Das Leben geht weiter. Folge drei.
Die Tante Rosa hatte dann zuerst geglaubt, ein Einbrecher versuche in das Haus einzudringen. Jemand versuchte das Schloß zu öffnen. Der Schlüssel paßte aber nicht und die Person vor der Tür schlug auf das Schloß ein. Da dachte die Tante Rosa, daß ein Einbrecher das nicht tun würde. Die Tante Rosa hatte im Internet die Kriminalstatistik von Österreich und besonders von Tirol angeschaut, bevor sie nach Brixen zurückgekommen war. Da war abzulesen gewesen, daß die Kriminalität im Sinken war. Sie fuhr mit dem Rollstuhl an die Tür und schaute nach. Sie riß die Tür von innen auf und eine sehr junge Person fiel fast ins Haus. Eine junge Frau in schwarzen Jeans und einem schwarzen T-Shirt mit rabenschwarz gefärbten Haaren und Piercings in den Lippen und um den Nabel schaute auf sie herunter. Wer sie denn wäre, fragte diese Person die Tante Rosa. Und warum das Schloß nun schon wieder geändert worden sei. Also sie wäre die Tante Rosa und das Schloß wäre geändert, weil ihre Schwester den Schlüssel verloren habe und sie sei dann ja wohl die Irmi. Sie habe schon viel von ihr gehört. Das könne sie nun wieder von der Tante Rosa sagen, sagte die Irmi und grinste. Sie sei also die Person, die die Stammtische im ganzen Land in Atem halte mit ihren Erbschaftsansprüchen. Die Tante Rosa mußte lachen. Ja, rief sie. Sie würde ihren Vater noch aus dem Grab herausholen lassen und da würden sich alle noch sehr wundern. Aber es gäbe auch noch viele Geschwister und andere Verwandte. Aber was wolle die Irmi hier. Die Irmi setzte sich auf den Boden im Vorzimmer und starrte auf das Schmetterlingstattoo ober ihrem rechten Knie. Na ja, sagte sie. Sie hätte halt gedacht. Der Vater von der Nadine. Der hätte sie immer da schlafen lassen. Was das solle, sagte die Tante Rosa sehr streng. Nein. Das wäre doch alles nicht so. Es wäre nur weil ihr Vater. Wenn er betrunken wäre. Irmi schaute die Tante Rosa an. Sie bemühte sich, nicht zu flehentlich dreinzuschauen. Die Tante Rosa war auch nicht sehr beeindruckt. Wie alt sie denn wäre, fragte sie die Irmi. Mit dem Ausreißen. Das könnte sie nicht unterstützen. Sie wäre doch ohnehin 18, sagte die Irmi. Aber sie habe halt Angst, daß etwas passieren könnte. Wenn der Vater so rabiat daherkäme. Ja, meinte die Tante Rosa. Und so viel sie jetzt schon mitgekriegt hätte, wäre es kein Spaß hier mit der Polizei. Wenn immer gleich Fußfesseln angelegt werden sollten und wenn die Innenministerin jeden Tag härter durchgreifen wollte gegen das kriminelle Element. Ob sie so etwas sei. Ob die Irmi ein kriminelles Element wäre. Da war es der Irmi zu viel und sie begann zu weinen. Sie saß auf dem Fußboden und heulte in ihre Knie. Sie könne jetzt gar nicht lachen, schluchzte sie. Die Tante Rosa habe ja keine Ahnung, wie das wäre. Mit einem Vater, dem alle mehr glaubten als ihr. Und es sei so weit, daß sie nicht einmal mehr einen Selbstmord versuchen hätte wollen. Das eine Mal, wie sie sich die Pulsadern aufgeschnitten gehabt hatte, da hatte die Polizei sie nach Innsbruck in die Psychiatrie gebracht und dort wäre es dann weitergegangen. Sie hätte nicht einmal diese Möglichkeit mehr. Die Tante Rosa war nicht sicher, ob das ganze nun ein Theater war oder ob diese junge Frau wirklich in Not war. Sie könne ja einmal hereinkommen und ihnen beiden einen Tee kochen. Sehr viel zu essen wäre nicht im Haus. Alle anderen wären in Innsbruck und kämen erst am Wochenende wieder. Es gäbe nur Butterbrote. Wenn dann die Mehrwertsteuer auf die Lebensmittel gesenkt worden wäre, dann würden sie ja alle von diesem Molterer Kaviar und Gänseleber bekommen. Weil der das für die dringlichsten Lebensmittel hielte und immer darüber rede. Kaviar, das wäre doch Fisch, sagte die Irmi. Fisch äße sie nicht. Fisch. Das mochte sie nicht. Fisch wäre sehr gut für eine schöne Haut, sagte die Tante Rosa. Und was die Irmi denn gelernt habe. Ob sie arbeite oder in die Schule ginge. Ach, sagte die Irmi. Sie wäre auf die Billa Akademie gegangen und habe da Verkäuferin und so gelernt. Aber die Stellen in der Umgebung hätten alle die Burschen bekommen. Weil man bei ihr doch fürchten müsse, daß sie jederzeit ein Kind haben könnte. Und wäre das so, fragte die Tante Rosa. Die Irmi kannte sich ja in der Küche aus und hatte den Tee sehr schnell fertig. Aber nein, schüttelte die Irmi den Kopf. Bei ihr käme keiner ohne Gummi dran. Sie sei ja nicht blöd. Und außerdem. Diese Sache mit dem Sex. Sie wüßte eigentlich nicht so genau, warum einen das interessieren sollte. Na darüber, sagte die Tante Rosa. Darüber könnten sie später einmal reden. Das könne schon ganz nett sein, die Geschichte mit dem Sex. Aber sie habe das auch erst später begriffen. Jetzt sollten sie einmal darüber reden, ob sie nicht zu Hause anrufen sollte und sagen, wo sie war. Wie die Irmi mit Nachnamen hieße. Die Tante Rosa könne doch sicherlich jemanden brauchen. Wegen des Rollstuhls und so. Die Tante Rosa war nicht so sicher, ob das eine gute Idee war, die Irmi auf der Couch im Wohnzimmer schlafen zu lassen.