„Bei uns hat der größte Wert den kleinsten Preis“

Die Wertefrage.

Vortrag im Rahmen des WerteWelten Kolloquiums 2009
11. Juli 2009 an der Universität Tübingen
Vorige Woche wurde in England im Großraum von Manchester die Suche nach der Leiche von Keith Bennett eingestellt. Keith Bennett war 12 Jahre alt, als er von Jan Brady und Myra Hindley gefoltert und ermordet wurde. Jan Brady und Myra Hindley wurden am 6. Mai 1966 für die Morde an 5 Kindern und Jugendlichen zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Todesstrafe war 4 Wochen zuvor abgeschafft worden. Der Mord an Keith Bennett wurde beim Prozess nicht verhandelt. Jand Brady gestand diesen Mord sehr viel später einem Journalisten. Immer wieder war der Versuch gemacht worden, Jan Brady dazu zu bewegen, den Ort preiszugeben, an dem Keith Bennetts Leiche von ihm und Myra Hindley vergraben worden war. Myra Hindley verstarb 2002. Jan Brady schweigt bis heute. Eine Suchaktion 2005 war abermals fehlgeschlagen. Vorige Woche wurde die Suche offiziell eingestellt. Geldmangel wurde angegeben.
Um ein glückliches Leben führen zu können, benötigen wir Kultur als ein Bündel von Konzepten, die den Mitgliedern dieser Kultur vermitteln, was gut und was böse ist. Was wahr und was nicht. Was wertvoll und was nicht. Die Konzepte insgesamt fügen sich zu einer Beschreibung des Werts des Lebens zusammen.

Eines dieser kulturbildenden Konzepte beschäftigt sich damit, wie mit den Toten umgegangen wird. Das herkömmliche Konzept der englischen Kultur scheint gewesen zu sein, jeden und jede Tote in einer Zeremonie der Kenntnisnahme des Tods in einem Grab zu beerdigen, dessen Ort eine besondere Bedeutung entwickelt.

Die Mutter von Keith Bennett ist mittlerweile 75 Jahre alt. Im Rahmen dieses kulturellen Konzepts wäre es für sie eine Erleichterung zu wissen, wo die Leiche ihres 12jährigen Sohns vergraben liegt. Sie hätte immerhin die symbolische Genugtuung, ihr Kind dem Zugriff des Täters entzogen zu haben. Der heute 71 Jahre alte Täter triumphiert ja in seinem Wissen vom Ort der Leiche noch einmal über das Opfer, für das er ja auch straffrei blieb. Im Triumph über das Opfer und seine Famillie ist aber auch der Verstoß gegen das kulturelle Konzept der Totenruhe insgesamt enthalten.

In den britischen Medien wird vom Recht der Mutter auf die Totenruhe ihres Sohns ausgehend, ein allgemeinerer Anspruch auf einer Ebene der nationalen Zugehörigkeit formuliert. „We never forget and we never give up” ist eine Formel, die diese Zugehörigkeit beschreibt und erstrebenswert macht. Das gesamte United Kingdom steht für einen von da ein. Ein solcher Satz kann als Garantie für jeden einzelnen angesehen werden, der seinen Einsatz beim Aufbau des Empires mit diesem Satz zurückbezahlt bekommen sollte. Auf diese, aus dem nationalen Militarismus entspringende Solidarität wird in den Medien landesweit Bezug genommen. Keith Bennett wird so quasi zum Kriegsgefangenen erklärt, der aus dem Zugriff des Feinds befreit werden muß. Erinnern wir uns daran, wie bei Friedensverhandlungen zwischen kriegführenden Parteien die Rückführung der Toten ein langes Verhandeln erfordert und zu den Grundforderungen eines Friedensvertrags gehören. Die Suche nach Keith Bennetts Leiche darf nicht aufgegeben werden, vermitteln die Medien. Die Suche nach Keith Bennetts Leiche wurde zu einer nationalen Frage.
Was wir vor uns sehen, ist ein Geflecht von Konzepten aus ganz verschiedenen historischen Schichten. Diese Konzeptverwebung wird mit der Einstellung der Suche nach der Leiche die Berechtigung entzogen. Eine Kette von Entwertungen wurde ausgelöst. Das Opfer. Dessen Familie. Die Gesellschaft. Es muß vergessen werden. Es muß aufgegeben werden. Das Budget diktiert die Aufgabe der Realisierung der Konzepte. Die Konzepte verlieren ihre Bedeutung für die Leben. Das, was zum Sinn des Leben gehörte, hat keine Bedeutung mehr. Eine Kultur ist zu Ende. Für die direkt betroffenen Leben wird dieses Ende am deutlichsten ausgeprägt sein. Für die direkt betroffenen Leben werden alle anderen vergessen. Die Nation hat aufgegeben und läßt dem Täter einen Sieg.
Es wird mit Scham reagiert. „We don’t do that” wird in Kommentaren geschrieben.

