So ist das Leben – Folge fünfzehn.

Nadine hatte dann doch die Angebote in Schweden und in England genauer angesehen. Sie hatte bei Goldener’s aufgehört. In der Wahlnacht hatten sie noch gefeiert, nachdem die Gäste dann endlich draußen waren.

Der Freddi hatte sich zu Nadine gesetzt und gesagt, daß er es toll fände, wie rasch sie sich eingearbeitet habe und daß er sehr froh sei, ihr die Bar mittlerweile auch allein überlassen zu können. Nadine hatte sich gefreut und gesagt, daß das nun doch der Beginn einer wunderbaren Partnerschaft sein könnte. Sie hatte gar nicht gleich ans Trinkgeld gedacht, sondern an eine Aufteilung der schwächeren Wochentage. Bis zum Donnerstag genügte eine Kraft hinter der Bar und sie hätte gerne einen oder zwei Abende ganz übernommen und dann vielleicht noch am Wochenende einen. Sie wollte nicht mehr jeden Abend in der Bar arbeiten. Die langen Nächte in der rauchigen Luft kosteten sehr viel Kraft und Nadine wollte wieder Zeit für Kultur haben und in ein Konzert gehen. Oder etwas lesen. Oder nur zu Hause sitzen. Jetzt, wo die Mama nicht mehr in der Wohnung war und die Barbara wieder in ihrer WG wohnte, hatte sie wenigstens den Raum, über ihr Leben nachzudenken. Der Freddi beugte sich über den Tisch und fragte sie, was sie damit meine. Mit einer Partnerschaft. Nadine sagte, daß das doch ganz einfach sei. Wenn sie die Arbeit gleich gut mache wie er. Und das habe er ihr schließlich gerade gesagt. Dann müßte sie doch auch die gleiche Position bekommen. Das wäre doch logisch so. Nadine hatte da noch gar nicht bemerkt gehabt, wie aggressiv der Freddi schon war. Sie lächelte den Freddi an und meinte, daß es doch hier nicht um einen Beziehungskonflikt ginge, sondern um eine coole Geschäftssache. Der Freddi hatte sich dann noch weiter zu ihr herüber gebeugt und sie angeblitzt. Das müsse sie schon ihm überlassen, wie er das mit den Trinkgeldern entscheide und der Fredl, der Kellner im Lokal, sagte zu ihr, daß sie doch froh sein solle, wenn sie diese Arbeit machen könne. Der Fredl durfte kassieren und war natürlich an den Trinkgeldern beteiligt.

Er kam oft zu spät und er war zweimal gar nicht aufgetaucht und Nadine hatte seine Arbeit übernehmen müssen. Nadine sagte das. Und daß das doch nicht korrekt sei. Da beugten sich beide Männer über sie. Wie sie auf die Idee komme, eine Beteiligung zu verlangen. Man wäre sehr zufrieden, wie sie das mache und es wäre den beiden auch eine Beruhigung, daß eine Ärztin da arbeite. Falls ein Gast einmal ein Problem haben sollte. Da wäre es sehr beruhigend, daß sie diese Ausbildung habe. Aber sonst solle sie sich zurückhalten und es sei die Sache der beiden Männer, ihr eine Beteiligung anzutragen. Verlangen könne man so etwas nicht. Dann holte der Fredl für den Freddi noch ein Bier. Die Freundinnen von den beiden Männern hatten die ganze Zeit zugehört und grinsten Nadine schadenfroh an. Nadine nahm ihre Tasche und ging. Es war von Anfang an so eine Stimmung gewesen. Als müßte sie sich dafür bedanken, den Zigarettenrauch dieser beiden Männer einatmen zu dürfen. Nadine wünschte sich ein OECD Schiedsrichterteam, das wie beim Fußball bei so einem Gespräch die Fouls pfiff. Dabei gehörte die Bar gar nicht dem Freddi oder dem Fredl, obwohl die beiden so taten. Nadine ging gleich noch in der Nacht wieder in das Internet Café und druckte sich die Formulare für die Arbeit in England oder in der Schweiz aus. Schweden konnte sich Nadine nicht vorstellen. Sie dachte zwar, daß es da sehr fair zugehen würde, aber sie konne sich nicht vorstellen, noch eine Sprache zu erlernen. Wenn sie sich das vorstellte, dann hatte sie das Gefühl, keinen Atem für neue Worte zu haben.

