhellen. Die politische Linke und die Herumdenker sind durch die, wiederum kulturell vermittelten Benachteiligungen gegenüber der Macht, die historischerweise nur katholisch denkbar ist, und die sie nun manchmal selber in die Hand bekommen, derart verstört, daß sie gerne die kleine Überlegenheit des Männlichen ausüben, die in dieser Kultur den Männern „zusteht“. Natürlich wissen sie davon nichts. Das Schöne an diesem kulturell vermittelt Katholischen ist ja, daß es durch die lange Geschichtswirkung als natürlich empfunden werden kann. Die Natur des Menschen wird hierzulande in der „natürlichen“ Ordnung des Katholischen gesucht. Nur Atomkraftwerke werden nach den Regeln der Wissenschaft gebaut.</p>
<p>Frauen dürfen deshalb im Familienrecht zwangsemanzipiert werden.  Im Eherecht ist die rationale Überlegung, daß Frauen gleichberechtigt sein müssen, in der Regelung der Gütertrennung voll erfüllt. Gleichzeitig gilt die kulturelle Hierarchisierung von Frauen als die Anderen. Frauen wurden im Katholischen immer zur Erhebung der Männer verandert. Die Frauen bilden die schlechte Grundlinie, von der aus die Männer sich so viel besser fühlen können. Im Eherecht. Da hat sich der so leicht durchzuführende Handgriff des Faschistischen endgültig erfüllt.</p>
<p>Diese Form des Eherechts war das Ziel der Nationalsozialisten. Sie wollten die Befreiung des arischen Manns von den gesellschaftlichen Fesseln bürgerlicher Werte und damit gesellschaftlicher Verantwortung. Im Österreich der 70er und der 90er Jahre waren sich die ÖVP Männer in der Politik dann selbst so viel Wert wie damals ein arischer Mann. Der Unterschied ist nur, daß in der Nazi-Zeit die Verantwortung an die Volksgemeinschaft zurückgegeben wurde. So ein ÖVP Politiker und seine jeweiligen Koalitionspartner. Der ist sich das gleich nur selber wert. Gesellschaft, das könnte ja wiederum etwas Linkes bedeuten. Da sorgt einer doch besser einmal für sich und gibt Verantwortung einfach überhaupt auf. So ein ÖVP-Politiker und seine jeweiligen Koalitionspartner können sich ja jederzeit in der Kirche der „natürlichen“ Ordnung vergewissern und sich von da mitverantworten lassen. Und weil es kulturell vermittelt wird, muß keiner auch nur einen Schritt in die Kirche machen. Es genügt, Ö1 aufzudrehen und sich in der Ankündigung einer Beethoven Symphonie dieser göttlichen Ordnung versichern zu lassen. Es ist ja ein Ton, der diese Sprache bestimmt. Es genügt, diesen Ton zu benutzen.</p>
<p>Und. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß in der Tschechei oder weiß der Kuckuck wo wieder hat, der kann weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p>
<p><em>Die dritte Drehung.</em></p>
<p>Weil die „natürliche“ Ordnung der Geschlechter gar nicht außerhalb der göttlichen Ordnung gedacht werden kann. Deshalb ist die Bändigung des Unruhefaktors Weiblichkeit in der Herstellung dieser Ordnung die Grundlage kulturellen Handelns. In der Erziehung bedeutet das, daß die Mädchenerziehung im Mittelpunkt aller Vorstellungen steht.</p>
<p>Die heutigen Eliten geben ihre kleinen Mädchen in katholische Schulen, so wie sie das vor hundert Jahren oder fünfhundert Jahren machten. Daß die Eliten heute liberal und kapitalistisch sind und sich darin ja nun in keiner Weise auf eine göttliche Ordnung berufen. Eine solche Inkongruenz hat die Eliten schon des Feudalen nicht gehindert.</p>
<p>Das kleine Mädchen wird dem Katholischen übergeben. Im Alter von etwa 6 Jahren wird das kleine Mädchen in der Ersten Heiligen Kommunion endgültig von seinem eigenen Vater getrennt und dem göttlichen Vater zugeeignet. In einer Zeit, in der das kleine Mädchen den eigenen Vater am meisten liebt und lieben muß, in dieser Zeit übergibt ebendieser so geliebte Vater das kleine Mädchen dem Blick des Beichtvaters in die Seele des kleinen Mädchens. Das kleine Mädchen muß diese grausame Trennung überleben. Dafür muß es sich selber die Schuld an diesem Vorgang geben. Das bedeutet, es muß die negative und schuldhafte Ableitung des weiblichen Geschlechts an sich nachvollziehen. Denn. Den Vater kann das kleine Mädchen nicht verantwortlich machen. Der weltliche Vater ist ja der Garant des Überlebens. Um sich selbst das Überleben sichern zu können, muß also der weltliche Vater freigesprochen werden und die Überantwortung an den göttlichen Vater als die eigene Schuld auf sich genommen werden. Im Beichtstuhl wird dann gleich auch noch im 6. Gebot das Onanieverbot ausgesprochen. Das kleine Mädchen wird von seiner eigenen Sexualität abgetrennt. Sexualität wird schuldhaft und sündig. Natur wird denaturiert und in diesem Zustand als natürlich vermittelt.</p>
<p>In diesen Vorgängen wird dem kleinen Mädchen die Sprache genommen, indem ihm das Selbst entzogen wird und an dessen Stelle die göttlichen Gesetze eingepflanzt werden. Das kleine Mädchen kann von da an nur noch in Geständnissen sprechen oder sich der Sprache der Macht bedienen. Immer aber wird das zu Verdächtigungen führen. Es handelt sich ja um den verachteten Vorgang der Assimilation. Wie wir das bei der Innenministerin gesehen haben. Dem kleinen Mädchen ist der Raum des Selbst und des Privaten genommen worden.</p>
<p>Und. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß in der Tschechei oder weiß der Himmel wo wieder hat, der kann weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p>
<p><em>Die nächste Drehung.</em></p>
<p>In Österreich hat das Katholische viele kulturelle Funktionen übernehmen müssen. Eines hat es nie. Das Katholische hat nie zur Stiftung von Gesellschaft gedient. Das kann es gar nicht. Die Zugehörigkeit organisiert sich durch die Anerkennung des grundlosen Gottes. Gesellschaft ist ein Versuch, Sinn aus dem Leben in der Welt zu schöpfen. Die Vorstellung eines Gemeinsamen bildet dafür die Verhandlungsgrundlage. Der Sinn muß je neu verhandelt werden.</p>
