So ist das Leben – Folge eins.

Nadine war dann wieder nach Hause gegangen. Sie hatte gehofft, bei dem Fotoshooting das Geld für die Miete zu verdienen. Oder wenigstens einen Teil davon.

Aber dann hatte sich herausgestellt, daß nur das Fahrgeld bezahlt worden war. Die Frau mit dem Clipboard hatte gesagt, daß es umsonst sein sein sollte, mit dem Bundeskanzler fotografiert zu werden. Sie hatten sich alle auf die Albertinastiegen hinsetzen müssen und die Fotografin und die Frau von der Agentur mit dem Clipboard hatten sich unten hingestellt und sie gemustert. Dann war der Bundeskanzler von hinten gekommen und hatte sich oben auf die oberste Stufe gesetzt. Die Fotografin und die Frau von der Agentur hatten dann zwei junge Frauen und einen Mann zu ihm hinaufgeschickt. Alle anderen mußten wieder gehen. Die Frau von der Agentur hatte Nadine dann noch eine Visitkarte gegeben und gesagt, sie solle anrufen. Nadines Gesicht sei zu aufffällig. So ein Gesicht könnten sie auf einem Wahlplakat nicht brauchen. Das lenke vom Kanzler ab und passe nicht in einen Wahlkampf. Da bräuchten sie so normale Gesichter. Nette Gesichter. Frische Gesichter. Aber für andere Produkte. Da könne sie sich Nadines Gesicht schon vorstellen. Oben auf der Stiege saßen die drei Ausgesuchten und der Kanzler und die Fotografin stand vor ihnen und sagte etwas.

Nadine hatte für die Zeit des Fotoshootings ihren Platz im Nagelstudio an Jessica Weinström weitergegeben. Die hatte ihr Medizinstudium gerade erst beendet und gleich im Nagelstudio zu arbeiten begonnen. Nadine wartete jetzt eineinhalb Jahre auf ihren Turnusplatz in der Klinik und hatte bei Dr. Handtler im 3. Bezirk eine halbe Praxislehrstelle. Dr. Handtler zahlte ihr dafür freundlicherweise 150 Euro. Vorgeschrieben waren nur 120 Euro. Aber sie mußte sich die Stelle mit dem Neffen von Dr. Handtler teilen. Die Schwester Elfi hätte es gerne gesehen, daß der Volker die ganze Stelle bekommen hätte und richtete Nadine deshalb immer nur die Hälfte von Dr. Handtler aus. Aber das hatte Nadine im Griff. Sie hatte gelernt im voraus zu wissen, was Dr. Handtler benötigen würde und der Volker brauchte die Schwester Elfi, um das heraus zu finden. Die Patienten spielten da keine große Rolle. Aber dann, wenn sie wirklich arbeiten würde, dann wollte sie das alles nachholen.

Nadine dachte, daß sie wieder bei dem Mann vorbeischauen sollte, der die Ausbildungsstellen für Ärzte vergab. Sie war jetzt ein halbes Jahr im Nagelstudio und es war alles irgendwie gegangen. Aber jetzt. Wenn die Mama bei ihr in der Gumpendorferstraße wohnen blieb. Die Mama hatte kein Einkommen. Bis die Dinge mit dem Vater geregelt waren, hatte die Mama nichts. Sie hatte selbst die Mutter bedrängt, den Vater zu verlassen. Die war dann aber erst gegangen, wie der Vater sie gewatscht hatte. Er hatte ihr vorgeworfen, daß sie seine Mutter nicht gut genug gepflegt hatte. Die hätte so lange leben müssen, bis Die die Erbschaftssteuer abgeschafft hätten. Die Irmi Kramreiter hatte er gleich ins Haus genommen, nachdem die Mutter nach Wien zu Nadine gefahren war. Mehr als 300 Euro waren aber für die Mama nicht drin, wenn sie nicht zulassen wollte, daß er das Häuschen verkaufte. Die Mutter hatte das Häuschen mit dem Vater gemeinsam gebaut und es war ein Heiligtum für sie. Aber der Vater würde es ohnehin der Irmi vermachen. Da war Nadine sicher. Und die Tante Pauli hatte gesagt, daß Die mit der Erbschaftssteuer nur anfangen würden, damit sie dann die Grundsteuer erhöhen könnten und dann könnte ohnehin keiner mehr sein Haus behalten. Dann würden sie alle immer übersiedeln müssen. Wie in Amerika.

Nadines Cousine Barbara hatte gemailt, daß ihr Projekt am Museum Wilhelm abgesagt worden war. Sie war da angekommen und der Kurator hatte ihr gesagt, daß er die Sache lieber lassen wolle. Der Direktor hatte ihr keinen Termin gegeben. Sie säße nun in Köln und könne nicht nach Wien zurück. Ihren Platz in der WG in Wien habe sie über den Sommer vermietet, und sie hatte mit dem Geld vom Museum gerechnet. Das Projekt war fix abgemacht gewesen, aber natürlich gab es nur mündliche Abmachungen und als Künstlerin konnte sie sich mit einem so mächtigen Museum ohnehin nicht anlegen. Ob sie nach Wien zu Nadine kommen könne.

Nadine hatte Barbara eine SMS geschickt, daß ihre Mutter bei ihr in die Gumpendorferstraße eingezogen wäre und daß der Vladi ja auch noch da sei und daß sie nur mehr Platz auf dem Boden im Zimmer habe. Die Mutter schlafe in der Küche. Barbara hatte zurück geSMSt, daß sie es in Köln versuchen würde. Sie hätte sich für das Casting für eine dieser Shows gemeldet. Da bekäme sie eine Woche lang das Essen vom Buffet umsonst.

Fortsetzung folgt.

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