Verleihung des Droste Preises der Stadt Meersburg – Laudatio von Jürgen Wertheimer

Laudatio auf Marlene Streeruwitz

Von Jürgen Wertheimer

Persönlich? Distanziert? Akademisch? Pseudo-feuilletonartig? Trocken ausgenüchtert, bewusst spröde oder forciert lebhaft? Wie schreibt man eine Laudatio, eine Laudatio auf Marlene Streeruwitz? Ich weiß es nicht. Trägt man sich ihr dezent an? Geht man respektvoll auf Abstand? Spricht man schnörkellos? Macht man kurze Sätze oder geht man forciert hypotaktisch zu Werke? Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen. Mein Bild von ihr datiert aus dem Jahr 1995, ist also schon vierzehn Jahre alt, und die Geschichte dazwischen ist ebenso lang. Ich will sie hier in Momentaufnahmen skizzieren und hoffe, daraus wird dann eine ‚Laudatio’.

Damals war sie die erste Dozentin der Tübinger-Poetik-Dozentur, und ich hatte plötzlich Angst. Es ist immer so. Erst will man etwas. Dann wird es Wirklichkeit, und dann: Dann sitzen plötzlich ein paar hundert Honoratioren oder Literaturinteressierte in einem akademischen Hörsaal und warten. Erwarten etwas.Es gibt Rektorenreden. Man spricht davon, dass „drei Männer jetzt gleich etwas aus der Taufe heben würden“, eine Poetin über „Schein Sein Erscheinen“ reden werde. Und dass allem Anfang ein Zauber eigne. Und so fort.

Dann fängt sie zu sprechen an und vom ersten Satz an, zu – irritieren:

„In Mittelafrika gibt es einen Stamm, bei dem den jungen Männern zur Initiation der Bauch aufgeschnitten wird. Die Initianten müssen auf ihr und in ihr Inneres in der geöffneten Bauchhöhle blicken. (…) Die Berichterstatterin (im Radio) erwähnt, dass die Initianten zwar beim Anblick ihrer Eingeweide in Ohnmacht fielen, doch erfrischt, euphorisch und ohne Symptome eines Schockzustands aufwachten.“
Allein die Vorstellung, von den Ältesten ihrer Gesellschaft zu dieser Art der Eingeweideschau getrieben zu werden, bekennt die Autorin, lösten in ihr Schauer, aber auch Wut und Empörung aus. Schauer aufgrund des Zwangs zur Introspektion, zum Blick ins Innerste. Empörung beim Gedanken, als Frau von diesem Ritual ausgeschlossen zu sein.

Es ist wissenschaftlich nicht gut und menschlich kaum zu vertreten, das Profil eines komplexen Systems, wie es der Mensch darstellt, aus einer einzigen Episode, hochgerechnet aufs Ganze, erschließen zu wollen. Was im Fall eines normalen Menschen bereits fragwürdig ist, wird im Fall eines noch komplexeren Denk- und Empfindungssystems, wie es ein Autor ist, noch problematischer. Und dennoch: Ich werde diese Vorstellung nicht los, wenn ich über Marlene Streeruwitz nachdenke, im Gegenteil, sie verfestigt sich, wird konkret. Es erscheint eine Frau, deren ganzes Denken, Fühlen, Arbeiten sich entlang (diesseits und jenseits) einer Grenze bewegt. Nicht wie bei vielen Leuten, die sich in Übergangszonen eingenistet haben und den Sinn für Ambivalenzen kultivieren. Nein, bei Streeruwitz hat man den Eindruck, ihre Wahrnehmung ist auf Schnittstellen und Grenzlinien fixiert: ein Schnitt und zwei Gefühle, je nachdem, von welcher Seite man ihn in Betracht nimmt. Wie bei der Eingeweideschau, die sich als brutales Herrschaftsritual oder/und als elitäres Initiationsverfahren betrachten lässt. Und die Autorin steht bei diesem wahrnehmungsphysiologischen Balanceakt beileibe nicht indifferent irgendwo dazwischen, sondern auf beiden Seiten, auf Messers Schneide, ein Ritt auf der scharfen Klinge der Unbestechlichkeit. Das klingt nach Aufklärung, und das soll es auch.

