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	<title>Marlene Streeruwitz &#187; Aktuelles</title>
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	<description>Autorin &#124; Regisseurin &#124; Wien &#124; Berlin &#124; London &#124; New York</description>
	<lastBuildDate>Mon, 26 Jul 2010 06:43:41 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Salzburger Festspiele. Weil die auch nie aufhören.</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Jul 2010 06:00:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Salzburger Festspiele]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>

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		<description><![CDATA[Salzburger Buhlschaft in: Der Standard, 24. Juli 2010 Wann darf sie gehen. Wann darf sie weg. Wann darf die Buhlschaft von der Bühne und so aus ihrer doppelten Sexarbeit wieder ins Privatleben zurück. Hoffmannsthal regelt ihren Auftritt im „Jedermann“. Von der Bühne holt er die Buhlschaft nicht mehr. Dem Text folgend, kann sie auf Seite [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Salzburger Buhlschaft</p>
<p>in: Der Standard, 24. Juli 2010</p>
<p>Wann darf sie gehen. Wann darf sie weg. Wann darf die Buhlschaft von der Bühne und so aus ihrer doppelten Sexarbeit wieder ins Privatleben zurück. Hoffmannsthal regelt ihren Auftritt im „Jedermann“. Von der Bühne holt er die Buhlschaft nicht mehr. Dem Text <span id="more-3010"></span>folgend, kann sie auf Seite 40 abtreten, wenn es heißt „Es flüchten viele.“ Sie kann sich bis Seite 52 Zeit lassen und mit den letzten davonlaufen, die sich noch an der Tafel gütlich tun. Sie könnte auch bis zum Schluß bleiben und dem Jedermann zusehen, wie er so freundlich von zwei anderen Frauen begleitet ins Grab steigt. Sexarbeiterinnen können nämlich keine Antworten auf die „endgültigen Fragen“ geben. Sexarbeiterinnen erfüllen ihre Aufgabe und dann können sie vergessen werden. Das ist der deal.</p>
<p>Denn. Das ganze ist ein deal. Der ganze „Jedermann“ ist geschäftlich zu denken. Jede Struktur ist ein Handel gegen eine andere Struktur. Jede Figur bringt eine kleine Summe von Sinneinheiten auf die Bühne, die in der Gesamtrechnung der Jedermannfigur verbucht wird. Das  geht vollkommen mechanistisch vor sich. Alle Nebenfiguren zusammen ergeben in einer einfachen Buchhaltung von Gut und Böse die Hauptfigur. Dieses Gut und Böse tritt in Figuren auf, die von Schauspielern und Schauspielerinnen den Körper erhalten und es sind ausschließlich diese Körper der realen Schauspieler und Schauspielerinnen, die einen Sinnzusammenhang herstellen. Herstellen können. Die Körper der Schauspieler und Schauspielerinnen schaffen eine Quasi-Realität, die dem Text überhaupt erst Bedeutungsmacht erteilt.</p>
<p>Dieses Leihen des Körpers. Das ist die Arbeit des Schauspielers und der Schauspielerin. Immer ist es die Anwesenheit der Person hinter der dargestellten Figur, die die Realität herstellt. Das Spielen einer Figur. Das ist gewollte Lüge. Gewollte Täuschung. Das ist ein vereinbarter Vorgang. Das Theater Lessings betritt diese Vereinbarung in dem Wunsch, über diese gespielte Auseinandersetzung zwischen Figuren, die gerade vorliegenden Verhältnisse von Macht und Ohnmacht zu untersuchen. Das Theater Lessings dringt auf immer individualisiertere Figuren, an denen diese Verhältnisse je realistischer nachgestellt und damit gesellschaftliche Konflikte offengelegt werden können. Es sind bestimmte Figuren in bestimmten Zusammenhängen, die dann die bestimmte Schlußfolgerung ermöglichen. So geht Aufklärung.</p>
<p>Im „Jedermann“. In der Personifikation von „menschlichen“ Eigenschaften geht der Autor vor das Theater Lessings zurück. Der Rückgriff aufs Mittelalter verdeckt den Rückschritt weit vor die Aufklärung. Für die Aufführung bedeutet das, daß der Schauspieler und die Schauspielerin als sie selber auftreten müssen und wie mittelalterliche Schausteller die jeweilige Eigenschaft vertreten. Das ist eine andere Form des Sich Leihens. Es gibt nicht das Spiel mit der Figur und einer Wiederaufführung von Leben. Im „Jedermann“ wird zur Schau gestellt und der Körper ist die Landschaft dieser Ausstellung. Der Körper des Schauspielers und der Schauspielerin wird für die Darstellung in Geiselhaft genommen. Eine hölzerne und ritualisierte Aufführungspraxis tut dann ein Weiteres dazu. Es liegt darin ein planes Ausbeutungsverhältnis vor, das die totale Unterwerfung unter den Text verlangt und keinerlei Eigenanteil zuläßt. ( Das knallende Furzen des einen Teufels gegen das eher verhaltene Gasentweichen der nächsten Teufelsdarstellung zählt da nicht.) Weil das in Salzburg sehr gut bezahlt wird, muß es nicht als solches wahrgenommen werden. Und. Weil alle mittlerweile in solchen Arbeitsverhältnissen leben, in denen sie keine Gestaltungsräume mehr vorfinden, sondern sich nach den Codes von Markteroberungsstrategien und Effizienz bewegen müssen. Weil das Mittelalterliche in den, die Personen insgesamt erfassenden Abhängigkeitsverhältnissen des Arbeitsmarkts so offenkundig ist. Die Uraufführung des „Jedermann“ im Zirkus Neumann 1911 bestätigt dieses feudale Arbeitsverhältnis in der Aufführung. Zirkus. Das ist die sprachlose  Schaustellung der grotesken Möglichkeiten der Körper von Menschen und Tieren gegen Bezahlung. Im „Jedermann“ wird das zum Zirkus des Tods und der Rettung.</p>
<p>Es müßte also nicht ums Geld gehen, um im „Jedermann“ das Zentralstück einer hochkapitalistischen Volksmission zu erkennen. Die Ebene des Texts und die intendierte Aufführung dieses Texts. Die Strukturen dieses Theatertexts selber fungieren als Insrumente der Ausbeutung.</p>
<p>Abhängigkeitsverhältnisse stellen sich über Spiegelungen dar. Die Herrschaft des Jedermann zeigt sich an der Abhängigkeit des armen Nachbarn oder des Schuldknechts. Die kapitalistische Herrschaft wird in der quasimittelalterlichen Spracherfindung von Hoffmannsthal schön anmetaphorisiert und gleichzeitig stramm argumentiert.</p>
<p>Jedermann:</p>
<p><em>„Geld ist wie eine andere War,</em></p>
<p><em>Das sind Verträg und Rechte klar.“</em></p>
<p>Der Gesell sekundiert:</p>
<p><em>„Wär schimpflich um die Welt bestellt,</em></p>
<p><em>Wenns anders herging in der Welt.“</em></p>
<p>Die Knechte wissen es immer noch ein bißchen genauer als die Herrn und der Schuldknecht hat sich eben verspekuliert. Der Schuldknecht muß seine Medizin nehmen. Das ist der deal. Der Schuldknecht argumentiert ja auch nur im System und pocht auf Barmherzigkeit und nicht auf Veränderung. Oder gar Grundrechte.</p>
<p>In diesem Kosmos des Besitzs wird der Gebrauch an anderen in der Übertragung von Besitz ausgedrückt. Wenn wir gleich zu Beginn erfahren, daß die Buhlschaft einen Lustgarten zum Geschenk bekommen soll, dann freuen wir uns. Die Buhlschaft wird so vielleicht zu einer Versorgung kommen. Sie kann den Garten ja immerhin wieder verkaufen und so ihr Leben bestreiten, nachdem sich der Herr Jedermann zu einer Heirat nicht bequemt. Vielleicht will die Buhlschaft ihn auch gar nicht. Wir wissen ja nicht, welche Angebote noch vorliegen. Zwar wird der Jedermann als der Reichste weit und breit beschrieben, aber das wird von liebedienerischen Angestellten gesagt und gilt damit nur in der inneren Logik dieser Unterwerfungen.</p>
<p>Die Buhlschaft bekommt gerade so viel Raum in diesem Stück, daß das Publikum ihrer gewahr werden kann. Sie ist das blühende Leben gegen die Blässe des Tods. Es ist ja ihr Fest. Sie bringt die Musiker mit und die Begleitung. Wie jede geübte Hostess beruhigt sie den, ob des Altersunterschieds unsicheren Jedermann und lobt seine „milden Hände und seinen steten Sinn“. Immerhin kann sie sich nicht auf seine feurigen Lenden beziehen. Das fiel dem Autor nicht ein. Es ist ein eher laues Getändel, das da abläuft. Aber es geht ja nicht um eine leidenschaftliche Wirklichkeit. Es geht ja eigentlich nur darum, daß Jedermann nicht verheiratet ist. Die Buhlschaft stellt also imgrund nur den ledigen Jedermann dar. Es geht nicht um einen heißblütigen Platzhirschen. Es geht nicht um einen Buhlen, der seiner Lust ungehinderten Lauf verschafft. Nein. Die Mutter Jedermanns beklagt es. Es geht um den Unruhefaktor „lediger Mann“. Das immerhin ist wirklich mittelalterliche Katholizität. Der lange Weg der Zivilisierung des Mannes erfolgte über die Monogamisierung und deren Verrechtlichung in den kirchlichen Ehegesetzen. Das beschreibt auch den langen Weg der Zivilisierung in den europäischen Kapitalismus. Die Versammlung des Vermögens auf rechtlich anerkannte Erben von einer jeweils einzigen Frau und der Ausschluß der Priester aus einer solchen Erbmöglichkeit durch das Zölibat. Es hat das alles zu den Jedermanns geführt. Eine Buhlschaft ist da die reine Illustration des Wildlaufens eines solchen Burschen. Am Ende ist das ja auch die einzige vorführbare Sünde. Hätte Jedermann rechtzeitig und standesgemäßt geheiratet, es wäre uns seine Bekanntschaft erspart geblieben. Dem Gott des Anfangs ärgert ja nur die Tatsache, daß die Jedermanns „schmählicher hinleben als das Getier“ und sich in den Buhlschaften ihre Lust verschaffen, ohne die katholische Uraufgabe des Kinderzeugens in der Monogamie zu erfüllen.</p>
<p>Die Buhlschaft ist so eine Art Dekoration von Jedermanns Burschenleben, der sich trotz Hab und Gut nicht in die Gesellschaft einordnet. Sie wird von Jedermann beim Bankett gefragt, ob sie ihn bis ins Grab hinein begleiten würde und die Buhlschaft gibt sehr vernünftige Antworten. Was der Autor als ihre Minderwertigkeit beschreiben will. Als die Oberflächlichkeit einer minderen und dazu noch weiblich minderen Person, das lesen wir heute als sehr vernünftiges Verhalten in einer schlimmen Abhängigkeitssituation. Die Sexarbeiterin hat ihr Honorar zu bekommen. Schlimm genug, das das offenkundig von der Gestimmtheit des Herrn Jedermann abhängig ist und wir atmen erleichtert auf, daß sie ihm so nett schmeichelt, wenn sie die jungen Liebhaber so beseite schiebt. Eine professionelle Haltung zeigt sich in dieser Buhlschaft, die ja keine Eigenschaft darstellt, sondern ganz in der Logik der Anlage des Stücks ein Objekt ist.</p>
<p>Alle Frauen in diesem Text sind Objekte Jedermanns. Die Buhlschaft ist das erste Objekt seines Begehrens, das über den Lustgarten beschrieben wird, den sie zum Geschenk bekommen soll.</p>
<p><em>„In diesem Gärtlein köstlich und mild</em></p>
<p><em>Ihr eigen abgespiegelt Bild.</em></p>
<p><em>Die allezit liebreich mich ergetzt,</em></p>
<p><em>Mit Hitz und Schattenkühl mich letzt</em></p>
<p><em>Und einem verschlossenen Gärtlein gleich</em></p>
<p><em>Den Gärner selig macht und reich.“</em></p>
<p>Das sagt Jedermann zum Gesellen, der den Garten kaufen gehen soll. Jedermann ist durch das Moralisieren seiner Mutter die Lust vergangen. Die Mutter hat aber auch gar zu viel vom Sterben gesprochen. In einem Theaterschauspiel würden wir vermuten, daß die Mutter einen Todeswunsch hat, der ihren Sohn miteinschließt und wir könnten sehr interessante Schlüsse auf die Figur ziehen. In diesem Zirkus der Verkörperungen erübrigen sich so feinfühlige Fragen. In einem solchen Stück werden Auftritte erfüllt.</p>
<p>Und die arme Buhlschaft. Sie wird durch die weiblichen Objekte eines spirituellen Begehrens ersetzt. Die Werke und der Glaube. Beide Begriffe werden durch Frauen verkörpert. Die Personifikation der Werke werden ja durch Jedermann zum Leben erweckt. Die Werke sind ein spiritueller Filter und es bleiben nur gute Werke im Sinn der ankatholisierten Spiritualität dieses Stücks hängen. Die weibliche Häßlichkeit und Schwäche der Personifizierung der Werke auf der Bühne ist ein Spiegel Jedermanns. Wir müssen daraus schließen, daß Moralität weiblich ist und die Buhlschaft der amoralische Kontrapunkt dazu. Die alte Geschichte von der Heiligen und der Hure wird da nachvollzogen. Oder besser. Diese alte Geschichte wird vorausvollzogen. Denn. Durch die Anlage in einem ungefähren Mittelalter wird ja alles, was da so gesagt wird, als in sehr viel früheren Zeiten Gesagtes behauptet. Ein geschlecherstiftender Mythos, wie der von der Huren und der Heiligen. Der wird damit neuerlich als vergeschichtlicht behauptet und bekommt so eine nette und neuerliche Erfrischung aus dieser behaupteten Geschichtlichkeit. Diese Behauptung wird ja in der Theateraufführung in die vorgelebte und unmittelbare Realität dieser Aufführung zur Wirklichkeit gemacht. So war das, wird dem Publikum vermittelt.  Das ist Ideologisierung vom Allerbesten. Ein Idealtypus von Ideologisierung ist das.</p>
<p>Der Kapitalist Jedermann bleibt dem folgend  auch in seinem Tod allen kapitalistischen Prinzipien treu. Darin natürlich kümmert ihn die Buhlschaft nicht mehr. Die Buhlschaft findet nicht eimal mehr in den Bühnenanweisungen Platz genug, von der Bühne geholt zu werden.</p>
<p>Jedermann versucht es erst konventionell und verlangt von seinen Abhängigen die Begleitung ins Grab hinein. Die Idee, daß diese Frau wie eine indische Witwe mit ihm ins Grab soll, diese Idee scheitert an der Verachtung von dieser Frau. Oder besser. Diese Idee scheitert an der Selbstverachtung des Männlichen, das die Verstärkung durch Männliches zu seiner Sicherheit benötigt. Nachdem die Gesellen und Vettern abgesagt haben und das Geld die Machtverhältnisse umbenannt hat, kapitalisiert Jedermann seine Verfehlungen. Obwohl. Wir wissen ja von keiner größeren Verfehlung. Der Teufel zählt zwar einige auf, aber konkrete Kunde bekommen wir davon nicht.</p>
<p>(„Konkrete Kunde.“ Dieser tümelnde Kauderwelsch an Sprachvermutungen Hoffmannsthals färbt sofort auf den Leser und die Leserin in unsäglicher Weise ab und führt zu solchen Formulierungen.)</p>
<p>Wir hören keine konkrekte Anklage Jedermanns. Es gibt kein ordentliches Gerichtsverfahren. Die Gewalten sind nicht voneinander getrennt. Jedermann ist lange vor der französischen Revolution situiert und kann in Geständnisse zerfließen. In diesen Geständnissen vollführt Jedermann die von ihm verlangte Einordnung. Jedermann fügt sich in die verlangte Unterwerfung und die beiden Frauen und seine Mutter freuen sich. Jedermann bringt seine Unterwerfung in den Tauschhandel ein und befriedet damit den Gott des Eingangsmonologs, der ziemlich grantig eine Art spiritueller Steuerprüfung abhalten will, weil man nicht so lebt, wie es ihm gefällt. Ein recht lächerlicher Gott ist das. Ein Zirkusgott halt.</p>
<p>Die Buhlschaft. Eine Schauspielerin wird immer nach ihrem Körper gemessen. Diese Messung wird sexistisch sein. Es gibt ja keine andere Sichtweise des weiblichen Körpers in der Öffentlichkeit als die Messung von attraktiv und nicht attraktiv. Attraktivität setzt voraus, daß Begehren aufgerufen werden kann. Sexuelles Begehren wird durch die jugendlichen sekundären Geschlechtsmerkmale angeregt. Deshalb muß die Buhlschaft ihren Busen so weit wie möglich entblößen. Und sie muß jung sein. Die Buhlschaft muß nämlich fotografiert werden und mit dem Bild der jeweiligen Schauspielerin als Darstellerin der Buhlschaft die Verbreitung der Bilder von einem solchen Stück betrieben werden. Die Attraktivität der Schauspielerin wird in der Darstellung der Buhlschaft zur Attraktivität dieses Ereignisses gesteigert. Wir könnten auch sagen, daß diese Attraktivität wieder die Personifikation dieses Ereignisses darstellt und damit in einem doppelten Bogen die Darstellung der Sexarbeiterin Buhlschaft im Foto der Darstellerin der Buhlschaft  eingesetzt wird. Je nach Blickwinkel wird ein solcher Einsatz Karriere genannt werden können. Oder ganz einfach sexistisch.</p>
<p>Die Wahrheit ist, daß Karrieren wahrscheinlich nur sexistisch zu machen sind. Je nach Geschlecht und der damit verbundenen, kulturell fixierten Attraktivität.  Deshalb hoffe ich, daß die Buhlschaft eine höhere Gage bekommt als der Darsteller des Jedermann. Die Buhlschaft muß sich schließlich in einer ganz anderen Weise zu Verfügung stellen. Das kann sie nur eine begrenzte Zeit. Die Darstellung von Geschlecht ist auf Jugendlichkeit beschränkt. Ich hoffe auch, daß die Buhlschaft so früh wie möglich von der Bühne kann und in aller Ruhe ein kühles Bier trinken. Oder was auch immer.</p>
<p>Die Buhlschaft kann auch aus dem Stück gestrichen werden. Sie taucht in dieser Männerwelt ohnehin wie eine pflichterfüllende Beifügung auf. Es genügte, es würde über ihre Bezahlung geredet. Dann müßte sie nicht gesehen werden. Die Gage sollte sie trotzdem bekommen und offizielle Fotos werden im Rollkragenpullover gemacht. Dann könnte uns diese unsägliche Veranstaltung des Jedermann vielleicht einen Schritt weiterbringen. Einen winzigen. Eine Bewußtmachung. Und die schöne junge Schauspielerin könnte eine ganz andere Rolle in aller Ruhe studieren. Oder eine Umschulung machen. Wie alle Sexarbeiterinnen und ihre Darstellerinnen hat sie das Recht auf Bildung.</p>
