So ist das Leben – Folge elf.
Nadine hatte lange mit dem schlechten Gewissen zu kämpfen gehabt. Jedesmal wenn sie zu Goldener’s ging, fürchtete sie, daß ihr jemand entgegen kommen würde und sie zu einem Verhör mitnehmen wollte.
Sie hatte mit den fürcherlichsten Vorstellungen zu kämpfen, was das Glaubersalz mit den rechten Politikern angestellt hatte. Barbara hatte ihr geSMSt, daß analretentive Leute solche Hilfen benötigten und daß sie das als ein konzeptuelles Kunstprojekt betrachten müsse. Das hatte Nadine kurz beruhigt. Dann aber hatte sie Angst bekommen, weil sie das alles so unverhüllt geSMSt hatte. Wenn man sie belangen wollte, dann mußten nur ihr SMS Speicher durchwühlt werden.
Auf dem Weg zu Goldener’s hatte sie dann den Sohn vom Sektionschef getroffen. Sie waren einander auf der Stiege begegnet. Der Sohn hielt sie auf. Es täte ihm leid, daß die Bauarbeiten jetzt schon um 6 Uhr jeden Morgen begännen und er sei sicher, daß niemand im Haus schlafen könne. Aber diese Bauarbeiten müßten erledigt sein, bis sein Papa in die Pension ging. “In die Pension abschwirren” sagte der Sohn aus der dritten Ehe des Sektionsschefs. Nadine hatte mit der Mama zusammen gerätselt, ob nun alle drei Frauen des Sektionschefs eine Pension bekommen würden, oder ob sie die dann untereinander teilen mußten. Die Tante Pauli hatte auch gemeint, daß der Staat die Vielweiberei dieser Männergeneration aktiv unterstützen würde.
Der Sohn vom Sektionschef hatte Nadine dann gefragt, ob bei ihr noch dieser Ausländer wohne und was sie so mache. Sie hatte ihm von ihren drei Jobs erzählt, damit sie nichts über den Vladi sagen mußte. Der junge Mann hatte ihr zugehört und dann gelächelt. Daß das doch großartig sei, hatte er dann gesagt. Sie habe sich dann doch wenigstens die weitere Arbeit an ihrer Ausbildung gespart. Wenn sie schon keine Chance hätte, ihren Beruf als Ärztin auszuüben, dann sollte sie auch wenigstens nicht die Arbeit haben, diesen Beruf vollends zu erlernen. Da wäre es doch gleich viel praktischer, daß sie sich auf ihre neuen Karrieren konzentrieren konnte. Dann war er nach oben gelaufen. Er müsse die Bauaufsicht beaufsichtigen, hatte er gesagt. Bei diesen billigen Ausländern, da könne man nie richtig sicher sein.
Nadine hatte alle Kraft gebraucht, dem Mann nicht mit der Faust in sein lächelndes Gesicht zu schlagen. Sie hatte ihm sagen wollen, daß sie eine so schwierige Ausbildung nicht begonnen hatte, um sie dann nicht beenden zu dürfen. Wenigstens war sie ein Paar Tage allein gewesen und hatte in Ruhe vor sich hinheulen können. Der Vater hatte Tabletten genommen und die Mutter war zu ihm ins Landeskrankenhaus gefahren. Der Vater war sehr froh gewesen, daß sie gekommen war. Er hatte wegen einer Steuerprüfung nicht mehr weiter gewußt. Die Mutter hatte aber nicht im Haus übernachten können. Die Irmi hatte alle Schlösser auswechseln lassen und der Vater hatte der Mutter im Krankenbett gesagt, daß er sich jetzt um diese Dinge gar nicht kümmern könne. Die Mutter war dann bei der Tante Pauli geblieben. Da war die Mutter wenigstens in ihrem geliebten Tirol und die Tante Pauli würde ihr schon das richtige raten.
Von Vladi hatte Nadine nichts mehr gehört. Aber der Vladi hatte ihr gesagt, daß er sich aus Sicherheitsgründen nicht melden würde. Wenn er nicht existiere, dann könne er auch nicht deportiert werden. Sie solle jedenfalls nicht mit ihm in Verbindung gebracht werden. Aber sie solle sich keine Sorgen machen, hatte er gesagt. Nadine machte sich nur Sorgen. Nadine schleppte sich zu Goldener’s. Sie hatte auch ein schlechtes Gewissen, weil doch andere Personen diese Berufe auch ausübten. Sie wollte die Frauen im Nagelstudio oder die Serviererinnen im Goldener’s nicht diffamieren. Sie bemühte sich, nie zu sagen, daß sie das nur als Überbrückung mache. Aber den Psychiatrieposten in der Strafanstalt hatte sie wieder nicht bekommen und sie hatte langsam das Gefühl, daß sie sich für ihre Ziele genieren mußte und daß es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie ihre Absichten selber aufgab und sich in ihr jetziges Leben zurückfallen ließ. Nadine wußte nicht, wie lange sie noch warten konnte und sie war unglücklich jetzt allein in der Wohnung zu sein und sich ihren Schmerzen so hingeben zu können.
Bei Goldener’s stand Nadine hinter der Bar und schenkte chilenischen Chardonnay ein. Sie dachte, daß sie es nun nicht einmal mehr genießen konnte, wenn irgendetwas stimmte. Während die Wohnung so überfüllt gewesen war, hatte sie sich nach Ruhe gesehnt, aber die Ruhe jetzt bedeutete nur, daß der Vladi flüchten hatte müssen und daß die Mutter weiter nicht zu ihrem Recht gekommen war.
Nadine SMSte an Barbara, daß sie dringend kommen solle. Der ältere von den rechten Politikern wäre gerade wieder in die Bar gekommen und sie habe das Glaubersalz noch immer nicht aus der Tasche getan. Der Mann kam lächelnd an die Bar. Sie wisse doch sicher noch, was er wolle. Sie sei doch eine von diesen intelligenten jungen Frauen, die sich so etwas merkten. Nadine begann ein “Rüscherl rot” zu mischen. War das eine Aufforderung gewesen, die Mischung vom letzten Mal zu wiederholen?
Fortsetzung folgt.