Es wird an ein Konzept nationaler Männlichkeit appeliert, das heldische Tugenden repräsentiert. Wenigstens der Mutter sollte beigesprungen werden, heißt es.

Wie die Fragmentierung einer Kultur vor sich geht, ist an diesem Beispiel zu sehen. Wie Konzepten ihre gesellschaftliche Wirkung genommen wird, indem die Durchführung von der Vorstellung abgetrennt, das Konzept auf eine nostalgische Formel reduziert wird. Die Kontinuität von Vergangenheit und Gegenwart wird unterbrochen. Die Vergangenheit von der Gegenwart getrennt. Das gelebte Konzept bleibt in der Vergangenheit. Das Konzept wird in der Gegenwart nur noch beschworen. Das Konzept ist zur leeren Formel geworden. Die Deutung des Lebens kann nicht mehr auf das selbstverständlich gelebte Konzept zurückgreifen. Das Leben macht weniger Sinn. Das Konzept ohne die gelebte Bedeutung wird zu einem nostalgischen Territorium, das nun seinerseits zur Deutung offensteht. In der Logik einer territorialen Berechtigung rechter Ideologien invadiert die British National Party dieses Konzept und benutzt es zur Untermauerung der Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe.
Der Fall von Jan Brady und Myra Hindley entwickelt sich vieler widersprüchlicher gesellschaftlicher Entwicklungen entlang und dehnt sich über mehrere Generationen aus. Die Gleichzeitigkeit der verschiedensten Konzepte hat in diesem Fall dazu geführt, daß mehrere sinnvermittelnde theatrale Inszenierungen nicht stattfanden. Der Mord an Keith Bennett wurde vor Gericht nicht verhandelt. Schuldspruch und Urteilsspruch durch einen Stellvertreter der Gesellschaft versprachlichten so nie die Tat und eine Beurteilung. Das Opfer bleibt so auch sprachlich im Besitz des Täters.

