So ist das Leben – Folge neun.
Nadine hatte am Vormittag im Nagelstudio dem Mann einer ÖVP Ministerin die Maniküre machen müssen. Der Mann war eigentlich ein Kunde von Kim.
Aber Kim war nicht zur Arbeit gekommen und sie hatten sich ihre Termine untereinander aufgeteilt. Das machten sie immer so, wenn eine nicht konnte. Die Besitzerin von “House of Nails” hatte 8 Filialen zu betreuen und erfuhr nie, wenn eine einmal ausgefallen war.
Der Mann hatte ihr gesagt, daß sie ihm schon immer aufgefallen wäre und daß er immer schon wissen wollte, warum sie hier arbeite. Die kleinen Asiatinnen hätten doch ein Monopol auf diese Arbeit, meinte er und wie sie es angestellt habe, in dieses Monopol einzubrechen. Dann hatte er gelacht und gesagt, daß er eigentlich gar nichts wissen wolle. Denn ihm gehe es so hervorragend. Für ihn könnte immer Wahlkampf bleiben. Seine Frau wäre nur noch in diesem Wahlkampf unterwegs und er könne jeden dieser schönen Spätsommerabende mit seinen Jagdkumpels auf der Terrasse sitzen oder ins Revier fahren. Er könne ihr gar nicht schildern, was er für ein tolles Leben führe. Aber er habe es eben auch gut gemacht. Mit den Beziehungen seiner Frau habe er die wirklich guten Jagdpachtverträge mit den Bundesforsten abschließen können und Geldsorgen konnte es auch nie wieder geben. Mit so einer Politikerpension. Damit hätte man die Grundlage und irgendetwas könne er immer dazuverdienen. Irgend so einen Versicherungsvertrag. Der gelänge dann am Abend auf der Jagdhütte auch noch. Und er könne nicht verstehen, daß nicht alle Leute das Leben so sähen wie er. Er sagte “Küß die Hand” zu Nadine und vergaß auf das Trinkgeld. Kim hätte ihn daran erinnert.
Nadine hatte dann einen Termin mit Dr. Dorfer gehabt. Die Frau hatte ihr aber nicht genau sagen können, ob die Kollegin in der Karenz bleiben wollte oder doch zurückkommen wollte. Sie hatte Nadine dann den Posten fast versprochen. Nadine würde dann in der forensischen Psychiatrie arbeiten. An einer Strafanstalt für Sexualtäter. Nadine hatte Internistin werden wollen. Allgemeinmedizinerin. Sie durfte gar nicht daran denken. Sie kam sich vor wie ein Mündel, das den Vormund gar nicht kannte. Nicht kennen durfte, der aber trotzdem über sie bestimmte. Einen Augenblick hatte sie die Vorstellung, dieser Ministergatte bestimme heimlich über sie und zwänge sie, aus Mangel an Ausbildungsplätzen in dieses Fach zu gehen. Sie hatte kein Interesse an so extremen Konstellationen und sie fühlte sich ausgesetzt. In den Zeitungen stand, daß Österreich in der Frage der Akademikerausbildung gerade noch vor der Türkei am Ende der OECD Staaten lag. Nadine mußte die Zeitung in der U-Bahn gleich wieder weglegen. Wenn sie so etwas las. Oder wenn sie lesen mußte, daß in spätestens 5 Jahren ein Ärztemangel entstanden sein würde. Und wenn sich für sie dann nie etwas änderte. Und wenn sie jetzt ohne besonderes Interesse diese Ausbildung anfangen mußte und keine Wahl mehr treffen konnte.
