Das Geschlecht der Krise
von der Redaktion Der Spiegel in Auftrag gegeben und bezahlt aber nicht erschienen.
Das Geschlecht der Krise.
Unlängst in London. Bradford & Bingley war noch gar nicht verstaatlicht. Der entlassene junge Banker schaut in sein Bierglas. Er habe es nicht verdient, entlassen zu werden. Da hätte es viel Schlimmere gegeben als ihn. Sein noch nicht entlassener Kollege hebt seinen Whisky. Er sei eben der girlie type, sagt er zum Entlassenen. Da bräuchte er sich nicht zu wundern. Die kämen immer als erste dran. Er sagt das freundlich grinsend. Er muß nicht einmal mehr Verachtung aufwenden. Die Sache ist ja erledigt.
Erledigt war die Sache über das Geschlecht. Company Culture. Das war eine über Aufnahmverfahren und Unternehmenskultur sorgfältig gepflegte Hegemonie eines Männlichen der alten Eliten. Familie, Schule und soziales Umfeld. Da mußte man nur einen „objektiven” Selektionsprozess behaupten und die richtigen Männer konnten unter sich bleiben. Es wurden ja auch die nicht richtigen Männer ausdifferenziert. So „objektiv” lief das ab.
Diese Unternehmenskultur war ein Teil der Deregulierung. Das wurde als Freiheit des Unternehmens gesehen. Genau betrachtet, waren das Entstaatlichungen, die alle Bemühungen der Gleichstellung der Geschlechter außer Kraft setzten. Inseln ungehemmter Dominanz der alten Eliten, die wiederum stilbildend über die Medien auf die Gesellschaft zurückwirkten. Wer führte welche Gruppe wohin und eroberte welches Unternehmensterritorium. Wer konnte sich dann was leisten und wie paßte die jeweilige Frau des mächtigen Mannes zur Mode. Darin war London wiederum Vorbild für die kontinentale Bankenwelt. In Wien standen im BAWAG-Prozess um die verzockten 330 Millionen Euro nur Männer vor Gericht, die die richtigen Schuhe und diese gewissen Sakkos mit dem netten Knick in der Taille trugen, an dem man sehen kann, daß es sich um Maßarbeit handelt. Die Liebe zur Uniform ist dem Offizier teuer. Und schon bei diesem – mittlerweile herzig erscheinenden Skandal – mußte der Staat herhalten und die Beutespielerei einer inkompetenten Seilschaft den Steuerzahler bezahlen lassen.
Der vielzitierte Steuerzahler ist ja auch die Steuerzahlerin. Geschlecht mag ein Hindernis bei Einstieg und Aufstieg sein. Bei den Abgaben ist die Gleichwertigkeit unbestritten. Die nichtgeförderten und ohnehin weiterhin deutlich weniger verdienenden Frauen sind also nun Mitbesitzerinnen der verstaatlichten Bankkalamitäten. Und weil Frauen schon bisher deutlich weniger verdienten, werden sie von den Kollateralschäden gleich auch noch deutlicher betroffen sein.
Während Macht und Geld hermetisch elitärer Männlichkeit vorbehalten blieb, war westliche Armut den alleinerziehenden Müttern und Migranten und Migrantinnen zugeordnet. Die alleinerziehenden Mütter und ihre Kinder werden in einer Wirtschaftsdepression noch weniger Chancen haben. Die nichtgeförderten Frauen werden in ihren Dienstleistungsberufen keine Stellen finden, weil sich niemand mehr so etwas leisten können wird. Die besonders hart betroffenen hoch ausgebildeten Akademikerinnen, die jetzt schon 30 % weniger als ihre Kollegen verdienen, werden ihre halben Stellen eingespart sehen müssen. Der Rest der Frauen wird in die Küche geschickt werden. Und wer da nicht hin will, weil kein Mann zu bekochen ist, die hat sich halt verrechnet. Wie sich überhaupt jede Person verrechnet hat, die einen demokratischen Lebensweg eingeschlagen hat.