Ich weiß, dass manche bei diesem Stichwort ein wenig nachsichtig abzuwinken versuchen und sehr viel lieber von post-postmodernen Konzepten reden möchten.
Aber so wie es Liebe in Zeiten der Cholera gibt, existiert auch das Prinzip der Aufklärung im Zeitalter der Willkürlichkeit. Mit dem Stichwort der Aufklärung denke ich nicht an irgendwelche humanitären Gutwilligkeiten und Humanismusbasare oder Weltethos-Gehege. Es geht um Politisierung. Um Politisierung der Wahrnehmungsfähigkeit, nicht um irgendwelche Werte oder Normen oder Verordnungen. Es geht bei allem, was Marlene Streeruwitz als Autorin tut, um den Mut, ja die radikale Kühnheit, sich seines eigenen Wahrnehmungspotenzials zu bedienen. Dieses Programm impliziert ein ethisches, ein ästhetisches und damit ein politisches Programm. Mancher hat das Schicksal – Glück kann man das wohl nicht nennen –, von Kind an so zu sein, aus irgendeinem Grund so sein zu müssen: Bitten, beten, betteln, flehen, das genügte Marlene Streeruwitz schon als Kind nicht. Nicht mal das Berufsziel „Märtyrerin“ war der Fünfjährigen ausreichend, nicht „vergnüglich genug“:

„Mir genügte das nicht und mich vergnügte das nicht. Ich erinnere mich noch an lange heckenrosengeleitete Wege, die ich entlangstapfte und mir dabei wünschte, eine der Spinnen zu sein und Spinnennetze machen zu können, statt nur dem bangen Schicksal einer Märtyrerin entgegenzugehen.“

Makelloses Opfer und Giftspinne zugleich, Netze auslegen und sie zerreißen: Als Streeruwitz-Leser darf man sich nicht auf bequeme Lektürestunden einstellen oder auf ungetrübte, festliche Theaterabende hoffen. Jederzeit kann die „Bühne“ zum „Tribunal“ werden. An ein Gespräch über Schillers Fiesco erinnere ich mich und an ihr Entsetzen bei der Szene, wo der Republikaner Verrina seine Tochter, nachdem sie vergewaltigt wurde, mit einem Tuch bedeckt und symbolisch blendet:

„(Er tritt zu ihr, indem er den Trauerflor langsam von seinem Arme wickelt, darauf feierlich.) Eh’ das Herzblut eines Doria diesen hässlichen Flecken aus deiner Ehre wäscht, soll kein Strahl des Tags auf diese Wangen fallen. Bis dahin – (Er wirft den Flor über sie.) verblinde. (Pause. Die Übrigen sehen ihn schweigend, betreten an.)“

Damals war sie nahe daran, gegen solche Szenen im Namen dessen, was ich das „Prinzip Aufklärung“ nenne, zu protestieren, so wie Voltaire im Namen der Vernunft gegen das zerstörerische Erdbeben von Lissabon protestiert hatte. Beider Reaktionen gleich sinnlos und unverzichtbar. Unverzichtbar, denn wer sich den Blick verbieten lässt, lässt sich seines Ichs berauben.
Marlene Streeruwitz’ Arbeit, erst im Theater, dann mehr und mehr im Roman, ist ein einziger vielstimmiger und höchst fintenreich angelegter Sturmlauf gegen Blick-Ausrichter und Herde-Hirten jeder Couleur – und jedes Geschlechts.

Wenn ich ihrer Arbeitsweise nachzugehen versuche, besteht dieser Versuch, dieser leidenschaftlich, unerlässlich und insistent betriebene Versuch darin, im Lauf der Jahre, der Jahrzehnte so etwas wie eine Systematik, eine Grammatik aller offen und verdeckt praktizierten Blick-Ausrichtungs-Verfahren herzustellen. Mit Schwerpunkt auf die Mann-Frau-Dichotomie, aber beileibe nicht nur darauf fokussiert. Denn die Verfahrensweisen betreffen in je unterschiedlicher Gestalt jeden, jederzeit, von der Wiege bis zur Bahre und auf allen Niveaus.

