Die Poetik des Widerstands.

30.1.2001

“Wichtig ist, daß wir die Diagnosen, wo der autoritäre Charakter in unserer Kultur archiviert wird, noch deutlicher, noch öfter stellen müssen.” Marlene Streeruwitz im Gespräch mit Walter Baier.

Du schreibst: “Das Patriarchat wird heute durch das Geld repräsentiert. Und wenn wir nicht vom Patriarchat wegkommen, werden wir nirgends hinkommen.” Aber wie kommt man vom Patriarchat weg?

Ja das ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Wie entkommt man dem Täter,  ohne das vom Täter beschriebene Opfer zu sein; wie das ja in unserer Kultur der Fall ist?

Meine Antwort darauf ist weggehen, dem Patriarchat den Rücken kehren und weggehen. Für mich sind  die Wiener Donnerstagswandertage absolut so eine Form von weggehen. Für mich ist das Geld der Realausdruck des Patriarchats. Als Tauschmittel, das alles bestimmt. Freunde von mir in New York erzählen, daß wieder andere Freunde ein Baby gekauft haben. Eine Prozedur, die weniger kostet als ein Kleinwagen, und die Leihmutter ist sicher eine nicht überprivilegierte Person in New York, wahrscheinlich eine Russin oder Latina. Das patriarchale Geld kann Unbezahlbares bezahlbar machen. Das Unbezahlbare bekommt dadurch einen meßbaren Wert und kann dann gleich auch unwert werden. Und das ist für mich der Grund, dieser Sache den Kampf anzusagen. Einfach auch unter dem Hinweis, Unbezahlbares muß unbezahlbar bleiben. Das heißt, solche Unternehmungen müssen Menschen sich anders ausmachen. Der Kauf solcher Dienstleistungen stellt ja völlig neue Besitzverhältnisse aneinander her. An diesem Beispiel wird Sklaverei wieder offenkundig.

Einerseits sagst Du, daß das Geld das heutige Patriarchat ist, andererseits beschreibst Du den Sieg des Geldes über die patriarchalen Mythen. Ist der Fortschritt nicht eine traurige Angelegenheit?

Ich bedaure, daß jeder Fortschritt wegen des Geldes sich sofort in reaktionäre Muster kehrt. Nehmen wir das Beispiel der Leihmutter. Im Grunde genommen ist die Eroberung dieser medizinischen Technologie etwas, was Schicksale verbessern könnte, Chancen darstellt, und Gott ein Stück toter macht, wogegen ich gar nichts habe. Was aber passieren wird – über das Geld – ist, daß die Leihmutter gekauft werden kann und wird, sind einfach neue Schreckensräume mit Zuhälterei und Prostitution. Ich möchte die Kernfamilie nicht rückinstalliert sehen. Gegen Transplantationschwangerschaften zu sein, hieße aber auch gegen Schwangerschaftsabbruch zu sein. Das ist nicht akzeptabel, aber besonders unakzeptabel ist, daß die Freiheit, die in diesen Schritten durchaus verborgen sein könnte oder durchaus enthalten sein könnte, einfach vom Geld immer umgewertet wird, als wären wir immer noch in den griechischen Sagen.

Also alle Chancen, die der Fortschritt durchaus in sich hat, werden über das Geld einfach in die uralten Muster zurück geführt. Die Zerstörung von Vorrechten des Patriarchats wie das der Zeugung werden zwar aufgelöst, aber das führt zu keiner Verkleinerung des Patriarchats, weil das Geld diese Muster braucht, um seinen Wert zu erhalten.

Haben die Menschen nicht auch Sehnsucht nach Ordnung, gibt es ein Recht auf Ordnung? Ist Ordnung untrennbar verbunden mit Patriarchat?

Patriarchat hat noch nie Ordnung hergestellt. Die Bedürfnisse nach Ordnung, nach Identität -was möglicherweise manche Leute auch als durchaus berechtigt bezeichnen können – , werden aber nicht befriedigt. Patriarchat behauptet in seiner Unordnung die einzige Ordnung zu sein. Es ist aber nichts weiter als die Summe des Geldes, die vorhanden ist, sonst gibt es keine Geordnetheit. Und die ist auch nur eine Benennung. Das einzige was hier gemacht wird, ist rein ideologisch, so daß von den Personen, in denen das Bedürfnis nach dieser Ordnung hergestellt wird, das Ertragen des eigenen Soseins als Unordnung empfunden wird, sich daher die Personen selbst nicht ertragen können und nach außen hin delegieren müssen, obwohl außen das gleiche Chaos herrscht wie innen. Würde man nun lernen mit Chaos umzugehen, könnte man sich selber auch ganz gut aushalten.

Bist Du eine Revolutionärin?

Sicher nicht im Sinn einer Revolution als ödipaler Gegenschlag gegen eine vorhandene Situation.

