Gedenkkultur. Jänner 2006.

“Es ist schon besser. So!” sagt der Kellner im Café Eiles. “Ja. Es ist am besten. So.” Die ältere Dame nickt. Sie fände das auch am besten so. Und es hätte auch keinen Sinn. Ein Leben. Wenn man nichts mehr machen könne. Wenn man sich nicht mehr bewegen könne. Wenn einem alles gemacht werden müsse. Und Schmerzen. Wenn man nichts mehr genießen könne. “Ja”, nickt der Kellner. Und der habe ja auch alles gehabt. Der wäre gereist. Der wäre auf der ganzen Welt gewesen. Wo der überall gewesen wäre. Er hätte das in der Kronenzeitung gelesen. Das wäre in allen Zeitungen zu lesen gewesen. Der hätte die ganze Welt gesehen. Und. Er. Er selber. Er wolle das für sich selber auch nicht anders. Schnell. Ganz schnell solle es gehen. Schnell und für niemanden eine Last. Keinerlei Abhängigkeiten. Er wolle von niemandem gewaschen werden müssen. Nein. Das hätte keinen Sinn. Wenn einem nichts mehr Freude mache. Und die ältere Dame stimmt ihm zu. Es solle schnell gehen. Niemandem eine Last. Und der. Der habe ja ein gutes Leben gehabt. Ja, antwortet der Kellner. Manche hätten eben alles Glück.

“Die Österreicherinnen und Österreicher.” Ich zitiere aus Wassermann, Heinz P.: Naziland Österreich? Studien zu Antisemitismus, Nation und Nationalsozialismus im öffentlichen Meinungsbild Zitatanfang: “Der Nationalsozialismus als System und der Holocaust als Spezifikum stoßen im Meinungsbild auf Ablehnung, die Mittäterschaft von Österreichern ist ab den späten 70er Jahren durchaus – und zwar mehrheitsfähig – anerkannt, trotzdem reklamieren die Befragten einen kollektiven Opferstatus, trauen den Erkenntnissen der Wissenschaft nicht, sahen sich in den 90er Jahren nicht befreit, sondern auf der Seite der Verlierer und wollen vor allem – so die Analyse zur “Relevanz von Gedenken und Erinnern” – daran weder gedenken, noch erinnern, noch erinnert werden.” Zitatende.

In dem Gespräch im Café Eiles über den Tod des Promis. Nicht die Personen. Das Gespräch erinnert sich. Der Tod tritt als Abholer auf. Die Sprechenden liefern den Toten aus. Ohne einen Augenblick an eine Gegenwehr zu denken, wird die möglichst rasche Abholung als richtig mitgedacht. Eine erinnerungslose Abholung soll das werden. Möglichst im Schlaf. Oder sehr schnell. Über das Leben wird gar nicht gedacht. Daß es ums Leben gehen könnte, kommt den Sprechenden gar nicht in den Sinn. Leben, das ist Unversehrtheit. Die Definition von Unversehrtheit ist komplex und ändert sich. Aber. Jede Versehrung verwirkt das Leben. Es wird nicht der Wert des Lebens gedacht. Die zur Disposition stehende Unversehrtheit bedingt die Lebensberechtigung. Wenn die Personen sich nicht erinnern können. Oder wollen. Der unbearbeitete Antisemitismus am Grund unserer Kultur ist als Kontinuum immer da, den Gedanken die entsprechende Färbung zu verleihen. Die Sprechenden dieser Szene müssen sich selber in ihrer eigenen Vorstellung die Lebensberechtigung auf eine diffuse Ganzheit reduzieren. – Keine Schmerzen. Keine Abhängigkeiten. Genußfähigkeit. – Sie müssen am Beispiel des prominenten Toten sich selber den Totenschein ausstellen. Und der ist von Sauberkeit getragen. Und von einem Sich Selber Wegräumen.

Zitat: “… und wollen vor allem – so die Analyse zur “Relevanz von Gedenken und Erinnern” – daran weder gedenken noch erinnern noch erinnert werden.” Zitatende.