Vier Wochen vor dem Prozess gegen Jan Brady und Myra Hindley wurde die Todesstrafe aufgehoben. Sehr oft nehmen die Medienberichte diese Tatsache wieder auf und weisen so darauf hin, daß die Gesellschaft sich es ersparen hätte können, sich immer wieder mit diesen Tätern beschäftigen zu müssen. Gerade dadurch, daß Jan Brady noch lebt und den Ort bekannt geben könnte, ist die Gesellschaft ja herausgefordert. Myra Hindley zeichnete einen Ort auf dem Plan der Moore auf, in denen sie behauptete, Keith Bennett vergraben zu haben. Der Ort stimmte aber nicht. Myra Hindley ist tot und der Zorn der Massen richtet sich nun voll auf Jan Brady. In der vagen Erinnerung an Reinigungsopfer werden Reinlichkeitsmetaphern benutzt, anzudeuten, daß eine Hinrichtung dieser beiden Täter sinnvoll gewesen wäre. „It would make sense” heißt das dann. Das Konzept der Todesstrafe zur Reinigung der Gesellschaft wird sinnstiftend eingesetzt. Die Todesstrafe als öffentliches Theater des Menschenopfers. Zwar hat die Sensibilisierung der viktorianischen Gesellschaft dazu geführt, die Durchführung der Todesstrafe hinter die geschlossenen Türen der Gefängnisse zu verbannen. Die öffentliche Phantasie ist bis heute damit befaßt. Die Memoiren von Henkern sind all time bestsellers und stehen in Spezialbuchhandlungen in den Regalen der true crime stories, was eine ironische Richtigkeit besitzt. Ein Teil der Gesellschaft würde die Durchführung der Todesstrafe ja in der Überwindung des Konzepts als Verbrechen beurteilen.
Konzepte des Kulturellen verlieren ihre Bedeutung immer durch die Trennung von Text und Ausführung. Im Fall der Todesstrafe wurde das Text außer Kraft gesetzt in der Transformation eines Strafrechts weg von den theatralen Inszenierungen. Dieser Wegbewegung von den mittelalterlichen Inszenierungen läßt sich auch an der Diskussion über die Perücken der Richter und Anwälte ablesen, die während des Prozesses getragen werden müssen. Immer wieder wird auf die Lächerlichkeit dieser Perücken hingewiesen. Noch aber hat die Verwirtschaftlichung aller Lebensbereiche diese Sitte einmal nur bei Zivilprozessen außer Kraft setzen können. Die Öffentlichkeit spricht sich bei Umfragen vehement für die Verwendung von Perücken bei Gericht aus. Die Perücken bedeuten Gericht. Gesellschaftliche Sicherheit beruft sich auf eine Gerichtsbarkeit, deren Bedeutung bekannt ist. Die Perücken sind dafür eine Requisite, die diese Bedeutung vermittelt. Wenn nun aus Geldmangel die Perücken insgesamt verschwinden würden, so wird der Text „Gericht” nicht mehr vollständig ausagiert. Das wird nicht zum Ausbruch von Anarchie führen. Aber. Eine Kultur wäre zu Ende. Der gleiche Prozess wie bei dem Glaubenssatz des Britisch Nationalen „We never forget and we never give up” bliebe der Text des Konzepts abgetrennt zurück und kann, der gesellschaftlichen Bedeutung entkleidet, von jedem in Besitz genommen werden. Politisch nostalgische Umdeutung als Strategie postmodern rechter Parteien ist fast unvermeidlich, wobei die theatrale Umsetzung des Konzepts eingefordert wird. Der Öffentlichkeit wird so politisches Selbstverständnis der Kultur in Fürsorge weisgemacht. Volkstümlichkeit, heißt das dann. Volksnähe. Ein Wissen, um das, was richtig ist, weil man das, was war, nicht verdammt.

Die Moderne entwickelt sich einer ununterbrochenen Fragmentierung der Konzepte der Kulturen bis dahin entlang. Die Moderne fragmentiert die Konzepte in sich selbst. Die Fragmentierung ist die Moderne. Fragmentierung muß gelesen werden können, die fragmentierten Konzeptsplitter zur Sinndeutung verwenden zu können. Denn. Es gibt keine neuen Konzepte. Denn. War nicht Revolution jener Akt, die Konzepte mit einem Handstreich außer Kraft zu setzen und neue Konzepte einzuführen. War nicht die Vorstellung, mit neuen Konzepten neue Menschen zu fabrizieren genau das, was nun im 20. Jahrhundert vielfach und auf allen politischen Seiten scheiterte. Wir leben heute nach dem Ende vieler Kulturen. Die kulturellen Konzepte daraus liegen zur Inbesitznahme herum, weil ihre Gelebtheit längst nicht einmal in Erinnerung geblieben ist. Der Weg rechter Politik. Und das auf allen Ebenen. Von der Wehrsportgruppe in verlassener Ländlichkeit bis zur Führungsetage der Finanzindustrie. Der Weg rechter Politik ist immer die Aneignung des Texts, in der Beibehaltung der Trennung von der Praxis. Der seines Sinns entfremdete Text des kulturellen Konzepts simuliert dann Sinnstiftung. Die Rückkehr zum so entfremdeten Text ergibt die Zustimmung in Wählerstimmen, die sich in diesem Text aufgehoben finden können und keine Frage an sich selbst mehr stellen müssen. Die fragmentierten Identitäten können in diesen eben postmodern entfremdeten Text des kulturellen Konzepts abgegeben werden und kommen in eine Vorstellung zusammengeschweißt zurück. Der sinnentleerte und auf seine Wörtlichkeit reduzierte Text des kulturellen Konzepts kann zu einem Prozess des Einschweißens und Einschmelzens verwendet werden, der eine Scheinidentität herstellt, die keinerlei Bezug zu irgendeiner gelebten Erfahrung aufweist. Das Ende des Endes der Kultur ist damit erreicht. Dieses Ende des Endes findet im 20. Jahrhundert in unseren Kulturen statt. Faschismus erstrebt dieses Ende des Endes und stellt es bewußt her. Die vollkommene Trennung von nostalgisch entfremdetem kulturellem Text und gelebter Erfahrung.