Was folgt daraus für die jetzige politische Situation in Österreich?

Vieles, was wir an der jetzigen Regierung kritisieren, wurde ja vor dem Februar 2000 eingeleitet.

Es kommt darauf an, daß man oder frau sich nicht aus der Ruhe bringen läßt. Wichtig ist, daß wir die Diagnosen, wo der autoritäre Charakter in unserer Kultur archiviert wird, in welchen Formen, in welchen Sätzen, in welchen Strukturen, noch deutlicher, noch öfter beschreiben müssen.  Es wird die Suche nach einer neuen Sprache beschleunigt werden müssen. Wobei ich als Grundlage dieser neuen Sprache dieses sprachlose Gehen am Donnerstag sehe, aus dem heraus sich irgendwann einmal etwas entwickeln wird. Nicht direkt und nicht gleich und nicht übermorgen, aber das halte ich für eines der wichtigsten auch künstlerischen Unternehmungen, die möglich sind. Und deswegen darf das unter keinen Umständen irgendwie von Alphatieren oder Alphatexten überdeckt werden. Dadurch schaut das alles vielleicht klein und ein bißchen mickrig aus, aber ich glaube, das ist eben die Geschichte, die ertragen werden muß, daß es wahrscheinlich klein und mickrig ausschaut, wenn man sich als Individuum entkolonialisiert hat. Die Vorstellung von Großem und Totalem ist eben aufzugeben. Das ist die Grundentscheidung und das wird man halt aushalten müssen.

Ein Schritt, der bei jeder Form von Aufklärung die Grenze ist und der oft nicht überschritten wird, ist die Aufgabe von Altem und da das Neue noch nicht vorhanden ist, entsteht eine Leere, die Angst macht und zur Rückkehr in das Alte als Neues verführt. Die nicht in den politischen Strukturen des Patriarchats durchgeführten Dinge, wie eben das Gehen am Donnerstag, sind erste Schritte zu einer neuen Sprache. Ein Bild dafür ist das von Achilles. Die Wunden die er mit seinem Schwert schlug, konnten nur wieder mit der Berührung dieses Schwerts geheilt werden. Das ist etwas, was das Patriarchat immer macht. Daß wenn man Opfer geworden ist, verletzt worden ist, Heilung nur von den Urhebern kommen kann. Und da denke ich mir, gibt es eine Chance für jetzt, daß man sich dieser Heilung einfach entzieht.

Was bedeutet das für die Auseinandersetzung mit der vorhandenen praktischen, strukturellen Gewalt in der Gesellschaft? Was folgt daraus auf der Ebene der politischen Macht? Gibt es auch politische Strategien außer der, den Verhältnissen den Rücken zu kehren?

Ja, die guten alten Zusammenschlüsse gibt es doch, aber man kann das System ausweiten. Wahrscheinlich braucht es informelle rasche Zusammenschlüsse, die die Möglichkeiten vergrößern. Die Plattform für jeden einzelnen müßte erweitert werden, und zwar ohne, daß neue Apparate entstehen. Ich glaube, daß die Möglichkeiten wie etwa das Internet sie schafft, dazu führen, daß sich neue Solidaritätsmodelle einspielen.

Akzeptierst Du für diese neue Solidarisierung den Begriff “politisches Projekt”?

Ja, politisches Projekt, aber außerhalb der normalen Politstrukturen. Also im Grunde ein unpolitisches Projekt, ein politisches Unpolitprojekt. Ein politisches Unpolitprojekt, ja so müßte das sein. Also politisch in einem sehr brutalen Sinn, sehr persönlichen Sinn, mit einer selbstverständlich scharfen Analyse gesellschaftlicher, wirtschaftlicher Umstände, die aber dann nie den Anspruch erheben, wiederum große Regenschirme zu werden, wo gleich schon der kleinste gemeinsame Nenner sehr klein wird. Ein Ziel könnte es sein, daß es in drei Jahren Organisationsformen gibt, die das selbstverständlich widerspiegeln, wo es nicht mehr die fixen Hierarchien gibt, sondern Positionen, die wechseln, so wie wir bei den drei Weisinnen gesagt haben, ich bin jetzt eine Woche da und dann sucht ihr die Nächste aus, weil ich dann weg bin, so entsteht eine Form von selbstverständlicher gegenseitiger Vertretung. Ich glaube, daß der Traum, daß jeder Schritt in ein Unterfangen des Größeren zu stellen ist, immer wieder die Gefahr des Zurückfalls in patriarchale Grundstrukturen in sich trägt. Also das ist sicher eine Art Zellenvorstellung, wie wir sie schon oft in der Geschichte hatten, aber ich denke, man müßte bei den Zellen bleiben und sich zu Begriffen wie Delegieren und Vertreten neue Vorstellungen machen.

Erschienen in der Volksstimme am 30. 1. 2001

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