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		<title>Verachtung.</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Jun 2010 08:15:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Eröffnungsrede, Tagung zum weiblichen Part in Kunst und Kultur. 10. Juni 2010 in Graz Unlängst. In Wien. Es waren nur Frauen eingeladen. Juristinnen. Ärztinnen. Therapeutinnen. Managerinnen. Künstlerinnen. Ein Frauenabend also. Die Gästinnenliste selbst war schon eine wunderbare Bestätigung, was der, aus den Sozialreformen der 70er Jahre stammende, freie Zugang zu Bildung hergestellt hat. Zugleich muß [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eröffnungsrede, Tagung zum weiblichen Part in Kunst und Kultur.<br />
10. Juni 2010 in Graz</p>
<p>Unlängst.  In Wien. Es waren nur Frauen eingeladen. Juristinnen. Ärztinnen. Therapeutinnen. Managerinnen. Künstlerinnen. Ein Frauenabend also.</p>
<p>Die Gästinnenliste selbst war schon eine wunderbare Bestätigung, was der, aus den Sozialreformen der 70er Jahre stammende, freie Zugang zu Bildung hergestellt hat. Zugleich muß gesehen werden, daß soziale Techniken notwendig sind, die es ermöglichen, die Bildung dann auch in Karrieren umzumünzen. In der Gruppe dieser Frauen waren einige, die diese Techniken über ihre Familienzugehörigkeit mitbekamen. Aber. Es waren durchaus auch Personen darunter, die diese Techniken erwarben und so ihren Aufstieg noch um eines mehr sich selber zu verdanken haben. Der Abend war ganz absichtlich als networking Gelegenheit gedacht. Wir sollen – und wollten – einander kennenlernen und aus diesen Bekanntschaften Beziehungen entwickeln. Der weibliche Part daran war sicherlich, daß diese Beziehungen über Sympathie und Empathie hergestellt  und nicht einem rein ökonomischen Utilitarismus abgerungen werden sollten. Eine Verwendungsfähigkeit der anderen Person, bei der zuerst die Frage gestellt wird, ob diese Person in der eigenen Aufstiegsgeschichte von Nutzen sein kann oder nicht. Und erst wenn diese Frage positiv beantwortet werden kann, kommt die Möglichkeit des Beziehens auf. Weiblicherweise finden wir einander erst nett und fragen uns dann, ob das auch ökonomischen Sinn macht. Das ist am Ende dann nur eine andere Technik. Denn. Das Funktionieren in den ökonomisierten Zusammenhängen wird einfach abgefordert. Die weibliche Form des networking wird in der Personalentwicklung etwa durchaus theoretisch als die richtige Methode anerkannt. Deshalb sind aber eben trotzdem nicht alle Personalchefs Frauen. Vielleicht sind sie weiblich.</p>
<p>Zurück zum Frauenabend.</p>
<p>Es wurde geplaudert. Aperitive. Der Spargel lag zum Kochen bereit. Es wurde über das Essen und wieviel und wann und wie schafft es frau, sich gesund zu ernähren. Das Wetter. Dieser Abend lag noch in diesem unendlich verlängerten Winter dieses Jahres. Die Beziehungen. Und weil wir einander nich alle gekannt hatten, wurden die privaten Situationen kurz geschildert. Verliebt. Verlobt. Verheiratet. Vier Frauen lebten in Beziehungen. Vier Frauen lebten allein. Es wurde die Beziehung von Beruf und Lebensalltag besprochen und was sich verändert hatte. Die Bühnenbildnerin hatte eine neue Liebe gefunden. Nach einer Scheidung und über 50 ist das ein seltens Ereignis. Alle wandten sich ihr zu. Freundlich und bestätigend. Ja. Sie habe eine schreckliche Ehe hinter sich und habe die Scheidung 10 Jahre nicht wirklich bewältigt gehabt und nun dieses Glück. Und dann sagte sie. Ich zitiere wörtlich: „Die Ehe. Das war ja einmal Was. Das hat ja einmal etwas bedeutet und dann ist die Frauenbewegung gekommen und die jungen Leute haben jetzt überhaupt keine Werte mehr.“</p>
<p>Als Beobachterinnen unserer Kultur wissen Sie, daß es sich hier um eine Form der assoziativen Deklaration des zutiefst unsere Kultur bedingenden Reaktionären handelt. Diese Frau hat noch vor dieser Aussage ihre Ehe als Katastrophe der Unterdrückung beschrieben. Ihre eigene Erfahrung dient aber nicht als Bezug zu ihrer Weltbeschreibung. Sie selbst ist aus dieser Weltbeschreibung dann ausgeschlossen, wenn sie die Ehe als etwas beschreibt, was einmal etwas bedeutet hat, obwohl sie selbst und offenkundig am eigenen Leib diese Bedeutung kennengelernt hat. Sie kann sich offenkundig nicht als Teil der von ihr beschriebenen Welt begreifen. Die Dinge außerhalb sind nicht auf sie selbst beziehbar. Eine soziale Veränderung, wie sie die Frauenbewegung symbolisiert, muß bei einer solchen Abspaltung bedrohlich gesehen werden. Der Verlust der Norm bleibt als Angriff in Erinnerung, um damit die Norm in Erinnerung behalten zu können. Diese eine Veränderung. Die Auflösung der Ehe, die in ihren Augen stattfand, nachdem die Frauenbewegung „gekommen“ war, führt in eine Auflösung von Norm insgesamt. Die jungen Menschen haben keine Werte mehr. Die Unruhefaktoren Frau und junge Männer werden in einen einzigen Satz zusammengepfercht.</p>
<p>Nachdem die Bühnenbildnerin das gesagt hatte, schaute sie sich zustimmungheischend um. Es herrschte Schweigen. Dann vorsichtiges Gemurmel. Die Frauen hätten doch damals alle Gründe gehabt, sich zu wehren. Es wäre doch immer noch nicht sooo rosig. Dann sahen alle mich an.</p>
<p>Zu meinem Glück läutete mein handy. Der Computer hatte schneller gerechnet und ich konnte mit dem Schnitt an einem Videoessay für die 35 Jahresfeier der AUF Zeitung weiterschneiden. Ich entschuldigte mich und flüchtete. Ich halte den „Idiot’s guide to feminism“ oder Feminismus 1 nicht mehr.</p>
<p>Aber. Das ist das, was ist. Ich erzähle Ihnen diese Episode nicht, um mich über irgendeine Tussi lustig zu machen. Ich wiederhole diese Aussage, weil sie das ist, worin wir alle handeln. Und worin wir alle ganz besonderen Anforderungen der Vermittlung ausgesetzt werden. Als Künstlerinnen ebenso wie als Vermittlerinnen.</p>
<p>Beschäftigen wir uns einmal damit, was es bedeutet, daß die Formulierung lautet, „und dann ist die Frauenbewegung gekommen“. Es wird hier die Frauenbewegung zum Satzsubjekt gemacht, das sich selbst bewegt. Die Frauenbewegung wird zu einem Ding gedacht, das sich als Ganzes bewegt. Die Frauenbewegung wird von außen versiegelt. Sie wird „etwas“, das gekommen ist. Naturhaftigkeit wird da suggeriert. Die Bewegung selbst steht innerhalb dieses Temporalsatzes zur Disposition. Kommen beschreibt ja nur die Ankunft von woanders her. In den Zustand, in dem die Ehe einen hohen Wert darstellte, kommt die Frauenbewegung. Sie kommt aus einem anderen Bereich. Die Frauenbewegung wird hier so eingesetzt, wie über Migranten und Migrantinnen gesprochen wird, die von woanders her kommen und dann da sind und in diesem Da Sein schon die Störung begründet ist. Es muß nicht noch ein – von der Kronenzeitung vermutetes &#8211; Verbrechen begangen werden. Im Von Wo Anders Gekommen Sein ist das Verbrechen schon mitgedacht. Die Frauenbewegung stört also den Zustand, in dem die Ehe noch etwas wert war und nachdem die Frauenbewegung gekommen ist, haben die jungen Leute keine Werte mehr. Die Frauenbewegung saugt in dieser Satzkettte dem ersten Subjekt, der Ehe und im letzten Subjekt, den jungen Leuten den Wert auf. Die Frauenbewegung ist grammatikalisch so positioniert, daß vor ihr und nach ihr kein Wert mehr existiert. Der Vampirismus der Frauenbewegung ist in die Grammatik selbst eingesenkt. Die Frauenbewegung wird gleichzeitig im Temporalsatz zeitlich eingefrohren. Die Frauenbewegung wird zu einer einzigen, in der Zeit eingefangenen Bewegung, die zwar ihre Zerstörung in der Zeit ausübt, selbst aber in der Zeit eingeschlossen bleibt. Der Vampirismus in den Sarg gebannt, aber jederzeit eine Gefahr. Das wissen wir aus den Vampirfilmen der allerletzten Zeit.</p>
<p>Eine solche Satzkonstruktion kommt aus dem Predigt-Österreichisch, in dem wir alle unbewußt darin geschult werden, das Satzsubjekt zu substituieren und in diesem rein technisch grammatikalischen Akt die Sinnzusammenhänge herzustellen. In der Predigt ist die Gegenstellung Jesus/Nicht Jesus die Grenzziehung, der entlang über Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit entschieden wird. Die Kategorien, die diese Linie entlang einander gegenübergestellt werden, sind totale und unhintergehbare Setzung. Es gibt keine Verhandlung über diese Grenze hinweg. Damit wird Veränderung verunmöglicht. Alle Veränderung muß als Zerstörung aufgefaßt werden. Alles, was als grammatikalisches Subjekt nicht mit Jesus ersetzt werden kann, ist jene Gewalt, gegen die die Welt sich untertan zu machen ist. Die Bühnenbildnerin hat in diesem einen Satz der Frauenbewegung den Krieg erklären können, ohne es sagen zu müssen. Die Frauenbewegung wurde zur naturhaften Katastrophe, die alle hohen Werte gekostet hat. Die Frauenbewegung ist auch darin naturhafte Katastrophe wie etwa eine Überflutung oder ein Waldbrand, indem sie durch ihr Kommen den Raum des Werts besetzt hat. Der Gegner des Christlich-Katholischen muß immer in ein Territorium umgedacht werden, das es zu besetzen gilt. Das wird dann Mission genannt und speist den weiterhin aggressiven Arm der katholischen Weltkirche.</p>
<p>Hier. In unserer postkatholischen Kultur. Wir sehen, wie sich dieses Predigt-Österreichisch als Sprache der Macht in den Dienst der neoliberalen Umgestaltung der Spätmoderne stellt. Denn. Die Bühnenbildnerin lebt selbstverständlich das nette, fragmentierte Leben dieser Spätmoderne. Sie spricht kulturell katholisch, sie arbeitet selbstverständlich und gleichberechtigt ganz gegen dieses Sprechen, denn da müßte sie ja noch ihre eigene Ehe, die doch einmal etwas bedeutet hat, leben und eine künstlerische Arbeit steht diesem Ideal diametral entgegen. Die Frau der Ehe, die noch etwas bedeutet hat, die widmet sich dieser Ehe und stabilisiert dieses System. Das ist ihre Aufgabe. Dazu kommt. Und auch das halte ich für kulturell. Die Bühnenbildnerin hat Geld geerbt. Sie muß also nicht für ihr Leben sorgen. Sie kann in ihrem Leben dilettieren. Es wird nie jene Grenze erreicht werden, die die Bedrohung prekärer Arbeitsverhältnisse konstituiert. Und Künstlerinnen. Die leben da und ständig. Dieser Hintergrund illustriert nur die alte Koalition von Geld und Katholischem. In unserer Kultur war Geld immer eine kirchliche Tugend. In der spätmodernen Verfügbarkeit über alle diese Sinneinheiten verbirgt sich diese Koalition immer in neuen Konstellationen.</p>
<p>Aber. Diese Spaltung von Sprechen und Leben und Arbeiten ist die geltende Anordnung von Leben. Im Fall der Bühnenbildnerin läßt sich der Widerspruch leicht herausarbeiten. Eine solche Analyse muß aber auf alles Sprechen angewandt werden. Es muß aufgefunden werden, aus welchen Sprachen und den, durch sie gesprochenen Machtansprüchen, sich das Sprechen herleitet.</p>
<p>Das ist eine Aufgabe der Kunst. Der Künste. Den Weg in die Systeme voranzugehen. Expeditionen sind das, die aber nicht territorial gedacht werden dürfen. Es müssen Wege gefunden werden, die das räumliche Denken der Macht enthüllen, aber in diesem Nach-Denken schon eine nichträumliche Form der Betrachtung entwickeln und damit den Krieg nicht weiterführen, der in dem räumlichen Denken schon geführt worden ist.</p>
<p>Geführt worden ist.</p>
<p>Wir sind in diese Kriegsführung verstrickt. Wir sind in diese Kriegsführung verstrickt worden. Die neoliberalen Techniken des Umbaus des Gesellschaftlichen lassen keine andere Möglichkeit.  Unabhängigkeit ist ein Umstand des Materiellen.  Deshalb ist der Satz der Bühnenbildnerin auch nicht anders als die ewige Kriegserklärung der Reaktion zu interpretieren, weil sie ja die Möglichkeit hätte, aus einer materiellen Unabhängigkeit heraus, sich auch unabhängig zu verhalten. Das Geld nimmt die je zur Verfügung stehende Macht zur Symbiose. In unserer Kultur ist das das kulturell vermittelte Katholische, das ja dann zugleich auch das Österreichische ist in Ermangelung einer Nationenbeschreibung. Und statt diese Leerstelle als Freiraum zu benutzen, wird das Postkirchliche zur Stabilisierung eingesetzt. Stabilisiert wird heute die neoliberale Umverteilung „nach oben“.</p>
<p>Nun ist es eins, in Gesellschaft einem solchen Satz gegenüberzusitzen. Obwohl. Wir wissen, was das bedeutet. Wir müssen annehmen, daß in den weitesten Bereichen die Frau höchstens über die ökonomischen Überlegungen emanzipiert wurde. Daß also die Arbeitsteiligkeit von den 60er Jahren an die Benutzung der weiblichen Arbeitskraft benötigte und daß der Rückgang dieser intransitiven Emanzipation damit zu tun hat, daß der Anschub aus diesem Einbau dazu geführt hat, daß nun diese Arbeit weggedacht werden kann. Ich denke auch, daß wir uns darüber klar werden müssen, welcher Wert dieser Frauenarbeit gelassen wird und ob nicht dadurch, daß diese Emanzipation weitgehend intransitiv, also aufgetragen und nicht selbst erobert ist, der Beitrag einer Frau durch ihr Geschlecht entwertbar geblieben ist. Eine Entwertung ist das, die in dem Satz unserer Bühnenbildnerin in den Begriff Frauenbewegung aufgehoben in Mitwirkung gesetzt wird.</p>
<p>Damit sind wir auch schon beim Orchestralen unserer Lebensbedingungen. Dadurch, daß die Hegemonien selber die Entwertung der Norm vornehmen und dadurch den kritischen Bezug darauf verhindern. Dadurch, daß ein Leben als Kulturarbeiterin nicht mehr anders als prekär zu leben ist. Prekär leben heißt wiederum für sich selber die staatlichen Dinge persönlich zu regeln und als Unternehmerin im Selbst die Regierung zu vollziehen.  Prekär leben bedeutet also eine Verflechtung in die Macht. Prekär leben heißt die Unschuld der Machtlosigkeit durch erforderte Teilnahme zu verlieren. Gewonnen wird dadurch aber nur gerade wieder das Leben. Die Fragmentierung der Kulturarbeit in Projekte bedeutet nicht nur die Fragmentierung der Arbeit, sondern auch jeweils wechselnde Einbindungen in immer wieder andere Koalitionen und manchmal auch Komplizinnenschaften, die wiederum zurückführen in die Räume des Satzes der Bühnenbildnerin. Prozessuales Arbeiten wiederum läßt Erkenntnisse erst im Lauf der Arbeit erstehen und die kommen dann manchmal zu spät.</p>
<p>Und immer. Immer.</p>
<p>Eine Grundierung der Erfassung wird die unversöhnliche Linie von kulturell vermittelter metaphysischer Reaktion und dem Projekt der Aufklärung sein. Unsere Kunst sollte eigentlich längst nur der Kritik dieses Projekts gewidmet sein.</p>
<p>Aber. Wie aus dem Satz der Bühnenbildnerin geschlossen werden muß. Eine hegemoniale Sichtweise beruht darauf, die Vormoderne zu betreiben und in einer nostalgischen Wendung als die Zeit zu beschreiben, in der etwas richtiger gewesen war. Es ist das christliche Paradies, das immer schon gewesen ist und mit diesem Paradies wird der Gründungsmythos der Frau eingetragen. Die dann immer mitgedacht werden könnende Erschaffung der Frau aus diesem Rippchen des Manns. Der Sündenfall der neugierigen und geil zu denkenden Frau, der alles Übel in der Welt zu danken ist. Keine Aufklärung hat das in unserer Kultur je wirklich in Frage gestellt. Die Klosterschule war allen Schichten recht, der Frau diese Minderwertigkeit vor Augen zu führen. Und das muß nicht in täglichen Sadismen vorgeführt werden. Es genügt, die Unterscheidung in die Geschlechter, um auf dieser Ebene die Wertigkeiten zu beschreiben.</p>
<p>Das wiederum bedeutet, daß wir hier und heute immer auch noch mit einer ganz spezifischen Repräsentation beschäftigt werden, die auf dieser fundamentalistischen und universalistischen Sicht aufbauend mit genau dieser Repräsentation in den neoliberalen Diskurs eingreift.</p>
<p>Das neoliberale Streben färbt diese Fundamentalismen ironisch ein und kann so auf allen Ebenen dekonstruierend wirken. Der Effekt davon ist Verunsicherung und Angst auf der symbolischen Ebene. Auf der praktischen Ebene des prekären Lebens wird eine Einschränkung nach der anderen notwendig. Das nicht nur in Bezug auf die Lebenssicherung. Auch die Kunstarbeit muß in ironischen Griffen immer mehr Sinneinheiten unbearbeitet lassen, um überhaupt zur Erscheinung kommen zu können. Das Richtige kann immer nur das gerade Richtige sein. Die Arbeit der Kunstarbeitenden besteht in der Fassung eines eigenen und inneren Zusammenhangs, der den Werkbegriff ersetzend, eher in Farbtönen zu beschreiben ist und einer Wertung immer sofort entzogen bleibt. Go with the flow heißt das. Ernsthaftigkeit ist da eine Leistung, die das Leben kosten kann. Nie war es so schwer und so verzweifelt und einsam, Erkenntnis und Freiheit in eins zu bringen und dann auch noch ins Leben zu zerren.</p>
<p>Und natürlich. Angesichts der Riesigkeit dieses Unternehmens könnten wir den Satz der Bühnenbildnerin auch ganz einfach rechts liegen lassen. Die Frage ist dann aber, ob das, was von uns gesagt wird, eine Wirkung erzielen kann, mit der wir uns irgendwie einverstanden erklären können.</p>
