Mein Jahr auf der Straße.

24.1.2001

Es war nur ein halbes Jahr Donnerstage auf der Straße in Wien. Das andere halbe Jahr war ich in Chicago. Da gab es einen kleinen, von der Polizei verteidigten Kukluxclanaufmarsch. Und dann waren da natürlich die republikanischen Proteste für George Bush gegen Al Gore vor dessen Residenz in Washington und vor den jeweiligen Gerichtsgebäuden. Wo halt gerade über den Präsidenten entschieden wurde, da waren die Bush-Anhänger.

Diese Demonstrationen waren Medienereignisse. Die Demonstranten wurden in Bussen herangekarrt. Auch die Kukluxclanburschen kletterten in ihren weißen Nachthemden aus klimatisierten Bussen. Dann nahm man Aufstellung und hielt die Fäuste und Sprüche in die Kameras.  Sprechchöre wurden geschrieen. Gegen Al Gore flogen Cola Dosen.  Das sah gefährlich aus, aber bei Kameraschwenks  war dann zu erkennen, daß das ziemlich kleine Ansammlungen waren. Busladungen eben. Trotzdem war gleich von „Unmut in der Bevölkerung“ und einer „öffentlichen Meinung“ die Rede.

Diese Demonstrationen wurden von den Medien benützt. Ohne sie hätten überhaupt nur Gerichtsgebäude und die Verhandlungen darin gezeigt werden können. Der ganze Vorgang dieser Nachwahlauseinandersetzung wurde von den Fernsehjournalisten eher gereizt behandelt. Ungeduldig. Als wäre dieser Vorgang eine einzige Zumutung. Da war es nett, empörte Bürger vorführen zu können. Zumal die ja auch das Passende schrieen. Bush wurde von allen Nachrichtenkanälen als der rechtmäßige Sieger angesehen. Böse Zungen behaupteten, die Journalistenstars wollten so rasch wie möglich die von Bush versprochene Steuersenkung  für hohe Einkommen in Kraft sehen. Pro Bush Demonstranten paßten jedenfalls. Ins  Bild und in die Strategie.

Angesichts der 2 dünnen Reihen dieser instrumentalisierten Demonstranten stieg schon Sehnsucht nach den Donnerstagswandertagen auf. Da ist es nämlich Selbstbestimmung, die am Donnerstag nach 7 Uhr am Abend den Schritt des Spaziergängers oder der Spaziergängerin in Richtung Ballhausplatz lenkt. Keine Busanlieferung. Jeder und jede kommt einzeln. Freiwillig und ungezwungen. Nur der eigene Beschluß liegt vor. Und ganz locker kann man oder frau auch wegbleiben. Diesmal nicht hingehen. Es geht um Zwanglosigkeit. Es geht um die Freiheit von all den Zwänglichkeiten, wie sie die Ich-Schwächen des Rassismus benötigen. Es gibt also keine vorgeschriebenen Regelmäßigkeiten. Keine vorgeschriebenen Sprechchöre. Keine vorgeschriebenen Transparente. Keine vorgeschriebene Kleidung. Keinen vorgeschriebenen Text. Manchmal versucht eine junge Frau mit rotem Schal, Ordnung zu machen. Sie scheitert aber jedesmal. Niemand will Ordnung am Donnerstag und niemand will Unordnung.

Weil es um die Suche nach einem neuen politischen Ausdruck geht. Weil es um die Darstellung von Antirassismus geht, der hierzulande keine Sprache hat, muß diese Suche in einer Nicht-Ordnung stattfinden. Denn. Würde marschiert werden. Wäre also das Donnerstagsgehen in eine Ordnung gepreßt. In eine Marschordnung. Dann könnte die Gangart nicht gehen oder wandern genannt werden. Sie hieße marschieren. Geordnet, choreografiert und einexerziert gehen. Sie wäre damit die Erinnerung an die Bewegung in all den Formationen, die immer nur das nächste Gegenteil herstellen konnten in der ewigen Folge von Gewalt und Gegengewalt. Geriete die Donnerstagsdemo aber in Unordnung, dann verlöre sie sich ins Unsichtbare. Sie müßte nicht mehr wahrgenommen werden. Ein Grüppchen da. Ein Grüppchen dort. Die einen um 7. Die anderen um 8. Auflösung.

Eine solche Nicht-Ordnung ist schwierig. Jeder und jede muß sich selbst den eigenen Antirassismus ausdenken. Das ist mühselig und die Belohnung. Es gibt dann kein Dogma, sondern tausende Modelle, die dann auch auf die tausenden Wirklichkeiten anzuwenden sind, in denen Antirassismus gebraucht wird. Das ist Praxis. Das ist gebastelte Praxis. Aber. Über die Anwendbarkeit von Dogmen und die Folgen davon. Darüber haben uns die letzen 2 Jahrhunderte doch einiges gelehrt.