Da leben wir. Danach leben wir. Wir alle. Wir selbst müssen diese Technik des Faschismus anwenden, uns unsere Leben zusammenzubasteln. Wir alle suchen aus den Trümmern der Konzepte Textstellen heraus, die uns helfen sollen, unsere Leben zu deuten. Wenigstens. Dieser Zugriff auf Trümmerbausteine ist dann das, was wir Freiheit nennen. Oder Selbstbestimmung.
Welche Möglichkeiten könnte es geben, den entfremdeten Text nicht nur zu benutzen und damit der inneren Fragmentierung durch Fragmentierung Sinn zu verleihen. Diese innere Fragmentierung durch die Entfremdetheit des Texts zu bestätigen.
Ich denke, es geht darum, wieder auf die Suche zu gehen. Ganz wie in den Mythen und Märchen auszuziehen und Abenteuer suchen, die die Anwendung des kulturellen Texts herausfordern und eine Bewährung abfordern.
Das Theater als Erinnerung an die Theatralität des Lebens könnte ein Medium solcher Suchen gehen. Aber. Die Suche müßte den Wert darstellen. Die Suche müßte hochherzig und so unzersplittert wie möglich gedacht sein. Diese Suche müßte uns alle töricht sehen. Kindlich. Eine solche Suche müßte den Verlust der Kultur durcharbeiten und sich fragen, wie war das? Ernsthaft und das Mitgefühl die einzige Erkenntnismöglichkeit. Wie war das, wie das Theatrale im Leben gelebt wurde. Was hat das bedeutet, daß meine Großmutter immer zu Prozessionen gegangen ist. Zu Prozessionen gehen mußte. Das ging so weit, daß die tief gläubige Katholikin bei den 1. Mai Umzügen der sozialistischen Partei dabei war. Warum wollte diese Frau an dieser Öffentlichkeit teilnehmen. Was bedeutete ihr die Sichtbarkeit, die das herstellte. Und. Es sind wahrscheinlich Kategorien des Aufgehobenen und Eingebundenen, die sich darin eröffnen. Die Fragen nach Freiheit, wie ich sie stellen würde, kam da gar nicht ins Spiel. Aber. Es ginge ja darum, die Begehren anderer herauszufinden und wie sie sich die Erfüllung dieser Begehren verschafften. Welche Konzepte in die Lebenserfahrung gezogen wurden und wie Wirkung entfalteten. Welche Handhabung der Sprechmächte welche gelebte Erfahrung nach sich zog und darin eine Wahrheit offen legt. Und. Welche Aufträge an die nächste Generation daraus abgeleitet wurden und welche Erbschaften den Nachkommen auferlegt. Eine solche Suche müßte sich jeder Unmittelbarkeit begeben und in einer ruhig gesammelten Schau der Vergangenheit die Frage stellen, welche Fragen es waren, die den Kosmos der Konzepte aufrufen konnten. Welche Fragmente übrig geblieben waren. Oder. Erinnern wir uns einmal nur an das Ende des 1. Weltkriegs, welche Konzeptfragmente übrig geblieben waren, einen Sinn des Lebens wenigstens anzudeuten. Bei Siegern und Verlieren übrigens in vollkommen unterschiedlicher Weise. Die Frage, des Überlebens oder Weiterlebens von Kulturen wurde und wird gerade derzeit durch kriegerische Handlungen zur Entscheidung gebracht.