<p>Die Spätmoderne läßt einen solchen Konflikt mit der Vormoderne ja recht lächerlich erscheinen. Das ist aber schon eine der Vorspiegelungen, die nur in diskursiven Innenräumen Bestand behalten. Wenn die Aufgabe der Kunst von Frauen die Kritik am Projekt der Aufklärung in der Form der Spätmoderne ist, weil dieses Projekt sich über den Ausschluß von Minderheiten definiert. Wenn die Kritikerin aus ihrer Kenntnis ihrer eigenen Situation der strukturellen Minderheit Frau die Konsequenzen für alle anderen Minderheiten mitbedenkt und mitkritisiert, dann muß es sicherlich darum gehen, darin verstanden zu werden. Um ein solches Verstehen herzustellen, wird gegen die vormoderne Nichtrepräsentation dieser Minderheiten in einer Wendung auch an der Repräsentation gearbeitet werden müssen. Immer ist auch noch die Sichtbarkeit und das Sehen Können der Minderheiten herzustellen. Das ist auch darin notwendig, eine Erinnerung an sich selbst zu konstruieren. Also das herzustellen, was die Macht an Minderheiten statuiert. Über die Nichtrepräsentation oder die Mißrepräsentation wird ja auch den Mitgliedern der Minderheit selbst die Geschichtslosigkeit aufgezwungen. Das bedeutet, als Mitglied einer Minderheit wird jeder Augenblick schon im Gelebt Werden dem Vergessen übergeben und eine Erinnerung an dieses Vergessen muß dann die eigene Geschichte konstruieren.</p>
<p>Diese Erinnerung ans Vergessen. Das kennt jede Frau. In dieser Erinnerung ist auch jede Frau die Verachtete. In dieser Erinnerung transportiert jede Frau die Verachtung durch die Macht und ist gezwungen, als ja auch Teil der Mehrheit, die Minderheit in sich zu verachten. Diese schwierige Innerlichkeit scheint mir eine Strategie zu sein, die Frauen dann untereinander auf sich richten.</p>
<p>Die Bühnenbildnerin hat es sich auch darin leicht gemacht.  Sie hat die Verachtung der Frauen in die Frauenbewegung gebündelt, von der sie im übrigen nichts weiß und darin das Sich Vergessen Müssen geradezu feiert. Indem sie die bösen oder schlimmer noch, die sexualisierten Frauen der Frauenbewegung für das Böse in der Welt verantwortlich macht, spaltet sie die bösen Frauen ab und bleibt für sich auf der guten Seite, die in der Ehe noch einen Wert sieht, weil sie sich da einem Mann unterwerfen kann.</p>
<p>Wir.  Ich. Queer-feministische kritische Kunstarbeit und deren Vermittlung. Denn. Alles, was sich dieser Kritik nicht verpflichtet fühlt, fällt in den Rahmen der Stabilisierung der Hegemonie. Das ist dann die Schaffung von scheinkritischen Selbsthilfegruppen der Eliten, die  wiederum in der neoliberalen Spätmoderne immer auch  ein wenig Kritik transportieren. In diesem Transport kann der weibliche Part aber dann auch von Männern erfüllt werden und kann durchaus die Erfüllung der Liebesarbeit sein. Getroffen habe ich einen solchen Zustand in unserer Kultur nicht. Im Gegenteil. Wir finden die Frauen in den bedrängten Situationen der Institutionen als Retterinnen, die fünfmal so viel arbeiten müssen, um an sich selbst mit den Sparprogrammen zu beginnen. Das ist notwendig. Das mag notwendig sein. Die Erfüllung solcher Anforderungen kommt aber aus den Möglichkeiten der Selbstverachtung und muß darin identifiziert werden. So festgestellt und benannt, kann diese Sinneinheit wiederum eingebaut werden. Das ist schmerzhaft. Die Feststellung, daß nicht die eigene Besonderheit oder Klugheit oder meinetwegen Schönheit dazu geführt hat, daß frau an eine bestimmte Stelle gelangt ist. Daß es die Bereitschaft war, diese Selbstverachtung und die daraus mögliche Selbstausbeutung zur Verfügung zu stellen und eine unmögliche Budgetsituation zu akzeptieren und das Unmögliche zu versuchen, eine Institution umzukrempeln und am Laufen zu halten. Dann ist das auch eine Stärke. Wenn diese Stärke wiederum zur Neoliberalisierung von Institutionen führt, dann sind wir wieder zurück auf Punkt Eins und müssen zur Kenntnis nehmen, daß die Handlungsspielräume sehr enge Gegenden geworden sind und ein Spiel nicht mehr möglich.</p>
<p>Für die Überwindung dieser Selbstverachtung, die kulturell so tief verankert ist, werden aber Spielräume gebraucht. Das wiederum heißt, daß eine Künstlerin in ihrer Arbeit die Repräsentation herstellen muß, um überhaupt den Gegenstand ihrer Kritik zur Erscheinung zu bringen. Sie muß in ihrer jeweiligen Sprache den Raum schaffen, dieses Spiel in Gang zu bringen, das das Sprechen in dieser Sprache ausprobiert und erobert. Sie muß sich gegen den Satz der Bühnenbildnerin auch als Person wappnen. Die Minderheit Intellektuelle/Künstlerin setzt in unserem Raum aggressive Reaktionen frei, die sich das Vergessen Machen dieser Arbeit zur Aufgabe machten. Vernichtung des Projekts der Aufklärung ist ein immer noch kulturell verankertes Ziel und wird gern an Frauen in der Öffentlichkeit vorgeführt. Kritikerinnen dieses Projekts fallen dann in eine doppelt notwendige Vernichtung und es wäre gut, sich der hierin vorhandenen Geschichte bewußt zu sein. Von Bachmann bis Jellinek ginge da ein Einführungskurs, wie die Frauengeschichte überhaupt selbstverständlicher Bestandteil jedes Bildungswegs sein sollte. Es ist abschreckend primitiv, die Formulierung „dann ist die Frauenbewegung gekommen“ zu hören und gleichzeitig wissen zu müssen, daß die Frauenbewegung als das So Andere da gemeint ist, daß es nicht einmal beschrieben werden muß.</p>
<p>Das ist auch ein Bildungsproblem, das von den Institutionen ernst genommen werden sollte und in Nachziehverfahren nachgereicht. Das wäre dann endlich zivilisiert. Und ich würde vorschlagen, in einem großen Projekt die Arbeit, die Sie hier in Graz ja ganz ohne Zweifel mit viel Erfolg bereits begonnen haben. Daß sie ein Projekt schaffen, in dem Sie sich aufeinander so beziehen, daß schon durch dieses Beziehen, die Verachtungsstrukturen nicht mehr erinnert werden können.</p>
<p>Achtungsvolle Zusammenarbeit an einem Projekt der Hebung auch der jüngsten Geschichte der Arbeit der Frauen in Kunst und Kultur hier. Es geht immer darum, das gelernte Vergessen. Das dringlich abgeforderte Training des Selbstvergessens. Und. In diesem selbst herzustellenden System eines Erinnerns daran, sich nicht erinnern zu sollen, wird nun noch eine ganz andere Anordnung von Geschlecht betrieben.</p>
<p>Es geht immer darum, das gelernte Vergessen aufzuheben und alle Formen von Umschreibungen dazu zu benutzen, zumindest die Sicht auf sich zu behalten. Das könnte frau Freiheit nennen. Vielleicht. Achtungsvolle Zusammenarbeit. Und bitte lassen Sie jetzt kein kitschiges Bild von Betulichkeiten aufsteigen. Achtung ist eine ziemlich harte Sache, die viel gibt, aber genauso viel verlangen muß. Also verlassen wir jetzt und hier gemeinsam die aufsteigenden Bilder einer Frauenbewegung, die so daher kommt und nach der Verwüstung der Werte wieder vergessen werden muß. Verschaffen wir uns die Wahrheiten. Und wie gesagt. Achtungsvoll einander gegenüber. In der Technik des Einfärbens, wie das die neoliberale Spätmoderne so macht. In der Technik des Einfärbens ließe sich dann ein neuer Farbton erfinden. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir diesen Ton dann benutzen, dann wird das ja auch zu Auswirkungen führen. Gelungen können wir das dann auch Ästhetik nennen.</p>
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		<title>Zum 8. März.  Frauentag.</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Mar 2010 06:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>

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		<description><![CDATA[Der dringende Aufruf zur Gründung einer Männerbewegung und deren Aufnahme in die Frauenbewegung zur Begründung eines genderdemocratic gendermovements. In mehreren Kulturen weltweit werden Frauen abgetrieben und durch Männer ersetzt. Die Geburt wird nur noch Söhnen zugestanden. Töchter werden vernichtet. In riesigem Ausmaß findet ein gendercide statt. Den Frauen wird das Leben genommen, bevor es überhaupt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der dringende Aufruf zur Gründung einer Männerbewegung und deren Aufnahme in die Frauenbewegung zur Begründung eines genderdemocratic gendermovements.</h3>
<p>In mehreren Kulturen weltweit werden Frauen abgetrieben und durch Männer ersetzt. Die Geburt wird nur noch Söhnen zugestanden. Töchter werden vernichtet. In riesigem Ausmaß findet ein gendercide statt. Den Frauen wird das Leben genommen, bevor es überhaupt beginnen konnte.  Den Männern wird ein Leben gegeben, in dem sie duch ihre Überzahl wertlos gemacht werden. Der Verlust der Frauen kostet die Männer ihre Bedeutung. Und. Das Leben dieser Männer wird sich nicht in einem gesellschaftlichen Zusammenhang bewegen. Sie werden sklavenähnlichen Status eingeräumt bekommen. Leben überhaupt wird so ersetzbar gemacht. Die Grundrechte dieser Männer sind in einer solchen Konstruktion von Anfang an nicht zugestanden. Männer werden endgültig Material. Krieg. Gewalt. Industrie und industrielle Landwirtschaft. Und die Bändigung dieser unfruchtbaren Männerscharen.</p>
<p>Material im Überfluß führt zu Verschwendung.. Die Verfügung über die Männerleben wird vollkommener sein als es je bisher der Fall war. Der Mehrwert an Bedeutung durch  Männlichkeit löst sich in einer reinen Männerwelt auf. Es gibt ja das Andere nicht, wenn es keine Frauen mehr gibt, gegen die die Männer sich höher einschätzen können. Die männliche Selbsttäuschung über die eigene Lage wird damit endgültig obsolet.  Die jetzt schon nicht zu übersehende Dekadenz männlicher Selbstüberschätzung führte ohne Politisierung des Geschlechtsaspekts direkt in neue Rechtlosigkeit und Unterdrückung.</p>
<p>Geschlecht entscheidet weiterhin über das Leben.</p>
<p>Wir dachten in den 60er und 70er Jahren, in der Übernahme der Selbstverantwortung könnten Frauen sich in den Besitz der Grundrechte bringen. Im Bewußtsein der privilegierten Situation unserer westlichen Kulturen wollten wir, geschützt von der Institution des Rechtsstaats und der Demokratie, den Beweis erbringen, daß wir uns dieser Rechte wert erweisen. Achtung und Würde sollten unsere damals neuen Lebensentwürfe belohnen und ein Modell vorstellen, wie Minderheiten – Frauen sind in allen Kulturen strukturelle Minderheiten, einmal minderer, ein andermal nur minder – an Demokratie teilnehmen können und gleichzeitig kein Zwang zur Anpassung angewandt wird.</p>
<p>Achtung und Würde sind Voraussetzungen für die Teilnahme an Gesellschaft. Achtung und Würde stellen jenen Raum um eine Person her, der auch politische Bewegung garantieren soll.</p>
<p>Um diesen Raum. Und. Dieser Raum soll ja jeder Person zugestanden werden.  Unabhängig von der persönlichen Wahl des Geschlechts. Um diesen Raum ist ein sehr territoriales Begehren entstanden. Von der Seite der Kunst wird mit Hilfe der Verunglimpfung dieses Raums Provokation entfacht und damit ein Widerspruch von Gesellschaft und Kultur konstruiert, der den Künstler ermächtigt, diesen Raum der Achtung und Würde invadieren zu dürfen. Wenn vor das Museumsquartier ein verstümmelter Frauenkörper gelegt wird, an dem die Amputationen der Gliedmaßen realistisch angezeigt sind. Wenn dieser Frauenkörper begehbar ist und das Innere ein Café abgibt. Wenn dieser verstümmelte Frauenrumpf die Wand für den windgeschützen Konsum von Heißgetränken bildet. Dann reißt der Künstler eine Kluft zwischen Kultur und Gesellschaft auf und behauptet, die Freiheit der Kultur müsse über die gesellschaftlich zuzustehende Achtung und Würde triumphieren.  Es ist eine sehr männlich heterosexuelle Freiheit, die sich hier dieses Frauenkörpers bemächtigt und zu diesem Konsumraum verdinglicht. *)</p>
<p>Kunst ist diese Angelegenheit einmal ohnehin nicht. Aber. Dieser kleine Triumph des Künstlers im kleinen Augenblick der Repräsentation seiner Bemächtigung. Zuerst einmal ist das Gesellschaftliche als Rahmenbedingung von Leben bei weitem ernster zu nehmen als kulturelle Phänomene. In den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden die Leben gelebt. In den kulturellen wird ihre Ausgestaltung ermöglicht. Politik ist allemal wichtiger als Kunst. Erst die Wechselwirkungen zwischen den beiden Sphären stellen überhaupt die Grundlage für Kunst her. Und selbstverständlich. Die Kunst soll sich gerade in der Untersuchung, wie diese Wechselwirkungen sich vermitteln und welche Auswirkungen sie haben, ohne Regeln ausüben. Was aber die Benutzung von Achtung und Würde betrifft. Und in diesem mutilierten Frauenkörper ist der Verweis auf die Schändung des Frauenkörpers enthalten, der wiederum durch die Benutzung als Café in eine neuerliche Schändung gedreht wird. Was aber die Benutzung von Achtung und Würde betrifft. Immer wird bei einer solchen Anordnung die Canettische Stachelmechanik ausgelöst. Canetti postuliert ja, daß jede Schändung und Beleidigung in Form eines Stachels in den Rücken gestoßen wird und von der so angestochenen Person so schnell wie möglich weitergegeben werden muß. Bei einem Projekt wie dem vor dem Museumsquartier sieht frau die Stacheln nur so in die Rücken fliegen. Die Stacheln werden aber hierarchisch weitergegeben und enden auf den Rücken der Schwächsten. Wer sind die Schwächsten in unserer Gesellschaft, die dann zugleich die Schwächsten in unserer Kultur sind. Alle, die kein Geld haben. Alle, die keinen Job haben. Alle, die keinen Aufenthalt haben. Am Ende werden das Frauen und Fremde sein. Der Macher ist dann auch nur ein Jäger der Schwachen. Wie alle Hegemonialen halt.</p>
<p>Im besten Fall ist man als Künstler dann in der Jagdgesellschaft mit der Kronen-Zeitung unterwegs, die als Medium das Politische in Kultur umschreibt. Das ist ja das Fürchterliche an dieser Zeitung. Im Fall des Swingerclubs vor dem Beethovenfries der Sexession geschieht das aufs Kindischte, aber die Secession sollte sich in ein Puff umbauen. Dann müssen wir uns nichts mehr denken und der Vorstand kann als Madame endlich unternehmen, was sie sowieso immer machen. Auswahl. In einem solchen Institut wird ja sowieso immer ausgewählt. Oben zwänglich und nach selbstgefaßten Kunstkriterien. Unten je nach Angebot. Freiheit ist ja auch das nicht. Aber wenn in der Secession gefickt werden soll, dann soll man sich nicht zieren und es Kunst nennen. Auch wieder haben wir einen konstruierten Gegensatz von Kultur und Gesellschaft und Sinnlosigkeit darin.</p>
<p>Und. Während das alles vor sich hinstrampelt, verlangt der Monarch Österreichs, Herr Dichand, eine eidesstattliche Erklärung von Frau Rosenkranz, damit er wieder gut schlafen kann und seine Kolumne nicht ändern muß. Wer will Frau Rosenkranz etwas glauben und wer will dem Glauben von Herrn Dichand das dann abnehmen. Und warum sind die Frauen als Kandidatinnen für das höchste Amt im Staat immer aus der rechten Ecke und warum immer über die Frauenrolle definiert. Letzthin die Katholikin, die sich ferrerowaldnerisch schnell kirchlich scheiden ließ, um blütenweiß in die Hofburg einziehen zu können. Und nun eine Vertreterin der absichtsvollen Agentin deutschnationalsozialistischer Männlichkeit. Mit Frau Rosenkranz hätten wir ja eine Frau an der Spitze des Staates, die sich selber in der Zuträgerinnenrolle für den Mann sieht und sich selbst an zweiter Stelle denkend und hinter/neben dem Mann&#8230;.. kann sie denn da überhaupt antreten, wenn sie doch eigentlich sich da gar nicht sehen können darf. An der ersten Stelle. Oder würden wir doch Herrn Rosenkranz dann als Bundespräsidenten bekommen. Der Mann durch die Frau repräsentiert. So haben wir das nicht gedacht.  Und deshalb zurück zum Anfang.</p>
<p>* &#8220;Bikini Bar&#8221; vor dem Museumsquartier Wien</p>
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		<title>Ausstellung. Österreich, 4. Februar 2000. Die Zeit danach.</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Feb 2010 11:00:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Ausstellung - Die Zeit danach]]></category>
		<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[schwarzblau]]></category>

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		<description><![CDATA[Jeden Tag ab 4. Februar ein Text online zur politischen Erinnerung. Wie die blauschwarze Regierung Österreich zum Musterland der Effizienzideologie machte und dabei Demokratie und kritischen Geist austrieb. zur Ausstellung]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jeden Tag ab 4. Februar ein Text online zur politischen Erinnerung.</p>
<p>Wie die blauschwarze Regierung Österreich zum Musterland der Effizienzideologie machte und dabei Demokratie und kritischen Geist austrieb.<span id="more-2394"></span></p>
<p><a href="http://www.marlenestreeruwitz.at/category/online-lesen/ausstellung-die-zeit-danach/" target="_self">zur Ausstellung</a></p>
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		<title>Revolution in Zeiten der Effizienzideologie</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2009/10/28/revolution-in-zeiten-der-effizienzideologie/</link>
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		<pubDate>Wed, 28 Oct 2009 16:30:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>