<p>Die göttliche Ordnung des Katholischen kennt kein Verhandeln. Das können wir an unserer Sprache heute deutlich nachprüfen. Wenn unsere Politik sich vor allem in Verweigerung ausdrückt, dann hat das damit zu tun, daß unsere Sprache die Verhandlung nicht kennt. Unsere Sprache kennt vor allem kein überpersönliches gemeinsames gesellschaftliches Ziel. Unsere Sprache kennt nur die Verdammung oder die Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen. Unsere Sprache ist auf der zivilen Ebene damit eine Polizeisprache, die sich nur in Verhör und Geständnis ausdrücken kann. Wer Macht hat, kann dann eine Predigt halten. In der Predigt werden die Regeln niedergelegt, die das Verhör leiten und das Geständnis möglich machen.</p>
<p>Unsere Literatur bewegt sich denn auch genau in diesem Spannungsfeld. Verhör des Lesers oder der Leserin, die dann eigentlich ein Leser sein muß, sonst könnte sie den Text nicht entschlüsseln. Geständnisse, in die der Leser oder die Leserin einstimmen und für die das Geschlecht eher in die andere Richtung zu wechseln wäre. Männer müssen ja Frauen werden in dieser Kultur, wenn sie ihre Teilnahme an der göttlichen Ordnung nicht aufrecht erhalten können. Oder wollen. Deshalb sind Männer in der Krise in unserer Kultur noch einmal ein anderes Geschlecht. Aber wie das in einer rigiden Hierarchie eben so ist. Die Männer müssen ihre Krisen wieder vergessen und dürfen nichts gelernt haben, sonst wären sie dann keine Männer mehr. Oder Frauen erfolgreiche Frauen.</p>
<p>Und. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß wieder hat, der kann weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p>
<p><em>Die schnellen Drehungen kurz vor dem Ende des Walzers.</em></p>
<p>Weiblichkeit wird in unserer Kultur als Schuld aufgefaßt. Da es nun keine Gesellschaft gibt, in der Weiblichkeit zur Erscheinung kommen könnte und damit Geschlecht einer Besprechung zugeführt werden kann. Weiblichkeit bleibt dann etwas Unöffentliches.</p>
<p>Das ist dann so, als gäbe es Frauen nicht. Und so ist es ja auch. Und so wird es ja auch empfunden. Die Diagnose davon heißt Depression und wird über 40 % der Frauen auch von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin ausgesprochen. Der Rest der Frauen muß sich mit depressiven Episoden oder Angstproblematik herumschlagen.</p>
<p>Wenn es die Frauen aber in ihrer Weiblichkeit gar nicht gibt, wo können sie dann ihre Existenz zur Sprache bringen. Nun. Sie können es nicht. Die Literatur von Frauen ist in unserer Kultur der verzweifelte Versuch, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Sicherlich ist das zweite Kapitel aus „Malina“ das dringlichste Dokument dafür. Aber. Es kann nicht gelesen werden. Die Wörtlichkeit selbst ist aufgesagt. Alle Zensuren dieser Kultur dringen auf so einen Text ein. Die „natürliche“ Minderwertigkeit der Weiblichkeit. Das verachtete Assimilationsbegehren in der Sprache. Die unbotmäßige Beanspruchung der Form der Predigt im Sprechen des Texts. Das Geständnis, das dann immerhin den Anspruch der Wahrheit aufwirft, die Gestehende aber verurteilt.</p>
<p>Ein österreichischer Literaturtext kann in Österreich nicht gelesen werden. Er kann nicht ertragen werden. Ein Literaturtext des Österreichischen bringt jenes Chaos zur Erscheinung, das in der göttlichen Ordnung von der Gegenreformation bis zum Absolutismus und dessen Verinnerlichungen in Faschismus und Nationalsozialismus  niedergehalten werden sollte. Das Weibliche ist als Metapher dieses Chaos vollends unerträglich.</p>
<p>Und. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß und alles andere wieder hat, der kann weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p>
<p><em>Noch dieser vollends schnelle Wirbel am Ende des Walzers.</em></p>
<p>Nach der Einladung zu dieser Veranstaltung schrieb ich einen Text. Ich untersuchte die Wirkung der katholischen Mädchenerziehung. Ich bin selbst katholisch sozialisiert. Ich habe eine eigene Sprache. Ich konnte aus diesem unerhörten Raum berichten. Der Text dann. Er könnte in das zweite Kapitel von „Malina“ gehören. Aus meinen bisherigen Erfahrungen muß ich schließen, daß ein solcher Text wiederum genau so rezipiert werden würde, wie das mit „Malina“ der Fall war. Der Text würde hermetisch in sich abgeriegelt der Autorin zurückgeschoben werden. Die Offenbarung einer literarischen Wahrheit würde so gegen die persönliche Wahrheit abgerechnet werden. Das würde in jedem Fall ein Minus ergeben. Es läge ja an dem Leser, der dann einmal eine Leserin sein könnte. Es läge ja an der Lesung selbst, wie viel an Wahrheit da beinhaltet werden kann. Ich lege also diesen Text nicht vor. Ich denke, man oder frau könnte einen solchen Text besprechen und in dieser Besprechung einen Raum schaffen, in dem in der Kommunikation selbst die strukturell wirksame Vernichtung eines solchen Texts kurz aufgehoben werden kann.</p>
<p>Denn. Der Graf St., der jetzt ja auch sein Schloß in der Tschechei wieder hat, der wird weiterhin durch die Salons und kleinen Empfangssäle laufen und vor sich hin schreien, daß er „so einen Scheiß“ nicht lesen will.</p></div>
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		<title>13. März 1938</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Mar 2008 18:08:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
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		<description><![CDATA[In: ORF , 13. März 2008. Dieser 13. März 1938. Wir haben nur die Bilder der Macht, uns ein Bild zu machen. Wir kennen nur den Jubel und die Zustimmung. Wir haben nur die seelenvoll lächelnd leuchtenden  Gesichter der Beglückten zur Erinnerung an diesen Tag. Von den Unglücklichen wird uns kein Bild gelassen. Erst als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="wysiwig-plain">
<p>In: ORF , 13. März 2008.</p>
