SALZBURGER FESTSPIELE. Für heuer zum letzten Mal und ein Wiederkritisieren im nächsten Jahr.
Was der ORF im Fernsehen nicht zeigen wollte.
Am 24. Juli 2009 wurde ein Interview mit Marlene Streeruwitz vom ORF-Fernsehen aufgenommen, das für den Kulturmontag am 27. Juli 2009 gedacht war, der die Salzburger Festspiele zum Thema hatte. Das Interview wurde dann in der Sendung nicht ausgestrahlt.
Die Frage, ob die Salzburger Festspiele notwendig sind oder ein notwendiges Übel zu nennen wären.
Die Antwort: Also ich glaube, daß jetzt die Zeit wirklich gekommen ist sich zu fragen was notwendig ist und was nicht und da würde ich die Salzburger Festsiele zu den absolut nicht notwendigen Dingen zählen. Es geht doch darum was wollen wir wem bezahlen und den Eliten ihre Selbstdarstellung zu bezahlen ist vielleicht gerade nicht die Zeit wenn die Eliten so versagt haben wie sie das jetzt haben.
Die Frage, was denn eine gültige kulturelle Elite darstellte
Die Antwort: Also für mich ging es immer darum, Kunst zu machen die demokratisch einen Sinn macht und nie die Selbstbestätigung von Gruppen betreibt, was ja hier ganz eindeutig der Fall ist. Ich glaube sogar innen, nach innen, die Personen die da arbeiten stellen natürlich eine Art innere Politik her, die sich selbst bestätigen muß. Das hat aber mit der Qualität garnichts zu tun, die gelingt manchmal, meistens nicht.
Die Frage, ob in Salzburg noch in irgendeiner Form, kritische Wahrheitssuche der Kunst stattfinden kann und ob das überhaupt je stattgefunden hat.
Die Antwort: Also ich glaube schon die Gründung verbietet das, weil es ja die Selbstbestätigung einer Gruppe sein sollte. Wenn Reinhardt sagt oder Hofmannsthal, er wolle sein Weimar machen, dann ist Weimar ja nun wirklich keine demokratische Umgebung gewesen. Das ist eine Fürstenresidenz in der ein deutscher Dichter als Intendant gearbeitet hat. So einfach kann man das sehen. Der ja dann auch wegen der Lieblingsschauspielerin des Fürsten abtreten mußte. Es ist eine ganz einfache Geschichte die sich im Nachhinein verklärt hat. Aber das erfolgt jetzt indirekt. Über den Zugriff auf das Budget, bildet sich eine politische Elite, die über die Verteilung der Mittel an Kulturschaffende diesen Kulturschaffenden signalisiert eine Elite zu sein. Und diese zwei Eliten bestätigen einander und Personen die dazugehören wollen kaufen sich Karten um dort hineinzugehen. Das ist im grundgenommen eine Selbsthilfegruppe, die halt das Geld und die Macht hat sich eine teure Selbsthilfegruppe zu leisten und wir bezahlen’s.
Die Frage, ob die Salzburger Festspiele ihre identitätsstiftende Wirkung heute noch ausüben können.
Die Antwort: Das war doch der sicher eigenartige Versuch, ein österreichisches Weltbürgertum herzustellen die in dem eine Art vorsichtiger Intellektualität mit Nostalgie verbunden wurde, die aber sehr so das militaristische Österreich des monarchistischen Offiziers betroffen hat. Hofmannsthal war da auch ganz sicher federführend in der Beschreibung einer nostalgischen österreichischen Identität, die aber immer vergangenheitsbezogen war. Und der Versuch gleich einmal in die Welt zu springen, um sich das Österreichersein zu ersparen, was nicht zu machen war. War ja auch nicht zu machen. Wir sehen heute, daß das einzig Identitätsstiftende der österreichischen Identität der Antisemitismus ist, nach wie vor, die einzige durchgeführte Linie, alles andere wurde zerstört oder verhindert und so gesehen ist das ja auch etwas, was von der Demokratiekultur her angegriffen werden müßte und notwendigerweise anzugreifen ist. Das man sagt, warum werden hier dieser Elitenbildung gegen die Anderen Fördermittel gegeben. Weil es ist ja ein klarer Einschluß, ich gehöre zu den Festspielteilnehmern und ich glaube, die Teilnehmerinnen zählen sich als Teilnehmer, und in der heutigen Kultur ist das ja geradezu kontraproduktiv.
