Kleiner Mann, was nun?

Besprechung des Romans “Kreuzungen.” in der Frankfurter Rundschau vom 14. Oktober 2008.

Von Ina Hartwig

Als der merkwürdige Gianni auftritt, hat Max einen Teil seiner Verwandlung schon vollzogen. Allerdings ist dieser Max kein Normalsterblicher, den im besten Mannesalter eine vulgäre Midlifecrisis ereilte, sondern ein hochrangiger Vertreter jener in diesen Tagen im Interesse der verängstigten Öffentlichkeit stehenden Finanzkaste, die vor lauter Geld die Scheine nicht mehr sieht.

Eben hat Max sich, nach der unappetitlichen Scheidung von Lilli, das Gebiss neu richten lassen, in einer Luxusklinik in Basel. Er hat sich einquartiert in einem venezianischen Renaissance-Palast, und nachdem die blutende Mundhöhle verheilt ist, geht er nun das erste Mal wieder hinaus, sucht ein Restaurant auf. Die Wunde, die Heilung: Max, der in Wien nicht nur Lilli und die beiden Töchter zurücklässt, sondern sein ganzes früheres Leben, hat sich Venedig zum Ort seiner Metamorphose gewählt; wie Gustav von Aschenbach – doch anders als diesem ist Max die Lust auf andere Menschen erstorben.

Die köstlich duftende, zart gebratene Leber kühlt langsam auf dem Teller ab, und gerade als Max den richtigen Moment für den ersten Bissen für gekommen hält, taucht aus dem Nichts Gianni auf. Max, zuerst genervt, wird erwählt für ein höchst ungewöhnliches Experiment, bei dem er zum zahlenden Zuschauer wird. Schon bald lässt der von seiner OP Genesende Giannis Aktionen in seiner eigenen Wohnung mit wohligem Ennui über sich ergehen: Gianni, seines Zeichens Kotkünstler, versetzt den steinreichen Max in “philosophische Stimmung”. Den symbolischen Zusammenhang von Geld und Ausscheidung hat die Psychoanalyse hinreichend entlarvt, und in der Tat können wir die skurrile Szenerie durchaus als spielerischen Beleg der Freudschen Theorie lesen: Gianni kackt jedes Muster, das Max sich wünscht – dafür zahlt er alles, was Gianni fordert, vor allem: teures, exzellentes Essen.

In einer öffentlichen Diskussion sagte Marlene Streeruwitz, von deren neuem, aufregenden, ganz und gar außergewöhnlichen Roman “Kreuzungen” hier die Rede ist, Max und Gianni gründeten “eine Sekte”. Im Roman fällt das Wort nicht. Doch stimmt es, die beiden Männer sind, obwohl sie einander keinmal berühren, miteinander verschworen; so lange, bis Gianni – von dem wir erfahren, er habe als osteuropäischer Lyriker in einem kommunistischen Kerker gesessen – plötzlich wieder geht. So endet die Venedig-Episode der “Kreuzungen” nicht wie Thomas Manns Novelle mit dem Tod, sondern mit dem Verlassenwerden.

Was hat Marlene Streeruwitz, diese pessimistische Virtuosin der zeitgenössischen Condition féminine, sich nicht alles vorwerfen lassen müssen! Bei diesem Buch aber, in dessen Zentrum ein Mann & Machtmensch steht – wenngleich der im Klappentext bemühte Vergleich mit dem französischen Präsidenten Sarkozy in die Irre führt -, gab es bereits einige auffallend positive Reaktionen. Das ist erfreulich und mehr als berechtigt, und doch fragt man sich: Warum ausgerechnet hier?

Augenscheinlich trifft die Autorin einen Nerv. Endlich hat das Thema des explodierenden Extremreichtums, der Streeruwitz zufolge unsere Gesellschaft refeudalisiert, es in die Gegenwartsliteratur geschafft. Der Stoff liegt schreiend da und will bearbeitet werden. Von Ernst-Wilhelm Händler abgesehen, der eine Fabrik leitet, kümmern sich nicht eben viele deutschsprachige Schriftsteller um das naheliegende Sujet. Gut, dass Händlers bewusst antipsychologischer Poetik nun ein anderes, wenn man so will “hitzigeres” Modell entgegensteht: Zwar ist auch Streeruwitz spezialisiert auf die glatten Oberflächen der Körperindustrie, deren betörende Wirkung sie keineswegs leugnet, auf Fetischismen und Perversionen, jene inszenierten Schlüsselreize – will ihnen aber nicht die Oberhand überlassen.

Es ist da ein gewisser Restwiderstand, eine Empörung, ein Ekel, der ihre rasante Prosa und teilweise faszinierende barocke Phantasie antreiben.

Dass Gianni, der Kotkünstler, plötzlich fort ist, quittiert Max, der sich wohl gern als Geldkünstler sähe, mit derselben Robustheit, mit der er seine langjährige Ehe mit der immer verzweifelteren und daher immer böswilligeren Lilli abschüttelt. Nicht einmal die Zuckung von Trauer lässt Streeruwitz bei ihrem sonderbaren Helden erkennen.