Im Haus in der Gumpendorferstraße hatte es eine Revolution gegeben. Der Sektionschef hatte die Hausverwaltung an eine Hausverwaltungsfirma übergeben und die hatte zuerst einmal von jedem Mieter 200 Euro für die Hausverwaltung abkassiert. Dann waren Forderungen für Nachzahlungen gekommen. Die Parteien im vierten und im fünften Stock waren dann am Morgen nach der Wahl vor die Tür vom Sektionschef gezogen und hatten gegen den Lärm protestiert. Der Sektionschef hatte dann gleich seine Hausverwaltung angerufen und der Direktor war dann aufgetaucht. Der hatte ausgesehen wie ein richtig feister Putto mit weißgewordenen Locken. Er stand im grauen Anzug den Hausbewohnern in ihren Morgenmänteln und Pyjamas gegenüber. Im Dachgeschoß ratterten die Preßlufthämmer und die Flex kreischte. Man habe eine Genehmigung, behauptete der Mann von der Hausverwaltung. Er sei nun schon Jahrzehnte Direktor im Hausverwaltungsgewerbe und so etwas habe er noch nicht erlebt. Eine solche Umkehr der Verhältnisse. Da waren dann aber alle sehr sauer geworden. Man wolle diese Genehmigung sehen, war verlangt worden. Wie man zu so einer Genehmigung überhaupt kommen könne. Da handle es sich doch wieder um eine von diesen Freunderlwirtschaften. Die Genehmigung war dann nicht produziert worden und der Sektionschef und sein Hausverwalter hatten zugeben müssen, daß alles, was sie da machten, ungesetzlich war und daß die Baugenehmigung noch gar nicht erteilt worden war. Der Direktor von der Hausverwaltung hatte dann flehentlich gebeten, nichts zu unternehmen. Diese Ausländer. Die, die da Arbeit hätten. Denen wollte doch niemand von den Mietern schaden. Nadine war da doch recht sprachlos gewesen. Es war sehr interessant zuzusehen, wie dieser Mann ihnen etwas vorspielte. Sie war erstaunt, wie wenig es dieser Person wichtig war, ernst genommen zu werden. Diesem Mann ging es nur um die Erreichung seiner Ziele. Was von ihm gedacht wurde, das war ihm vollkommen gleichgültig. Und dann war es doch atemberaubend, daß die Ausländer nun als Argument für den Sektionschef herhalten mußten und daß es am Ende darum ging, bei einer rechten Koalition dann schon mit dem Umbau fertig zu sein, damit die Ausländer in aller Ruhe ausgeschafft werden konnten. Nadine war aber dann über den Kompromiß froh. Die lauten Bauarbeiten sollten in Zukunft erst um acht Uhr beginnen. Nadine war nach Monaten wieder ausgeschlafen.

Am besten lief es für Nadine im Nagelstudio. Ihre Leistungen wurden da anerkannt und es gab klare Abmachungen mit den Kolleginnen. Der Vladi hatte wieder angerufen. Es lief nicht so gut für ihn in London wie er sich das vorgestellt hatte, aber Nadine sollte einmal kommen und sich umsehen.

Nadine ging oft zu Barbara. Barbara war aus Deutschland voller Energie und tatkräftiger Wut zurückgekommen. Nadine hoffte, sich mit dieser Tatkraft anzustecken wie mit einer ansteckenden Krankheit.

Die Tante Pauli sagte, daß die Roten jetzt ein historische Chance hätten, diesem Land einen Kulturumschwung zu verpassen. Aber die linken Männer hätten so eine Tendenz zum melancholischen Brüten und sie sollten endliche diese kleinbürgerlichen Aufsteigerbelastungen hinter sich lassen.

Die Mutter blieb jetzt einmal bei der Tante Pauli. Der Vater war im Krankenhaus und wußte nicht, wie er in sein Haus zurückkommen sollte. Die Irmi Kramreiter hatte ihren Bruder in das Haus der Eltern geholt und alle Schlösser waren ausgewechselt.

Fortsetzung folgt.

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