So ist das Leben – Folge siebzehn.

Barbara hatte dann doch nicht das Projekt mit den Koalitionsfotos für ihr Diplom eingereicht. Die Gruppenfotos vor den Verhandlungen zeigten eine Abfolge von hierarchischen Geschwistersituationen, in denen Schüssel darauf bestand, den kleinen Wahlerfolg der Linken in eine Demütigung zu verwandeln.

Das war die einfache Situation des abwesenden Vaters, für den die Söhne in Stellung gingen, sich als die jeweils Besseren zu präsentieren. Barbara konnte sich keine Möglichkeit vorstellen, diesen abwesenden Vater zu vermitteln, der eine Mischung aus Gott, Kaiser und austrofaschistischem Trachtenanzug war. Barbara hatte herausgefunden, daß es 1936 ein Gesetz gegeben hatte, das den Trachtenanzug in Salzburg als Beamtenuniform vorschrieb. Das Gesetz war dann weit bis in die 70er Jahre in Kraft geblieben. Dieser Trachtenanzug war wie alle Uniformen zu einem Teil eine Vorstellung von Tradition und zum anderen eine Neuerfindung. Trotzdem wurde der Trachtenanzug nach wie vor als aus alten Zeiten überkommene Tracht Bestandteil einer Identität. Barbara hatte nämlich bei einer Trachtenhochzeit fotografiert.

Eine Kundin von Nadine aus dem Nagelstudio hatte dringend jemanden für diesen Job gesucht. Der Vater der Braut hatte sich geweigert, den teuren professionellen Hochzeitsfotografen zu bezahlen, der 1500 Euro für eine komplette Serie verlangt hatte. Der Vater der Braut hatte insgesamt die Kosten für diese Hochzeit nicht verstehen können. Er war aber ein Gemeinderat in einer der kleinen Städte bei Wien und konnte es sich deshalb nicht leisten, die ganze Hochzeit umzuorganisieren. Seine Frau drohte mit einer Zeitungskampagne im Bezirksblatt. Sie hätte offenlegen wollen, daß ihr Mann ihr das Wirtschaftsgeld jeden Tag beim Frühstück Groschen für Groschen ausbezahlte und daß er nun 27 Jahre jeden Abend von ihr verlangt hatte, sich über den nachgemachten Barocksessel im Schlafzimmer zu bücken und sich nachher mit “Das war sehr schön, das hat mich sehr gefreut, Majestät” zu bedanken. Vorher hätte sie nicht schlafen gehen dürfen. Diese Frau hatte Nadine gesagt, daß sie noch die Hochzeit ihrer Tochter abwarten wollte. Danach wollte sie weg. Aber die Hochzeit mußte unter allen Umständen großartig werden. Das wenigstens hatte diese Frau für ihre Tochter herausschlagen wollen. Bei der Hochzeit waren alle in Tracht gewesen. Das hatte der Vater verlangt, damit man seine Verbundenheit mit seinem Wahlkreis so richtig sehen könne. Der Bräutigam hatte deshalb einen Trachtenanzug anhaben müssen, wie er 36 in Salzburg erfunden worden war. Grünes Paspoil an den Ärmeln unten. Breite grüne Lampassen an den Hosen seitlich. Und ein grüner Spiegel am Kragen. Die Braut hatte sich dem Dirndl mit Hilfe eines cremefarbenen Miederkleids entzogen. Alle anderen Frauen hatten lange Dirndln an und die Männer diese Trachtenanzüge. Barbara beschloß, etwas über die Kleidung zu machen. Es war doch erstaunlich, daß offenkundig in all diesen Kleiderkästen Dirndl hingen. Oder Trachtenanzüge. Bei welchen Leuten hing das. Und waren das dieselben, die dann ab einem bestimmten Alter diese Hüte aufhatten, die man aber nur noch in Geschäften außerhalb des Gürtels bekommen konnte. Barbara überlegte, ein Projekt über diese Hutmenschen zu machen.

Seit sie auf der Welt war, gab es immer unbestimmt ältere Personen, die diese Hüte trugen. Es mußten also immer wieder Personen dieses Huttragen aufnehmen und in einer Art Staffettenlauf das Huttragen für die zu alten oder verstorbenen Hutträger weiterführen. In welcher Sprache wurden Hüte und Dirndl oder Trachtenanzüge gekauft und was bedeutete das Tragen dieser Kleidung. Vertrugen sich Hutträger und Trägerinnen miteinander. Bildeten sie eine Gruppe, die in einer besonderen Sprache miteinander verkehrten und sich von den anderen absonderten. Barbara hatte in der U-Bahn nichts davon bemerkt. Manche ältere Leute mit Hut äußerten sich gegen Ausländer. Manchmal durchaus lautstark. Andere mit Hut standen schweigend daneben und schienen diese Äußerungen nicht unterstützen zu wollen. War es ein anderes soziales Merkmal, das diese Personen verband. War es ganz einfach eine Sehnsucht nach Schutz und Behütetheit. Barbara belegte einen Kurs für Interviewtechnik bei einem interdisziplinären Projekt von Geschichte und Soziologie am zeitgeschichtlichen Institut. Auch Nadine fand das toll und sagte, sie wollte, sie könne so etwas Sinnvolles machen. Aber im Nagelstudio führe sie eigentlich ein Aufnahmegespräch nach dem anderen mit den Kundinnen. Nadine ging es aber nicht so gut.

Die Mama war bei der Tante Pauli gut untergebracht. Der Vater war in die ReHa geschickt worden. Es war dann doch ein kleiner Herzinfarkt gewesen. Nadine und Barbara befürchteten, daß die Mutter ihn zurücknehmen würde, weil er jetzt ein Pflegefall war und weil sie nicht wollte, daß das Haus an die Irmi Kramreiter fiele. Aber der Vladi hatte sich nun schon zwei Wochen nicht mehr gemeldet und Nadine wußte nichts mehr von ihm. Der Vladi war einfach verschwunden. Nadine sagte, daß er in Österreich so schikanös behandelt worden war, daß sie verstehen müsse, daß er sie nicht mehr wolle. Die Tante Pauli sagte, daß sie dann nicht traurig sein solle. Die Tante Pauli sagte, daß man traurig sein sollte, weil alle diese Leute, die schon die ganze Zeit alles falsch gemacht hatten, daß die jetzt von der ÖVP die Koalitionsverhandlungen führten. Nadine und Barbara fanden die Tante Pauli da übertrieben. Die Geschichte mit dem Vladi war der Nadine schon wichtiger, als diese Ministerin. Der einzige Trost für Nadine war weiterhin, daß sie sich ausschlafen konnte. Nadine überlegte, ob das reichen konnte. War das alles, was sie im Leben erreichen würde können, daß sie ihr Recht auf Schlaf verteidigen hatte können.

Fortsetzung folgt.

blank info