Das Leben geht weiter. Folge sieben.

Die Tante Rosa war dann sehr still geworden. Die Tante Rosa hatte dann nicht einmal mehr eine Freude an den Ausflügen zu den Orten, an denen sie als junge Frau gewesen war. Sie waren alle nach Innsbruck gefahren und mit der Seilbahn auf die Nordkette hinauf. Da war alles anders für die Tante Rosa. Dabei hatte sie einmal in der Bergstation als Kellnerin gearbeitet. Es war hier gewesen, daß die Ernie G. aus Kitzbühel sie entdeckt und dann nach Kitzbühel geholt hatte. Die Tante Rosa war dann schon ein wenig weinerlich, als sie von so hoch oben aufs Land hinausschaute und ihr alles wieder in Erinnerung kam. Alles, was damals begonnen hatte. Das war abgeschlossen und vorbei. Die Veränderungen an der Talstation führten ihr das deutlich vor Augen. Die Mutter von der Nadine fragte sie dann, ob sie richtig gesehen hätte, daß die Tante Rosa nach Tickets in die USA zurück gegoogelt hätte. Die Tante Rosa seufzte. Ja, sagte sie. Das würde schon stimmen. Aber sie verstünde das alles eben nicht mehr. Und Nadines Mutter müsse doch zugeben, daß da alles auch mit dieser Wahl zusammenhänge. Daß diese Wahl. Sie. Die Rosa. Sie bekäme es mit der Angst zu tun, wenn sie zusehen müßte, daß die einen immer noch an den Assimilierungsgesetzen von 1907 herumdokterten, an denen die Monarchie schon zugrunde gegangen wäre. Ihre Nichte Barbara könne den Vater ihres Babys nicht bei sich und dem Kind leben haben, weil dieser Mann ganz richtig sein Studium in Österreich abgeschlossen hätte und einen Tag nach Abschluß aus dem Land geworfen würde. Auch das wäre wie vor dem Ersten Weltkrieg. Und niemand spräche von dieser Wirtschaftskrise. Sie habe das Gefühl in eine Kasperltheateraufführung geraten zu sein. Das wäre ja nett, so lange diese Aufführung dauere. Aber was käme danach. In den USA könne sie jedenfalls ein Verständnis für ihre Situation erwarten und daß ihr alle helfen würden, wieder neu anzufangen. Dann müßte sie eben im Rollstuhl noch servieren oder sonst etwas machen. Aber die Lethargie hier. Ihr. Der Rosa. Ihr käme das alles so vor, wie ihre Mutter zu ihr gewesen wäre. Hartherzig und verächtlich und lächelnd und um jeden Preis. Auch um den Preis des eigenen Glücks. Ihre Mutter habe ja ihre, Rosas Verurteilung als uneheliches Kind, wichtiger gefunden, als das bißchen Glück, das sie ja auch haben hätten können. Und weil ihr diese lächelnde Lethargie so vorkam, wie diese tief unterdrückte Wut ihrer Mutter. Sie habe Angst. Sie wolle lieber dahin zurück, wo sie sich auskenne und wo sie sich deshalb besser entscheiden konnte. In den USA. Da sei es den Leuten irgendwie klarer, daß sie regiert würden und daß man das beeinflußen mußte. Hier. In Österreich. Es kümmere doch keinen. Alle täten doch so, als gäbe es nur diese eine kleine Welt und die Krise draußen. Die wäre erfunden. Ihr wäre das zu gespenstisch. Sie sähe ja, daß es niemandem gut ging. Jedenfalls nicht wirklich gut. Aber es gäbe ja nicht einmal eine Vereinbarung, was das nun wäre. Gut gehen. Zufrieden sein. Und weil es die nicht gäbe, könnte jeder Politiker behaupten, das zu wollen, aber jeder Regierte müsse fürchten, daß seine geheimen Wünsche nicht erfüllt werden würden. Niemand wüßte eigentlich, welche Rechte man hätte. Worauf man sich einließe, als österreichischer Staatsbürger. Irgendwie schien es doch zu reichen, wenn alle zu fressen hätten. Dann dürfte keiner sich mehr aufregen. Armut mache hier anders mundtot. Aber auch das war wie 1873. In Österreich hätten halt immer nur die höheren Herrschaften geredet. Da hatten die anderen keine Gelegenheit, das Reden zu lernen. Und das dauere halt an. Diese ÖVP. Die sei doch von den Schönerern und den Luegers nicht