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	<title>Marlene Streeruwitz &#187; Online lesen</title>
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	<description>Autorin &#124; Regisseurin &#124; Wien &#124; Berlin &#124; London &#124; New York</description>
	<lastBuildDate>Mon, 26 Jul 2010 06:43:41 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Salzburger Festspiele. Weil die auch nie aufhören.</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Jul 2010 06:00:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Salzburger Festspiele]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>

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		<description><![CDATA[Salzburger Buhlschaft in: Der Standard, 24. Juli 2010 Wann darf sie gehen. Wann darf sie weg. Wann darf die Buhlschaft von der Bühne und so aus ihrer doppelten Sexarbeit wieder ins Privatleben zurück. Hoffmannsthal regelt ihren Auftritt im „Jedermann“. Von der Bühne holt er die Buhlschaft nicht mehr. Dem Text folgend, kann sie auf Seite [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Salzburger Buhlschaft</p>
<p>in: Der Standard, 24. Juli 2010</p>
<p>Wann darf sie gehen. Wann darf sie weg. Wann darf die Buhlschaft von der Bühne und so aus ihrer doppelten Sexarbeit wieder ins Privatleben zurück. Hoffmannsthal regelt ihren Auftritt im „Jedermann“. Von der Bühne holt er die Buhlschaft nicht mehr. Dem Text <span id="more-3010"></span>folgend, kann sie auf Seite 40 abtreten, wenn es heißt „Es flüchten viele.“ Sie kann sich bis Seite 52 Zeit lassen und mit den letzten davonlaufen, die sich noch an der Tafel gütlich tun. Sie könnte auch bis zum Schluß bleiben und dem Jedermann zusehen, wie er so freundlich von zwei anderen Frauen begleitet ins Grab steigt. Sexarbeiterinnen können nämlich keine Antworten auf die „endgültigen Fragen“ geben. Sexarbeiterinnen erfüllen ihre Aufgabe und dann können sie vergessen werden. Das ist der deal.</p>
<p>Denn. Das ganze ist ein deal. Der ganze „Jedermann“ ist geschäftlich zu denken. Jede Struktur ist ein Handel gegen eine andere Struktur. Jede Figur bringt eine kleine Summe von Sinneinheiten auf die Bühne, die in der Gesamtrechnung der Jedermannfigur verbucht wird. Das  geht vollkommen mechanistisch vor sich. Alle Nebenfiguren zusammen ergeben in einer einfachen Buchhaltung von Gut und Böse die Hauptfigur. Dieses Gut und Böse tritt in Figuren auf, die von Schauspielern und Schauspielerinnen den Körper erhalten und es sind ausschließlich diese Körper der realen Schauspieler und Schauspielerinnen, die einen Sinnzusammenhang herstellen. Herstellen können. Die Körper der Schauspieler und Schauspielerinnen schaffen eine Quasi-Realität, die dem Text überhaupt erst Bedeutungsmacht erteilt.</p>
<p>Dieses Leihen des Körpers. Das ist die Arbeit des Schauspielers und der Schauspielerin. Immer ist es die Anwesenheit der Person hinter der dargestellten Figur, die die Realität herstellt. Das Spielen einer Figur. Das ist gewollte Lüge. Gewollte Täuschung. Das ist ein vereinbarter Vorgang. Das Theater Lessings betritt diese Vereinbarung in dem Wunsch, über diese gespielte Auseinandersetzung zwischen Figuren, die gerade vorliegenden Verhältnisse von Macht und Ohnmacht zu untersuchen. Das Theater Lessings dringt auf immer individualisiertere Figuren, an denen diese Verhältnisse je realistischer nachgestellt und damit gesellschaftliche Konflikte offengelegt werden können. Es sind bestimmte Figuren in bestimmten Zusammenhängen, die dann die bestimmte Schlußfolgerung ermöglichen. So geht Aufklärung.</p>
<p>Im „Jedermann“. In der Personifikation von „menschlichen“ Eigenschaften geht der Autor vor das Theater Lessings zurück. Der Rückgriff aufs Mittelalter verdeckt den Rückschritt weit vor die Aufklärung. Für die Aufführung bedeutet das, daß der Schauspieler und die Schauspielerin als sie selber auftreten müssen und wie mittelalterliche Schausteller die jeweilige Eigenschaft vertreten. Das ist eine andere Form des Sich Leihens. Es gibt nicht das Spiel mit der Figur und einer Wiederaufführung von Leben. Im „Jedermann“ wird zur Schau gestellt und der Körper ist die Landschaft dieser Ausstellung. Der Körper des Schauspielers und der Schauspielerin wird für die Darstellung in Geiselhaft genommen. Eine hölzerne und ritualisierte Aufführungspraxis tut dann ein Weiteres dazu. Es liegt darin ein planes Ausbeutungsverhältnis vor, das die totale Unterwerfung unter den Text verlangt und keinerlei Eigenanteil zuläßt. ( Das knallende Furzen des einen Teufels gegen das eher verhaltene Gasentweichen der nächsten Teufelsdarstellung zählt da nicht.) Weil das in Salzburg sehr gut bezahlt wird, muß es nicht als solches wahrgenommen werden. Und. Weil alle mittlerweile in solchen Arbeitsverhältnissen leben, in denen sie keine Gestaltungsräume mehr vorfinden, sondern sich nach den Codes von Markteroberungsstrategien und Effizienz bewegen müssen. Weil das Mittelalterliche in den, die Personen insgesamt erfassenden Abhängigkeitsverhältnissen des Arbeitsmarkts so offenkundig ist. Die Uraufführung des „Jedermann“ im Zirkus Neumann 1911 bestätigt dieses feudale Arbeitsverhältnis in der Aufführung. Zirkus. Das ist die sprachlose  Schaustellung der grotesken Möglichkeiten der Körper von Menschen und Tieren gegen Bezahlung. Im „Jedermann“ wird das zum Zirkus des Tods und der Rettung.</p>
<p>Es müßte also nicht ums Geld gehen, um im „Jedermann“ das Zentralstück einer hochkapitalistischen Volksmission zu erkennen. Die Ebene des Texts und die intendierte Aufführung dieses Texts. Die Strukturen dieses Theatertexts selber fungieren als Insrumente der Ausbeutung.</p>
<p>Abhängigkeitsverhältnisse stellen sich über Spiegelungen dar. Die Herrschaft des Jedermann zeigt sich an der Abhängigkeit des armen Nachbarn oder des Schuldknechts. Die kapitalistische Herrschaft wird in der quasimittelalterlichen Spracherfindung von Hoffmannsthal schön anmetaphorisiert und gleichzeitig stramm argumentiert.</p>
<p>Jedermann:</p>
<p><em>„Geld ist wie eine andere War,</em></p>
<p><em>Das sind Verträg und Rechte klar.“</em></p>
<p>Der Gesell sekundiert:</p>
<p><em>„Wär schimpflich um die Welt bestellt,</em></p>
<p><em>Wenns anders herging in der Welt.“</em></p>
<p>Die Knechte wissen es immer noch ein bißchen genauer als die Herrn und der Schuldknecht hat sich eben verspekuliert. Der Schuldknecht muß seine Medizin nehmen. Das ist der deal. Der Schuldknecht argumentiert ja auch nur im System und pocht auf Barmherzigkeit und nicht auf Veränderung. Oder gar Grundrechte.</p>
<p>In diesem Kosmos des Besitzs wird der Gebrauch an anderen in der Übertragung von Besitz ausgedrückt. Wenn wir gleich zu Beginn erfahren, daß die Buhlschaft einen Lustgarten zum Geschenk bekommen soll, dann freuen wir uns. Die Buhlschaft wird so vielleicht zu einer Versorgung kommen. Sie kann den Garten ja immerhin wieder verkaufen und so ihr Leben bestreiten, nachdem sich der Herr Jedermann zu einer Heirat nicht bequemt. Vielleicht will die Buhlschaft ihn auch gar nicht. Wir wissen ja nicht, welche Angebote noch vorliegen. Zwar wird der Jedermann als der Reichste weit und breit beschrieben, aber das wird von liebedienerischen Angestellten gesagt und gilt damit nur in der inneren Logik dieser Unterwerfungen.</p>
<p>Die Buhlschaft bekommt gerade so viel Raum in diesem Stück, daß das Publikum ihrer gewahr werden kann. Sie ist das blühende Leben gegen die Blässe des Tods. Es ist ja ihr Fest. Sie bringt die Musiker mit und die Begleitung. Wie jede geübte Hostess beruhigt sie den, ob des Altersunterschieds unsicheren Jedermann und lobt seine „milden Hände und seinen steten Sinn“. Immerhin kann sie sich nicht auf seine feurigen Lenden beziehen. Das fiel dem Autor nicht ein. Es ist ein eher laues Getändel, das da abläuft. Aber es geht ja nicht um eine leidenschaftliche Wirklichkeit. Es geht ja eigentlich nur darum, daß Jedermann nicht verheiratet ist. Die Buhlschaft stellt also imgrund nur den ledigen Jedermann dar. Es geht nicht um einen heißblütigen Platzhirschen. Es geht nicht um einen Buhlen, der seiner Lust ungehinderten Lauf verschafft. Nein. Die Mutter Jedermanns beklagt es. Es geht um den Unruhefaktor „lediger Mann“. Das immerhin ist wirklich mittelalterliche Katholizität. Der lange Weg der Zivilisierung des Mannes erfolgte über die Monogamisierung und deren Verrechtlichung in den kirchlichen Ehegesetzen. Das beschreibt auch den langen Weg der Zivilisierung in den europäischen Kapitalismus. Die Versammlung des Vermögens auf rechtlich anerkannte Erben von einer jeweils einzigen Frau und der Ausschluß der Priester aus einer solchen Erbmöglichkeit durch das Zölibat. Es hat das alles zu den Jedermanns geführt. Eine Buhlschaft ist da die reine Illustration des Wildlaufens eines solchen Burschen. Am Ende ist das ja auch die einzige vorführbare Sünde. Hätte Jedermann rechtzeitig und standesgemäßt geheiratet, es wäre uns seine Bekanntschaft erspart geblieben. Dem Gott des Anfangs ärgert ja nur die Tatsache, daß die Jedermanns „schmählicher hinleben als das Getier“ und sich in den Buhlschaften ihre Lust verschaffen, ohne die katholische Uraufgabe des Kinderzeugens in der Monogamie zu erfüllen.</p>
<p>Die Buhlschaft ist so eine Art Dekoration von Jedermanns Burschenleben, der sich trotz Hab und Gut nicht in die Gesellschaft einordnet. Sie wird von Jedermann beim Bankett gefragt, ob sie ihn bis ins Grab hinein begleiten würde und die Buhlschaft gibt sehr vernünftige Antworten. Was der Autor als ihre Minderwertigkeit beschreiben will. Als die Oberflächlichkeit einer minderen und dazu noch weiblich minderen Person, das lesen wir heute als sehr vernünftiges Verhalten in einer schlimmen Abhängigkeitssituation. Die Sexarbeiterin hat ihr Honorar zu bekommen. Schlimm genug, das das offenkundig von der Gestimmtheit des Herrn Jedermann abhängig ist und wir atmen erleichtert auf, daß sie ihm so nett schmeichelt, wenn sie die jungen Liebhaber so beseite schiebt. Eine professionelle Haltung zeigt sich in dieser Buhlschaft, die ja keine Eigenschaft darstellt, sondern ganz in der Logik der Anlage des Stücks ein Objekt ist.</p>
<p>Alle Frauen in diesem Text sind Objekte Jedermanns. Die Buhlschaft ist das erste Objekt seines Begehrens, das über den Lustgarten beschrieben wird, den sie zum Geschenk bekommen soll.</p>
<p><em>„In diesem Gärtlein köstlich und mild</em></p>
<p><em>Ihr eigen abgespiegelt Bild.</em></p>
<p><em>Die allezit liebreich mich ergetzt,</em></p>
<p><em>Mit Hitz und Schattenkühl mich letzt</em></p>
<p><em>Und einem verschlossenen Gärtlein gleich</em></p>
<p><em>Den Gärner selig macht und reich.“</em></p>
<p>Das sagt Jedermann zum Gesellen, der den Garten kaufen gehen soll. Jedermann ist durch das Moralisieren seiner Mutter die Lust vergangen. Die Mutter hat aber auch gar zu viel vom Sterben gesprochen. In einem Theaterschauspiel würden wir vermuten, daß die Mutter einen Todeswunsch hat, der ihren Sohn miteinschließt und wir könnten sehr interessante Schlüsse auf die Figur ziehen. In diesem Zirkus der Verkörperungen erübrigen sich so feinfühlige Fragen. In einem solchen Stück werden Auftritte erfüllt.</p>
<p>Und die arme Buhlschaft. Sie wird durch die weiblichen Objekte eines spirituellen Begehrens ersetzt. Die Werke und der Glaube. Beide Begriffe werden durch Frauen verkörpert. Die Personifikation der Werke werden ja durch Jedermann zum Leben erweckt. Die Werke sind ein spiritueller Filter und es bleiben nur gute Werke im Sinn der ankatholisierten Spiritualität dieses Stücks hängen. Die weibliche Häßlichkeit und Schwäche der Personifizierung der Werke auf der Bühne ist ein Spiegel Jedermanns. Wir müssen daraus schließen, daß Moralität weiblich ist und die Buhlschaft der amoralische Kontrapunkt dazu. Die alte Geschichte von der Heiligen und der Hure wird da nachvollzogen. Oder besser. Diese alte Geschichte wird vorausvollzogen. Denn. Durch die Anlage in einem ungefähren Mittelalter wird ja alles, was da so gesagt wird, als in sehr viel früheren Zeiten Gesagtes behauptet. Ein geschlecherstiftender Mythos, wie der von der Huren und der Heiligen. Der wird damit neuerlich als vergeschichtlicht behauptet und bekommt so eine nette und neuerliche Erfrischung aus dieser behaupteten Geschichtlichkeit. Diese Behauptung wird ja in der Theateraufführung in die vorgelebte und unmittelbare Realität dieser Aufführung zur Wirklichkeit gemacht. So war das, wird dem Publikum vermittelt.  Das ist Ideologisierung vom Allerbesten. Ein Idealtypus von Ideologisierung ist das.</p>
<p>Der Kapitalist Jedermann bleibt dem folgend  auch in seinem Tod allen kapitalistischen Prinzipien treu. Darin natürlich kümmert ihn die Buhlschaft nicht mehr. Die Buhlschaft findet nicht eimal mehr in den Bühnenanweisungen Platz genug, von der Bühne geholt zu werden.</p>
<p>Jedermann versucht es erst konventionell und verlangt von seinen Abhängigen die Begleitung ins Grab hinein. Die Idee, daß diese Frau wie eine indische Witwe mit ihm ins Grab soll, diese Idee scheitert an der Verachtung von dieser Frau. Oder besser. Diese Idee scheitert an der Selbstverachtung des Männlichen, das die Verstärkung durch Männliches zu seiner Sicherheit benötigt. Nachdem die Gesellen und Vettern abgesagt haben und das Geld die Machtverhältnisse umbenannt hat, kapitalisiert Jedermann seine Verfehlungen. Obwohl. Wir wissen ja von keiner größeren Verfehlung. Der Teufel zählt zwar einige auf, aber konkrete Kunde bekommen wir davon nicht.</p>
<p>(„Konkrete Kunde.“ Dieser tümelnde Kauderwelsch an Sprachvermutungen Hoffmannsthals färbt sofort auf den Leser und die Leserin in unsäglicher Weise ab und führt zu solchen Formulierungen.)</p>
