Fünf Interview-Fragen.

1.8.2000

Liebe Frau Streeruwitz,
ich schicke Ihnen hiermit, wie besprochen, die fünf Interview-Fragen. Da
das Interview noch in der Ausgabe dieser Woche erscheinen soll, bräuchte
ich die Antworten bis morgen 13.00 Uhr an die obengenannte Adresse.
Ich danke Ihnen für Ihre Mühe und hoffe, daß wir uns bei Gelegenheit auch
mal persönlich kennenlernen werden — diese Art des Interviews ist mir
nämlich, so praktisch sie auch sein mag,  doch etwas zu unpersönlich.
Falls Sie mal irgendetwas haben, was dringend veröffentlicht werden
sollte, mailen Sie es einfach an meine Mail chilin@aon.at, und ich werde
mich, soweit es mir möglich ist, gerne darum kümmern. Doch nun zu den
Fragen:
1) Ich möchte Sie, als eine der drei Weisinnen, gleich zu Beginn fragen,
worin die Funktion der drei Weisinnen besteht und welche Aufgaben sie sich
gesetzt haben?

Die drei „Weisinnen“ sind eine spontane Wandertagsidee vom Donnerstag vergangener Woche. Es geht um den Hinweis, daß es auch noch andere Österreicherinnen und Österreicher gibt, als die hierarchischen Spitzen der Politik, Religion und Verwaltung.

2) Das geplante Gespräch mit den “drei Weisen” fand nicht statt. Warum nicht? Und wie wird die Arbeit der drei Weisinnen nun weitergehen?

Das Gespräch fand nicht statt, weil es keine Reaktion der „Weisen“ gab. Das finde ich nicht bemerkenswert. Es hat sich doch hier eine Stimmung von Wichtigkeit hergestellt, die solche Kontakte ja geradezu ausschließt. Das heißt aber nun nicht, daß unsere Aktion umsonst war. Das seltsame ist doch, daß es immer und weiter darum geht, in Erinnerung zu bringen, daß es einzelne Personen sind, die hier als Objekte der Politik verhandelt werden. Das ist ja auch – für mich jedenfalls – einer der Gründe für die Donnerstagsdemos: es geht um jeden und jede. Das erstaunt in Österreich die Leute am meisten. Sich selbst um Politik kümmern zu müssen ist offenkundig weiterhin Mühe.

3) Sie sind regelmäßig auf den Donnerstagsdemos präsent und aktiv, veröffentlichen in der europäischen Presse Texte und Kommentare gegen Blauschwarz und sind nun eine der drei Weisinnen. Wie verträgt sich Ihr reges und bemerkenswertes öffentliches Engagement mit ihrer Arbeit als Schriftstellerin?

4) Beispielsweise im Quarantanienband haben sie ihre Kritikpunkte an der FPÖ und der schwarzblauen Regierung deutlich formuliert. Sehen Sie in der Arbeit der drei Weisinnen und ihrem Engagement eine Möglichkeit, etwas zu bewirken, das über die bloße Aufklärung, die hierzulande schleppend vor sich geht, hinausläuft?

Mir geht es um den „autoritären Charakter“. Das ist jene Personenkonfiguration, die das Einfügen in Fremdentscheidung und Masse ermöglicht. Dieser Charakter ist demokratieunfähig, ja wird die Demokratie bekämpfen. Diese Personenform ist aus unserer Kultur nie ganz verschwunden. Das hat mit Verdrängung und Erziehung zu tun. Während der Nationalsozialismus Tugenden wie Ordnung, Sauberkeit mit der Zugehörigkeit zur richtigen Rasse verbanden, werden derzeit über die Diskriminierung der Ausländer diese Tugenden für die Inländer behauptet. Die klare Aussage, daß die Österreicher besser als die Ausländer sind, kann so umgangen werden und die in diese Behauptung eingegrenzten Österreicher können sich überlegen fühlen. Solche Behauptungen führen zu immer enger gefaßten Feindbildern. Ich denke, daß wir hier erst den Anfang erleben. Ich warte, bis es gegen die Frauen geht, als den inneren Feind.

5) Wie schätzen Sie als Aktivistin die Perspektiven des Widerstands gegen Blauschwarz ein?

Es gibt zwar konkrete Ziele. Also Rücktritt dieser Regierung. Aber natürlich ist es damit nicht getan. Seit ich begonnen habe zu schreiben, arbeite ich gegen den „autoritären patriarchalen Charakter“. Für mich ist die Beteiligung an dieser Widerstandform die Weiterführung meiner Arbeit und damit werde ich weiter machen.

Mit Dank und lieben Grüßen Sabine Treude

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