weggekommen. Das war der Mutter von der Nadine dann zu viel. Sie habe ja vielleicht recht, meinte sie. Aber sie könne dieses Geschimpfe auf die ÖVP nicht haben. Ihr Mann sei schließlich der Kassierer vom Wirtschaftsbund gewesen. Warum er das nicht mehr sei, fragte die Tante Rosa. Na ja. Das ginge ja nicht mehr. Nach einem Konkurs. Da schaue das nicht so gut aus. Das machte die Tante Rosa noch wütender. Ob die Mutter von der Nadine nicht sehen könnte, was hier passierte. Daß sie sich an etwas klammerten, was ihnen längst nicht mehr zugänglich war. Sie waren ausgeschlossen und konnten es nicht glauben. Sie waren abgestiegen und konnten es nicht aussprechen. Da begann die Mutter von der Nadine zu weinen. Jetzt müßten sie aber aufhören über alle diese Sachen zu reden. Denn für sie. Für die Mutter von der Nadine. Da hatte sich nichts im Leben bezahlt gemacht. Sie hatte immer alle Entscheidungen so getroffen, daß sie in die Welt hineingepaßt hatte. Und jetzt. Ihr Mann war ruiniert worden. Nicht zuletzt, weil das Bundesland mit einer Zahlung so lange herumgetan hatte und weil sie darauf vertraut hatten, daß ein Projekt, das vom Land so gefördert worden war. Daß das dann auch auf gesunden Beinen stand. Sie hatte ihr Leben lang gearbeitet und im Betrieb und zu Hause alles gemacht. Dafür bekam sie jetzt eine Rente von 375 Euro im Monat. Ihre Tochter konnte ihren Beruf nicht ausüben, weil die Ärztekammer den Zugang zum Arztberuf versperrte, damit die Konkurrenzsituation gemanagt wurde. Aber der Aufstieg ihrer Kinder. Der wäre damit verhindert worden. Ihre Nichte saß mit einem Baby in Deutschland in der Hoffnung, daß der Vater ihres Kindes über eine Einladung einer Galerie dorthin einreisen durfte. Natürlich hatte die Tante Rosa recht. Sie lebten, als wären sie in einen Krieg geraten und müßten die äußersten Sparmaßnahmen und Einschränkungen in Kauf nehmen. Die Tante Rosa würde das mißverstehen. Die Leute hier wären schon so mürbe gemacht, daß so eine Krise sie nicht aus der Ruhe bringen könne. Die Leute hier wüßten es als Normalität, wie Einschränkung und Mangel sich anfühlten. Deshalb wären alle so ruhig. Man wäre gewohnt, von unbestimmbaren Mächten umgeben zu sein. Das war dann alles so traurig, daß die Tante Rosa auch zu weinen beginnen wollte. Dann aber entschied sie sich zu lachen. Sie sollten nach Hause fahren und Bilanz machen. Und dann sollten sie eine Entscheidung treffen. Und wenn die Mutter von der Nadine mit ihr in die USA gehen müßte. Irgendetwas müßte möglich sein. Die Mutter von der Nadine schüttelte nur traurig den Kopf. Das könne sie nicht sehen. Sie fühle sich gefangen. Betrogen und gefangen. Für sie hätte sich keine Versprechung erfüllt. In ihrem Leben wäre es nur bei Versprechungen geblieben. Als sie unten dann angekommen wieder ins Auto stiegen. Die Tante Rosa zuckte mit den Achseln. Was hülfe es, daß die Landschaft so schön sei, sagte sie. Wenn man dann da nicht glücklich werden konnte. Ja, seufzte die Mutter von der Nadine. Aber müsse man nicht zufrieden sein, daß es irgendwie ginge. Da schüttelte die Tante Rosa ihren Kopf. So könne das nicht sein. Wenn man aufgäbe, für sein Glück zu kämpfen, dann hätten DIE schon gewonnen. Und apropos Glück. Als erstes sollten sie eine Fahrt nach Duisburg organisieren. Sie wolle dieses kleine Mädchen von der Barbara jetzt endlich einmal sehen, sagte sie. Das sei ja dann doch das Wichtigste. Sie fuhren zurück in ihr Haus in Brixen. Die Mutter von der Nadine hätte gerne über diese Vaterschaft von der Tante Rosa geredet. Aber das getraute sie sich nicht. Es war offenkundig, daß die Tante Rosa da etwas ausheckte.

Fortsetzung folgt.

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