<p>Wir hören keine konkrekte Anklage Jedermanns. Es gibt kein ordentliches Gerichtsverfahren. Die Gewalten sind nicht voneinander getrennt. Jedermann ist lange vor der französischen Revolution situiert und kann in Geständnisse zerfließen. In diesen Geständnissen vollführt Jedermann die von ihm verlangte Einordnung. Jedermann fügt sich in die verlangte Unterwerfung und die beiden Frauen und seine Mutter freuen sich. Jedermann bringt seine Unterwerfung in den Tauschhandel ein und befriedet damit den Gott des Eingangsmonologs, der ziemlich grantig eine Art spiritueller Steuerprüfung abhalten will, weil man nicht so lebt, wie es ihm gefällt. Ein recht lächerlicher Gott ist das. Ein Zirkusgott halt.</p>
<p>Die Buhlschaft. Eine Schauspielerin wird immer nach ihrem Körper gemessen. Diese Messung wird sexistisch sein. Es gibt ja keine andere Sichtweise des weiblichen Körpers in der Öffentlichkeit als die Messung von attraktiv und nicht attraktiv. Attraktivität setzt voraus, daß Begehren aufgerufen werden kann. Sexuelles Begehren wird durch die jugendlichen sekundären Geschlechtsmerkmale angeregt. Deshalb muß die Buhlschaft ihren Busen so weit wie möglich entblößen. Und sie muß jung sein. Die Buhlschaft muß nämlich fotografiert werden und mit dem Bild der jeweiligen Schauspielerin als Darstellerin der Buhlschaft die Verbreitung der Bilder von einem solchen Stück betrieben werden. Die Attraktivität der Schauspielerin wird in der Darstellung der Buhlschaft zur Attraktivität dieses Ereignisses gesteigert. Wir könnten auch sagen, daß diese Attraktivität wieder die Personifikation dieses Ereignisses darstellt und damit in einem doppelten Bogen die Darstellung der Sexarbeiterin Buhlschaft im Foto der Darstellerin der Buhlschaft  eingesetzt wird. Je nach Blickwinkel wird ein solcher Einsatz Karriere genannt werden können. Oder ganz einfach sexistisch.</p>
<p>Die Wahrheit ist, daß Karrieren wahrscheinlich nur sexistisch zu machen sind. Je nach Geschlecht und der damit verbundenen, kulturell fixierten Attraktivität.  Deshalb hoffe ich, daß die Buhlschaft eine höhere Gage bekommt als der Darsteller des Jedermann. Die Buhlschaft muß sich schließlich in einer ganz anderen Weise zu Verfügung stellen. Das kann sie nur eine begrenzte Zeit. Die Darstellung von Geschlecht ist auf Jugendlichkeit beschränkt. Ich hoffe auch, daß die Buhlschaft so früh wie möglich von der Bühne kann und in aller Ruhe ein kühles Bier trinken. Oder was auch immer.</p>
<p>Die Buhlschaft kann auch aus dem Stück gestrichen werden. Sie taucht in dieser Männerwelt ohnehin wie eine pflichterfüllende Beifügung auf. Es genügte, es würde über ihre Bezahlung geredet. Dann müßte sie nicht gesehen werden. Die Gage sollte sie trotzdem bekommen und offizielle Fotos werden im Rollkragenpullover gemacht. Dann könnte uns diese unsägliche Veranstaltung des Jedermann vielleicht einen Schritt weiterbringen. Einen winzigen. Eine Bewußtmachung. Und die schöne junge Schauspielerin könnte eine ganz andere Rolle in aller Ruhe studieren. Oder eine Umschulung machen. Wie alle Sexarbeiterinnen und ihre Darstellerinnen hat sie das Recht auf Bildung.</p>
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		<title>Verachtung.</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Jun 2010 08:15:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Eröffnungsrede, Tagung zum weiblichen Part in Kunst und Kultur. 10. Juni 2010 in Graz Unlängst. In Wien. Es waren nur Frauen eingeladen. Juristinnen. Ärztinnen. Therapeutinnen. Managerinnen. Künstlerinnen. Ein Frauenabend also. Die Gästinnenliste selbst war schon eine wunderbare Bestätigung, was der, aus den Sozialreformen der 70er Jahre stammende, freie Zugang zu Bildung hergestellt hat. Zugleich muß [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eröffnungsrede, Tagung zum weiblichen Part in Kunst und Kultur.<br />
10. Juni 2010 in Graz</p>
<p>Unlängst.  In Wien. Es waren nur Frauen eingeladen. Juristinnen. Ärztinnen. Therapeutinnen. Managerinnen. Künstlerinnen. Ein Frauenabend also.</p>
<p>Die Gästinnenliste selbst war schon eine wunderbare Bestätigung, was der, aus den Sozialreformen der 70er Jahre stammende, freie Zugang zu Bildung hergestellt hat. Zugleich muß gesehen werden, daß soziale Techniken notwendig sind, die es ermöglichen, die Bildung dann auch in Karrieren umzumünzen. In der Gruppe dieser Frauen waren einige, die diese Techniken über ihre Familienzugehörigkeit mitbekamen. Aber. Es waren durchaus auch Personen darunter, die diese Techniken erwarben und so ihren Aufstieg noch um eines mehr sich selber zu verdanken haben. Der Abend war ganz absichtlich als networking Gelegenheit gedacht. Wir sollen – und wollten – einander kennenlernen und aus diesen Bekanntschaften Beziehungen entwickeln. Der weibliche Part daran war sicherlich, daß diese Beziehungen über Sympathie und Empathie hergestellt  und nicht einem rein ökonomischen Utilitarismus abgerungen werden sollten. Eine Verwendungsfähigkeit der anderen Person, bei der zuerst die Frage gestellt wird, ob diese Person in der eigenen Aufstiegsgeschichte von Nutzen sein kann oder nicht. Und erst wenn diese Frage positiv beantwortet werden kann, kommt die Möglichkeit des Beziehens auf. Weiblicherweise finden wir einander erst nett und fragen uns dann, ob das auch ökonomischen Sinn macht. Das ist am Ende dann nur eine andere Technik. Denn. Das Funktionieren in den ökonomisierten Zusammenhängen wird einfach abgefordert. Die weibliche Form des networking wird in der Personalentwicklung etwa durchaus theoretisch als die richtige Methode anerkannt. Deshalb sind aber eben trotzdem nicht alle Personalchefs Frauen. Vielleicht sind sie weiblich.</p>
<p>Zurück zum Frauenabend.</p>
<p>Es wurde geplaudert. Aperitive. Der Spargel lag zum Kochen bereit. Es wurde über das Essen und wieviel und wann und wie schafft es frau, sich gesund zu ernähren. Das Wetter. Dieser Abend lag noch in diesem unendlich verlängerten Winter dieses Jahres. Die Beziehungen. Und weil wir einander nich alle gekannt hatten, wurden die privaten Situationen kurz geschildert. Verliebt. Verlobt. Verheiratet. Vier Frauen lebten in Beziehungen. Vier Frauen lebten allein. Es wurde die Beziehung von Beruf und Lebensalltag besprochen und was sich verändert hatte. Die Bühnenbildnerin hatte eine neue Liebe gefunden. Nach einer Scheidung und über 50 ist das ein seltens Ereignis. Alle wandten sich ihr zu. Freundlich und bestätigend. Ja. Sie habe eine schreckliche Ehe hinter sich und habe die Scheidung 10 Jahre nicht wirklich bewältigt gehabt und nun dieses Glück. Und dann sagte sie. Ich zitiere wörtlich: „Die Ehe. Das war ja einmal Was. Das hat ja einmal etwas bedeutet und dann ist die Frauenbewegung gekommen und die jungen Leute haben jetzt überhaupt keine Werte mehr.“</p>
<p>Als Beobachterinnen unserer Kultur wissen Sie, daß es sich hier um eine Form der assoziativen Deklaration des zutiefst unsere Kultur bedingenden Reaktionären handelt. Diese Frau hat noch vor dieser Aussage ihre Ehe als Katastrophe der Unterdrückung beschrieben. Ihre eigene Erfahrung dient aber nicht als Bezug zu ihrer Weltbeschreibung. Sie selbst ist aus dieser Weltbeschreibung dann ausgeschlossen, wenn sie die Ehe als etwas beschreibt, was einmal etwas bedeutet hat, obwohl sie selbst und offenkundig am eigenen Leib diese Bedeutung kennengelernt hat. Sie kann sich offenkundig nicht als Teil der von ihr beschriebenen Welt begreifen. Die Dinge außerhalb sind nicht auf sie selbst beziehbar. Eine soziale Veränderung, wie sie die Frauenbewegung symbolisiert, muß bei einer solchen Abspaltung bedrohlich gesehen werden. Der Verlust der Norm bleibt als Angriff in Erinnerung, um damit die Norm in Erinnerung behalten zu können. Diese eine Veränderung. Die Auflösung der Ehe, die in ihren Augen stattfand, nachdem die Frauenbewegung „gekommen“ war, führt in eine Auflösung von Norm insgesamt. Die jungen Menschen haben keine Werte mehr. Die Unruhefaktoren Frau und junge Männer werden in einen einzigen Satz zusammengepfercht.</p>
<p>Nachdem die Bühnenbildnerin das gesagt hatte, schaute sie sich zustimmungheischend um. Es herrschte Schweigen. Dann vorsichtiges Gemurmel. Die Frauen hätten doch damals alle Gründe gehabt, sich zu wehren. Es wäre doch immer noch nicht sooo rosig. Dann sahen alle mich an.</p>
<p>Zu meinem Glück läutete mein handy. Der Computer hatte schneller gerechnet und ich konnte mit dem Schnitt an einem Videoessay für die 35 Jahresfeier der AUF Zeitung weiterschneiden. Ich entschuldigte mich und flüchtete. Ich halte den „Idiot’s guide to feminism“ oder Feminismus 1 nicht mehr.</p>
<p>Aber. Das ist das, was ist. Ich erzähle Ihnen diese Episode nicht, um mich über irgendeine Tussi lustig zu machen. Ich wiederhole diese Aussage, weil sie das ist, worin wir alle handeln. Und worin wir alle ganz besonderen Anforderungen der Vermittlung ausgesetzt werden. Als Künstlerinnen ebenso wie als Vermittlerinnen.</p>
<p>Beschäftigen wir uns einmal damit, was es bedeutet, daß die Formulierung lautet, „und dann ist die Frauenbewegung gekommen“. Es wird hier die Frauenbewegung zum Satzsubjekt gemacht, das sich selbst bewegt. Die Frauenbewegung wird zu einem Ding gedacht, das sich als Ganzes bewegt. Die Frauenbewegung wird von außen versiegelt. Sie wird „etwas“, das gekommen ist. Naturhaftigkeit wird da suggeriert. Die Bewegung selbst steht innerhalb dieses Temporalsatzes zur Disposition. Kommen beschreibt ja nur die Ankunft von woanders her. In den Zustand, in dem die Ehe einen hohen Wert darstellte, kommt die Frauenbewegung. Sie kommt aus einem anderen Bereich. Die Frauenbewegung wird hier so eingesetzt, wie über Migranten und Migrantinnen gesprochen wird, die von woanders her kommen und dann da sind und in diesem Da Sein schon die Störung begründet ist. Es muß nicht noch ein – von der Kronenzeitung vermutetes &#8211; Verbrechen begangen werden. Im Von Wo Anders Gekommen Sein ist das Verbrechen schon mitgedacht. Die Frauenbewegung stört also den Zustand, in dem die Ehe noch etwas wert war und nachdem die Frauenbewegung gekommen ist, haben die jungen Leute keine Werte mehr. Die Frauenbewegung saugt in dieser Satzkettte dem ersten Subjekt, der Ehe und im letzten Subjekt, den jungen Leuten den Wert auf. Die Frauenbewegung ist grammatikalisch so positioniert, daß vor ihr und nach ihr kein Wert mehr existiert. Der Vampirismus der Frauenbewegung ist in die Grammatik selbst eingesenkt. Die Frauenbewegung wird gleichzeitig im Temporalsatz zeitlich eingefrohren. Die Frauenbewegung wird zu einer einzigen, in der Zeit eingefangenen Bewegung, die zwar ihre Zerstörung in der Zeit ausübt, selbst aber in der Zeit eingeschlossen bleibt. Der Vampirismus in den Sarg gebannt, aber jederzeit eine Gefahr. Das wissen wir aus den Vampirfilmen der allerletzten Zeit.</p>
<p>Eine solche Satzkonstruktion kommt aus dem Predigt-Österreichisch, in dem wir alle unbewußt darin geschult werden, das Satzsubjekt zu substituieren und in diesem rein technisch grammatikalischen Akt die Sinnzusammenhänge herzustellen. In der Predigt ist die Gegenstellung Jesus/Nicht Jesus die Grenzziehung, der entlang über Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit entschieden wird. Die Kategorien, die diese Linie entlang einander gegenübergestellt werden, sind totale und unhintergehbare Setzung. Es gibt keine Verhandlung über diese Grenze hinweg. Damit wird Veränderung verunmöglicht. Alle Veränderung muß als Zerstörung aufgefaßt werden. Alles, was als grammatikalisches Subjekt nicht mit Jesus ersetzt werden kann, ist jene Gewalt, gegen die die Welt sich untertan zu machen ist. Die Bühnenbildnerin hat in diesem einen Satz der Frauenbewegung den Krieg erklären können, ohne es sagen zu müssen. Die Frauenbewegung wurde zur naturhaften Katastrophe, die alle hohen Werte gekostet hat. Die Frauenbewegung ist auch darin naturhafte Katastrophe wie etwa eine Überflutung oder ein Waldbrand, indem sie durch ihr Kommen den Raum des Werts besetzt hat. Der Gegner des Christlich-Katholischen muß immer in ein Territorium umgedacht werden, das es zu besetzen gilt. Das wird dann Mission genannt und speist den weiterhin aggressiven Arm der katholischen Weltkirche.</p>
<p>Hier. In unserer postkatholischen Kultur. Wir sehen, wie sich dieses Predigt-Österreichisch als Sprache der Macht in den Dienst der neoliberalen Umgestaltung der Spätmoderne stellt. Denn. Die Bühnenbildnerin lebt selbstverständlich das nette, fragmentierte Leben dieser Spätmoderne. Sie spricht kulturell katholisch, sie arbeitet selbstverständlich und gleichberechtigt ganz gegen dieses Sprechen, denn da müßte sie ja noch ihre eigene Ehe, die doch einmal etwas bedeutet hat, leben und eine künstlerische Arbeit steht diesem Ideal diametral entgegen. Die Frau der Ehe, die noch etwas bedeutet hat, die widmet sich dieser Ehe und stabilisiert dieses System. Das ist ihre Aufgabe. Dazu kommt. Und auch das halte ich für kulturell. Die Bühnenbildnerin hat Geld geerbt. Sie muß also nicht für ihr Leben sorgen. Sie kann in ihrem Leben dilettieren. Es wird nie jene Grenze erreicht werden, die die Bedrohung prekärer Arbeitsverhältnisse konstituiert. Und Künstlerinnen. Die leben da und ständig. Dieser Hintergrund illustriert nur die alte Koalition von Geld und Katholischem. In unserer Kultur war Geld immer eine kirchliche Tugend. In der spätmodernen Verfügbarkeit über alle diese Sinneinheiten verbirgt sich diese Koalition immer in neuen Konstellationen.</p>
<p>Aber. Diese Spaltung von Sprechen und Leben und Arbeiten ist die geltende Anordnung von Leben. Im Fall der Bühnenbildnerin läßt sich der Widerspruch leicht herausarbeiten. Eine solche Analyse muß aber auf alles Sprechen angewandt werden. Es muß aufgefunden werden, aus welchen Sprachen und den, durch sie gesprochenen Machtansprüchen, sich das Sprechen herleitet.</p>