Warum überhaupt gehen. Es könnte ja reichen, sich das Richtige zu denken und dann manchmal auch zu tun. Wozu diese, vom Standard „ niedlich“ genannten Prozessionen?  Rassismus ist Masse. Die Konstruktion eines feindlich Anderen stellt diese Masse her und umfängt sie. Gerade wird die Masse „Negerdrogenhändlerverfolger“ hergestellt. Mit wenigen Formeln wird in der  Beschreibung der Drogenhändler jeder einzelne verängstigbare Verängstigte in diese Drogenhändlerverfolgermasse eingegrenzt. Ist in dieser Masse aufgehoben, die dann bei den Gemeinderatswahlen in der Wahl der Drogenhändlerverfolgerpartei erst sichtbar werden soll. Bis dahin bleibt diese Masse geheim, passiv und unauffällig. Bis dahin sitzt jedes Massenteilchen vor Fernseher und Kronenzeitung. – Aufmärsche wären vielleicht ja auch nicht so günstig. Es soll doch dabei bleiben, daß alles demokratisch zugeht.

Antirassismus kann nicht marschieren oder sich zusammenrotten, weil jede Masse in diesen vereinfachenden Formeln, die sie herstellen, in jedem Fall rassistisch ist. Wie also sichtbar bleiben und nicht zu Masse gerinnen.

Der Protest gegen FPÖVP hat sich dieser Falle von Anfang an durch Kreativität entzogen. Fröhliche Umbenennung war das Mittel. Von Anfang an wurde demonstrieren, wandern und gehen genannt. Die Demonstration wurde zum Wandertag. Schon diese Bezeichnungen lassen Raum für neue Interpretationen. Es geht letzten  darum, dem bisherigen Politischen den Rücken zu kehren. Sich wegzuwenden und neue Sprachen zu finden. Wenn es möglich war, faschistische Bedürfnisse nun so lange Zeit zu konservieren, daß sie weiterhin abrufbar bleiben, dann war ziemlich alles falsch, was die letzten 50 Jahre betrifft. Darüber muß nachgedacht werden. Darüber muß geredet werden. Und dem muß man oder frau sich entziehen.

Was es soll „dieses Herumdemonstrieren“ werde ich gefragt. Gönnerhaft oder spöttisch. Was es für einen Sinn haben soll. „Herzig“ wird das gesehen. Dieses Gehen. Ein bißerl naiv. Oder armselig. „Niedlich“, wie gesagt.

Nun. Die Lehre der letzten 15 Jahre muß doch sein, daß Politik emotional bestimmt ist. Der Charakter und dessen Möglichkeiten sind entscheidend. Was kann einer oder eine aushalten. Was kann gedacht werden. Was ist zu überlegen erlaubt. Was an Fragen verboten. Was kann gesagt werden. Was erkannt. Jedes Sachargument wird an den emotionalen Anforderungen gemessen werden. Und ganz offensichtlich ist der autoritäre Charakter nicht verschwunden,  dessen Denkmuster ängstliche Enge bestimmt.

Wie hätte der autoritäre Charakter auch verschwinden sollen in einer Kultur, die nie von vorne begonnen hat, sondern nach 1945 bei 1938 angeschlossen hat. Und damit nur an der regionalen Ausformung dieses Charaktertyps. Nie wurden die Vorstufen zur autoritären Gesellschaft der 30eer Jahre in Frage gestellt. Autoritäres Neobarock, das direkt in autoritär ausgelegte Postmoderne mündete.

Die Einübung in den autoritären Charakter ist so Grundlage der Kultur. Mittel dieser Einübung ist Angst. Sind Ängste. Ängstlichkeiten. Und ganz offensichtlich kann sich der politische Text auf solche Ängste weiterhin beziehen. Aus Überwältigungsängsten und Überwältigungswünschen gespeister Antisemitismus ist einer der Bausteine unserer Charakter. Politik. Religion. Bildung. Kunst. Kultur. Überall sind unaufgespürte Aufträge in diese Richtung.  Und manchmal sind sie mittlerweile ja auch schon ganz unverborgen offen.

Aber. Das geht an einem nicht vorbei. Da gibt es Einschlüsse, die unerträglich doch freigelegt werden müssen. Antisemitismus. Rassismus. Das verdeckt Leerstellen. Ist dazu da. Muß verdecken. Immer und immer wieder. Das bekommt Suchtcharakter und wird nie vollkommen anders.

Eine der großen Lügen unserer Kultur war und ist die Behauptung, sich vollkommen verwandeln zu können. Ein vollkommen anderer  oder eine vollkommen andere zu werden und alle Laster der alten Person abstoßen zu können. Die Erzählung von der Erlösung spricht davon. Suchtkranke wissen es anders. Es gibt keine Heilung von der eigenen Person. Und das ist gut so, denn das bedeutete nur eine andere Form von Selbstverlust. Aber. Die versteckten Aufträge bleiben versteckt. Stete Selbstbefragung wird deshalb notwendig sein.

So gesehen, ist es auch eine Selbsthilfegruppe, die da am Donnerstag abend immer aufbricht. Ins Gehen. Ins Weggehen. In ein den Rücken Kehren und von der Straßenmitte einen neuen Blickwinkel fassen. Und. In der Suche nach den richtigen Fragen und in der Suche nach einem neuen Ausdruck ist dieses Gehen Kunst. Politische Kunst und eine demokratische Leistung. Und in der persönlichen Darstellung der politischen Meinung überhaupt erst Demokratie.

Erschienen am 24.1.2001 in Profil

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