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		<description><![CDATA[Rede am 28. Oktober im besetzten Audimax der Universität Wien. Lassen Sie mich mit dem Artikel 4 der Erklärung der Menschen-und Bürgerrechte vom 26. 8. 1789 beginnen. „Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. So haben die natürlichen Rechte jedes Menschen keine anderen Grenzen als die, die den anderen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rede am 28. Oktober im besetzten Audimax der Universität Wien.</p>
<p>Lassen Sie mich mit dem Artikel 4 der Erklärung der Menschen-und Bürgerrechte vom 26. 8. 1789 beginnen.</p>
<p><em>„Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. So haben die natürlichen Rechte jedes Menschen keine anderen Grenzen als die, die den anderen Mitgliedern der Gesellschaft den Genuß der gleichen Rechte sichern. Diese Grenzen können nur durch das Gesetz bestimmt werden.“</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Was Sie in Ihrem vorläufigen Forderungskatalog vom 25. Oktober 2009 verlangen, ist 210 Jahren immer noch das Ringen um die Möglichkeit dieser Freiheit. Sie verlangen in Ihrer Forderung nach Bildung in der Ausbildung jene Sprachen erlernen zu können, die Ihnen die Kritik an eben jener Ausbildung und deren Sprachen ermöglicht. Freiheit ist ein Zustand geworden, der mit den verinnerlichten Institutionen ausgetragen werden muß. Es genügt nicht mehr, daß irgendjemand Ihnen einen Weg weist oder ein Instrument an die Hand gibt. Als postmodern fragmentierte Personenkonstruktionen müssen Sie – und haben die Gelegenheit – Ihre eigene Freiheit in sich selbst erkämpfen. Sie müssen sich selbst bilden, um ihre Selbstbestimmtheit herstellen, im Herstellen erkennen und in der Erkenntnis kritisieren zu können. Das ist ein das Leben herstellender Prozess und nur mehr persönlich zu leisten. Das, was an Gesellschaftlichkeit von der Effizienzideologie der alles durchdringenden Verwirtschaftlichung in der Folge des endgültigen Endes des Kalten Kriegs übrig gelassen wurde, wurde das, weil es dieser Effizienz dienlich ist. Dieser Rest an Gesellschaftlichkeit stellt mit Mühe noch die Sprachen zu Verfügung, in denen Effizienz gesprochen werden kann. Die in den Geist eingewanderte Effizienz. Erinnern wir uns. Sie gehören den Generationen an, denen schon im Kindergarten diese paar Brocken Englisch beigebracht wurden, weil man schon damals begann, Ihre drohende Arbeitslosigkeit zu bearbeiten. Ihre Biographien sind aufs Engste mit der Angst verwoben, keinen Arbeitsplatz finden zu können. Der Arbeitsplatz wird dabei kongruent mit Platz in der Welt gedacht. Der Arbeitsplatz muß stellvertretend für den Platz in der Welt gedacht werden, weil sich alles über diese Einordnung und Einordenbarkeit entscheidet. Die Sichtbarkeit einer Person und ihre Möglichkeit, einen Lebenslauf überhaupt zu denken, geschweige denn zu gestalten, ist auf diese Einordnung bezogen.</p>
<p>Mit der Forderung nach Bildung in der Ausbildung wollen Sie die Grenzen sprengen, die die derzeitigen Gesetze in einem politischen Nachvollzug der wirtschaftlichen Effizienzideologie gezogen haben. Wie an der Universität des 18. Jahrhunderts sollen Staatsdiener an den Universitäten herangebildet werden. Diese Staatsdiener sollen schon effizient ausgebildet sein und die Behinderungen, die Bildung und die, von ihr aufgeworfenen Fragestellungen, keine Zeit kosten. Und kein Geld. Im Gegensatz zum 18. Jahrhundert stellt sich nicht mehr die metaphysische Frage der Ewigkeit und das geistig-seelische Wohl der Studierenden muß nicht mehr in Fürsorge in dieser Frage bedacht werden. Die postmoderne Demokratie – aber besonders die seltsam passive Quasidemokratie in Österreich – begibt sich ängstlich jeder Frage der Ethik. Erinnern wir uns, daß unsere Demokratie mit einem gediegenen Anteil von nationalsozialistischen und austrofaschistischen „Wählern“ und „Wählerinnen“ 1949 begründet wurde. Damals wurde eine Zugehörigkeit zu einem Österreichischen, also eine nationalistische Geburtszugehörigkeit  als Grundmaß des Demokratischen zur Grundlage genommen. Unser Parlament ist demzufolge mehr eine Nationalversammlung, denn ein demokratisches Parlament, für das der oben zitierte Artikel 4 der Menschen-und Bürgerrechte aus dem Jahr 1789 damit noch gar nicht zur Anwendung kommt. Die Folgen davon werden uns im Parlamentsalltag vorgeführt. Eine der Folgen ist die ängstliche Vermeidung von ethischen Fragen. Die Antworten werden in Gesetzen wie der neuen Asylverordnung inhaltlich gegeben und wieder sehen wir, daß gegen den Artikel 4 der Menschen-und Bürgerrechte des Jahres 1789  verstoßen wird. Dies aber, ohne die dahinter liegenden Vernichtungswünsche der Anderen offen mitzuteilen, die von dieser Regelung betroffen sind.</p>
<p>Erinnern wir uns dann noch, daß die österreichische Politik seit dem Jahr 2000 keine Kommunikation mit der Öffentlichkeit mehr unterhält. Die pädagogische Haltung der Regierungen Schüssel 1 und Schüssel 2 zu Demonstrationen, bei denen die Polizei den Demonstranten in einer Art Kindergartenbetreuungsfunktion an die Seite gestellt wurde und sanfte Disziplinierung ausgeübt wurde. Disziplinierung aber doch. Wenn wir uns erinnern, daß diese Haltung – übrigens eine monarchische Übung, sich in die Gemächer zurückzuziehen und den Mob draußen ins Leere laufen lassen und im schlimmsten Fall eine Reise ins Ausland unternehmen und das Kinderzimmer zuzusperren. Diese Haltung läßt nicht viel an äußeren Reaktionen erwarten. Die Medienreaktionen, die Ihnen freundlich zureden, die Ihnen aber inhaltlich nicht einen Millimeter entgegenkämen, wenn Sie in diesem Medium ein Praktikum machen wollten. Diese Medienreaktionen sind nur die andere Seite einer herablassend anpädagogisierten Haltung. „Laßt die Jungen machen. Jugend muß toben und Gott sei Dank, sie bewegen sich noch.“</p>
<p>Das, was Sie in Ihrem Forderungskatalog verlangen war verwirklicht. Das UOG 1975 hatte die Drittelparität auf allen Ebenen durchgesetzt und Ihre Forderungen nach Didaktik und Arbeitsplatz und wirtschaftlicher Sicherheit waren zumindest als Notwendigkeiten erkannt. Das Firnberg UOG wurde in der Folge von Politikern der ÖVP zu einem gesetzlichen Rahmen zurückgebaut, in dem die spitze Hierarchie den Universitätsprofessor wieder in Allmacht installierte. Gleichzeitig wirken auf diesen Universitätsprofessor und die wenigen Universtiätsprofessorinnen dieselben Zensuren der Effizienz und das Ergebnis sind Überforderungen, die nicht mehr dargestellt werden können, weil sich alles auch da nur mehr im Inneren der Personen abspielt. Der Universitätsprofessor hat dann immer noch verschiedenen Instrumente einer Abfuhr zur Hand. Aber die digitalisierte Bürokratisierung, die die Effizienzideologie umsetzen muß, läßt selbst dafür wenig Spielraum. Der Verteilungskampf wird in die Unendlichkeit von Sitzungen getragen und die Entscheidung über Qualität unterliegt einer auf ein Innen beschränkten Gruppendynamik.</p>
<p>Für Sie heißt das, daß Sie kein Ergebnis haben dürfen. Sie müssen diese Forderungen, die Sie in Ihrem Forderungskatalog aufgestellt haben, in den Jahren Ihres Studiums in jedem Augenblick zur Prüfung Ihrer Wirklichkeit erhalten. Sie müssen eine Kultur entwickeln, die sich ohne großartige Ergebnisse mit einer nachhaltigen Veränderung beschäftigen kann. Das erste Anzeichen, daß das möglich sein wird, sehe ich in der Tatsache, daß Sie sich keinen Zeitplan gesetzt haben. Schließlich ist Ihr Studium Ihr Rahmen auf der Basis der Ihnen zustehenden Freiheit. Und. Sie haben mit Ihrem Einsatz hier etwas unternommen, was nun jahrzehntelang nicht der Fall war. Nicht möglich war. Wie auch immer. Sie verteilen die Sorge um sich und das eigene Studium auf alle Studierenden. Das ist im klassischen Sinn noch nicht revolutionär. Aber in einer Kultur, wie dem Österreichischen, das der französischen Revolution und deren Ergebnissen nach wie vor feindlichst gegenübersteht. In einer solchen Kultur ist ein so sanfter Anfang wirkungsvoller und ich wünsche Ihnen persönlich und Ihnen als Menge der Studenten und Studentinnen daß es gelingt, der Ausbildung Die Bildung abzuringen, die ein gutes Leben im Rahmen einer bewußten Freiheit erst möglich macht.  Sie haben den grammatikalischen Schritt von einer Berechtigung in eine Berechtigtheit gemacht, in der Sie diese Freiheit als Ihr Recht selbstverständlich in Anspruch nehmen und verteidigen und nicht darauf warten, daß sie eine Berechtigung zugeteilt bekommen. Ich wünsche allen Erfolg.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>monday lectures: Oktober.</title>
		<link>http://www.marlenestreeruwitz.at/2009/10/05/eroffnung-der-isop-weltnacht-am-30-september-in-graz/</link>
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		<pubDate>Mon, 05 Oct 2009 18:30:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Institute for Critical Studies of Austrianess]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Durcharbeitung der Gegenwart in Bruchstücken. An jedem ersten Montag im Monat. Eröffnung der ISOP Weltnacht am 30. September in Graz. Am vorigen Wochenende fand in Graz der Österreichische Soziologenkongress statt. Samstag waren die Filmemacherin Ruth Beckermann und ich eingeladen, über die Möglichkeiten der Darstellung des Jetzt zu diskutieren. Es ging um einen Methodenvergleich. Wer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<address>Die Durcharbeitung der Gegenwart in Bruchstücken.</address>
<address>An jedem ersten Montag im Monat.</address>
<h2>Eröffnung der ISOP Weltnacht am 30. September in Graz.</h2>
<p>Am vorigen Wochenende fand in Graz der Österreichische Soziologenkongress statt. Samstag waren die Filmemacherin Ruth Beckermann und ich eingeladen, über die Möglichkeiten der Darstellung des Jetzt zu diskutieren. Es ging um einen Methodenvergleich. Wer kann es besser. Die Soziologen oder Soziologinnen. Die Autoren oder Autorinnen/Filmemacherinnen. Diskutiert wurde mit einem Fachpublikum der Soziologie.</p>
<p>Die Diskussion verlief wie immer bei Methodenvergleichen mit all den Mißverständnissen über Begriffe und Deutungen. Wie immer waren aber gerade diese Mißverständnisse erhellend und erklärend. Eine normale Diskussion. Nicht sehr konfrontativ. Es wurde eher klar, wie sehr die beiden Ausdrucksformen des Wissenschaftlichen und des Kreativen ineinander greifen und daß es eher schwierig wäre, genaue Grenzen zwischen den „Disziplinen“ zu ziehen.</p>
<p>Am Ende der Diskussion meldete sich eine Frau aus dem Publikum zu Wort und sagte, daß sie nun wirklich etwas sagen müsse. Mit verhaltener Wut, sagte diese Frau, daß sie mit einem Künstler verheiratet sei. Mit ihrem Mann spräche sie dauernd über das, was er macht und was sie mache und sie fände das, was er macht, also die Kunst, sehr viel komplizierter als das, was sie mache, nämlich die Soziologie. Deshalb dürfe sie das, was sie sagen wolle, auch wirklich sagen. „Ich darf das jetzt einfach.“ sagte sie. Das was sie sagen wollte, betraf dann uns die Filmemacherin und die Autorin. Die Künstlerinnen. „Bevor wir endgültig in der Anbetung der österreichischen Autorinnen versinken.“ lautete die Einleitung zur Aussage, daß es offenkundig notwendig wäre, so unsystematisch zu arbeiten, wie diese Künstlerinnen und dann hätte die Soziologie vielleicht auch mehr Erfolg, wenn sie ihre wissenschaftliche Systematik aufgäbe. Im übrigen wenn sie schon diese Begriffe höre wie wissenschaftliche Enthaltsamkeit oder die Suche nach Wahrheit. Da frage sie sich, was denn das alles solle. Die Frau war sehr agitiert. Während des Satzes „Ich darf das jetzt einfach.“ schaute sie wütend trotzig vor sich auf das Pult und schlug mit der flachen Hand den Takt zu diesen Worten.</p>
<p>Was bedeutet eine solche Wortmeldung, die sich in ihrer Emotionalität von der Umgebung der Diskussion unterschied. Ärger und Wut wurden da ausgedrückt. Was bedeutet eine solche Wortmeldung, die sich dann nur in der Umgebung von den üblichen Angriffen auf intellektuelle Frauen unterscheidet. Ich hätte einen solchen Angriff in einer Diskussion mit Soziologen und Soziologinnen am wenigsten erwartet. Solche Angriffe finden sich normalerweise in den postings zu  Presse-Artikeln oder Fernsehauftritten oder in den Antworten von Festspielintendanten auf Kritik an ihrem Festspiel. Solche Angriffe werden gegen intellektuelle Frauen gerichtet. Also Frauen, die in Denken und Äußern existieren und nicht in der Vernutzung ihres Körpers auf welche Art auch immer öffentlich in Erscheinung treten. Also Frauen, die öffentlich sprechen, ohne sich von einer hegemonialen Sprechmacht abzuleiten. Frauen, die sich ihre Situation in den Verhältnissen der Macht vergegenwärtigen. Frauen, die sich ihrer Zugehörigkeit zur strukturellen Minderheit Frauen bewußt machen und schon darin politisch auftreten. Frauen, die eine andere Ordnung der Welt wollen als die postpatriarchale Herrschaft einer Männlichkeitskonstruktion, die auch den demokratischen Mann ausschließt .  Und. Lassen Sie uns die Gruppe dieser intellektuellen Frauen stellvertretend für alle strukturellen und realen Minderheiten hier in die Formel des öffentlichen Umgangs mit diesen Gruppen einsetzen.</p>
<p>Lassen Sie uns untersuchen, welche Aussagen hinter einem so einfach erscheinenden Einwand gegen zwei intellektuelle Frauen angelagert sind und wie das im Gesamtbild des öffentlichen politischen Sprechens zu deuten ist. Denn darum geht es. Es geht darum, wie die Redeformen auf all den verschiedenen Ebenen in der Öffentlichkeit sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Im Grund geht es darum, was der aggressive Diskussionsbeitrag dieser Soziologin in Graz  mit den Wahlplakaten der FPÖ in Oberösterreich mit Aufschriften wie „Für einen starken Mittelstand im Heimatland“ zu tun hat. Denn. Die Frage muß doch lauten, was bedeutet es nun, daß die Landtagswahlergebnisse des Jahres 2009 den Landtagswahlergebnissen des Jahres 1949 gleichen.</p>
<p>Im Jahr 1949 hatte die ÖVP 23 Mandate, die SPÖ 15 und die WdU 10. Die WdU war die „Wahlpartei der Unabhängigen“. Die „Unabhängigen“ waren die „minderbelasteten“ Nationalsozialisten. In Oberösterreich waren das etwa 77.000 Personen. Fast nur Männer. Die WdU benannte sich 1961 dann endgültig zu FPÖ um. Die FPÖ muß also in direkter Linie zu diesen „unabhängigen Minderbelasteten“ abgeleitet werden. Und es muß weiterhin und wiederum die Frage gestellt werden, was es denn heißt, wenn Personen, deren politische Vorstellung antidemokratisch ist, zur Wahl gehen und damit die Gründung einer Demokratie mitbestimmen. Und was heißt es, wenn ein so hoher Anteil an Personen genau den Staat ablehnen, in dem sie zu dieser Wahl gehen. Selbst ein „minderbelasteter“ Nationalsozialist ist ein Nationalsozialist, der ein an Deutschland angeschlossenes Österreich haben will. Wir wissen von Jörg Haider von dem Stolz dieser Gruppe darauf, sich für die Verbrechen des Nationalsozialismus nie entschuldigt zu haben und darin dann ein „besseres und unschuldigeres“ Deutschtum für sich in Anspruch nehmen zu können als die Deutschen selber, die ja durch den Nürnberger Prozess in den Augen dieser Gruppe gedemütigt wurden und mit den Entschuldigungen bei den Opfern sich als „Deutsche“ diskreditierten.</p>
<p>Gleich ist nur, daß es Krisen sind, die diese Wahlergebnisse mitbestimmen. Im Jahr 1949 wollte die westliche Welt sich aber nicht weiter mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Der Kalte Krieg war ausgebrochen. Die Militarisierung der österreichischen Gesellschaft war bewußt benutzt worden. Ein Nationalsozialist ist in jedem Fall ein guter Antikommunist und darum ging es. Antikommunismus und die Amerikanisierung der Kultur war 1949 schon wieder wichtiger geworden als die Frage, wie Demokratie zustande kommen konnte und wie Antifaschismus verankert werden kann.</p>
<p>Wie aber kommt es, daß im Jahr 2009 ein so ähnliches Wahlergebnis zustande kommen kann. Welcher Bogen führt über die dazwischen liegenden 60 Jahre in diesen Rückbau der Verhältnisse.</p>
<p>Bleiben wir bei unserem Beispiel. Was wollte diese Frau in der Diskussion nun eigentlich sagen.  Mit dem Satz, sie wäre mit einem Künstler verheiratet, wird uns zunächst einmal mitgeteilt, daß diese Frau verheiratet ist. Weil sie uns sagt, daß sie mit einem Mann verheiratet ist, teilt sie uns mit, daß sie heterosexuell ist. Und. Sexuell aktiv.</p>
<p>Das ist ein unglaublich privates Statement in einer öffentlichen Diskussion. Die Tatsache, verheiratet zu sein, ist eine private Tatsache und sollte in einer Diskussion um die Frage der Methoden von Soziologie oder Literatur und Film keine Rolle spielen. Aber. Mit der Aussage „Ich bin mit einem Mann verheiratet.“ wird die Zugehörigkeit zur hegemonialen heterosexuellen Norm definiert. Die Norm wiederum wird dazu benutzt, die intellektuellen Frauen auf dem Podium herauszufordern.</p>
