Turkish Delight.

Turkish Delight.Spricht sie.
Will sie sprechen.
Kann sie sprechen.
Denkt sie.
Kann sie denken.
Soll sie denken.
Will sie.
Kann sie wollen.
Darf sie wollen.
Soll sie.

Wir wissen es nicht, wenn wir ihr gegenüberstehen. Wir müssen es an ihr für uns beschließen. An den je uns zu Verfügung stehenden Möglichkeiten werden wir das an ihr für uns beschließen müssen. Dem zeitgenössischen Blick wird diese Entscheidung an ihr abgerungen. Dafür sorgt das Kopftuch. Das Tuch um den Kopf und wie es im Nacken geknotet ist. Dieses Tuch fordert eine Entscheidung. Dieses Tuch verhüllt ihre Haare und ihren Hals. Und enthüllt in dieser Verhüllung die Politik des zeitgenössischen Blicks auf die Frau.

Sie ist nackt. Sie steht da. Gespannt. In sich gespannt und ein wenig abwartend. Ohne Geste steht sie. Die Arme hängend. Die Beine nebeneinander. Kein Bein vorgeschoben, ein Spiel der Muskeln auszulösen. Kein Arm gehoben, die Rundung des Busens vorzuführen. Sie kommt uns nicht entgegen. Stellt sich uns nicht. Macht sich uns lieblich. Sie steht nur da. Eine nackte Frau, die ein Kopftuch trägt.

Sie ist eine schöne Frau. Die Bronzefigur ist das Abbild einer schönen Frau. Einer bestimmten Frau. Keine Idealisierung fügt sie in die Reihe der Verführerinnen, die gemacht wurden, ihnen die Verführung vorwerfen zu können. Kein allegorischer Name hebt sie über die irdische Schönheit hinaus und gibt so den sich selbst nicht erkennenden gierigen Blick auf sie frei. Jenen Besitzerblick am allegorisierten weiblichen Körper, der sich selber nicht wissen muß, deshalb immer in Kraft bleibt, aber ohnehin nur das eigene Begehren inszeniert und sie nicht sieht.

Diese Frau ist eine Bestimmte. Eine Besondere. Und ich wollte ihren Namen wissen. Wenn wir ihre Besonderheit in einen Namen fassen könnten. Wir könnten uns mit der technischen Meisterschaft befassen, mit der die Stofflichkeiten der Haut und des Kopftuchs gearbeitet sind. Wie das Gemachte des Stoffs sich gegen das Gewachsene der Haut abhebt. Wie die grün patinierte Bronze das Gemachte verstärkt und gegen das Gewachsene abhebt. Wie Gemachtes und Gewachsenes in der Darstellung in sich gesteigert den Gegensatz noch einmal deutlicher machen.

Die Haut und das Kopftuch. Die nackte Figur und der verhüllte Kopf. Wenn wir der Bronzefigur mit einem Namen begegnen könnten, wir könnten diesen Gegensatz auf sie zurückführen. Sie wäre diese und diese Person, die sich nackt abbilden ließ und das Kopftuch aufbehielt. Wir müßten diese Darstellung nicht allein auf den Künstler zurückführen. Wir könnten in der Hoffnung auf eine Autonomie der Person, die wir durch den Namen kennenlernen könnten. Wir könnten sie an der Entscheidung beteiligen, so dargestellt zu werden. Wir könnten ihr Autonomie zudenken, damit wir ihr dann auch ein wenig Verantwortung zuschieben können. Der zeitgenössische Blick. Durch eine Benennung der dargestellten Frau würde der zeitgenössische Blick entlastet werden. Eine Geschichte wäre vorstellbar. Eine Person mit Namen stünde während unseres Ansehens der Figur in unserer Phantasie Modell. Durch eine Aufnahme des Namens des Modells oder auch nur irgendeinen konkreten Namen. Und hieße sie Eva. Die Figur würde uns in Konkretheit entrückt. Sie würde sich selber näher und uns entfernter. Ein Name gäbe ihr eine eigene Wahrnehmung und entzöge uns etwas von der Verantwortung beim Schauen.

Der Künstler hat aber eine andere Entscheidung getroffen. In den vielen Entscheidungen, die in der künstlerischen Formulierung gebündelt ihre Erscheinung finden, wird uns ein konkreter Name entzogen. Die besondere Frau, die nackt dasteht und ein Kopftuch trägt. Wir können uns nicht mit dem territorialen Entwurf der benannten Person unserem eigenen Blick ersparen und die Geschichte ihres Dastehens ihr zudenkend uns verkleinern. Das Seltsame der Konstellation. Die nackte Frau mit dem verhüllten Kopf. Es bleibt unsere Erzählung. Unsere Erzählung, die unsere Sicht auf diese nackte Frau mit dem Kopftuch enthüllt. Unsere Erzählung, die alle Meinungen zu Frauen mit Kopftüchern und zur Darstellungen des Frauenkörpers berühren wird.

