Literatur im Schloss: Kreuzungen (2008)

Einleitung Markus Kreuzwieser

Einleitende Worte von Markus Kreuzwieser zum Roman “Kreuzungen” anlässlich einer Lesung im Rahmen der Veranstaltung “Literatur im Schloss” in Gmunden, Schloss Traunsee, am Freitag, 10. Oktober 2008.

Markus Kreuzwieser

Gmunden, Schloss Traunsee, Freitag, 10. Oktober 2008

Marlene Streeruwitz: Kreuzungen (2008)

1. Global Player

Aktueller, meine Damen und Herrn, wie der neue Roman Kreuzungen unseres Gastes Marlene Streeruwitz, kann ein Buch kaum sein. Denn im Zentrum des Buches steht ein Investment-Banker, ein Global Player.

Dennoch lag meine erste Annährung an den Text nicht in der unmittelbaren Gegenwart und ich beginne nicht, so verlockend dies scheinen mag, mit Zitaten aus Finanz- oder Börsenberichten, die das Scheitern des neokapitalistischen Systems ja noch immer verschweigen oder kleinreden. Zudem geht es um Literatur, ein Sprachkunstwerk, und um ein solches handelt es sich allemal bei Kreuzungen, nicht um eine ökonomische Studie.

Darf ich Sie an eine der ersten literarische Darstellung eines Global Players erinnern? Der Berliner Germanist Michael Jaeger liest in seiner Studie Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart 2008 vor allem Faust II als eine Phänomenologie der anbrechenden Moderne, in die Goethe sein Unbehagen an dieser einschreibt. Faust wird zum Archetypus dieser Moderne, ein männlicher Macher, vielfältig gebrochen in seiner Psyche, der radikal mit der kulturellen, religiösen, philosophischen und politischen Tradition bricht und sein ganzes ungeduldiges Streben in den Dienst einer „zweiten Schöpfung“ stellt. Faust repräsentiert damit den unbedingten Willen des modernen prometheischen Menschen, der in Kenntnis der vermeintlichen Gesetze der Geschichte und der Natur als Arbeiter, Ingenieur und Erfinder, Unternehmer und Staatslenker eine ganz neue Welt konstruieren [will], womöglich auch einen neuen, stärkeren, gesünderen Menschen zu erschaffen […] sucht.1

Fausts Ausruf „Allein ich will!“ (V 1784) entspricht Goethes kritischem Verständnis der modernen Denkart. Faust selbst will Gott sein, […] der das Ganze selber macht, der unmittelbaren Zugriff auf das Ganze des Seins hat.2  Und bezeichnender Weise steht am Anfang von Fausts scheiternder Unternehmer Karriere die Schaffung von Papiergeld, eine alchemistisch-magische „Wertschöpfung aus dem Nichts“, wie dies Hans Christoph Binswanger in seiner ökonomischen Deutung von Goethes Faust nennt.3

2. Kreuzungen (2008)

Wer von Ihnen Faust noch im Kopf hat und Marlene Streeruwitz Roman bereits kennt, weiß, dass wir hier wie dort auf einen „Macher“ treffen. Fausts zitiertes „Allein ich will!“ (V 1784) scheint mir auch Streeruwitz’ Protagonisten in wesentlichen Facetten seiner Persönlichkeit zu charakterisieren. Und wie im Faust sind die Themen Reichtum, Macht und Sexualität entscheidend. In Kreuzungen befinden wir uns aufgrund eines äußerst kunstvollen und raffinierten inneren Monolog im Kopf des Mannes. Er ist offensichtlich exorbitant reich, will aber noch reicher werden, um so das System völlig zu beherrschen, um dann aus ihm auszusteigen, um es gleichsam zu transzendieren.

Ihm scheint durch und mit Geld praktisch alles möglich zu sein: „Allein ich will!“ – egal ob er das Geld lenkt: „Man musste auf dem Geld so sitzen, wie auf einem Pferd. Die Muskel strecken und zusammenballen. Und mit dem Zügel in der Trense musste man das Geld so führen wie ein guter Reiter. Aufrecht und die Steigbügel eher hoch und die Schenkel immer um den Körper des Tieres geschlossen.“ (K, 10)4 Oder ob er das Tempo der„Kinderkörperchen“ (K, 5) der asiatischen Sex-Sklavinen beim Geschlechtsakt bestimmt:

„Eilfertig sollten sie sein und nicht eilig und er brachte ihnen das bei.“ (K, 5) „Neben ihm wurde nur noch so geatmet, wie er es wollte. Die Asiatinnen. Die mussten keuchen, wie sein Kleiner Mann das bestimmte.“ (K, 78) Macht, Gewalt, Reichtum und Sexualität.

Marlene Streeruwitz formuliert, wie Sie an diesen kurzen Beispielen unschwer bemerken können, in ihrer kunstvollen literarischen Zugespitztheit – oft von der Kritik als Manieriertheit missdeutet – die unhintergehbare Wahrheit, dass im Zentrum der Welt das Geld stehe. Sie stellt sich, wie in allen ihren anderen, vielfach mit Preisen bedachten Arbeiten, sei es in der Prosa, auf dem Theater, sei es im kritischen Essay, ihrer Performancekunst oder ihrer Regiearbeit, der Machtfrage in der Moderne bzw. Postmoderne. Sie entwickelt in Kreuzungen vor der Leserin, dem Leser bittere Wahrheiten und Fragen. Wie ist ein Mensch beschaffen, der über diese Geld-Macht verfügt? Wie behandelt er die Welt, die Menschen, sich selber?