Die Frage, ob so etwas wie die Salzburger Festspiele eine typisch österreichische Geschichte darstellten.
Die Antwort: Ich glaube, daß Bayreuth Ähnlichkeiten hat. Nur Bayreuth war ganz deutlich als deutschnationalstiftend gedacht. Dieses österreichische Weltbürgertum hat sich ja nicht durchziehen lassen, hat sich ja nicht erobern lassen durch das nach-dem-ersten-Weltkrieg-Österreich und ist ja dem Faschismus und Nationalsozialismus vollkommen anheim gefallen bzw. war offen zur Okkupation. Das ist auch nur ein Territorium. So ein Festspiel ist auch nur ein Territorium und wird sich immer den Mächtigen geben, wann immer es notwendig ist, weil es ums Geld geht und nicht um die Kunst. Und wenn das anders wäre, wären die Salzburger Festspiele nicht das was sie sind. Und deswegen finde ich, daß wirklich zu besprechen wäre, wer das bezahlen soll. Alles. Im Übrigen gibt es ja auch etwas zu sagen zur Umwegrentabilität. Das größte Märchen der Wirtschaft ist die Umwegrentabilität, weil da tragen Leute ein, was angeblich den Umweg beschreibt und das ist dann reine Fiktion. Das ist die wahre Erzählung und ich würde das sehr genau darauf anschauen, wer sich da hineinreklamiert in die Umwegrentabilität und davon etwas hat. Es ist weder Kunst, es ist sicher nicht Kultur es ist nicht gesellschaftstiftend und es ist in der Abgrenzung gegen die Anderen wahrscheinlich faschistoid.
Die Frage, ob frau, wenn sie bei diesen Salzburger Festspielen etwas mitzureden hätte, erstens mitreden wollte und zweitens, wie sie mitreden würde?
Die Antwort: Also ganz sicher gibt es da keine Möglichkeit, etwas zu machen für mich, weder in der Form, daß ein Text von mir da aufgeführt würde noch daß ich da selbst etwas tue. Sie würden sich ja einreihen in eine Jagdgesellschaft, die zwar behauptet auf der Jagd nach Kultur zu sein, die aber gleichzeitig qualitative Standards schafft, die den Blick auf Kunst und Kultur vollkommen verstellen und es nicht mehr aushaltbar machen, daß etwas nicht so perfekt ist. Und das ist aber genau das was Kunst immer aufweisen muß, daß es um die Suche nach dem Nichtperfekten geht, weil dort die Probleme sind und dort die Wahrheit liegt. Und diese eindeutige Wahrheit einer perfekten Opernaufführung, das ist die wahre Lüge. Das ist lächerlich, an dem Abend zu glauben, daß in dem symphonischen Seufzer der dem Publikum ermöglicht wird, etwas anderes ist als die Bestätigung des Kapitalismus, den wir jetzt gerade kurz begraben haben.
Die Frage, ob es ein notwendiger Anspruch an sich selbst ist, mit den Salzburger Festspielen nichts zu tun zu haben.
Die Antwort: Ich hab das Erlebnis, daß in den Salzburger Nachrichten, weil mich dieser Vorgang interessiert, wie die Antidemokratie performiert wird in solchen Zusammenhängen, eine Kolumne, die sich fast nur damit beschäftigte, was Öffentlichkeit und Kunst miteinander zu tun haben, die wurde mir nach der siebenten Folge vom Chefredakteur der Salzburger Nachrichten abgestellt, weil ich mich mit den Sponsor Nestlé beschäftigt habe und nur den Satz geschrieben habe „Darüber könnte man auch anders denken“. Und genau das ist der Punkt, warum es nicht akzeptabel ist, weil, wenn ich nicht mehr anders denken darf, ist die Möglichkeit auf Kunst verschlossen.