Alle gesellschaftlichen Dialogformen sind – jedenfalls in der Welt der deutschen Sprache des Deutschen und des Österreichischen – längst durch die beschriebene Entfremdung korrumpiert. Jedes Gericht, jedes Verhör. Wir können die Geschichte dieser Insitutionen am Konzept etwa der 10 Gebote der christlichen Religionen messen und sehen, daß immer schon, aber im 20. Jahrhundert besonders, dieses Konzept von der Lebenswirklichkeit abgetrennt vermittelt wurde. Immer schon hat die Macht sich von den Konzepten ausgenommen und sie damit ihrer Bedeutung entleert. Es gibt auch für die kulturellen Konzepte kein goldenens Zeitalter einer umfassenden Wirksamkeit. Es gibt nur durch die wirtschaftlichen Umstände hergestellt, andere Personenkonstruktionen, die in einem anderen Zeitmaß ihr Leben verbrachten. Wir wissen wenig von denen, die das Trauma des Endes ihrer Kultur erlebten.

Keith Bennett und die anderen zumindest 6 Mordopfer von Jan Brady und Myra Hindley werden in der weltweitgespannten Gemeinde des Sadismus, die das Internet nun endgültig innig zusammengeführt hat, als dem Sadismus notwendige und wertvolle Opfer gefeiert. Nun.

Das Opfer ist die zentralste Handlung der meisten Religionen. Das Menschenopfer ist die höchste Form des Opfers. Leben und Lebenskraft werden im Opfer gebündelt an die Schöpfungsordnung zurückgegeben. Die Entstehung des immer männlichen Menschenopfers ist eine vieldiskutierte Grundfrage der Anthropologie. Die Theorien reichen von Gabe und Geschenk zur Versöhung der Geister über totemistische Opfermahle als magische Versöhnungspraxis bis zum Opfer als Sündenbock. Immer jedoch geht es um den Ausgleich zwischen sakralen und weltlichen Mächten. In der Weltlichkeit wäre dann das reale Leben der Menschen agesiedelt. Das Sakrale ist Repräsentation der Gesellschaft. Der sadistische Mord ist die verbrecherische Aneignung dieses Konzepts des Sakralen und löst auch darin jene Abscheu aus, der dann seinerseits die Todesstrafe wieder argumentieren hilft. Und. Der uns so unangenehm berührt.