<p>Lassen Sie mich kurz untersuchen, wie diese Herausforderung funktioniert. Hier, wie in den Wahlslogans der FPÖ wird nicht ein Argument vorgelegt, auf das eingegangen werden kann. Etwa in dem Muster: „Wir wollen keine Ausländer im Land. Was sagen Sie dazu? “ Nein. Es wird die gelebte Ideologie so benutzt, wie im Mittelalter der Handschuh, der als Herausforderung des Gegners in den Ring geworfen wurde. Die gelebte Ideologie, das ist die gefühlte Erfahrung über faschistische Formeln ausgedrückt. Die gelebte Ideologie wird als Herausforderung veröffentlicht. Es gibt nur die Möglichkeit, sich dieser Ideologie anzuschließen. Oder sie vollkommen abzulehnen. Argumente sind nicht mehr möglich. Das verhindert die Verklebung von Leben und ideologischer Aussage. Sie kennen das. Das ist genau der Satz, der in der Diskussion am vorigen Samstag gefallen ist. „Jetzt muß ich aber wirklich die Wahrheit sagen“ sagt Ihnen jemand und überschüttet Sie mit Klagen darüber zu kurz gekommen zu sein. Nicht beachtet worden zu sein. Ich werde nie vergessen, wie die Gattin eines ehemals austrofaschistischen ÖVP Politikers empört zu mir sagte, „Es geht immer nur um die Juden. Immer geht es nur um die Juden.“ und darin in der Lage war, noch einen Neid auf die Shoa zu entwickeln. Wenn die Personen sich nicht von den Argumenten abtrennen können, dann sind sie dazu verurteilt, ihren Aufstieg und Fall mit diesen Argumenten denken zu müssen. Eine totale Einverleibung der Argumente findet statt. Die Person ist ihre Ideologie. Ein Angriff auf die Ideologie ist ein Angriff auf die Person. Der Aufstieg der Ideologie ist der Aufstieg der Person.</p>
<p>In unserem Beispiel vom vorigen Samstag. Das Verheiratet Sein dieser Frau wurde uns als Herausforderung vor die Füße geschleudert, gegen die es kein demokratisches Mittel gibt. Die Deklaration ja nun selber auch verheiratet zu sein, wäre nur die Einreihung in die Gruppe der heteronorm Fixierten. Das ist kein Argument sondern eben eine Einreihung. Mit dem Satz, sie selber wäre ja verheiratet, hat diese Frau die Operation vorgenommen, die allen Minderheiten gegenüber als Veranderung zu bezeichnen ist. Sie hat aus uns die Anderen gemacht, die nicht verheiratet sind. Das ist ein beliebter Sport intellektuellen Frauen gegenüber, ihr Frau Sein in Frage zu stellen und sie so zu entwerten zu  versuchen. Es ist ja immer zuallererst Sexualpolitik, die zur Beschreibung der Minderheit herhalten muß. Ich höre immer, daß ich wahrscheinlich als Frau versagt habe und deswegen kritisch sein muß. In genau dieser Herausforderung, die nur die Unterwerfung akzeptieren kann, wird eine Bedürftigkeit behauptet, gegen die es kein Argument gibt.</p>
<p>Die Frau beim Soziologenkongress ging aber noch weiter. Sie war zwar Akademikerin und hatte ihre eigene Karriere. Ihr Mann aber machte das Kompliziertere, nach ihrer Aussage. Statt dieser intellektuellen Frauen auf dem Podium sollte nämlich ihr Mann da sitzen. Was wollten diese depperten Weiber da, wenn es ihren großartigen Mann gab, der als Mann kompetenter da agieren konnte. Was übrigens ja der Fall sein mochte. Wir kennen ja den Mann einer Diskutantin nur durch ihre Aussage und wissen daher nichts über ihn. Aber.  Landesüblich neigen nun alle die Köpfe und sagen so von seitlich unten zu mir, daß ich es da nun zu weit getrieben habe. Das sei doch ganz einfach nur Liebe. Diese Frau liebte ihren Mann und wollte ihn eben erhöht sehen. Könnte ich das denn nicht verstehen?</p>
<p>Nein. Das ist keine Liebe. Hier geht es nämlich um die Beseitigung. Es geht um die Beseitigung der Da Sitzenden. Wir saßen ja da und wurden zuerst einmal sexualpolitisch entwertet und danach fachlich angegriffen. Es geht also um Vernichtung. Das kommt in so einem Zusammenhang so normal daher. Da kann jeder und jede alles übersehen. Das ist österreichische gesellschaftliche Konvention. Vernichtung ist eine normale gesellschaftliche Operation, in der sich das Nicht Gesellschaftliche dieser Gesellschaft zur Erscheinung bringt. Jeder Scherz. Jeder Grant. Jede Aussage, die damit beginnt, daß es nun unumgänglich notwendig würde, die Wahrheit zu sagen und der Kronen Zeitung recht zu geben. Immer geht es um Vernichtung. Um Vernichtung in genau der Weise, wie Canetti sie mit seiner Theorie der Befehlsstacheln beschrieb. Jede Vernichtung ist ein Stachel, der so schnell wie möglich weitergegeben werden muß, um den eigenen Schmerz zu verringern. Das betrifft jeden und jede. Unser Alltag ist von Vernichtung durchdrungen. Vernichtung ist konventionell und überhaupt nichts Besonderes. Deshalb ging sie der Soziologin vorigen Samstag auch so leicht von der Hand. Sie muß es ja selber gar nicht bemerken. So wie die Konvention abverlangt, daß die Vernichteten ihre Vernichtung mit Achselzucken übergehen.</p>
<p>Wie kann es aber nun kommen, daß wir als Bewohner und Bewohnerinnen eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder der Welt, die rundherum beneidet werden, in einer wüsten Nicht Gesellschaft der täglichen Beleidigung und Vernichtung leben. Wie kann es sein, daß die Entwicklung eines Sozialstaats, der wirtschaftlich leistungsfähig ist, keine Sicherheit in den einzelnen Leben verleiht.</p>
<p>Angst. Es ist Angst. Die Person, die ganz ihre einverleibte Ideologie ist, besteht dann auch nur aus dieser Ideologie. Diese Ideologie läßt keinen Platz für die Person. Es ist ein Unterwerfungsprozess, der in immer radikaleren Bögen, die Einverleibung der Einverleibung abverlangt. Wir kennen das als diese Unbeirrbarkeit in der Verfolgung der rechten Standpunkte. Die Person liefert sich an die Ideologie aus und wird von dieser Ideologie dann gehalten. Die Ideologie aber hat das Ziel, Angst herzustellen. Die Ausgegrenzten. Die Anderen. Sie sollen durch Angst stillgestellt werden. Für die Person in der Ideologie heißt das, daß sie sicher ist, so lange sie in der Ideologie verbleibt. Weil das Leben aber nun nicht so einfach und fraglos verläuft, entstehen immer wieder Lücken und das Ausgrenzen der Anderen muß verstärkt werden. Das wiederum bedeutet, daß die, die im faschistischen Inneren. Also in dem, was da in Oberösterreich Heimat genannt wurde. Oder wie die Frau in der Diskussion vorige Woche ihren Ehemann für den richtigeren Vertreter eines symbolischen Territoriums ansah, das sie gegen diese intellektuellen Frauen verteidigen wollte. Die Verstärkung der Ausgrenzung bindet die Ausgrenzer je enger in ihren ausgegrenzten Raum.</p>
<p>Wir leben alle in dieser Angst. Unsere Kultur beruht auf dieser Angst. Wir leben in einer Kultur, die sich über Neid dieser Angst entledigt. Das tun wir alle. Ich auch. Ich muß auch sagen, daß solche Interventionen, wie die Diskutantin vorige Woche. Daß solche Interventionen mir selbst aus der Welt meiner Kindheit und Jugend in allernächster Nähe bekannt und durchaus selbstverständlich waren. Ja. Aus solchen konventionellen Abwertungen bildete sich ein Alltagsumgang, der Familie und Schule und Freundeskreise umfaßte. Es hätte damals auch mir eine solche Wortmeldung passieren können. Und. Als sehr junge Person hätte ich damals erwartet, es richtig gemacht zu haben. Ich denke, diese Äußerungen passieren. Das ist das Schlimme an ihnen. Es ist ja nie gefragt worden, was diese Sätze der selbstverständlichen Vernichtung anrichten. Wir wurden ja nur angeleitet, diese Vernichtung so rasch wie möglich weiterzugeben. Die Techniken dafür in Tratscherei, Scherz und bösen Gerüchten wurde von Anfang an gelehrt. Ein tief verankertes Denkverbot hilft die Folgen dieser Vernichtung als Selbstverständlichkeit ertragen zu können.  In vielen Bereichen unserer Gesellschaft erhält sich dieses Vernichtungssprechen als Humor. Wenn im ORF comedy vorgeführt wird, dann zeigt sich das in aller Klarheit und wird trotzdem nicht gesehen. Selbstachtung ist passenderweise keine Tugend.  Und. Die Schwachen werden preisgegeben. Wer das nicht ertragen kann, der wird brutal den Folgen ausgesetzt.</p>
<p>Es geht also um die Bewältigung der Angst. Angstverdrängung führt in die gefühlte Ideologie, die nie unterbrochen in unserer Kultur gehütet werden durfte. Oder mußte.</p>
<p>Jetzt einmal aber. Hier. Heute Abend. Hier sind wir alle sicher und im Richtigen. Ich wollte, die ganze Welt könnte in ein ISOP Projekt verwandelt werden. Mit dem Feiern. Mit der Musik. Wir befinden uns hier in einem Raum, der sich nicht mit Grenzen bewehren muß. Was für ein Vergnügen und was für ein freies Atmen.  Und wie schön, daß hier in einer Wendung gegen das Funktionieren der Welt die höchsten Werte hochgehalten werden können. Ich wünsche einen besonders schönen Abend.</p>
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		<title>SALZBURGER FESTSPIELE.  Für heuer zum letzten Mal und ein Wiederkritisieren im nächsten Jahr.</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Aug 2009 10:34:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Salzburger Festspiele]]></category>
		<category><![CDATA[Werkverzeichnis]]></category>

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		<description><![CDATA[Was der ORF im Fernsehen nicht zeigen wollte. Am 24. Juli 2009 wurde ein Interview mit Marlene Streeruwitz vom ORF-Fernsehen aufgenommen, das für den Kulturmontag am 27. Juli 2009 gedacht war, der die Salzburger Festspiele zum Thema hatte. Das Interview wurde dann in der Sendung nicht ausgestrahlt. Die Frage, ob die Salzburger Festspiele notwendig sind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was der ORF im Fernsehen nicht zeigen wollte.</p>
<p>Am 24. Juli 2009 wurde ein Interview mit Marlene Streeruwitz vom ORF-Fernsehen aufgenommen, das für den Kulturmontag am 27. Juli 2009 gedacht war, der die Salzburger Festspiele zum Thema hatte. Das Interview wurde dann in der Sendung nicht ausgestrahlt.</p>
<p><em>Die Frage, ob die Salzburger Festspiele notwendig sind oder ein notwendiges Übel zu nennen wären.</em></p>
<p>Die Antwort: Also ich glaube, daß jetzt die Zeit wirklich gekommen ist sich zu fragen was notwendig ist und was nicht und da würde ich die Salzburger Festsiele zu den absolut nicht notwendigen Dingen zählen. Es geht doch darum was wollen wir wem bezahlen und den Eliten ihre Selbstdarstellung zu bezahlen ist vielleicht gerade nicht die Zeit wenn die Eliten so versagt haben wie sie das jetzt haben.</p>
<p><em>Die Frage, was denn eine gültige kulturelle Elite darstellte</em></p>
<p>Die Antwort: Also für mich ging es immer darum, Kunst zu machen die demokratisch einen Sinn macht und nie die Selbstbestätigung von Gruppen betreibt, was ja hier ganz eindeutig der Fall ist. Ich glaube sogar innen, nach innen, die Personen die da arbeiten stellen natürlich eine Art innere Politik her, die sich selbst bestätigen muß. Das hat aber mit der Qualität garnichts zu tun, die gelingt manchmal, meistens nicht.</p>
<p><em>Die Frage, ob in Salzburg noch in irgendeiner Form, kritische Wahrheitssuche der Kunst stattfinden kann und ob das überhaupt je stattgefunden hat</em>.</p>
<p>Die Antwort: Also ich glaube schon die Gründung verbietet das, weil es ja die Selbstbestätigung einer Gruppe sein sollte. Wenn Reinhardt sagt oder Hofmannsthal, er wolle sein Weimar machen, dann ist Weimar ja nun wirklich keine demokratische Umgebung gewesen. Das ist eine Fürstenresidenz in der ein deutscher Dichter als Intendant gearbeitet hat. So einfach kann man das sehen. Der ja dann auch wegen der Lieblingsschauspielerin des Fürsten abtreten mußte. Es ist eine ganz einfache Geschichte die sich im Nachhinein verklärt hat. Aber das erfolgt jetzt indirekt. Über den Zugriff auf das Budget, bildet sich eine politische Elite, die über die Verteilung der Mittel an Kulturschaffende diesen Kulturschaffenden signalisiert eine Elite zu sein. Und diese zwei Eliten bestätigen einander und Personen die dazugehören wollen kaufen sich Karten um dort hineinzugehen. Das ist im grundgenommen eine Selbsthilfegruppe, die halt das Geld und die Macht hat sich eine teure Selbsthilfegruppe zu leisten und wir bezahlen’s.</p>
<p><em>Die Frage, ob die Salzburger Festspiele ihre identitätsstiftende Wirkung heute noch ausüben können.</em></p>
<p>Die Antwort: Das war doch der sicher eigenartige Versuch, ein österreichisches Weltbürgertum herzustellen die in dem eine Art vorsichtiger Intellektualität mit Nostalgie verbunden wurde, die aber sehr so das militaristische Österreich des monarchistischen Offiziers betroffen hat. Hofmannsthal war da auch ganz sicher federführend in der Beschreibung einer nostalgischen österreichischen Identität, die aber immer vergangenheitsbezogen war. Und der Versuch gleich einmal in die Welt zu springen, um sich das Österreichersein zu ersparen, was nicht zu machen war. War ja auch nicht zu machen. Wir sehen heute, daß das einzig Identitätsstiftende der österreichischen Identität der Antisemitismus ist, nach wie vor, die einzige durchgeführte Linie, alles andere wurde zerstört oder verhindert und so gesehen ist das ja auch etwas, was von der Demokratiekultur her angegriffen werden müßte und notwendigerweise anzugreifen ist. Das man sagt, warum werden hier dieser Elitenbildung gegen die Anderen Fördermittel gegeben. Weil es ist ja ein klarer Einschluß, ich gehöre zu den Festspielteilnehmern und ich glaube, die Teilnehmerinnen zählen sich als Teilnehmer, und in der heutigen Kultur ist das ja geradezu kontraproduktiv.</p>
<p><em>Die Frage, ob so etwas wie die Salzburger Festspiele eine typisch österreichische Geschichte darstellten.</em></p>
<p>Die Antwort:  Ich glaube, daß Bayreuth Ähnlichkeiten hat. Nur Bayreuth war ganz deutlich als deutschnationalstiftend gedacht. Dieses österreichische Weltbürgertum hat sich ja nicht durchziehen lassen, hat sich ja nicht erobern lassen durch das nach-dem-ersten-Weltkrieg-Österreich und ist ja dem Faschismus und Nationalsozialismus vollkommen anheim gefallen bzw. war offen zur Okkupation. Das ist auch nur ein Territorium. So ein Festspiel ist auch nur ein Territorium und wird sich immer den Mächtigen geben, wann immer es notwendig ist, weil es ums Geld geht und nicht um die Kunst. Und wenn das anders wäre, wären die Salzburger Festspiele nicht das was sie sind. Und deswegen finde ich, daß wirklich zu besprechen wäre, wer das bezahlen soll. Alles. Im Übrigen gibt es ja auch etwas zu sagen zur Umwegrentabilität. Das größte Märchen der Wirtschaft ist die Umwegrentabilität, weil da tragen Leute ein, was angeblich den Umweg beschreibt und das ist dann reine Fiktion. Das ist die wahre Erzählung und ich würde das sehr genau darauf anschauen, wer sich da hineinreklamiert in die Umwegrentabilität und davon etwas hat. Es ist weder Kunst, es ist sicher nicht Kultur es ist nicht gesellschaftstiftend und es ist in der Abgrenzung gegen die Anderen wahrscheinlich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Faschistoid" target="_blank">faschistoid</a>.</p>
<p><em>Die Frage, ob frau, wenn sie bei diesen Salzburger Festspielen etwas mitzureden hätte, erstens mitreden wollte und zweitens, wie sie mitreden würde?</em></p>
<p>Die Antwort: Also ganz sicher gibt es da keine Möglichkeit, etwas zu machen für mich, weder in der Form, daß ein Text von mir da aufgeführt würde noch daß ich da selbst etwas tue. Sie würden sich ja einreihen in eine Jagdgesellschaft, die zwar behauptet auf der Jagd nach Kultur zu sein, die aber gleichzeitig qualitative Standards schafft, die den Blick auf Kunst und Kultur vollkommen verstellen und es nicht mehr aushaltbar machen, daß etwas nicht so perfekt ist. Und das ist aber genau das was Kunst immer aufweisen muß, daß es um die Suche nach dem Nichtperfekten geht, weil dort die Probleme sind und dort die Wahrheit liegt. Und diese eindeutige Wahrheit einer perfekten Opernaufführung, das ist die wahre Lüge. Das ist lächerlich, an dem Abend zu glauben, daß in dem symphonischen Seufzer der dem Publikum ermöglicht wird, etwas anderes ist als die Bestätigung des Kapitalismus, den wir jetzt gerade kurz begraben haben.</p>
<p><em>Die Frage, ob es ein notwendiger Anspruch an sich selbst ist, mit den Salzburger Festspielen nichts zu tun zu haben.</em></p>
<p>Die Antwort:  Ich hab das Erlebnis, daß in den Salzburger Nachrichten, weil mich dieser Vorgang interessiert, wie die Antidemokratie performiert wird in solchen Zusammenhängen, eine Kolumne, die sich fast nur damit beschäftigte, was Öffentlichkeit und Kunst miteinander zu tun haben, die wurde mir nach der siebenten Folge vom Chefredakteur der Salzburger  Nachrichten abgestellt, weil ich mich mit den Sponsor Nestlé beschäftigt habe und nur den Satz geschrieben habe „Darüber könnte man auch anders denken“. Und genau das ist der Punkt, warum es nicht akzeptabel ist, weil, wenn ich nicht mehr anders denken darf, ist die Möglichkeit auf Kunst verschlossen.</p>
<p><em>Die Frage, warum es die Salzburger Festspiele bräuchte oder ob es sich nur um Selbstbeweihräucherung da handle.</em></p>