Nun ist es von Leben zu Leben verschieden, wie persönliches und nationales Schicksal ineinander verstrickt sind. Diese Verstrickung aber Patriotismus nennen zu wollen und eine einfache Affirmation dieser Tatsache durch die Verschiebung von Gedenken zu Gedanken herstellen zu wollen. Das bedeutet, den von Rudolf Burger so herbeigesehnten Schlußstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Das bedeutet die Räume der Vergangenheit erneut zu versiegeln. Das Gedenken, das im Erinnern von etwas alle Erfahrungsmöglichkeiten mobilisiert, durch ein Denken über etwas mit der Entferntheit der Historisierung zu ersetzen. Und. Im Sinnspruch der TV Werbung für diese Umbenennung des Gedenkjahres in ein Gedankenjahr. “Laßt uns gemeinsam nachdenklich sein.” Wird diese Umbenennung von der Beschreibbarkeit der Historisierung wieder in die Gefühlsaufladung eines Nachdenklichen geführt. Die Formel scheint mir zu sein: Man entzieht dem Blick auf die Vergangenheit die Empathie des Gedenkens, behauptet den Herrschaftsblick auf unveränderbare Geschichtsräume in einem zur Kenntnis nehmenden Denken an die Geschichte und läßt in diesem Denken dann esoterische Gefühle zu. Dann. Als beruhigende Glasur.

Sentimentalität ist das. Eine nostalgiegeladene Sentimentalität, die von der Unerreichbarkeit des Vergangenen ausgeht. Eine absolut gesetzte Unverändertheit ist das dann, die hier als durchaus gewünscht angenommen werden kann. Eine einmal gedachte Geschichte und mit dem Einmal Denken erledigt. Aber. In der Passage zum Nachdenklich Sein. – Es wird in einem solchen Satz ja ein Prozeß beschrieben. Ein, die Nachdenklichen in einem Werden einfassender Prozeß ist das. Die, die nicht nachdenklich werden und dann sein möchten. Oder können. Zum Beispiel weil der Gegenstand der Nachdenklichkeit realer Bestandteil ihrer Biographie ist. Die sind ausgeschlossen. Sanft sind sie das. Sehr unbemerkt funktioniert dieser Ausschluß über social advertising im ORF Fernsehen.

Aber. Diese Versuche, die Belastung des Gedenkens abzumildern. Therapeutisch abzufedern. Diese Versuche vollziehen das, was schon das zu Gedenkende verursacht hatte. Ausschluß. Die Ausgeschlossenen. Die Opfer. Sie werden beraubt. Wieder. Und das ungewußte Wissen von dieser Beraubung erzählt sich in der Selbstberaubung wieder. Aus diesem ungewußten Wissen leiten die ältere Dame und der Kellner im Café Eiles für sich die Ausgrenzung als nicht mehr Ganze ab. Minderwertigkeit zieht solche Ausgrenzung nach sich. Und als moderne Staatssubjekte vollziehen diese Personen den Ausschluß an sich selber. Vorauseilender Nachvollzug.

“Daran weder gedenken noch erinnern noch erinnert werden.”

Wer gedenkt und erinnert und sich erinnern läßt. Ich wurde zu einer Rundfunkdiskussion mit Wolfgang Lorenz eingeladen. “Weil ich doch sicher Einwände hätte”, wurde gesagt. Einwände gegen die 25 Peaces. Einwände gegen die Gedanken der Politiker und der Politik im Gedankenjahr. Und weil es schön wäre, eine Frau die Einwände einwenden zu haben.

Wolfgang Lorenz ist Leiter der Abteilung Planung und Koordination im ORF Fernsehen. Er koordinierte das Programm des Grazer Kulturhauptstadtjahrs. Er war der Mann hinter dem von der Regierung und Sponsoren bezahlten Unternehmen der 25 Peaces. Ein Mann mit großer Sprechmacht also. Ein Koordinator von Öffentlichkeit. Ein Gespräch über seine Koordinationen zum Gedankenjahr sollte stattfinden. Das Gespräch dauerte etwa 50 Minuten. Gesendet wurden 15 Minuten.