Die Heilige Messe des Christentum geht als fixierte und fixierender Text davon aus, daß im Selbstopfer Jesu als Sohn Gottes in menschlicher Gestalt das ultimative Opfer gebracht worden ist. Kein Menschenopfer danach kann diese sakrale Kraft mehr beanspruchen. Die Geopferten können nur noch Ergänzung der kultischen Wirkung dieses Gottesopfers werden und als Heilige in den Chor eintreten, der dieses Ereignis lobpreist. Eine Tat, wie die von Jan Brady und Myra Hindley führt vor diesen Text zurück und setzt nun ihrerseits das nachfolgende kulturelle Konzept außer Kraft, indem eine Lebensrealität hergestellt wird, zu der es kein gültiges kulturelles Konzept gibt. Die Entfremdung liegt in der gelebten Wirklichkeit, die sich nicht in den kulturellen Konzepten verorten läßt.
„Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in der moralischen muß alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das Theater die Schule der moralischen Welt sein soll.” So schrieb Gotthold Ephraim Lessing in der Hamburgischen Dramaturgie im 1. Band zum 2. Stück. 1767 schrieb Lessing diese Forderung für das Theater zum Trauerspiel „Olint und Sophronia” von J. Friedrich von Cronegk. 10 Jahre vorher fand Edmund Burke in seinem „Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful.” die Überlegenheit der Wirklichkeit des Sublimen gegenüber der theatralen Nachstellung des Sublimen heraus. Nach Burke beruht die Überlegenheit der Wirklichkeit darauf, daß die echte Exekution die theatralischere, die theatral ästhetischere Wirkung besitzt. Die echte Exekution. Der echte Mord. Sie werden als das ästhetisch überlegene Ereignis aufgefaßt. In beiden Fällen wird das Theater als gemeinsam zu lesender Text gesehen. In diesem „Gemeinsam” des Lesens wird das Publikum hergestellt, dessen Reaktion wiederum über die Existenz des Theaters entscheidet. Publikum ist so immer richtig. Es stellt ja Theater überhaupt her. Der Erwerb der Eintrittskarte und das Eintreten in die Stockmasse, der im Theater sitzenden Personen, bedeutet heute wie 1757 die Voraussetzung für die Theateraufführung. Das Theater ist der Dienstleistungsbetrieb, der die durch den Kartenerwerb ausgedrückten Erwartungen erfüllen soll. Es sollen ja wieder Eintrittskarten erworben werden. Zwar gibt es die Konkurrenz der echten Exekution auf dem Marktplatz nicht mehr. Jedenfalls nach den westlichen kulturellen Konzepten derzeit nicht. Der echte Mord jedoch ist Medienereignis und darin auf jeden und jede eindringender Alltag geworden. Gleich geblieben ist am Einsatz der Darstellung der Gewalt nur, daß die jeweiligen Konstruktionen des Nationalen daraus gespeist werden. Daß die Zuweisung der Körper der Gemordeten und die Zuordnung der Täter die Mythen des Nationalen füllen. Da ist die Welt der Medien bei der Sportreportage stehengeblieben, die jede Bewegung auf eine nationale Zuordnung zurückführen muß, um die Dramaturgie der Konkurrenz aufrechterhalten zu können. So gesehen, sind die Medien auf allen Ebenen dem Sublimen des wirklichen Lebens verfallen. Der wirkliche Mord hat in der Repräsentation des Sports den Sieg davongetragen. Die Exekution Lord Lovats 1747 in Cambridge hat den Sieg über die Schule der Moral in Hamburg davongetragen.
Das war nicht schwierig. Denn alles, was das Theaterhafte am Theater sein hätte können, fand immer nur zufällig Erfüllung. Nie wurden Rahmenbedingungen entwickelt, die das Theaterhafte zur Grundlage des Theaters gemacht hätte. Da ist zum ersten und bedeutendsten als Hindernis die innere Hierarchie des Theaterbetriebs zu nennen, die dem Moralischen diametral zuwiderläuft. Das deutschsprachige Theater als subventionierte Institution ist in der Art der sentimentalen Familie organisiert, in der ein mächtiger Vater als Intendant und meist auch als Regisseur alle Entscheidungen und das bedeutendste Einkommen auf sich versammelt. Je nach Alter und Geschlecht verteilt Einkommen und Einfluß nach unten sich verringernd. Die Körper der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler sind Mittel der Durchsetzung in dieser patriarchalen Hierarchie und Kapital der Repräsentation geblieben. Daß sich familienähnlich organisierte Cliquen bilden, die sich um die mächtigen „Väter” versammeln, die manchmal auch Frauen sein können, zeichnet die Einordnungs- und Unterwerfungsmechanismen genau nach.

Mit einem Drama ist es möglich, einen Diskurs in aller Widersprüchlichkeit zu führen. Anders als im Gerichtssaal ist die quasireale Gegenwart bei der Tat möglich. Quasireale Situation und quasireale Rede ermöglichen die Einführung von Antagonismen, die sich in der theatralen Präsentation voll entfalten können. Das Drama wird so zur Forschungsmethode. Entlang der vorgeführten Diskursstränge wird die Selbstbefragung des Zusehers oder der Zuseherin ausgelöst. Im Nachgehen der theatralen Rede und Gegenrede auf der Basis des literarischen Sonderfalls „Theaterschauspiel” in der Theateraufführung wird die gesamte Person in das „Lesen” dieses Texts gezogen. Im realen Ablauf dieser theatralen Rede in der Zeit wird eine solche Reaktion abgerufen. Eine reichere Wahrheit über die Reaktionen auf den Text tritt zutage als dies etwa bei einer Diskussionsveranstaltung der Fall wäre. Die kulturellen Konzepte werden da untersucht, wo sie in Erscheinung treten.