Bei einer Laudatio handelt es sich wirklich um eine sehr eigentümliche Textart. Während ich so rede, ertappe ich mich dabei, dem Blick des Objekts meiner Rede eher auszuweichen als ihn zu suchen. Denn was ich da tun muss, ist ja auch so eine Art öffentlicher Eingeweideschau. Einer spricht über einen anderen, durchaus seinerseits nicht stummen Menschen, in höchsten Tönen. (Dass mit einer Gegenrede zu rechnen ist, unterscheidet die Laudatio von der Leichenrede.) Ich persönlich kann es mir nicht so recht vorstellen, dass man gern öffentlich verhandelt, besprochen wird. Und sei es noch so positiv. Deshalb möchte ich bei meiner Geschichte, der von damals, bleiben, um nicht über jemanden, der mir wichtig ist, erklärend zu verfügen, sondern vielmehr den von ihr gelegten Texturen, Textspuren zu folgen.

„Was tun die Medizinmänner?“ fragte Streeruwitz und antwortete: „Sie zeigen den Initianten ihre Macht. Sie können den Bauch auch offen stehen lassen. Den Initianten sterben lassen. Deshalb wird vor der Initiation eine Art Vertrag geschlossen.“ – Ein Pakt, der die Wiederauferstehung des Probanden garantiert und die Macht der Medizinmänner sichert. Dergleichen Verträge bestimmen (bewusst oder unbewusst) alle gesellschaftlichen Prozeduren, von der Laudatio bis zur Vorschule, von der Initiation bis zur letzten Ölung. Und die Medizinmänner und –Frauen, die Wortschamanen und –Schamaninnen laborieren dabei an der Schlüsselstelle der Sprache. Sie sind Verwalter und Gestalter einer Sprache, die der Verschleierung oder der Entschleierung dienen kann. Die Literatur, das vermittelt Streeruwitz wieder und wieder, steht bei dieser Prozedur nicht per se, sozusagen aus Prinzip auf der richtigen Seite. Literatur und Kunst sind sogar im Regelfall herausragende und geachtete Agenten der suggestiven Vernebelungsästhetiken.

Damit soll, um Gottes willen, nicht gesagt sein, die pseudokämpferischen Sprachverformungen der Politik, die Bewusstsein löschenden und Menschen entwürdigenden Begriffsviren der Technokratenidiome, das hysteroide Gestammel des Börsen- und Investoren-„Schamanismus“ sei gesellschaftlich weniger deformativ. Nur: Wenn ein Politiker, ein Theologe, ein Berater, ein Broker oder auch bloß ein Technokrat zu kommunizieren beginnt, weiß man in der Regel ohnehin, was weltanschaulich die Stunde geschlagen hat.

Die Unschuldsannahme der Literatur aber ist sehr viel schwerer zu widerlegen, und so ist es auch schwerer, ihr zu widerstehen. Der Markt, der Kanon, die Kanonen des Marktes stellen ein gewisses, zeitspezifisches Repertoire an Sprachhüllen, Erzählmustern und Theoremen zur Disposition – der Autor kann sich, muss sich aus diesem Fundus bedienen. Ein wirkliches Originalgenie wäre ein „Alien“. Weil diese Abhängigkeit besteht, kommt es notwendigerweise nicht auf das „dass“, sondern allein auf das „wie“ des sich Einschreibens an. Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, sie alle verwendeten vorgeformte Sprache, kauten auf steinharten Wortbrocken herum. Marlene Streeruwitz geht mit diesem Notstand, wenn nicht am unverfrorensten, so doch am unbefangensten um. Sie ist eine veritable Exhibitionistin der intertextuellen Legebatterien der Literatur: Groschenheft, Frauenroman, Lisa und Lore, Oper, Operette, Bibel, Shakespeare, Sprüche der Väter, olle Kamellen, flotte Klamotten, Doku-Soap, Party-Gewäsch, Elegien, Krimiserien oder Serienkiller – es gibt keine Textart, die nicht in Gefahr ist, zwischen den Zähnen dieser literarischen Reiß-Wölfin zu landen. Nicht um von ihr genüsslich verzehrt zu werden – genüsslich schon gar nicht, sondern allenfalls: verdaut. Resorbiert. Um am Ende als etwas ganz Anderes in veränderter Gestalt wieder zum Vorschein zu kommen. Vielleicht. Zum Beispiel in Gestalt dieser sich gegen das flüssige Verfügbarmachen förmlich im Schlund verbiegenden, verhakenden stoppelsteifen Kurzpasssätze. Oder als scharf geschnittene Blickraster die den Menschen während der Intimität des ihn Beschreibens in Wirklichkeit auch in Stücke schneidet.