Spricht sie.
Will sie sprechen.
Kann sie sprechen.
Denkt sie.
Kann sie denken.
Soll sie denken.
Will sie.
Kann sie wollen.
Darf sie wollen.
Soll sie.

Der Legende nach rief ein türkischer Sultan des 18. Jahrhunderts die besten Zuckerbäcker des Landes zusammen und gebot ihnen, eine einmalige Süßigkeit zu erfinden. Im Harem des Sultans herrschte Unzufriedenheit. Mit der neuen Süßigkeit sollte im Harem wieder Ruhe einziehen. “Lokum”, türkischer Honig, bedeutet im Arabischen “Zufriedenheit der Kehle” und im otomanischen Türkisch “ein Stück Zufriedenheit”.

Turkish delight wird aus Stärke und Zucker gemacht und mit Rosenwasser aromatisiert. Turkish delight ist blaßrosa und durchsichtig. Weich und klebrig. Und vor allem süß. Als Geschenk wurde turkish delight in Spitzentücher verpackt.

Weiß. Rosa. Durchsichtig. Weich. Spitzenumrahmt. Süß. Das alles ist die Bronzefigur der nackten Frau mit dem Kopftuch nicht. Wen nun meint das “Stück Zufriedenheit”. Wessen Kehle soll erfüllt werden. Sollen wir daran erinnert werden, daß es einen anderen Blick gibt als den eurozentrisch weißen, der die sich die Nacktheit der Frau immer erlaubte aus der religiösen Zuschreibung der Frau in die Natur und der sich die Nacktheit neuerlich über die Freiheit der Äußerung zurückholte. Ein Blick, dessen europäische Doppelbödigkeit sich über das Kopftuch zu erkennen gibt. Und ein wieder religiöser Blick, der die Nacktheit verbietend nur das Kopftuch richtig finden kann. Und alle Blicke schneiden sich am Rand des Kopftuchs. Da, wo die nackte Haut zum Vorschein kommt. Da schneiden sich nicht nur das gemachte Material und das natürlich Gewachsene. Da schneiden sich die Blicke, die Natur behaupten und Kultur konstruieren.

Spricht sie.
Will sie sprechen.
Kann sie sprechen.
Denkt sie.
Kann sie denken.
Soll sie denken.
Will sie.
Kann sie wollen.
Darf sie wollen.
Soll sie.

Die privilegierte europäische Feministin. Sie muß quer zu all den historisierenden zeitgenössischen Blicken in dieser Figur die Subalterne sehen. Nicht eine Schwächere. Nicht eine Wertlosere. Aber eine Unbenannte, deren Ich sich nicht zeigt. Nicht gezeigt wird. Eine, die nicht spricht. Eine, in einem Zustand, aus dem die Feministin sich in einen anderen Zustand geredet hat. Eine, in einem Zustand, den es aber gibt. Ein Zustand, der durch den Titel der Arbeit und die Nacktheit des Frauenkörpers und die Verhüllung durch das Kopftuch umgrenzt ist. Ein Zustand, über den nichts weiter bekannt ist. Die Figur steht ja nur da. Sie könnte gleich weggehen. Sie könnte das Kopftuch abnehmen. Sie könnte sich fertig anziehen. Und wäre das ein Fertig Anziehen. Oder wäre das eine Einordnung. Und wenn sie das Kopftuch abnähme. Wäre das dann eine Freiheit.

Wir wissen nichts darüber. Wir bekommen nichts gesagt dazu. Wir müssen alles, was nicht gesagt wird, selbst einfügen. Und die Feministin. Sie muß erkennen. Einmal mehr. Einmal deutlicher. Daß der Satz “Mache es mir gleich.” Daß der Satz “Werde wie ich.” Daß diese Sätze nur bedeuten, daß die Feminstin das hegemoniale Denken so weit gelernt hat, um um sich selbst wissen zu können. Daß ihr aber ihr Wissen um diesen Weg klar machen muß, daß sie nichts von der Frau mit dem Kopftuch weiß. So, wie die Frau mit dem Kopftuch nichts von ihr weiß. Und daß es um die Erzählungen ginge. Daß die Zeit in die Erzählung aufgelöst die Fragen in Stimmen faßte und die Körper einander zu hören.

Spricht sie.
Will sie sprechen.
Kann sie sprechen.
Denkt sie.
Kann sie denken.
Soll sie denken.
Will sie.
Kann sie wollen.
Darf sie wollen.
Soll sie.

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