<p>Die Antwort: Es ist ja jetzt eine indirekte Zensur. Sie werden eingeladen, in einer Gruppe mitzumachen, die ein bestimmtes Ziel hat, es ist nichts anderes, als ein Konzernziel. Sie sind einer corporate identity unterworfen, die ihnen vorschreibt, daß Sie hier das Beste zu geben haben. Das ist Zirkus. Da ist ja kein Versuch mehr möglich. Da ist kein Suchen möglich. Das heißt, Sie müssen mit einem perfekten Konzept dort einkrachen und die perfekteste Zirkusgeschichte hinlegen und Orchestermusik Oper  &#8211; Schauspiel vielleicht noch am wenigsten. Aber auch der geprobte Abend ist auch nichts anderes als ein militärischer Akt des Wiederexerzierens von Dingen. Und das ist alles für Personen, die wie wir heute leben, angewiesen darauf sind, ihre Identität jeden Tag neu zusammenzustellen und das aber in einer demokratischen Form, ohne anderer Leute ihren Platz so zu kosten, daß die keine Luft mehr bekommen. Dafür ist das alles nicht das Vorbild, das ist nichteinmal praktisch. Das gibt nichteinmalmehr die Möglichkeit, das nächste Frühstück unter einem bestimmten Blickwinkel zu organisieren und zu essen. Also, es ist wirklich nur nostalgischer Seufzer und es ist auch langweilig. Also, wer will sein Leben mit so etwas zubringen. Und ich glaube, das Geld, das da verdient wird &#8211; mittlerweile ist das auch nicht mehr so toll &#8211; gewährleistet das persönliche Glück auch nur in Maßen, wie wir heute sehen, wenn wir die Wetterentwicklungen anschauen. Und so gesehen, kann man gleich auch drauf verzichten.</p>
<p><em>Die Frage, ob Repräsentationskunst überhaupt die Möglichkeit böte, widerständig und kritisch zu sein, oder ob repräsentative Kunst in jedem Fall den Eliten und Machtstrukturen zuarbeite.</em></p>
<p>Die Antwort: Nein, es ist doch die Frage, ob sie aus den Hegemonien ausscheren. Die Hegemonien bedeuten doch, daß in dem Augenblick, in dem sie sich einordnen oder unterwerfen, alles was sie tun werden, eben eingeordnet und unterworfen sein wird. Es geht doch darum, daß jeder Schritt in die Arbeit mit den Hegemonien. Und wenn sie vor Hegemonien und für Hegemonien etwas arbeiten, dann liefern sie nur das Material für die Erfrischung dieser Eliten. Es gibt keine Möglichkeit eine Arbeit vorzulegen, die den Widerstand für sich behalten könnte. Im Gegenteil, der in einer Arbeit aufgehobene Widerstand wird besonders dazu beitragen, die Hegemonie zu erfrischen.</p>
<p><em>Die Frage, Sloterdijk habe ja die Salzburger Festspiele auch seziert und unter anderem von einer Selbstfeier der Inaktualität gesprochen. Würden Sie dem zustimmen?</em></p>
<p>Die Antwort; Ja. Das ist das, was ich altmodisch und langweilig nenne.</p>
<p><em>Die Frage ist, welche Aufgabe Sie den Salzburger Festspielen zuschreiben könnten.</em></p>
<p>Die Antwort: Die Salzburger Festspiele sind eine Permanenz des Gedankens der Kulturhauptstadt und wir sehen an den Kulturhauptstädten wie wenig daraus für die jeweilige Stadt zu gewinnen ist, vor allem für die Bewohner und die Bewohnerinnen. Die Salzburger Festspiele waren von Anfang an Kolonialisierung, nie hat eine Salzburger Person etwas dazu gesagt oder sagen können. Es ist immer eine Art Besatzung gewesen und ist das geblieben. Und daß die Salzburger und Salzburgerinnen sich daran gewöhnt haben, ist etwas anderes als daß es richtig ist. Und ich weiß, daß der Salzburger Bürgermeister mir einmal gesagt hat, daß er das ganz gern hat das es die gibt, obwohl er ja ein Sozialdemokrat ist und ein bestimmtes Verständnis von Kultur dadurch eigentlich zu erwarten wäre. Und er hat es aber so erklärt, daß dann die Lokale länger offen haben und daß dann eine schöne Zeit in Salzburg ist. Also, wenn es darum geht, daß die Lokale länger offen haben und die Salzburger eine schöne Zeit haben, vielleicht ist das genug, ich weiß es nicht, ich glaube nicht.</p>
<p>Wobei ich glaube, daß die Geschichte mit Thomas Bernard ‚72 mit „Der Intrigant und der Wahnsinnige“ ein Bruchpunkt war, in dem auch deutlich zu sehen ist ,wie ein österreichischer Autor eigentlich die Geschichte der Salzburger Festspiele sehr genau, sehr schön verschlüsselt vorlegt. Wie über die Inbesitznahme durch den deutschen Regisseur Peymann die Inszenierung in etwas gerät, das die Fassbarkeit des Textes reduziert, die Aufführung aber ästhetisiert – ein Vorgang der Oper- und wie dann die Reaktion des Festspielpräsidenten dazu führt, daß letzten Endes mit Hilfe dieser sehr widerständigen Anlage von Thomas Bernhard, mit Hilfe der sehr widerständigen, aber auf Provokation ausgelegten Umsetzung von Peymann, letzten Endes die Salzburger Festspiele strahlend ausgestiegen sind und sagen konnten, wir haben es ja versucht „modern“ zu sein und das ist uns nicht gelungen, weil es hat ja gar keinen Sinn. Und da ist etwas passiert, das bis heute wirkt. Und das ist die Veraltstrumpfung der Salzburger Festspiele und es gehen eben die Altstrümpfe hin und das muß so sein, da muß man sie unter sich lassen.</p>
<p><em>Die Frage, wenn die Salzburger Festspiele nicht dem Bereich der Kunst und Kultur zugehören unter welchen label würden die Salzburger Festspiele dann laufen.</em></p>
<p>Die Antwort: Ich glaube, den Salzburger Festspielen würde es sehr gut tun, endgültig unter Tourismus zu laufen, dann könnten die verschiedenen Strukturebenen auch anders besprochen werden. Es könnten zum Beispiel Einsparungen gemacht werden, daß der Jedermann nur mehr als Großvideoanlage gezeigt wird. Den Touristen wäre es gleichgültig. Es ist ja auch eine Selbsterhaltung von eigenartigen Format zu behaupten, das müßte nun life aufgeführt werden. Auf der anderen Seite ist der Jedermann auch das Kernstück des Kapitalismus. Wenn sie den Jedermann genau lesen, sehen sie: der Schuldner ist am Anfang der Grund warum das Treffen mit der Frau des Schuldners und seinen Kindern zu diesen ganzen Entwicklungen führt. Also die dramatische Entwicklung wird über den Schuldner und seine Frau gemacht. Am Ende aber wird der reiche Mann von wiederum drei Frauen ins Grab begleitet, und es wird ihm alles ganz leicht gemacht, und der Schuldner ist vergessen und sitzt nach wie vor im Schuldturm. Das wird nicht so richtig herausgearbeitet, letzten Endes erfahren wir eine Wahrheit, in der wir täglich leben, nämlich daß die Lasten vergesellschaftet werden und der Nutzen für die kleinen Wenigen aufbewahrt wird. Das zum Beispiel könnte ein Tourismusminister viel besser besprechen, ob man da nun der Zeit einen Platz einräumen sollte vielleicht den Schuldner von einem Hollywood Schauspieler spielen lassen und die Sache aktualisieren. Ich glaube, Gesellschaftskritik ist in der Form ja sowieso nicht mehr möglich, da kann man es auch gleich bestätigen aber dann klar und deutlich. Und mit den richtigen Formen. Und dann wirklich das Spiel der Tölpel auf dem Domplatz und nicht der ästhetisierte Herumtuerei als wäre es was Besonderes. In Wirklichkeit ist es die Bestätigung einer Kultur des Nehmens und nie etwas Gebens.<em><br />
</em></p>
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		<title>Laudatio zur Verleihung des Peter-Rosegger Literaturpreises 2009  an Marlene Streeruwitz von Astrid Deuber-Mankowsky</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Jun 2009 20:23:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Uns fehlt es an Widerstand gegen die Gegenwart Liebe Marlene, sehr geehrter Herr Landeshauptmann, sehr geehrte VertreterInnen aus Politik und Kultur sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, Marlene Streeruwitz ist ein Name, den man kennt. Und dies nicht nur in literarischen Kreisen. Marlene Streeruwitz gehört seit  langem zu den wichtigsten und eigenständig­sten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="center">
<p>Uns fehlt es an Widerstand gegen die Gegenwart</p>
<p>Liebe Marlene, sehr geehrter Herr Landeshauptmann, sehr geehrte VertreterInnen aus Politik und Kultur sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,</p>
<p>Marlene Streeruwitz ist ein Name, den man kennt. Und dies nicht nur in literarischen Kreisen. Marlene Streeruwitz gehört seit  langem zu den wichtigsten und eigenständig­sten Schriftstellerinnen  der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – und ist eine der widerständigsten unter ihnen.</p>
<p>„Uns fehlt es an Widerstand gegenüber der Gegenwart.“ Dieser Satz, der aus einem der Texte von Marlene Streeruwitz entlehnt sein könnte, stammt von den französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari<a href="#_edn1">[1]</a>.</p>
<p>Deleuze und Guattari meinen damit, dass es uns nicht fehlt an Kommunikation. Wir ha­ben, wie sie schreiben, genug, ja wir haben zuviel Kommunikation. Das, woran es uns fehlt, ist nicht Kommunikation, sondern das, woran es uns fehlt, ist die Schöpfung von Begriffen, die in sich selbst auf eine zukünftige Form verweisen. Was uns also fehlt ist Schöpferisches. Und Zukünftiges.  Und dieses Schöpferische und Zukünftige fällt, wie uns Marlene Streeruwitz in ihrer Literatur zeigt, zusammen mit dem Widerstand gegenüber der Gegenwart.</p>
<p>Marlene Streeruwitz wurde für Ihre Bücher mit vielen Preisen ausgezeichnet.  Unter ihnen sticht der Peter-Rosegger Literaturpreis, der ihr heute verliehen wird,  durch seine Begründung hervor.</p>
<p>„Marlene Streeruwitz“, so lautet der erste Satz der Preisbegründung, „hat in ihren Ro­manen und Erzählungen, ihren Theaterstücken und Essays auf unverwechselbare Weise und mit nie nachlassender Verve das Terrain des real existierenden Kapitalismus er­kundet“. „Durch das Weglassen“, so heißt es weiter, „ eigentlich unentbehrlicher Satz­glieder verweist die Autorin nicht zuletzt auf das, was im sozialen Zusammenleben fehlt. Manchmal verschont die Zurichtung der Syntax bloß ein einsames ‚und’, ein ‚oder’, bin­dungslose Bindewörter, die nun ganz für sich einen Satz zu bestreiten haben und so eine Lese- und Nachdenkpause erzwingen. Die beschädigte, beschnittene Sprache der (männlichen) Herrschaft stellt den Defekt aus und offenbart zugleich eine spröde Schönheit“.</p>
<p>Aus dieser kurzen und so treffenden Beschreibung der künstlerischen Sprache, die Marlene Streeruwitz erfunden und geschaffen hat, wird nicht nur deutlich, dass und in welcher Weise ihr Widerstand gegenüber der Gegenwart schöpferisch ist.  Es zeigt sich darin auch der Punkt, in dem sich nach Deleuze und Guattari Kunst und Philosophie treffen: in der „Konstitution einer Erde und eines Volkes, die noch fehlen, als Korrelat des Schöpferischen.“ Was soll das heißen?</p>
<p>Es sind, um dies richtig zu stellen,  nicht die populistischen AutorInnen, welche die feh­lende Erde und das fehlende Volk einklagen, sondern es sind diejenigen, die am Rande stehen und die sich an den Rand stellen.  Die schöpferischen AutorInnen, die sich im Widerstand befinden gegenüber der Gegenwart sind nicht, &#8211; sie sind nicht mehr &#8211; umgeben vom Volk. Sie schaffen die Bedingungen von Kollektivität aus dieser Position am Rand.  Sie schreiben und denken für und als diejnigen, die im kanonisierten Narrativ nicht vorkommen.</p>
<p>Dies sind in der Literatur von Marlene Streeruwitz oft Frauen, junge Frauen, Mütter, Singles, Frauen, die reisen, die warten, lieben, sich wehren, sterben, begehren, Frauen mit einer Vergangenheit, Frauen in präkeren Arbeits- und Liebesverhältnissen, oft sind es Figuren mit einer über die Romane und Novellen hinausweisenden Herkunft aus der Geschichte der Literatur. In <em>Partygirl.</em> entstammt die Protagonistin Madeline aus Edgar Allen Poes Novelle <em>Der Untergang des Hauses Usher</em>. Sie erhält in dem Roman von Marlene Streeruwitz eine zweite Chance. Anders als in Poes Geschichte wird Madeline in <em>Partygirl</em>. nicht lebendig begraben, ja sie überlebt ihren Bruder. Dieser sitzt im Chicago des Jahres 2000 am Computer und erstickt nach einem mondänen Leben, das die beiden Geschwister um die ganze Welt führte und sie schließlich verarmt in den USA stranden ließ, an einem Stück Pizza, während Madeline, die ihm die Pizza reichte, <em>fröhlich</em> aus ih­ren Hassanfällen hervorgeht. Der Tod von Rick, alias Roderick ist übrigens einer der Hö­hepunkte in den literarischen Schilderungen eines Erstickungstodes, bis in jedes kleine physiologische Detail  beschrieben, lakonisch, erschreckend und zugleich voller Komik. Der Roman endet mit einer Übung in Satzanalyse. Die 10-jährige Madeline erhält in der Aufnahmeprüfung für die höhere Schule die Aufgabe, den folgenden Satz laut vorzulesen und ihn dann zu analysieren:</p>
<p>„Karl, der stärkste Schüler der Klasse, war mein Beschützer.“<a href="#_edn2">[2]</a></p>
<p>Die Analyse der patriarchalen Gewalt, die sich bis in die Syntax von Sätzen wie diesen und in deren Performanz reproduziert, ist, wie Marlene Streeruwitz eindringlich zeigt, eine Einübung in das, was sie eine <em>Poetik des Politischen</em> nennt.  Diese <em>Poetik des Politi­schen</em> macht es möglich, dass Madeline in <em>Partygirl. </em>nicht, wie in Poes Novelle, lebendig begraben werden muss, sondern überlebt und manchmal sogar fröhlich ist. Der Litera­turwissenschaftler Andreas Krass hat in einer von den Texten der Philosophin und Gen­dertheoretikerin Judith Butler inspirierten Lektüre gezeigt, dass Madeline gerade auf Grund ihrer Widerständigkeit, weil sie sich <em>nicht </em>beruhigt, weil sie an ihrem inzestuösen Begehren für ihren Bruder, weil sie an ihrer Liebe festhält, weil sie sich <em>nicht</em> zur Kom­plizin einer heterosexuellen Melancholie macht, überlebt, während ihr Bruder Rick am Ende ersticken muss, eben weil seine psychotherapeutische Disziplinierung „gelingt.“ Indem sie die <em>Geschichte des Hauses Usher</em> neu schreibt, treibt Marlene Streeruwitz, wie Andreas Krass zusammenfasst, „die melancholische Struktur der heteronormativen Ordnung der Geschlechter und des Begehrens hervor.“<a href="#_edn3">[3]</a> Es ist die Melancholie des Patriar­chats, beruhend auf einem festen Gesellschaftsgefüge, dem man sich nicht, oder, wie Marlene Streeruwitz an ihren Figuren zeigt, nur schwer entziehen kann.</p>
<p>In <em>Kreuzungen</em>, dem neuesten Roman von Marlene Streeruwitz umkreist und umströmt der Text die Empfindungen eines männliche Ichs, das abonniert ist auf den Sieg, das Überleben und den Aufstieg und das schließlich Zuflucht findet in der Geldmetropole London. Das alter Ego dieses alles in sich verschlingenden und seine Spiegel in den Frauen dennoch nur mit Mühe balancierenden Unternehmers ist ein Hungerkünstler, herübergerettet aus der Literatur von Kafka in das beginnende 21. Jahrhundert. Der nach Venedig geflüchtete Dichter aus Osteuropa setzt seinen Körper und seine Verdau­ung ein, um Kunst auf individuellen Auftrag hin zu schaffen und sich mit diesen Aufträ­gen am Leben zu erhalten. Er bildet die Gegenfigur zu dem Künstler, dessen Vorbild der Protagonist von <em>Kreuzungen </em>in dem englischen Künstler Damian Hirst und dessen Skulp­tur <em>For the Love of God</em> – einem mit Diamanten besetzten Schädel –  findet. Marlene Streeruwitz fragt: war es eigentlich der Schädel einer Frau oder eines Mannes? und nennt diese Art der Kunst: „Sich aus einer brutalen Geste einen Wert verschaffen“<a href="#_edn4">[4]</a> Die <em>neue Poetik des Politischen </em>richtet sich auch gegen diese Kunst.</p>
<p>Geprägt hat Marlene Streeruwitz das Konzept einer <em>neuen Poetik des Politischen</em> in dem 2002 erschienenen <em>Tagebuch der Gegenwart., </em>indem sie sich unter anderem an die Großdemonstration am 4. Februar 2000 gegen die Regierungskoalition von FPÖ und ÖVP erinnert. Von da an fanden bis 2002 regelmäßig an den Donnerstagen Manifesta­tionen gegen die blau-schwarze Regierung statt, die, statt Demonstrationen, „Wander­tage“ genannt wurden. Marlene Streeruwitz  fand in diesen Versammlungen „einen Platz für jeden. Platz in dieser unübersehbaren Menschenmenge“.</p>
<p>Das Volk ist  in unserer heutigen Welt eben keine Einheit mehr, es ist kein Subjekt und auch kein revolutionäres Subjekt;  Das Volk  ist heute vielmehr das, was sich unendlich vervielfältigt und differenziert, bis schließlich, wie Deleuze formuliert, „ich es bin, der ein Volk ist“<a href="#_edn5">[5]</a> und dieses Ich selbst zu einem Volk wird.</p>
<p>In ihr Tagebuch notierte Marlene Streeruwitz: „Jeder und jede muss sich selbst den eigenen Antirassismus ausdenken. (&#8230;) Es gibt dann kein Dogma sondern tausend Modelle, die dann auch auf die tausend Wirklichkeiten anzuwenden sind, in denen Anti­rassismus gebraucht wird. Das ist Praxis, das ist gebastelte Praxis“<a href="#_edn6">[6]</a></p>
<p>Widerstand gegenüber der Gegenwart ist keine Flucht in eine Utopie oder in ein An­derswo. Es ist kein Leben nach dem Prinzip Hoffnung, sondern es ist das aktive Wider­stehen gegenüber dem Untragbaren, dem Unerträglichen.</p>
<p>Für Gilles Deleuze ist das, was uns heute am meisten fehlt: der Glaube an die Welt. Der Glaube an die Welt ist kein religiöses, sondern ein Problem der Wahrnehmung und des Denkens, es ist ein politisches Problem.</p>
<p>Den Glauben an die Welt wiederherzustellen ist die notwendige Aufgabe der Kunst. Den Glauben an die Welt wiederherzustellen ist nichts anders als Widerstand zu leisten ge­genüber der Kontrollgesellschaft, die unsere Gegenwart kennzeichnet. Sie ist bestimmt durch einen aggressiven Neoliberalismus, durch die Universalisierung einer Unterneh­menssituation, die eine unhintergehbare Rivalität schafft, welche die „Individuen zuein­ander in Gegensatz bringt, jedes von ihnen durchläuft und in sich selbst spaltet.“<a href="#_edn7">[7]</a></p>
