Das Nirwana der Manager.

Besprechung des neuen Romans “Kreuzungen.” in der Neuen Zürcher Zeitung vom 22. Juli 2008.

“Kreuzungen.” – Marlene Streeruwitz’ Roman über eine Kaste ohne Bodenhaftung

Aus: Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 2008

Andreas Breitenstein

Es gibt sie immer weniger, die Unternehmer alter Schule, die mit festen Wertvorstellungen und Sinn fürs Gemeinwohl ihre Firma im Nahverhältnis zur kulturellen Umgebung führen. Stattdessen hat sich in Zeiten des global entfesselten Börsenkapitalismus eine Kaste von Managern breitgemacht, die sich von Geld und Status gern blenden lässt. Die Krise an den Finanzmärkten verdankt sich nicht zuletzt dem Umstand, dass immer mehr Smartheit herrscht und immer weniger Solidität, dass selbst namhafte Unternehmen zu Vehikeln kurzfristiger Ambitionen und partikulärer Interessen werden. Wo höchste Risiken eingegangen werden, weil im Endeffekt Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden können, wächst zu Recht der allgemeine Unmut über fragwürdige Vergütungspraktiken und exorbitante Abfindungen noch im Falle des Versagens.

Auf der Höhe der Zeit

Wie aber lebt es sich auf der Teppichetage, diesem schwarzen Loch zeitgenössischer Imagination? Zwar hat sich die deutschsprachige Literatur immer schon mit Verve der sozialen Aussteiger angenommen – freilich jener nach unten und kaum je derer nach oben. Das höhere Wirtschaftsleben ist ihr weitgehend terra incognita geblieben, und wenn es doch einmal Thema wird, dann oft nur im bequemen Rückgriff auf das Einmaleins gängiger Kapitalismuskritik.

Politisch dezidiert links steht (zumal als Feministin) Marlene Streeruwitz, doch hat die 1950 geborene Wienerin die postmodernen Verschlingungen von Sein und Bewusstsein stets im Blick behalten. Der Roman ist ihr nicht ideologisches Vehikel, sondern Sprach- und Erkenntnisexperiment. Ob Streeruwitz über Frauenleben oder Geschlechterkampf, Globalisierung oder Terrorismus schreibt – stets operiert sie auf der Höhe der Zeit. Wenn sie sich in ihrem neuen Roman “Kreuzungen.” des CEO als Phänotyps unserer Zeit annimmt, darf man nicht nur mit gnadenloser Analyse, sondern auch mit ätzender Beobachtung und furioser Insistenz der Darstellung rechnen. Wobei ihr Manager-Stück im Echoraum eines einzelnen Kopfes und nicht als Personendrama in Chefsesseln und Sitzungszimmern, Designer-Lofts und Flughafen-Lounges stattfindet.

Der Held des Buchs, ein Mann in den besten Jahren, dessen inneren Monolog wir verfremdet in auktorialer Vergangenheitsform zu hören bekommen, hat lange keinen Namen, und solches entspricht durchaus seiner Intention – als Person zu verschwinden, sich all dessen zu entledigen, was ihn fassbar und damit angreifbar macht. Ein Auf- und Übersteiger aus (unausgeführt bleibenden) österreichischen Tiefen ist Max, alles hat er erreicht mit Risiko und Energie. Noch ein paar grosse Deals, und dann er wird zu jenen gehören, die über dem Getriebe stehen. Doch erst hat er sich an der Gegenwart abzuarbeiten, sprich: an seiner Frau Lilli, der er alles verdankt, die jedoch mit seiner Höherentwicklung nicht Schritt gehalten hat und daher zurückbleiben muss.

Die Ohnmacht der Allmacht

Ohne seelische Kollateralschäden ist Max die Karriereleiter nicht hinaufgestiegen. Vielfach gespalten ist seine Persönlichkeit, und mit sichtlicher Lust charakterisiert ihn Streeruwitz in den Kategorien der Freudschen Triebtheorie. So allmächtig Max scheint, so hilflos ist er seinen frühkindlichen Trieben ausgeliefert. Mit seinen totalitären Ausscheidungs- und Einverleibungswünschen scheint er über die Anal- und Oralphase nicht hinausgekommen, während genital sein “kleiner Mann” regiert, dem die Welt ein Hohlraum ist, der sich reibungssatt um ihn zu formen hat. Lilli mit ihrem Fleisch und die Asiatinnen aus der “Blauen Pagode” mit ihren “Kinderkörperchen” werden zu Erfüllungsgehilfen eines Narzissmus, der sich seiner Obszönität sehr wohl bewusst ist. Max kann schlicht nicht anders: “Nur wenn es mehr wurde, blieb etwas. Der Erhalt brauchte diese Steigerung. Diese stete Steigerung. Und er wollte dableiben.” Als Imago der Reinheit wiederum dienen die kleinen Töchter sowie die propere Psychoanalytikerin Frau Dr. Erlacher.

