Beim Lesen von Kreuzungen.

Persönliche Besprechung des Romans “Kreuzungen.” von Helga Kraft, Professor of Germanic Studies an der University of Illinois at Chicago.

Also da ist Max (Max K.?) der längst seine gesellschaftlichen Zusammenhänge ausgenutzt hat, und schon als Multimillionär in die obersten Ränge der Mächtigen eingetreten ist, die der kleine Angestellte Josef K. in Kafkas Proceß umsonst versuchte zu finden. Überlegen ist er, weil niemand ihn kennt, weil er nicht auf der Forbes-Liste der Superreichen steht. So kann er unbeobachtet handeln, kann nicht belangt werden. Max möchte aber noch der Oberste der Oberen werden.

Er kann – wohl aufgrund oder trotz seiner feministischen, von Freud geprägten Psychotherapeutin, Dr. Erlacher – einige Grundwahrheiten animalischer, psychischer und gesellschaftlicher Art erkennen aber nicht loswerden. Also das mit den Spiegeln. In der Tat, Max sieht sich von drei Spiegelbildern beherrscht, die ihn noch an die Gesellschaft ketten. Es sind nicht Spiegelbilder eines Ideal-Ichs wie bei Lacan, sondern wie sie einleuchtend feministisch gesehen als Folie des Mannes in der patriarchalischen Welt gebraucht werden: Die Frau als unschuldiges Kind (seine Töchter Hetty und Netty), die Frau als Sex-Objekt (die kleinen asiatischen Prostituierten), die Frau als romantisches Liebesobjekt (seine Frau Lily), alle notwendig, damit das Patriarchat funktioniert. Sein Ich und sein Trieb, immer mehr Money zu machen, fundiert auf dieser existentiellen Struktur. In seiner Neurotik des westlichen Mannes, in seinem Unbehagen erkennt er nur vage seine gesellschaftlich fixierten Position, kann aber einer Vorbestimmung nur entkommen, wenn ihn diese drei Spiegelbilder nicht mehr dominieren. Er ist deshalb seiner Frau Lily, die sein traditionelles Bedürfnis nach ‘Liebe’ erfüllte, dankbar, ihn aus der damit verbundenen Abhängigkeit durch ihren Hass gegen ihn entbunden zu haben, weil er es selbst nicht konnte.

Sein Versuch, ein Spiegelbild bei Männern zu finden, wie zum Beispiel bei dem Lyriker Gianni, mit dem er eine Weile in Venedig zusammen haust, misslingt. Gianni erscheint als Chiffre des anal fixierten Künstlers im Patriarchat, der aufgrund des folterhaften Lebens in der Gesellschaft nur noch kunstvollen Stuhlgang produzieren kann und dabei ohne Skrupel Frauen fühllos sexuell ausbeutet. Die grotesk verkorkste Realität, die uns auch in Kafkas Künstler-Episode (Titorelli) im Proceß entgegentritt, sind in den Gianni-Kapiteln in der vollen Konsequenz verbildlicht: Gianni schenkt Max ein – durch kunstvoll eingenommene Speisen – Stück seiner artistisch verzierten Ausscheidung auf einem historisch kodierten Silberteller (Kunst als ästhetisierte Scheiße der Geschichte). Diese Spiegel-Möglichkeit für Max’s neues Leben verflüchtigt sich, als Gianni sang- und klanglos verschwindet.

Er will immer noch ein neues Leben nach altem Muster aufbauen, diesmal aber ganz ohne Luhmann’sche romantische Liebe, sondern als Simulacrum, wobei er Kontrolle behält. Dazu lässt er sich darauf ein, patriarchalisches Frausein auch körperlich zu erfahren. Die blutende Wunde im Mund, die ihn nach einer Zahnoperation wochenlang quält, soll ihm Schönheit und neuen Biss geben. Um sich blendend-weiße Zähne implantieren zu lassen, wird sein Mund quasi zur blutenden Vagina dentata, mit deren Hilfe er sein immanentes, selbst geschaffenes Reich absolut zu beherrschen hofft.

Eine andere Vita Nova erwägt er nur kurz, als er einige faszinierende Frauen erblickt und in Nostalgie zurückfällt. Bis zum Ende sinnt er über die verpassten Chancen einer neuen Liebesleidenschaft nach. Doch sie hätten ihn in Abhängigkeiten der romantischen ‘Liebe als Passion’ zurückgeführt. Er will lediglich zur Zeugung neuer Töchter – Lily hat ihm die anderen entzogen – eine neue Ehe eingehen, diese aber vom traditionellen Liebesdiskurs trennen. Als er sich jedoch von der sorgfältig ausgesuchten neuen Frau, Franziska, bedroht fühlt, meint er am Ende, dass er gar keine Ehe benötigt, um in Zukunft Töchter zu zeugen. Es gibt ja Leihmütter. Keineswegs benötigt er Söhne, die ihn von seiner ‘Gottesposition’ vertreiben oder nachfolgen könnten. Die Töchter würden durch ihre Verfügbarkeit seine Befriedigung in Zukunft garantieren, denn sie gehörten allein ihm. Ein neues Patriarchat ohne Anspruch an ihn, ohne Pflichten wäre garantiert. Es bleiben viele Widersprüche in seiner Planung. Was für eine Zukunft bringt dieser Größte aller Großen, dieser Maximissimo, der seine Töchter frei aufwachsen sehen wollte? Wie der monotheistische Gott taucht er am Ende voll ins Unsichtbare ab, ohne die Fleischlichkeit aufzugeben. Er genießt am Ende ungestört in der erst auszubauenden Wohnung seine exquisiten Törtchen. Und später in seinem Reich unter Konstruktion, seine exquisiten Töchter?

Kreuzungen. entlarvt durch ein ernsthaftes sprachliches Spiel mit Karikaturen, Klischees, Stereotypen, ja Slapstick die bislang noch unbehelligt agierende privilegierte Männerwelt im Patriarchat, die Sarkozys, ein Stück mehr.

Helga Kraft
Professor of Germanic Studies
Department of Germanic Studies
University of Illinois at Chicago

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