<p>Dieser 13. März 1938. Wir haben nur die Bilder der Macht, uns ein Bild zu machen. Wir kennen nur den Jubel und die Zustimmung. Wir haben nur die seelenvoll lächelnd leuchtenden  Gesichter der Beglückten zur Erinnerung an diesen Tag. Von den Unglücklichen wird uns kein Bild gelassen. Erst als Material tauchen sie in den bildlichen Aufzeichnungen und den Statistiken wieder auf. Immer bleibt es beim Blick der Macht. Es kann aber nur gesehen werden, was gezeigt wird. Und so müssen wir die Erinnerung an diesen Tag selber weiterdenken. Die anderen. Von ihnen bleibt nur die Erzählung, wenn überhaupt etwas geblieben ist.</p>
<p>Die Zensur der Macht des 13. März 1938. Sie reicht bis heute. Mit diesem von der Macht der Nationalsozialisten hergestellten Raum der Geschichtsschreibung ist ein Innen geschaffen, dessen Anziehungskraft bis heute in unsere Politik reicht. Die Bilder der glücklichen Menschen des 13. März 1938 werden immer noch zur Zeugenschaft herangerufen, wenn etwa dieser Satz fällt, daß ja schließlich nicht alles schlecht gewesen war. Dann danach. Und daß man schließlich leben habe müssen. Gleichzeitig werden die, mit diesen vor Glück glühenden Gesichtern eingeleiteten 7 Jahre in sich unerreichbar abgekapselt. Denn das &#8220;Dann Danach&#8221;. Das wird unter der Rubrik &#8220;deutsch&#8221; geführt. Dann danach damals war man deutsch. Alles, was in dieser Zeit geschah, wird unter &#8220;deutsch&#8221; abgeheftet. Selbst der Nationalsozialismus wird mit dem Deutsch Sein in eins gesetzt. Die Deutschen und die Nazis werden so verschmolzen, daß das Österreichische davon unberührt bleiben kann. Dieselben Personen verwandeln sich in sich in nur noch gleiche, obwohl sie damals selber andere waren als Deutsche, die vorher schon Österreicher gewesen waren. In einem Akt der Entfernung von sich als in dieser Zeit deutsch wurde das Österreichische das Leidlichere. Das Nützlichere. Das Einfachere. Die Verantwortung wurde in diesem Akt der Selbstentfremdung nicht mitherübergenommen. Je nach Generationenzugehörigkeit schwebt dieses Selbstabgetrennte phantomhaft noch in den Schicksalen.  Die Waldheim Affaire hat von dieser Selbstverstümmelung gehandelt. Während die Welt die Geschichte gemeint hat, blieben die nun Österreichischen bei der selbstgerechten Klage über den Vorgang der geschichtlich nützlichen Selbstamputation.</p>
<p>Es wäre das alles nun diesen glückglühenden Gesichtern anzulasten. Aber so ist die Wirkung von Propaganda. Wir sehen die Ekstase mit Erstaunen, weil wir genau aus diesen Bildern lernen mußten, daß sie nicht gelten. Daß die Bilder von so einem Glück Lüge sind. Darin sind diese Bilder dann stete Beraubung in unseren Leben. Was diese Gesichter an Erfüllung spiegeln, ist uns genommen. Das ist in der Ökonomie der Geschichte nicht viel. Es ist aber eine der Erbschaften, die über ein Nicht Vorhandenes das Damalige erhalten und unsere Leben mit einem &#8220;trotzdem&#8221; belasten. Wir können nur trotz alledem, was hier mit dem 13. März 1938 begann, glücklich sein, weil den Opfern dessen, was da begonnen wurde, jede Möglichkeit genommen wurde. Das Bild des glücklichen Gesichts ist für uns die Abbildung allen Schreckens und nur der Vorgang, sich dessen bewußt zu werden, befreit zumindest aus der Melancholie der Verantwortungslosigkeit.</p>
<p>Es ist so lange her. Aber das Glück dieser Stunden. Es wird in diesen strahlend glänzenden Gesichtern immer zu sehen sein und immer diese Folgen gehabt haben. Dieser Triumph. Haben wir. Hat dieses Land. Hat diese Gesellschaft wirklich alles unternommen, diesen Triumph einzusprechen.</p>
<p>Wohl nicht. Es waren ja immer andere, die da gewesen waren. Weil sie da Deutsche waren und bei der Verwandlung in Österreicher diese Zeit los werden mußten und sich dann ganz andere für sie an diese abgeschnittene Zeit erinnern mußten.</p>
<p>Das Unheimlichste allerdings ist die Selbstverständlichkeit, mit der uns dieser Vorgang verschwiegen wurde. Wir wurden zu Unwissenden gemacht. Die Zensur in die Bilder des Glücks reicht damit in unsere Leben hinein. Jeder und jede darf selber draufkommen, was das nun alles bedeutet hat. Dann muß aber jeder und jede das auch aushalten können. Wir zahlen jeden Tag dafür, daß wir so verachtet wurden von unseren Eltern, Großeltern und der Politik. Jeden Tag, wenn die Politiker sich in diesen kleinlichen Beschuldigungen ergehen und diese winzigen Finten anwenden, Schuld von sich abzuwehren. Jeden Tag, wenn alle sich erschöpft von diesen Spielereien abwenden und nichts mehr hören können. Jeden Tag zahlen wir für die Selbstverachtung des Österreichischen, das das Deutsche verleugnen konnte und sich zu nichts bekennen mußte. Verantwortungslosigkeit  hat eben Folgen. Die Bilder des 13. März 1938 zeigen den strahlenden Anfang davon in der ersten Umwandlung ins Deutsch Nationalsozialistische.</p></div>
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		<title>Zum Donnerstag, dem 25. Oktober 2007.</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Dec 2007 18:09:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
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		<description><![CDATA[Wir leben in einer Immersionskultur, in der das vollkommene Eintauchen in die Ereignisse die Erkenntnis des Endes unmöglich macht. Was uns von der Philosophie und der Soziologie nun seit mehr als hundert Jahren angekündigt worden ist. Für uns ist es tägliche Wirklichkeit. Wir haben nicht einmal die Möglichkeit, diese Augenblicke des Vorbei und des Endes [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir leben in einer Immersionskultur, in der das vollkommene Eintauchen in die Ereignisse die Erkenntnis des Endes unmöglich macht. Was uns von der Philosophie und der Soziologie nun seit mehr als hundert Jahren angekündigt worden ist. Für uns ist es tägliche Wirklichkeit.<br />
