So ist das Leben – Folge zehn.
Barbara hatte gleich wieder aus dem Haus hinaus laufen wollen. Sie gingen nach links in eine Stube, in der eine Eckbank und ein großer Tisch gerade Platz hatten. Ein Fernsehapparat war an der Wand hoch oben befestigt.
Wie in einem von diesen kleinen Hotelzimmern. Ein Regal mit Büchern rund um die kleinen Fenster auf den Weg zum Gartentor durch den Gemüsegarten. Eine Flinte gegen den Türrahmen gelehnt.
Aber es war nicht die Enge. Es war der Geruch. Die Frau hieß Barbara, sich an den Tisch zu setzen. Und ob Barbara auch einen Kaffee haben wolle. Die Frau ging aus dem Zimmer. Barbara setzte sich auf die Eckbank und überlegte. Es roch nach Spital. Nach Lysol und Urin. Aber es war noch etwas Süßes in diesem Geruch. Barbara atmete durch den Mund. Sie wollte gerade aufstehen, die Bücher genauer anzusehen, da kam die Frau mit Kaffee und Keksen. Wie Barbara denn nun hierhergeraten wäre und wie es komme, daß sie auf der Straße dahergekommen wäre, die aus den Feldern käme. Da, wo Barbara hergekommen wäre. Da wäre ja nichts. Und Barbaras Hose hätte diesen langen Riß. Barbara solle doch erzählen, was das alles bedeute.
Barbara schaute in den Kaffee. Was konnte sie dieser Frau erzählen. Daß sie mit einem Arschloch mitgefahren war, weil ihr ein anderes Arschloch den versprochenen Job ohne Angaben von Gründen abgesagt hatte. Daß sie eine Künstlerin war, die von allen Seiten ohnehin nur hörte, daß sie es ja nur durchstehen mußte. Daß das so war. Daß das für alle so war. Man ertrug und betrug und arbeitete sich nach oben und dann war man oben und dann konnte man sagen, daß das Leben eben so sei. Barbara sah sich um. „Ja.“ sagte die Frau. Sie hätte sich ihr Leben auch anders vorgestellt. Sie lehnte sich zurück und schaute auf die Decke hinauf. Sie hatte gedacht, daß es genügen würde, zu arbeiten. Hart zu arbeiten. Und was Barbara zum Papst sage. Barbara schaute die Frau fragend an. Sie wüßte nicht, was sie meine. Ob Barbara denn nicht gehört habe, was der Papst zum Islam gesagt habe. Und für sie, sagte die Frau. Für sie sei das alles noch einmal doppelt so schwierig. Sie sei ja nun eine Deutsche geworden. Aber daß ihr die Katholiken bis in den Ruhrpott nachschleichen würden. Das war nicht zu erwarten gewesen. Und irgendwie wäre es ja auch nicht erstaunlich, daß ein deutscher Katholik so genau wüßte, warum der Islam abzulehnen sei. Ein bayrischer.
Barbara konnte nur nicken. Der österreichische Kardinal würde das nie so gerade heraus sagen. Da könnte man sicher sein. Meinen müßte er es aber genauso. Die Frau schüttelte den Kopf. Da wäre sie nun aus diesem Dorf in der Steiermark geflüchtet. Da hätten die älteren Frauen sich die jungen Kapläne aufgeteilt. Da wären die Frauen beim Paramentensticken gesessen und hätten nur über die Kapläne geredet und welche ihn wie. Und den Kaplänen. Die hätten sich da so durchtreiben lassen und wenn es ein Kind gegeben hatte, dann waren sie versetzt worden. Sie wäre froh gewesen, wie sie da draußen gewesen war. Und jetzt hätte man wieder diese katholische Geschichte am Hals.
Barbara fragte, ob der Tisch und die Bank noch aus der Steiermark wären. Die Frau nickte. Barbaras handy piepste. Sie solle nur nach ihrer SMS schauen, sagte die Frau. Sie müsse ohnehin nach dem Vater sehen. Die Frau ging aus dem Zimmer und Barbara hörte sie über sich auf und ab gehen und mit jemandem sprechen.
Nadine hatte gesimmst, daß sie einem von diesen rechten Politikern beim Servieren ein Abführmittel in den Drink gegeben hätte und daß sie jetzt ein schlechtes Gewissen habe. Aber dann auch wieder nicht. Und daß ihr das Sorgen mache. Das fehlende schlechte Gewissen. Aber es sei ja nun deren Schuld, daß der Vladi weggegangen war. Und sie sei zu erschöpft mit ihren drei Jobs, sich sehr zu grämen. Aber sie habe doch sehr abgenommen und manchmal dächte sie, sie wüßte nun genauer, wie sich ein burn out Syndrom anfühle. Und überhaupt könne man in Österreich nur in einer schlammigen Depression versinken. In den Medien würde nur darüber gestritten, ob diese Natascha Kampusch nun ein Opfer war oder doch eine Schwindlerin. Und im Grund waren alle dieser jungen Frau die öffentliche Aufmerksamkeit neidig. Und ob Barbara sich an die Wirtin vom Goldenen Reichsapfel erinnern könne. Die, die sich immer aufgeregt hatte, daß immer nur über die Holocaustopfer gesprochen worden war, wo doch bei ihnen auch das Dach gebrannt hatte. Von einer Bombe. Und Nadine mußte aufhören. Sie mußte sparen. Den Posten für Psychiatrie in der Sonderstrafanstalt hatte die Tochter von einem Magistratsbeamten bekommen. Nadine mußte ihre ärztlichen Fähigkeiten erst einmal weiterhin auf ihre Kundinnen im Nagelstudio anwenden.
Barbara hörte von oben ein heftiges Poltern und einen Aufschrei. Barbara saß da und überlegte, ob sie ihre Hilfe anbieten sollte oder davon laufen. Ein Mann kam in die Stube. Wer sie sei und was sie da wolle, fragte er barsch.
Fortsetzung folgt.