Wolfgang Lorenz ging in seinem ersten Statement davon aus, daß die “Jungen” das alles nicht interessiere mit der Geschichte und dem Gedenken und daß man ihnen die Geschichte deshalb schmackhaft machen müsse. Einwand von mir: Schwieriges entschwierigen ist Lüge. Geschichte ist kein Unterhaltungsprogramm. Und unsere schon gar nicht. Entschwierigung dazu immer herablassend. Lorenz: Ja. Das könne ich behaupten. Er wüßte aber, was er tue. Er habe schließlich 3 Kinder. Einwand von mir: Das wäre das Zahnarztargument. Alfred Maleta erzählte immer wieder, daß er, wenn er im Parteivorstand etwas durchsetzen hatte wollen, sagte, daß sein Zahnarzt auch seiner Meinung sei. Und dann lachte Maleta jedesmal schallend. Weil dieses Argument immer gewirkt hatte. Also. Weil einer oder eine Kinder habe, wäre einem oder einer die Jugend an sich noch nicht bekannt. Im übrigen könne er ja seine Kinder herablassend behandeln und denen alles schmackhaft aufbereiten. Aber kein Event brächte die Geschichte als Erlebnismöglichkeit zurück. Und es ging doch um Politik. Die Beantwortung der Frage, wie sich eine Bombennacht anfühlte. Das brächte doch keinerlei Wissen über die Zusammenhänge der Geschichte. Eintauchen in die Erfahrung. Nachstellen einer Erfahrung. Das wäre doch die Strategie der Gegenreformation. Er nähme halt Schallwellen und Lichtgewitter statt goldener Wolken und süßer Musik. Lorenz: Ja. Ich hätte doch keine Ahnung. Er. Wolfgang Lorenz. Er habe ganz allein dieses Gedankenjahr erfunden. Diese Bezeichnung wäre von einer Zeithistorikerin erfunden. Er stehe dazu. Nach wie vor. Er wäre begeistert von diesem Label. Und. Er habe nach einer Sitzung im Bundeskanzleramt diese 25 Peaces vorgeschlagen. Sonst wäre nämlich gar nichts passiert. Niemand hätte etwas machen wollen. Und das war nur ein Jahr davor. Das war im Jahr 2004. Wenn so etwas ordentlich gemacht werden sollte, dann müßte man das mindestens zwei Jahre vorher beginnen. Mein Einwand: Man hätte es dann vielleicht nicht machen sollen. Schnell schlecht gemacht, muß eine Aktion genauso verantwortet werden. Und meinetwegen hätte dieses Programm nicht stattfinden müssen. Lorenz: Ja. Das wirkliche Problem wäre doch. Und da wurde Wolfgang Lorenz sehr ernst. Das wirkliche Problem wäre doch die Geschichte davor. Er habe die Geschichte davor nie begreifen können. Er wüßte auch nicht, wie das den “Jungen” vermittelt werden könnte. Er könne nicht einmal in die Nähe dieser Angelegenheit denken. Mein Einwand: Er trage doch mit seiner Aktion der 25 Peaces ganz deutlich dazu bei, daß die Geschichte davor. Daß die noch weiter weg rückte. Daß die noch weiter in die Verdrängung verschoben würde. Und daß die Beschäftigung mit der Geschichte davor ein fürchterliches Unterfangen sei. Daß nicht so nebenbei zu erledigen wäre. Daß schwere persönliche Folgen nach sich ziehe. Daß sich aber doch die meisten österreichischen Autoren und Autorinnen damit befaßten. Und daß es doch eine Zeitgeschichte gäbe, die daran arbeite. Daß man dieser Forschung vielleicht Raum bieten hätte sollen. Einwand der ORF-Redakteurin: Es würde doch jetzt ein Haus der Geschichte geben. Mein Einwand: Die Disneylandisierung der Geschichte wäre auch nur eine Vergessenstechnik. Die Forschung der Zeitgeschichte müßte gefördert und ausgebaut werden. Er wäre zufrieden, sagte Wolfgang Lorenz. Er habe sein Bestes getan. Und man hätte eben etwas tun müssen. Und dann zog er sein Sakko wieder an.

