So ist das Leben – Folge dreizehn.
Nadine hatte dann nichts gemacht. Sie hatte diesem Quereinsteiger den Drink ohne Glaubersalz serviert und sich nicht mehr um ihn gekümmert. Sie schrieb Barbara gleich noch eine SMS, daß Barbara sich keine Sorgen machen solle.
Sie würde nun nicht aus Verzweilfung strafffällig werden. Nadine hatte länger nichts von der Mutter gehört. Aber die wollte der Tante Pauli keine Kosten verursachen und telefonierte deswegen nur selten. Das handy hatte die Mutter dem Vater überlassen. Nadine befürchtete, daß der Vater das wieder ausnützen würde. Die Mutter war aber nicht einmal von der Tante Pauli davon abzubringen. Die Mutter nannte das Liebe, wenn sie sich vom Vater ausnützen ließ. Nadine beneidete die Mutter manchmal. Die hatte kein gutes Schicksal. Aber sie hatte eines. Sie selbst. Nadine. Sie hatte bis jetzt nichts vorzuweisen. In ihrem Alter hatte ihre Mutter ein Kind gehabt und sie hatte mit dem Vater gemeinsam versucht, einen kleinen Betrieb aufzubauen. Ihre Eltern hatten alles gemacht, damit Nadine es einmal besser haben sollte. Aber Nadine hatte nicht einmal mehr ein Schicksal. Sie war wahrscheinlich besser angezogen als ihre Mutter in ihrem Alter, weil es Firmen wie H&M gab. Oder Zara. Die Frauen ihrer Generation konnten ihre Armut hinter diesen schicken, billigen Klamotten verbergen. Niemand mußte sehen, daß sie kein Geld hatte. Sie mußte es nicht zeigen. Deswegen wurde sie ernst genommen und von solchen Leuten wie diesen rechten Politikern angemacht. Dabei versteckte sie ihren Abstieg in den Kleidern, die von anderen armen Leuten gemacht wurden, damit die aufsteigen konnten. Nadine hatte einen Mann aus der Wirtschaft in einer talk show gehört, der gefragt hatte, was denn schon dabei sei, wenn es Kinderarbeit gäbe. Diese Kinder könnten dann immerhin essen. Der Mann aus der Wirtschaft hatte sich sehr gut gefühlt bei diesem Satz. Das hatte man ihm ansehen können. Einer Globalisierungsgegnerin hatte er dann vorgeworfen, einfach zu empfindlich zu sein und immer etwas Schlechtes finden zu wollen.
Nadine war dann allein in der Wohnung gesessen. Sie war um drei Uhr am Morgen nach Hause gekommen. Sie hatte dann doch noch zwei Vodkas mit Freddi trinken müssen. Sie hatte auf die gute Zusammenarbeit anstoßen müssen und Freddi hatte gesagt, daß sie ihren Job bald so gut machen werde, daß er sich das mit dem Trinkgeld überlegen müsse und sie beteiligen. Es zeige sich eben, daß eine gute Ausbildung sich bezahlt mache. Er hatte das als Kompliment gemeint.
Nadine hatte dann plötzlich das Gefühl gehabt, daß sie unter einer großen Last vergraben wurde. Diese große Last war gerade dabei, sie unter sich zu begraben. Nadine wollte schlafen. Sie wußte aber, daß um 6 Uhr die Bauarbeiten oben beginnen würden und daß das Zahnarztbohrergeräusch der Flex beim Schneiden von Metall und Stein jeden Schlaf verhindern würde. Schon bei der Vorstellung des Baulärms hätte Nadine weinen können. Nadine bekam Angst. Nadine war nicht sicher, ob sie diese Nacht gut überstehen konnte. Sie ging lieber aus der Wohnung hinaus.