<p>Das ist eine Aufgabe der Kunst. Der Künste. Den Weg in die Systeme voranzugehen. Expeditionen sind das, die aber nicht territorial gedacht werden dürfen. Es müssen Wege gefunden werden, die das räumliche Denken der Macht enthüllen, aber in diesem Nach-Denken schon eine nichträumliche Form der Betrachtung entwickeln und damit den Krieg nicht weiterführen, der in dem räumlichen Denken schon geführt worden ist.</p>
<p>Geführt worden ist.</p>
<p>Wir sind in diese Kriegsführung verstrickt. Wir sind in diese Kriegsführung verstrickt worden. Die neoliberalen Techniken des Umbaus des Gesellschaftlichen lassen keine andere Möglichkeit.  Unabhängigkeit ist ein Umstand des Materiellen.  Deshalb ist der Satz der Bühnenbildnerin auch nicht anders als die ewige Kriegserklärung der Reaktion zu interpretieren, weil sie ja die Möglichkeit hätte, aus einer materiellen Unabhängigkeit heraus, sich auch unabhängig zu verhalten. Das Geld nimmt die je zur Verfügung stehende Macht zur Symbiose. In unserer Kultur ist das das kulturell vermittelte Katholische, das ja dann zugleich auch das Österreichische ist in Ermangelung einer Nationenbeschreibung. Und statt diese Leerstelle als Freiraum zu benutzen, wird das Postkirchliche zur Stabilisierung eingesetzt. Stabilisiert wird heute die neoliberale Umverteilung „nach oben“.</p>
<p>Nun ist es eins, in Gesellschaft einem solchen Satz gegenüberzusitzen. Obwohl. Wir wissen, was das bedeutet. Wir müssen annehmen, daß in den weitesten Bereichen die Frau höchstens über die ökonomischen Überlegungen emanzipiert wurde. Daß also die Arbeitsteiligkeit von den 60er Jahren an die Benutzung der weiblichen Arbeitskraft benötigte und daß der Rückgang dieser intransitiven Emanzipation damit zu tun hat, daß der Anschub aus diesem Einbau dazu geführt hat, daß nun diese Arbeit weggedacht werden kann. Ich denke auch, daß wir uns darüber klar werden müssen, welcher Wert dieser Frauenarbeit gelassen wird und ob nicht dadurch, daß diese Emanzipation weitgehend intransitiv, also aufgetragen und nicht selbst erobert ist, der Beitrag einer Frau durch ihr Geschlecht entwertbar geblieben ist. Eine Entwertung ist das, die in dem Satz unserer Bühnenbildnerin in den Begriff Frauenbewegung aufgehoben in Mitwirkung gesetzt wird.</p>
<p>Damit sind wir auch schon beim Orchestralen unserer Lebensbedingungen. Dadurch, daß die Hegemonien selber die Entwertung der Norm vornehmen und dadurch den kritischen Bezug darauf verhindern. Dadurch, daß ein Leben als Kulturarbeiterin nicht mehr anders als prekär zu leben ist. Prekär leben heißt wiederum für sich selber die staatlichen Dinge persönlich zu regeln und als Unternehmerin im Selbst die Regierung zu vollziehen.  Prekär leben bedeutet also eine Verflechtung in die Macht. Prekär leben heißt die Unschuld der Machtlosigkeit durch erforderte Teilnahme zu verlieren. Gewonnen wird dadurch aber nur gerade wieder das Leben. Die Fragmentierung der Kulturarbeit in Projekte bedeutet nicht nur die Fragmentierung der Arbeit, sondern auch jeweils wechselnde Einbindungen in immer wieder andere Koalitionen und manchmal auch Komplizinnenschaften, die wiederum zurückführen in die Räume des Satzes der Bühnenbildnerin. Prozessuales Arbeiten wiederum läßt Erkenntnisse erst im Lauf der Arbeit erstehen und die kommen dann manchmal zu spät.</p>
<p>Und immer. Immer.</p>
<p>Eine Grundierung der Erfassung wird die unversöhnliche Linie von kulturell vermittelter metaphysischer Reaktion und dem Projekt der Aufklärung sein. Unsere Kunst sollte eigentlich längst nur der Kritik dieses Projekts gewidmet sein.</p>
<p>Aber. Wie aus dem Satz der Bühnenbildnerin geschlossen werden muß. Eine hegemoniale Sichtweise beruht darauf, die Vormoderne zu betreiben und in einer nostalgischen Wendung als die Zeit zu beschreiben, in der etwas richtiger gewesen war. Es ist das christliche Paradies, das immer schon gewesen ist und mit diesem Paradies wird der Gründungsmythos der Frau eingetragen. Die dann immer mitgedacht werden könnende Erschaffung der Frau aus diesem Rippchen des Manns. Der Sündenfall der neugierigen und geil zu denkenden Frau, der alles Übel in der Welt zu danken ist. Keine Aufklärung hat das in unserer Kultur je wirklich in Frage gestellt. Die Klosterschule war allen Schichten recht, der Frau diese Minderwertigkeit vor Augen zu führen. Und das muß nicht in täglichen Sadismen vorgeführt werden. Es genügt, die Unterscheidung in die Geschlechter, um auf dieser Ebene die Wertigkeiten zu beschreiben.</p>
<p>Das wiederum bedeutet, daß wir hier und heute immer auch noch mit einer ganz spezifischen Repräsentation beschäftigt werden, die auf dieser fundamentalistischen und universalistischen Sicht aufbauend mit genau dieser Repräsentation in den neoliberalen Diskurs eingreift.</p>
<p>Das neoliberale Streben färbt diese Fundamentalismen ironisch ein und kann so auf allen Ebenen dekonstruierend wirken. Der Effekt davon ist Verunsicherung und Angst auf der symbolischen Ebene. Auf der praktischen Ebene des prekären Lebens wird eine Einschränkung nach der anderen notwendig. Das nicht nur in Bezug auf die Lebenssicherung. Auch die Kunstarbeit muß in ironischen Griffen immer mehr Sinneinheiten unbearbeitet lassen, um überhaupt zur Erscheinung kommen zu können. Das Richtige kann immer nur das gerade Richtige sein. Die Arbeit der Kunstarbeitenden besteht in der Fassung eines eigenen und inneren Zusammenhangs, der den Werkbegriff ersetzend, eher in Farbtönen zu beschreiben ist und einer Wertung immer sofort entzogen bleibt. Go with the flow heißt das. Ernsthaftigkeit ist da eine Leistung, die das Leben kosten kann. Nie war es so schwer und so verzweifelt und einsam, Erkenntnis und Freiheit in eins zu bringen und dann auch noch ins Leben zu zerren.</p>
<p>Und natürlich. Angesichts der Riesigkeit dieses Unternehmens könnten wir den Satz der Bühnenbildnerin auch ganz einfach rechts liegen lassen. Die Frage ist dann aber, ob das, was von uns gesagt wird, eine Wirkung erzielen kann, mit der wir uns irgendwie einverstanden erklären können.</p>
<p>Die Spätmoderne läßt einen solchen Konflikt mit der Vormoderne ja recht lächerlich erscheinen. Das ist aber schon eine der Vorspiegelungen, die nur in diskursiven Innenräumen Bestand behalten. Wenn die Aufgabe der Kunst von Frauen die Kritik am Projekt der Aufklärung in der Form der Spätmoderne ist, weil dieses Projekt sich über den Ausschluß von Minderheiten definiert. Wenn die Kritikerin aus ihrer Kenntnis ihrer eigenen Situation der strukturellen Minderheit Frau die Konsequenzen für alle anderen Minderheiten mitbedenkt und mitkritisiert, dann muß es sicherlich darum gehen, darin verstanden zu werden. Um ein solches Verstehen herzustellen, wird gegen die vormoderne Nichtrepräsentation dieser Minderheiten in einer Wendung auch an der Repräsentation gearbeitet werden müssen. Immer ist auch noch die Sichtbarkeit und das Sehen Können der Minderheiten herzustellen. Das ist auch darin notwendig, eine Erinnerung an sich selbst zu konstruieren. Also das herzustellen, was die Macht an Minderheiten statuiert. Über die Nichtrepräsentation oder die Mißrepräsentation wird ja auch den Mitgliedern der Minderheit selbst die Geschichtslosigkeit aufgezwungen. Das bedeutet, als Mitglied einer Minderheit wird jeder Augenblick schon im Gelebt Werden dem Vergessen übergeben und eine Erinnerung an dieses Vergessen muß dann die eigene Geschichte konstruieren.</p>
<p>Diese Erinnerung ans Vergessen. Das kennt jede Frau. In dieser Erinnerung ist auch jede Frau die Verachtete. In dieser Erinnerung transportiert jede Frau die Verachtung durch die Macht und ist gezwungen, als ja auch Teil der Mehrheit, die Minderheit in sich zu verachten. Diese schwierige Innerlichkeit scheint mir eine Strategie zu sein, die Frauen dann untereinander auf sich richten.</p>
<p>Die Bühnenbildnerin hat es sich auch darin leicht gemacht.  Sie hat die Verachtung der Frauen in die Frauenbewegung gebündelt, von der sie im übrigen nichts weiß und darin das Sich Vergessen Müssen geradezu feiert. Indem sie die bösen oder schlimmer noch, die sexualisierten Frauen der Frauenbewegung für das Böse in der Welt verantwortlich macht, spaltet sie die bösen Frauen ab und bleibt für sich auf der guten Seite, die in der Ehe noch einen Wert sieht, weil sie sich da einem Mann unterwerfen kann.</p>
<p>Wir.  Ich. Queer-feministische kritische Kunstarbeit und deren Vermittlung. Denn. Alles, was sich dieser Kritik nicht verpflichtet fühlt, fällt in den Rahmen der Stabilisierung der Hegemonie. Das ist dann die Schaffung von scheinkritischen Selbsthilfegruppen der Eliten, die  wiederum in der neoliberalen Spätmoderne immer auch  ein wenig Kritik transportieren. In diesem Transport kann der weibliche Part aber dann auch von Männern erfüllt werden und kann durchaus die Erfüllung der Liebesarbeit sein. Getroffen habe ich einen solchen Zustand in unserer Kultur nicht. Im Gegenteil. Wir finden die Frauen in den bedrängten Situationen der Institutionen als Retterinnen, die fünfmal so viel arbeiten müssen, um an sich selbst mit den Sparprogrammen zu beginnen. Das ist notwendig. Das mag notwendig sein. Die Erfüllung solcher Anforderungen kommt aber aus den Möglichkeiten der Selbstverachtung und muß darin identifiziert werden. So festgestellt und benannt, kann diese Sinneinheit wiederum eingebaut werden. Das ist schmerzhaft. Die Feststellung, daß nicht die eigene Besonderheit oder Klugheit oder meinetwegen Schönheit dazu geführt hat, daß frau an eine bestimmte Stelle gelangt ist. Daß es die Bereitschaft war, diese Selbstverachtung und die daraus mögliche Selbstausbeutung zur Verfügung zu stellen und eine unmögliche Budgetsituation zu akzeptieren und das Unmögliche zu versuchen, eine Institution umzukrempeln und am Laufen zu halten. Dann ist das auch eine Stärke. Wenn diese Stärke wiederum zur Neoliberalisierung von Institutionen führt, dann sind wir wieder zurück auf Punkt Eins und müssen zur Kenntnis nehmen, daß die Handlungsspielräume sehr enge Gegenden geworden sind und ein Spiel nicht mehr möglich.</p>
<p>Für die Überwindung dieser Selbstverachtung, die kulturell so tief verankert ist, werden aber Spielräume gebraucht. Das wiederum heißt, daß eine Künstlerin in ihrer Arbeit die Repräsentation herstellen muß, um überhaupt den Gegenstand ihrer Kritik zur Erscheinung zu bringen. Sie muß in ihrer jeweiligen Sprache den Raum schaffen, dieses Spiel in Gang zu bringen, das das Sprechen in dieser Sprache ausprobiert und erobert. Sie muß sich gegen den Satz der Bühnenbildnerin auch als Person wappnen. Die Minderheit Intellektuelle/Künstlerin setzt in unserem Raum aggressive Reaktionen frei, die sich das Vergessen Machen dieser Arbeit zur Aufgabe machten. Vernichtung des Projekts der Aufklärung ist ein immer noch kulturell verankertes Ziel und wird gern an Frauen in der Öffentlichkeit vorgeführt. Kritikerinnen dieses Projekts fallen dann in eine doppelt notwendige Vernichtung und es wäre gut, sich der hierin vorhandenen Geschichte bewußt zu sein. Von Bachmann bis Jellinek ginge da ein Einführungskurs, wie die Frauengeschichte überhaupt selbstverständlicher Bestandteil jedes Bildungswegs sein sollte. Es ist abschreckend primitiv, die Formulierung „dann ist die Frauenbewegung gekommen“ zu hören und gleichzeitig wissen zu müssen, daß die Frauenbewegung als das So Andere da gemeint ist, daß es nicht einmal beschrieben werden muß.</p>
<p>Das ist auch ein Bildungsproblem, das von den Institutionen ernst genommen werden sollte und in Nachziehverfahren nachgereicht. Das wäre dann endlich zivilisiert. Und ich würde vorschlagen, in einem großen Projekt die Arbeit, die Sie hier in Graz ja ganz ohne Zweifel mit viel Erfolg bereits begonnen haben. Daß sie ein Projekt schaffen, in dem Sie sich aufeinander so beziehen, daß schon durch dieses Beziehen, die Verachtungsstrukturen nicht mehr erinnert werden können.</p>
<p>Achtungsvolle Zusammenarbeit an einem Projekt der Hebung auch der jüngsten Geschichte der Arbeit der Frauen in Kunst und Kultur hier. Es geht immer darum, das gelernte Vergessen. Das dringlich abgeforderte Training des Selbstvergessens. Und. In diesem selbst herzustellenden System eines Erinnerns daran, sich nicht erinnern zu sollen, wird nun noch eine ganz andere Anordnung von Geschlecht betrieben.</p>
<p>Es geht immer darum, das gelernte Vergessen aufzuheben und alle Formen von Umschreibungen dazu zu benutzen, zumindest die Sicht auf sich zu behalten. Das könnte frau Freiheit nennen. Vielleicht. Achtungsvolle Zusammenarbeit. Und bitte lassen Sie jetzt kein kitschiges Bild von Betulichkeiten aufsteigen. Achtung ist eine ziemlich harte Sache, die viel gibt, aber genauso viel verlangen muß. Also verlassen wir jetzt und hier gemeinsam die aufsteigenden Bilder einer Frauenbewegung, die so daher kommt und nach der Verwüstung der Werte wieder vergessen werden muß. Verschaffen wir uns die Wahrheiten. Und wie gesagt. Achtungsvoll einander gegenüber. In der Technik des Einfärbens, wie das die neoliberale Spätmoderne so macht. In der Technik des Einfärbens ließe sich dann ein neuer Farbton erfinden. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir diesen Ton dann benutzen, dann wird das ja auch zu Auswirkungen führen. Gelungen können wir das dann auch Ästhetik nennen.</p>
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		<title>13. Jänner 2010.</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Feb 2010 11:00:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung - Die Zeit danach]]></category>

