Verleihung des Peter-Rosegger-Preises des Landes Steiermark – Dankesworte der Preisträgerin.
Was ist Kultur.
So schwierig eine theoretische Festlegung des Begriffs wäre. Ganz sicherlich ist das, was wir hier tun, Kultur. Eine unabhängige Jury trifft eine Auswahl aus kulturellen Leistungen. In unserem Fall ist das die Literatur. Die Politik übernimmt die Auswahl der Jury und verleiht dann den Preis, der aus den Steuern der Bevölkerung bezahlt wird. Die Geschichte von Preisen ist durch die Preisgeschichten von Thomas Bernhard wieder ins Gerede gekommen. Die Geschichte von Preisen in Österreich ist eine höchst politische Geschichte. An ihr lassen sich Aufgeschlossenheit und Enge des Kulturellen ablesen. Viele Reaktionen auf viele Preise haben uns die Reagierenden beschrieben.
Wozu brauchen wir Kultur.
Eigentlich müssen wir sagen, wozu wurde diese Kultur gebraucht. Ein Preis in dieser Form ist schon die Erinnerung an eine Kultur, die längst zu Ende ist. Ein Preis in dieser Form ist ein Ergebnis des Ringens um die Wahrheit. In der launischen und mittlerweile folkloristischen Rezeption der bernhardschen Preisgeschichten wird gerne vergessen, daß es um die Frage ging, wer wie vergangenheitsbelastet Preise von wem zugesprochen bekam. Es war die Frage, welche Interpretation der Geschichte die gesellschaftliche Erzählung bestreiten durfte. Erst in den 70er Jahren begann die kritische Wegbewegung und es wurde nicht mehr ganz einfach selbstverständlich, daß Autoren – es waren doch immer Männer und eine Gertrud Fussenegger – im Austrofaschismus ausgezeichnet wurden. Dann im Nationalsozialismus. Und dann in der Zweiten Republik. Die kritische Diskussion und die Widerstände in den 70er Jahren führten zu den unabhängigen Jurys, die der offiziellen Kulturpolitik die Entscheidung über die Sprechmacht entziehen sollten. Die österreichische Literatur in ihrer Vielfalt und Qualität beruht auf diesem Rückzug der Politik. Wenn nun auch die Benennung von Preisen nicht verändert wurde, die Form der Vergabe wurde das. Und. Das war eine kulturelle Leistung. Bewegung und Risiko wurden dadurch eine geförderte Qualität der Literatur. Eine Distanz zur Politik war geschaffen worden, die der Literatur die Arbeit abnahm, sich ununterbrochen und unmittelbar mit den Eingriffen von Politik durch eine rein politische Preisvergabe auseinandersetzen zu müssen. Die Spannung zwischen Politik und deren Beobachtung in der literarischen Versprachlichung steht dem Autor und der Autorin zur Verfügung, zwingt sich aber nicht auf.
Seit dem Jahr 2000 ist diese Spannung zwischen Politik und Literatur neu verdichtet. Die Politik benutzt die neoliberale Globalisierung, die Rahmenbedingungen von Kunstschaffen in Österreich ganz allgemein so zu verändern, daß die Kunstschaffenden selber zu Selbstfürsorge und Selbstvorsorge gezwungen, ihre Arbeitsweise verändern mußten. Das bedeutet, daß die Personen selber verändert wurden. Das wiederum wird bedeuten, daß die Kunst verändert werden wird. Nun muß die Kunst, sonst wäre sie es nicht, auf die allgemeinen Veränderungen reagieren. Dadurch, daß die reagieren Sollenden selbst sich an die Verhältnisse anpassen müssen, um überhaupt überleben zu können, entsteht eine Überlagerung der Ansprüche, die zu einer Verminderung führen muß. Das aber wiederum bedeutet, daß die Gesellschaft nicht mehr erfahren kann, was ihr Jetzt bestimmt. Die Wahrheit der Gegenwart bleibt ungehoben.
