monday lectures: Oktober.
Eröffnung der ISOP Weltnacht am 30. September in Graz.
Am vorigen Wochenende fand in Graz der Österreichische Soziologenkongress statt. Samstag waren die Filmemacherin Ruth Beckermann und ich eingeladen, über die Möglichkeiten der Darstellung des Jetzt zu diskutieren. Es ging um einen Methodenvergleich. Wer kann es besser. Die Soziologen oder Soziologinnen. Die Autoren oder Autorinnen/Filmemacherinnen. Diskutiert wurde mit einem Fachpublikum der Soziologie.
Die Diskussion verlief wie immer bei Methodenvergleichen mit all den Mißverständnissen über Begriffe und Deutungen. Wie immer waren aber gerade diese Mißverständnisse erhellend und erklärend. Eine normale Diskussion. Nicht sehr konfrontativ. Es wurde eher klar, wie sehr die beiden Ausdrucksformen des Wissenschaftlichen und des Kreativen ineinander greifen und daß es eher schwierig wäre, genaue Grenzen zwischen den „Disziplinen“ zu ziehen.
Am Ende der Diskussion meldete sich eine Frau aus dem Publikum zu Wort und sagte, daß sie nun wirklich etwas sagen müsse. Mit verhaltener Wut, sagte diese Frau, daß sie mit einem Künstler verheiratet sei. Mit ihrem Mann spräche sie dauernd über das, was er macht und was sie mache und sie fände das, was er macht, also die Kunst, sehr viel komplizierter als das, was sie mache, nämlich die Soziologie. Deshalb dürfe sie das, was sie sagen wolle, auch wirklich sagen. „Ich darf das jetzt einfach.“ sagte sie. Das was sie sagen wollte, betraf dann uns die Filmemacherin und die Autorin. Die Künstlerinnen. „Bevor wir endgültig in der Anbetung der österreichischen Autorinnen versinken.“ lautete die Einleitung zur Aussage, daß es offenkundig notwendig wäre, so unsystematisch zu arbeiten, wie diese Künstlerinnen und dann hätte die Soziologie vielleicht auch mehr Erfolg, wenn sie ihre wissenschaftliche Systematik aufgäbe. Im übrigen wenn sie schon diese Begriffe höre wie wissenschaftliche Enthaltsamkeit oder die Suche nach Wahrheit. Da frage sie sich, was denn das alles solle. Die Frau war sehr agitiert. Während des Satzes „Ich darf das jetzt einfach.“ schaute sie wütend trotzig vor sich auf das Pult und schlug mit der flachen Hand den Takt zu diesen Worten.
Was bedeutet eine solche Wortmeldung, die sich in ihrer Emotionalität von der Umgebung der Diskussion unterschied. Ärger und Wut wurden da ausgedrückt. Was bedeutet eine solche Wortmeldung, die sich dann nur in der Umgebung von den üblichen Angriffen auf intellektuelle Frauen unterscheidet. Ich hätte einen solchen Angriff in einer Diskussion mit Soziologen und Soziologinnen am wenigsten erwartet. Solche Angriffe finden sich normalerweise in den postings zu Presse-Artikeln oder Fernsehauftritten oder in den Antworten von Festspielintendanten auf Kritik an ihrem Festspiel. Solche Angriffe werden gegen intellektuelle Frauen gerichtet. Also Frauen, die in Denken und Äußern existieren und nicht in der Vernutzung ihres Körpers auf welche Art auch immer öffentlich in Erscheinung treten. Also Frauen, die öffentlich sprechen, ohne sich von einer hegemonialen Sprechmacht abzuleiten. Frauen, die sich ihre Situation in den Verhältnissen der Macht vergegenwärtigen. Frauen, die sich ihrer Zugehörigkeit zur strukturellen Minderheit Frauen bewußt machen und schon darin politisch auftreten. Frauen, die eine andere Ordnung der Welt wollen als die postpatriarchale Herrschaft einer Männlichkeitskonstruktion, die auch den demokratischen Mann ausschließt . Und. Lassen Sie uns die Gruppe dieser intellektuellen Frauen stellvertretend für alle strukturellen und realen Minderheiten hier in die Formel des öffentlichen Umgangs mit diesen Gruppen einsetzen.