<p>Die Wiederherstellung des Glaubens an die Welt, können die Künstlerinnen freilich nicht allein zustande bringen. Sie brauchen dazu, wie Nietzsche so genau wusste, gute Lese­rinnen und Leser. Diese guten Leserinnen erwarten von der  Literatur nicht Kompensa­tion und Unterhaltung, sie sind vielmehr gewillt, sich in der Kunst der genauen Lektüre zu üben und die Anstrengung des Denkens auf sich nehmen.</p>
<p>„Manchmal verschont die Zurichtung der Syntax“, so heißt es, um noch einmal aus der Preisbegründung zu zitieren,,  „bloß ein einsames ‚und’, ein ‚oder’, bindungslose Binde­wörter, die nun ganz für sich einen Satz zu bestreiten haben und so eine Lese- und Nachdenkpause erzwingen.“ Diese schöpferische Zerstörung der Syntax der Macht ist zu ihrem Gelingen darauf angewiesen, dass die Leserinnen die Pausen zum Nachdenken nutzen. Die Kunst des guten Lesens verlangt, wie Nietzsche im Vorwort zu <em>Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile </em>eindringlich formulierte, von den Leserinnen und Lesern vor allem Eines: „bei Seite gehen,  sich Zeit lassen, still werden, langsam werden.“<a href="#_edn8">[8]</a></p>
<p>********************************************</p>
<p>Marlene Streeruwitz wird heute nicht für ein Buch, einen Roman, ein Hörstück oder einen Essayband ausgezeichnet, sondern für ihr Werk. Ein Werk zeichnet aus, dass alle zu ihm gehörenden Artefakte um eine spezifische Frage kreist, um ein Anliegen, um ein Problem. Ein Werk zeichnet aus, dass es sich in sich differenziert und zugleich wieder­holt, dass die zu ihm gehörenden Texte, Romane, Novellen, Theaterstücke, Hörstücke, Collagen, künstlerischen Experimente wieder erkennbar sind durch einen besonderen Stil, das sie sich aufeinander beziehen lassen. Man kann das, was sich in den Kunstwer­ken und durch diese hindurch in einem Werk bewahrt, als „Empfindungsblock“<a href="#_edn9">[9]</a> bezeich­nen:  Eine Verbindung von Wahrnehmungen und Gefühlen, von Perzepten und Affekten zu einem Empfindungswesen, das Bestand hat. Dazu gehört eine bestimmte, wieder erkennbare Methode, ein Umgang mit dem Material, im Falle der Literatur, mit den Wörtern und der Syntax und, im Falle des Werkes von Marlene Streeruwitz zusätzlich mit der Materialität des Medium Buches selbst. So ist jedes der Bücher von der Autorin auf sorgfältigste Weise gestaltet und in eine Beziehung gebracht zum Text, vom Umschlagsbild bis zur Farbe des Buches bis zum Material  und zur Frage, ob es sich um ein gebundenes, ein kartoniertes oder ein Taschenbuch handelt. Viele der Umschlagsbilder sind Collagen aus Portraits der Autorin, oder sie basieren, wie im Fall der Novelle <em>Morire in Levitate. </em>auf einem Polaroid der Autorin. Die erste Auflage der drei Folgen von <em>Lisa’s Liebe. </em>sind den seriellen Kioskheftchen nachgebildet, mit Jugendphotos der Autorin vor dem Hintergrund jener Berglandschaft auf dem Umschlag, in der Lisa auf den Briefträger und auf den Brief wartet, der nicht kommt. Die Fotos, die Lisa beim Warten auf den Briefträger macht, sind ebenso wie die Datierung und Beschriftung durch die Autorin Teil des Textes.</p>
<p>Man kann dieses Verfahren Textcollagen nennen; richtet man die Aufmerksamkeit je­doch auf das ganze Werk, so zeigt sich, dass es mehr und anderes ist:  Es ist Bestandteil der Methode, des ihr eigenen Stils, mit dem Marlene Streeruwitz nach dem Wesen der Empfindungen sucht. Diese Methode, zeichnet sich durch höchste Genauigkeit, durch Schärfe in der Beobachtung,  Kompromisslosigkeit in der Darstellung und durch die bis an die Schmerzgrenze reichende Befragung der moralischen Vorurteile aus, um noch einmal Nietzsche anzuführen.  Tatsächlich ist „richtig“ ein wichtiges Wort für Marlene Streeruwitz. Es soll, etwas so sagt sie oft, richtig sein; das meint verantwortet und wahr. Dafür muss vieles dekonstruiert werden, bis dahin, wo man sich eher in einem Ungrund zu verlieren droht, als auf einen Grund stößt. Eben deshalb ist eine Methode, ein be­stimmter Stil, ein Rhythmus in der Sprache umso wichtiger. Denn erst durch diesen Rhythmus, den Stil, die Methode erhalten Empfindungen, Perzepte und Affekte Bestand.</p>
<p>Wenn alles richtig ist und verantwortet, dann ist etwas auch nicht mehr unheimlich, sondern es ist durchsichtig und muss nicht erhaben, sondern  darf, wie wir es schon von Beckett wissen,  komisch sein. Wie etwa im Fall des Umschlags von <em>Kreuzungen.</em>, dem ersten Roman von Marlene Streeruwitz, der durchgängig auf eine männliche Perspektive hin geschrieben ist. Er blinkt in einem Silber, das blind ist und durch diese Blindheit in der Lage, das Spiegelbild der BetrachterInnen wiederzugeben und weist damit auf die Spiegelbilder voraus, deren Balance dem erfolggewöhnten Aufsteiger so schwer fällt. Man staunt und lacht.</p>
<p>Oder in jener großartigen, kurzen Passage, in der Novelle <em>Morire in Levitate.</em>,<em> </em>in der die Protagonistin auf einem Spaziergang im Winter ihr Wissen um die Geschichte aus der Perspektive eines Täterkindes vergegenwärtigt und dabei die Beziehung zwischen ihrem Krankheitssymptom, der Geschichte der Täter, der Einübung in diese Geschichte als eine Geschichte von Täter und Opfer durch die kulturelle Institution der Oper und dem Versagen ihrer Sopranstimme durch das Krankheitssymptom zieht. Was dabei herauskommt ist eine Form des Widerstandes gegenüber der Gegenwart, die  sich in den folgenden wenigen Sätzen zu einem Empfindungsblock verdichten:</p>
<p>„Auf dem Weg Eis. Radspuren und das Eis in den Spuren der Reifen. Sie stieg auf die helleren Stellen in der Mitte der Eisplatten.  Das Eis hohl da. Das Geräusch beim Drauf­treten genauso klang, wie es aussah. Hell. Ein heller Ton. Hell splitternd. Sie ging schneller. Sie würde hinausgehen. Bis der See zu sehen sein würde. Und der Himmel darüber. Und keine Einschränkung ohne Flugzeuge. Der Himmel dann endlos. Weit und unbegrenzt. Aber hauptsächlich wegen der Stille.“<a href="#_edn10">[10]</a></p>
<p>Ich möchte an dieser Stelle enden, aber nicht ohne vorher, Dir Marlene, dafür zu danken, dass Du mit Deiner Kunst dazu beiträgst, den Glauben an die Welt wieder herzustellen.</p>
<hr size="1" /><a href="#_ednref1">[1]</a> Gilles Deleuze / Felix Guattari, Was ist Philosophie, Frankfurt 1996, S. 126.</p>
<p><a href="#_ednref2">[2]</a> Marlene Streeruwitz, Partygirl. Frankfurt a. M. 2002, S. 416.</p>
<p><a href="#_ednref3">[3]</a> Andreas Krass: Aschertorte. Queerer Witz bei Streeruwitz: Partygirl und The Fall of the House of Usher&#8221;. In: Jörg Bon/Roland Spahr/Oliver Vogel (Hg.), „Aber die Erinnerung davon.“. Materialien zum Werk von Marlene Streeruwitz, Frankfurt/M. 2007. S. 183-205.</p>
<p><a href="#_ednref4">[4]</a> Streeruwitz, Partygirl., S. 249.</p>
<p><a href="#_ednref5">[5]</a> Gilles Deleuze: Das Zeit-Bild. Kino 2, Frankfurt a. M. 1997, S. 284.</p>
<p><a href="#_ednref6">[6]</a> Marlene Streeruwitz, Tagebuch der Gegenwart., Wien, Köln 2002, S. 164.</p>
<p><a href="#_ednref7">[7]</a> Deleuze: Das Zeit-Bild. Kino 2, S. 284.</p>
<p><a href="#_ednref8">[8]</a> Friedrich Nietzsche: KSA 3, München 1988, S.17.</p>
<p><a href="#_ednref9">[9]</a> Deleuze / Guattari: Was ist Philosophie, S. 191.</p>
<p><a href="#_ednref10">[10]</a> Marlene Streeruwitz, Morire in Levitate, Frankfurt a. M. 2004, S. 262.</p>
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		<title>Verleihung des Droste Preises der Stadt Meersburg &#8211; Dankesrede</title>
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		<pubDate>Sun, 24 May 2009 15:55:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung/Vortrag]]></category>
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		<category><![CDATA[Droste-Hülshoff preis]]></category>
		<category><![CDATA[halbmütterliche Liebe]]></category>
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<p><strong>Dankesrede von Marlene Streeruwitz zur Verleihung des Droste Preises der Stadt Meersburg am 24.Mai 2009.</strong></p>
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<p><!--[endif]--><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Zur Entscheidung der Jury, mir den Droste-Hülshoff Preis zuzuerkennen, wurde ich in einem Interview gefragt, ob ich mich mit der Autorin Annette von Droste-Hülshoff identifizieren könnte. Das kann ich nicht. Eine solche Identifikation müßte einem sehr allgemeinen Essentialismus entspringen, dem vage Ähnlichkeiten der Bezeichnungen reichten. Geschlecht und Tätigkeit. Über Jahrhunderte getrennt. Und. Bedenken wir, daß zwischen jeder künstlerischen Äußerung vor uns, die Shoa liegt, die uns jede Kulturleistung in Frage stellen lassen muß. Wir müssen jedes Wort davor darauf untersuchen, welche Rolle es eingenommen, keinen Einspruch formuliert haben zu können. Unsere beiden deutschsprechenden Kulturen müssen dieser Untersuchung unterzogen werden und im Heute einer solchen Prüfung selbstverständlich Stand halten. Es ginge um eine darin politische Ästhetik und ich hätte gerne an zwei Verszeilen von Annette von Droste-Hülshoff aus dem Gedicht Carpe diem! dazu einen Versuch unternommen. Es wäre um die letzten beiden Verse gegangen.</span></p>
<p><a href="http://www.garten-literatur.de/Leselaube/droste_carpe_diem.html" target="_blank">„Vor uns die Hoffnung, hinter uns das Glück,<br />
Und unsre Morgen morden unsre Heute.“<br />
</a><br />
Aber. Da fiel mir bei der Recherche im Internet die Kurzbiographie von Annette von Droste-Hülshoff auf den Bildschirm. Und statt mich nun der Frage zuzuwenden, was es bedeutet, wenn die Hoffnung als Mordkomplizin aus der Zukunt das Heute mordefnd vom Glück in der Zeit abgetrennt auftritt. Statt diese Leerstelle zu untersuchen, die durch das Komma zwischen den beiden Ortsbeschreibungen aufreißt. Statt nachzudenken, wie produktiv es ist, die Zeit in die Lokaladverbien „vor“ und „hinter“ einzusperren und damit die Leerstelle überhaupt herzustellen. Statt all dem, möchte ich die Kurzbiographie des Projekts Gutenberg.de von SPIEGEL ONLINE kultur besprechen. Da heißt es. Zitat. „Seit 1841 lebte sie meist am Bodensee. Dort erfuhr sie eine halbmütterliche Liebe zum 17 Jahre jüngeren Schücking. Sie starb am 24. Mai 1848 in Meersburg am Bodensee.“ Zuvor waren nur ihre Bekanntschaften angeführt, bei denen die Männernamen fett gedruckt vorgefunden werden und die einzige Frau, Adele Schopenhauer, in Normaldruck angeführt wird. Also. Die halbmütterliche Liebe wird erfahren. Diese halbmütterliche Liebe wird zuerst an den Ort geknüpft. „Dort“ am Bodensee erfährt sie die. Die Landschaft wird durch diese Verknüpfung zur Mitbedingung dieser Liebe gemacht. Die Landschaft wird auf diese Weise mit gefühlsstiftender Bedeutung aufgeladen. Die Landschaft wird Miturheberin der Liebe. Das ist ein Vorgang des Nationalistischen, der die handelnde Person als Figur von der Landschaft abhängig macht und über diese Gefühle der Landschaft gegenüber als eine zu verteidigende etabliert. „Dort erfuhr sie“. Im Personalpronomen 3. Person weiblich wird vom Namen weggegangen und die Frau zum Vorschein gebracht. Die Frau, die eine Liebe erfährt. Das relative Verbum „erfahren“ beschreibt im Akkusativobjekt das, was erfahren wird. Hier ist es eine Liebe. Die Liebe dringt als Erfahrung über das Verbum selbst auf das Subjekt ein. Die Liebe ist der bedeutungsaktive Anteil des Satzes, der auf das Subjekt zielt. Das Subjekt ist das Bedeutungsobjekt des grammatikalischen Objekts. In dieser Verdrehung wird die Entmächtigung des Subjekts vorgenommen. Die Liebe wird vom Subjekt erfahren. Diese Liebe ist dann auch noch eine halbmütterliche. Mütterlichkeit wird halbiert und wir sind angehalten, die andere Hälfte dieser Liebe zu substituieren. Dadurch, daß diese Liebe nur halb mütterlich ist, wird uns vorgeschlagen, die andere Hälfte als überhaupt nicht mütterlich zu sehen. Als gegenmütterlich. Liebe wird so in Kategorien eingeteilt und hierarchisch abgestuft. Eine so beschriebene Person wird auf diese halbe Liebe in der Landschaft zertrümmert. Zertrümmerte Weiblichkeit entsteht aus einer solchen Beschreibung. In der durch die Grammatik und die Bedeutung der gewählten Sinneinheiten erzwungenen Vorstellung eine Darstellung, die vollkommen von außen bestimmt ist. Die Landschaft. Die Liebe. Die Halbmütterlichkeit. Der 17 Jahre jüngere Mann und dann gleich der Tod. So wird über Beschreibung eine Person über Zuschreibungen vollkommen ihres Werks beraubt. Sie wird in minderwertige Kategorien des Geschlechts und der Lebensführung eingeschrieben. Über diese Einschreibung wird die kulturelle Vermittlung all dieser Minderwertigkeit weitergeschrieben und so weitervermittelt. Über diesen heutigen Text kann ich mich dann sehr wohl mit Annette von Droste-Hülshoff identifizieren. Wir unterliegen ausschließlich aufgrund unseres Geschlechts dieser Weiterschreibung, die die Männernamen fett druckt und die Frauennamen ins allgemeine zurückfallen läßt und darin die Wertung höchst selbstverständlich vorführt. Ich bitte also die Droste Gesellschaft sich dieses Texts anzunehmen. Denn. Neben der himmelschreienden Beraubung der Leistungen einer Person handelt es sich um einen Vorgang <!--[if gte mso 9]><xml> <w:WordDocument> <w:View>Normal</w:View> <w:Zoom>0</w:Zoom> <w:HyphenationZone>21</w:HyphenationZone> <w:Compatibility> <w:BreakWrappedTables /> <w:SnapToGridInCell /> <w:WrapTextWithPunct /> <w:UseAsianBreakRules /> </w:Compatibility> <w:BrowserLevel>MicrosoftInternetExplorer4</w:BrowserLevel> </w:WordDocument> </xml><![endif]--> des Antidemokratischen. Vielen Dank.</p>
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		<title>Verleihung des Droste Preises der Stadt Meersburg &#8211; Laudatio von Jürgen Wertheimer</title>
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		<pubDate>Sun, 24 May 2009 12:19:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cab</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Laudatio auf Marlene Streeruwitz Von Jürgen Wertheimer Persönlich? Distanziert? Akademisch? Pseudo-feuilletonartig? Trocken ausgenüchtert, bewusst spröde oder forciert lebhaft? Wie schreibt man eine Laudatio, eine Laudatio auf Marlene Streeruwitz? Ich weiß es nicht. Trägt man sich ihr dezent an? Geht man respektvoll auf Abstand? Spricht man schnörkellos? Macht man kurze Sätze oder geht man forciert hypotaktisch [...]]]></description>
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<p class="MsoNormal"><strong><em><span style="font-size: 13pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Laudatio auf Marlene Streeruwitz</span></em></strong></p>
<p class="MsoNormal"><strong><em><span style="font-size: 13pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Von Jürgen Wertheimer</span></em></strong></p>
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<p class="MsoNormal"><em></em></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Persönlich? Distanziert? Akademisch? Pseudo-feuilletonartig? Trocken ausgenüchtert, bewusst spröde oder forciert lebhaft? Wie schreibt man eine Laudatio, eine Laudatio auf Marlene Streeruwitz? Ich weiß es nicht. Trägt man sich ihr dezent an? Geht man respektvoll auf Abstand? Spricht man schnörkellos? Macht man kurze Sätze oder geht man forciert hypotaktisch zu Werke? Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen. <em>Mein </em>Bild von ihr datiert aus dem Jahr 1995, ist also schon vierzehn Jahre alt, und die Geschichte dazwischen ist ebenso lang. Ich will sie hier in Momentaufnahmen skizzieren und hoffe, daraus wird dann eine ‚Laudatio’.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Damals war sie die erste Dozentin der Tübinger-Poetik-Dozentur, und ich hatte plötzlich Angst. Es ist immer so. Erst will man etwas. Dann wird es Wirklichkeit, und dann: Dann sitzen plötzlich ein paar hundert Honoratioren oder Literaturinteressierte in einem akademischen Hörsaal und warten. Erwarten etwas.Es gibt Rektorenreden. Man spricht davon, dass „drei Männer jetzt gleich etwas aus der Taufe heben würden“, eine Poetin über „Schein Sein Erscheinen“ reden werde. Und dass allem Anfang ein Zauber eigne. Und so fort.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Dann fängt sie zu sprechen an und vom ersten Satz an, zu &#8211; irritieren:</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">„In Mittelafrika gibt es einen Stamm, bei dem den jungen Männern zur Initiation der Bauch aufgeschnitten wird. Die Initianten müssen auf ihr und in ihr Inneres in der geöffneten Bauchhöhle blicken. (…) Die Berichterstatterin (im Radio) erwähnt, dass die Initianten zwar beim Anblick ihrer Eingeweide in Ohnmacht fielen, doch erfrischt, euphorisch und ohne Symptome eines Schockzustands aufwachten.“<br />