Wir haben nicht einmal die Möglichkeit, diese Augenblicke des Vorbei und des Endes von Konventionen und Vereinbarungen zu zelebrieren. Das Ende ist ja doch immer erst nach seinem Eintritt durch die ausgelösten Veränderungen wahrnehmbar und damit schon Vergangenheit.<br />
So ist das nun auch mit den Donnerstags Wandertagen geschehen. Weil aber das Nicht Erkennen von Ende in Nostalgie führt. Und weil Nostalgie immer nur die Nostalgiker lähmt und die Andenkenindustrie und die Operette fördert. Deshalb ist es ästhetischer, dieses Ende klaren Blicks anzuschauen.<br />
Diese Art der politisch künstlerischen Intervention hat sich überlebt, aber es sind die politischen Umstände ja auch andere. Die politischen Umstände sind nicht besser geworden, aber sie sind anders strukturiert. Andere Loyalitäten sind gefordert. Die unbearbeiteten Ressentiments gegen die Linke sind geblieben, die sich in einer verinnerlichten Selbstverachtung der Linken niedergeschlagen hat. Die Linke ist nun über die Sozialdemokratie im Besitz politischer Macht. Die Bindung an die, diese Verachtung der Linken zur Selbstdefinition benötigende Volkspartei, kann nicht zu einer Aufarbeitung dieses Ressentiments führen. Im Gegenteil. Die Unmöglichkeit politischen Verhandelns in einer Sprache, die den Hetzton von Wirtshausdiskussionen und Clubsitzungen überwinden kann, läßt keine klaren Lösungen zu. Keine Vereinbarung auf ein „common good“ liegt vor, von der aus eine demokratische Politik entwickelt werden könnte, die Nachhaltigkeit bedeutete. Die Privatisierungswelle aller Institutionen nach 2000 hat den Beziehungsrahmen aufgelöst, den die Institutionen für das Verständnis dieses Staats schafften. Die Trennung der Gewalten war nie vollkommen vollzogen. Die Krise der Polizei ist ein Symptom davon. Die Privatisierung der Politikerleben ein anderes.<br />
Die Eindeutigkeiten politischer Kritik sind in die Koalition SPÖ/ÖVP verloren gegangen. Das einfache Davon Gehen, das die Donnerstags Wandertage bedeuteten. Ein solches Auf und Davon entspricht nicht mehr der gegebenen Wirklichkeit.<br />
Die Donnerstags Wandertage bildeten eine eigene, neue und hoch individualisierte Kultur der Politisierung des Indivuellen, die in der Form gegen die Privatisierung und Ökonomisierung des Staates Einspruch erhob. Durch das Erscheinen der Person im demonstrierenden Gehen durch die Stadt wurde sichtbar gemacht, daß es Personen gab, die ihrer Einstellung als Antirassisten und Antirassistinnen Nachdruck verleihen wollten. Das war damals so möglich. Letzten Donnerstag zeigte es sich, daß die anderen politischen Umstände anderer ästhetisch politicher Interventionen bedürfen.<br />
Die Donnerstags Wandertage reihen sich damit in die untergegangen Kulturen ein. Aber es hat diese Form der Politisierung gegeben. Ohne Alphatier und Sprachregelung fanden sich ähnlich Denkende zusammen und gingen redend die Straße besetzend friedlich dahin, von Polizisten und Polizistinnen begleitet. Das war für die Dauer des Gehens eine Überwindung vieler Grenzen und Begrenzungen. Das wird, wenn nötig, in anderer Form als Aussage zur Moral von Politik wieder zur Erscheinung gebracht werden.<br />
Bis dann.</p>
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		<title>Gedenkkultur. Jänner 2006.</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Sep 2006 18:10:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eliZZZa</dc:creator>
				<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Es ist schon besser. So!&#8221; sagt der Kellner im Café Eiles. &#8220;Ja. Es ist am besten. So.&#8221; Die ältere Dame nickt. Sie fände das auch am besten so. Und es hätte auch keinen Sinn. Ein Leben. Wenn man nichts mehr machen könne. Wenn man sich nicht mehr bewegen könne. Wenn einem alles gemacht werden müsse. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;Es ist schon besser. So!&#8221; sagt der Kellner im Café Eiles. &#8220;Ja. Es ist am besten. So.&#8221; Die ältere Dame nickt. Sie fände das auch am besten so. Und es hätte auch keinen Sinn. Ein Leben. Wenn man nichts mehr machen könne. Wenn man sich nicht mehr bewegen könne. Wenn einem alles gemacht werden müsse. Und Schmerzen. Wenn man nichts mehr genießen könne. &#8220;Ja&#8221;, nickt der Kellner. Und der habe ja auch alles gehabt. Der wäre gereist. Der wäre auf der ganzen Welt gewesen. Wo der überall gewesen wäre. Er hätte das in der Kronenzeitung gelesen. Das wäre in allen Zeitungen zu lesen gewesen. Der hätte die ganze Welt gesehen. Und. Er. Er selber. Er wolle das für sich selber auch nicht anders. Schnell. Ganz schnell solle es gehen. Schnell und für niemanden eine Last. Keinerlei Abhängigkeiten. Er wolle von niemandem gewaschen werden müssen. Nein. Das hätte keinen Sinn. Wenn einem nichts mehr Freude mache. Und die ältere Dame stimmt ihm zu. Es solle schnell gehen. Niemandem eine Last. Und der. Der habe ja ein gutes Leben gehabt. Ja, antwortet der Kellner. Manche hätten eben alles Glück.</p>
<p>&#8220;Die Österreicherinnen und Österreicher.&#8221; Ich zitiere aus Wassermann, Heinz P.: Naziland Österreich? Studien zu Antisemitismus, Nation und Nationalsozialismus im öffentlichen Meinungsbild Zitatanfang: &#8220;Der Nationalsozialismus als System und der Holocaust als Spezifikum stoßen im Meinungsbild auf Ablehnung, die Mittäterschaft von Österreichern ist ab den späten 70er Jahren durchaus – und zwar mehrheitsfähig – anerkannt, trotzdem reklamieren die Befragten einen kollektiven Opferstatus, trauen den Erkenntnissen der Wissenschaft nicht, sahen sich in den 90er Jahren nicht befreit, sondern auf der Seite der Verlierer und wollen vor allem – so die Analyse zur &#8220;Relevanz von Gedenken und Erinnern&#8221; – daran weder gedenken, noch erinnern, noch erinnert werden.&#8221; Zitatende.</p>