Die Wirtschaftsfachleute möchten das so gerne differenziert ausgedrückt sehen. „Objektiv” sollte das ganze Krisengeschehen gesehen werden und keine raschen Schlüsse daraus. Das wäre falsch, ist da zu hören. Aber. Die hier verlangte „Objektivität” ist ganz dieselbe, wie sie schon bei den Einstellungskriterien der Investmentbanker der Londoner City zum Einsatz kam. Dieselbe „Objektivität”, die die hegemoniale Männergruppe immer neu rekonstruieren half. Eine solche „Objektivität” war schon immer Grundlage der Aufnahmekriterien in Kader gewesen. In London hat sich das mit Konventionen viktorianischer Geschlechtersegregation und anaristokratisierten Attitüden faconniert. Beim Militär wird eine solche „Objektivität” nur noch mit körperlicher Qualifikation ergänzt. Und. Die Frauen dürfen heute überall mitmachen, wenn sie die entsprechenden Voraussetzungen mitbringen, die dann einfach einer „objektiven” Beurteilung unterzogen werden müssen.
Da nun das, was wir mit den Fachleuten Krise nennen sollen und was sich wie eine Niederlage nach einem Krieg anfühlt. Da nun dieser Zustand eines mutwillig Vertanen offenkundig unsere Realität ist und uns nichts anderes übrig bleiben wird, als – wie schon immer – die Suppe der Eliten wegzuschütten. Könnte dieser Augenblick dann nicht wenigstens dazu benutzt werden, diese fatale Geschlechterfrage zu klären. Es stellt sich doch gerade in aller Deutlichkeit heraus, daß Macht sich über Geschlecht definiert. Das könnte man oder frau schon lange wissen. Aber. Die „Objektivität” hatte sich mit einem nett passiven Wohlbefinden gepaart und es schien sich alles irgendwie auszugehen. Das tut es jetzt nicht mehr. Das wiederum heißt, daß wir, nicht an der durch diese „Objektivität” hergestellten Macht beteiligten Geschlechter, uns nicht mehr mit dieser Herumrederei über Gleichberechtigtheit begnügen dürfen. Der Kampf um die Definition, wie Macht und Geschlecht zusammenhängen. Dieser Kampf darf sich nicht mehr mit ein paar Ikonen zugelassener Machtlosigkeit begnügen, die in den Medien dann ohnehin nur über sich selbst sprechen.
Aber. Im grund haben wir alle in Bezug auf das Geschlecht das getan, was jeder Investmentbanker beim Eintritt in ein Unternehmen unterschrieb. Unterschreiben mußte. Diese Personen unterschrieben, daß sie auf alle arbeitsrechtlichen Ansprüche verzichten. Daß sie jederzeit gekündigt werden können. Daß sie keinen Schutz im Fall einer Krankheit in Anspruch nehmen können. Sie haben unterschrieben, daß sie immer funktionieren werden. Genauso, wie wir Tag für Tag als Geschlechtspersonen funktionieren und keinen Schutz durchsetzten. Keines der anderen Geschlechter als diese „objektiv” hergestellte dominante Männlichkeit hat auf seinen Rechten bestanden.
So haben wir etwa als friedfertige Frauen uns bemüht, dem Geschlechterargument aus dem Weg zu gehen, um in Ruhe arbeiten zu können. So haben wir nicht laut genug gesagt, daß die „Objektivität” eine Konstruktion ist, die das Geschlecht der Macht herstellt. Es wäre anders auch wirkungslos gewesen. Die Hegemonien waren in den letzten 10 Jahren zu gefestigt, als daß der öffentliche Kampf überhaupt zugelassen worden wäre. Jetzt aber. Jetzt wo wir alle, die nicht an dieser Hegemonie teilhatten, Trümmerfrauen sind. Männer wie Frauen. Jetzt sollte die Diskussion neu begonnen werden. Das Geschlecht der Machtlosigkeit wird zu teuer ein Verzicht.