Das Leben geht weiter. Folge eins.
Nadine muß nach München fahren und die Tante Rosa und ihre 5 Riesenkoffer vom Flughafen abholen. Die Tante Rosa ist die sehr viel ältere Halbschwester von Nadines und Barbaras Müttern. Sie war ein uneheliches Kind, das die Großmutter mit 17 Jahren bekam. Lange bevor sie dann Nadines und Barbaras Großvater heiratete. Es hatte im Dorf immer die wildesten Vermutungen gegeben, wer der Vater von Tante Rosa sein könnte. Die Großmutter hatte nie gesagt, wer der Vater war. Die Tante Rosa war dann mit 14 als Küchenhilfe in eines von diesen großen Hotels in Kitzbühel gesteckt worden. In Kitzbühel war sie von Ernie G. entdeckt worden, die in ihrem Haus junge Tirolerinnen mit amerikanischen Millionären verkuppelte. Die Tante Rosa lernte da ihren texanischen Millionär kennen und ging mit ihm nach Amerika. Der texanische Millionär war dann nur ein Versicherungskaufmann gewesen, aber er hatte immer sehr gut verdient und Tante Rosa führte mit ihm eine glückliche Ehe. Sie hatten keine Kinder, deshalb kümmerte sie sich sehr um ihre Nichten und Nadine und Barbara waren jeden Sommer bei ihr in den USA gewesen. So lange die Großmutter lebte, mußte mit der Tante Rosa aber heimlich verkehrt werden. Die Großmutter wollte mit dieser Tochter nichts mehr zu tun haben. Der Mann von Tante Rosa starb dann an einem Herzinfarkt und sie war nach Florida gezogen. Mit den Börsenkrisen war ihr Vermögen immer weniger geworden und weil sie ein halbwegs gutes Angebot für ihr Haus bekommen hatte, hatte sie verkauft und beschlossen, nach Tirol zu kommen. In ihrem Alter könne sie nicht mehr das Ende einer Rezession abwarten, hatte sie gesagt. Und in Tirol stand ihr ja ein Drittel des Hauses zu, das sie bisher nicht in Anspruch genommen hatte. Nadines Vater hatte zuerst getobt. Das wäre typisch für die Amis, hatte er geschrien. So lange es ihnen gut ginge. So lange würde man nichts von ihnen haben können. Hätte die Tante Rosa ihnen mit ihrem Geld ausgeholfen, wie es um den Betrieb gegangen war. Nein. Aber. Kaum wäre es ein bißchen enger für sie, kämen sie zurückgelaufen. Und diese Frau. Die habe immer nur Unruhe hervorgebracht. Und wäre das nicht wieder typisch. Und überhaupt. Wenn es nach ihm ginge, dann hätten die Unehelichen nie das Erbrecht gekriegt. Da könne man sehen, was die Roten eigentlich gewollt hätten. Die Männer sollten bestraft werden dafür, daß sie Männer seien. Bei solchen Gesetzen könne ein Mann doch wirklich nicht mehr machen, was er wolle. Nadines Mutter beunruhigte diese Rederei sehr. Sie überlegte, warum ihr Mann sich gegen ein Gesetz aus der Kreiskyzeit so aufregte. Hatte er selber ein uneheliches Kind irgendwo und fühlte sich deshalb selbst betroffen. Die Situation war jedenfalls klar. Der Tante Rosa gehörte ein Drittel des Hauses. Barbara gehörte ein weiteres aus der Erbschaft von ihrer Mutter. Und außerdem standen die Werkstatt und die Büroräume nach dem Konkurs ohnehin leer. Nadines Mutter fand, ihre große Schwester Rosa sollte einmal kommen und dann würde man weitersehen. Sie fand es ein Glück, daß ihr Mann wegen der Umschulung im AMS die ganze Woche in Innsbruck sein mußte. Da würde sich alles leichter finden. Währenddessen begann man sich im “Goldenen Lamm” wieder Gedanken zu machen, wer nun der Vater von der Rosa sein könnte und ob die Rosa vielleicht nur herkäme, um mit einem DNA Test die Erbschaft von diesem Vater einzufordern. Jetzt wo sie offenkundig pleite war, könnte sie ja versuchen sich so ein Einkommen zu verschaffen.
Nadine fährt also von Wien nach München. Zuerst denkt sie, die Tante Rosa würde nur auf dem Flughafen im Rollstuhl transportiert werden. Aber die Tante Rosa sitzt im Rollstuhl. Auf der Fahrt nach Brixen fragt die Tante Rosa, ob sich in Österreich die Welt verändert hätte und was sie als Rollstuhlfahrerin erwarten müsse. Nadine überlegt fieberhaft, was der Tante für Errungenschaften der Behindertenpolitik vorzuführen seien. Nadine beginnt zu beteuern, daß man auch in Österreich mittlerweile alles tue, um Behinderten eine normale Teilnahme am normalen Leben zu ermöglichen. Das hätte sicherlich auch mit der EU zu tun. Warum, fragt die Tante. Warum hätte sie dann aber in der Zeitung gelesen, daß nun auch die Grünen sich ihrer Behindertensprecherin entledigt hätten. Ob man denn der Meinung sei, daß alles geschehen wäre, was notwendig ist und deshalb keine Behindertenpolitik mehr bräuchte. Nadine weiß keine Antwort. Aber die Tante redet schon über die Schallschutzmauern rechts und links der Autobahn. Wenn man so sensibel auf Lärm reagiere, dann habe sich doch viel geändert. Die Tante setzt sich unternehmungslustig auf. Nadine ist nicht so sicher, daß Schallschutzwände einen Beweis für eine hohe Rücksichtnahme in der Alltagskultur darstellen.