In einem strategischen Oszilieren zwischen persönlicher Betroffenheit und öffentlichem Auftrag, also öffentlichem Sprechen, war Wolfgang Lorenz auf keinen Einwand von mir eingegangen. Ich hatte auf seine persönliche Betroffenheit in Bezug auf die Shoa reagiert und war darin auf ihn hereingefallen. Wie sich dieses Gespräch dann in der Ausstrahlung angehört hatte ist ganz gleichgültig. Ich hatte die Erfahrung gemacht, daß es meine Argumente nicht gab. Wieder einmal. Daß ich meine Argumente nicht sichtbar machen kann. Daß mit diesem Betroffenen an der Geschichte davor vorbeidenken ein abgesonderter Raum hergestellt werden kann, in dem das andere Argument als Außenwand fungiert. Als ein Außen, das ein Innen begrenzt und in der Funktion der Abgrenzung das Argument unsichtbar macht. Das Argument ist so ständig anwesen. Eine bedrohliche Anwesenheit ist das, die das Innen wärmt. Der Gegner. Die Person, die das andere Argument äußert. Die wird durch das Argument überlagert und dahinter unsichtbar. Das Argument ist das Medium der Unsichtbarkeit. Der Unsichtbarkeitsmachung. Im Studio AR2 in der Argentinierstraße war ohne großen Aufwand die undemokratische Binnensituation des Lagerdenkens hergestellt worden. Aus der dann ja auch die Gestaltung des Gedenkjahres schon entstanden war. Ein kleiner Einblick in das Funktionieren der Macht war das und wie die Träger der Macht sich ihre Gefühle leisten. Bevor sie ihre Sakkos wieder anziehen. Wie sie sprechen und wie sie handeln und wie sie das Auseinanderklaffen nicht sehen müssen. Wie sie die Inkongruenz leugnen. Leugnen können. Und wie die anderen zu anderen werden und in dieser Verwandlung zum Verschwinden gebracht werden.

Ich bin keine große Anhängerin von Verschwörungstheorien. Aber daß im ORF niemand gegen ein Vorstandsmitglied die Stimme erheben wird. Damit kann gerechnet werden. Ich ging von diesem Gespräch weg, als wäre ich bei einem Verhör gewesen. Auf der Argumentationsebene war das jedenfalls der Fall. Ich war verhört worden. Umgehört. Nicht gehört. Kein Einwand war gehört worden. Es ging um nichts als die Präsentation von Wolfgang Lorenz. Die wird gelungen sein. Ich habe mir das Ergebnis nicht angehört.

Die Situation aber. Dieses vollkommene Innen, das das Außen nur als Druckmittel der Verdichtung nach innen benötigt. Diese Situation kenne ich aus Parteiveranstaltungen. In meinem Fall biographisch bedingt mehr von der ÖVP. Und je näher zur Macht und je intimer, umso emotionaler dieses unbedingte Innen. Das keinen Blick zurück erlaubt. Es sei denn im Pathos der Parteigeschichte. Diese Unbedingtheit des Innen läßt Sicherheit nur noch da vermuten. Alle Unsicherheit. Alle Angst. Sie kann nach draußen. Nach Außerhalb des Innen verschoben werden. Da aber ist sie dann. Und jederzeit eine Überflutung. Die Angst davor drängt alle noch einmal mehr im Innen zusammen. Das ist Immersion. Das ist vollkommenes Eintauchen. So wird bedingungsloses Gemeinsam geschmiedet. Die Augenblicke der Angstlosigkeit sind nur in diesem Gemeinsamen mehr zu finden. Dieses Innen benötigt die Ablehnung von Gedenken, von Erinnern und von Erinnert Werden. Diese Ablehnung ist zwingende Voraussetzung für das sichere Innen. Vereinzelung im Denken. Demokratisierung. Geschichtswissen. Das alles würde dieses Innen auflockern und entdichten. In einem “Laßt uns gemeinsam nachdenklich sein” wird zunächst nur das Zusammensitzen in der Kirche nachgestellt und als Teil dieser Innenexistenz mitgeliefert.

“Weder gedenken noch erinnern noch erinnert werden.”