<p>In dem Gespräch im Café Eiles über den Tod des Promis. Nicht die Personen. Das Gespräch erinnert sich. Der Tod tritt als Abholer auf. Die Sprechenden liefern den Toten aus. Ohne einen Augenblick an eine Gegenwehr zu denken, wird die möglichst rasche Abholung als richtig mitgedacht. Eine erinnerungslose Abholung soll das werden. Möglichst im Schlaf. Oder sehr schnell. Über das Leben wird gar nicht gedacht. Daß es ums Leben gehen könnte, kommt den Sprechenden gar nicht in den Sinn. Leben, das ist Unversehrtheit. Die Definition von Unversehrtheit ist komplex und ändert sich. Aber. Jede Versehrung verwirkt das Leben. Es wird nicht der Wert des Lebens gedacht. Die zur Disposition stehende Unversehrtheit bedingt die Lebensberechtigung. Wenn die Personen sich nicht erinnern können. Oder wollen. Der unbearbeitete Antisemitismus am Grund unserer Kultur ist als Kontinuum immer da, den Gedanken die entsprechende Färbung zu verleihen. Die Sprechenden dieser Szene müssen sich selber in ihrer eigenen Vorstellung die Lebensberechtigung auf eine diffuse Ganzheit reduzieren. – Keine Schmerzen. Keine Abhängigkeiten. Genußfähigkeit. – Sie müssen am Beispiel des prominenten Toten sich selber den Totenschein ausstellen. Und der ist von Sauberkeit getragen. Und von einem Sich Selber Wegräumen.</p>
<p>Zitat: &#8220;&#8230; und wollen vor allem – so die Analyse zur &#8220;Relevanz von Gedenken und Erinnern&#8221; – daran weder gedenken noch erinnern noch erinnert werden.&#8221; Zitatende.</p>
<p>Nun ist es von Leben zu Leben verschieden, wie persönliches und nationales Schicksal ineinander verstrickt sind. Diese Verstrickung aber Patriotismus nennen zu wollen und eine einfache Affirmation dieser Tatsache durch die Verschiebung von Gedenken zu Gedanken herstellen zu wollen. Das bedeutet, den von Rudolf Burger so herbeigesehnten Schlußstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Das bedeutet die Räume der Vergangenheit erneut zu versiegeln. Das Gedenken, das im Erinnern von etwas alle Erfahrungsmöglichkeiten mobilisiert, durch ein Denken über etwas mit der Entferntheit der Historisierung zu ersetzen. Und. Im Sinnspruch der TV Werbung für diese Umbenennung des Gedenkjahres in ein Gedankenjahr. &#8220;Laßt uns gemeinsam nachdenklich sein.&#8221; Wird diese Umbenennung von der Beschreibbarkeit der Historisierung wieder in die Gefühlsaufladung eines Nachdenklichen geführt. Die Formel scheint mir zu sein: Man entzieht dem Blick auf die Vergangenheit die Empathie des Gedenkens, behauptet den Herrschaftsblick auf unveränderbare Geschichtsräume in einem zur Kenntnis nehmenden Denken an die Geschichte und läßt in diesem Denken dann esoterische Gefühle zu. Dann. Als beruhigende Glasur.</p>
<p>Sentimentalität ist das. Eine nostalgiegeladene Sentimentalität, die von der Unerreichbarkeit des Vergangenen ausgeht. Eine absolut gesetzte Unverändertheit ist das dann, die hier als durchaus gewünscht angenommen werden kann. Eine einmal gedachte Geschichte und mit dem Einmal Denken erledigt. Aber. In der Passage zum Nachdenklich Sein. – Es wird in einem solchen Satz ja ein Prozeß beschrieben. Ein, die Nachdenklichen in einem Werden einfassender Prozeß ist das. Die, die nicht nachdenklich werden und dann sein möchten. Oder können. Zum Beispiel weil der Gegenstand der Nachdenklichkeit realer Bestandteil ihrer Biographie ist. Die sind ausgeschlossen. Sanft sind sie das. Sehr unbemerkt funktioniert dieser Ausschluß über social advertising im ORF Fernsehen.</p>
<p>Aber. Diese Versuche, die Belastung des Gedenkens abzumildern. Therapeutisch abzufedern. Diese Versuche vollziehen das, was schon das zu Gedenkende verursacht hatte. Ausschluß. Die Ausgeschlossenen. Die Opfer. Sie werden beraubt. Wieder. Und das ungewußte Wissen von dieser Beraubung erzählt sich in der Selbstberaubung wieder. Aus diesem ungewußten Wissen leiten die ältere Dame und der Kellner im Café Eiles für sich die Ausgrenzung als nicht mehr Ganze ab. Minderwertigkeit zieht solche Ausgrenzung nach sich. Und als moderne Staatssubjekte vollziehen diese Personen den Ausschluß an sich selber. Vorauseilender Nachvollzug.</p>
<p>&#8220;Daran weder gedenken noch erinnern noch erinnert werden.&#8221;</p>
<p>Wer gedenkt und erinnert und sich erinnern läßt. Ich wurde zu einer Rundfunkdiskussion mit Wolfgang Lorenz eingeladen. &#8220;Weil ich doch sicher Einwände hätte&#8221;, wurde gesagt. Einwände gegen die 25 Peaces. Einwände gegen die Gedanken der Politiker und der Politik im Gedankenjahr. Und weil es schön wäre, eine Frau die Einwände einwenden zu haben.</p>
<p>Wolfgang Lorenz ist Leiter der Abteilung Planung und Koordination im ORF Fernsehen. Er koordinierte das Programm des Grazer Kulturhauptstadtjahrs. Er war der Mann hinter dem von der Regierung und Sponsoren bezahlten Unternehmen der 25 Peaces. Ein Mann mit großer Sprechmacht also. Ein Koordinator von Öffentlichkeit. Ein Gespräch über seine Koordinationen zum Gedankenjahr sollte stattfinden. Das Gespräch dauerte etwa 50 Minuten. Gesendet wurden 15 Minuten.</p>
<p>Wolfgang Lorenz ging in seinem ersten Statement davon aus, daß die &#8220;Jungen&#8221; das alles nicht interessiere mit der Geschichte und dem Gedenken und daß man ihnen die Geschichte deshalb schmackhaft machen müsse. Einwand von mir: Schwieriges entschwierigen ist Lüge. Geschichte ist kein Unterhaltungsprogramm. Und unsere schon gar nicht. Entschwierigung dazu immer herablassend. Lorenz: Ja. Das könne ich behaupten. Er wüßte aber, was er tue. Er habe schließlich 3 Kinder. Einwand von mir: Das wäre das Zahnarztargument. Alfred Maleta erzählte immer wieder, daß er, wenn er im Parteivorstand etwas durchsetzen hatte wollen, sagte, daß sein Zahnarzt auch seiner Meinung sei. Und dann lachte Maleta jedesmal schallend. Weil dieses Argument immer gewirkt hatte. Also. Weil einer oder eine Kinder habe, wäre einem oder einer die Jugend an sich noch nicht bekannt. Im übrigen könne er ja seine Kinder herablassend behandeln und denen alles schmackhaft aufbereiten. Aber kein