13. Jänner 2010.
13.1.2010
Wir hatten recht, und wir machten es richtig. In der Rückschau. Das Jahr 2000 in der österreichischen Politik war der Beginn einer Verwandlung, in die wir gezwungen wurden. Diesem Zwang ganz einfach davonzugehen war die richtige Antwort. Und die einzige.
Im Jahr 2000 wurden wir mithilfe der Effizienzideologie in eine postmaterialistische Welt eingewiesen, in der die Globalisierung und der Kapitalismus einander ergänzend die Hierarchien horizontal ausbreiten konnten. Seit 2000 müssen wir täglich lernen, dass allein der Zugang zu Ressourcen über die Möglichkeiten bestimmt. Demokratie kann daraus nicht geschaffen werden. Demokratie verkümmert bei dieser Art der Gliederung. Es wäre ja darum gegangen, die Hierarchien abzubauen und nicht nur im Raum zu drehen.
Der mit 2000 eröffnete öffentliche Marktplatz, der nicht demokratisch organisiert ist, sondern wieder nur über den Besitz von Ressourcen betretbar wurde. Dieser öffentliche Marktplatz stellt eine Mittelalterlichkeit in der Struktur nach und benutzt gleichzeitig metaphysische Motive zur Selbstdarstellung. So kamen die Burschenschaften wieder in ei- ne Selbstverständlichkeit. Gewalt wurde wieder männliche Domäne und gleichzeitig entstaatlicht. Christlicher Glaube bietet sich als Coaching-Instrument an. Der Kardinal sagt, daß die Kirche eine Tankstelle der Seele sei. Und während wir alle auf Haider starrten, übernahm Raiffeisen die Nachfolgestaaten des Warschauer Pakts, die schon in der Monarchie zu Wien gehörten, und die Außenpolitik unterstützte deren Eintritt in die EU. Globalisierung ging plötzlich von Österreich aus. Bündepolitik. Verwirtschaftlichung der Bildung. Zwangseingemeindung der „freien Geister“ in die Kammer der gewerblichen Wirtschaft. Der Terror der Bürokratie als tägliches Erlebnis.
Da fällt es einer nicht schwer, sich das Treiben auf einem mittelalterlichen Marktplatz vorzustellen. Mit den Monopolen der Zünfte. Mit all den Steuern der verschiedenen Bünde. Mit den Wegelagerern, die sich den Rest holen wollen. Und am Ende steht dann unsereine selber da und muß betteln.
Allein dafür war es gut, diese Stadt Wien auf allen Straßen zu begehen. Wir haben einander kennengelernt. Wir wissen heute, daß es damals viele waren, und wir können erwarten, daß wir einander wieder treffen. Wir haben einander geachtet. Beim Gehen. Wir haben sogar mit der Polizei ein Auskommen gefunden und damit dem staatlichen Gewaltmonopol unsere Reverenz erwiesen und uns an die demokratischen Spielregeln für die Gewalt gehalten. Wir wissen, daß wir sehr Verschiedene sind.
Heute. Wir sind alle andere geworden. Wir mußten andere werden. Wir werden uns aber miteinander immer auf diese luftige Freiheit der Bewegung einigen können, wenn der Wandertag beim Volksgarten hinten auf den Ring einbiegt.
Wenn die Politik und die Hochkultur die Selbsthilfegruppen der Eliten sind. Dann waren die Donnerstagswandertage die Selbsthilfemaßnahme der Anti-Eliten. Immerhin wissen nun alle, daß es diese Personen auch gibt. Irgendwann wird sich das dann sogar bezahlt machen. Schauen wir halt. ■
Erschienen am 23.1.2010 in Die Presse