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		<description><![CDATA[13.1.2010 Wir hatten recht, und wir machten es richtig. In der Rückschau. Das Jahr 2000 in der österreichischen Politik war der Beginn einer Verwandlung, in die wir gezwungen wurden. Diesem Zwang ganz einfach davonzugehen war die richtige Antwort. Und die einzige. Im Jahr 2000 wurden wir mithilfe der Effizienzideologie in eine postmaterialistische Welt eingewiesen, in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>13.1.2010</p>
<p>Wir hatten recht, und wir machten es richtig. In der Rückschau. Das Jahr 2000 in der österreichischen Politik war der Beginn einer Verwandlung, in die wir gezwungen wurden. Diesem Zwang ganz einfach davonzugehen war die richtige Antwort. Und die einzige.</p>
<p>Im Jahr 2000 wurden wir mithilfe der Effizienzideologie in eine postmaterialistische Welt eingewiesen, in der die Globalisierung und der Kapitalismus einander ergänzend die Hierarchien horizontal ausbreiten konnten. Seit 2000 müssen wir täglich lernen, dass allein der Zugang zu Ressourcen über die Möglichkeiten bestimmt. Demokratie kann daraus nicht geschaffen werden. Demokratie verkümmert bei dieser Art der Gliederung. Es wäre ja darum gegangen, die Hierarchien abzubauen und nicht nur im Raum zu drehen.</p>
<p>Der mit 2000 eröffnete öffentliche Marktplatz, der nicht demokratisch organisiert ist, sondern wieder nur über den Besitz von Ressourcen betretbar wurde. Dieser öffentliche Marktplatz stellt eine Mittelalterlichkeit in der Struktur nach und benutzt gleichzeitig metaphysische Motive zur Selbstdarstellung. So kamen die Burschenschaften wieder in ei- ne Selbstverständlichkeit. Gewalt wurde wieder männliche Domäne und gleichzeitig entstaatlicht. Christlicher Glaube bietet sich als Coaching-Instrument an. Der Kardinal sagt, daß die Kirche eine Tankstelle der Seele sei. Und während wir alle auf Haider starrten, übernahm Raiffeisen die Nachfolgestaaten des Warschauer Pakts, die schon in der Monarchie zu Wien gehörten, und die Außenpolitik unterstützte deren Eintritt in die EU. Globalisierung ging plötzlich von Österreich aus. Bündepolitik. Verwirtschaftlichung der Bildung. Zwangseingemeindung der „freien Geister“ in die Kammer der gewerblichen Wirtschaft. Der Terror der Bürokratie als tägliches Erlebnis.</p>
<p>Da fällt es einer nicht schwer, sich das Treiben auf einem mittelalterlichen Marktplatz vorzustellen. Mit den Monopolen der Zünfte. Mit all den Steuern der verschiedenen Bünde. Mit den Wegelagerern, die sich den Rest holen wollen. Und am Ende steht dann unsereine selber da und muß betteln.</p>
<p>Allein dafür war es gut, diese Stadt Wien auf allen Straßen zu begehen. Wir haben einander kennengelernt. Wir wissen heute, daß es damals viele waren, und wir können erwarten, daß wir einander wieder treffen. Wir haben einander geachtet. Beim Gehen. Wir haben sogar mit der Polizei ein Auskommen gefunden und damit dem staatlichen Gewaltmonopol unsere Reverenz erwiesen und uns an die demokratischen Spielregeln für die Gewalt gehalten. Wir wissen, daß wir sehr Verschiedene sind.</p>
<p>Heute. Wir sind alle andere geworden. Wir mußten andere werden. Wir werden uns aber miteinander immer auf diese luftige Freiheit der Bewegung einigen können, wenn der Wandertag beim Volksgarten hinten auf den Ring einbiegt.</p>
<p>Wenn die Politik und die Hochkultur die Selbsthilfegruppen der Eliten sind. Dann waren die Donnerstagswandertage die Selbsthilfemaßnahme der Anti-Eliten. Immerhin wissen nun alle, daß es diese Personen auch gibt. Irgendwann wird sich das dann sogar bezahlt machen. Schauen wir halt. ■</p>
<p>Erschienen am 23.1.2010 in Die Presse</p>
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		<title>Sätze. Leicht hingesagt. Öffentlich.</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Feb 2010 11:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung - Die Zeit danach]]></category>

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		<description><![CDATA[20.5.2003 Wie das so geht. Die Trennung von Politik und Ethik. „&#8230;.Ich sagte, die Volkspartei muß eine laute Stimme gegen Gewalt und Radikalisierung, Radikalismus, Extremismus in der Welt sein. Und wir haben in der Bewahrung der Kinderrechte, in den Strafbestimmungen auch international, Internetmißbrauch, all diese grauenhaften Dinge, die Kindern heute angetan werden, nur um die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>20.5.2003</p>
<p>Wie das so geht. Die Trennung von Politik und Ethik.</p>
<p>„&#8230;.Ich sagte, die Volkspartei muß eine laute Stimme gegen Gewalt und Radikalisierung, Radikalismus, Extremismus in der Welt sein. Und wir haben in der Bewahrung der Kinderrechte, in den Strafbestimmungen auch international, Internetmißbrauch, all diese grauenhaften Dinge, die Kindern heute angetan werden, nur um die Lüste von einigen Erwachsenen befriedigen zu wollen&#8230;..“</p>
<p>So steht das auf Seite 7 von 15 der Parteitagsrede von Wolfgang Schüssel.</p>
<p>Wenn frau im Internet den Suchbegriff „Schüssel“ eingibt, dann bekommt frau zuerst ein Foto zu sehen. Wolfgang Schüssel spricht mit einer Frau. Er steht mit dem Rücken zur Kamera. Schräg seitlich. Die Frau steht ihm gegenüber. Sie schaut ihn an. Schaut ihm in die Augen. Sie trägt ein Oberteil mit Spaghettiträgern. Ihre helle Haut zieht den Blick auf sich. Nach den Vorschriften am Hof von Maria Theresia hätte ihr Ausschnitt zwar nur als kleine Decolletee gegolten. Aber der Gegensatz ist deutlich. Der Mann im Anzug. Gekleidet. Von der Frau die Haut. Entkleidet. Man nimmt die Dynamik aus einem solchen Gegensatz durchaus mit. Ein Mann spricht mit einer Frau und die Rollen sind in der Kleidung schon abzulesen.</p>
<p>Auf dieser Seite der ÖVP homepage gibt es dann noch weitere Fotos zum Herunterladen. Aber gleich unter dem schon angebotenen Foto wird frau eingeladen, die Parteitagsrede von Wolfgang Schüssel anzuklicken. Frau kann diese Rede hören. In der vollen Länge. Ca. eineinhalb Stunden. Oder lesen. Im vollen Wortlaut. Frau klickt diesen Text an und druckt aus. 15 Seiten sind das. Es ist viel applaudiert worden, um diese 15 Seiten auf eineinhalb Stunden auszudehnen.</p>
<p>„Ich sagte, die Volkspartei muß eine laute Stimme gegen Gewalt und Radikalisierung, Radikalismus. Extremismus in der Welt sein.“</p>
<p>Immer muß bei diesem Zitieren die Stimme des Redners mitgedacht werden. Die Stimme des Redners sagt also, „Ich sagte,&#8230;“ und daß die Volkspartei eine laute Stimme in der Welt sein muß. Die Stimme des Redners verlangt von der Partei eine Stimme zu sein. Die Stimme des Redners fordert die „laute Stimme“.</p>
<p>Bis dahin hat der Redner die ÖVP eine Stimme für die Familie sein lassen. Eine Stimme für Kinder. Eine Stimme für einen starken Staat. Eine starke Stimme für den Mittelstand. Eine Stimme für den sozialen Zusammenhalt. Eine starke Stimme für Natur und Heimat. Eine starke Stimme für Steuerzahler. Die Stimme für den sozialen Zusammenhalt, für das Ganze, die will der Redner wieder selber sein.</p>
<p>Die ÖVP ist also Stimme und spricht in vielen Stimmen. Im Zitat aus der Schriftfassung der Rede ist die Stimme schon die Forderung. Wie in allen anderen Stimmformen auch, ist die Stimme schon das politische Programm. „Ich sagte, die Volkspartei muß eine laute Stimme gegen Gewalt und Radikalisierung, Radikalismus, Extremismus in der Welt sein.“ Es wird nicht gesagt, was die Stimme da so stark sagen soll. Das wird den Stimmen nie gesagt. Die Stimme soll nur erhoben werden. Die Stimmen sollen nur tönen. Im Fall der Gewalt in Stärke. Und dagegen. Gegen Gewalt und Radikalisierung. Aber wie sie da erhoben werden soll. Und mit welchen Argumenten. Was da gerufen werden kann. Das bleibt offen. Die Stimme. Die Stimmen sie sind nur sie selbst. Der Inhalt bleibt zu Disposition. Die Stimmen werden als Instrumente bereitgestellt. Mehr wird nicht preisgegeben.</p>
<p>Gewalt und Radikalisierung sind die Gegner. Gegen Gewalt und Radikalisierung wird die Volkspartei eine starke Stimme sein. Welche Gewalt. Welche Radikalisierung. Welcher Radikalismus. Welcher Extremismus. Von welchem Standpunkt aus. In welche Richtung gedacht. Mit diesen allgemeinsten Bezeichnungen stellt der Redner Gewalt und Radikalisierung zuerst einmal her. Gewalt und Radikalismus existieren hier grammatikalisch nur dazu, die Stimme dagegen sein zu können. Gewalt und Radikalisierung werden so zur Existenzbedingung der Volkspartei. Gewalt und Radikalisierung, Radikalismus, Extremismus. Das ist grammatikalische Gegnerschaft in einem dunkel gewalttätigen Bedeutungspanorama. Es handelt sich um die Gewalt. Die Radikalisierung. Die Gegnerschaft des Bösen in den Sonntagspredigten kann einem oder einer da einfallen. Und die quälende Frage, wo dieses Böse sich aufhalte. Ob es etwa schon Besitz genommen habe von der eigenen Seele. Auch das Böse der Predigtkultur der 50er und 60er Jahre lauerte so absolut überall. Damals war nur die Flucht unter den Schutzmantel de katholischen Kirche möglich. Nur das Unterkriechen konnte retten. Nur die totale Befolgung der Regeln konnte schützen. Und gleichzeitig gab es die gesellschaftliche Abmachung, daß das alles nicht so ernst zu nehmen sei. Erwachsen werden hieß, diese Abmachung zur Doppelmoral zu begreifen und zu befolgen. Und so hatte das Böse in der Kirche mit nichts in der Realität zu tun. Durfte das auch nicht. Wie hätte diese Gesellschaft sonst funktioniert, hätte sie das Gesagte in die Wirklichkeit entworfen und sich danach gerichtet. Das Böse in der Kirche war so gesehen reine Konstruktion. Und genauso konstruiert die Stimme, die gegen Gewalt und Radikalisierung laut sein muß, diese Gewalt und Radikalisierung, um existieren zu können. Wie die Kirche dieses allgemeine Böse, um in der Predigt auftreten zu können. Gewalt und Radikalisierung müssen herbeizitiert werden. Gewalt und Radikalisierung werden so herbeigeschrieen. Mit der lauten Stimme.</p>
<p>Und diese laute Stimme, die die Existenz dieser Gewalt und dieser Radikalisierung bedingt, die wiederum verweist auf alle die anderen Stimmen, die so gerne erhoben werden. Da waren die Stimmen des Volkes und des Blutes und der Heimat. Die Stimme des Herrn. Die Stimme der Vernunft. Und allen diesen Stimmen ist gemeinsam, daß die Lauterzeugung für den Inhalt steht. Anstelle des Textes steht die Verlautlichung des Texts. Die rhetorische Form ersetzt den Inhalt. Immer sind diese Stimmen mit Mächtigkeit verbunden. Die Stimme soll ja über-reden. Nieder reden. Die Stimme soll ja laut sein. Stark. Gewalt und Radikalisierung sollen unter dieser Stimme verschwinden. Oder hinter dieser lauten Stimme. Oder in der Stimme untergehen. Gewalt und Radikalität sollen mit der Stimme überwältigt werden. Der Sieg der himmlischen Heerscharen über das Böse. Ein solcher Sieg wäre das Mindeste.</p>
<p>Wohl bekamen „Gewalt und Radikalisierung, Radikalismus, Extremismus“ einen Ort. Aber diese Gewalt und Radikalisierung. So wie sie kein bestimmtes Erscheinungsbild besitzen. So wie sie keine sie bestimmende Zuweisung von Eigenschaften bekommen haben. So bleibt auch der Ort offen. Gewalt und Radikalisierung, Radikalismus, Extremismus, sie sind in der Welt. Sie sind also diesseitige Gewalt und Radikalisierung. Die laute Stimme muß dann aber auch in der ganzen Welt zu hören sein. Das klingt umfassend. Das klingt alles einschließend. Das klingt tröstlich. Die rhetorische Figur ist schon der Trost. Die rhetorische Figur ist Ort des Trosts in der Verdrängung der Gewalt und Radikalisierung durch die laute Stimme, die dagegen sein wird. Das ungenaue Allgemeine ist Kalkül. Genaue Beschreibungen. Präzise Absichten. Begründungen. Politisches Programm also. Das könnte diesen Trost nicht spenden. In dieser Genauigkeit. In der Verschwommenheit dieser Ritter Georg gegen den Drachen Sätze liegen die notwendigen Wirkungen. Die Ankündigung von Stärke und die Schutzversprechen, die davon abgeleitet werden können. Und die Möglichkeit mit dem Gefühl des Trosts und der Sicherheit auch gleich die Realität wieder verdrängen zu können. Wie damals in der Kirche. Das Böse wurde rhetorisch herbeizitiert, die Rettung davon angeboten und in der Rettung war die Amnesie schon eingebaut. Niemand mußte sich in der Kirche an seinen Alltag erinnern und die Verfehlungen nachrechnen. Und die so Geretteten waren ein Chor der Erwählten. Der Chor der Erwählten konnte mit reiner Stimme singen. Das Böse war ja in der Rettung besiegt worden und konnte vergessen werden. Mußte vergessen werden. Das Vergessen war Gebot, um wieder das Kind Jesu und reinen Herzens zu sein.</p>
<p>Das war damals Entpolitisierung. Das war damals gezielte Entpolitisierung. Das war jene Entpolitisierung, die uns heute als der besondere österreichische Weg verkauft wird. Gesellschaftliche Amnesie. Das war immer die Herstellung einer geschlossenen Binnensituation. Das war immer die Herstellung eines Innen der Kirche, das das Außen verstieß. Und so funktioniert das Bild von der lauten Stimme auch bei einem Parteitag der ÖVP noch. Diese laute Stimme. Die wird das erledigen. Wie die Kirche das mit dem Bösen erledigt hat, wenn man sich nur ihr überließ. Und so überläßt sich der Kampf gegen Gewalt und Radikalisierung, Radikalismus, Extremismus der lauten Stimme, die von der Stimme des Redners erhoben wird.</p>
<p>Diese laute Stimme gegen Gewalt. Diese Stimme kann auch nichts anderes. Der Redner stattet sie nicht mit einem Gesicht aus, wie die anderen Stimmen. Alle anderen Stimmen erhalten nämlich ein Gesicht. Die jeweilige Spitzenfunktionäre und Spitzenfunktionärinnen werden der „Stimme Volkspartei“ zugewiesen. Die Gesichter werden zu Organen dieser Stimme. Sprachrohre. Gegen Gewalt und Radikalismus wird die Stimme nicht in ein Gesicht konkretisiert. Es gibt da kein menschliches Korrelat zur allgemeinsten Verkündigung. Damit können Extremismen wie opus dei oder die FPÖ sicher sein, daß die Stimme im Allgemeinen verhallen wird.</p>