“Der Lilli”, deren Hitze ihn “einst ins Geld zwang”, ist nur die Wut geblieben. Statt mit ihm die Mühsal des Alltags zu transzendieren und zur “Priesterin” seines Daseins zu werden, will sie alles. Max verabscheut sie und vergöttert sie – für ihr “grandiose Härte”, die ihn einst erregte und zähmte und die sie nun gegen ihn richtet. Den Töchtern pflanzt Lilli den Hass auf den Vater ein, im Pelzschrank versteckt sie eine Flinte, und zusammen mit ihrem neuen “Kümmerer”, dem Scheidungsanwalt Dr. Mannlicher, nimmt sie schon mal Inventar auf. “Kaputt” hat Max sie bekommen von einem Vater niederen Adels, der ihr Höschen beschnüffelte und sie schlug. Und doch ist Lilli das Gedächtnis seines Jungseins, der “Zeit des Aufstiegs, des Rasens und Keuchens, der Wettläufe und Kämpfe, Rückfälle und Siege”. Vergeblich beschwört Max die “Entscheidungsschlacht” der Trennung, bis Lilli ihm ein Polizeikommando und einen Tag Gefängnis beschert – als demütigendes “Abschiedsgeschenk”. – Der Leser vermag nicht über Max’ Schultern hinauszublicken. Die Autorin zurrt ihn fest an dessen Subjektivität und treibt ihn durch einen parataktischen Parcours aus Stummelsätzen, Ellipsen und Punkten, dessen Nähe zum Ungrammatischen nicht nur die seelische Not, sondern die Grenzen klaren Denkens offenbaren. Geradezu selbstzerstörerisch ist die Virtuosität von Maxens Selbstwahrnehmung. Die Neurose von Macht und Geld, die Manie des Sich-einwühlen- und Anhäufen-Müssens durchschaut er in den Kategorien der Psychologie, der Sexualität und der Ästhetik.

Er ist Gefangener seiner selbst (was das Spiegel-Cover aufnimmt). Die Komplizenschaft mit dem Erfolg, das Kalkül der Abhängigkeiten, die Einfühlung ins allgemeine Begehren beherrscht er ebenso wie das Jonglieren mit den Spiegelbildern und den Abspaltungen seiner selbst. Das Geld ist sein Gott und er das Medium des Marktes: “Das Geld musste gelenkt werden wie ein Pferd. Man musste auf dem Geld sitzen wie auf einem Pferd. Das Geld fühlen, wie das Pferd unter sich.”

Macher auf Menschenflucht

“Kreuzungen.” ist ein beklemmendes Porträt des Managers als Machtmensch und Melancholiker, Asozialer und Aussteiger. Bietet der erste Teil eine Zustandsbeschreibung von polemischer Härte und atemloser Dichte, flacht der zweite, mehr handlungsorientierte Teil etwas ab. Die Erholung von einer Totalrenovation der Zähne gerät Max in Venedig auf den Spuren Gustav Aschenbachs zur Abtrennung von Lilli und zur Epiphanie des Kunstschönen – im Sex und im Kot des exzentrischen Lyrikers Gianni, der sich wie eine Katze in der Palazzo-Wohnung über dem Canal Grande einhaust. Eine neue, jüngere Frau soll das weitere Glück (obligat mit Kindern, doch aus dem Reagenzglas?) richten – wobei die Ekstase arrangiert wird von der noblen Zürcher Heiratsvermittlerin Zapolska. Als sich die dargebotene englische Zuchtadelige Francesca als Teil einer Verschwörung entpuppt, findet Max aus der Gefahr zu sich selbst – und aus dem “Humanismus”, in den er sich verfangen hatte, zurück zur Tat.

“Kreuzungen.” ist Karikatur, doch die Autorin hat es sich mit ihrer Kritik nicht leichtgemacht, bewegt sie sich doch gleichermassen virtuos auf der Ebene der Ideologie- und der Sprachkritik. Auch ist es durchaus nicht so, dass das “Böse” an den Männern hängenbleibt. Man mag Max als pathologischen Fall abtun, doch Marlene Streeruwitz’ Vision der unberührbaren Kaste bleibt düster: die Macher als Getriebene, mit einer Haltung, in der sich Herrenmenschentum mit Unterwerfung, Härte mit Infantilität, Kontrollmanie mit Sentimentalität paaren. Ein Albtraum ist die schwermütige Menschenflucht ausgerechnet jener, die Romane nicht schreiben müssen, weil sie sie machen können. Es sind die Anderen, die ihr Nirwana auszubaden haben: “Die Fehler waren dann eben auch Wirklichkeit.”

Marlene Streeruwitz: Kreuzungen. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2008. 251 S., Fr. 33.80

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