So ist das Leben – Folge sechzehn

Nadines Vater war es dann ganz plötzlich sehr schlecht gegangen und er hatte sie alle noch einmal sehen wollen. Die Mutter beschwor Nadine, ihm den Abschied nicht zu verweigern.

Nadine rief dann die Tante Pauli an und die sagte auch, daß sie besser kommen sollte. Sie solle sich keine Vorwürfe machen müssen, wenn sie dann den Vater doch nicht mehr ein letztes Mal gesprochen hätte.

Nadine rief in der Praxis an und wollte Dr. Handtler um einen freien Tag bitte. Sie wollte noch gleich am Donnerstag vom Nagestudio weg zum Bahnhof. Mit dem Nachtzug ersparte sie sich die Hotelkosten, wenn sie noch am Abend wieder zurückfuhr. In der Ordination konnte sie nur die Schwester Elfi erreichen. Die sagte, daß Nadine am Samstag zu ihrem Vater fahren solle. Nadine sagte, daß es dann zu spät sein konnte und daß sie gleich fahren mußte. Darauf antwortete die Schwester Elfi, daß Nadine sich dann gleich die Kosten für die Fahrt ersparen könnte und Nadine solle nur ja am Freitag zur Arbeit in die Praxis kommen. Die Schwester Elfi konnte nicht einsehen, warum sie die ganze Arbeit machen solle. Und im übrigen bräuchte Nadine schließlich noch die Bescheinigung über ihre Ordinationsmitarbeit. Da müßten nur ein paar Daten nicht eingetragen werden und Nadine könne schauen, wie sie zu ihrer Bescheinigung käme. Und der Dr. Handtler. Der wäre so überlastet. Der könnte sich sicherlich nicht erinnern, wann Nadine da gewesen war und wann der Horst. Nadine konnte das nicht glauben. Ihr wurde schlecht und sie mußte sich auf dem Clo vom “House of Nails” verstecken. Sie konnte das alles Kim und Agnieszka gar nicht erzählen. Nadine genierte sich, in was für einer Gesellschaft sie lebte, in der es besser war, der Vater starb schnell und sie ersparte sich eine Bahnfahrt Wien-Innsbruck.

Die Tante Pauli rief dann an und sagte Nadine, daß es dem Vater wieder gut ginge und daß er einfach an Panikattacken litt. Die Tante Pauli dachte, daß er so sein schlechtes Gewissen besser aushalten würde. Der Vater hatte das Bergbauernhaus der Großmutter ohne einen der anderen Erben zu fragen an einen Makler verkauft. Der Makler hatte das schöne uralte Holzhaus abgetragen und es war in Kitzbühel wieder aufgestellt worden. Eine Industriellentochter hatte es für ihren jüngeren Mann zum Trost gekauft, damit der sich nicht kränkte, wenn er nicht wieder Finanzminister werden sollte, weil er zwischen alle Stühle geraten war. Der Makler hatte aber dem Vater dann erst einmal nur eine kleine Anzahlung gegeben und war jetzt nicht mehr zu finden. Es hatte sich herausgestellt, daß der Vater nur eine email Adresse dieses Mannes hatte und die Industriellentochter konnte einen gültigen Kaufvertrag mit einer Immobilientreuhandfirma vorlegen. Der Vater mußte aber noch die Erbschaftsteuer und die Miterben bezahlen.

Nadine konnte am besagten Freitag in der Ordination auftauchen. Sie hatte sich die Formulare für die Bescheinigung ihrer Ausbildung in der Ordination Dr. Handtler in der Drucksortenabteilung der Ärztekammer besorgt. Sie legte Dr. Handtler alle Formulare zur Unterschrift vor. Dr. Handtler unterschrieb und sagte, daß es ihm leid tun werde, wenn Nadine nicht mehr bei ihm arbeite. Nadine sei jetzt schon eine sehr gute Ärztin und ihre Mitarbeit werde ihm fehlen. Nadine freute sich sehr über die Anerkennung. Die Schwester Elfi wollte ihr dann erklären, daß das alles nicht so gemeint gewesen war und daß es ihr schließlich nur um das Funktionieren der Ordination ginge und daß schließlich alles an ihr hinge. Nadine schaffte es, nicht auf den selbstmitleidig vorwurfsvollen Ton dieser Frau einzugehen und in einer sachlichen Art weiterzuarbeiten.

Am Wochenende fuhren Nadine und Barbara dann in die Wachau und gingen in den Weinbergen über der Donau spazieren. Das Weinlaub leuchtete grüngold in der Herbstsonne. Sie besprachen Barbaras Projekt für ihr Diplom an der Akademie. Barbara wollte etwas mit den verschiedenen Gruppenfotos der Koalitionsverhandlungen machen. Nadine war froh über die Ablenkung. Der Vladi hatte eine Woche lang nicht angerufen. Nadine mußte die ganze Zeit daran denken, daß ihm etwas Schreckliches passiert sein könnte. Oder daß er eine andere gefunden hatte und sie nie wieder von ihm hören würde.

Fortsetzung folgt.

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