„Die Frau war dick (…) die Frau schob bei jedem Schritt das Bein um das andere herum. Sie musste ihre eigenen Schenkel umkreisen. Schob sich gegen sich selbst nach vorne (…) Die Frau war ein wackelnder, wippender Fettberg. Und jedes Lachen von ihr war eine Kaskade. Ein Berg aus Lachen und Kaskaden von Fett.“

Eine Facette, ein winziger Moment aus Partygirl (2002). Ein Augenblick, in dem die Protagonistin eine Blitzdiagnose stellt, um im nächsten Moment auf sich selbst – grau, streng, angestrengt, die Bügelhandtasche umklammert – zurückgeworfen zu werden, als Beobachtungsbeobachterin ihrer selbst. Keiner wird bei diesem Verfahren billig denunziert, jeder muss mit allem rechnen, das ist etwas anderes.

Wir waren beim „wie?“, bei der Frage nach dem „wie“. Noch ein Verfahren des grammatikalischen Digerierens möchte ich hier exemplarisch nennen: Dieses atemlose und zugleich minutiös geregelte Prinzip des Erzählens nicht als eine Art permanenter „Suche-nach-der-verlorenen-Zeit“ zu betrachten, sondern ganz im Gegenteil, das Verlieren der Zeit als Resultat dieser Suche zu erfahren. Ob Selma in Entfernung, Jessica in Jessica, 30 oder Margarete in Nachwelt- es ist, als ob der Verlust, das brennende, unhintergehbare Gefühl des Verlusts die unstillbare Bewegung, die Renn-Sucht der Suchbewegung, die immer wieder in eine neue Verlust-Erfahrung münden muss, zur Voraussetzung hätte und so ein Movens würde, diese Grammatik der selbstsüchtigen Selbstentfremdung erst so recht in Bewegung zu setzen. Ich weiß, das klingt sehr hypothetisch. Und scheint auf den ersten Blick auch gar nicht gut zum aufklärerischen Grundduktus, den ich der Arbeit von Marlene Streeruwitz zuordne, zu passen. Und tut es vielleicht tatsächlich nicht.
Trotzdem: zu meinem Modell von Aufklärung gehört das Wissen um die Sinnlosigkeit jeder Bemühung wie das Wissen um das Sterben zur Sisyphos- Arbeit des Arztes gehört.
In dem Moment, in dem man die Spannung zwischen der Suche und dem Verlust nicht mehr aushält – ist es aus. Man kann weiter Erfolg haben, Erfolge abspulen aber es geschieht nichts mehr.
Solange diese Spannung da ist und zur Höchstspannung getrieben ausgehalten wird, findet etwas statt, findet, so man schreibt, Literatur statt. Beim Lesen dieser Hunderte, Tausende Seiten von Streeruwitz Prosa hab ich gespürt. Dass diese Binnenspannung bis ins Komma gehalten und immer neu erzeugt wird. Mehr, Besseres, „Lobenderes“ hab ich hier nicht zu sagen. Bis in jeden Komma-Hieb, in jeden Punkt-Schnitt, in jede Wort-Fügung, Sprach-Geste. Bis ins Gemüse, die Spinaci, die Eier, das Frühstück. „Frühstück und Gewalt“.

