Ich sitze in Wien.

24.2.2000

Ich sitze in Wien. Ich werde wegen der FPÖ Regierungsbeteiligung nicht mehr oder weniger hier bleiben. Warum ein „gerade jetzt“ erfinden, wenn es schon immer so war. Aber. Ich werde jeden Donnerstag , den ich in Wien sein werde, demonstrieren gehen. Wandern. Ambulieren. Gegen diese Regierungsbeteiligung und alles, wofür sie steht. Also gegen unaufgearbeitete Ressentiments aller Art.

Es ist ja nun ein seltsamer Vorgang, daß eine neue Regierung noch eine Steigerung des doublebinds der Verstrickungen in die Vergangenheit bringen kann. Die Auseinandersetzung findet jetzt klar in einem Zustand der Vormoderne statt. Manchmal denke ich, bei den Haiderianern & Co. geht es ganz einfach um die Personen, die Freud nicht akzeptieren können. Die vor Aufdeckungsängsten sich selbst gegenüber in unhinterfragbaren Denkschemata verbleiben müssen. Zu ihrem Schutz. Denen neue Sprachen Angst machen. Die in gewalttätige Abwehrvorstellungen verfallen. Und die in alle neuen Technologien flüchten müssen, um damit ein Heutig Sein zu simulieren. Daß das gute alte nationalistische Patriarchat in dieser Haltung zerstörerische Aufbewahrung findet, ist durch und bedingt wiederum diese analyseresistente Einstellung.

Die Auflösung der links-rechts Klammer der bisherigen Regierungskoalition ist dann trotz der Widerlichkeiten der Alternative eine Befreiung. Es sind aufatmende Menschen, die am 19. Feber demonstrierten. Und. Dieses Demonstrieren hat eine völlig neue Sprache gefunden. Es wird nicht marschiert. Es wird dahingewandert. Es wird gelächelt. Und die 300 000 haben einander Platz gelassen. Es gab keine verbissenen Nach Vorne Dränger. Es wurde einem Platz gemacht. Es war ein stetes hin und her. Es war eine lockere Masse. Eine in sich bewegliche Masse. Und darin dann vielleicht nicht einmal mehr eine Masse.

Mich macht das fröhlich. Die Demonstrierenden waren darin selbstbestimmter als die Redner auf der Tribüne. Denen fiel noch manche demagogische Geste ein. Manches Gebrüll. Die Menschen ließen sich dadurch nicht manipulieren. Sie gingen und kamenm, wie sie wollten. Das ist politische Emanzipation. Da bediente sich der französische Philosoph Levy eines altmodischen Pathos, das gerade da chauvenistisch eng wirkt. Und die Leute gehen. Oder applaudieren. Aber niemand läßt sich aufheizen. Endgültig emanzipiert wird sich diese Bewegung dann haben, wenn auch auf dem Rednerpult neue Töne gefunden worden sind. Eine neue Sprache auch da Anwendung findet. Eine neue Poetik zur Erscheinung gebracht wird.

Die Sozialdemokraten haben die Chance sich daran zu beteiligen. Ich hoffe nur, sie erwürgen diese Bewegung nicht in ihren politischen Alltagszwängen.

Bis jetzt aber gibt es viele Zeichen von Möglichkeiten und Besinnungen. So wurden bei einer Diskussion der kommunistischen Partei zwar leise aber doch laut, man solle sich vielleicht auch mit der Rolle der Linken in den Fragen von Rassismus, Antisemitismus und Sexismus beschäftigen. Gerade die Frage des Antisemitismus der Linken in Österreich liegt im dunkeln.

Genauso die nationalistischen Elemente und wie die Verflechtungen in den Austrofaschismus und den Nationalsozialsimus aussehen. Oder wie diese Elemente nach 1945 in die sozialistische Partei integriert wurde. Natürlich wird man die rechten Parteien in dieser Richtung genauso intensiv betrachten. Weil ja alles ineinander spielt. Aber eine bestimmte Sorte von Denktabus die Linke betreffend sind jetzt nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Ach. Es ist immer wieder und immer gleich schwer bedrückend, wie ungeheuer groß und wie lange sich auswirkend die Lasten der Vergangenheiten sind. Umso beglückender dann. Auf dem Heldenplatz. 7 Vorsitzende von jüdischen Gemeinden in Europa auf der Bühne. Auf dem Heldenplatz. Und alle 300 000 jubeln ihnen zu. Ohne Einschränkungen. Ein Versprechen auf eine Zukunft der Toleranz war das. Auf eine Gegenwart der Toleranz. Der Weg ist beschritten. Es ist für viele einfach nicht mehr akzeptabel, in diesen verschlampten fahrlässigen Sprachwelten der Politik und des Alltags hier zu verbleiben. In denen sich immer alle augenzwinkernd und hunorverschleiert die Option auf Ressentiments bewahren wollten.

Diese Sprachschlamperei hat einen Teil des selbstdefinierten Charmes des Österreichischen ausgemacht. Damit kann es nun vorbei sein. Damit bekommt die Sprache eine neue Chance, Medium der Verständigung zu werden. Und nicht Mittel der doppeldeutigen Eindeutigkeit rechter Sprachumdeutung. Das war ja im Charmanten der Sache schon vorbereitet. Schluß damit. Und uncharmant ins zivil Korrekte.

Erschienen als “Chance für die Sprache” in:  Die Weltwoche Nr. 8, 24. Februar 2000

blank info