Am Ende einer Kultur. Und wir sind am Ende einer Kultur. Am Ende einer Kultur steht eine Gesellschaft vor ungeheuren Aufgaben. Wenn wir bedenken, daß im September diesen Jahres die Arbeitslosenzahl nur wenig unter der des Jahres 1929 liegen wird. Wenn wir bedenken, daß wir ein Parlament haben, in dem nicht einmal ein Konsens über die Geschichte danach erreichbar ist. Wenn wir zugeben müssen, daß wir keine gesellschaftsstiftenden Sinneinheiten entwickeln konnten und uns zufriedengeben müssen, daß keine gesellschaftsaufhebenden Sinneinheiten offen dominant sein dürfen. Es ist zu sehen, daß wir eine Parallelzeit erleben zu damals. Es wird zu sehen sein, ob wir die Prüfung bestehen können und einen anderen Weg gehen können als damals. Eine Hilfe in Zeiten nach dem Ende einer Kultur ist die Erinnerung. Es ist die Frage zu stellen, wie das war, als es die Kultur noch gab. Die Erinnerung wird dann zur Grundlinie, von der aus der Neuentwurf versucht werden kann. Ohne eine solche Grundlinie wird das nicht möglich sein. Ein solcher Preis, wie der Peter Rosegger Preis. Daß es so etwas gegeben haben wird, wird eine kleine Möglichkeit schaffen, sich Kultur vorzustellen. Wir müssen mittlerweile eigentlich falsche Sinneinheiten erhalten, um überhaupt eine Erinnerung an Kultur bewahren zu können. Die Literatur. Sie könnte nach dem schwedischen Modell etwa gesichert werden. Da das aber nicht zu erwarten ist, müssen wenigstens die Preise erhalten bleiben.
Wenn wir uns aber nun an die Preise schon jetzt als etwas erinnern, das eine ganz andere Zeit und ganz andere und hohe Absichten beschreibt, in denen die Suche nach der Wahrheit etwas selbstverständlicher genommen wurde, weil die Wirtschaftsbedingungen gerade einmal ganz gut waren . Dann sollten die Preise so lange es irgend geht ernst genommen werden, als eine Rettung dieser Wahrheitssuche. Und dann bitte ich, an die Erinnerung zu denken und wie sie aussehen soll. Die gesellschaftliche Arbeit, die im Rahmen eines solchen Preises geleistet wird, muß in postneoliberalen Zusammenhängen abgegolten werden. Und zwar so, daß die Steuer nicht gleich alles wegfrißt. Spesen können heute nicht mehr selbst getragen werden. Dafür hat seit dem Jahr 2000 eine stete Verwandlung aller Kulturschaffenden in armselige Unternehmer und Unternehmerinnen mit Zwangseinweisung in die Wirtschaftskammer gesorgt. Und wenn einer oder eine eine solche Leistung erbringt, dann sollte nicht erwartet werden, daß die eigene Jause ausgepackt werden soll. Es handelt sich bei der Fahrt zu einer Jurysitzung nach Graz nicht um einen Schulausflug, obwohl die von allen Jurymitgliedern geschilderte Behandlung darauf schließen ließe.
Kultur. Das sind auch die allgemein bekannten Bedingungen. Gastfreundschaft als Grundlage von Kommunikation und Zusammenarbeit gehört da immer noch dazu. Wenn es aber darum ging, Juroren und Jurorinnen dazu zu bringen, sicher nie wieder einer Jury anzugehören, weil das dann eine negative Erfahrung ist und die postneoliberale Person negative Erfahrungen allein zu bearbeiten hat. Dann wäre das ein Handeln gegen jene Kultur, an die wir uns erinnern müssen. Es gibt ja keine andere. Zensur hat viele Erscheinungsweisen und ist in den letzten 10 Jahren sehr persönlich geworden. Wenn das so gemeint war, dann nehme ich diesen Preis als Letzte einer kritischen Tradition. Kultur kann doch zum Gesellschaftlichen nur beitragen, wenn der Widerspruch abgelöst wird und darin im Wert anerkannt wird. Auch ganz praktisch. Und mit Geld. Vielen Dank.