So ist das Leben – Folge achtzehn.

Nadine war dann doch in London gewesen. Mitfahrgelegenheiten und Ryan Air hatten diesen Ausflug erlaubt. Sie war für 16 Stunden da gewesen und am nächsten Morgen wieder zurück. Eigentlich war sie nur über London geflogen und dann in Stanstead geblieben.

Nach London war sie gar nicht gekommen. Sie hatten sich nur ein Zimmer in einem B+B gleich beim Flughafen leisten können. Die Fahrt nach London hinein hätte zu viel gekostet. Im Zimmer in der Pension gab es nur das Doppelbett und ein Regal an der Wand. Oben auf dem Regal standen Holzelefanten in einer langen Reihe. Von einem ganz kleinen zu einem teddybärgroßen. Nadine wollte den kleinen Elefanten anschauen. Die Elefanten waren an das Regal angenagelt oder geklebt. Nadine legte nichts in das Regal. Aber sie hatte auch nur eine große Tasche mit. Nadine war gesagt worden, daß sie im März eine Ausbildungsstelle bekommen könne. Wahrscheinlich. Sie hatte das dem Vladi erzählen wollen. Aber sie würde nur 1.000 Euro verdienen und 90 Stunden Arbeitszeit haben. Für viele Jahre würde das so gehen. Der Vladi fragte sie, was das für ein Leben sein sollte. Aber sie hätten ja beide keine Zeit, ein Geld auszugeben und sie müßten eben ein Leben lang von Pizza und Actimel leben. Der Valdi hatte einen security job als Nachtwächter in einer Lagerhalle. Er war mit videoüberwacht und durfte sich nicht einmal hinsetzen. Ein Kollege war sofort entlassen worden, als auf dem Video der Nacht zu sehen war, daß er sich hingesetzt und seine Beine hochgelegt hatte.

Sie hatten dann fast nur geschlafen. Sie hatten einander in den Armen gehalten und erschöpft geschlafen. Nadine war immer wieder aufgewacht und hatte versucht, sich Vladis Wärme einzuprägen, damit sie sich daran erinnern konnte.

Nadine mußte dann um 6 Uhr am Schalter von Ryan Air angestellt stehen. Vladi bestand darauf, mit ihr dahin zu gehen. Vladi schlief mit 5 anderen Polen in einer Garage. Nadine hatte gewollt, daß der Vladi eine Nacht lang dieser Schlafuntebrechungsfolter entkommen sollte, in der sie alle lebten. Der Vladi war noch schweigsamer geworden und er hatte diese großzügige ruhe verloren, die er am Anfang gehabt hatte. Er sah noch besser aus. Er hatte abgenommen und war noch kantiger und verschlossen. Nadine liebte ihn gleich noch mehr dafür, daß er sie zum Flughafen begleitete. Sie gingen durch die noch dunklen Straßen der Industriegegend rund um den Flughafen. Sie hatten das Zimmer im voraus bezahlen müssen und niemanden mehr gesehen. Das Frühstück hatten sie mitbezahlt, obwohl es erst um 7 Uhr zu haben war. “We are fucked. Totally fucked.” hatte Vladi gesagt und hatte nicht einmal mehr die Hände in einer Geste der Abwehr gehoben.

Nadine liefen dann im Flugzeug die Tränen über die Wangen. Sie saß allein ganz hinten. Da, wo niemand sich hinsetzen wollte. Sie schluchzte nicht, aber die Tränen rannen ihr aus den Augen und sie konnte nichts dagegen tun. In der Tasche vor ihrem Sitz steckte ein Kurier aus Wien. Sie las die Zeitung, um sich abzulenken. Der noch immer Bundeskanzler Schüssel hatte die Koalitionsgespräche abgebrochen. Nadine hatte das Bild eines Reiters vor Augen, der sein Pferd mit seinem Schenkeldruck nicht mehr in jede Richtung zwängen konnte, die er bestimmte und der deshalb beleidigt abgestiegen war und nun sagte, daß das Pferd nichts tauge. “We are fucked. Totally fucked.” dachte Nadine. Sie mußte jetzt beim Weinen auch noch schluchzen. Ihr waren alle Versprechungen gebrochen worden. Es hatte geheißen, daß es ihr gut gehen würde, wenn sie studierte. Sie hatte länger zum Studieren gebraucht, weil sie immer daneben arbeiten hatte müssen. Sie stand deshalb schlechter da, als die, denen die Eltern alles zahlen hatten können. Ihre Eltern hatten gewollt, daß es ihr besser ginge und waren deshalb diese Risiken eingegangen. Aber sie hatte heute nicht einmal die Möglichkeit, eine Familie zu gründen. Nicht, wenn sie verantwortungsvoll sein wollte. Die Ausländergesetze hatten sie den Mann gekostet, den sie liebte. Sie lebte wie in einem von diesem Romanen aus den frühen Zeiten des Kalten Kriegs, in denen Leute über ihre Papiere erpreßbar waren. Sie war in einen bürokratischen Albtraum geraten mit dem Vladi. Obwohl die zur EU gehörten. Sie war gezwungen, sich zwischen Heimat und Liebe zu entscheiden. Und in Österreich. Schüssel war die österreichische Maggie Thatcher, und die wäre mit einem Verhältniswahlrecht auch nie wegzubringen gewesen. Aber im Machtwillen und in der Kälte. Da waren die gleich. Nur in England war das schon vorbei und es war nur noch das Ergebnis zu sehen. In Österreich mußte man dem Abstieg gerade noch zuschauen. Und dem Aufstieg der wenigen, die nicht hinausgevotet worden waren.

Nadine überlegte, wie sie das mit der Wohnung in der Gumpendorferstraße machen sollte. Sie mußte sich bei der Mieterschutzvereinigung erkundigen. Sie wollte noch nicht alles in Wien aufgeben. Aber sie hatte hier keine Chance. Es war sinnlos da. Wenn sie ein Problem erklären wollte, dann sagte man ihr, daß sie nicht jammern solle und daß das Leben eben so sei. Nadine weinte bis zur Landung in Wien.

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