<p>Die FPÖ. Die muß ohnehin immer mitgedacht werden. Bei dieser Rede. Die Stimmen, die da erhoben werden. Die erhalten in keinem Fall einen konkreten Text. Nur die allerallgemeinsten Floskeln werden diesen Stimmen zugestanden. Wie eben gegen Gewalt. Und in diesem Gesang über die Stimmen vereint, sitzen die Guten im Saal. Sie können sich in diesem Gesang entschuldet wissen. Der Politik entschuldet. Sie werden umfassend gut sein. Dann draußen. Das Allgemeine vertritt den alten kirchlichen Allanspruch der Welt gegenüber. Dieses Allgemeine ist die erlösende Grundformel. Und jetzt sitzen sie drinnen und sind die Guten. Und die FPÖ. Die erledigt alles andere. Damit muß die ÖVP sich jetzt einmal nicht belasten. Und später kommt dann der Alltag. Der politische Alltag und da wird man handeln. Da wird man schon handeln. Jetzt einmal wollen alle sich die frommen Kinder fühlen.</p>
<p>Aber die Erde geht weiter. Der Redner hebt die Stimme und sagt: „Und wir haben in der Bewahrung der Kinderrechte, in den Strafbestimmungen auch international, Internetmißbrauch, all diese grauenhaften Dinge, die Kindern heute angetan werden, nur um die Lüste von einigen Erwachsenen befriedigen zu wollen.“ Und dann Applaus.</p>
<p>„Und wir haben in der Bewahrung der Kinderrechte,&#8230;“ und „all diese grauenhaften Dinge&#8230;“. Das „wir“ hat das Objekt „all diese grauenhaften Dinge, die Kindern heute angetan werden&#8230;“. Ein Prädikat gibt es nicht. Das Prädikat fehlt. So, wie die Stimme nur laut sein mußte gegen Gewalt und Radikalisierung, also eine Eigenschaft an den Tag legen mußte und keine Handlung zugewiesen bekam. So bleibt die Bewahrung der Kinderrechte ein Zustand der Kinderrechte. Es erfolgt aber keine Auskunft, was durch diese Bewahrung erreicht worden ist. Erreicht werden sollte. Was mit dieser Bewahrung überhaupt geschehen soll oder sollte. Wobei die Bewahrung von Rechten darauf schließen läßt, daß es diese Rechte schon immer gibt und daß sie eben bewahrt werden, und nicht, daß die Jugendgerichtsbarkeit abgeschafft und der Diskurs über die Rechte von Kindern und Jugendlichen gar nicht geführt worden ist.</p>
<p>In der Stimme des Redners sind die Kinderrechte also in der Bewahrung. Wie diese Kinderrechte aussehen. Wie schon bei Gewalt und Radikalisierung und wie bei allen anderen Stichworten. Der Begriff bleibt in seiner Allgemeinstheit schwebend. Wie bei Gewalt und Radikalisierung und bei allen anderen Stichworten verweist das Zeichen nicht auf ein Bezeichnetes. Losgelöst von Beschriebenem wird mit einer solchen Trennung von Zeichen und Bezeichneten politisches Träumen möglich. Wie das religiöse Tagträumen in der Kirche. „Wir müssen das Böse in uns bekämpfen.“ „Ja“, nickte das brave Mädchen und war in eine vage Vorstellung versetzt, die immer auch heroisch gemeint war. Es ging nie darum, einen wirklichen Alltag auf dieses Böse zu befragen. Es ging immer um ein großes Böses, das den Laien klein erscheinen ließ und dazu zwang, die Arbeit gegen das Böse dem Priester zu überlassen. Nur ein Abglanz von dessen Heroik war zu erhaschen. In der Entfernung von Laie und heiligem Mann, der ja der Welt abgeschworen hatte und in Askese mehr wußte, als die den irdischen Gelüsten ausgelieferten Kirchgänger. Die Kinderrechte sind in der Bewahrung des Redners und der Partei. Die Spitzenpolitiker sind dem Parteivolk ähnlich weit entfernt, wie der Priester vom Laien. Auch der Spitzenpolitiker muß durch Anfechtungen und Qualen gehen. Der Redner erwähnt das am Anfang. Niemand wüßte, was da auszuhalten gewesen wäre, in den letzten 3 Jahren. Welcher Druck von innen und außen. Durch diese Erfahrungen über die anderen erhoben. Herausgehoben. Herausgehoben auch, weil der Redner es mit der FPÖ halten mußte. „Drei Jahre schwierigste Zeit in der Koalition mit den Freiheitlichen.“ In den politischen Predigtträumen erhebt das alle im Saal mit dem Redner. Auf jeden Fall erhebt das über die FPÖ. Die FPÖ ist einmal mehr das Andere. Das Draußen, gegen das man sich gut fühlen will. Gut fühlt. Die FPÖ als Koalitionspartner läßt solch Politphantasieren das Eigene ins Edelste steigern. Richtig gut und richtig wird da alles, auf der Folie dieses Partners.</p>
<p>Die Kinderrechte. Sie werden „in den Strafbestimmungen auch international“. Die Kinderrechte werden wohl auch da bewahrt werden. Aber Strafbestimmungen können keine subjektiven Rechte formulieren. Im Familienrecht, da finden sich einige Kinderrechtsbestimmungen, aber eine Rechtsformulierung der besonderen Situation des Kindes und der Stellung des Kindes in unserer Gesellschaft. Die gibt es so gar nicht. Oder ist es der § &#8230;  , der hier in Bewahrung ist. „Internetmißbrauch“ wird hinzugefügt. Die Sinneinheiten „Bewahrung der Kinderrechte“, „Strafbestimmungen, auch international“ und „Internetmißbrauch“ werden aneinandergereiht. Ein düsteres Szenario der Bedrohung des Kindes wird skizziert. Verletzlichkeit. Gefährdung. Die kindliche Unschuld. Sie ist in Gefahr. Und daran schließt die Phrase, „all diese grauenhaften Dinge, die Kindern heute angetan werden, nur um die Lüste von einigen Erwachsenen befriedigen zu wollen.“</p>
<p>„All diese grauenhaften Dinge, die Kindern heute angetan werden,..“ Wieder soll kein konkretes Bild entstehen. Weil niemand sich wirklich etwas Genaueres unter Internetmißbrauch vorstellen kann, außer er oder sie betreibt ihn selber, kann die Bezeichnung verwendet werden. Das Bezeichnete ist hinlänglich obskur. Würde zum Beispiel gesagt, daß es um das Herunterladen von Kinderpornos geht. Von Fotos oder von Videos von Mißbrauch von Kindern. Dann würde der Saal in eine antwortende Reaktion gezwungen und eine Aktion könnte sich aus dieser Reaktion herauslösen. Es geht aber bei einer Parteitagsrede darum, die Anwesenden zu keiner anderen Emotion zu führen, als zu geschlossener Begeisterung. Ein gemeinsames Sich Hochfühlen ist das Ziel. In der Kirche war das die Rührung und das Entsetzen über die Existenz des Bösen und die Dankbarkeit, daß die Kirche einen von dem Kampf dagegen entlastete. Beim Parteitag darf es säkularer zugehen. Es ist ja des Kaisers, was des Kaisers ist. Da darf es fröhlicher sein. Der Redner beschreibt das am Ende seiner Rede, „Als ich 95 am Parteitag gewählt wurde, habe ich mir angeschaut, waren viele alte Gesichter, langjährige graue, müde, bitter gewordene. Schaut euch heute um, wir haben eine tolle Mischung, Jung und Alt, Mann und Frau und fröhliche Gesichter. Ich habe damals gesagt „If you can’t smile, don’t open the shop“- chinesisches Sprichwort.“</p>
<p>Eine Konkretisierung des Begriffs „Internetmißbrauch“. Das würde das Hochgefühl und das gemeinsame daran in jeweils Einzelbilder der Zuhörer und Zuhörerinnen zerbrechen lassen. Der Zusammenhalt im Saal wäre aufgelöst. Und so wird einmal der genaue Begriff eingesetzt, weil er ungenau genug ist. „Internetmißbrauch“. Der Kindesmißbrauch dagegen. Der muß in 3 Gliedsätze verteilt werden. „All diese grauenhaften Dinge“. Die Wirklichkeit wird hinter die Bewertung verschoben. Viktorianische Vermeidungshaltung ist das. Emotionalisierung. Die konkrete Tat wird zu grauenhaften Dingen. Die konkrete Tat wird zu grauenhaften Dingen, die angetan werden. Der Täter verschwindet vollends hinter den grauenhaften Dingen, die angetan werden. Es sind ja nur Dinge, die angetan werden. Es sind keine Taten von Tätern, die Kinder in Opfer verwandeln. Es sind Dinge, die angetan werden. Und sie werden „heute“ angetan. Kindesmißbrauch wird entgeschichtlicht. In diesem „heute“ wird der Diskurs der letzten 30 Jahre weggewischt. In diesem „heute“ wird Geschichte vernichtet. Es wird der Kindesmißbrauch zu einem modernen Phänomen stilisiert. Das nostalgische Gestern wird durch das „heute“ gerettet. Die Welt, die nostalgisch gedacht werden muß, um die Ermächtigung der Volkspartei in der Zukunft zu gewährleisten. Die wird in diesem „heute“ geschützt. Und damit die nostalgisch begründete Ermächtigung der Volkspartei aus ihrer Konservativität. Neumodisch ist das. Der Kindsmißbrauch. Grauenhaft, aber nur heute.</p>
<p>Und getan wird das, „nur um die Lüste von einigen Erwachsenen befriedigen zu wollen,..“. Die grauenhaften Dinge, die werden angetan, um befriedigen zu wollen. Und da wieder nur einige Erwachsene. Aber es sind die Lüste, die Täter sind. Die Lüste wollen sich befriedigen lassen und dazu werden diese grauenhaften Dinge den Kindern angetan. Diese Lüste sind durch das heute ebenfalls einer Geschichtlichkeit entzogen. Eine Zeitlichkeit ist eingetragen, die auf eine Begrenzung des Phänomens schließen läßt. Und es sind nur einige Erwachsene. Das Phänomen wird so zeitlich und mengenmäßig begrenzt. Wieder werden der Hörer und die Hörerin geschont. Das Böse wird so beschrieben, daß es niemanden betreffen kann. Betreffen soll. Und in dieser Schonung nimmt der Redner sich die Kompetenz zu handeln. Aber auch dieses Handeln bleibt offen. Eine Form von katholischer Abstraktion wird hier eingeführt. Der Redner lastet sich im Reden die Übernahme der Lasten auf. Er entlastet die Hörenden, indem er in der Ungenauigkeit diese Schonung walten läßt. Dafür erhält er die Macht. Und er erhält die Macht in der gleichen Ungenauigkeit. Die Hörenden verlangen keine genauen Erklärungen von ihm. Keine Absichten. So, wie er sie geschont hat, so schonen sie ihn.</p>
<p>Die Reihe der Gliedsätze über die Kinder und ihre Gefährdung und die Begrenzung dieser Gefährdung in ein diffuses heute und durch die Lüste weniger Erwachsener. Diese Formulierung. Die erlaubt auch noch eine andere Lesart. Gerade in diesem heute und dem Bezug auf die Lüste, der vom Täter so vollkommen ablenkt. Gerade in dieser Wahl der Formulierung könnte auch der Hinweis gelesen werden, daß der Diskurs um den Kindsmißbrauch begrenzt zu denken ist. Daß dieser Diskurs vorbei ist und daß die Personengruppen, die diesen Diskurs als gesellschaftliches Problem definierten. Daß diese Wortmeldungen nicht mehr gültig sind. Von solcher Gesellschaftsbeschreibung ist man befreit. Täter im Privaten. Die gibt es nicht. In der Sehnsucht nach dem Athen der Antike, die der Redner zur Sprache bringt. In dieser Sehnsucht könnte auch die Sehnsucht nach den privaten Machtverhältnissen der sentimentalen Familie gelesen werden. Das Bild auf der homepage unterstützt diese Lesart. Und dann wäre es ja auch vielleicht leichter, „Den Mut zum Kind“ wieder an den Tag zu legen, den der Redner immer wieder fordert. Der Redner will keine Kinder, er will „den Mut zum Kind“. Auch hier wieder ein Entzug von Wirklichkeit in der Beschreibung von politischen Absichten. Ausweichen in Verkündigung. Es muß ja nur die Stimme laut sein und ein Morgen verkünden im Gegensatz zum heute eines solchen Satzes. Und tätärätää. Alles ist gut.</p>
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		<title>Warum ich nicht mehr einschalten werde. Beim philosophischen Quartett.</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Feb 2010 11:00:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung - Die Zeit danach]]></category>

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		<description><![CDATA[24.1.2002 Ein bißchen hat es mich an diese talk show erinnert. Vor nun fast genau 2 Jahren. Als Böhme und Giordano und andere ehrwürdige Oldies Jörg Haider hierher kommen ließen. Nach Berlin. Und ihn vorführen wollten. Und es dann ganz anders kam. Damals redeten nachher alle davon, wie Jörg Haider als Sieger ausstieg. Diesmal ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>24.1.2002</p>
<p>Ein bißchen hat es mich an diese talk show erinnert. Vor nun fast genau 2 Jahren. Als Böhme und Giordano und andere ehrwürdige Oldies Jörg Haider hierher kommen ließen. Nach Berlin. Und ihn vorführen wollten. Und es dann ganz anders kam. Damals redeten nachher alle davon, wie Jörg Haider als Sieger ausstieg. Diesmal ist es Reinhold Messner, über den so geredet wird.</p>
<p>Reinhold Messner. Durchaus ein weltanschaulicher Cousin von Jörg Haider. Der habe sich noch am klarsten geäußert. Der habe sich klar durchgesetzt. Gegen die Philosophen im philosophischen Quartett.</p>
<p>Das ist nicht verwunderlich. Im Ringen um gnostische Formulierungen sind handfeste Berichte aus der Männerunmittelbarkeit allemal das Griffigste. Bei Haider war das die entleerte Sprache populistischer Metaphernklitterung. Bei Messner ist das der Späher-Bericht von Jenseits der Grenze. Angebote an Überwindungsphantasien sind das. Verlockungen in das Sprechen von der Schlacht.</p>
<p>Das ist nicht verwunderlich in einem Land, das Krieg führt ohne das zu merken. Ohne das merken zu müssen. Beim Cocktail erklärt mir eine bekannte deutsche Autorin, der Krieg in Afghanistan müsse geführt werden. Sie wolle sich nicht wehrlos fühlen müssen. Wir stehen da. Mit Punsch vom Ka-de-We. Und petit fours von Le Notre. Und diese Frau ist für die Bomben auf Afghanistan, damit sie den Punsch ohne das Gefühl von Wehrlosigkeit trinken kann.</p>
<p>Eine  Wehrlosigkeit, die Krieg braucht, die muß zu Sprache kommen. Die muß den Krieg in Sprache entwerfen. Folgerichtig bemüht sich ein philosophisches Quartett in einer solchen Zeit um Metaphysik. Spricht von Gott. Holt sich einen Mann vom Berg, der sich selbst als Metapher anbietet. Der als Metapher sein Geld verdient. Als Metapher für unbeschädigte Männlichkeit.</p>
<p>Und es ist nicht verwunderlich, daß diese Metapher dann besser darzustellen ist. Es geht hier um Unterhaltungstext. Talk show. Männer, die  für etwas Außersprachliches stehen. Die als Metapher dieses Außersprachlichen auftreten, die kommen da besser. Sportler. Schauspieler. Politiker.  Da ist die Metapher immer nur die Leseanleitung für den Zuseher. Im Träger der Metapher können sich alle Wünsche des Zusehers bündeln. So sieht Führerideologie auf den Unterhaltungstext umgeschrieben aus. Auch nur noch Unterhaltungstext.</p>