Event brächte die Geschichte als Erlebnismöglichkeit zurück. Und es ging doch um Politik. Die Beantwortung der Frage, wie sich eine Bombennacht anfühlte. Das brächte doch keinerlei Wissen über die Zusammenhänge der Geschichte. Eintauchen in die Erfahrung. Nachstellen einer Erfahrung. Das wäre doch die Strategie der Gegenreformation. Er nähme halt Schallwellen und Lichtgewitter statt goldener Wolken und süßer Musik. Lorenz: Ja. Ich hätte doch keine Ahnung. Er. Wolfgang Lorenz. Er habe ganz allein dieses Gedankenjahr erfunden. Diese Bezeichnung wäre von einer Zeithistorikerin erfunden. Er stehe dazu. Nach wie vor. Er wäre begeistert von diesem Label. Und. Er habe nach einer Sitzung im Bundeskanzleramt diese 25 Peaces vorgeschlagen. Sonst wäre nämlich gar nichts passiert. Niemand hätte etwas machen wollen. Und das war nur ein Jahr davor. Das war im Jahr 2004. Wenn so etwas ordentlich gemacht werden sollte, dann müßte man das mindestens zwei Jahre vorher beginnen. Mein Einwand: Man hätte es dann vielleicht nicht machen sollen. Schnell schlecht gemacht, muß eine Aktion genauso verantwortet werden. Und meinetwegen hätte dieses Programm nicht stattfinden müssen. Lorenz: Ja. Das wirkliche Problem wäre doch. Und da wurde Wolfgang Lorenz sehr ernst. Das wirkliche Problem wäre doch die Geschichte davor. Er habe die Geschichte davor nie begreifen können. Er wüßte auch nicht, wie das den &#8220;Jungen&#8221; vermittelt werden könnte. Er könne nicht einmal in die Nähe dieser Angelegenheit denken. Mein Einwand: Er trage doch mit seiner Aktion der 25 Peaces ganz deutlich dazu bei, daß die Geschichte davor. Daß die noch weiter weg rückte. Daß die noch weiter in die Verdrängung verschoben würde. Und daß die Beschäftigung mit der Geschichte davor ein fürchterliches Unterfangen sei. Daß nicht so nebenbei zu erledigen wäre. Daß schwere persönliche Folgen nach sich ziehe. Daß sich aber doch die meisten österreichischen Autoren und Autorinnen damit befaßten. Und daß es doch eine Zeitgeschichte gäbe, die daran arbeite. Daß man dieser Forschung vielleicht Raum bieten hätte sollen. Einwand der ORF-Redakteurin: Es würde doch jetzt ein Haus der Geschichte geben. Mein Einwand: Die Disneylandisierung der Geschichte wäre auch nur eine Vergessenstechnik. Die Forschung der Zeitgeschichte müßte gefördert und ausgebaut werden. Er wäre zufrieden, sagte Wolfgang Lorenz. Er habe sein Bestes getan. Und man hätte eben etwas tun müssen. Und dann zog er sein Sakko wieder an.</p>
<p>In einem strategischen Oszilieren zwischen persönlicher Betroffenheit und öffentlichem Auftrag, also öffentlichem Sprechen, war Wolfgang Lorenz auf keinen Einwand von mir eingegangen. Ich hatte auf seine persönliche Betroffenheit in Bezug auf die Shoa reagiert und war darin auf ihn hereingefallen. Wie sich dieses Gespräch dann in der Ausstrahlung angehört hatte ist ganz gleichgültig. Ich hatte die Erfahrung gemacht, daß es meine Argumente nicht gab. Wieder einmal. Daß ich meine Argumente nicht sichtbar machen kann. Daß mit diesem Betroffenen an der Geschichte davor vorbeidenken ein abgesonderter Raum hergestellt werden kann, in dem das andere Argument als Außenwand fungiert. Als ein Außen, das ein Innen begrenzt und in der Funktion der Abgrenzung das Argument unsichtbar macht. Das Argument ist so ständig anwesen. Eine bedrohliche Anwesenheit ist das, die das Innen wärmt. Der Gegner. Die Person, die das andere Argument äußert. Die wird durch das Argument überlagert und dahinter unsichtbar. Das Argument ist das Medium der Unsichtbarkeit. Der Unsichtbarkeitsmachung. Im Studio AR2 in der Argentinierstraße war ohne großen Aufwand die undemokratische Binnensituation des Lagerdenkens hergestellt worden. Aus der dann ja auch die Gestaltung des Gedenkjahres schon entstanden war. Ein kleiner Einblick in das Funktionieren der Macht war das und wie die Träger der Macht sich ihre Gefühle leisten. Bevor sie ihre Sakkos wieder anziehen. Wie sie sprechen und wie sie handeln und wie sie das Auseinanderklaffen nicht sehen müssen. Wie sie die Inkongruenz leugnen. Leugnen können. Und wie die anderen zu anderen werden und in dieser Verwandlung zum Verschwinden gebracht werden.</p>
<p>Ich bin keine große Anhängerin von Verschwörungstheorien. Aber daß im ORF niemand gegen ein Vorstandsmitglied die Stimme erheben wird. Damit kann gerechnet werden. Ich ging von diesem Gespräch weg, als wäre ich bei einem Verhör gewesen. Auf der Argumentationsebene war das jedenfalls der Fall. Ich war verhört worden. Umgehört. Nicht gehört. Kein Einwand war gehört worden. Es ging um nichts als die Präsentation von Wolfgang Lorenz. Die wird gelungen sein. Ich habe mir das Ergebnis nicht angehört.</p>
<p>Die Situation aber. Dieses vollkommene Innen, das das Außen nur als Druckmittel der Verdichtung nach innen benötigt. Diese Situation kenne ich aus Parteiveranstaltungen. In meinem Fall biographisch bedingt mehr von der ÖVP. Und je näher zur Macht und je intimer, umso emotionaler dieses unbedingte Innen. Das keinen Blick zurück erlaubt. Es sei denn im Pathos der Parteigeschichte. Diese Unbedingtheit des Innen läßt Sicherheit nur noch da vermuten. Alle Unsicherheit. Alle Angst. Sie kann nach draußen. Nach Außerhalb des Innen verschoben werden. Da aber ist sie dann. Und jederzeit eine Überflutung. Die Angst davor drängt alle noch einmal mehr im Innen zusammen. Das ist Immersion. Das ist vollkommenes Eintauchen. So wird bedingungsloses Gemeinsam geschmiedet. Die Augenblicke der Angstlosigkeit sind nur in diesem Gemeinsamen mehr zu finden. Dieses Innen benötigt die Ablehnung von Gedenken, von Erinnern und von Erinnert Werden. Diese Ablehnung ist zwingende Voraussetzung für das sichere Innen. Vereinzelung im Denken. Demokratisierung. Geschichtswissen. Das alles würde dieses Innen auflockern und entdichten. In einem &#8220;Laßt uns gemeinsam nachdenklich sein&#8221; wird zunächst nur das Zusammensitzen in der Kirche nachgestellt und als Teil dieser Innenexistenz mitgeliefert.</p>
