„Gegen die tägliche Beleidigung.“* Oder. Wie läßt sich auf der Bühne politisch werden.
18.7.2000
Ein Theater der Katharsis ist unpolitisch. Wenn die stockende Masse Theaterbesucher in den einen gemeinsamen Seufzer ausbricht, dann ist das in dieser Entlastung die Zustände immer affirmierend. Geseufzt wird ja schließlich nach dem Dolchstoß und seinen Todesfolgen. Und.
Wenn dieses „Ach. Wie tragisch!“ die Kehlen einschnürt. Und das Wieder Luft Holen danach dann so ein Gefühl von Befreiung und Mut und Kraft auslöst. Wenn dann die Brust so weit wird. Wieder. Dann ist der Appetit wieder da. Der Appetit aufs Essen. Nie der auf Veränderung. Vanitas und angenehm geseufzt und dann sehr gut gegessen. Und alles geht weiter. Wie immer.
Ein Theater der Provokation ist entpolitisierend. Der Akt der Provokation in sich schon Abwehr der Verständigung ist mittlerweile endgültig berechenbare Grenzziehung. Ist die Unterscheidung in Befürwortung und Ablehnung und Langeweile. Die, die für die Provokation eintreten, die wissen sich in einem moralischen Vorsprung vor den Provozierten. Die fühlen sich in diesem Vorsprung bestätigt. Die fühlen sich voraus und denken sich nichts. Längst nichts mehr. Ablehner und Ablehnerinnen der Provokation. Die wissen sich nun in der anderen Hälfte des moralischen Vorsprungs bestätigt und denken sich nichts. Ganz sicher nichts anderes. Die Gelangweilten wußten schon alles und müssen sich deshalb nichts mehr denken. Alte Grenzen werden so neu bestätigt. Immer wieder. Provokateure und Provozierte sind zufrieden. Ergänzen einander. Und es ändert sich nichts. Aufgeregteres Biedermeier seit dem Aktionismus und keine Bewegung. Im Denken nicht.
Ein politisierend politisches Theater muß sich auf die politische Situation beziehen und deren Wirklichkeit vermitteln. Ein solches Theater muß ohne den hohen Text auskommen und ohne den Seufzer der Bestätigung. Ein solches Theater muß sich in der derzeitigen österreichischen Situation mit der Frage beschäftigen, wie es zur „täglichen Beleidigung“ kommt. Wie Hierarchie, Führerprinzip, Ausgrenzung und Heimattümelei zu Sprache kommt. Wie unscheinbar die „tägliche Beleidigung „ daher kommt. Wie normal. Wie gewohnt. Wie fad. Wie mediengerecht. Wie weit verbreitet. Wie tief verankert.
In der Politik wird der Text von Personen interpretiert abgeliefert. Mehr noch als auf dem Theater beschränkt sich alles auf diesen zweidimensionalen Informationstransport. Diese Konstruktion auf „Figuren“ zu ergänzen wäre Taschenklappaltarpsychologisiererei. Und wieder im Erklären unpolitisch. Es kann nur darum gehen, die zweidimensionalen Texte der Politik zu untersuchen und politische Lesarten zu entwickeln. Das wiederum muß jeder Zusehen und jede Zuseherin für sich selbst tun. Der Überwältigung durch diese plane Zweidimensionalität kann nur die Entschlüsselung der Texte durch jeden und jede immer und immer wieder Widerstand leisten.
Text ist in diesem Spiel alles. Aussehen. Kleidung. Gesagtes und im Gesagten verborgene emotionale Aufladungen. Angedeutetes und Ungesagtes.
*Text eines Transparents. Gesehen bei den Donnerstag Wandertagen vom 13. und 19. Juli 2000.
Tagebuchnotiz