Rede am Heldenplatz. 19. Februar 2000
18.2.2000
Vorgestern hörte ich auf ORF 1 einen der Kommentatoren zu einem Damenriesentorlauf folgendes sagen. “Die Slovenen. Die sind ein Volk von Slalomfahrern. Die haben das im Blut.“
Das war also am 17. Feber 2000. Irgendwann um 18,00 Uhr. Das war ein Sportkommentar. Und nebenbei. An diesem Ort. Hier. Einen solchen Satz aus dem öffentlichen Sprechalltag zitieren zu können. Zu müssen. Das ist für mich das Bitterste. In diesem so nebenbei hingesagten und unwidersprochenen Satz eines Sportnachmittags ist alles enthalten, was ich fürchte. Was an diesem Ort hier gefürchtet werden muß.
In diesem Satz wird ein Fremdes, Anderes aufgebaut. Eine Gruppe. Die Slovenen. In diesem Fall. Die haben das Slalomfahren im Blut. Die sind ein Volk, das durch dieses Slalomfahren im Blut zu diesem Volk wird. Das Slalomfahren in ihrem Blut kennzeichnet sie vor allen anderen Merkmalen. Zuerst klingt das noch gönnerhaft. Aber. Vergessen wir nicht, es geht um Siegen. Beim Riesenslalom. Also sind die Slovenen Feinde und das Unterliegen gegen sie könnte auf das hier zugewiesene Merkmal „Slalomfahren im Blut „ zurückzuführen sein. Und dann kann man alle Slovenen hassen. Für dieses Slalomfahren im Blut.
Und. In diesem Satz werden die Frauen ausgelöscht. Es war ein Damenriesentorlauf, der kommentiert wurde. Aus den Schifahrerinnen wurden die Slovenen. Und aus denen gleich ein Volk, das etwas im Blut hat. Dieser Vorgang des Verschwindenmachens von Frauen. Dieser Vorgang hat mit den Koalitionsverhandlungen ÖVP/FPÖ eingesetzt. Nicht, daß Österreich ein Paradies der Frauenemanzipation gewesen wäre. Und ich stelle hier die Frage, warum nach 30 Jahren Zweiter Frauenbewegung dieses Paradies nicht eingerichtet ist.
Wie einfach es war, dieses Paradies zu verweigern, läßt sich am zitierten Satz nachweisen. Das Andere. Das Minderwertigere. Dem in diesem Beispiel das Slalomfahren im Blut zugestanden werden muß. Das aber gerade durch dieses Merkmal abgewertet wird. Dieses Andere wird an den Frauen trainiert. Die Frau ist von Anfang an das Minderwertigere, an dem Verachtung geübt wird. Auch wenn das wie mit dem Slalomfahren im Blut erst einmal mit einer Überhöhung zu tun hat. Warum, könnte frau fragen. Warum küssen die Männer einander nicht die Hand, wenn der Handkuß Hochachtung ausdrücken soll.
An der Frauenverachtung wird Fremdenverachtung gelernt. Antisemitismus. Frauenhaß und Fremdenhaß sind verwandte Gefühle.
Es sind Männlichkeitswahnparteien an der Regierung. Die Frau als Subjekt einer Emanzipation gibt es in diesem politischen Programm nicht. Und darauf aufbauend gibt es den Fremden nicht. Der Slovene. Der Nigerianer. Der Jude. Ihr Ausschluß soll das verachtete Andere zähmen. Niederhalten. Beseitigen. Letzten Endes.
Es geht darum, Würde neu zu verteidigen. Die Würde von Frauen und Fremden. Frauenrechte und Fremdenrechte sind Menschenrechte und als solche unteilbar. Die Verteidigung dieser Rechte muß im Alltag beginnen. Und in allen Situationen. Auch auf die Gefahr hin, humorlos zu erscheinen.
Rede am Heldenplatz 19.2.2000.
Am 19. Februar 2000 versammelten sich mehr als 250.000 Menschen am Heldenplatz in Wien, um gegen die ÖVP-FPÖ-Regierung zu demonstrieren. Diese Protestveranstaltung war eine der größten Demonstrationen in der Geschichte der 2. Republik.