Damals, aber Sie haben, hoffe ich, akzeptiert, dass dies trotz der Rückwärtsgewandtheit kein Nostalgiebericht ist, sondern einen Gegenwarts Befund darstellt, – damals, 1996 hat Streeruwitz, ein letztes Mal das Initiations- Thema aufgreifend, die Vorlesung beendet, indem sie die Bildbeschreibung in einen literarischen Auftrag umdeutete.

„Die ersten Blicke ins Innere werden in unserer Gesellschaft im Sprachlosen belassen. (…) Das System bedient sich unserer Sprachlosigkeit zu seiner Erfüllung.“
Deshalb müsse an die Texte – die Phänomene des Alltags etc. – die Frage gestellt werden, ob sie die Blickrichtungen bestimmen und „die Schau des Selbst vorflüstern“. Oder ob es sich um Texte handelt, die den eigenen Blick suchen und zur Selbstbefragung, bzw. zum Aufbau einer eigenen Sprachwelt führen. Es gibt kein leidenschaftlicheres und pragmatischeres Literaturkonzept als das, was seinerzeit im HS 21 skizziert wurde:

„In einer Wechselwirkung von kritischem Lesen und eigenem Schreiben müssen wir einander alle Geschichten erzählen, die möglich sind“, um aus der eigenen Frage ein Selbst zu erschaffen. Das war 1996. Jeder konnte seinerzeit ahnen, keiner konkret wissen, erfassen was das folgende Jahrzehnt bringen sollte: den globalen Angriff auf eigenes Denken durch eine gleichermaßen inzestuöse wie ruinöse Monokultur aus Technokratie und Spekulation. Den Absturz der ausdifferenzierenden Arbeit an der Sprache zugunsten einer Diktion, eines Jargons der Uneigentlichkeit, gegen den die Zement-Ideologien der 70er Jahre nachgerade weichgespült erscheinen.

Eine ganz nette Kollegin sagte vor 10 Jahren noch:„Ich finde mein kleines Fach total wichtig und die Studis sind toll.“Dieselbe Dame, inzwischen beachtlich im Executive Gewerbe aufgestiegen sagte gestern bei einer Sitzung: „man sieht sich gezwungen zu akzeptieren, dass die kritische Masse zum Aufrechtrechterhalten des Faches in naher Zukunft nicht gewährleistet werden kann und empfiehlt deshalb eine Schließung entsprechender Studiengänge.“
Sprach’s und rief zur Geschäftsordnung.

Der Preis der Stadt Meersburg hat Marlene Streeruwitz vielleicht im letztmöglichen Moment erreicht, um vielleicht mehr als nur ein Zeichen gegen diese Art der kulturellen Verwahrlosung im Sinne der „Effizienz“, der „Perfektibilität“ etc. zu setzen.Sie würdigt in ihr einen Menschen, ein Lebewesen der im Aussterben befindlichen Art, der „Störenfriede“, Friedensstörer(innen). Ortega y Gasset beschrieb den Typus bereits 1940 in seinem Aufsatz „Der Intellektuelle und der Andere“ in Bildern, die dem Thema der Eingeweideschau – ein letztes Mal – recht nahe kommen:„Auf den ersten Blick scheint er ein Zerstörer, man sieht ihn, einem Metzger vergleichbar, stets die Hände voll von Eingeweiden der Dinge. Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Intellektuelle kann nicht, auch wenn er es wollte, im Hinblick auf die Dinge Egoist sein. Er macht aus ihnen ein Problem. Das ist das höchste Kennzeichen der Liebe.“Und wenn vielleicht nicht wirklich der Liebe, so doch – und das ist nicht minder relevant – des leidenschaftlichen, manchmal Leiden-schaffenden Engagements, eines Engegements gegen offene und verdeckte Formen der Vergewaltigung, und sei es auch nur der Vergewaltigung durch Sprache. Und sei es auch nur in Form der permanenten, subcutanen Verführung zur einverständigen Gefälligkeit.
Streeruwitz’ Art des Schreibens, eines Schreibens aus lauter Widerhaken, ist tatsächlich eine höchst gegenwärtige, hoch aktuelle und brennend akute „Ästhetik des Widerstands“.

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