Lassen Sie uns untersuchen, welche Aussagen hinter einem so einfach erscheinenden Einwand gegen zwei intellektuelle Frauen angelagert sind und wie das im Gesamtbild des öffentlichen politischen Sprechens zu deuten ist. Denn darum geht es. Es geht darum, wie die Redeformen auf all den verschiedenen Ebenen in der Öffentlichkeit sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Im Grund geht es darum, was der aggressive Diskussionsbeitrag dieser Soziologin in Graz mit den Wahlplakaten der FPÖ in Oberösterreich mit Aufschriften wie „Für einen starken Mittelstand im Heimatland“ zu tun hat. Denn. Die Frage muß doch lauten, was bedeutet es nun, daß die Landtagswahlergebnisse des Jahres 2009 den Landtagswahlergebnissen des Jahres 1949 gleichen.
Im Jahr 1949 hatte die ÖVP 23 Mandate, die SPÖ 15 und die WdU 10. Die WdU war die „Wahlpartei der Unabhängigen“. Die „Unabhängigen“ waren die „minderbelasteten“ Nationalsozialisten. In Oberösterreich waren das etwa 77.000 Personen. Fast nur Männer. Die WdU benannte sich 1961 dann endgültig zu FPÖ um. Die FPÖ muß also in direkter Linie zu diesen „unabhängigen Minderbelasteten“ abgeleitet werden. Und es muß weiterhin und wiederum die Frage gestellt werden, was es denn heißt, wenn Personen, deren politische Vorstellung antidemokratisch ist, zur Wahl gehen und damit die Gründung einer Demokratie mitbestimmen. Und was heißt es, wenn ein so hoher Anteil an Personen genau den Staat ablehnen, in dem sie zu dieser Wahl gehen. Selbst ein „minderbelasteter“ Nationalsozialist ist ein Nationalsozialist, der ein an Deutschland angeschlossenes Österreich haben will. Wir wissen von Jörg Haider von dem Stolz dieser Gruppe darauf, sich für die Verbrechen des Nationalsozialismus nie entschuldigt zu haben und darin dann ein „besseres und unschuldigeres“ Deutschtum für sich in Anspruch nehmen zu können als die Deutschen selber, die ja durch den Nürnberger Prozess in den Augen dieser Gruppe gedemütigt wurden und mit den Entschuldigungen bei den Opfern sich als „Deutsche“ diskreditierten.
Gleich ist nur, daß es Krisen sind, die diese Wahlergebnisse mitbestimmen. Im Jahr 1949 wollte die westliche Welt sich aber nicht weiter mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Der Kalte Krieg war ausgebrochen. Die Militarisierung der österreichischen Gesellschaft war bewußt benutzt worden. Ein Nationalsozialist ist in jedem Fall ein guter Antikommunist und darum ging es. Antikommunismus und die Amerikanisierung der Kultur war 1949 schon wieder wichtiger geworden als die Frage, wie Demokratie zustande kommen konnte und wie Antifaschismus verankert werden kann.
Wie aber kommt es, daß im Jahr 2009 ein so ähnliches Wahlergebnis zustande kommen kann. Welcher Bogen führt über die dazwischen liegenden 60 Jahre in diesen Rückbau der Verhältnisse.
Bleiben wir bei unserem Beispiel. Was wollte diese Frau in der Diskussion nun eigentlich sagen. Mit dem Satz, sie wäre mit einem Künstler verheiratet, wird uns zunächst einmal mitgeteilt, daß diese Frau verheiratet ist. Weil sie uns sagt, daß sie mit einem Mann verheiratet ist, teilt sie uns mit, daß sie heterosexuell ist. Und. Sexuell aktiv.
Das ist ein unglaublich privates Statement in einer öffentlichen Diskussion. Die Tatsache, verheiratet zu sein, ist eine private Tatsache und sollte in einer Diskussion um die Frage der Methoden von Soziologie oder Literatur und Film keine Rolle spielen. Aber. Mit der Aussage „Ich bin mit einem Mann verheiratet.“ wird die Zugehörigkeit zur hegemonialen heterosexuellen Norm definiert. Die Norm wiederum wird dazu benutzt, die intellektuellen Frauen auf dem Podium herauszufordern.