Am Dienstag, dem 5 Juli hätten wir in der Reihe “Untrügliche Zeichen von Identität” zur “Aktualität österreichischer Selbstdarstellung” von 17.30 bis 20.00 Uhr im Sommercamp der Politischen Akademie der ÖVP den Kurs “Zurück zu mir. Ich entrümple mein Leben:” absolvieren können. Die Veranstaltung ist als special ausgewiesen. Ich zitiere aus der Veranstaltungsbroschüre: “Im Laufe eines Lebens sammelt sich vieles an. Manches trage ich immer mit mir. Anderes füllt Schränke in Wohnung, Dachboden und Keller. Gerümpel habe ich auch in Seele und Geist angesammelt. Wie kann ich Vergangenes, Abgestorbenes und Nutzloses entsorgen? Auch den Schutt aus Beziehungen? Wie kann aus Mist wertvoller Dung werden? Überlegen Sie mit August Höglinger gemeinsam, wie sie Ihr Leben entrümpeln können, damit in Ihnen und rund um Sie herum wieder ordentlich aufgeräumt ist!” Zitatende.

Vergangenes, Abgestorbenes und Nutzloses. Ein Hausputz mit den entsprechenden Putzmitteln. Mist wird zu Dung. Abgestorbenes und Nutzloses. Gerümpel. Schutt. Mist. Dung. Ja. Das Rad der Geschichte ist mehr als 200 Jahre zurückgedreht. Jedenfalls weit vor die Psychoanalyse. Und wie lebt es sich als Träger von Vergangenem, das Abgestorbenes und Nutzloses ist. Schutt und Mist. Ich denke, das Gespräch vom Beginn dieses Texts könnte hier nahtlos angeschlossen werden. Personen mit so benanntem Innenballast werden sich nicht sehr wertvoll vorkommen können. Aber. Sie können das faulige Innen nach außen projizieren. Auf Frauen. Auf Ausländer. Auf Juden.

“Daran weder gedenken noch erinnern noch erinnert werden.”

Zu Beginn des Gedenkjahres. Auf dem Stephansplatz, der mittlerweile ja wieder zu einem Ort der Spiritualität werden soll. In der Auslage des Humanic Geschäfts läuft das Video mit dem Werbespot, in dem ein vollkommen angezogener Mann eine Frau in BH und Slip mit, von ihr bereitwillig angenommenen Handschellen ans Bett fesselt. Er tut das aber nicht, um eine kleine Privatphantasie auszuleben. Nein. Er fesselt die Frau ans Bett, damit sie nicht so viele Humanic Schuhe kaufen kann. Gewalt. Das scheint das einzige Mittel gegen die Verschwendungssucht zu sein. Verführung das einzige Mittel, sie zu ihrem Besten mittels Handschellen ruhig zu stellen. Die Szene dieses Werbespots ist eine Überwältigung. Eine Überwältigung der Frau. Sie zeichnet sich durch eine Inkongruenz der dramatischen Mittel aus. Handschellen gegen Schuhkauf. Und. Es ist ein Bestrafungsmotiv eingebaut. Die Frau muß für ihr törichtes Kaufverhalten bestraft werden und zu ihrem Besten und dem Besten seiner Geldbörse vom Produkt ferngehalten werden. Es wird ja auch noch behauptet, der Mann habe zu bezahlen und könne daraus das Recht der Fesselung ableiten. Die Verführung in die Fesselung als Betrug an der Frau wird als weiteres Instrument ihrer Zurichtung angewandt.

Auf dem Stephansplatz. Immer und immer wieder wiederholt sich die Szene. Der Mann über die Frau geworfen. Mit den Handschellen winkend. Die Frau verführt willig. Die Frau durch ihre Willigkeit überlistet und allein zurückgelassen. Zur Strafe. Die Frau bäumt sich im Bett auf. Versucht sich aus ihren Fesseln zu befreien. Der Mann hat die Tür hinter sich geschlossen. Kleine Mädchen stehen vor der Auslage. Sie stecken den Finger in den Mund und schauen dem Treiben zu. Kleine Buben starren in die Auslage. Die jungen Eltern wenden sich weiter. Immer wieder betrachten Menschen den Ablauf und gehen dann weiter. Von Palmersplakaten erzogen und von den Zensurdiskussionen verunsichert, ziehen alle ihrer Wege. Alle scheinen zu wissen, daß das, was hier gesehen werden muß. Das Video läuft in einer Auslage an einem der begangensten Plätze Wiens. Alle scheinen zu wissen, daß das alles so ist. Daß das so richtig ist. Oder. Daß es sinnlos ist, sich darüber aufzuregen. Pornographie ist nur noch ein Mittel, die Spießer vermeintlich von den Nichtspießern zu trennen.

