Votingschrill.
Das mit dem voting. Sei es bei big brother oder im Traumhaus oder bei Olympiabewerbungen. Das mit dem voting ist ein ähnliches Problem wie die Frage, ob öffentliche Geschenke überhaupt möglich sind.
Die Frage ist ja, ob wir nicht insgesamt in einer einzigen großen Kinderjause leben und den Zufällen auf so einer Veranstaltung hilflos ausgeliefert sind. Aber erinnern wir uns. Einer der Hauptsätze für die Kinderjause lautet, daß das reichste Kind immer gewinnt.
Wenn nun auch Politiker und Politikerinnen ihr Dirndl und ihren Trachtenanzug angezogen haben und ausgezogen sind, die Tombola zu gewinnen. Und wenn diese Politiker feststellen müssen, daß der erste Hauptsatz der Zufälle der Kinderjause eben lautet, daß das reichste Kind immer gewinnt. Eines konnten wir bei der Übertragung aus Guatemala feststellen, auch die Politiker und Politikerinnen sind mit ihrem Verhalten auf die Votingkultur eingegangen und haben einander umarmend und tränenreich dieses Ausscheiden zu einer privaten Sache gemacht. Die Tränen des Bürgermeisters. Die Umarmungen der Landeshauptfrau. Das tapsige Tätscheln des Bundeskanzlers. Alle diese Gestik hat vorgeführt, daß diese Personen wie bei allen votingshows ihre ganz persönlichen Gefühle vorleben müssen. Daß sie keine öffentliche Person dazwischen schieben können, die zuerst einmal sie selber vor überschießender Emotionalität schützen könnte und erst in zweiter Linie diese “Menschlichkeit” vorführt. Deshalb dann die Tränen und Umarmungen. Deshalb dann diese Fassungslosigkeit, die von der Kamera getreulich festgehalten wird.
Natürlich ist das dem wirklichen Leben entnommen. Die Medien spiegeln in den voting shows ja nur die Vorgänge bei der Aufnahme in die Arbeitswelt. Das Bewerbungsgespräch und das Praktikum. Die Bewertung darüber entscheidet über den Eintritt in den Gelderwerb. Das ist bei Olympia nicht anders. Auch bei Olympia versprach man sich Geld und das Prestige, das sich mit Gelderwerb einstellt. Und selbstverständlich ist diese Bewertung nie gerecht. Und nie demokratisch. Mit dem Eintritt in eine solche Bewerbung. Das lehrt uns jede kleine Pipivotingshow im tv. Mit der Teilnahme an einer solchen Bewerbung werden alle Rechte abgegeben und die Bedingungen des votings akzeptiert. Deshalb geht nie irgendjemand wütend ab. Ein bißchen gemault. Das war zu erleben. Aber das ganze in Frage gestellt. Das gab es nie.
Das gibt es nicht mehr. Mit atemberaubender Selbstverständlichkeit steigen also nun demokratisch gewählte Personen mit ihrer gesamten dadurch hergestellten Verantwortung in eine solche voting show ein und lassen sich auf der Ebene dieses Vorgangs privatisieren. Das wird viele heimlich freuen. Es macht vielen Leuten sehr viel Spaß ihre Politiker und Politikerinnen aufs Menschliche zu reduzieren. In einer Vertretungsdemokratie werden dabei aber dann auch die Vertretenen reduziert.
Die Frage muß doch sein, ob eine öffentliche Institution auftreten kann, wie ein privater Verein und sich benehmen, wie ein Fußballpräsident, dem das Ballglück nicht hold ist. Geht es nicht im Gegenteil darum, in einem Bereich wie Stadt oder Land eine Politik zu betreiben, die eine Identität herstellt, die die Stürme der Globalisierung überstehen kann. Wie beim Sponsoring geht es um das Erhalten und Ausbauen von Grundrechten und der Ermächtigung daraus und nicht um deren Abgabe in die Votingregeln.
Eine vermeintliche Rettung. (Übrigens wovor. ) Eine vermeintliche Rettung kann nur aus sich selber kommen. Wenn immer nur in Festspielen und Fremdenverkehr nach außen gelebt wird und der öffentliche Raum an Sponsoring abgegeben wird. Dann hat man natürlich allen Grund zu weinen. Womit können dann solch selbsthergestellte Frustrationen ausgeglichen werden. Mit der vernachlässigten Kultur des Ortes?