<p>&#8220;Weder gedenken noch erinnern noch erinnert werden.&#8221;</p>
<p>Am Dienstag, dem 5 Juli hätten wir in der Reihe &#8220;Untrügliche Zeichen von Identität&#8221; zur &#8220;Aktualität österreichischer Selbstdarstellung&#8221; von 17.30 bis 20.00 Uhr im Sommercamp der Politischen Akademie der ÖVP den Kurs &#8220;Zurück zu mir. Ich entrümple mein Leben:&#8221; absolvieren können. Die Veranstaltung ist als special ausgewiesen. Ich zitiere aus der Veranstaltungsbroschüre: &#8220;Im Laufe eines Lebens sammelt sich vieles an. Manches trage ich immer mit mir. Anderes füllt Schränke in Wohnung, Dachboden und Keller. Gerümpel habe ich auch in Seele und Geist angesammelt. Wie kann ich Vergangenes, Abgestorbenes und Nutzloses entsorgen? Auch den Schutt aus Beziehungen? Wie kann aus Mist wertvoller Dung werden? Überlegen Sie mit August Höglinger gemeinsam, wie sie Ihr Leben entrümpeln können, damit in Ihnen und rund um Sie herum wieder ordentlich aufgeräumt ist!&#8221; Zitatende.</p>
<p>Vergangenes, Abgestorbenes und Nutzloses. Ein Hausputz mit den entsprechenden Putzmitteln. Mist wird zu Dung. Abgestorbenes und Nutzloses. Gerümpel. Schutt. Mist. Dung. Ja. Das Rad der Geschichte ist mehr als 200 Jahre zurückgedreht. Jedenfalls weit vor die Psychoanalyse. Und wie lebt es sich als Träger von Vergangenem, das Abgestorbenes und Nutzloses ist. Schutt und Mist. Ich denke, das Gespräch vom Beginn dieses Texts könnte hier nahtlos angeschlossen werden. Personen mit so benanntem Innenballast werden sich nicht sehr wertvoll vorkommen können. Aber. Sie können das faulige Innen nach außen projizieren. Auf Frauen. Auf Ausländer. Auf Juden.</p>
<p>&#8220;Daran weder gedenken noch erinnern noch erinnert werden.&#8221;</p>
<p>Zu Beginn des Gedenkjahres. Auf dem Stephansplatz, der mittlerweile ja wieder zu einem Ort der Spiritualität werden soll. In der Auslage des Humanic Geschäfts läuft das Video mit dem Werbespot, in dem ein vollkommen angezogener Mann eine Frau in BH und Slip mit, von ihr bereitwillig angenommenen Handschellen ans Bett fesselt. Er tut das aber nicht, um eine kleine Privatphantasie auszuleben. Nein. Er fesselt die Frau ans Bett, damit sie nicht so viele Humanic Schuhe kaufen kann. Gewalt. Das scheint das einzige Mittel gegen die Verschwendungssucht zu sein. Verführung das einzige Mittel, sie zu ihrem Besten mittels Handschellen ruhig zu stellen. Die Szene dieses Werbespots ist eine Überwältigung. Eine Überwältigung der Frau. Sie zeichnet sich durch eine Inkongruenz der dramatischen Mittel aus. Handschellen gegen Schuhkauf. Und. Es ist ein Bestrafungsmotiv eingebaut. Die Frau muß für ihr törichtes Kaufverhalten bestraft werden und zu ihrem Besten und dem Besten seiner Geldbörse vom Produkt ferngehalten werden. Es wird ja auch noch behauptet, der Mann habe zu bezahlen und könne daraus das Recht der Fesselung ableiten. Die Verführung in die Fesselung als Betrug an der Frau wird als weiteres Instrument ihrer Zurichtung angewandt.</p>
<p>Auf dem Stephansplatz. Immer und immer wieder wiederholt sich die Szene. Der Mann über die Frau geworfen. Mit den Handschellen winkend. Die Frau verführt willig. Die Frau durch ihre Willigkeit überlistet und allein zurückgelassen. Zur Strafe. Die Frau bäumt sich im Bett auf. Versucht sich aus ihren Fesseln zu befreien. Der Mann hat die Tür hinter sich geschlossen. Kleine Mädchen stehen vor der Auslage. Sie stecken den Finger in den Mund und schauen dem Treiben zu. Kleine Buben starren in die Auslage. Die jungen Eltern wenden sich weiter. Immer wieder betrachten Menschen den Ablauf und gehen dann weiter. Von Palmersplakaten erzogen und von den Zensurdiskussionen verunsichert, ziehen alle ihrer Wege. Alle scheinen zu wissen, daß das, was hier gesehen werden muß. Das Video läuft in einer Auslage an einem der begangensten Plätze Wiens. Alle scheinen zu wissen, daß das alles so ist. Daß das so richtig ist. Oder. Daß es sinnlos ist, sich darüber aufzuregen. Pornographie ist nur noch ein Mittel, die Spießer vermeintlich von den Nichtspießern zu trennen.</p>
<p>Was aber erzählt eine solche Szene. Woran erinnert sich diese Szene für Zuseher und Zuseherinnen. Welche Funktion hat die hierzulande gerade noch nicht vollends explizite Pornographisierung des öffentlichen Raums. Es geht natürlich nicht um Sex. Das scheint allen erinnerlich. Es geht um den Wert. Es geht um Macht. Die Sexualität der Macht ist die Macht. Geschlecht. Das bleibt an die Machtlosigkeit gebunden. Macht ist nicht sichtbar. Geschlecht wird als Machtlosigkeit sichtbar gemacht. Im vollkommen privatisierten öffentlichen Raum wird mittlerweile jede Darstellung von Sexualität eine Darstellung der Machtlosigkeit. In einer Nostalgie der Geschlechterhierarchie beschränkt sich das gerne auf das Weibliche. Männlichkeit kann sich immer noch ins Hegemoniale verkrallen und dort unsichtbar machen. Die Wertlosigkeit des sexualisiert dargestellten Körpers beträfe jedes Geschlecht. Wir bekommen in der Altmodischheit der hiesigen Öffentlichkeit halt meistens weibliche Körper vorgeführt. Das erleichtert den Männern, ihre eigenen Ohnmachten braver zu verkraften. Betroffen sind alle. Die Würde aller. Jene Würde nämlich, die die Grundrechte formuliert. Einen Akt sexueller Überwältigung als Werbemittel unkommentiert passieren zu lassen. Das bedeutet schon, daß die Erzählung bekannt ist. Und daß sie weitergeschrieben werden kann.</p>
<p>Die Abwehrlosigkeit gegenüber solchen Würdeeinschränkungen. Wo kommt dieses den Einspruch verhindernde schlechte Gewissen her. Woher kommt dieses selbstverständliche Einverständnis, daß diese Erzählung in endloser Wiederholung erzählt wird.</p>