Was aber erzählt eine solche Szene. Woran erinnert sich diese Szene für Zuseher und Zuseherinnen. Welche Funktion hat die hierzulande gerade noch nicht vollends explizite Pornographisierung des öffentlichen Raums. Es geht natürlich nicht um Sex. Das scheint allen erinnerlich. Es geht um den Wert. Es geht um Macht. Die Sexualität der Macht ist die Macht. Geschlecht. Das bleibt an die Machtlosigkeit gebunden. Macht ist nicht sichtbar. Geschlecht wird als Machtlosigkeit sichtbar gemacht. Im vollkommen privatisierten öffentlichen Raum wird mittlerweile jede Darstellung von Sexualität eine Darstellung der Machtlosigkeit. In einer Nostalgie der Geschlechterhierarchie beschränkt sich das gerne auf das Weibliche. Männlichkeit kann sich immer noch ins Hegemoniale verkrallen und dort unsichtbar machen. Die Wertlosigkeit des sexualisiert dargestellten Körpers beträfe jedes Geschlecht. Wir bekommen in der Altmodischheit der hiesigen Öffentlichkeit halt meistens weibliche Körper vorgeführt. Das erleichtert den Männern, ihre eigenen Ohnmachten braver zu verkraften. Betroffen sind alle. Die Würde aller. Jene Würde nämlich, die die Grundrechte formuliert. Einen Akt sexueller Überwältigung als Werbemittel unkommentiert passieren zu lassen. Das bedeutet schon, daß die Erzählung bekannt ist. Und daß sie weitergeschrieben werden kann.

Die Abwehrlosigkeit gegenüber solchen Würdeeinschränkungen. Wo kommt dieses den Einspruch verhindernde schlechte Gewissen her. Woher kommt dieses selbstverständliche Einverständnis, daß diese Erzählung in endloser Wiederholung erzählt wird.

Es kommt natürlich alles aus der gut gelernten Grammatik des Ausschlusses, mit der wir hier aufwachsen und leben. In den Beiträgen zur Restitution der Klimtbilder findet sich dann auch sofort das entsprechende Beispiel. Unbewußt, weil unerinnert und ungehoben wird diese Grammatik wirksam. Die Benutzer wissen gar nichts. Müssen nichts davon wissen, welcher Mittel sie sich bedienen. Es ist ja nichts bekannt. Es kann ja nichts bekannt sein, wenn daran weder gedacht noch erinnert noch erinnert wird.

In der Zeitung Die Presse stehen in einem Porträt – es ist übrigens ein von sexistischen Klischees getragenes Porträt und trägt sich so schon dem Wohlbehagen des Ausschließens aus dem patriarchalen Innen an. – Es steht da geschrieben. Ich zitiere: “Die ganze Haltung des Paares Bloch-Bauer hatte auch mit der Emanzipation des Judentums zu tun, man wollte einen anderen Weg gehen als das Establishment. Der Weg endete in Vertreibung und Vernichtung.”