Macht im Theater möchte sich genauso erhalten, wie sie das überall tut. Das Programm muß die Publikumsanforderungen optimal erfüllen, um sich im Besuch die eigene Existenz zu bestätigen. Was bedeutet das für das literarische Kunstwerk „Theaterschauspiel”. Die Arbeit des Theaters am literarischen Kunstwerk „Theaterschauspiel” wäre die, diesen Text konstituierende intentionale Theateraufführung zu heben und in einer jeweils spezifischen Form zur Aufführung zu bringen. Jede Inszenierung wäre dann eine Hebung der im Text eingeschlossenen unendlichen Möglichkeiten von Inszenierungen. Die Intention Theateraufführung findet sich im gesamten Text des Theaterschauspiels. Autortext und Sprechertext sind die Träger der Intention Theateraufführung und bilden darin eine Einheit. Sich dem literarischen Kunstwerk „Theaterschauspiel” zu verpflichten und die intentionale Aufführung in einer jeweils besonderen Form zu realisieren. Das wäre Kunst. Ein Ereignis fände statt, das sich dem Dienstleisten im Vorausahnen eines Publikumsgeschmacks entzieht. Fände die Herstellung dieses Ereignisses nun auch noch partnerschaftlich statt und wäre nicht nur die Erfüllung des einen Willens des Regisseurs der Fall. Und würde der Prozeß der Hebung der im Text eingelassenen Intention nicht mit der Premiere abgeschlossen und ginge weiter. Die Aufführung würde also jeden Abend von den Schauspielern und Schauspielerinnen gemeinsam weiterentwickelt. Und diese Weiterentwicklung fände nach der inneren Logik der literarischen Vorlage und nicht dem Publikum zuspielend statt. Und gingen dann noch Personen wiederholt in diese Aufführungen und nähmen so an dem Prozeß teil. Das Theater könnte Kunst gewesen sein. Kunst, in der sich Sprachen sichtbar machen, die alle Spieler, Spielerinnen, Zuschauer, Zuschauerinnen auf sich selbst zurückführen und sich selbst sichtbar werden lassen. In einem theatralen Rahmen, der den Schmerz schmerzlos erfahrbar machen kann. Und in Würde. Kritik würde so zulaßbar. Die Barrieren der Unterträglichkeit könnten im theatralen Raum kurz aufgehoben und die Sicht auf weitere Verstrickungen in die Macht und das eigene So Geworden Sein zugelassen werden. Diese Aufhebung müßte flüchtig bleiben. Der Ausblick auf das Noch Nicht Sagbare Unsagbare ist nur kurz erträglich und sollte unwiederbringlich versinken.

