Das Leben geht weiter. Folge sechs.

Barbara war dem Lucki sehr dankbar gewesen. Aber irgendwie war es eine schwierige Dankbarkeit und sie überlegte, wohin sie gehen sollte. Auf das Visum nach Serbien mußte sie noch warten. Die kleine Anelka mußte ihren eigenen Paß bekommen. Barbara fand es sehr seltsam, wie ihr kleines Mädchen vom Fotografen in das Fadenkreuz dieser Kamera genommen wurde, die diese interpretierbaren Bilder machte, nach denen man dann gesucht werden konnte. Es verstärkte Barbaras tiefe Depression, daß ihre kleine Tochter nun schon mit wenigen Wochen registriert worden war und daß ein Computer schon wußte, wie sie aussehen werden würde. Der Fotograf hatte ihr gesagt, daß er ihr Bilder besorgen konnte, auf denen sie zu sehen war, wie Anelka mit einem Jahr, mit drei, mit fünf oder mit fünfzehn Jahren aussah. Barbara hatte den Fotografen angeschaut und ihm sagen wollen, daß bei so einem Satz die Zukunft verwendet werden mußte. Daß Anelka erst in der Zukunft so aussehen würde. Aber dann sagte sie nichts. Mit dem Bild war das alles eine Realität und Gegenwart und sie mußte versuchen, sich und das Kind so weit wie möglich davon fernzuhalten. Sie mußte sich vorsagen, daß es nur darum ging, ihr Geld abzuknöpfen. Noch waren keine Folgen mit einem solchen Imaging verbunden. Der Fotograf hatte diese Bemerkung noch scherzhaft gemacht, daß die Eltern doch wissen müßten, für welche Schönheitsoperation sie sparen sollten. Barbara mußte dann aber doch lachen, wie sehr sie ihren Humor verloren hatte. Barbara fuhr dann zu ihren alten Freunden in Duisburg. Die hatten eine Freude an der kleinen Anelka. Das war das Wichtigste. In Wien beschloß man im Parlament strengere Gesetze gegen Sexualstraftäter. Barbara hätte sich gewünscht, daß es eine Stimmung in der Öffentlichkeit gegeben hätte, die selbstverständlicher mit Kindern umgehen konnte und darin dann freundlicher war. Das mit den Tätern, was da beschlossen worden war. Das setzte die Tat ja voraus. Das machte die Tat notwendig. Einen Schutz bot das nicht. Das war nur die Beruhigung all der Leute hinter den geschlossenen Fenstern und vorgezogenen Vorhängen, die sich dann so selbst eingesperrt erst recht fürchten mußten. Für ihr Kind war ihr das gleichgültig, was solche Leute für Sicherheitsbedürfnisse hatten. Barbara fand es eine Frechheit, all diese Maßnahmen, die sich um den Täter kümmerten, ein Gewaltschutzprogramm zu nennen. Es ging doch nur darum, die Wiederholung zu verhindern. Die Ersttat blieb so erhalten und konnte medienwirksam ausgeschlachtet werden. Die Polizei schien sich ja in eine PR Agentur für Mißbrauchsgeschichten entwickelt zu haben. Barbara fragte sich immer noch, wer die Fotografen angerufen hatte, wie Natascha Kampusch aus dem Haus getragen wurde. Und das Interview mit der jungen Polilzistin, die Natascha Kampusch ihre Uhr geschenkt hatte. Barbara durfte an solche Überschreitungen gar nicht denken. Solche Vorstellungen legten sich ihr so schwer aufs Herz, daß sie manchmal gar nicht weiter konnte. Und sie wollte nicht auf eine homepage gehen müssen und nachschauen, vor welchen Männern sie sich heute wieder fürchten sollte. Sie wollte nicht einer Paranoia so viel Platz einräumen. Dafür war die Polizei da. Die sollte die Täter überwachen und kontrollieren. Und erst wenn einer sich entzog und verschwand. Dann sollten seine Daten veröffentlicht werden können. Barbara wußte gleich, welche Personen sich da jeden Tag informieren würden und dann in der U-Bahn auf einen Mann zeigen und die Polizei per handy herbeiholen. Und das wäre dann für die Sicherheit ihres Kindes. Barbara hatte nicht vor, ihr Kind irgendjemandem so auszuliefern, daß etwas derartiges möglich war. Deshalb hätte sie ja einen ordentlichen Kindergarten gewollt und eine Einreisepolitik, in der der Vater ihres Kindes seine Rolle erfüllen hätte können und sie ihre Angelegenheiten weiter verfolgen.  Da waren  Ali und Alex eine Rettung. Alexs Juniorprofessur war nicht verlängert worden. Er hatte den Platz für eine Mitbewerberin räumen müssen. Sie hatten genau gleich viele Punkte an Publikationen und Lehrerfahrung gehabt. Da hatte dann das Geschlecht den Ausschlag gegeben und die Frau war bevorzugt. Den Ali regte das fürchterlich auf. Alex lachte nur und sagte, daß das das Beste gewesen wäre. Ali und Alex hatten einen eigenen kleinen Salon gegründet, in dem Alex alles managte und eine kleine Buchhandlung mit Café führte. Ali mußte nur noch schneiden. Der Salon war gut eingeführt in der Schwulencommunity. Das wäre die Zukunft, sagte Alex. Erweiterte Lebensgemeinschaften. Anders ließe sich nicht mehr leben. Jedenfalls ungezähmt von einer strikten work/life balance in einem Job, in dem man unvermeidlich andere vernichten mußte. Alex arbeitete weiter an einem Buch. Er folgte den Spuren all der psychologischen Experimente in den verschiedenen Armeen und Gefangenenlagern und suchte nach den Schlußfolgerungen in den Managementtheorien. Der Krieg war nur vom Feld ins Büro verlegt. Aber Barbara hatte das ja selber an der Akademie miterlebt. Da wurden die interessantesten Personen am schlechtesten bezahlt und am kürzesten angestellt, damit sie am meisten leisteten. Die interessantesten Personen wurden also an die vorderste Front geworfen und Barbara wußte, daß die sich dann so fühlten. Ausgebrannt und zerstört. Und das war nicht anders als mit der kleinen Anelka. Man wurde an die Front geschickt. Ohne es bemerkt zu haben, war man da. War frau da. Und der Kampf mußte ganz allein durchgestanden werden, weil alle anderen ja nicht wußten, wo das alles stattfand. Und weil es keine Möglichkeit mehr gab, sich von dieser Front zu melden und etwas zu sagen, weil diese Front nur in einem selber stattfand. Barbara servierte Kaffee und Kuchen in Ali und Alex Café. Alle freuten sich an Anelka. Der Gedanke an den Pauli und wie weit weg er war und daß er die Anelka versäumte und wie es seiner Mutter ging und was sich da abspielte und warum das alles so war. Das alles war jetzt einmal nicht so schwer. Barbara hatte es sich nicht so vorgestellt. Aber es ging irgendwie. Und irgendwie war es. Ja. Tröstlich?

Fortsetzung folgt.

blank info