Allein die Vorstellung, von den Ältesten ihrer Gesellschaft zu dieser Art der Eingeweideschau getrieben zu werden, bekennt die Autorin, lösten in ihr Schauer, aber auch Wut und Empörung aus. Schauer aufgrund des Zwangs zur Introspektion, zum Blick ins Innerste. Empörung beim Gedanken, als Frau von diesem Ritual ausgeschlossen zu sein.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Es ist wissenschaftlich nicht gut und menschlich kaum zu vertreten, das Profil eines komplexen Systems, wie es der Mensch darstellt, aus einer einzigen Episode, hochgerechnet aufs Ganze, erschließen zu wollen. Was im Fall eines normalen Menschen bereits fragwürdig ist, wird im Fall eines noch komplexeren Denk- und Empfindungssystems, wie es ein Autor ist, noch problematischer. Und dennoch: Ich werde diese Vorstellung nicht los, wenn ich über Marlene Streeruwitz nachdenke, im Gegenteil, sie verfestigt sich, wird konkret. Es erscheint eine Frau, deren ganzes Denken, Fühlen, Arbeiten sich entlang (diesseits und jenseits) einer Grenze bewegt. Nicht wie bei vielen Leuten, die sich in Übergangszonen eingenistet haben und den Sinn für Ambivalenzen kultivieren. Nein, bei Streeruwitz hat man den Eindruck, ihre Wahrnehmung ist auf Schnittstellen und Grenzlinien fixiert: ein Schnitt und zwei Gefühle, je nachdem, von welcher Seite man ihn in Betracht nimmt. Wie bei der Eingeweideschau, die sich als brutales Herrschaftsritual oder/und als elitäres Initiationsverfahren betrachten lässt. Und die Autorin steht bei diesem wahrnehmungsphysiologischen Balanceakt beileibe nicht indifferent irgendwo dazwischen, sondern auf beiden Seiten, auf Messers Schneide, ein Ritt auf der scharfen Klinge der Unbestechlichkeit. Das klingt nach Aufklärung, und das soll es auch.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Ich weiß, dass manche bei diesem Stichwort ein wenig nachsichtig abzuwinken versuchen und sehr viel lieber von post-postmodernen Konzepten reden möchten.<br />
Aber so wie es Liebe in Zeiten der Cholera gibt, existiert auch das Prinzip der Aufklärung im Zeitalter der Willkürlichkeit. Mit dem Stichwort der Aufklärung denke ich nicht an irgendwelche humanitären Gutwilligkeiten und Humanismusbasare oder Weltethos-Gehege. Es geht um Politisierung. Um Politisierung der Wahrnehmungsfähigkeit, nicht um irgendwelche Werte oder Normen oder Verordnungen. Es geht bei allem, was Marlene Streeruwitz als Autorin tut, um den Mut, ja die radikale Kühnheit, sich seines eigenen Wahrnehmungspotenzials zu bedienen. Dieses Programm impliziert ein ethisches, ein ästhetisches und damit ein politisches Programm. Mancher hat das Schicksal – Glück kann man das wohl nicht nennen –, von Kind an so zu sein, aus irgendeinem Grund so sein zu müssen: Bitten, beten, betteln, flehen, das genügte Marlene Streeruwitz schon als Kind nicht. Nicht mal das Berufsziel „Märtyrerin“ war der Fünfjährigen ausreichend, nicht „vergnüglich genug“:</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">„Mir genügte das nicht und mich vergnügte das nicht. Ich erinnere mich noch an lange heckenrosengeleitete Wege, die ich entlangstapfte und mir dabei wünschte, eine der Spinnen zu sein und Spinnennetze machen zu können, statt nur dem bangen Schicksal einer Märtyrerin entgegenzugehen.“</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Makelloses Opfer <em>und </em>Giftspinne zugleich, Netze auslegen <em>und </em>sie zerreißen: Als Streeruwitz-Leser darf man sich nicht auf bequeme Lektürestunden einstellen oder auf ungetrübte, festliche Theaterabende hoffen. Jederzeit kann die „Bühne“ zum „Tribunal“ werden. An ein Gespräch über Schillers <em>Fiesco </em>erinnere ich mich und an ihr Entsetzen bei der Szene, wo der Republikaner Verrina seine Tochter, nachdem sie vergewaltigt wurde, mit einem Tuch bedeckt und symbolisch blendet:</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt;">„(Er tritt zu ihr, indem er den Trauerflor langsam von seinem Arme wickelt, darauf feierlich.) Eh’ das Herzblut eines Doria diesen hässlichen Flecken aus deiner Ehre wäscht, soll kein Strahl des Tags auf diese Wangen fallen. Bis dahin – (Er wirft den Flor über sie.) <strong>verblinde</strong>. (Pause. Die Übrigen sehen ihn schweigend, betreten an.)“</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Damals war sie nahe daran, gegen solche Szenen im Namen dessen, was ich das „Prinzip Aufklärung“ nenne, zu protestieren, so wie Voltaire im Namen der Vernunft gegen das zerstörerische Erdbeben von Lissabon protestiert hatte. Beider Reaktionen gleich sinnlos und unverzichtbar. Unverzichtbar, denn wer sich den Blick verbieten lässt, lässt sich seines Ichs berauben.<br />
Marlene Streeruwitz’ Arbeit, erst im Theater, dann mehr und mehr im Roman, ist ein einziger vielstimmiger und höchst fintenreich angelegter Sturmlauf gegen Blick-Ausrichter und Herde-Hirten jeder Couleur – und jedes Geschlechts.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Wenn ich ihrer Arbeitsweise nachzugehen versuche, besteht dieser Versuch, dieser leidenschaftlich, unerlässlich und insistent betriebene Versuch darin, im Lauf der Jahre, der Jahrzehnte so etwas wie eine Systematik, eine Grammatik aller <span> </span>offen und verdeckt praktizierten Blick-Ausrichtungs-Verfahren herzustellen. Mit Schwerpunkt auf die Mann-Frau-Dichotomie, aber beileibe nicht nur darauf fokussiert. Denn die Verfahrensweisen betreffen in je unterschiedlicher Gestalt jeden, jederzeit, von der Wiege bis zur Bahre und auf allen Niveaus.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Bei einer Laudatio handelt es sich wirklich um eine sehr eigentümliche Textart. Während ich so rede, ertappe ich mich dabei, dem Blick des Objekts meiner Rede eher auszuweichen als ihn zu suchen. Denn was ich da tun muss, ist ja auch so eine Art öffentlicher Eingeweideschau. Einer spricht über einen anderen, durchaus seinerseits nicht stummen Menschen, in höchsten Tönen. (Dass mit einer Gegenrede zu rechnen ist, unterscheidet die Laudatio von der Leichenrede.) Ich persönlich kann es mir nicht so recht vorstellen, dass man gern öffentlich verhandelt, besprochen wird. Und sei es noch so positiv. Deshalb möchte ich bei meiner Geschichte, der von damals, bleiben, um nicht über jemanden, der mir wichtig ist, erklärend zu verfügen, sondern vielmehr den von ihr gelegten Texturen, Textspuren zu folgen.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">„Was tun die Medizinmänner?“ fragte Streeruwitz und antwortete: „Sie zeigen den Initianten ihre Macht. Sie können den Bauch auch offen stehen lassen. Den Initianten sterben lassen. Deshalb wird vor der Initiation eine Art Vertrag geschlossen.“ – Ein Pakt, der die Wiederauferstehung des Probanden garantiert und die Macht der Medizinmänner sichert. Dergleichen Verträge bestimmen (bewusst oder unbewusst) alle gesellschaftlichen Prozeduren, von der Laudatio bis zur Vorschule, von der Initiation bis zur letzten Ölung. Und die Medizinmänner und –Frauen, die Wortschamanen und –Schamaninnen laborieren dabei an der Schlüsselstelle der Sprache. Sie sind Verwalter und Gestalter einer Sprache, die der Verschleierung oder der Entschleierung dienen kann. Die Literatur, das vermittelt Streeruwitz wieder und wieder, steht bei dieser Prozedur nicht per se, sozusagen aus Prinzip auf der richtigen Seite. Literatur und Kunst sind sogar im Regelfall herausragende und geachtete Agenten der suggestiven Vernebelungsästhetiken.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Damit soll, um Gottes willen, nicht gesagt sein, die pseudokämpferischen Sprachverformungen der Politik, die Bewusstsein löschenden und Menschen entwürdigenden Begriffsviren der Technokratenidiome, das hysteroide Gestammel des Börsen- und Investoren-„Schamanismus“ sei gesellschaftlich weniger deformativ. Nur: Wenn ein Politiker, ein Theologe, ein Berater, ein Broker oder auch bloß ein Technokrat zu kommunizieren beginnt, weiß man in der Regel ohnehin, was weltanschaulich die Stunde geschlagen hat. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Die Unschuldsannahme der Literatur aber ist sehr viel schwerer zu widerlegen, und so ist es auch schwerer, ihr zu widerstehen. Der Markt, der Kanon, die Kanonen des Marktes stellen ein gewisses, zeitspezifisches Repertoire an Sprachhüllen, Erzählmustern und Theoremen zur Disposition – der Autor kann sich, muss sich aus diesem Fundus bedienen. Ein wirkliches Originalgenie wäre ein „Alien“. Weil diese Abhängigkeit besteht, kommt es notwendigerweise nicht auf das „dass“, sondern allein auf das „wie“ des sich Einschreibens an. Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, sie alle verwendeten vorgeformte Sprache, kauten auf steinharten Wortbrocken herum. Marlene Streeruwitz geht mit diesem Notstand, wenn nicht am unverfrorensten, so doch am unbefangensten um. Sie ist eine veritable Exhibitionistin der intertextuellen Legebatterien der Literatur: Groschenheft, Frauenroman, Lisa und Lore, Oper, Operette, Bibel, Shakespeare, Sprüche der Väter, olle Kamellen, flotte Klamotten, Doku-Soap, Party-Gewäsch, Elegien, Krimiserien oder Serienkiller – es gibt keine Textart, die nicht in Gefahr ist, zwischen den Zähnen dieser literarischen Reiß-Wölfin zu landen. Nicht um von ihr genüsslich verzehrt zu werden – genüsslich schon gar nicht, sondern allenfalls: verdaut. Resorbiert. Um am Ende als etwas ganz Anderes in veränderter Gestalt wieder zum Vorschein zu kommen. Vielleicht. Zum Beispiel in Gestalt dieser sich gegen das flüssige Verfügbarmachen förmlich im Schlund verbiegenden, verhakenden stoppelsteifen Kurzpasssätze. Oder als scharf geschnittene Blickraster die den Menschen während der Intimität des ihn Beschreibens in Wirklichkeit auch in Stücke schneidet.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">„Die Frau war dick (…) die Frau schob bei jedem Schritt das Bein um das andere herum. Sie musste ihre eigenen Schenkel umkreisen. Schob sich gegen sich selbst nach vorne (…) Die Frau war ein wackelnder, wippender Fettberg. Und jedes Lachen von ihr war eine Kaskade. Ein Berg aus Lachen und Kaskaden von Fett.“</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Eine Facette, ein winziger Moment aus <em>Partygirl </em>(2002). Ein Augenblick, in dem die Protagonistin eine Blitzdiagnose stellt, um im nächsten Moment auf sich selbst – grau, streng, angestrengt, die Bügelhandtasche umklammert – zurückgeworfen zu werden, als Beobachtungsbeobachterin ihrer selbst. Keiner wird bei diesem Verfahren billig denunziert, jeder muss mit allem rechnen, das ist etwas anderes.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Wir waren beim „wie?“, bei der Frage nach dem „wie“. Noch ein Verfahren des grammatikalischen Digerierens möchte ich hier exemplarisch nennen: Dieses atemlose und zugleich minutiös geregelte Prinzip des Erzählens nicht als eine Art permanenter „Suche-nach-der-verlorenen-Zeit“ zu betrachten, sondern ganz im Gegenteil, das Verlieren der Zeit als Resultat dieser Suche zu erfahren. Ob Selma in <em>Entfernung</em>, Jessica in <em>Jessica, 30 </em>oder Margarete in <em>Nachwelt</em>- es ist, als ob der Verlust, das brennende, unhintergehbare Gefühl des Verlusts die unstillbare Bewegung, die Renn-Sucht der Suchbewegung, die immer wieder in eine neue Verlust-Erfahrung münden muss, zur Voraussetzung hätte und so ein Movens würde, diese Grammatik der selbstsüchtigen Selbstentfremdung erst so recht in Bewegung zu setzen. Ich weiß, das klingt sehr hypothetisch. Und scheint auf den ersten Blick auch gar nicht gut zum aufklärerischen Grundduktus, den ich der Arbeit von Marlene Streeruwitz zuordne, zu passen. Und tut es vielleicht tatsächlich nicht.<br />
Trotzdem: zu meinem Modell von Aufklärung gehört das Wissen um die Sinnlosigkeit jeder Bemühung wie das Wissen um das Sterben zur Sisyphos- Arbeit des Arztes gehört. </span><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">In dem Moment, in dem man die Spannung zwischen der Suche und dem Verlust nicht mehr aushält – ist es aus. Man kann weiter Erfolg haben, Erfolge abspulen aber es geschieht nichts mehr.<br />
Solange diese Spannung da ist und zur Höchstspannung getrieben ausgehalten wird, findet etwas statt, findet, so man schreibt, Literatur statt. Beim Lesen dieser Hunderte, Tausende Seiten von Streeruwitz Prosa hab ich gespürt. Dass diese Binnenspannung bis ins Komma gehalten und immer neu erzeugt wird. Mehr, Besseres, „Lobenderes“ hab ich hier nicht zu sagen. Bis in jeden Komma-Hieb, in jeden Punkt-Schnitt, in jede Wort-Fügung, Sprach-Geste. Bis ins Gemüse, die Spinaci, die Eier, das Frühstück. „Frühstück und Gewalt“.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Damals, aber Sie haben, hoffe ich, akzeptiert, dass dies trotz der Rückwärtsgewandtheit kein Nostalgiebericht ist, sondern einen Gegenwarts Befund darstellt, &#8211; damals, 1996 hat Streeruwitz, ein letztes Mal das Initiations- Thema aufgreifend, die Vorlesung beendet, indem sie die Bildbeschreibung in einen literarischen Auftrag umdeutete.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">„Die ersten Blicke ins Innere werden in unserer Gesellschaft im Sprachlosen belassen. (…) Das System bedient sich unserer Sprachlosigkeit zu seiner Erfüllung.“<br />
Deshalb müsse an die Texte – die Phänomene des Alltags etc. – die Frage gestellt werden, ob sie die Blickrichtungen bestimmen und „die Schau des Selbst vorflüstern“. Oder ob es sich um Texte handelt, die den eigenen Blick suchen und zur Selbstbefragung, bzw. zum Aufbau einer eigenen Sprachwelt führen. Es gibt kein leidenschaftlicheres und pragmatischeres Literaturkonzept als das, was seinerzeit im HS 21 skizziert wurde:</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align: left;"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">„In einer Wechselwirkung von kritischem Lesen und eigenem Schreiben müssen wir einander alle Geschichten erzählen, die möglich sind“, um aus der eigenen Frage ein Selbst zu erschaffen. Das war 1996. Jeder konnte seinerzeit ahnen, keiner konkret wissen, erfassen was das folgende Jahrzehnt bringen sollte: den globalen Angriff auf eigenes Denken durch eine gleichermaßen inzestuöse wie ruinöse Monokultur aus Technokratie und Spekulation. Den Absturz der ausdifferenzierenden Arbeit an der Sprache zugunsten einer Diktion, eines Jargons der Uneigentlichkeit, gegen den die Zement-Ideologien der 70er Jahre nachgerade weichgespült erscheinen.</span><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;"> </span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Eine ganz nette Kollegin sagte vor 10 Jahren noch:</span><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">„Ich finde mein kleines Fach total wichtig und die Studis sind toll.“</span><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Dieselbe Dame, inzwischen beachtlich im Executive Gewerbe aufgestiegen sagte gestern bei einer Sitzung: „man sieht sich gezwungen zu akzeptieren, dass die kritische Masse zum Aufrechtrechterhalten des Faches in naher Zukunft nicht gewährleistet werden kann und empfiehlt deshalb eine Schließung entsprechender Studiengänge.“<br />
Sprach’s und rief zur Geschäftsordnung.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Der Preis der Stadt Meersburg hat Marlene Streeruwitz vielleicht im letztmöglichen Moment erreicht, um vielleicht mehr als nur ein Zeichen gegen diese Art der kulturellen Verwahrlosung im Sinne der „Effizienz“, der „Perfektibilität“ etc. zu setzen.</span><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Sie würdigt in ihr einen Menschen, ein Lebewesen der im Aussterben befindlichen Art, der „Störenfriede“, Friedensstörer(innen). Ortega y Gasset beschrieb den Typus bereits 1940 in seinem Aufsatz „Der Intellektuelle und der Andere“ in Bildern, die dem Thema der Eingeweideschau – ein letztes Mal – recht nahe kommen:</span><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">„Auf den ersten Blick scheint er ein Zerstörer, man sieht ihn, einem Metzger vergleichbar, stets die Hände voll von Eingeweiden der Dinge. Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Intellektuelle kann nicht, auch wenn er es wollte, im Hinblick auf die Dinge Egoist sein. Er macht aus ihnen ein Problem. Das ist das höchste Kennzeichen der Liebe.“</span><span style="font-size: 11pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;">Und wenn vielleicht nicht wirklich der Liebe, so doch – und das ist nicht minder relevant – des leidenschaftlichen, manchmal Leiden-schaffenden Engagements, eines Engegements gegen offene und verdeckte Formen der Vergewaltigung, und sei es auch nur der Vergewaltigung durch Sprache. Und sei es auch nur in Form der permanenten, subcutanen Verführung zur einverständigen Gefälligkeit.<br />
Streeruwitz’ Art des Schreibens, eines Schreibens aus lauter Widerhaken, ist tatsächlich eine höchst gegenwärtige, hoch aktuelle und brennend akute „Ästhetik des Widerstands“.</span></p>
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<p><!--[if gte mso 10]><br />
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