Lassen Sie mich kurz untersuchen, wie diese Herausforderung funktioniert. Hier, wie in den Wahlslogans der FPÖ wird nicht ein Argument vorgelegt, auf das eingegangen werden kann. Etwa in dem Muster: „Wir wollen keine Ausländer im Land. Was sagen Sie dazu? “ Nein. Es wird die gelebte Ideologie so benutzt, wie im Mittelalter der Handschuh, der als Herausforderung des Gegners in den Ring geworfen wurde. Die gelebte Ideologie, das ist die gefühlte Erfahrung über faschistische Formeln ausgedrückt. Die gelebte Ideologie wird als Herausforderung veröffentlicht. Es gibt nur die Möglichkeit, sich dieser Ideologie anzuschließen. Oder sie vollkommen abzulehnen. Argumente sind nicht mehr möglich. Das verhindert die Verklebung von Leben und ideologischer Aussage. Sie kennen das. Das ist genau der Satz, der in der Diskussion am vorigen Samstag gefallen ist. „Jetzt muß ich aber wirklich die Wahrheit sagen“ sagt Ihnen jemand und überschüttet Sie mit Klagen darüber zu kurz gekommen zu sein. Nicht beachtet worden zu sein. Ich werde nie vergessen, wie die Gattin eines ehemals austrofaschistischen ÖVP Politikers empört zu mir sagte, „Es geht immer nur um die Juden. Immer geht es nur um die Juden.“ und darin in der Lage war, noch einen Neid auf die Shoa zu entwickeln. Wenn die Personen sich nicht von den Argumenten abtrennen können, dann sind sie dazu verurteilt, ihren Aufstieg und Fall mit diesen Argumenten denken zu müssen. Eine totale Einverleibung der Argumente findet statt. Die Person ist ihre Ideologie. Ein Angriff auf die Ideologie ist ein Angriff auf die Person. Der Aufstieg der Ideologie ist der Aufstieg der Person.
In unserem Beispiel vom vorigen Samstag. Das Verheiratet Sein dieser Frau wurde uns als Herausforderung vor die Füße geschleudert, gegen die es kein demokratisches Mittel gibt. Die Deklaration ja nun selber auch verheiratet zu sein, wäre nur die Einreihung in die Gruppe der heteronorm Fixierten. Das ist kein Argument sondern eben eine Einreihung. Mit dem Satz, sie selber wäre ja verheiratet, hat diese Frau die Operation vorgenommen, die allen Minderheiten gegenüber als Veranderung zu bezeichnen ist. Sie hat aus uns die Anderen gemacht, die nicht verheiratet sind. Das ist ein beliebter Sport intellektuellen Frauen gegenüber, ihr Frau Sein in Frage zu stellen und sie so zu entwerten zu versuchen. Es ist ja immer zuallererst Sexualpolitik, die zur Beschreibung der Minderheit herhalten muß. Ich höre immer, daß ich wahrscheinlich als Frau versagt habe und deswegen kritisch sein muß. In genau dieser Herausforderung, die nur die Unterwerfung akzeptieren kann, wird eine Bedürftigkeit behauptet, gegen die es kein Argument gibt.
Die Frau beim Soziologenkongress ging aber noch weiter. Sie war zwar Akademikerin und hatte ihre eigene Karriere. Ihr Mann aber machte das Kompliziertere, nach ihrer Aussage. Statt dieser intellektuellen Frauen auf dem Podium sollte nämlich ihr Mann da sitzen. Was wollten diese depperten Weiber da, wenn es ihren großartigen Mann gab, der als Mann kompetenter da agieren konnte. Was übrigens ja der Fall sein mochte. Wir kennen ja den Mann einer Diskutantin nur durch ihre Aussage und wissen daher nichts über ihn. Aber. Landesüblich neigen nun alle die Köpfe und sagen so von seitlich unten zu mir, daß ich es da nun zu weit getrieben habe. Das sei doch ganz einfach nur Liebe. Diese Frau liebte ihren Mann und wollte ihn eben erhöht sehen. Könnte ich das denn nicht verstehen?
Nein. Das ist keine Liebe. Hier geht es nämlich um die Beseitigung. Es geht um die Beseitigung der Da Sitzenden. Wir saßen ja da und wurden zuerst einmal sexualpolitisch entwertet und danach fachlich angegriffen. Es geht also um Vernichtung. Das kommt in so einem Zusammenhang so normal daher. Da kann jeder und jede alles übersehen. Das ist österreichische gesellschaftliche Konvention. Vernichtung ist eine normale gesellschaftliche Operation, in der sich das Nicht Gesellschaftliche dieser Gesellschaft zur Erscheinung bringt. Jeder Scherz. Jeder Grant. Jede Aussage, die damit beginnt, daß es nun unumgänglich notwendig würde, die Wahrheit zu sagen und der Kronen Zeitung recht zu geben. Immer geht es um Vernichtung. Um Vernichtung in genau der Weise, wie Canetti sie mit seiner Theorie der Befehlsstacheln beschrieb. Jede Vernichtung ist ein Stachel, der so schnell wie möglich weitergegeben werden muß, um den eigenen Schmerz zu verringern. Das betrifft jeden und jede. Unser Alltag ist von Vernichtung durchdrungen. Vernichtung ist konventionell und überhaupt nichts Besonderes. Deshalb ging sie der Soziologin vorigen Samstag auch so leicht von der Hand. Sie muß es ja selber gar nicht bemerken. So wie die Konvention abverlangt, daß die Vernichteten ihre Vernichtung mit Achselzucken übergehen.