<p>Aber.  Mit der Bezeichnung „philosophisches“ vor dem „Quartett“ werden alle angesprochenen Sinneinheiten auf die Ebene von hoher Sprache gehoben. Als hätte es die letzten 80  Jahre philosophischer Kritik der Macht und ihrer Sprachen nicht gegeben, wird vollkommen naiv hoher Text behauptet. Gott. Die Angst. Die Wehrlosigkeit. Grenzerfahrungen. Überschreitungen. Und die Ermächtigungen, die sich daraus konstruieren lassen. Das ist der ewige patriarchale Text der Religion.</p>
<p>Aber es ist zu sehen. Mit dem Blick der Kamera über ein solches Gespräch, ist es zu sehen. Mit der Kamera wird die Bemühung um Unmittelbarkeit sichtbar. Belauschbar. Wird zur life show. Dann vielleicht doch besser ein Schispringen. Oder ein 100 Meterlauf.</p>
<p>Diese 4 Männer, die sich vor der Kamera räkeln. Sie dürfen sich mit der Sprache räkeln. Sie müssen sich nicht ausziehen, wie die Susannas 2 oder 3 Kanäle weiter. Da haben diese Männer die strukturelle Gewalt auf ihrer Seite. Aber mehr ist es dann auch nicht. Die Sprache für die Verdinglichung, die 2 oder 3 Kanäle exemplarisch vorgeführt wird. Auch nur die andere Seite davon.</p>
<p>Ich dachte, es ginge darum, das zu überwinden. Aber. Eine Gesellschaft, die Krieg führt. In der herrscht Krieg. Da wird der Begriff Philosophie dem Fundametalismus preisgegeben.</p>
<p>Erschienen in DU, Januar 2002</p>
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		<title>Da darf man sich nicht wundern.</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Feb 2010 11:00:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung - Die Zeit danach]]></category>

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		<description><![CDATA[1.8.2001 Verachtung ist der erste Schritt der Ausschließung. Achtung. Das ist Rücksicht, Wertschätzung, Anerkennung. Achtung. Das muß in Österreich durch aktive Teilnahme an der Gesellschaft verdient werden. Bei uns erwirbt sich Achtung mit Anpassung. Aktive Anpassung muß das sein. Die österreichische Person muß ihren Willen zur Teilnahme nachweisen. Weil es aber nun nichts Österreichisches gibt. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>1.8.2001</p>
<p>Verachtung ist der erste Schritt der Ausschließung. Achtung. Das ist Rücksicht, Wertschätzung, Anerkennung. Achtung. Das muß in Österreich durch aktive Teilnahme an der Gesellschaft verdient werden. Bei uns erwirbt sich Achtung mit Anpassung. Aktive Anpassung muß das sein. Die österreichische Person muß ihren Willen zur Teilnahme nachweisen. Weil es aber nun nichts Österreichisches gibt. Österreich als Nationalstaat hat es ja nie gegeben. Die mühseligen Versuche des Austrofaschismus, Beamte in Tracht zu stecken und damit richtige Österreicher aus ihnen zu machen. Das sind ja da nur die herzigeren Beispiele. Weil es also nichts Österreichisches vor 1918 gibt, muß die Geschichte danach stilbildend herhalten. Man und frau kann also das faschistisch-nationalsozialistisch belastete Dirndl anziehen. Trachten. Das wird als Bemühung zur Teilnahme positiv ausgelegt werden. Man und frau in Österreich kann gegen Fremde sein. Gegen Juden. Und das wird als Teilnahme an der Gesellschaft zu buche schlagen. Also. Gegen die Osterweiterung wegen der Fremdarbeiter zu sein, ist ein Ausdruck von Österreichbewußtsein. Das ist gar nicht gegen Personen gerichtet gemeint. Das ist der oft verzweifelte Versuch, an etwas teilzunehmen, was es gar nicht gibt. Nämlich an einer österreichischen Gesellschaft. Aber. Auch diese Form der Achtung ist, aus der österreichischen Geschichte bezogen, faschistisch-nationalsozialistisch belastet. Wir sind alle wissentlich und unwissentlich durch das Vorhandensein dieser kurzen österreichischen Geschichte in Sadismus trainiert. Das Geschichtliche an der Verachtung und ihren Folgen ist jedem und jeder bekannt. Allein die Erzählung davon löst sadistische Phantasien aus. Muß sie auslösen. Wir alle sind der Knabe bei Freud, der der Züchtigung des Klassenkameraden zusehen muß und der sich sein Entkommen dieser Züchtigung mit einer Identifikation mit dem Züchtiger sichert. Wenn also heute gefragt wird, ob endlich ein Schlußstrich unter die Nazizeit gezogen werden kann, so ist die Antwort, ob endlich über die Nazizeit geredet werden kann. Und nicht in einer steten Folge von Wiederholungen in Bildern die Folgen auf die Personen wiederholt und konserviert werden. Aber weil das alles so war und ist, ist Verachtung in dieser Gesellschaft die andere Möglichkeit. Wer nicht in der Achtung ist, wird ausgeschlossen. Ein Unbehelligtes Dasein gibt es in unserer Gesellschaft nicht. Darin liegt schon einmal die eine Hälfte eines Polizeistaats vor. Es gibt nicht die geringste Toleranz für andere Lebensformen. Andere Entscheidungen. Anderes muß aus dieser ererbtgelernten Verachtung heraus verfolgt werden. Vormoderne, ja mittelalterliche Stadtgesellschaft in Kleinfamilienformat ist das.</p>
<p>Illustration:</p>
<p>Touristen fragen einen Polizisten von der Wega auf dem Judenplatz an einem Donnerstag, wer da demonstriere. „Lauter Deppate.“ ist die Antwort des Polizisten.</p>
<p>Eine Frau, die viel im Widerstand gemacht hat. „Aber. Ein paar Steinderln werden sie schon geschossen haben. Die vom Volxtheater.“</p>
<p>Ein Polizist geht am Rand der Donnerstagswandertagsgruppe. „Am Donnerstag kommen nur die Schiachsten z’samm:“ sagt er zu einer Kollegin. Beide grinsen.</p>
<p>Die Außenministerin ist sofort mit dem Vergleich mit der Spritzpistole beim Bankraub zur Hand.</p>
<p>Aus solchen, zuerst gar nicht so schlimm klingenden Bemerkungen. – Wir sind hierzulande in der täglichen Beleidigung geübt. Personenwürde, das ist hier noch nicht gesehen worden. – Aus diesen Bemerkungen stellt sich die Verachtung von Personen her. Und daraus die Akzeptanz von Übergriffen. Aus dem Satz „Aber ein paar Steinderln &#8230;. „ und dem von der Spritzpistole und dem nie ausgesprochenen „Da darf man sich nicht wundern.“ Und alle diese Sätze werden in reizendstem Salonton vorgetragen. Aus diesem Schatzkistchen steter Vorverurteilungen konstruiert sich eine Berechtigung für Verhaftung und Folter. Weil das. Das wird dann wieder nicht so schlimm gewesen sein. In dieser ideologisierten Sprechwelt hat jeder Satz nur 2 Interpretationsmöglichkeiten. Achtung. Oder Verachtung. Wie können in dieser österreichischen Sprechwelt Personenrechte so gesprochen werden, daß sie dann auch wirklich existieren. Daß sie dann anwendbar existieren. Also wirklich?</p>
<p>Erschienen am 1. August 2001 in Der Standard</p>
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		<title>Die Poetik des Widerstands.</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Feb 2010 11:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung - Die Zeit danach]]></category>

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		<description><![CDATA[30.1.2001 &#8220;Wichtig ist, daß wir die Diagnosen, wo der autoritäre Charakter in unserer Kultur archiviert wird, noch deutlicher, noch öfter stellen müssen.&#8221; Marlene Streeruwitz im Gespräch mit Walter Baier. Du schreibst: &#8220;Das Patriarchat wird heute durch das Geld repräsentiert. Und wenn wir nicht vom Patriarchat wegkommen, werden wir nirgends hinkommen.&#8221; Aber wie kommt man vom [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>30.1.2001</p>
<p>&#8220;Wichtig ist, daß wir die Diagnosen, wo der autoritäre Charakter in unserer Kultur archiviert wird, noch deutlicher, noch öfter stellen müssen.&#8221; Marlene Streeruwitz im Gespräch mit Walter Baier.</p>
<p>Du schreibst: &#8220;Das Patriarchat wird heute durch das Geld repräsentiert. Und wenn wir nicht vom Patriarchat wegkommen, werden wir nirgends hinkommen.&#8221; Aber wie kommt man vom Patriarchat weg?</p>
<p>Ja das ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Wie entkommt man dem Täter,  ohne das vom Täter beschriebene Opfer zu sein; wie das ja in unserer Kultur der Fall ist?</p>
<p>Meine Antwort darauf ist weggehen, dem Patriarchat den Rücken kehren und weggehen. Für mich sind  die Wiener Donnerstagswandertage absolut so eine Form von weggehen. Für mich ist das Geld der Realausdruck des Patriarchats. Als Tauschmittel, das alles bestimmt. Freunde von mir in New York erzählen, daß wieder andere Freunde ein Baby gekauft haben. Eine Prozedur, die weniger kostet als ein Kleinwagen, und die Leihmutter ist sicher eine nicht überprivilegierte Person in New York, wahrscheinlich eine Russin oder Latina. Das patriarchale Geld kann Unbezahlbares bezahlbar machen. Das Unbezahlbare bekommt dadurch einen meßbaren Wert und kann dann gleich auch unwert werden. Und das ist für mich der Grund, dieser Sache den Kampf anzusagen. Einfach auch unter dem Hinweis, Unbezahlbares muß unbezahlbar bleiben. Das heißt, solche Unternehmungen müssen Menschen sich anders ausmachen. Der Kauf solcher Dienstleistungen stellt ja völlig neue Besitzverhältnisse aneinander her. An diesem Beispiel wird Sklaverei wieder offenkundig.</p>
<p>Einerseits sagst Du, daß das Geld das heutige Patriarchat ist, andererseits beschreibst Du den Sieg des Geldes über die patriarchalen Mythen. Ist der Fortschritt nicht eine traurige Angelegenheit?</p>
<p>Ich bedaure, daß jeder Fortschritt wegen des Geldes sich sofort in reaktionäre Muster kehrt. Nehmen wir das Beispiel der Leihmutter. Im Grunde genommen ist die Eroberung dieser medizinischen Technologie etwas, was Schicksale verbessern könnte, Chancen darstellt, und Gott ein Stück toter macht, wogegen ich gar nichts habe. Was aber passieren wird &#8211; über das Geld &#8211; ist, daß die Leihmutter gekauft werden kann und wird, sind einfach neue Schreckensräume mit Zuhälterei und Prostitution. Ich möchte die Kernfamilie nicht rückinstalliert sehen. Gegen Transplantationschwangerschaften zu sein, hieße aber auch gegen Schwangerschaftsabbruch zu sein. Das ist nicht akzeptabel, aber besonders unakzeptabel ist, daß die Freiheit, die in diesen Schritten durchaus verborgen sein könnte oder durchaus enthalten sein könnte, einfach vom Geld immer umgewertet wird, als wären wir immer noch in den griechischen Sagen.</p>
<p>Also alle Chancen, die der Fortschritt durchaus in sich hat, werden über das Geld einfach in die uralten Muster zurück geführt. Die Zerstörung von Vorrechten des Patriarchats wie das der Zeugung werden zwar aufgelöst, aber das führt zu keiner Verkleinerung des Patriarchats, weil das Geld diese Muster braucht, um seinen Wert zu erhalten.</p>
<p>Haben die Menschen nicht auch Sehnsucht nach Ordnung, gibt es ein Recht auf Ordnung? Ist Ordnung untrennbar verbunden mit Patriarchat?</p>
<p>Patriarchat hat noch nie Ordnung hergestellt. Die Bedürfnisse nach Ordnung, nach Identität -was möglicherweise manche Leute auch als durchaus berechtigt bezeichnen können &#8211; , werden aber nicht befriedigt. Patriarchat behauptet in seiner Unordnung die einzige Ordnung zu sein. Es ist aber nichts weiter als die Summe des Geldes, die vorhanden ist, sonst gibt es keine Geordnetheit. Und die ist auch nur eine Benennung. Das einzige was hier gemacht wird, ist rein ideologisch, so daß von den Personen, in denen das Bedürfnis nach dieser Ordnung hergestellt wird, das Ertragen des eigenen Soseins als Unordnung empfunden wird, sich daher die Personen selbst nicht ertragen können und nach außen hin delegieren müssen, obwohl außen das gleiche Chaos herrscht wie innen. Würde man nun lernen mit Chaos umzugehen, könnte man sich selber auch ganz gut aushalten.</p>
<p>Bist Du eine Revolutionärin?</p>
<p>Sicher nicht im Sinn einer Revolution als ödipaler Gegenschlag gegen eine vorhandene Situation.</p>
<p>Was folgt daraus für die jetzige politische Situation in Österreich?</p>
<p>Vieles, was wir an der jetzigen Regierung kritisieren, wurde ja vor dem Februar 2000 eingeleitet.</p>
<p>Es kommt darauf an, daß man oder frau sich nicht aus der Ruhe bringen läßt. Wichtig ist, daß wir die Diagnosen, wo der autoritäre Charakter in unserer Kultur archiviert wird, in welchen Formen, in welchen Sätzen, in welchen Strukturen, noch deutlicher, noch öfter beschreiben müssen.  Es wird die Suche nach einer neuen Sprache beschleunigt werden müssen. Wobei ich als Grundlage dieser neuen Sprache dieses sprachlose Gehen am Donnerstag sehe, aus dem heraus sich irgendwann einmal etwas entwickeln wird. Nicht direkt und nicht gleich und nicht übermorgen, aber das halte ich für eines der wichtigsten auch künstlerischen Unternehmungen, die möglich sind. Und deswegen darf das unter keinen Umständen irgendwie von Alphatieren oder Alphatexten überdeckt werden. Dadurch schaut das alles vielleicht klein und ein bißchen mickrig aus, aber ich glaube, das ist eben die Geschichte, die ertragen werden muß, daß es wahrscheinlich klein und mickrig ausschaut, wenn man sich als Individuum entkolonialisiert hat. Die Vorstellung von Großem und Totalem ist eben aufzugeben. Das ist die Grundentscheidung und das wird man halt aushalten müssen.</p>
<p>Ein Schritt, der bei jeder Form von Aufklärung die Grenze ist und der oft nicht überschritten wird, ist die Aufgabe von Altem und da das Neue noch nicht vorhanden ist, entsteht eine Leere, die Angst macht und zur Rückkehr in das Alte als Neues verführt. Die nicht in den politischen Strukturen des Patriarchats durchgeführten Dinge, wie eben das Gehen am Donnerstag, sind erste Schritte zu einer neuen Sprache. Ein Bild dafür ist das von Achilles. Die Wunden die er mit seinem Schwert schlug, konnten nur wieder mit der Berührung dieses Schwerts geheilt werden. Das ist etwas, was das Patriarchat immer macht. Daß wenn man Opfer geworden ist, verletzt worden ist, Heilung nur von den Urhebern kommen kann. Und da denke ich mir, gibt es eine Chance für jetzt, daß man sich dieser Heilung einfach entzieht.</p>