Max, wir erfahren seinen Namen erst gegen Ende des Romans und nicht von ungefähr beiläufig, steht – eine der vielen Bedeutungen des Titels – an einem Kreuzungspunkt seines Lebens. Ihn bestimmt grenzenlose Selbstbezogenheit, zu der ihm das Geld die Möglichkeit gibt. Um die Welt in den Griff zu bekommen, bedient er sich aller Mittel. Es geht in einem radikal umfassenden Sinne um den Versuch einer „zweiten Schöpfung“ seines Lebens, seiner Person. Zu dieser Neuschöpfung beschäftigt er die Psychotherapeutin Dr. Erlacher ebenso wie Zahnchirurgen, Anwälte, eine serbische Putzfrau, Künstler und Auktionshäuser oder Heiratsvermittlungen.5

Ein Heer von Anwälten etwa regelt mit ausgetüftelten Verträgen sein Verhältnis zur Außenwelt, selbstverständlich auch seine anstehende Scheidung von Lilli. Ihr, die er begehrte und nun auf verquere Weise bewundert und hasst, sind Kaufrausch und Wut geblieben.6  Für Max heißt das: „Sie hatte die Gegenwart mit ihm aufgegeben. […] In seine Pläne konnte sie nicht mehr eingebaut werden. Der Bruch mit Wien.“ (K, 69) Dies gilt in modifizierter Weise auch für seine Töchter Hetty und Netty, deren Älterwerden er nicht akzeptieren kann und die er so in ein Bild unschuldig spielender Mädchen zu seinen Füßen einfriert.

„Er wusste, dass er alles überwinden würde. […] Die Zügel fest und sicher und mit der Trense die Richtung. Eingraben. Mit der Trense ins Fleisch eingraben, wohin es gehen sollte. Wohin es gehen musste.“ (K, 77)

Max setzt den Neubeginn: „Süßes Leben. Es war herstellbar. Er würde es wieder haben. Er würde es sich machen.“ (K, 78) Er unterzieht sich einer schmerzhaften kosmetischen Zahnoperation und reist von Wien nach Venedig. Dort verliebt er sich in eine geheimnisvolle Frau, der er bis auf den Lido folgt. Ein Begehren, das von Marlene Streeruwitz durch grandiose literarische und cineastische Anspielungen an Thomas Mann und Lucino Visconti formuliert und gleichzeitig dekonstruiert wird. Er begegnet und bedient sich des Künstlers Gianni, und schließlich beauftragt er eine Heiratsagentur, die ihm für die Schöpfung seines neuen Lebens Francesca, „eine Engländerin aus einer alten Familie, in der die Töchter immer schon gegen Geld ausgetauscht worden waren“ (K, 153), vermittelt.

Der Text schließt aber nicht so. Noch einmal Faust: Kann es im 21. Jahrhundert eine „Bergschluchtenszene“ geben, in der das „ewig Weibliche“ als rettendes Element, als Erlösungsmöglichkeit auftritt? Zunächst: Bis heute werden Goethes relativierende Textsignale der Szene übersehen.

Der Banker Max sieht Textarbeit aber gänzlich anders: „Er konnte zum unsichtbaren Lenker der Leben der Reichen werden und sich daraus Romane basteln. Er konnte Romane machen.

Er musste nicht schreiben. Er machte. Er tat.“ (K, 62)

Marlene Streeruwitz schreibt großartige Texte, in denen Leben und Welt zu Sprache gerinnt.

Freuen Sie sich mit mir auf die Lesung!

1  Vgl. Michael Jaeger: Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart. Zur Aktualität Goethes Berlin: wjs Wolf Jobst Siedler jr. 2008. S. 14, 15. Eingehender in Michael Jaeger: Fausts Kolonie. Goethes kritische Phänomenologie der Moderne. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005.

2  Jaeger, Global Player, S. 61.

3  Hans Christoph Binswanger: Geld und Magie. Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust. Hamburg:Murmann 2005. S. 26.

4  Marlene Streeruwitz: Kreuzungen. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2008. Zit. als K, Seite.

5  Folgende Aussage von Marlene Streeruwitz stützt die Beobachtung und Lese-Assoziation der „zweiten Schöpfung“: „Ich gehe davon aus, dass eine neoliberale Persönlichkeit sich selber erfinden kann und sich gestaltet und dazu alle Techniken zur Verfügung nehmen kann. Und das ist ist diesem Fall so, der kommt ja von nirgendwo, ist ein Findelkind, der sich selbst herstellt, (…) […]“ NDR Kultur – Neue Bücher, 18.07.08. Zit.nach Presseinformation S. Fischer Verlag, Marlene Streeruwitz, Kreuzungen, Roman, 14. Juli 2008.

6  Ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse letztlich und selbstverständlich auch sie: „Diese Grundmelancholie. Das war der Mord an den Frauen da. […] Die Frauen waren unterwiesen worden, den fehlenden Phallus der Mutter in Strapsen darzustellen. Aber so machten sie sich unsichtbar. So machten sie sich zum Fehlenden.“ (K, 79)

© Dr. Markus Kreuzwieser

Springerstraße 5

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Tel. +43/(0)7612/72583

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