<p>Es kommt natürlich alles aus der gut gelernten Grammatik des Ausschlusses, mit der wir hier aufwachsen und leben. In den Beiträgen zur Restitution der Klimtbilder findet sich dann auch sofort das entsprechende Beispiel. Unbewußt, weil unerinnert und ungehoben wird diese Grammatik wirksam. Die Benutzer wissen gar nichts. Müssen nichts davon wissen, welcher Mittel sie sich bedienen. Es ist ja nichts bekannt. Es kann ja nichts bekannt sein, wenn daran weder gedacht noch erinnert noch erinnert wird.</p>
<p>In der Zeitung Die Presse stehen in einem Porträt – es ist übrigens ein von sexistischen Klischees getragenes Porträt und trägt sich so schon dem Wohlbehagen des Ausschließens aus dem patriarchalen Innen an. – Es steht da geschrieben. Ich zitiere: &#8220;Die ganze Haltung des Paares Bloch-Bauer hatte auch mit der Emanzipation des Judentums zu tun, man wollte einen anderen Weg gehen als das Establishment. Der Weg endete in Vertreibung und Vernichtung.&#8221;</p>
<p>Subjekt des ersten Satzes ist die Haltung. Durch ein indefinites Zahladjektiv wird die Haltung umfangen. Ungeduldig so. Parallelausrufe sind vorstellbar. Wie: &#8220;Das ganze hat ja nur damit zu tun.&#8221; &#8220;Was soll das Ganze.&#8221; Die ganze Haltung. Das ist eine lakonische und ein bißchen herablassende Einfassung. Stünde: Die Haltung des Paares. Das Paar wäre eindeutig als Autor ihrer Haltung wahrzunehmen. &#8220;Die ganze Haltung des Paares.&#8221; Sie hatte mit der Emanzipation des Judentums zu tun. Ein diffuser Zusammenhang wird durch die Hervorhebung des Dativobjekts mittels des &#8220;auch&#8221; hergestellt. Die &#8220;ganze Haltung&#8221; hatte &#8220;auch&#8221;. Während die Haltung insgesamt gesehen wird, bekommt die Assimilation des Judentums eine Hervorhebung, die noch andere Beweggründe offen läßt. &#8220;Auch zu tun&#8221;. Die ganze Haltung des Paares Bloch-Bauer hatte auch mit der Emanzipation des Judentums zu tun. Das Paar wird durch seine Haltung repräsentiert. Ist grammatikalisch im Besitz seiner Haltung und diese wird nun mit der Emanzipation des Judentums verknüpft. Mit der Emanzipation des Judentums. Ein Paar. Die Haltung des Paares. Und ein großer geschichtlicher Vorgang. Über Jahrhunderte hingezogen. Eine Geschichte, die wir gar nicht kennen. Die in unserer hegemonialen Herrschaftsgeschichte gar nicht vorkommt. Aber hier. Hier muß diese Geschichte die Haltung des Paares Bloch-Bauer bedingen. Abstrakt und umfassen. Nun wird der Satz fortgeführt. Es wäre richtig, nach diesem Satz einen Punkt zu machen und den nächsten Hauptsatz zu beginnen. Es wird aber nur ein Komma gemacht und so der innere Zusammenhang der beiden Sätze formal betont. &#8220;Man wollte einen anderen Weg gehen als das Establishment.&#8221; Aus der &#8220;ganzen Haltung&#8221; und ihrem &#8220;auch etwas mit der Emanzipation des Judentums Zusammenhang entsteht eine Konsequenz. Die Haltung der Emanzipation des Judentums ging nicht den Weg des Establishments. Der Vorwurf der fehlenden Anpassung wird in das indefinite &#8220;man&#8221; verpackt. Es wäre auch möglich zu sagen, die Bloch-Bauers wollten einen anderen Weg gehen als das Establishment. Das &#8220;man&#8221; läßt diese kleine Abkehr von den Bezeichneten zu. Dieses &#8220;man wollte es ja nicht anders&#8221;. Und das Establishment. Man und Establishment stehen im gleichen Fall. Sie sind Entsprechungen, die durch ein Ortsobjekt getrennt werden. Der andere Weg trennt das Man, hinter dem die ganze Haltung des Paares Bloch-Bauer, die auch etwas mit der Emanzipation des Judentums zu tun hatte vom Establishment. Man wollte einen anderen Weg gehen. Und weil der anders war, als der des Establishments. Deshalb kommt es zur Katastrophe. Der Weg endete in Vertreibung und Vernichtung. Subjekt. Prädikat. Raumergänzung. Das Subjekt wird der Weg. Das Geschehen vollendet sich am Subjekt. Das Subjekt aber ist der Weg. Und weil der anders war, als der des Establishments. Deshalb kommt es zur Katastrophe. &#8220;Der Weg endete in Vertreibung und Vernichtung.&#8221; Subjekt. Prädikat. Raumergänzung. Der Weg ist das Subjekt. Das Geschehen vollendet sich am Subjekt. Das Subjekt aber ist der Weg. Das Paar Bloch-Bauer, das schon zu Beginn nur durch seine Haltung grammatikalisch zur Erscheinung kam, wird grammatikalisch unter dem Weg als Subjekt begraben. Nicht sie enden. Der Weg endet. Die Personen, die vernichtet wurden, die sind grammatikalisch nie auf die Repräsentationsebene gebracht worden. Die sind schon in der Konstruktion ihrer Beschreibung vernichtet gewesen. Das ist Erinnerung. Das ist die Erinnerung, die niemand erinnern muß, weil sie immer erinnert ist. Weil sie sich immer erinnert. Juden sind vernichtet. Deshalb wird nicht einmal die Existenz vor der Vernichtung unvernichtet und selbstmächtig berichtet. Das Paar Bloch-Bauer. Taucht in der Nacherzählung gar nicht mehr als Subjekt auf. In einer feuilletonistischen Schreibweise, die sich auf Variationenreichtum als Stilmittel beruft und in Wahrheit damit Textpolitik betreibt. Diese Schreibweise ruft aus dem Unterbewußtsein immer die richtige Variation auf. Damit beschreibt sich eine wahrere Wahrheit, als die Schreibenden sich wissen können. Und bedient sich einer Erinnerung, die sich vor lauter Erinnerung nicht erinnern kann. Nicht will. Nicht darf. Dafür wird ein Begriff von Kulturgut konstruiert, der sich des Besitzes der Klimtbilder berechtigt sieht, wie die Nazis das schon taten. Mit dem Kauf des Bildes sollte die Arisierung legalisiert werden. Nachvollzogen.</p>
<p>Dieser Beitrag erschien in: Martin Wassermair/Katharina Wegan (Hrsg.), <span class="link-external"><a class="external-link" href="http://wassermair.net/texte/rebranding_images_editorial" target="_blank">rebranding images.</a></span> Ein streitbares Lesebuch zu Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Österreich, Studienverlag (2006)</p>
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