Die Frage, warum es die Salzburger Festspiele bräuchte oder ob es sich nur um Selbstbeweihräucherung da handle.
Die Antwort: Es ist ja jetzt eine indirekte Zensur. Sie werden eingeladen, in einer Gruppe mitzumachen, die ein bestimmtes Ziel hat, es ist nichts anderes, als ein Konzernziel. Sie sind einer corporate identity unterworfen, die ihnen vorschreibt, daß Sie hier das Beste zu geben haben. Das ist Zirkus. Da ist ja kein Versuch mehr möglich. Da ist kein Suchen möglich. Das heißt, Sie müssen mit einem perfekten Konzept dort einkrachen und die perfekteste Zirkusgeschichte hinlegen und Orchestermusik Oper – Schauspiel vielleicht noch am wenigsten. Aber auch der geprobte Abend ist auch nichts anderes als ein militärischer Akt des Wiederexerzierens von Dingen. Und das ist alles für Personen, die wie wir heute leben, angewiesen darauf sind, ihre Identität jeden Tag neu zusammenzustellen und das aber in einer demokratischen Form, ohne anderer Leute ihren Platz so zu kosten, daß die keine Luft mehr bekommen. Dafür ist das alles nicht das Vorbild, das ist nichteinmal praktisch. Das gibt nichteinmalmehr die Möglichkeit, das nächste Frühstück unter einem bestimmten Blickwinkel zu organisieren und zu essen. Also, es ist wirklich nur nostalgischer Seufzer und es ist auch langweilig. Also, wer will sein Leben mit so etwas zubringen. Und ich glaube, das Geld, das da verdient wird – mittlerweile ist das auch nicht mehr so toll – gewährleistet das persönliche Glück auch nur in Maßen, wie wir heute sehen, wenn wir die Wetterentwicklungen anschauen. Und so gesehen, kann man gleich auch drauf verzichten.
Die Frage, ob Repräsentationskunst überhaupt die Möglichkeit böte, widerständig und kritisch zu sein, oder ob repräsentative Kunst in jedem Fall den Eliten und Machtstrukturen zuarbeite.
Die Antwort: Nein, es ist doch die Frage, ob sie aus den Hegemonien ausscheren. Die Hegemonien bedeuten doch, daß in dem Augenblick, in dem sie sich einordnen oder unterwerfen, alles was sie tun werden, eben eingeordnet und unterworfen sein wird. Es geht doch darum, daß jeder Schritt in die Arbeit mit den Hegemonien. Und wenn sie vor Hegemonien und für Hegemonien etwas arbeiten, dann liefern sie nur das Material für die Erfrischung dieser Eliten. Es gibt keine Möglichkeit eine Arbeit vorzulegen, die den Widerstand für sich behalten könnte. Im Gegenteil, der in einer Arbeit aufgehobene Widerstand wird besonders dazu beitragen, die Hegemonie zu erfrischen.
Die Frage, Sloterdijk habe ja die Salzburger Festspiele auch seziert und unter anderem von einer Selbstfeier der Inaktualität gesprochen. Würden Sie dem zustimmen?
Die Antwort; Ja. Das ist das, was ich altmodisch und langweilig nenne.
Die Frage ist, welche Aufgabe Sie den Salzburger Festspielen zuschreiben könnten.
Die Antwort: Die Salzburger Festspiele sind eine Permanenz des Gedankens der Kulturhauptstadt und wir sehen an den Kulturhauptstädten wie wenig daraus für die jeweilige Stadt zu gewinnen ist, vor allem für die Bewohner und die Bewohnerinnen. Die Salzburger Festspiele waren von Anfang an Kolonialisierung, nie hat eine Salzburger Person etwas dazu gesagt oder sagen können. Es ist immer eine Art Besatzung gewesen und ist das geblieben. Und daß die Salzburger und Salzburgerinnen sich daran gewöhnt haben, ist etwas anderes als daß es richtig ist. Und ich weiß, daß der Salzburger Bürgermeister mir einmal gesagt hat, daß er das ganz gern hat das es die gibt, obwohl er ja ein Sozialdemokrat ist und ein bestimmtes Verständnis von Kultur dadurch eigentlich zu erwarten wäre. Und er hat es aber so erklärt, daß dann die Lokale länger offen haben und daß dann eine schöne Zeit in Salzburg ist. Also, wenn es darum geht, daß die Lokale länger offen haben und die Salzburger eine schöne Zeit haben, vielleicht ist das genug, ich weiß es nicht, ich glaube nicht.