<p>Was bedeutet das für die Auseinandersetzung mit der vorhandenen praktischen, strukturellen Gewalt in der Gesellschaft? Was folgt daraus auf der Ebene der politischen Macht? Gibt es auch politische Strategien außer der, den Verhältnissen den Rücken zu kehren?</p>
<p>Ja, die guten alten Zusammenschlüsse gibt es doch, aber man kann das System ausweiten. Wahrscheinlich braucht es informelle rasche Zusammenschlüsse, die die Möglichkeiten vergrößern. Die Plattform für jeden einzelnen müßte erweitert werden, und zwar ohne, daß neue Apparate entstehen. Ich glaube, daß die Möglichkeiten wie etwa das Internet sie schafft, dazu führen, daß sich neue Solidaritätsmodelle einspielen.</p>
<p>Akzeptierst Du für diese neue Solidarisierung den Begriff &#8220;politisches Projekt&#8221;?</p>
<p>Ja, politisches Projekt, aber außerhalb der normalen Politstrukturen. Also im Grunde ein unpolitisches Projekt, ein politisches Unpolitprojekt. Ein politisches Unpolitprojekt, ja so müßte das sein. Also politisch in einem sehr brutalen Sinn, sehr persönlichen Sinn, mit einer selbstverständlich scharfen Analyse gesellschaftlicher, wirtschaftlicher Umstände, die aber dann nie den Anspruch erheben, wiederum große Regenschirme zu werden, wo gleich schon der kleinste gemeinsame Nenner sehr klein wird. Ein Ziel könnte es sein, daß es in drei Jahren Organisationsformen gibt, die das selbstverständlich widerspiegeln, wo es nicht mehr die fixen Hierarchien gibt, sondern Positionen, die wechseln, so wie wir bei den drei Weisinnen gesagt haben, ich bin jetzt eine Woche da und dann sucht ihr die Nächste aus, weil ich dann weg bin, so entsteht eine Form von selbstverständlicher gegenseitiger Vertretung. Ich glaube, daß der Traum, daß jeder Schritt in ein Unterfangen des Größeren zu stellen ist, immer wieder die Gefahr des Zurückfalls in patriarchale Grundstrukturen in sich trägt. Also das ist sicher eine Art Zellenvorstellung, wie wir sie schon oft in der Geschichte hatten, aber ich denke, man müßte bei den Zellen bleiben und sich zu Begriffen wie Delegieren und Vertreten neue Vorstellungen machen.</p>
<p>Erschienen in der Volksstimme am 30. 1. 2001</p>
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		<title>Mein Jahr auf der Straße.</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2010/02/23/mein-jahr-auf-der-strase/</link>
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		<pubDate>Tue, 23 Feb 2010 11:00:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung - Die Zeit danach]]></category>

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		<description><![CDATA[24.1.2001 Es war nur ein halbes Jahr Donnerstage auf der Straße in Wien. Das andere halbe Jahr war ich in Chicago. Da gab es einen kleinen, von der Polizei verteidigten Kukluxclanaufmarsch. Und dann waren da natürlich die republikanischen Proteste für George Bush gegen Al Gore vor dessen Residenz in Washington und vor den jeweiligen Gerichtsgebäuden. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>24.1.2001</p>
<p>Es war nur ein halbes Jahr Donnerstage auf der Straße in Wien. Das andere halbe Jahr war ich in Chicago. Da gab es einen kleinen, von der Polizei verteidigten Kukluxclanaufmarsch. Und dann waren da natürlich die republikanischen Proteste für George Bush gegen Al Gore vor dessen Residenz in Washington und vor den jeweiligen Gerichtsgebäuden. Wo halt gerade über den Präsidenten entschieden wurde, da waren die Bush-Anhänger.</p>
<p>Diese Demonstrationen waren Medienereignisse. Die Demonstranten wurden in Bussen herangekarrt. Auch die Kukluxclanburschen kletterten in ihren weißen Nachthemden aus klimatisierten Bussen. Dann nahm man Aufstellung und hielt die Fäuste und Sprüche in die Kameras.  Sprechchöre wurden geschrieen. Gegen Al Gore flogen Cola Dosen.  Das sah gefährlich aus, aber bei Kameraschwenks  war dann zu erkennen, daß das ziemlich kleine Ansammlungen waren. Busladungen eben. Trotzdem war gleich von „Unmut in der Bevölkerung“ und einer „öffentlichen Meinung“ die Rede.</p>
<p>Diese Demonstrationen wurden von den Medien benützt. Ohne sie hätten überhaupt nur Gerichtsgebäude und die Verhandlungen darin gezeigt werden können. Der ganze Vorgang dieser Nachwahlauseinandersetzung wurde von den Fernsehjournalisten eher gereizt behandelt. Ungeduldig. Als wäre dieser Vorgang eine einzige Zumutung. Da war es nett, empörte Bürger vorführen zu können. Zumal die ja auch das Passende schrieen. Bush wurde von allen Nachrichtenkanälen als der rechtmäßige Sieger angesehen. Böse Zungen behaupteten, die Journalistenstars wollten so rasch wie möglich die von Bush versprochene Steuersenkung  für hohe Einkommen in Kraft sehen. Pro Bush Demonstranten paßten jedenfalls. Ins  Bild und in die Strategie.</p>
<p>Angesichts der 2 dünnen Reihen dieser instrumentalisierten Demonstranten stieg schon Sehnsucht nach den Donnerstagswandertagen auf. Da ist es nämlich Selbstbestimmung, die am Donnerstag nach 7 Uhr am Abend den Schritt des Spaziergängers oder der Spaziergängerin in Richtung Ballhausplatz lenkt. Keine Busanlieferung. Jeder und jede kommt einzeln. Freiwillig und ungezwungen. Nur der eigene Beschluß liegt vor. Und ganz locker kann man oder frau auch wegbleiben. Diesmal nicht hingehen. Es geht um Zwanglosigkeit. Es geht um die Freiheit von all den Zwänglichkeiten, wie sie die Ich-Schwächen des Rassismus benötigen. Es gibt also keine vorgeschriebenen Regelmäßigkeiten. Keine vorgeschriebenen Sprechchöre. Keine vorgeschriebenen Transparente. Keine vorgeschriebene Kleidung. Keinen vorgeschriebenen Text. Manchmal versucht eine junge Frau mit rotem Schal, Ordnung zu machen. Sie scheitert aber jedesmal. Niemand will Ordnung am Donnerstag und niemand will Unordnung.</p>
<p>Weil es um die Suche nach einem neuen politischen Ausdruck geht. Weil es um die Darstellung von Antirassismus geht, der hierzulande keine Sprache hat, muß diese Suche in einer Nicht-Ordnung stattfinden. Denn. Würde marschiert werden. Wäre also das Donnerstagsgehen in eine Ordnung gepreßt. In eine Marschordnung. Dann könnte die Gangart nicht gehen oder wandern genannt werden. Sie hieße marschieren. Geordnet, choreografiert und einexerziert gehen. Sie wäre damit die Erinnerung an die Bewegung in all den Formationen, die immer nur das nächste Gegenteil herstellen konnten in der ewigen Folge von Gewalt und Gegengewalt. Geriete die Donnerstagsdemo aber in Unordnung, dann verlöre sie sich ins Unsichtbare. Sie müßte nicht mehr wahrgenommen werden. Ein Grüppchen da. Ein Grüppchen dort. Die einen um 7. Die anderen um 8. Auflösung.</p>
<p>Eine solche Nicht-Ordnung ist schwierig. Jeder und jede muß sich selbst den eigenen Antirassismus ausdenken. Das ist mühselig und die Belohnung. Es gibt dann kein Dogma, sondern tausende Modelle, die dann auch auf die tausenden Wirklichkeiten anzuwenden sind, in denen Antirassismus gebraucht wird. Das ist Praxis. Das ist gebastelte Praxis. Aber. Über die Anwendbarkeit von Dogmen und die Folgen davon. Darüber haben uns die letzen 2 Jahrhunderte doch einiges gelehrt.</p>
<p>Warum überhaupt gehen. Es könnte ja reichen, sich das Richtige zu denken und dann manchmal auch zu tun. Wozu diese, vom Standard „ niedlich“ genannten Prozessionen?  Rassismus ist Masse. Die Konstruktion eines feindlich Anderen stellt diese Masse her und umfängt sie. Gerade wird die Masse „Negerdrogenhändlerverfolger“ hergestellt. Mit wenigen Formeln wird in der  Beschreibung der Drogenhändler jeder einzelne verängstigbare Verängstigte in diese Drogenhändlerverfolgermasse eingegrenzt. Ist in dieser Masse aufgehoben, die dann bei den Gemeinderatswahlen in der Wahl der Drogenhändlerverfolgerpartei erst sichtbar werden soll. Bis dahin bleibt diese Masse geheim, passiv und unauffällig. Bis dahin sitzt jedes Massenteilchen vor Fernseher und Kronenzeitung. &#8211; Aufmärsche wären vielleicht ja auch nicht so günstig. Es soll doch dabei bleiben, daß alles demokratisch zugeht.</p>
<p>Antirassismus kann nicht marschieren oder sich zusammenrotten, weil jede Masse in diesen vereinfachenden Formeln, die sie herstellen, in jedem Fall rassistisch ist. Wie also sichtbar bleiben und nicht zu Masse gerinnen.</p>
<p>Der Protest gegen FPÖVP hat sich dieser Falle von Anfang an durch Kreativität entzogen. Fröhliche Umbenennung war das Mittel. Von Anfang an wurde demonstrieren, wandern und gehen genannt. Die Demonstration wurde zum Wandertag. Schon diese Bezeichnungen lassen Raum für neue Interpretationen. Es geht letzten  darum, dem bisherigen Politischen den Rücken zu kehren. Sich wegzuwenden und neue Sprachen zu finden. Wenn es möglich war, faschistische Bedürfnisse nun so lange Zeit zu konservieren, daß sie weiterhin abrufbar bleiben, dann war ziemlich alles falsch, was die letzten 50 Jahre betrifft. Darüber muß nachgedacht werden. Darüber muß geredet werden. Und dem muß man oder frau sich entziehen.</p>
<p>Was es soll „dieses Herumdemonstrieren“ werde ich gefragt. Gönnerhaft oder spöttisch. Was es für einen Sinn haben soll. „Herzig“ wird das gesehen. Dieses Gehen. Ein bißerl naiv. Oder armselig. „Niedlich“, wie gesagt.</p>
<p>Nun. Die Lehre der letzten 15 Jahre muß doch sein, daß Politik emotional bestimmt ist. Der Charakter und dessen Möglichkeiten sind entscheidend. Was kann einer oder eine aushalten. Was kann gedacht werden. Was ist zu überlegen erlaubt. Was an Fragen verboten. Was kann gesagt werden. Was erkannt. Jedes Sachargument wird an den emotionalen Anforderungen gemessen werden. Und ganz offensichtlich ist der autoritäre Charakter nicht verschwunden,  dessen Denkmuster ängstliche Enge bestimmt.</p>
<p>Wie hätte der autoritäre Charakter auch verschwinden sollen in einer Kultur, die nie von vorne begonnen hat, sondern nach 1945 bei 1938 angeschlossen hat. Und damit nur an der regionalen Ausformung dieses Charaktertyps. Nie wurden die Vorstufen zur autoritären Gesellschaft der 30eer Jahre in Frage gestellt. Autoritäres Neobarock, das direkt in autoritär ausgelegte Postmoderne mündete.</p>
<p>Die Einübung in den autoritären Charakter ist so Grundlage der Kultur. Mittel dieser Einübung ist Angst. Sind Ängste. Ängstlichkeiten. Und ganz offensichtlich kann sich der politische Text auf solche Ängste weiterhin beziehen. Aus Überwältigungsängsten und Überwältigungswünschen gespeister Antisemitismus ist einer der Bausteine unserer Charakter. Politik. Religion. Bildung. Kunst. Kultur. Überall sind unaufgespürte Aufträge in diese Richtung.  Und manchmal sind sie mittlerweile ja auch schon ganz unverborgen offen.</p>
<p>Aber. Das geht an einem nicht vorbei. Da gibt es Einschlüsse, die unerträglich doch freigelegt werden müssen. Antisemitismus. Rassismus. Das verdeckt Leerstellen. Ist dazu da. Muß verdecken. Immer und immer wieder. Das bekommt Suchtcharakter und wird nie vollkommen anders.</p>
<p>Eine der großen Lügen unserer Kultur war und ist die Behauptung, sich vollkommen verwandeln zu können. Ein vollkommen anderer  oder eine vollkommen andere zu werden und alle Laster der alten Person abstoßen zu können. Die Erzählung von der Erlösung spricht davon. Suchtkranke wissen es anders. Es gibt keine Heilung von der eigenen Person. Und das ist gut so, denn das bedeutete nur eine andere Form von Selbstverlust. Aber. Die versteckten Aufträge bleiben versteckt. Stete Selbstbefragung wird deshalb notwendig sein.</p>
<p>So gesehen, ist es auch eine Selbsthilfegruppe, die da am Donnerstag abend immer aufbricht. Ins Gehen. Ins Weggehen. In ein den Rücken Kehren und von der Straßenmitte einen neuen Blickwinkel fassen. Und. In der Suche nach den richtigen Fragen und in der Suche nach einem neuen Ausdruck ist dieses Gehen Kunst. Politische Kunst und eine demokratische Leistung. Und in der persönlichen Darstellung der politischen Meinung überhaupt erst Demokratie.</p>
<p>Erschienen am 24.1.2001 in Profil</p>
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		<title>Als könnte von vorne begonnen werden. Beim Gehen durch Wien.</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Feb 2010 11:00:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung - Die Zeit danach]]></category>

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		<description><![CDATA[27.12.2000 Vom Balkon im obersten Stock des Hotel Bristol fotografiert ein Mann. Er reagiert nicht auf Winken. Er fotografiert weiter. In der Taubstummengasse drängen sich Partygäste an den Fenstern in der Belletage. Sie halten die Hände neben die Gesichter, um in die Dunkelheit hinaussehen zu können. Auf die Straße hinunter. Auf die Demo. Wir winken [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>27.12.2000</p>
<p>Vom Balkon im obersten Stock des Hotel Bristol fotografiert ein Mann. Er reagiert nicht auf Winken. Er fotografiert weiter. In der Taubstummengasse drängen sich Partygäste an den Fenstern in der Belletage. Sie halten die Hände neben die Gesichter, um in die Dunkelheit hinaussehen zu können. Auf die Straße hinunter. Auf die Demo. Wir winken hinauf. Die Menschen treten zurück. Rasch. Ein Haus weiter. In einer Wohnung weit oben. Jemand dreht das Licht an und ab. Zwei Mal lang. Ein Mal kurz. Wi – der – stand. Wir pfeifen mit den Lichtsignalen mit. Zwei Mal lang. Ein Mal kurz.</p>
