Diese Frau war ein Genie.

Diese Frau war ein Genie.Frankfurter Rundschau, 4. Oktober 2007.

Singend, mit sirrenden Bögen: Zum Tod der österreichischen Schriftstellerin Marianne Fritz

Marianne Fritzs Werk ist spezifisch wienerisch. In ihren Texten erfüllen sich ganz andere Linien als die literarbetrieblichen Moden der letzten 50 Jahre. Theodor Kramer kommt einer in den Sinn. Anton Wildgans. Aber vor einer politischen Fehlinterpretation schützen sich diese Texte einer hohen Sprache mit der Insistenz auf den kleinen Gegenstand. Die unendliche Geschichte eines Kleinbürgerlichen erzählt sich mit singend, sirrenden Bögen und fällt dann wieder in stampfend, keuchende Rhythmen. Bedeutung und Form sind in den größtmöglichen Abstand auseinander gespannt.

In der Lesung der Autorin gestaltete sich der Text als unentrinnbar. Die Sprache wurde zum Kerker der Bedeutungen. Unzeitiges Schreiben war das. Unzeitiger Vortrag. Darin aber war all das aufgehoben und beschrieben, was in den glatten und leergedachten Sätzen vergessen werden sollte, die rhythmuslos die Literatur letzthin beherrschten.

Marianne Fritz war ein Genie. Natürlich und selbstverständlich so. Aber. Vergessen wir nicht, daß Frauen in Wien schon gar nicht geniefähig sind. Und deshalb gab es so einen Umgang, der nur die Fürsorgeseite eines Geniekults hervorbrachte. Germanistikprofessoren. Verleger. Veranstalter. Rezensenten. Die Unzeitigkeit ihres Genies wurde als eine Art Bedürftigkeit ausgelegt.

Unseld sagte einmal, “Es schreibt aus ihr.” Aber dieser, für Unseld höchste Satz der Geniebeschreibung wurde gleich abgeschwächt. Es wäre jedoch nicht möglich, das auch abzudrucken. Das alles. Auf die vorsichtige Frage, ob diese Einschränkung etwas damit zu tun haben könnte, daß es sich um eine Autorin handle. – Es wurden einmal so klare Fragen gestellt. – Darauf antwortete Unseld, Männer machten das nicht. Männer schrieben nicht so viel. Männer könnten gar nicht so viel schreiben.

Wenig Platz war und ist in dieser Welt. Aber. Die Versäumnisse treffen die, die versäumen. Wenn man sich die Genies über Ressentiments erspart. Und Wien hat da ja eine besonders umfassende Tradition. Wenn man ein solches Werk zum Fürsorgefall macht. Dann hat man die Literatur, die man verdient. Marianne Fritz ist ein Genie und das wird überdauern.

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