Nadine wollte den Posten in der Strafanstalt mit Dr. Handtler besprechen. Aber es waren so viele Patienten in der Ordination. Es war keine Zeit und Nadine war fast nur mit Verwaltungskram für die Krankenkassen beschäftigt. Es mußte jedes verschriebene Medikament in mehrere Formulare eingetragen werden. Nadine lernte bei Dr. Handtler hauptsächlich, wie ein Arzt, der viel arbeitete, das gegenüber der Krankenkasse erklären mußte, gegenüber der Ärztekammer verteidigen. Am Ende bekam dann alles ohnehin die Steuer. Er hätte doch Chirurg werden sollen, seufzte Dr. Handtler jeden Abend und daß ein normaler Arzt es gerade nur noch so schaffe. Die Privilegien hätten nur die Bosse in den Kliniken. Und wenn es wenigstens einen fixen Steuersatz gäbe und man nicht am Ende des Jahres draufkommen müßte, daß man zu viel verdient hätte und deshalb weniger für einen übrig bliebe. Wegen des höheren Steuersatzes. Aber sollte er Patienten wegschicken. Nadine bekam bei solchen Sätzen besonders heftige Anfälle von Zukunftsangst und konnte nichts dazu sagen. Sie hatte ja nun nicht einmal irgendwelche Probleme wegen ihres eigentlichen Berufs.
Nadine war es dann in der Nacht bei Goldener’s zu viel. Sie zapfte Bier und schenkte Wein ein. Zwei Männer saßen an der Bar und sprachen so laut, daß sie es hören mußte. Zuerst waren sie total gut drauf und lachten und sprachen davon, daß sie alles schaffen würden. Dann war der größere Mann weinerlich geworden. Sein Wechsel in die Politik. Das wäre ja seine Rettung. Wahrscheinlich. Aber seinen Kampf. Den hätte er nun nicht gewonnen. Er hätte es nun nicht geschafft, die Gefahr der kriminellen Supermarktkassierin zu bannen. Die kriminellen Supermarktkassierinnen könnten weiterhin mit ihren Komplizen die Supermärkte bestehlen und im grund sei man da machtlos. Der Mann bestellte das nächste Glas “Rüscherl rot”. Sie müsse das verstehen, beugte er sich Nadine zu. Das wäre das einzige Problem, das er als Billa Chef nicht lösen habe können. Das mit den klauenden Kassierinnen. Die hätten seinen Slogan ja eigentlich pervertiert. Die hätten aus dem “Ja. Natürlich.” die Berechtigung abgeleitet, die vollgefüllten Einkaufswagen an der Kassa vorbeiführen zu lassen und die Supermarktkette um Tausende zu betrügen. Um Abertausend. Alle Überwachung habe diesen Schwund nicht kleiner machen können. Nadine dachte an die Frauen an den Supermarktkassen. Wie sie die Waren über die Scanner zogen und wie man sie dann nicht mehr antraf, wenn sie die ersten Bandagen über ihre Handgelenkte oder Ellbogen tragen mußten. Und wieder neue und jüngere Frauen an ihrer Stelle saßen. Nadine mischte jedem der beiden Männer ein Löffelchen Glaubersalz in den Drink. Den Westenthaler hatte sie zuerst gar nicht erkannt. Aber auf den Wahlplakaten lächelte er so starr, als hätte er Verstopfung. Und dem Quereinsteiger aus der Wirtschaft würde eine kleine Abführung auch nicht schaden. Nadine bekam ja ohnehin nichts vom Trinkgeld in der Bar.
Das Glaubersalz hatte sie für die Mutter in der Tasche gehabt. Nadine wollte, daß ihre Mutter sich durchuntersuchen und wenigstens eine Darmspiegelung machen ließ. In der Familie der Mutter waren fast alle an Darmkrebs gestorben. Die Mutter sagte, daß sie nichts machen wolle und daß eine Existenz wie die ihre doch ohnehin besser beendet werden sollte. Für Personen wie sie. Für die gäbe es in diesem Land doch ohnehin keinen Platz. Die Tante Pauli hatte sich angesagt. Nadine freute sich auf sie. Aber von Barbara hatte sie tagelang nichts gehört. Sie machte sich Sorgen. Aber Barbara hatte gesagt, zu den Wahlen nach Wien zurück zu kommen.
Fortsetzung folgt.