Verleihung des Droste Preises der Stadt Meersburg – Dankesrede
Dankesrede von Marlene Streeruwitz zur Verleihung des Droste Preises der Stadt Meersburg am 24.Mai 2009.
Zur Entscheidung der Jury, mir den Droste-Hülshoff Preis zuzuerkennen, wurde ich in einem Interview gefragt, ob ich mich mit der Autorin Annette von Droste-Hülshoff identifizieren könnte. Das kann ich nicht. Eine solche Identifikation müßte einem sehr allgemeinen Essentialismus entspringen, dem vage Ähnlichkeiten der Bezeichnungen reichten. Geschlecht und Tätigkeit. Über Jahrhunderte getrennt. Und. Bedenken wir, daß zwischen jeder künstlerischen Äußerung vor uns, die Shoa liegt, die uns jede Kulturleistung in Frage stellen lassen muß. Wir müssen jedes Wort davor darauf untersuchen, welche Rolle es eingenommen, keinen Einspruch formuliert haben zu können. Unsere beiden deutschsprechenden Kulturen müssen dieser Untersuchung unterzogen werden und im Heute einer solchen Prüfung selbstverständlich Stand halten. Es ginge um eine darin politische Ästhetik und ich hätte gerne an zwei Verszeilen von Annette von Droste-Hülshoff aus dem Gedicht Carpe diem! dazu einen Versuch unternommen. Es wäre um die letzten beiden Verse gegangen.
„Vor uns die Hoffnung, hinter uns das Glück,
Und unsre Morgen morden unsre Heute.“
Aber. Da fiel mir bei der Recherche im Internet die Kurzbiographie von Annette von Droste-Hülshoff auf den Bildschirm. Und statt mich nun der Frage zuzuwenden, was es bedeutet, wenn die Hoffnung als Mordkomplizin aus der Zukunt das Heute mordefnd vom Glück in der Zeit abgetrennt auftritt. Statt diese Leerstelle zu untersuchen, die durch das Komma zwischen den beiden Ortsbeschreibungen aufreißt. Statt nachzudenken, wie produktiv es ist, die Zeit in die Lokaladverbien „vor“ und „hinter“ einzusperren und damit die Leerstelle überhaupt herzustellen. Statt all dem, möchte ich die Kurzbiographie des Projekts Gutenberg.de von SPIEGEL ONLINE kultur besprechen. Da heißt es. Zitat. „Seit 1841 lebte sie meist am Bodensee. Dort erfuhr sie eine halbmütterliche Liebe zum 17 Jahre jüngeren Schücking. Sie starb am 24. Mai 1848 in Meersburg am Bodensee.“ Zuvor waren nur ihre Bekanntschaften angeführt, bei denen die Männernamen fett gedruckt vorgefunden werden und die einzige Frau, Adele Schopenhauer, in Normaldruck angeführt wird. Also. Die halbmütterliche Liebe wird erfahren. Diese halbmütterliche Liebe wird zuerst an den Ort geknüpft. „Dort“ am Bodensee erfährt sie die. Die Landschaft wird durch diese Verknüpfung zur Mitbedingung dieser Liebe gemacht. Die Landschaft wird auf diese Weise mit gefühlsstiftender Bedeutung aufgeladen. Die Landschaft wird Miturheberin der Liebe. Das ist ein Vorgang des Nationalistischen, der die handelnde Person als Figur von der Landschaft abhängig macht und über diese Gefühle der Landschaft gegenüber als eine zu verteidigende etabliert. „Dort erfuhr sie“. Im Personalpronomen 3. Person weiblich wird vom Namen weggegangen und die Frau zum Vorschein gebracht. Die Frau, die eine Liebe erfährt. Das relative Verbum „erfahren“ beschreibt im Akkusativobjekt das, was erfahren wird. Hier ist es eine Liebe. Die Liebe dringt als Erfahrung über das Verbum selbst auf das Subjekt ein. Die Liebe ist der bedeutungsaktive Anteil des Satzes, der auf das Subjekt zielt. Das Subjekt ist das Bedeutungsobjekt des grammatikalischen Objekts. In dieser Verdrehung wird die Entmächtigung des Subjekts vorgenommen. Die Liebe wird vom Subjekt erfahren. Diese Liebe ist dann auch noch eine halbmütterliche. Mütterlichkeit wird halbiert und wir sind angehalten, die andere Hälfte dieser Liebe zu substituieren. Dadurch, daß diese Liebe nur halb mütterlich ist, wird uns vorgeschlagen, die andere Hälfte als überhaupt nicht mütterlich zu sehen. Als gegenmütterlich. Liebe wird so in Kategorien eingeteilt und hierarchisch abgestuft. Eine so beschriebene Person wird auf diese halbe Liebe in der Landschaft zertrümmert. Zertrümmerte Weiblichkeit entsteht aus einer solchen Beschreibung. In der durch die Grammatik und die Bedeutung der gewählten Sinneinheiten erzwungenen Vorstellung eine Darstellung, die vollkommen von außen bestimmt ist. Die Landschaft. Die Liebe. Die Halbmütterlichkeit. Der 17 Jahre jüngere Mann und dann gleich der Tod. So wird über Beschreibung eine Person über Zuschreibungen vollkommen ihres Werks beraubt. Sie wird in minderwertige Kategorien des Geschlechts und der Lebensführung eingeschrieben. Über diese Einschreibung wird die kulturelle Vermittlung all dieser Minderwertigkeit weitergeschrieben und so weitervermittelt. Über diesen heutigen Text kann ich mich dann sehr wohl mit Annette von Droste-Hülshoff identifizieren. Wir unterliegen ausschließlich aufgrund unseres Geschlechts dieser Weiterschreibung, die die Männernamen fett druckt und die Frauennamen ins allgemeine zurückfallen läßt und darin die Wertung höchst selbstverständlich vorführt. Ich bitte also die Droste Gesellschaft sich dieses Texts anzunehmen. Denn. Neben der himmelschreienden Beraubung der Leistungen einer Person handelt es sich um einen Vorgang des Antidemokratischen. Vielen Dank.