Wie kann es aber nun kommen, daß wir als Bewohner und Bewohnerinnen eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder der Welt, die rundherum beneidet werden, in einer wüsten Nicht Gesellschaft der täglichen Beleidigung und Vernichtung leben. Wie kann es sein, daß die Entwicklung eines Sozialstaats, der wirtschaftlich leistungsfähig ist, keine Sicherheit in den einzelnen Leben verleiht.
Angst. Es ist Angst. Die Person, die ganz ihre einverleibte Ideologie ist, besteht dann auch nur aus dieser Ideologie. Diese Ideologie läßt keinen Platz für die Person. Es ist ein Unterwerfungsprozess, der in immer radikaleren Bögen, die Einverleibung der Einverleibung abverlangt. Wir kennen das als diese Unbeirrbarkeit in der Verfolgung der rechten Standpunkte. Die Person liefert sich an die Ideologie aus und wird von dieser Ideologie dann gehalten. Die Ideologie aber hat das Ziel, Angst herzustellen. Die Ausgegrenzten. Die Anderen. Sie sollen durch Angst stillgestellt werden. Für die Person in der Ideologie heißt das, daß sie sicher ist, so lange sie in der Ideologie verbleibt. Weil das Leben aber nun nicht so einfach und fraglos verläuft, entstehen immer wieder Lücken und das Ausgrenzen der Anderen muß verstärkt werden. Das wiederum bedeutet, daß die, die im faschistischen Inneren. Also in dem, was da in Oberösterreich Heimat genannt wurde. Oder wie die Frau in der Diskussion vorige Woche ihren Ehemann für den richtigeren Vertreter eines symbolischen Territoriums ansah, das sie gegen diese intellektuellen Frauen verteidigen wollte. Die Verstärkung der Ausgrenzung bindet die Ausgrenzer je enger in ihren ausgegrenzten Raum.
Wir leben alle in dieser Angst. Unsere Kultur beruht auf dieser Angst. Wir leben in einer Kultur, die sich über Neid dieser Angst entledigt. Das tun wir alle. Ich auch. Ich muß auch sagen, daß solche Interventionen, wie die Diskutantin vorige Woche. Daß solche Interventionen mir selbst aus der Welt meiner Kindheit und Jugend in allernächster Nähe bekannt und durchaus selbstverständlich waren. Ja. Aus solchen konventionellen Abwertungen bildete sich ein Alltagsumgang, der Familie und Schule und Freundeskreise umfaßte. Es hätte damals auch mir eine solche Wortmeldung passieren können. Und. Als sehr junge Person hätte ich damals erwartet, es richtig gemacht zu haben. Ich denke, diese Äußerungen passieren. Das ist das Schlimme an ihnen. Es ist ja nie gefragt worden, was diese Sätze der selbstverständlichen Vernichtung anrichten. Wir wurden ja nur angeleitet, diese Vernichtung so rasch wie möglich weiterzugeben. Die Techniken dafür in Tratscherei, Scherz und bösen Gerüchten wurde von Anfang an gelehrt. Ein tief verankertes Denkverbot hilft die Folgen dieser Vernichtung als Selbstverständlichkeit ertragen zu können. In vielen Bereichen unserer Gesellschaft erhält sich dieses Vernichtungssprechen als Humor. Wenn im ORF comedy vorgeführt wird, dann zeigt sich das in aller Klarheit und wird trotzdem nicht gesehen. Selbstachtung ist passenderweise keine Tugend. Und. Die Schwachen werden preisgegeben. Wer das nicht ertragen kann, der wird brutal den Folgen ausgesetzt.
Es geht also um die Bewältigung der Angst. Angstverdrängung führt in die gefühlte Ideologie, die nie unterbrochen in unserer Kultur gehütet werden durfte. Oder mußte.
Jetzt einmal aber. Hier. Heute Abend. Hier sind wir alle sicher und im Richtigen. Ich wollte, die ganze Welt könnte in ein ISOP Projekt verwandelt werden. Mit dem Feiern. Mit der Musik. Wir befinden uns hier in einem Raum, der sich nicht mit Grenzen bewehren muß. Was für ein Vergnügen und was für ein freies Atmen. Und wie schön, daß hier in einer Wendung gegen das Funktionieren der Welt die höchsten Werte hochgehalten werden können. Ich wünsche einen besonders schönen Abend.