Wobei ich glaube, daß die Geschichte mit Thomas Bernard ‚72 mit „Der Intrigant und der Wahnsinnige“ ein Bruchpunkt war, in dem auch deutlich zu sehen ist ,wie ein österreichischer Autor eigentlich die Geschichte der Salzburger Festspiele sehr genau, sehr schön verschlüsselt vorlegt. Wie über die Inbesitznahme durch den deutschen Regisseur Peymann die Inszenierung in etwas gerät, das die Fassbarkeit des Textes reduziert, die Aufführung aber ästhetisiert – ein Vorgang der Oper- und wie dann die Reaktion des Festspielpräsidenten dazu führt, daß letzten Endes mit Hilfe dieser sehr widerständigen Anlage von Thomas Bernhard, mit Hilfe der sehr widerständigen, aber auf Provokation ausgelegten Umsetzung von Peymann, letzten Endes die Salzburger Festspiele strahlend ausgestiegen sind und sagen konnten, wir haben es ja versucht „modern“ zu sein und das ist uns nicht gelungen, weil es hat ja gar keinen Sinn. Und da ist etwas passiert, das bis heute wirkt. Und das ist die Veraltstrumpfung der Salzburger Festspiele und es gehen eben die Altstrümpfe hin und das muß so sein, da muß man sie unter sich lassen.
Die Frage, wenn die Salzburger Festspiele nicht dem Bereich der Kunst und Kultur zugehören unter welchen label würden die Salzburger Festspiele dann laufen.
Die Antwort: Ich glaube, den Salzburger Festspielen würde es sehr gut tun, endgültig unter Tourismus zu laufen, dann könnten die verschiedenen Strukturebenen auch anders besprochen werden. Es könnten zum Beispiel Einsparungen gemacht werden, daß der Jedermann nur mehr als Großvideoanlage gezeigt wird. Den Touristen wäre es gleichgültig. Es ist ja auch eine Selbsterhaltung von eigenartigen Format zu behaupten, das müßte nun life aufgeführt werden. Auf der anderen Seite ist der Jedermann auch das Kernstück des Kapitalismus. Wenn sie den Jedermann genau lesen, sehen sie: der Schuldner ist am Anfang der Grund warum das Treffen mit der Frau des Schuldners und seinen Kindern zu diesen ganzen Entwicklungen führt. Also die dramatische Entwicklung wird über den Schuldner und seine Frau gemacht. Am Ende aber wird der reiche Mann von wiederum drei Frauen ins Grab begleitet, und es wird ihm alles ganz leicht gemacht, und der Schuldner ist vergessen und sitzt nach wie vor im Schuldturm. Das wird nicht so richtig herausgearbeitet, letzten Endes erfahren wir eine Wahrheit, in der wir täglich leben, nämlich daß die Lasten vergesellschaftet werden und der Nutzen für die kleinen Wenigen aufbewahrt wird. Das zum Beispiel könnte ein Tourismusminister viel besser besprechen, ob man da nun der Zeit einen Platz einräumen sollte vielleicht den Schuldner von einem Hollywood Schauspieler spielen lassen und die Sache aktualisieren. Ich glaube, Gesellschaftskritik ist in der Form ja sowieso nicht mehr möglich, da kann man es auch gleich bestätigen aber dann klar und deutlich. Und mit den richtigen Formen. Und dann wirklich das Spiel der Tölpel auf dem Domplatz und nicht der ästhetisierte Herumtuerei als wäre es was Besonderes. In Wirklichkeit ist es die Bestätigung einer Kultur des Nehmens und nie etwas Gebens.