Und doch, und doch: Man kann darüber streiten, ob dieser Max, diese maskuline Festung, dessen Bereicherungsgier schon mal über Leichen geht, dessen Geschlechtsorgan konsequent als “Kleiner Mann” infantilisiert wird und stets grammatisch ungebeugt bleibt, der sich alles, inklusive Frauen, kaufen zu können glaubt von seinen 900 Millionen; man kann streiten, ob dieser Mensch wirklich keinen Mangel erleidet. Man kann streiten, ob sein Narzissmus total oder ob nicht doch eine Öffnung für Tränen in seiner Seele existiert.

In der Tat ist die Frage der Nähe oder Ferne zu ihrem jüngsten Anti-Helden spannend: Auch wenn Marlene Streeruwitz ihn offensichtlich nicht mag, so kriecht sie ihm doch ins Fleisch. Grandios ist gleich die Eingangsszene, in der sich Ego, Geld und Sex unauflöslich verbinden: “Sie mussten ihm den Rücken zukehren. Er hatte es gerne, diese kleinen Rücken arbeiten zu sehen. Er wollte nur noch sehen, wie sie auf- und abpumpten. Mit ihren Kinderkörperchen. Manchmal musste er sie festhalten und abbremsen. Die kleinen Asiatinnen dachten doch, sie könnten sich beeilen und ihn schnell fertig machen. Eilfertig sollten sie sein und nicht eilig und er brachte ihnen das bei. Jedes Mal neu brachte er ihnen das bei. Er hätte eine Schule aufmachen können, so geübt war er darin mittlerweile. Es war schon lachhaft.”

Scham? Mitnichten. Vielmehr: Recht und Gewohnheit, sich das ideale perverse Setting einzurichten, wobei noch zwei imaginäre “Spiegelungen” hinzukommen zu den sich abrackernden Asiatinnen. Max stellt sich das wutverzerrte Gesicht Lillis vor und auf der anderen Seite die beiden Töchterlein, unschuldig in ihr Spiel auf dem Teppich versunken: “Alle drei Bilder auf einmal und er hätte sterben können.”

So ist Max zugleich Freier, Ehemann und Vater in seinem pornographischen Traum. Und was hat er sonst noch für Träume? Als er nach der Trennung von Lilli, und nachdem er in Venedig seine “menstruierende” Mundhöhle kuriert hat, und nach Giannis Abgang, wieder allein ist, denkt sich dieses Machttier aus, dass es angenehm wäre, noch einmal Töchter zu zeugen.

Aber bitte mit einer statusgemäßen Frau (britischer Adel erscheint ihm passend) und mit einem wasserdichten Ehevertrag. Er heuert eine professionelle Heiratsvermittlerin an, doch geht die Vermittlung schief, nicht zuletzt, weil Francesca, das Heiratsobjekt, sich weigert, den Nachwuchs auf natürlichem Weg zu empfangen.

Man fragt sich, ob es realistisch ist, dass ein Fastmilliardär sich so sehr zurückziehen kann von seinen Geschäften, wie Max es tut. Oder ob so einer nicht ständig mit seinen weltweiten Büros kommunizieren müsste, um die Kontrolle über sein Vermögen zu behalten. Denn märchenhafterweise bleibt Max’ Vermögen von den Finanz- und Aktienturbulenzen, die er in den Zeitungen zur Kenntnis nimmt, unberührt. Streeruwitz will zeigen, was es heißt, die Kontrolle über die Droge namens Ich zu behalten. Aber dieses Ich umgibt eben eine dicke Geldkruste. Die Konsequenz ist verblüffend: Max hat das sichere Gefühl, unsichtbar werden zu müssen. Alles andere scheint ihm zu gefährlich, wie ihm sein scheiternder Heiratsversuch mit Francesca klarmacht: Er wittert eine Verschwörung, ja Mordabsichten. Sein Geld macht ihn, den Verletzenden, verletzbar.

Aber nicht er stirbt, sondern eine Frau. Überhaupt, die Frauen. Es gibt ihrer einige markante Exemplare in diesem Roman, Lilli ohnehin, aber auch Dr. Erlacher, die Wiener Psychotherapeutin, die Max sich gönnt (ihre Aufmerksamkeit schmeichelt ihm), Madame Zapolska, die Heiratsvermittlerin, deren Professionalität ihm Respekt einflößt, die verwöhnte rätselhafte Francesca, die totgefahren wird, ein läppischer Unfall. Vor allem die schöne Unbekannte, das einzige echte Sehnsuchtsbild in diesem Roman: eine ärmlich wirkende Frau auf einem Boot in Venedig, deren stolze Ausstrahlung Max berührt, ohne dass er wagt, sie anzusprechen.

Das Schlusstableau schwelgt in Süße, in Luxus – und erhält das Gewicht eines Statements: Max sitzt ganz allein in seinem neuen Londoner Domizil und schleckt aus der bloßen Hand Patisserie von Fortnum’s: “Er aß langsam. Er sah hinaus. Morgen beginne ich ein ganz neues Leben, dachte er und biss das nächste Stück von der Schokoladenbombe ab. Das Glücksgefühl überschwemmte ihn wieder.”

Macht und Regression, Einsamkeit und Rausch sind eins geworden: Kleiner Mann, was nun? Der Geldmensch hat schmutzige Hände und ist doch nur ein gottverlassenes Kind. Marlene Streeruwitz’ “Kreuzungen” sind ein Geniestreich.

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