<p>Vorher. An der Ecke Prinz Eugenstraße und Theresianumgasse. Die Polizei hatte den Zugang zur türkischen Botschaft versperrt. Es war der zweite Tag der Überrennung der Gefängnisse durch das Militär in der Türkei. Während der Zug wegen dieser Sperre stockte und sich nicht gleich in die Theresianumgasse lenken ließ, begann der ältere Herr auf dem Gehsteig zu randalieren. Wir sollten aufhören. Er rief das wütend und entsetzt. Nasalierend im feinsten Oberschichtwienerisch beschwor er immer wieder die Rechtlosigkeit der Straße. Und daß es immer so begonnen hätte. Auf die Frage, warum ihn denn eine Demonstration so aufrege, da warf er den Kopf zurück und reißt die Arme in die Höhe. „ Ihr haltet den Verkehr auf!“ Und. Beim Autofahren. Da handle es sich ja schließlich auch um ein Recht. Und. Wir sollten uns schämen. Dann ging er davon. Angeekelt.</p>
<p>Es geht nicht immer so väterlich rügend ab. Es gab schon Kübel Wasser, die über die Demonstranten ausgeleert wurden. In den engen Gassen des 8. Bezirks ist das wirkungsvoll. Oder hinter dem Westbahnhof. Dafür wurde da auch immer freundlich zurückgewinkt. Von den Migrantenfamilien, die da wohnen. In der Lange Gasse gibt es immer eine rote Fahne aus einem Fenster. Lichtsignale. Und Hupkonzerte im Widerstandstakt. Und dann wieder einmal die brennende Zigarette heruntergeschleudert. Und „Ihr Arschlöcher“ hinterdrein. Aber das war im Sommer. Mit den offenen Fenstern und der langen Dämmerung. Die Schanigärten entlang. Ein paar setzten sich hin. Auf ein Achterl. Ein paar andere kommen mit.</p>
<p>Jetzt im Winter kommuniziert es sich nicht so leicht. Es sind auch nicht mehr so viele, die am Donnerstagabend gehen. Jedenfalls nicht mehr die 10.000e vom Februar. Beim Warten. Bei der Botschaft für besorgte Bürger. Da, wo der Ballhausplatz und der Heldenplatz zwischen Volksgarten und dem josephinischen Trakt der Hofburg zusammentreffen. Da sieht es jetzt lange so aus, als käme diesmal niemand. Und dann reicht der Zug auf dem Ring doch von der Mariahilferstraße bis zum Volksgarten zurück. Und die melancholischen Kinder ziehen wieder durch die Straßen.</p>
<p>Wir gehen. Und die Polizei riegelt den Verkehr ab. Leitet um. Hält auf. Marschiert mit oder voraus. Damit die melancholischen Kinder kein Verkehrschaos anrichten. Oder gar vor die Botschaft der USA wandern. Oder vor die türkische, wie vorige Woche. Und wie in der netten Kernfamilie wird das widerspenstige Kind an der lange Leine gehalten. Immer in der Hoffnung, das Kind fände von allein in die Ordnung zurück.</p>
<p>Darum geht es. Es geht um Ordnung. Es geht um die Ordnung außen. Um die öffentliche Ordnung. Diese Regierung ist auf demokratischem Wege zustande gekommen, heißt es da. J. Haider habe sich zurückgezogen. Alles ginge mit rechten Dingen zu. Das stimmt dann ja auch. Die Normalisierung scheint mir ziemlich abgeschlossen. Die Normalisierung, die eine Entpolitisierung ist, hat die Gegenkultur von rechts ganz selbstverständlich in den öffentlichen Text eingearbeitet. Die Medien funktionieren schon wieder wie immer. Begriffe wie Gesinnungsgemeinschaft oder Inländerfeindlichkeit oder pragmatische Abtreibungsdebatte oder Sexualtäterkastration beschreiben politischen Alltag. Und fraglos so.</p>
<p>Im Wahlkampf in Wien finden sich Wahlkampfaussagen der Freiheitlichen, die das „Ausländer Raus“ nun als „Kampf  um einen Einwanderungsstop“ umformuliert, sich aber im „Kampf gegen Drogendealer“ 1000 Nigerianern machtlos gegenübersieht, das aber wiederum mit einem „Kampf um mehr Sicherheit“ bekämpfen will und deshalb der Polizei zur Verhaftung von „100 Drogendealern, der überwiegende Teil aus Schwarzafrika“ vorerst einmal gratuliert. In diesem öffentlichen Text wird nur noch von Kampf gesprochen. Als befände Wien sich in einem Belagerungszustand. Als müßten übermächtige Kräfte von außen abgewehrt werden. Von solchem Geschrei verdeckt, wird in Politik und Wirtschaft rasch vollendet, worin Österreich &#8211; waren das die Sozialpartner? – einen Schritt hinter der übrigen Welt hinterher hinkte. Unter der Überschrift Globalisierung wird Struktur bereinigt und fusioniert und immer gläubig genickt zu allen Wirtschaftsnotwendigkeiten. Das ist natürlich hier nicht anders als überall. Aber hier ist es mit diesem fahrlässigen, nie geänderten Sprachgebrauch verbunden. Da gibt es zum Beispiel eine Rechtssprache, die nie verändert weiterhin eine autoritäre Umschreibung von Wirklichkeit ermöglicht. Da ist die Sprache der Politik, die nie verändert, schlimmste Aussagen ein bißchen umformuliert, die weiter das Schlimmste meint, und niemand regt sich mehr auf. Da sind die Mediensprachen, die sich schon immer das anything goes ein Anliegen sein ließen. Da liegt ein öffentlicher Text vor, der alle Kunstgriffe jeder Avantgarde usurpiert hat und benutzt. Auch das ist hier nicht anders als überall. Aber hier wird dieses Gebrauchsdada in der Politik zur populistischen Wahrheit in aller Provinzialität.</p>
<p>In diese Ordnung soll zurückgefallen werden. Oder zurückgekehrt. Die melancholischen Donnerstagsgeher und Geherinnen sollen so lange durch die Stadt ziehen, bis sie es begriffen haben. Oder es ihnen zu blöd wird. Weil sie etwas anderes zu tun haben. Oder etwas besseres.</p>
<p>Eine besonders perfide Form der Erziehung ist das freundlich lächelnde Abwarten der Erzieher, bis der oder die zu Erziehende es selbst herausgefunden haben. In amerikanischen Fernsehserien stehen die Kinder dann vor den Eltern und gestehen, daß die Eltern recht gehabt hätten. Dann dürfen sie die Eltern umarmen. „I love you“ „I love you too“ Und wieder ist eine perfekte Demütigung ganz nebenbei gelungen. Ist das die Erwartung unseres Bundeskanzlers, vor dessen Büro sich jede Wochen ein paar 1000 Menschen versammeln und ihrer Ablehnung so Gestalt verleihen. Gibt es diesen elterlichen Tagtraum vom Eingeständnis des Kindes, es falsch gemacht zu haben, in dem die Eltern sich so schön bestätigen können. Warum nicht. Bundeskanzler zu sein, garantiert noch keine kitschfreien Tagträume.</p>
<p>Während also nun das Establishment auf diesen Augenblick der Selbstaufgabe wartet. Oder auf die Selbstauflösung  weil niemand mehr zu den Demos kommt. Oder noch besser auf einen Grund wartet, einmal durchzugreifen. Währenddessen gibt es ja auch noch den Ruf nach innerer Ordnung. Rufe nach einem Programm wurden laut. Nach Sprachregelungen. Nach Organisation. Nach Durchorganisation. Aber. Es gibt weiterhin kein Alpha Tier und es gibt keinen Alpha Text. Es gibt keine Sprachregelung. Es gibt keine Organisation. Wenn ich vom Heldenplatz am Donnerstag abend aufbreche, dann gehe ich hinter keiner Parole her. Hinter keiner Fahne. Ich ordne mich in keinen Sprechchor ein. Zwei Mal lang. Ein Mal kurz. Wi – der – stand. Der kleinste gemeinsame Nenner ist Antirassismus und das ist eine Menge in diesem Land.</p>
<p>Mein Lieblingstransparent wird von einer jungen Frau getragen. An einem Besenstiel ist der Boden einer Bananenkiste geklebt. „Gegen die tägliche Beleidigung“ steht auf dem Karton. Mit diesem Spruch geht es über den Ring am Parlament vorbei die Josefstädterstraße hinauf. Oder um den Ring zur Börse. Es wird schnell gegangen. Es wird viel geredet. Und dazwischen gepfiffen.</p>
<p>Die Straßen sehen anders aus von der Straßenmitte. Die Häuser fallen ganz anders über einen und die Alleen haben einen Himmel. Von der Straßenmitte ist der Verfall zu sehen. Die Ketten von geschlossenen Geschäften. Die Straßenzüge, die schon die Überlebensversuche mit den Sexshops hinter sich haben. Mit den 10 Schilling Läden. Den Asialäden und den Schnitzelhäusern. Die Stadt hat einen anderen Klang. Von der Straßenmitte und ohne Autoverkehr. Und jedesmal bei diesem Gehen in der Straßenmitte ist es so, als könnte von vorne begonnen werden. Als wäre ein Neuanfang möglich. Als könnte mit dem politischen Denken neu begonnen und alles gedacht werden, was bisher immer vorgesagt worden war. Diktiert. Im Gehen durch die schöneren oder schäbigeren Straßen ist der Ausdruck für ein politisches Hier und Jetzt zu finden, das sich in diesem Wust von politischem Text zumindest darstellen läßt. In diesen Gängen und Wanderungen durch die Stadt . In diesem politischen Flanieren ist eine basale politische Existenz ausgedrückt. Und zumindest Angstlosigkeit. Zuerst einmal für jeden und jede. Zwanglos. Das ist nur ein Hauch von Anarchie. Aber immerhin ein Weg aus einer weiteren Verdrängung und durchaus nicht landesüblich.</p>
<p>Erschienen am 27.12.2000, TAZ: Als könnte man noch einmal anfangen.</p>
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		<title>Was unrichtig beginnt.</title>
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		<pubDate>Sun, 21 Feb 2010 11:00:42 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Ausstellung - Die Zeit danach]]></category>

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		<description><![CDATA[11.9.2000 Was unrichtig beginnt, nützt immer den Falschen. Die panische Sofortreaktion der EU gegenüber der ÖVP-FPÖ Regierung hat gerade dieser Regierung eine Bühne weinerlich selbstgerechter Selbstdarstellung geschaffen. Ein 7 Monate dauerndes Ablenkungsmanöver ist das nun geworden. Große Auftritte von Beziehungswahn und Verfolgungswahn. Auf österreichisch. Dieses „Ich bin ja gegen die FPÖ in der Regierung, aber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>11.9.2000</p>
<p>Was unrichtig beginnt, nützt immer den Falschen. Die  panische Sofortreaktion der EU gegenüber der ÖVP-FPÖ Regierung hat gerade dieser Regierung eine Bühne weinerlich selbstgerechter Selbstdarstellung geschaffen. Ein 7 Monate dauerndes Ablenkungsmanöver ist das nun geworden. Große Auftritte von Beziehungswahn und Verfolgungswahn. Auf österreichisch. Dieses „Ich bin ja gegen die FPÖ in der Regierung, aber die EU. Das geht auch nicht.“ Das war der stärkste Motor der Normalisierung. Schadenfroh sah man dem Schulterschlußgeheische zu. Nestbeschmutzer blieben dann doch nur die, die als solche schon immer bekannt waren. Und mittlerweile sind es da auch einige weniger.</p>
<p>Aber damit ist das eigentliche Problem der österreichischen Situation schon umrissen. Mit solchen Begriffen kann Politik gemacht werden. Mit „Schulterschluß“ und „Österreichliebe“ und „Nestbeschmutzer“  wird jetzt Regierungspolitik gemacht. Nicht an der Oberfläche. Da werden Aussagen, wie letzthin, daß doch Extremismus nichts so Schlechtes sei. Eigentlich. Da werden solche Aussagen achselzuckend in die Narrenecke geschoben. Dort müssen solche Aussagen auch hin, denn sonst müßte man sich mit ihnen beschäftigen.</p>
<p>Allein die Tatsache, daß kaum ein neuer Nestbeschmutzer oder Nestbeschmutzerin auftrat, beschreibt die Wirkung all dieser aufgeladenen Begriffe. Patriotismus. Nation. Liebe zu Österreich. Sozialschmarotzer. Nestbeschmutzer.  All diese Begriffe zeigen, daß die eigentliche Auseinandersetzung auf einer ganz anderen Ebene stattfindet. Die geschichtliche Last dieser Begriffe unterlagert den oberflächlichen Gebrauch. Unter der Oberfläche werden dann all die Sinneinheiten wirksam, die „damals“ gemeint waren. Gerade die Medien ließen sich durch die Drohung, „unpatriotisch“ zu sein,  einschränken. Die Opposition wollte nicht „unpatriotisch“ agieren und  ließ sich einschränken. Die Gegner der Regierung konnten als „unpatriotisch“ abgetan werden. Das Wort „Vaterlandsverrat“ wurde gebraucht. „Unpatriotisch“ war eine fabelhafte Möglichkeit auszugrenzen. Das tat dem Beziehungswahn gut.</p>
<p>Dazu kam dann noch das Gebot, daß man Probleme in der Familie in der Familie löst. Die Kleinfamilie hat bei uns  ja monarchistischerseits schöne Tradition. Und wie die geprügelten Ehefrauen und blaugeschlagenen Kinder dann die Geschichte mit dem Treppensturz erfinden müssen, folgen dann doch alle dem Gebot des Verschweigens. Diesem „Halt den Mund, sonst&#8230;“. Solche  „sonsts“ sind in alle diese Begriffe eingebaut. Und wirken. Unbehagen als Reaktion ist noch ein Zeichen von Gegenwehr. Von Reflektion. Die meisten jedoch werden nur den Gebotsstrukturen dieses „sonst“ gehorsam gehorchen. Wie auch. Es wurde nie anders gelernt.</p>
<p>Und. Die 3 Weisen wollten darüber nichts erfahren. Dazu hätten sie sich mit Sozial- und Politikwissenschaften befassen müssen. Dazu hätten sie etwas vom Sprachklima begreifen müssen. Dazu hätten sie mit Personen außerhalb der Politstrukturen sprechen müssen. Das ist unsicherer Grund. Da hätten sie eine Meinung entwickeln müssen. Das war aber nicht gefragt. Schließlich sollten sie die überschießend emotionale Erstreaktion der EU 14 nach der Regierungsbildung  in die Normalität internationaler Verbindungen verwandeln. Diese Normalität beruht auf der Meinungslosigkeit gegenüber der Innenpolitik der anderen. Dahin sollte zurückoperiert werden. Normalisierung auch hier.</p>
<p>In den 7 Monaten der Maßnahmen, die in Österreich Sanktionen genannt werden, ist das weitergegangen und verstärkt worden, was wir Haider &amp; Co verdanken. Die Wiedereinführung von Begriffen, die irgendwie verschwunden waren. Es ist natürlich dieses „irgendwie“ und „verschwunden“, was diesen Gebrauch geradezu herausforderte. Die österreichische Kultur vergeßlicher Erinnerung ist dafür Voraussetzung. An der Oberfläche wird alles vergessen, ja geleugnet. Gleichzeitig werden die in diesen Begriffen verborgenen Aufträge erfüllt. Ja. Müssen erfüllt werden und erfüllen sich. Daß daraus dann auch noch eine befriedigende Bestätigung des arroganten Minderwertigkeitsgefühls im Österreichischen bezogen werden kann, beschreibt die Dauerhaftigkeit solcher Strukturen.  Daß der Widerstand sich Widerstand nennt, ist so als Antwort im subliminalen Umfeld dieses Sprachgebrauchs zu verstehen. Sprachloser Widerstand ist da eine Art erste Hilfe Maßnahme. Das Donnerstagsgehen darin auch eine Möglichkeit dieser Sprache zu entgehen. Die Frage ist doch, wie kommt die österreichische Gesellschaft zu einer politischen Kultur.</p>
<p>Erschienen als &#8220;Eine schrecklich nette Familie&#8221; am 13. September 2000 in Der Standard</p>
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