Das Leben geht weiter. Folge fünf.

Der Tante Rosa war es dann sehr schlecht gegangen. Die Tante Rosa regte sich fürchterlich über die Bankenkrise in Amerika auf. Sie hätte gar nichts da zurücklassen sollen, jammerte sie. Es kämen ja bei solchen Krisen immer die kleinen Leute so wie sie zum Handkuß für die Schweinereien der Manager. Die hätten sich ja ihre Häuser in den Hamptons alle gekauft und säßen da und könnten auf ihre Kunstsammlungen starren. Aber sie hätte es auch immer gewußt. Man hatte es wissen können. Sie hatte ja internetbanking lernen müssen, weil die Banken jedes Personal eingespart hätten. Und genau das habe den Banken das Gefühl geben können, wie ein UFO zu existieren. Über der Erde schweben und auf Raubzüge ausziehen. Sich alles krallen, was einem begehrenswert erschienen und dann in den Weiten des Raums verschwinden. Die Tante Rosa summte dann das Thema von “Raumschiff Enterprise”. Die in den Banken. Die hätten ja keine Leute mehr sehen müssen. Die hätten ja in niemandes Augen schauen müssen. Das mache es doch richtig leicht, sich alles zu nehmen. Von den Kleinen. Die Großen. Die hätten sie ja beim Cocktail oder bei der Vernissage gesehen. Die Tante Rosa sagte Wörnissatsch und alle mußten lachen. Nadines Mutter meinte dann, daß das mit den Lehman Brothers vielleicht daher käme, daß man die Konditorei Lehman in Wien am Graben schließen habe müssen. Das machte die Tante Rosa aber dann richtig böse. Solche Scherze könne sie nicht mehr vertragen. Und sie wäre ja keine konservative Person, aber da ginge es doch um Handwerk. Konditorei, das wäre doch eine Art Kunsthandwerk und wenn es das nicht mehr gäbe. Dann bekam die Tante Rosa Atembeschwerden und sagte, daß sie schlecht sähe. Daß sie gar nichts sehen könne. Vor lauter Sorgen. Es mußte zum Arzt gegangen werden. Die Tante Rosa rief alle Ärzte an und fragte, mit welchem Preis sie rechnen mußte. Sie war ja nicht versichert in Österreich. Die Mutter von Nadine konnte das erst gar nicht glauben. Einen Arzt zu fragen, was er kostete. Das kam ihr schon wie eine Entweihung vor. Dann aber erinnerte sie sich, daß ja sogar die katholischen Begräbnisse unterschiedliche Preise in unterschiedlichen Pfarren hatten. Und daß man für die Hochzeit auch nicht überall das gleiche bezahlte. Das beruhigte die Mutter von Nadine. Die Tante Rosa mußte lachen über sie. Wer ihr nun wichtiger wäre. Die Ärzte oder die Priester. Aber die Mutter von Nadine wollte einen solchen Vergleich nicht zulassen. Das wären doch sehr verschiedenen Dinge, meinte sie. Die Tante Rosa sagte, daß ihr die Ärzte wichtiger waren. Aber der Trost, meinte die Mutter von Nadine. Die Tante Rosa telefonierte nur weiter. Es wurde dann ein Termin bei einem Doktor A. ausgemacht. Sie wolle lesen und fernsehen, sagte die Tante Rosa und deshalb wolle sie zuerst zum Augenarzt. Es war dann nicht so leicht, mit dem Rollstuhl in die Ordination zu kommen. In der Ordination war auch kaum Platz. Die Sprechstundenhilfe wollte die Tante Rosa nicht annehmen. Das müsse ein Mißverständnis sein. Ohne e-card könne sie keine Krankengeschichte anfangen. Aus einem Nebenzimmer war eine Stimme zu hören. “Da. Beugen Sie sich vor. Das hat noch jeder ausgehalten. Da kann man nichts machen. Das tut eben weh. Jetzt bewegen Sie sich doch nicht. So ist das. Seien Sie nicht so empfindlich. Ja. Dann kann ich es nicht machen. Da wird der Herr Doktor wieder ganz schön böse werden. Da beneide ich Sie nicht. Ich kann da nichts machen.” Eine jüngere Frau stürzte aus dem Nebenzimmer und raste in das