Das Leben geht weiter. Folge vier.
Barbara hatte den Pauli in Den Haag nicht treffen können. Der Pauli hatte bei seiner Mutter bleiben müssen. Die hatte einen Schlaganfall erlitten und er konnte nicht weg. Er war die einzige Person, auf die sie reagierte. Barbara hatte in Den Haag beim Galeristen gewohnt. Das war nett gewesen. Die ganze Familie war von Anelka begeistert gewesen und die Frau hatte Barbara vorgeschlagen, doch bei ihnen zu bleiben. Sie bräuchte ohnehin jemanden, der dem Haus einen Mittelpunkt gäbe. Es ginge nur darum, da zu sein, wenn die Kinder nach Hause zurückkämen. Und einkaufen hätte Barbara gehen sollen. Zuerst einmal war Barbara nach Wien zurück geflogen. Sie wollte die Rückkehr vom Pauli bei den Behörden durchsetzen. Barbara konnte nicht einsehen, daß eine solche bürokratische Grenze zwischen dem Recht ihrer Tochter auf ihren Vater und diesem Staat Österreich bestehen konnte. Dann aber füllte sie ein Formular falsch aus. Sie schrieb Pauli statt Paun. Der Pauli hieß eigentlich Paun. Weil dieser Name in Wien so fremd geklungen hatte und alle ihn immer Pauli genannt hatten, war dieser Name in Vergessenheit geraten. Weil nun ein Widerspruch zwischen der Geburtsurkunde von der kleinen Anelka und dem Formular bei der MA, mit dem der Pauli wenigstens einen vorübergehenden Aufenthalt ohne Niederlassungsabsicht bekommen sollte. Weil nun ein Widerspruch in den Vornamen bestand, wurde ihr das Formular per email zurückgesandt. Der Vermerk dazu war in einem so schrecklichen und verschreckenden Deutsch, daß sie erst einmal die email schließen mußte und sich hinlegen. Anelka begann zu weinen. Barbara saß da und konnte nicht reagieren. Sie hörte ihr Kind schreien, aber sie konnte nicht aufstehen und das Kind aufnehmen. Der Lucki kam dann ins Zimmer und sah sie so. Er nahm die kleine Anelka und trug sie herum. Sie war nicht zu beruhigen und Barbara versuchte sie zu stillen. Das ging aber plötzlich nicht. Barbara fühlte sich vollkommen leer und ausgebraucht. Es war keine Milch da und sie konnte sich nicht aufraffen, etwas zu tun. Der Lucki wurde böse. Das hätte er sich gleich gedacht, sagte er. Er hätte sich gleich gedacht, daß das alles so enden werde. Barbara war schwindlig geworden. Das Elend war so groß, daß sie auf einmal nichts mehr hörte. Sie sah dieses Zimmer verschwommen und nebelig. Das war es also, dachte sie. Es war nichts gelungen. Sie saß in einem WG Zimmer und hatte nicht einmal eine eigene Wohnung. Sie war eine alleinerziehende Mutter. Das war die schlimmste Position in so einer Gesellschaft. Die Gefahr in richtige Armut abzurutschen war 80%. Und nun konnte sie ihr Kind nicht einmal richtig ernähren. Die Wut vom Lucki hatte ihr ihre Unfähigkeit bewiesen und sie mußte auch hier heraus. Sie mußte wohl das Angebot aus Den Haag annehmen und als aupair da arbeiten. Noch vor 10 Jahren hätte sie längst wenigstens in einer Agentur arbeiten können und sich so selbst absichern können. Sie war gerade da gekommen, als Kreativität und Geist weniger als irgendetwas galten und sie hätte sich nicht vorstellen können, wie sie jetzt irgendwelche Projekte durchziehen sollte. Das Kindergeld war noch immer nicht bewillligt. Das Finanzamt hatte sich noch nicht mit sich selber kurzgeschlossen und sich über Barbara Auskunft gegeben. Das würde noch dauern. Und eigentlich wollte sie auch nicht als staatlich angestellte Mutter leben. Sie wollte die Herrin über ihr Leben bleiben. Sie wollte mit dem Vater des Kindes zusammenleben. Im Wahlkampf redeten wieder alle von den Familien, die es aber gar nicht mehr gab. Und sie konnte nicht einmal selber schnell zum Pauli. Sie brauchte selbst ein Visum für Serbien für sich und die kleine Anelka. Je länger sie so vor sich hindachte, umso schwerer wurde ihr alles. Der Lucki brachte ihr dann ein Essen. Er hatte sogar daran gedacht, daß sie keinen Zwiebel essen durfte. Wegen des Stillens. Und er führte die kleine Anelka im Kinderwagen spazieren und sie konnte sich schlafen legen. Und er wäre doch nicht ihretwegen böse. Oder weil die kleine Anelka so viel schriee. Er hätte sich über die Verhältnisse aufgeregt. Wie sie alle dazu verführt würden, sich zu internationalisieren und wie das dann nicht in ein Leben verwandelt werden könnte. Oder wie sie sich selber in globalisierte Monstren verwandeln müßten, denen nichts mehr etwas machte. Denen es egal sein mußte, ob sie jemanden lieben durften oder nicht. Und weil der Lucki Jus studierte, übernahm er es, die Einreise vom Pauli zu organisieren und sich um das Kindergeld zu kümmern. Als aupair, sagte er. Als aupair dürfte Barbara unter keinen Umständen arbeiten. Das würde ihr Schicksal besiegeln. Da käme sie nie wieder aus diesem Haushaltszeug heraus. Das hätte ihm seine Mutter erzählt. Die hatte seinen Vater als aupair in der Schweiz kennengelernt. Dann hätte sie es aber nicht aushalten können und wäre mit ihm nach Lienz zurückgegangen. Seine Mutter wäre Alleinerzieherin gewesen. Er wüßte alles darüber. Barbara solle sich jetzt einmal keine Sorgen machen. Schon wegen der kleinen Anelka.
Fortsetzung folgt.