In einer auf exakte Wiederholbarkeit getrimmten Inszenierung, die dem Entwurf einer einzigen Person folgt. Das ist schon in der Machart Exerzierkunst. Das ist die Fortentwicklung körperlicher Disziplinierung zu Kriegskunst. Hier in der Darstellung von Emotionen. Die immer verzweifelter realistisch sein wollende Nachstellung des realen Mords als den ästhetischten theatralen Akt folgt konsequent der inneren Logik der Verteilung der Macht. Die dem einen Inszenierenden zugewiesene Macht drängt zu größtmöglichem Ausdruck. Macht stellt sich immer in der Ohnmacht der Nicht Mächtigen dar. Der Regisseur, der auf der Bühne des Burgtheaters einen von ihm inszenierten und aufgenommenen Pornovideo abspielen läßt, zeigt seine Macht über die Körper der für seinen Blick durch die Linse der Kamera kopulierenden Personen. In der Aufführung übergibt der Regisseur seinen die Körper bestimmenden Blick dem Publikum. Gibt diesen Blick frei. Das kommt dem echten Mord am nächsten. Der Pornovideo spielt mit dem Wunsch diesen echten Mord zu sehen. Ein Bedürfnis wird erfüllt und in der Erfüllung schon wieder geweckt. Das Gegenteil der moralischen Schule ist erreicht. Der sadistische Blick des Regisseurs erfüllt sich im braven Nachfolgen von diesem Blick. Die moralische Schule hat sich in ein Sadismustraining verwandelt. Kritisches Denken müßte sich hier auch gegen das umsitzende Publikum richten. Kritik wird durch das konsensuale gemeinsame Schauen des Publikums unmöglich gemacht. Gefühle müssen die Reaktionen auf dieses Schauen bewälten. Masse wird so nachträglich im Sitzenbleiben hergestellt. „Wenn alle sitzen bleiben…?” Jemand, der sich entziehen wollte, würde ja heute mit der Bezeichnung „bürgerlich” versehen und belächelt werden. Aber auch so hergestellte Affirmation ist Affirmation. Und Affirmation in Sadismus stellt in dieser Affirmation das Bedürfnis nach sich wieder her. Masochismus will auch befriedigt werden. Das Publikum ist für die nächste Aufführung einer sadistischen Theatervision zugerichtet. Es wird eine Steigerung erwarten. In seiner Bestrafung. Und eine seichte Kritik faßt das Theater ja auch als Strafe auf. Bestrafung durch Text und Aufführung und darin kritisch verstanden. Das Theater als sadomasochistischer Pakt mit dem Publikum.
Die Schmerzen, die dieses Strafen hervorruft. Der Schock. Die Abwehr. Die Abscheu. Die Scham. Der Ekel. Diese Schmerzen sind das Vehikel der Vermassung des Publikums gegen „Die”. Eine quasikritische Haltung eines in diese Schmerzen beim Beisammen Sitzen in der Theateraufführung vereingten Kollektivs entsteht so. Nach außen richtet sich diese Quasikritik, die doch nur die Schmerzbewältigung des Zusehens ist. Schmerzabwehr eines in diesen Schmerzen durch Erziehung angeleiteten Kollektivs. Nicht ohne Logik ist der Erfolg des auf seine katholischen Wurzeln anklagend verweisenden Regisseurs Schlingensief immer in katholischen Kulturen so erfolgreich. Wien oder das Rheinland. Die Form der katholischen Predigt ist da überall gelernt. Wird überall verstanden. Es ist da Grundlage der Kultur in hohem Ton vom Schmerz als Schuld des Angeredeten zu sprechen. Und wie in der Predigt gilt es diese Schuld an sich zu erkennen und dann an den Anderen zu ahnden. Es ist ja katholische Selbsterkenntnis, die die Schuld der anderen überhaupt erkennen läßt. Im selbst durch Verfehlung mitverschuldeten Schmerz macht sich dann die Schuld der Anderen sichtbar. Der eigene Schmerz ist der Nachweis der Schuld der anderen. Es bedarf deshalb auch dieses Schmerzs. Es bedarf dieser Bestrafung. Nur so kann die Schuld asl Verursacherin des Schmerzes erkannt und nach außen gewendet werden. Und so wird viel künstliches Blut und die Zurichtung von Schauspielern und Schauspielerinnen und sehr viel Zeit aufgewendet, etwa das Wiener Burgtheater mit einer abendlichen Gemeinde der Schmerzsüchtigen zu füllen, die dann ihre Schuld auf ein diffuses Anderes, ein Außen abwälzen kann. Gemeinsam. Im Schmerz vermasst.

Und wie jeder kapitalistische Dienstleistungsbetrieb muß das Bedürfnis nach der Dienstleistung immer neu geweckt und angestachelt werden. Der richtige Mord auf der Bühne. Als das alles überstrahlende ästhetische Ereignis, das alle Ansprüche an das Theater erfüllen kann. Der richtige Mord auf der Bühne ist unausweichlich.

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