Nadine wanderte durch die Straßen. Was sollte sie tun. Was konnte sie tun. Überall wurde ihr gesagt, daß sie warten solle. Sie sollte nur noch ein wenig warten und dann würde sich alles regeln für sie. Und dann fragte man sie, was sie denn wolle. Es ginge ihr doch nicht richtig schlecht und es gäbe doch Leute, denen es richtig schlecht ginge. Nadine ging den Naschmarkt entlang. Am Ende die riesigen Plakatflächen mit den Wahlplakaten. Der Kanzler mit diesem knappen Lächeln. Der mußte nichts fühlen. Das war nicht anders als beim Vater. Der hatte auch nie etwas verstanden. Nur dem war es nicht gelungen. Aber er würde aus nichts etwas lernen können, weil die als Buben in der Sakristei sich die Hostien aus der Lade nehmen hatten können. Die mußten nichts mehr lernen, die waren eingeweiht gewesen. Die Geschichten vom Vater aus der Ministrantenzeit. Das waren seine Kriegsgeschichten. Hitler war auch Ministrant gewesen.
Nadine las die Sprüche auf den Plakaten. Warum war ihr das alles so widerlich. Es war alles so, wie es zu erwarten gewesen war. Wie immer waren die Kommunisten die einzigen mit politischen Plakaten und sozialen Themen. Alle anderen Parteien warben für Gefühle. Nadine hätte Vereinbarungen gewollt. Sie hätte klare Vereinbarungen wissen wollen und nicht über Stimmungen abstimmen wollen. Die Regierungspartei machte Tourismuswerbung. Wer sie wählte, durfte sich im eigenen Land dann wohlfühlen. Die Rechten wollten, daß man in ihren Ausländerhaßverein eintrat und bei der Wahl allen Selbsthaß in ein kleines Kreuz verwandelte. Waren diese Islamverfolger sich der Symbolik eigentlich bewußt. Die Sozialdemokraten boten sich als Vermittler an und versprachen Fairness. Ließ sich eine wild gewordene Wirtschaft mit Regeln aus dem Sport zähmen.
Nadine stand auf der Straße. Die Nacht war kühl. Hinter dem Lichtschein der Stadt waren Sterne am Himmel zu sehen. Nadine schaute hinauf. Die Last auf ihr war auch im Freien nicht geringer. Oder war sie wegen der Wahlplakate wieder so beschwert. Nadine konnte sich plötzlich nicht mehr vorstellen, wie sich etwas ändern sollte. Sie hatte plötzlich die Vorstellung, in eine riesige Lawine verstrickt zu sein, die einem Abgrund zustrebte und sie war so von dieser Lawine umgeben, daß sie kein Gefühl mehr hatte, wo sie endete und wo diese Lawine begann. Sie wußte nur, daß der Abgrund näher kam. Irgendwie war Nadine alles vertan. Sie war am Ende, obwohl sie nie etwas angefangen hatte. Jedenfalls nicht richtig. Nadine hatte bisher nie das Leben beginnen können, das sie sich für sie selbst vorgestellt hatte.
Nadine stand vor den Wahlplakaten. Sollte sie dem Kampf für sich selber hier aufnehmen. Sollte sie sich weiter gedulden und warten oder sollte sie sich zugeben, daß man hier keinen Platz für sie hatte. Sollte sie nicht endlich zugeben, daß man sie hier nicht wollte und daß es ihr hier nie besser gehen würde, weil es ihren Eltern gerade so gut gegangen war, sich das für sie zu wünschen. Mußte sie nicht einfach zugeben, daß ohne totale Anpassung in diesem Land niemand gewollt wurde. War das Vodkatrinken mit Freddi. Waren das nicht die erniedrigenden Zulassungsrituale, ohne die es nicht ging. Wenn sie sich selber nun nicht zusehen wollte, wie sie ihrer Zurichtung wiederum mit der erwarteten Fröhlichkeit zusah, dann mußte sie weg. Nadine machte sich auf die Suche nach einem Internetcafé. Sie wußte eines in der Liniengasse, das die ganze Nacht offen hatte. Ärzte wurden in England, Schweden, Holland und der Schweiz gesucht. Sie hatte sich viel zu lange diesem Land angetragen. Sie mußte weg. Oder?
Fortsetzung folgt.