Subjekt des ersten Satzes ist die Haltung. Durch ein indefinites Zahladjektiv wird die Haltung umfangen. Ungeduldig so. Parallelausrufe sind vorstellbar. Wie: “Das ganze hat ja nur damit zu tun.” “Was soll das Ganze.” Die ganze Haltung. Das ist eine lakonische und ein bißchen herablassende Einfassung. Stünde: Die Haltung des Paares. Das Paar wäre eindeutig als Autor ihrer Haltung wahrzunehmen. “Die ganze Haltung des Paares.” Sie hatte mit der Emanzipation des Judentums zu tun. Ein diffuser Zusammenhang wird durch die Hervorhebung des Dativobjekts mittels des “auch” hergestellt. Die “ganze Haltung” hatte “auch”. Während die Haltung insgesamt gesehen wird, bekommt die Assimilation des Judentums eine Hervorhebung, die noch andere Beweggründe offen läßt. “Auch zu tun”. Die ganze Haltung des Paares Bloch-Bauer hatte auch mit der Emanzipation des Judentums zu tun. Das Paar wird durch seine Haltung repräsentiert. Ist grammatikalisch im Besitz seiner Haltung und diese wird nun mit der Emanzipation des Judentums verknüpft. Mit der Emanzipation des Judentums. Ein Paar. Die Haltung des Paares. Und ein großer geschichtlicher Vorgang. Über Jahrhunderte hingezogen. Eine Geschichte, die wir gar nicht kennen. Die in unserer hegemonialen Herrschaftsgeschichte gar nicht vorkommt. Aber hier. Hier muß diese Geschichte die Haltung des Paares Bloch-Bauer bedingen. Abstrakt und umfassen. Nun wird der Satz fortgeführt. Es wäre richtig, nach diesem Satz einen Punkt zu machen und den nächsten Hauptsatz zu beginnen. Es wird aber nur ein Komma gemacht und so der innere Zusammenhang der beiden Sätze formal betont. “Man wollte einen anderen Weg gehen als das Establishment.” Aus der “ganzen Haltung” und ihrem “auch etwas mit der Emanzipation des Judentums Zusammenhang entsteht eine Konsequenz. Die Haltung der Emanzipation des Judentums ging nicht den Weg des Establishments. Der Vorwurf der fehlenden Anpassung wird in das indefinite “man” verpackt. Es wäre auch möglich zu sagen, die Bloch-Bauers wollten einen anderen Weg gehen als das Establishment. Das “man” läßt diese kleine Abkehr von den Bezeichneten zu. Dieses “man wollte es ja nicht anders”. Und das Establishment. Man und Establishment stehen im gleichen Fall. Sie sind Entsprechungen, die durch ein Ortsobjekt getrennt werden. Der andere Weg trennt das Man, hinter dem die ganze Haltung des Paares Bloch-Bauer, die auch etwas mit der Emanzipation des Judentums zu tun hatte vom Establishment. Man wollte einen anderen Weg gehen. Und weil der anders war, als der des Establishments. Deshalb kommt es zur Katastrophe. Der Weg endete in Vertreibung und Vernichtung. Subjekt. Prädikat. Raumergänzung. Das Subjekt wird der Weg. Das Geschehen vollendet sich am Subjekt. Das Subjekt aber ist der Weg. Und weil der anders war, als der des Establishments. Deshalb kommt es zur Katastrophe. “Der Weg endete in Vertreibung und Vernichtung.” Subjekt. Prädikat. Raumergänzung. Der Weg ist das Subjekt. Das Geschehen vollendet sich am Subjekt. Das Subjekt aber ist der Weg. Das Paar Bloch-Bauer, das schon zu Beginn nur durch seine Haltung grammatikalisch zur Erscheinung kam, wird grammatikalisch unter dem Weg als Subjekt begraben. Nicht sie enden. Der Weg endet. Die Personen, die vernichtet wurden, die sind grammatikalisch nie auf die Repräsentationsebene gebracht worden. Die sind schon in der Konstruktion ihrer Beschreibung vernichtet gewesen. Das ist Erinnerung. Das ist die Erinnerung, die niemand erinnern muß, weil sie immer erinnert ist. Weil sie sich immer erinnert. Juden sind vernichtet. Deshalb wird nicht einmal die Existenz vor der Vernichtung unvernichtet und selbstmächtig berichtet. Das Paar Bloch-Bauer. Taucht in der Nacherzählung gar nicht mehr als Subjekt auf. In einer feuilletonistischen Schreibweise, die sich auf Variationenreichtum als Stilmittel beruft und in Wahrheit damit Textpolitik betreibt. Diese Schreibweise ruft aus dem Unterbewußtsein immer die richtige Variation auf. Damit beschreibt sich eine wahrere Wahrheit, als die Schreibenden sich wissen können. Und bedient sich einer Erinnerung, die sich vor lauter Erinnerung nicht erinnern kann. Nicht will. Nicht darf. Dafür wird ein Begriff von Kulturgut konstruiert, der sich des Besitzes der Klimtbilder berechtigt sieht, wie die Nazis das schon taten. Mit dem Kauf des Bildes sollte die Arisierung legalisiert werden. Nachvollzogen.

Dieser Beitrag erschien in: Martin Wassermair/Katharina Wegan (Hrsg.), rebranding images. Ein streitbares Lesebuch zu Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Österreich, Studienverlag (2006)

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