Behandlungszimmer. Man hörte ihre Stimme und eine Männerstimme. Dann kam der Arzt heraus. Er ging mit großen Schritten in das Nebenzimmer. “Was ist hier los. Sie befolgen nicht die Anweisungen meiner Assistentin?” Er sagte das laut. Eine ältere Frauenstimme antwortete. Sie könne den Kopf nicht so halten. “Das werden wir gleich haben.” Sagte der Arzt und dann war ein kleiner Schrei und ein Jammern zu hören. Die Tante Rosa drehte ihren Rollstuhl um und fuhr zur Tür. Die Mutter von Nadine wollte sie zurückhalten. Aber die Tante Rosa begann laut Bemerkungen zu machen und die Mutter von Nadine schob sie rasch davon. Die Tante Rosa hatte “Nazimethoden” gesagt und daß sie ihr Geld nicht für ihre Quälerei ausgeben wolle. Die Tante Rosa hatte einen Folder aus der Ordination mitgenommen. In dem riet die Ärztekammer den Patienten, die Partei zu wählen, die das beste Gesundheitssystem im Programm hatte. Aber alle Parteien wollten alles für das beste Gesundheitssystem tun. Keine Partei sagte, daß sie Einsparungen machen werde. Daß das Management über die ärztliche Leitung gestellt werden sollte. Daß die Ausstattung zentralisiert werden sollte und nicht mehr den regionalen Anforderungen entsprechen würde. Daß Personalknappheit unvermeidlich einen Qualitätsverlust mit sich brächte. Daß Erhöhungen der Krankenkassenbeiträge zu erwarten wären. Daß keine Entbürokratisierung stattfinden würde. Im Gegenteil. Daß die Dominanz des Managements erst richtig zu einem Anschwellen der Bürokratie führen würde. Daß Gesundheit eine Frage des Geldes war. Daß die Lebenserwartung vom Reichtum abhing. Während in der Praxis des Doktor A. schon am Ton zu hören gewesen war, daß Krankenkassenpatienten nehmen mußten, was sie bekamen. Und wenn das Verachtung war. Auch die Mutter von Nadine sagte gleich, daß es doch nicht so schlimm gewesen wäre. Daß man es eben aushalten müßte, schlecht behandelt zu werden, wenn man sich nichts anderes leisten könne. Daß man eben nicht empfindlich sein dürfe, wenn man das Geld dafür nicht habe. Die Tante Rosa wurde daraufhin so wütend, daß sie sich selbstständig machte und in den Goldenen Krug fuhr. Dort trank sie Bourbon auf Eis und tratschte mit der Rese, die da bediente und mit der sie in der Schule gewesen war. Es fand sich dann eine Augenärztin, bei der nicht herumgeschrieen wurde und die dann sogar noch weniger kostete. Die Tante Rosa erklärte der Mutter von der Nadine triumphierend, daß das doch eine Bestätigung für sie sei, die Ärzte wichtiger als die Pfarrern zu finden. Da konnten Frauen den Beruf ausüben und mit welchen guten Folgen, das wäre ja bei der Frau Doktor M. zu sehen gewesen. Das mußte die Mutter von der Nadine zugeben. Welche Partei sie für die Ärztekammer aber wählen sollte, das wußte sie deshalb immer noch nicht. Die beiden Frauen wollten Nadine fragen, was das Richtige sein könnte. Die Tante Rosa war ja für diesen Faymann. Die Mutter von der Nadine machte sich darüber lustig. Die Tante Rosa habe sich in den verschossen, sagte sie. Die Tante Rosa ließ sich da aber nicht beeinflußen. Als Amerikanerin sei sie eben oberflächlich. Aber der wäre schon der einzige, von dem man ein Auto kaufen könne. Alle anderen zeigten doch ihre Zähne in diesen Lächeln wie die bösen Wölfe. Sie hätte es gern, wenn einer ernst dreinschauen könne und nicht immer grinsen müsse. Und warum dieser Rechte da ein Ketterl am Handgelenk trage, wenn er sich doch über die Schwulen so aufrege. Das wäre doch sehr rätselhaft.

Fortsetzung folgt.

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