Das Leben geht weiter. Folge zwei.
Barbara war wieder allein. Der Pauli hatte ausreisen müssen. Erstens war seine Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert worden. Er hatte nicht genügend Prüfungswochenstunden vorlegen können. Und dann waren nicht mehr die vorgeschriebenen 5.000 Euro auf dem Sparbuch. Das war alles wegen der Geburt des Babys. Barbara hatte am Ende der Schwangerschaft sehr viel liegen müssen und hatte sogar ihre Diplomarbeit nicht fertig bekommen deswegen. Und der Pauli hatte mit Mühe die Bilder für die Ausstellung in Den Haag fertig gebracht. Das Kinderbett und der Kinderwagen hatten auch second hand eine Menge gekostet und der Pauli hatte ja mit der Auszahlung von der Galerie in Den Haag rechnen können. Seine Bilder hatten sich dort gut verkauft, aber die Abrechnung ließ auf sich warten. Der Galerist war nie erreichbar gewesen und dann war die kleine Anelka Anastasija auf die Welt gekommen und niemand hatte sich um etwas anderes kümmern können. Dann war der Krieg in Georgien ausgebrochen und der Pauli hatte zu seiner Mutter nach Belgrad zurück müssen. Paulis Mutter war schwer depressiv. Paulis Vater war im ersten Jugoslavienkonflikt schon umgekommen. Trotzdem wollte sie nicht nach Wien kommen und ihr Enkelkind ansehen. Barbara hatte gedacht, diese Frau müße sich über ein Enkelkind freuen. Es schien aber mehr darum zu gehen, wer die Macht über den Pauli hatte. Der Pauli wiederum hatte es als seine Pflicht angesehen, sich um seine Mutter zu kümmern und mit Barbara und der kleinen Anelka war ja alles in Ordnung. Barbara fühlte sich aber als zöge der Pauli nun selbst in den Krieg. Sie war sehr traurig. Sie saß in ihrem Zimmer in der WG und fühlte sich von aller Welt getrennt. Weil sich die Sache mit dem Kindergeld nicht so leicht regeln ließ und erst noch eine Abmeldung bei der SVA notwendig war, damit ihr da nicht noch etwas abgezogen wurde, hatte sie auch kaum noch Geld. Dann kam die Nachricht, daß dem Pauli die Einreise verweigert wurde. Er bekam kein Visum, weil der Verdacht auf Schließung einer Scheinehe vorlag. Barbara war verzweifelt. Sie konnte als Österreicherin nicht einmal mehr den Vater ihres Kindes in das Land bringen, mit dem sie nun ganz sicher nicht in einer Scheinbeziehung gelebt hatte. Plötzlich waren alle Realitäten verkehrt und sie waren durch die Bürokratie voneinander getrennt, als lebten sie nun wieder in tiefen Kriegszeiten und die Einreise des Pauli wäre die Einreise eines nationalen Feindes. Barbara war aus Unglück nicht in der Lage ihre Angelegenheiten zu regeln. Sie hätte das Kind ja auch im Kindergarten anmelden sollen, damit es dann auch wirklich einen Kindergartenplatz in einem öffentlichen Kindergarten in Wien geben würde. Obwohl man es sich da überlegen und schon wegen des so viel billigeren Kindergartenplatzes ins Burgenland auswandern sollte. Während in Wien 215 Euro aufzubringen waren, mußte man im Burgenland nur 72 Euro für einen Ganztagesplatz zahlen. Aber es ging ja ohnehin um Auswandern. Barbara mußte Nadine fragen, ob sie ihr das Geld für einen Flug nach Den Haag leihen konnte. Der Galerist hatte den Pauli zur Finissage eingeladen und dorthin hatte der Pauli ein Visum bekommen. Barbara mußte nun mit der kleinen Anelka nach Den Haag reisen, damit sie den Vater dieses Kindes treffen konnte. In Wien hingen überall Plakate, auf denen mit “Kulturschock” für das Museumsquartier geworben wurde. Barbara machte das sehr wütend. Auf diesen Plakaten waren es immer nur Frauen, die wegen irgendeines Kunstpipikrams überwältigt zusammenbrachen. Die Ohnmacht der schwachen Frau von 1900 wurde so wieder zur Auferstehung gebracht. Und Kulturschock. Das war das Ausfüllen der Haftungserklärung gemäß §2 Abs. 1 Z 15 NAG, auf der nur jemand mit Lohnzettel die Haftung für den Pauli übernehmen konnte. In der Umgebung Barbaras gab es aber niemanden mehr, der einen Lohnzettel hatte. Der Vater von der Nadine war in der AMS. Die Mutter von Nadine in der Frühpension und mit ihren 440 Euro pro Monat hätte sie nicht haften dürfen. In der WG waren alle prekär Beschäftigte. Auf der Akademie dasselbe. Barbara flog nach Den Haag. Sie nahm alles mit, was ihr wichtig war. Sie packte auch ihren alten Teddybären ein. Falls sie nicht mehr zurückkamen. Barbara dachte, daß es schon seltsam wäre, daß das, was sich ihre Heimat nannte, sie nun ausstieß, weil sie keinen EU Bürger ausgesucht hatte. Dann wieder dachte sie, daß es zumindest diese Erweiterung gegeben hätte. Daß es ohne EU noch enger sein würde und es dann noch mehr Ausländer gäbe, als durch das Aufenthaltsgesetz hergestellt wurden. Auf dem Flughafen dann war Barbara wieder ruhig. Als dieser ältere Mann am Gate neben ihr die unvermeidliche Bemerkung machte, ob es denn wirklich notwendig sei, mit einem so kleinen Baby zu fliegen. Da schaute sie Anelka an und dann den Mann. Sie sagte aber nicht einmal etwas. Der Mann war zu griesgrämig, um es ihrer Tochter zuzumuten, ein Gespräch mit einer solchen Person anhören zu müssen. Barbara war ganz zufrieden, wie Anelka dann vor dem Start schrie und deshalb die Sitzreihe neben ihr leer blieb. Es geschah denen allen recht, wenn sie und Anelka diesem Land verloren ging.